Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Inder, Indianer und Indier

Im Jahre 1808 erschien Friedrich von Schlegels bedeutendes Buch „Ueber die Sprache und Weisheit der Indier“. Von Indiern zu sprechen finden wir kurios und reichlich veraltet, denn im heutigen Sprachgebrauch kennen wir nur Inder. Auf einem anderen Kontinent sprechen wir dagegen, Columbus und seinen Zeitgenossen sei Dank, von Indianern.

Christoph Columbus (ndl. Christoffel Columbus) auf einem Gemälde von Alejo Fernández (Foto: Manuel Rosa, PD)

Im Niederländischen gibt es bis heute regulär den Indiër als Einwohner Indiens. Ein Angehöriger der indigenen Bevölkerung Nordamerikas ist hingegen ein Indiaan (die Frage nach der politischen Korrektheit des Begriffes einmal außen vor).  Bei den Adjektiven steckt der Teufel im Detail: Auf Deutsch kann man indisch und indianisch mithilfe der zusätzlichen Silben einigermaßen auseinanderhalten. Die niederländischen Formen Indiaas (das heutige Indien betreffend) und Indiaans (indianisch) machen es einem schwerer.

Über genau diesen Unterschied stolperte der neu ernannte belgische Staatssekretär Theo Francken (N-VA), der in einem Facebook-Post die „Indiaanse diaspora“ in den USA als vorbildliche Einwanderergruppe darstellte, im Gegensatz zu angeblich ökonomisch unrentablen Marokkanern oder Kongolesen in Belgien. Die Äußerung war zwar schon älter, ist aber in diesem Amt mehr als nur Provokation und schuf entsprechend starke Reaktionen. Der Irrtum in der Bezeichnung war möglicherweise nur ein Tippfehler. Ironisch ist er trotzdem, schließlich sind die Ureinwohner Nordamerikas wirklich die Einzigen, die dort historisch gesehen nicht in der Diaspora sind.

Angesichts solcher Meinungen ist die Eignung Franckens als Staatssekretär für Migration fraglich. Man kann sie aber auch deshalb anzweifeln, weil ihm offenbar im entscheidenden Moment die Konzentration fehlt, um zwischen den Einwohnern verschiedener Kontinente zu unterscheiden. So kann ein geographisches Missverständnis der Seefahrt vor gut 500 Jahren mit ihren sprachlichen Folgen bis heute die Karriere von Politikern erschüttern.

Inzwischen hat Francken sich entschuldigt und damit vorerst seinen Kopf aus der Schlinge gezogen. Die sprachlichen Verwicklungen sind damit aber noch lange nicht sortiert. Als Belgier hätte ihm die Verwechslung zwischen Indiaas und Indiaans gar nicht passieren müssen. Das Niederländische in Belgien kennt nämlich durchaus auch den Ausdruck Indisch als Adjektiv mit Bezug zum heutigen Indien.

Pfefferkörner (Foto: Rainer Zenz, GNU FDL)

In den Niederlanden bezieht sich Indisch normalerweise vornehmlich auf die ehemaligen Kolonialgebiete, also insbesondere auf Niederländisch-Indien, oder als West-Indisch auf die Antillen (für die auch im Englischen weiterhin der Begriff West Indies gebräuchlich ist). Indië umfasste historisch im Grunde den gesamten süd- und südostasiatischen Raum, insbesondere die niederländisch kontrollierten Gebiete. Dort war die Verenigde Oostindische Compagnie unterwegs, um beispielsweise Gewürze wie Pfeffer, Zimt oder Nelken nach Europa zu bringen.

Beim gegenwärtigen Indonesien (ehemals Nederlands-Indië, heute Indonesië) mit dem Adjektiv Indonesisch sind sich Belgier und Niederländer wieder einig. Übersichtliche Ratschläge zu diesem zerklüfteten Wortfeld gibt es bei der Taalunie oder beim flämischen Rundfunk.

Vielleicht hat Francken demnächst Zeit, sich schlau zu machen, falls seine Haltung ihn doch das Amt kostet und die Wähler ihn dorthin schicken, wo der Pfeffer wächst (ndl. iemand naar het peperland zenden).

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Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 22. Oktober 2014 um 10:00 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Asien/Ostindien, Belgien, Karibik, Niederlande, Sprachvariation, Sprachvergleich, Wortschatz abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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