Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Beherzt zugreifen

Leopold II. hatte richtig Lust auf Afrika. Der zweite König der Belgier im 19. Jahrhundert wollte sich, im Gegensatz zu seinem eher skeptischen Vater, am Rennen der europäischen Mächte um die Aufteilung Afrikas beteiligen. Plausibel, könnte man denken – ein Leo gehört doch nach Afrika!

Doch mit dieser etymologischen Spekulation liegt man mehr oder weniger daneben, denn der Name wurde vermutlich erst nachträglich mit Löwen in Verbindung gebracht. Ursprünglich war er wohl ein abgewandelter Luitpold, und damit ein „Tapferer aus dem Volk“. Der Bestandteil Luit- geht zurück auf die Wurzel, aus der wir auch Leute, lieden oder lui kennen. Der zweite Teil –pold kommt uns aus dem englischen bold oder dem niederländischen boud bekannt vor und steht für tapfer oder kühn. Etymologisch sind die belgischen Monarchen nicht übermäßig kreativ, denn dieselbe Wortherkunft hat auch der erste Namensteil von Boudewijn.

Einigermaßen kühn und beherzt hat Leopold II. tatsächlich zugegriffen, als er sich die Rechte über den Kongo in Afrika sicherte. Eine klassische Kolonie war es nicht, denn als sei es ein Waldstück hinter dem Schloss galt der Kongo als privates Besitztum des Königs. Die Formulierung zich van iets meester maken (dt. von etwas Besitz ergreifen, auch im übertragenen Sinne sich etwas zu eigen machen) passt nirgends besser als im kolonialen Zusammenhang. Anders als ein Schlossgarten hatte das Land bereits rechtmäßige Bewohner. Leopold waren die Menschen gerade gut genug, um bei der Ausbeutung des Landes zu helfen, etwa als Kautschukzapfer (nl. rubbertappers). Wer nicht funktionierte, wurde brutal aus dem Weg geräumt. Wie vom Teufel besessen (nl. van de duivel bezeten) ließ Leopold die Ressourcen des Kongobeckens ausschlachten.

Besonders zynisch: Während Leopold II. in die Vollen griff, hackte man in der Kolonie als systematische Strafe Hände ab. (Foto: Alice Harris in „König Leopolds Selbstgespräch“ von Mark Twain, upload: Denis Barthel, PD.)

Mark Twain klagte dies in seinem Pamphlet König Leopolds Selbstgespräch ironisch an. Er legte dem König eine Beschwerde über Amerikaner, Briten und „blabbingblabbing Belgian-born traitor officials“ in den Mund. Schon für die Schöpfung dieser Alliteration gebührt Twain große Anerkennung. Leopold nun empört sich, in der Ich-Form des Selbstgesprächs, diese Missgünstigen würfen ihm Gewalttaten im Kongo vor, „seizing and holding the State as my personal property“ und „claiming and holding its millions of people as my private property, my serfs, my slaves“.

Mark Twain hatte luzide erkannt, was in Afrika vor sich ging. Er wusste aber noch nicht, dass dieses Land unter dem Namen Zaire später erneut in die Hände eines Menschen fallen würden, der es quasi als sein Eigentum ansah. Mit einem Putsch kam nach der Unabhängigkeit bald Mobutu an die Macht. Auf Niederländisch spricht man von einem staatsgreep, was die Geschehnisse bei einem Staatsstreich wieder bestens auf den Punkt bringt. Im Deutschen kennen wir den Ausdruck Machtergreifung, der aber sehr eingeschränkt vor allem für die Errichtung der NS-Diktatur gebraucht wird. Der niederländische Begriff coup für einen Staatsstreich ist für Deutschsprachige nicht völlig unbekannt, klingt aber durch die Nähe zur Wendung einen Coup landen im Sinne von auf spektakuläre Weise Erfolg haben oft zu verharmlosend.

Deutlich jüngeren Datums als die Ereignisse in Afrika ist im niederländischsprachigen Raum der staatsgreep in Suriname, der unter dem Begriff Sergeantencoup in die Geschichte einging. Die zahlreichen ergreifenden (ndl. aangrijpende) Schicksale und die unbegreiflichen (ndl. onbegrijpelijke) Verbrechen der kolonialen, faschistischen und postkolonialen Regime/s (dt. pl. die Regime mit hörbarem Schwa oder die Regimes, ndl. pl. immer regimes) sind jedenfalls noch lange nicht zu Ende erzählt.

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Der Beitrag wurde am Samstag, den 10. Januar 2015 um 09:00 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Afrika, Allgemein, Belgien, Etymologie, Suriname, Wortschatz abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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