Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Trainer auf Rädern

Das Jahr 2018 habe ich zu meinem persönlichen Mottojahr „Habsburg“ erklärt. Im Dienste der Linguistik durfte ich im vergangenen Frühjahr nach Bozen in Südtirol reisen, um an einem Workshop zur historischen Mehrsprachigkeit teilzunehmen. Im August war das Colloquium Neerlandicum in Belgien, kurz darauf die International Conference on Sociolinguistics in Budapest – und zum Abschluss nun in der vergangenen Woche das Treffen der deutschsprachigen Niederlandistik in Wien.

In Ungarn brütete ich längere Zeit über der Frage: Welche sprachlichen Verbindungen gibt es eigentlich zwischen Niederländisch und Ungarisch? Unter den europäischen Sprachen ist das Ungarische ja eine der „exotischeren“. In der Grammatik oder Aussprache wird man wegen der geographischen Distanz wahrscheinlich kaum direkte Kontakte finden. Beim Wortschatz sieht das schon anders aus, aber auch hier sind die Angaben der uitleenwoordenbank relativ bescheiden. 56 Wörter werden aufgelistet, die eine ungarisch-niederländische Geschichte haben. Die allermeisten wurden zwischen den beiden Sprachen über das Deutsche vermittelt. Darunter sind klischeebeladene Begriffe wie edammer, klompen und polder, natürlich auch die Tulpe.

Bei der Tulpe allerdings kann man ein wenig ins Zweifeln geraten. Sie heißt auf Ungarisch tulipán – und ist damit viel näher am persisch-türkischen Ursprungswort, das auch dem niederländischen zugrunde liegt. Dass Tulpen aus den Niederlanden nach Ungarn gehandelt wurden, liegt nahe. Aber Ungarn stand auch sehr lange unter osmanischem Einfluss. Ob tulipán dann ohne Weiteres als Niederlandismus zu sehen ist?

Fiaker in Wien. (R. Roletschek, CC-BY 3.0)

Ein etwas spannenderes Beispiel konnte ich erst in Wien ausfindig machen, weil man davon dort fast überfahren wird: die Kutsche, de koets. Die gibts in den Niederlanden beispielsweise in einer berühmten goldenen Ausführung, die zum Prinsjesdag gebraucht wird. Die Herkunft des Wortes ist derart faszinierend, dass man unbedingt die packende Geschichte lesen sollte, die dazu in der Etymologiebank zu finden ist. Dort erfährt man, was alles mit dem Wort zusammenhängt: Nicht nur ein von Pferden gezogener Wagen gehört dazu, sondern sogar der coach, der im Englischen inzwischen ein Reisebus geworden ist, von dort aber auch als Trainer wieder in Niederländische gekommen ist. Auf Spanisch ist ein coche einfach ein Auto, so dass man für die Kutsche ein Retronym bilden musst, den coche de caballos – auf Deutsch ist uns die Pferdekutsche auch nicht unbekannt, aber die genauere Bestimmung mit Pferd ist im Grunde überflüssig, weil sich die Motorkutsche nicht durchgesetzt hat.

Und woher das alles? Aus Ungarn. Auf die Herstellung von Kutschen hatte man sich im Ort Kocs nordwestlich von Budapest spezialisiert. Den spricht man [kotʃ] aus, und der Weg zu Kutsche und coach ist dann nicht weit. Das Niederländische kam mit dem [tʃ] am Ende nicht zurecht, weil es so schlecht ins Sprachsystem passt. Viel besser funktioniert das [ts], mit dem auch das heute weitaus relevantere Beförderungsmittel endet: de fiets. Aber das Fahrrad ist nicht nur weniger glamourös, auch seine Wortherkunft ist viel weniger transparent und farbenfroh.

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Der Beitrag wurde am Dienstag, den 9. Oktober 2018 um 12:03 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Etymologie, Sprachvergleich, Wortschatz abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

Eine Reaktion zu “Trainer auf Rädern”

  1. Henk smout

    Onweerstaanbaar moet ik hier denken aan de vele malen snel achter elkaar te spreken tongbreker „der Cottbuser Postkutscher putzt den Cottbuser Postkutschkasten“.

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