„Papierflieger flogen durch den Raum und schließlich auch Flaschen …“

Ein Beitrag von Alice D.

Die folgende Situation ereignete sich am dritten Tag meines Beobachtungspraktikums an einer Montessori-Grundschule in einer Jül-Klasse der Jahrgangsstufe B (3/4), in einer fünften Stunde. Ebenjene Stunde hatte in den vorangegangenen Wochen des bisherigen Schuljahrs auf Grund einer unbesetzten Stelle noch nicht stattgefunden. Allerdings wurde an diesem Tag die Unterrichtseinheit zuerst angekündigt, bis wiederum in der zweiten Frühstückspause doch von einer Vertretung berichtet wurde. Zu besagtem Stundenbeginn tauchte dann weder die angekündigte Lehrkraft, noch die Vertretungslehrer*in oder anderes pädagogisches Personal auf; auch nach mehrmaligem Nachfragen im Sekretariat blieb ich als Praktikantin mit der Klasse allein. Nach der ganzen ungeduldigen Warterei und großen Unruhe schien dabei die Situation im Klassenzimmer langsam außer Kontrolle zu geraten: es herrschte ein unglaublicher Lärmpegel, alle Kinder rannten im Raum umher, Papierflieger flogen durch die Luft, und schließlich auch Flaschen.

Hatte ich bis zu diesem Moment nur passiv das Geschehen beobachtet und auf das Eintreffen einer Lehrkraft gehofft, so griff ich jetzt ein: „Es werden hier keine Flaschen geschmissen!“, sagte ich mit lauter Stimme. Alle Augen ruhten plötzlich auf mir, die sich bis jetzt noch nicht am Unterrichtsgeschehen beteiligt hatte. Mir war bewusst, dass ich nun reagieren musste, um ein Gegengewicht darzustellen und so Schlimmeres zu verhindern. Den Klassenverband fragte ich also: „Wer von euch kann denn alles solche Papierflieger basteln?“, woraufhin sich gerade mal ein Drittel der Klasse meldete. Unter ihnen war auch Ömer (Name geändert), der älteste und dominanteste Junge des Verbands. Er hatte mit dem Werfen der Flaschen angefangen. „Kannst du mir zeigen, wie man so einen Papierflieger faltet?“, fragte ich ihn also. „Natürlich“, erwiderte er. Daraufhin schlug ich ihm vor, das ganz vorne vorzuführen, sodass auch alle anderen Schülerinnen und Schüler es sehen und nachmachen könnten. Tatsächlich stürzte sich Ömer voller Elan in seine Aufgabe und erklärte vor der Tafel sehr geduldig seine Bauanleitung. Die anderen Schüler*innen schauten gespannt zu, was ihr Mitschüler erklärte und fingen an, ihn nachzuahmen. Ömer bot den jüngeren Kindern seine Hilfe beim genauen Falten an, was laut ihm „ausschlaggebend für einen guten Papierflieger“ sei. Danach zeigte er der Klasse, wie man den Flieger bemalen musste, um ihn zu einer echten „Turkish Airline“ zu machen. Die Stunde endete in einem Papierflieger-Weitflug-Wettbewerb mit ziemlich fairen Teilnehmern, einem sehr stolzen Ömer und einer wirklich erleichterten Praktikantin.

Meine Einsichten

Im hektischen Schulalltag und dem riesigen organisatorischen Aufwand können hin und wieder ungeplante Leerläufe entstehen: eine Grundschulklasse ohne Betreuung verfällt dabei jedoch schnell in Anarchie. Hierbei fällt es energiegeladenen Schüler*innen wie Ömer oftmals schwer, die Grenzen der Mitschüler*innen oder aber die allgemeingültigen Klassenregeln zu respektieren. Da er mitunter der lauteste und älteste Schüler der Klasse ist, finden seine Aktionen oftmals Nachahmer. Dieses Prinzip kann man sich als Lehrkraft zu Nutzen machen, indem man ebenjenem/r Gruppenanführer/in Verantwortung überträgt, die er auch bereit ist, zu übernehmen. Das Vertrauen in deren Können und Verantwortungsbewusstsein bestärkt sie, positiv am Klassengeschehen teilzunehmen, was wiederum die restliche Klasse animiert, selbiges zu tun.

Meine Folgerungen

Nach diesem Erlebnis ist mir bewusst, wie wichtig es für die Lehrkraft ist, ihre Schüler*innen und deren Positionierung in der Peer-Group zu kennen. Außerdem habe ich erkannt, dass das Sanktionieren von unerwünschtem Verhalten nicht immer zielführend sein muss, sondern stattdessen im Bestärken von erwünschtem Verhalten ein Mehrwert liegen kann. Dabei ausschlaggebend sind das Vertrauen in das Verantwortungsgefühl und Leistungsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler. Gleichzeitig stärken solche Situationen nicht nur das Gefühl der Selbstwirksamkeit der Lehrkraft, sondern auch das der Schülerschaft.

Meine Anschlussfragen

  • Wie kann es möglich gemacht werden, einen reibungslosen Unterrichtsalltag mit permanenter Betreuung zu gewährleisten (z.B. durch Digitalisierung der Vertretungspläne,…)?
  • Sollten Klassen per Team-/Co-Teaching beschult werden, um Ausfällen vorzubeugen?
  • Inwiefern beeinflussen Bestärkungen oder Sanktionen die zukünftige Leistungsbereitschaft der betroffenen Schüler*innen?
  • Wie können hierarchische Strukturen innerhalb des Klassenverbands aufgebrochen werden?
  • Wie können die individuellen Interessen und speziellen Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern in den Unterrichtsalltag eingebaut werden, und wie sinnvoll ist das überhaupt?

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