Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Neue Farben, neue Fragen in Suriname

Lange Zeit war Suriname von Violett dominiert: Die Nationale Democratische Partij des langjährigen Präsidenten Desi Bouterse nutzt diese Farbe als Markenzeichen. Mit den Wahlen im vergangenen Mai änderte sich das. Die bisherige Opposition gewann die Mehrheit und bildete eine Koalition, die von der Vooruitstrevende Hervormingspartij (orange) und der Algemene Bevrijdings- en Ontwikkelingspartij (gelb) getragen wird. Es gelang tatsächlich ein Machtwechsel, neuer Präsident ist Chan Santokhi. Was das letztendlich für die Verfahren gegen Desi Bouterse wegen dessen Verantwortung für die Dezembermorde bedeutet, muss sich noch zeigen.

Santokhis Partei ist aus sprachlicher Sicht deshalb interessant, weil sie ursprünglich vor allem die Vertretung der hindustanischen Community im Land war und zunächst entsprechend den Namen Verenigde Hindostaanse Partij trug. Den expliziten Verweis auf die ethnische Verwurzelung legte man in den 1960er Jahren ab. Er blieb in der Benennung aber implizit erhalten, indem man zu einer Kombination aus Sarnami Hindi und Englisch griff: Vatan Hitkari Party, übersetzt: Partei zur Förderung des nationalen Wohlstands. In den 1970er Jahren kehrte man zurück zum Niederländischen mit dem heutigen Namen. Geschickt wählte die Partei stets ihre Bezeichnungen so, dass das Kürzel VHP erhalten blieb.

Chan Santokhi (Nationaal Informatie Instituut, CC-BY-3.0)

Santokhi selbst heißt übrigens mit vollem Vornamen Chandrikapersad, tritt aber in der Öffentlichkeit zumeist mit dem Kurznamen in Erscheinung. Sein Nachname wird [sanˈtɔki] ausgesprochen, mit stimmlosem S am Anfang und einem K in der Mitte. Der Digraph <kh> steht also nicht für [x], anders als man es vielleicht aus englischen Schreibungen wie in Kazakhstan kennt.

Die neue Regierung steht nun vor der gewaltigen Herausforderung, die Corona-Pandemie im Land einzudämmen, die sich sei Juli dramatisch entwickelt. Zum dritten Mal in Folge gilt an diesem Wochenende von Freitagabend bis Sonntagfrüh ein vollständiger Lockdown mit Ausgangssperre. Die Maßnahme wurde kürzlich in einer Pressekonferenz angekündigt; sie soll die Virusübertragung vor allem im privaten Bereich bremsen. Die Entscheidung wurde dreisprachig verkündet: auf Niederländisch, dazu ein Gebärdensprachendolmetscher im Fernsehen und zuletzt eine Zusammenfassung auf Sranan. Die Zusammenfassung ist selbst (soweit in der TV-Übertragung zu sehen) ebenfalls stark mit niederländischen Lehnwörtern durchsetzt. Tages- und Monatsbezeichnungen, Zahlen, aber auch Verben wie plaatsvinden, Präpositionen wie tussen oder Substantive wie toestemming kommen innerhalb weniger Sätze vor. Das ist nicht weiter überraschend, denn es entspricht den sprachlichen Gewohnheiten und tritt erst recht in Kontexten mit administrativen Gesprächsthemen auf, da das Niederländische schließlich die Sprache der Behörden ist. Trotzdem stellt sich die Frage: Wenn Sranan zusätzlich angeboten wird, vermutlich für das Publikum, das kein oder wenig Niederländisch beherrscht, wie viel Entlehnung ist dann möglich? Selbstverständlich sind zahlreiche niederländische Wörter und Begriffe so sehr ins Sranan eingegangen, dass sie auch von Menschen benutzt und verstanden werden, die eigentlich keine umfassenden Sprachkenntnisse des Niederländischen haben. Ähnlich kennen wir es im Deutschen mit zahllosen Anglizismen, die im Sprachgebrauch von Personen vorkommen, die nie Englisch gelernt haben.

Hindu-Tempel in Suriname (PK)

Welche Rolle die Sprachen des Landes mit der neuen Regierung künftig spielen, wird spannend zu beobachten sein. Wie entwickelt sich die Debatte um eine mögliche Anerkennung des Sranan als nationale Lingua Franca, und ändert sich womöglich auch etwas am Sprachgebrauch in der politischen Kommunikation? Lässt die Regierung den anderen Sprachen des Landes mehr Unterstützung zukommen, etwa auch den kleinen indigenen Sprachgruppen? Der Koalitionspartner ABOP ist seinerseits stark bei den Maroon-Gemeinschaften stark verwurzelt, in denen weitere Kreolsprachen gesprochen werden. Und sie arbeitet zusammen mit der kleineren Partei Pertjajah Luhur, die sich als Vertretung der javanischen Community sieht (dt. ‚voll Vertrauen‘). Nicht zuletzt könnte natürlich auch die VHP dem Sarnami Hindi zu mehr Reputation verhelfen – während sie allerdings momentan darauf achtet, nicht zu sehr als monoethnische Interessenspartei wahrgenommen zu werden.
Zumindest einen wichtigen symbolischen Schritt ging der neue Präsident jedenfalls, der im Zusammenspiel von Sprache, Religion und kultureller Zugehörigkeit viel Bedeutung hat: Den Amtseid sprach er auf Niederländisch mit Veden in Sankrit.

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Der Beitrag wurde am Samstag, den 5. September 2020 um 12:00 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Aussprache, Suriname abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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