4 von 5: Was bedeutet Open Science für das künftige Geschäftsmodell von Bibliotheken?

Die Aufzeichnung der Veranstaltung ist über das TIB AV Portal verfügbar.

Von Sebastian Nix

Bericht zur Veranstaltung #4 in der Reihe: Quo vadis offene Wissenschaft? Eine virtuelle Open Access Woche für Berlin-Brandenburg.

Nachdem die ersten drei Veranstaltungen der virtuellen Open Access Woche Berlin Brandenburg den Fokus zunächst auf das Für und Wider gewinnorientierter Modelle von Open Access gerichtet hatten, außerdem auf die konkreten Folgen der DEAL-Verträge für Bibliotheken und auf die Frage, inwiefern Wissenschaftseinrichtungen verlegerische Aufgaben übernehmen können und sollten, nahm die vierte Veranstaltung am 17.02.2022 die – weitreichende – Frage in den Blick, wie die Inkorporierung von Praktiken „offener Wissenschaft“ das Geschäftsmodell von Bibliotheken inklusive ihres eigenen, transparent zu haltenden Betriebs jetzt und in Zukunft beeinflusst. Dies wurde im Rahmen von Kurzvorträgen ganz konkret dargestellt aus der Perspektive drei sehr unterschiedlicher wissenschaftlicher Bibliotheken:

  • der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, vertreten durch ihren Direktor, Professor Dr. Klaus Tochtermann,
  • des Bereichs „Wissenschaftliche Information“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), repräsentiert durch den Bereichsleiter Mathis Fräßdorf, Ph.D., sowie 
  • der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (SBB-PK), für die Reinhard Altenhöner, Ständiger Vertreter des Generaldirektors, einen Beitrag beisteuerte.

Die Moderation der mit bis zu rund 270 Teilnehmer*innen erneut sehr gut besuchten Veranstaltung lag in den Händen von Professor Dr. Ellen Euler (Fachhochschule Potsdam).

Den Auftakt machte Klaus Tochtermann (Präsentation Klaus Tochtermann). Er führte zunächst aus, dass es keine einheitliche Definition von „Open Science“ gebe. Den verschiedenen Definitionsansätzen sei jedoch gemeinsam, dass Open Science abziele auf möglichst große Transparenz und Glaubwürdigkeit der wissenschaftlichen Arbeit, was letztlich auch einer Verbesserung der Qualität des Forschungsprozesses diene. Für sein Haus stellte Tochtermann verschiedene Serviceangebote vor, die sämtlich dazu beitragen sollen, die von der ZBW hauptsächlich angesprochene Zielgruppe der Forschenden und Studierenden in den Wirtschaftswissenschaften mit Prinzipien und Werkzeugen von Open Science vertraut zu machen und sie bei der Umsetzung von Open Science im gesamten Forschungsprozess zu unterstützen. Das Spektrum reicht hier vom Betrieb eines Repositoriums für wirtschaftswissenschaftliche Open-Access-Publikationen über Online-Informationsplattformen bis hin zu Veranstaltungen wie der jährlichen „Open Science Conference“, die die ZBW in einem Netzwerk zahlreicher Partner ausrichtet. In diesem Zusammenhang betonte Tochtermann, wie wichtig der Dialog und die Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern aus Wissenschaften und Informationsinfrastruktur seien, um bedarfsgerechte Serviceangebote zu entwickeln. Zudem betreibe die ZBW selbst informationswissenschaftliche Forschung und bedenke dabei stets auch Open Science aus verschiedenen Blickwinkeln mit.  Die Herausforderung bestehe hier darin, die eigenen, informationswissenschaftlich fundierten Erkenntnisse einfließen zu lassen in ein Serviceangebot, das auf die disziplinäre Praxis einer ganz anderen, sehr spezifischen Fachcommunity zugeschnitten sein müsse. Auf diese Herausforderung hat die ZBW mit der Gründung einer eigenen Abteilung „Open-Science-Transfer“ reagiert. Der Referent betonte auch, dass die Entwicklung neuer ebenso wie die Verstetigung projektbasiert entwickelter Services angesichts stets begrenzter Ressourcen eine permanente Aufgabe sei. Die ZBW nutzt hier ein dezidiertes Servicekonzept zur kriterienbasierten Evaluation ihres Portfolios. Ein Eckpunktepapier „Offenheit als Handlungsfeld für die ZBW“ mit sechs konkreten Themenfeldern und konkret formulierten Zielen soll dazu beitragen, verschiedene Facetten von Open Science, z.B. Open Access oder Open Data, systematisch im Serviceangebot der ZBW zu verankern. Zugleich müssten die Mitarbeitenden bei der Umstrukturierung von Services – dies beinhalte auch die Einstellung von Angeboten, die heute nicht mehr dieselbe Bedeutung wie zu ihrer Entstehungszeit hätten – mitgenommen werden; dabei gelte es auch Überzeugungsarbeit zu leisten und Widerstände zu überwinden. Hilfreich dabei seien auch externe Impulse, wie sie bei Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft, zu denen auch die ZBW gehört, beispielsweise durch regelmäßige externe Evaluationen gegeben sind. Eine besondere Bedeutung kommt hier auch der kontinuierlichen, vor allem fachlichen Weiterqualifikation zu, wobei an der ZBW eine stark wachsende Bedeutung kompakter Formate zu beobachten ist, die sich – anders als z.B. mehrtägige Schulungen – gut in den Arbeitsalltag integrieren ließen. Aber auch eine inhaltlich andere Profilierung freiwerdender Stellen sah Tochtermann als weitere Möglichkeit, mit begrenzten Personalressourcen Serviceveränderungen umzusetzen. Neue Tools wie Jira helfen zudem dabei, sich stetig ändernde Geschäftsprozesse im Blick zu behalten und zu dokumentieren.

Screenshot des Beitrags von Klaus Tochtermann: Ressourcen und neue Services im Erwerbungsetat der ZBW

Mathis Fräßdorf (Präsentation Mathis Fräßdorf) nahm dann die Perspektive einer vor allem auf eine hausinterne Klientel fokussierten Informationsinfrastruktureinrichtung ein; im Fall des WZB sind dies vor allem Ökonom*innen, Sozialwissenschaftler*innen und Rechtswissenschaftler*innen. Fräßdorf wies zunächst auf die überwiegende öffentliche Finanzierung des WZB hin; schon diese sei ein gewichtiger Grund dafür, aus öffentlichen Mitteln finanzierte Forschungsergebnisse der interessierten (Fach-)Öffentlichkeit zur weiteren Nutzung zur Verfügung zu stellen. Die Schwerpunkte am WZB liegen hier infrastrukturseitig vor allem in den Bereichen Open Access und Open Data. Für die Wahrnehmung entsprechender Aufgaben stehen am WZB ca. 2,5 Vollzeitäquivalente (ca. 16% aller Stellenanteile im Bereich „Wissenschaftliche Information) zur Verfügung, verteilt auf insgesamt sechs Personen. Eindrucksvoll konnte der Referent anhand konkreter Zahlen belegen, dass die zentral erbrachten Services rund um Open Science von den Forschenden Hauses sehr gut angenommen werden. In diesem Zusammenhang unterstrich er, dass die Bereitstellung zentraler Fachkompetenz letztlich eine Ressourcenersparnis an anderer Stelle bedeute: So müssten sich Forschende nicht selbst Spezialwissen z.B. zu Open-Access-Publikationsmodellen oder der FAIR-kompatiblen Dokumentation und Bereitstellung von Forschungsdaten aneignen. Fräßdorf ging aber auch darauf ein, dass die Entwicklung von neuen Services sich vollziehe in einem von wachsender Unsicherheit gekennzeichneten Kontext. So sei es beispielsweise eine Herausforderung, mit einem konstanten Erwerbungsbudget wachsende, aber nur begrenzt gut prognostizierbare Ausgaben für Open-Access-Publikationen zu bestreiten. Auch sei mitunter schwer einzuschätzen, wie nachhaltig der oft langwierige Aufbau hochspezialisierter Kompetenzen bei Mitarbeitenden in einem dynamischen Umfeld nutzbar sei. In einem eher kleinen Team stelle auch die Sicherung institutionsspezifischen Knowhows unabhängig von einzelnen „Wissensträger*innen“ eine Herausforderung dar. In diesem Zusammenhang betonte Fräßdorf, wie wichtig es sei, Dienstleistungen in Kooperation mit Partnern zu erbringen, die beispielsweise auf hohem professionellen Niveau Infrastrukturen für die Veröffentlichung frei zugänglicher wissenschaftlicher Publikationen und Daten betreiben.

Screenshot des Beitrags von Mathis Fräßdorf: Entwicklung der Open-Access-Leistungen am WZB

Reinhard Altenhöner (Präsentation Reinhard Altenöner) schließlich näherte sich dem Thema der Veranstaltung aus dem Blickwinkel einer der größten wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands an.  Die SBB-PK ist integraler Bestandteil der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die jüngst Open-Science-Leitlinien verabschiedet hat, um im Verbund der Stiftungseinrichtungen Open-Science-Praktiken in verschiedener Weise zu stärken. Die SBB-PK setzt mittlerweile einen inhaltlichen Schwerpunkt in den Kultur- und Geistwissenschaften und bedient damit, in dieser Hinsicht ähnlich wie die ZBW, eine heterogene Klientel von Forschenden und Studierenden verschiedenster Disziplinen im In- und Ausland. Darin liegt auch eine Herausforderung, wenn es darum geht, Bibliotheksdienstleistungen bedarfsgerecht zuzuschneiden auf konkrete Bedarfe einer – mangels einer direkten „institutionellen Verbindung“ zwischen der Bibliothek und ihren Nutzer*innen wie z.B. am WZB – immer ein Stückweit auch „diffusen“ und „ephemeren“ Klientel. Auch Altenhöner stellte diverse Serviceangebote seines Hauses mit Open-Science-Bezug vor. Eine wichtige Stoßrichtung ist dabei eine freie Bereitstellung von Inhalten, z.B. Digitalisaten, über offene, gut dokumentierte Schnittstellen. Ziel sei es, über die Distribution frei zugänglicher, interoperabler Informationsressourcen zu einer Vernetzung von und Interaktion mit den Nutzer*innen dieser Inhalte beizutragen. Angesichts der Tatsache, dass Personalkosten den weitaus größten Teil des Budgets der SBB-PK ausmachen, betonte Altenhöner, dass die Umsetzung von Open Science eng gekoppelt sei an die Verankerung eines entsprechenden „Mindsets“ bei den Mitarbeitenden und in möglichst allen Geschäftsgängen. Dabei benannte er eine verstärkte Ausrichtung von Personalentwicklungs- und -gewinnungsmaßnahmen als wichtigen Erfolgsfaktor. Zugleich prognostizierte er, dass künftig verstärkt eine Umwidmung von Stellen zugunsten hoch vergüteter, wissenschaftlicher Stellen stattfinden werde. Weiterhin warnte er davor zu erwarten, dass eine perspektivisch weitreichende Verfügbarkeit von wissenschaftlichen Informationsressourcen im Open Access quasi automatisch zu einer Kostensenkung und damit zur Freisetzung von durch bislang für den Bestandsaufbau gebundenen Mitteln für andere Services führe: „Es wird nicht billiger!“

Screenshot des Beitrags von Reihard Altenhöner: Auswirkungen von Open Science auf die strategische Weiterentwicklung

Fazit und Diskussion

Sowohl die Beiträge der drei Referenten als auch die Fragen aus dem Publikum machten deutlich, dass ein Aufgreifen von Open-Science-Ansätzen durch Bibliotheken Chancen für eine zukunftsfähige Weiterentwicklung bedarfsorientierter Services bietet und auch bereits in der Praxis gelebt wird. Folgende Aspekte wurden dabei besonders deutlich:

  • Die Umsetzung von Open Science durch Infrastruktureinrichtungen erfordert mehr denn je auch seitens der Infrastruktureinrichtungen ein vertieftes Verständnis für die disziplinären Kulturen und die disziplinspezifischen Besonderheiten jeweils des gesamten Forschungsprozesses.
  • Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, die Mitarbeitenden durch einen transparenten Entscheidungsfindungsprozessbei der Weiterentwicklung entsprechender Serviceportfolios  „mitzunehmen“. Dies schließt angesichts nur begrenzt verfügbarer Personal- und Sachressourcen auch die kritische Reflexion über den Fortbestand vorhandener Services ein. Wichtig dabei sind klare strategische Zielsetzungen unter Einbeziehung der Nutzer*innen-Perspektive und im Idealfall auf Basis einer kriterienbasierten, iterativen Bewertung von Services.
  • Systematische Personalentwicklungsmaßnahmen sind neben der inhaltlichen Transformation des Stellentableaus im Zusammenhang mit Personalfluktuation ein wichtiges Instrument, um Mitarbeitende zur Erbringung wissenschaftsnaher Open-Science-Services zu befähigen. Hilfreich können hier zeitlich kompakte, gut in den Arbeitsalltag integrierbare Fortbildungsangebote sein.
  • Es gilt, sorgfältig abzuwägen, welche Services „inhouse“ entwickelt und gepflegt werden und in welchen Fällen eine Kooperation mit Dritten unter Ressourcengesichtspunkten die bessere Option sein kann.
  • Angesichts der Dynamik der Digitalisierung im Wissenschaftsbereich wir die künftige Entwicklung forschungsunterstützender Services, gerade im Bereich „Open Science“, stärker als in der Vergangenheit geprägt sein von Unsicherheit. Dies setzt bei allen Beteiligten eine kontinuierliche Bereitschaft zur Veränderung und zum Hinterfragen von bestehenden Praktiken voraus.

Unter anderem anknüpfend an diese Erkenntnisse wird die nächste und vorerst letzte Veranstaltung im Rahmen der virtuellen Open Access Woche unter dem Titel „Mit Volldampf voraus in Richtung ‚Openness‘: Kompetenzen und Infrastrukturen mit Perspektiven“ im Rahmen einer Podiumsdiskussion die Frage in den Blick nehmen, wie es im Zusammenspiel der verschiedenen Akteure aus Wissenschaf(spolitik), Ausbildungs- und Infrastruktureinrichtungen gelingen kann, den Wandel hin zu Open Science aktiv zu gestalten. Sie sind herzlich eingeladen, sich am 25. März 2022, 14:00 bis 15:30 Uhr, sich an dieser Diskussion zu beteiligen.

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