„Als die Lehrerin das Thema an die Tafel schreibt, lachen bereits die ersten Schülerinnen und Schüler.“

Ein Beitrag von Johanna Schmiech

Wir befinden uns in einer 10. Klasse, die Schülerinnen und Schüler (SuS) dieser Klasse werden als Sprachlerner bezeichnet und können alle mindestens in den Grundzügen deutsch sprechen. Das Thema der heutigen Biologiestunde ist Fortpflanzung und Entwicklung. Als die Lehrerin das Thema an die Tafel schreibt, lachen bereits die ersten SuS.
Das Thema Fortpflanzung sorgt wohl allgemein für peinliche Berührtheit. Die Lehrerin beginnt langsam und deutlich, sie bittet die SuS, die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane bei Menschen aufzuzählen. Nach anfänglichem Kichern und Schweigen trauen sich doch nach und nach einige SuS, einen Beitrag zu machen. Ein Schüler trägt die männlichen Eier bei. Die Lehrerin fragt mehrmals nach, ob sich die SuS sicher sind, dass Männer Eier besäßen. Die Jungs der Klasse nicken bestimmt oder johlen zustimmend. Dass der Ort der Produktion männlicher Keimzellen tatsächlich als Hoden bezeichnet wird und eigentlich die Frauen die eitragenden sind, ist den meisten vermutlich in ihrer Muttersprache klar, aber sie kennen solche Wörter im Deutschen nicht.
Später in der Stunde kommt die Frage auf, welche Funktion eigentlich die Vagina einer Frau hat. Eine Schülerin trägt als Antwort bei, dass die Vagina zur Geburt benötigt werde. Daraufhin ruft ein Mitschüler rein: „Unsinn, dafür braucht man die nicht, man kann doch einfach einen Kaiserschnitt machen.“
Am Ende der Stunde fragt die Lehrerin das Gelernte ab und betont, dass der Stoff dieser Stunde nur der Wiederholung diene und Grundlage für das Kommende sei. Eigentlich müsste jeder der SuS diese Inhalte schon in vorherigen Klassenstufen gehabt haben. Sie fragt die Klasse der Reihe nach ab, von einigem Gelächter begleitet kommen die Antworten. In der ersten Reihe sitzen drei muslimische Mädchen nebeneinander. Schon während der vergangenen Stunde haben sie sich nicht einmal im Unterricht gemeldet und auch jetzt bei der direkten Befragung geben sie entweder keine Antwort oder sagen, dass sie die Antwort nicht kennen.

Meine Einsichten

Innerhalb dieser Doppelstunde Biologie sind mir mehrere Dinge aufgefallen, mit denen ich in meiner eigenen Schullaufbahn nicht wirklich konfrontiert war. Während des Aufklärungsunterrichtes in der Schule wird allgemein viel gelacht und versucht, herunterzuspielen, wie peinlich einem das Thema ist. Im Laufe einer Stunde lösten sich die anfänglichen Beklemmungen, über dieses Thema zu sprechen tendenziell jedoch auf, da man merkte, dass die Mitschüler auch darüber sprechen können. Letztendlich ist es ein wichtiges Thema, dass uns alle betrifft und welches man nicht herunterspielen sollte, da Unwissenheit in diesem Fall niemals schützt.
Das erste und auch grundsätzlich aufgetretene Problem ist die Sprachbarriere. Der Unterricht kann nicht mit einer normalen Geschwindigkeit ablaufen. Der Lehrer muss darauf achten, laut, deutlich und in einem angemessenen Tempo zu sprechen. Es gibt viele Nachfragen wegen der Schreibweise und etwas weniger umgangssprachliche Wörter sind nicht bekannt und müssen in ihrer Bedeutung geklärt werden. Hierdurch ist mir nochmals bewusst geworden, wie wichtig die grundlegende Ausbildung in der Unterrichtssprache ist, wie sorgfältig man als Lehrkraft auf seine Sprache achten muss, weil man gegenüber Sprachlernern die Verantwortung trägt, ein sprachliches Vorbild darzustellen. Schön zu sehen war, dass sich untereinander sehr viel geholfen wurde, wenn es um das Finden von Wörtern und um Verständnisfragen ging, allgemein wurden Sprachfehler mit sehr viel Humor genommen.
Eine weitere Erkenntnis war ein teilweise vollständiges Fehlen an Aufklärung. Die Mädchen der Klasse waren alle mindestens 15 Jahre alt oder älter und konnten trotzdem Fragen wie „Was passiert während der Menstruationsblutung?“, „Wo nistet sich eine befruchtete Eizelle im Körper einer Frau ein?“ oder „Wie kann man eine Schwangerschaft verhindern?“ nicht beantworten. Auch die Lehrerin war überrascht, wie wenig in der Klasse über den weiblichen Körper gewusst wurde und wie besonders die Mädchen mit dieser Unwissenheit umgingen.
Das hat mir nochmal verdeutlicht, wie wichtig es ist, offen über solche Themen zu sprechen, der Unterricht ist eine gute Möglichkeit, um jegliche Themen sachlich zu erörtern, junge Menschen über ihren Körper aufzuklären, ihre Verantwortung gegenüber ihrem Körper oder dem ihres Partners zu stärken und die Themen Sexualität und Fortpflanzung aus ihrer Tabuisierung zu holen, da nur ein aufgeklärter Umgang mit diesen Themen ungewollten Schwangerschaften und Infektionen vorbeugen kann.
Scham spielte wohl auch eine große Rolle in dieser Stunde. Die drei muslimischen Mädchen schwiegen und schauten zu Boden, weil ihnen das Thema unangenehm war. Ihr „Ich weiß es nicht“ klang eher, als würden sie die Worte nicht in den Mund nehmen wollen. Dieser Eindruck hat sich noch verstärkt durch Zurufe einiger Jungs aus der Klasse, dass „Sie nur so tun würden, als wüssten sie die Antwort nicht.“
Hier sieht man, wie unterschiedlich das Thema in unterschiedlichen Kulturen behandelt wird. Manche sind sehr offen mit Sexualität und andere wiederrum mögen Wörter dieser Art nicht einmal in den Mund nehmen. Ich denke, dass die Schule ein guter Ort ist, um über solche Themen zu sprechen, so kommen SuS um ein gesundes Maß an Aufklärung nicht herum, auch wenn sie sich vielleicht im Unterricht nicht beteiligen mögen, so bekommen sie die Informationen trotzdem und das halte ich für eine gute Sache.
Das Handeln der Lehrerin war meiner Meinung nach der Situation sehr angemessen. Sie ist auf alle Fragen der SuS sachlich und ernsthaft eingegangen und hat den Ernst des Themas trotz des Gelächters in der Klasse nie aus den Augen verloren. Der abwehrenden Haltung der drei muslimischen Mädchen gegenüber, hat sich die Lehrerin klar positioniert und betont, wie wenig sinnvoll es ist, sich diesem Thema zu verschließen. Sie hat versucht zu verdeutlichen, dass es nur gut ist, wenn man sich mit seinem Körper auskennt, da einen sonst manche Ereignisse ganz schön unerwartet treffen können.

Meine Folgerungen und Anschlussfragen

Aus dieser Unterrichtsstunde nehme ich für mich mit, wie wichtig ein sachlicher, offener Umgang mit dem Thema Sexualität ist. Man darf SchülerInnen gar nicht erst zu dem Schluss kommen lassen, dass dies ein Thema ist, über das man sich lieber in Schweigen hüllt oder über das man lacht, um das Unwohlsein zu überspielen. Dazu ist eine besonders frühe „Gewöhnung“ an dieses Thema wichtig. Auch das zu benutzende Vokabular sollte vorhanden sein, besonders bei Sprachlernern war ein starker „Straßenjargon“ auffällig. Dem müsste man entgegenwirken, um dem Thema eine gewisse Ernsthaftigkeit zu geben.
In den kulturellen Unterschieden bei der Aufklärung sehe ich die am schwersten zu überwindende Hürde. Wenn es schon vorgekommen ist, dass ein Vater in die Schule kommt, um der Lehrerin zu erklären, dass er nicht möchte, dass seine Tochter am Aufklärungsunterricht teilnimmt, weil diese Aufgabe dem zukünftigen Ehemann in der Hochzeitsnacht zugedacht ist, so sieht diese Hürde doch relativ hoch aus. Wenn es schon im Elternhaus anfängt, dass dieses Thema nicht angesprochen wird, wie sollen sich dann die Kinder, wenn sie das Thema in der Schule hören, frei fühlen, interessiert am Unterricht teilzunehmen, wenn sie damit wider ihre Erziehung handeln?
Als zukünftige Lehrkraft lohnt es sich vermutlich, sich jetzt schon einmal Gedanken zu machen, wie man in so einer Situation reagieren würde und welche Argumente vielleicht zu einem Umdenken führen könnten.
Eine Erkenntnis, die ich in einer späteren Biologiestunde hatte, war, dass ich in meinem jungen Alter durchaus ein bisschen mit den muslimischen Mädchen über diese Themen hätte sprechen können, als keine Jungen dabei war. Vielleicht ist es der große Altersunterschied zwischen ihnen und der Lehrerin in Kombination mit der Anwesenheit der Jungen in der Klasse, der dafür sorgte, dass sie lieber nichts beitragen wollten. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, betroffene Klassen in den entsprechenden Stunden aufzuteilen, sodass die Mädchen einen Raum hätten, in denen sie etwas ungehemmter am Unterricht teilhaben können. Dauerhaft kann ich eine Geschlechtertrennung bei einem solchen Thema aber auch nicht gutheißen, da auch der Umgang zwischen den Geschlechtern geschult werden muss.
Alles in allem auf jeden Fall kein leicht zu lösendes Problem, über das man sich gut im Voraus schon einige Gedanken machen kann.

2 Gedanken zu „„Als die Lehrerin das Thema an die Tafel schreibt, lachen bereits die ersten Schülerinnen und Schüler.““

  1. Hallo liebe Johanna,

    ich weiß noch, dass die Unterrichtseinheiten zu diesem Thema auch bei mir von viel tuscheln, lachen und Scham begleitet war. Im Nachhinein natürlich völlig unnötig sich über dieses Thema lustig zu machen, aber ich denke das liegt an dem Alter. Natürlich ist es besonders wichtig Fortpflanzung, Krankheiten, Geschlechtsorgane etc. im Unterricht zu besprechen, aber ich denke auch dass es wichtig ist es für die SuS möglichst angenehm zu gestalten, so dass sie auch gerne zuhören und lernen.
    Zu den drei muslimischen Mädchen, ich finde es durchaus wichtig, dass eine gewisse Aufklärung gegeben ist. Allerdings empfinde ich es als äußerst problematisch und schwierig dabei gleichzeitig deren Kultur und deren Werte und Traditionen zu respektieren und zu akzeptieren. Natürlich wäre es schön, wenn sie sich dem Thema öffnen würden, aber ich finde es nicht gut, dass die Lehrkraft sagt es würde keinen Sinn machen sich dem Thema zu verschließen. Ja es stimmt, dass es wichtig ist, dass das Thema besprochen wird, aber wenn deren Kultur was anderes vorsieht, dann muss man da anders heran gehen und schauen ob man einen anderen Rahmen schaffen kann, was es den Mädchen erleichtert über dieses Thema zu sprechen oder es wird vorher mit den Eltern gesprochen, wie man diese Situation lösen kann. Das die Lehrperson den Mädchen vorgibt, dass es nicht sinnvoll ist sich zu verschließen, hilft ihnen in dem Moment auch nicht weiter, aber es ist auch ein sehr schwieriges Thema.

    Liebe Grüße
    Hanna

  2. Liebe Johanna,

    ich fand deinen Blogbeitrag sehr interessant, weil ich mich auch öfter frage wie Sexualkunde in der Schule gut behandelt werden kann. Ich finde es sehr sehr wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler ausreichend über ihre Körper bescheid wissen. Je früher man lernt schamlos über den eigenen Körper zu sprechen, desto wahrscheinlicher ist es, dass man unnötige Krankheiten oder Verletzungen vorbeugt, die Langzeitschäden mit sich tragen können. Ein wichtiger Aspekt im Sexualkunde Unterricht ist ausreichend Zugang zu Lehrmaterial, sodass die SuS sich selbstständig zuhause weiter informieren können. Ein Besuch bei einer Bildungsstätten außerhalb der Schule ist denke ich auch sehr sinnvoll, damit die SuS nicht mit Ihren Lehrer*innen über ihre intimsten Fragen sprechen müssen und eventuell auch später selbstständig nochmal hin gehen können. (Beispielsweise Pro-Familia oder Gynäkologie und Urologie)
    Die kurzzeitige Trennung der SuS nach biologischem Geschlecht scheint mir sinnvoll, weil man mehr Bezug zu seinem eigenen Geschlechtsorgan hat. In in diesem Zusammenhang wichtig über die Diversität von Geschlecht zu sprechen. Außerdem finde ich es sehr wichtig, dass im Sexualkunde Unterricht über Lust und Kommunikation gesprochen wird. Dass man vorher fragt, ob der Akt einvernehmlich ist ist noch lang nicht Normalität, aber unbedingt erstrebenswert.
    Dass der Mann in der Hochzeitsnacht die Frau aufklären soll würde ich als Lehrerin 2025 nicht akzeptieren, weil es patriachale Strukturen fördert, die die Mädchen in eine Abhängigkeit bringt. Als Lehrerin ist es meine Aufgabe Wissen zu vermitteln und junge Menschen zu Selbstwirksamkeit zu ermutigen.
    Es würde mich sehr interessieren, welche verschiedenen Ansätze es in der Vermittlung von Sexualkunde gibt und was gut funktioniert.

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