„Mir ist klargeworden, dass diese Kategorisierung in gut und schlecht nicht so einfach ist.“

Ein Beitrag von Mirjam K.

Im folgenden Beitrag wird die „Unterrichtsführung“ in einer Willkommensklasse einer Berliner Grundschule genauer dargestellt. Die Willkommensklasse der Grundschule wird hauptsächlich von der Klassenlehrerin Frau T. unterrichtet. Sie ist Mitte 50 und ist seit sechs Jahren als Lehrerin tätig. Sie geht streng mit den Kindern um, ist leicht genervt und meiner Meinung nach oft auch ungerecht.
Wenige Stunden in der Woche unterrichtet Frau P. die Willkommensklasse. Sie ist Ende 30, eine ausgebildete DaZ-Lehrerin (DaZ = Deutsch als Zweitsprache), methodenstark und sehr fair den Schüler*innen gegenüber.
In der Klasse sind zwei Jungs, die ständig laut sind, viel reden und oft dazwischenrufen. Frau T. (Klassenlehrerin) hat die Klasse fest im Griff. Durch Anschreien, Drohungen und Strafarbeiten bringt sie besonders auch die beiden Jungen immer wieder zur Ruhe und zum Arbeiten. Frau P. (DaZ-Lehrerin) hingegen versucht sehr sachlich und methodisch den Unterricht zu leiten. Dies führt jedoch nicht immer zum gewünschten Ergebnis.
Als die Disziplin in einer Stunde wieder sehr zu wünschen übrig ließ, schrieb Frau P. (DaZ) eine Skala mit Smileys mit verschiedenen Gesichtsausdrücken an die Tafel. Sie stellte den Kindern in Aussicht, dass, wenn sie sich an die Regeln halten würden, sie den Eltern eine Nachricht ins Hausaufgabenheft schreiben würde wie folgt: „Lieber Herr/ Liebe Frau…. Ihr Sohn/Tochter hat heute gut im Unterricht mitgearbeitet.“ Bei schlechtem Verhalten sollte die Konsequenz eine extra Hausaufgabe sein.
Ein Junge war durch die Aussicht, eine positive Nachricht an seine Eltern zu erhalten so motiviert, dass er nun jede Aufgabe beantworten wollte, sich zwar meldete aber gleichzeitig losredete und somit völlig den vereinbarten Regeln widersprach. Die Stunde war extrem laut.

Meine Einsichten

Ich finde Frau P. (DaZ) ist eine sehr gute Lehrerin. Man merkt ihr an, dass sie pädagogisch gut ausgebildet ist und viel Zeit und Anstrengung in die Vorbereitung der Schulstunden investiert. Nach zwei Wochen im Praktikum schätze ich jedoch auch sehr die Arbeit von Frau T. (Klassenlehrerin). Ich habe das Gefühl, sie spricht die Sprache der Kinder und erreicht diese damit (dennoch finde ich viele Sachen, die sie macht und sagt nicht in Ordnung). Beide Lehrerinnen haben ihre eigene Art zu unterrichten entwickelt. Beide bringen ihre Erfahrungen ein und erzielen manchmal gute, manchmal nicht so gute Ergebnisse mit ihrer Arbeit.

Meine Folgerungen

Hätte ich die beiden Lehrerinnen in einem Video gesehen und miteinander vergleichen sollen, wäre für mich ganz klar gewesen, dass Frau P. (DaZ) die bessere Lehrerin ist. Frau T. (Klassenlehrerin) hätte ich wahrscheinlich sehr kritisch abgestraft.
Während der letzten zwei Wochen ist mir klargeworden, dass diese Kategorisierung in gut und schlecht nicht so einfach ist. Die Strenge der Klassenlehrerin gibt den Kindern Struktur. Sie kommen aus den verschiedensten Ländern und Schulsystemen und sind diese (strenge) Art des Unterrichts eventuell gewöhnt. Die faire Art der DaZ-Lehrerin scheint sie hingegen zu überfordern und zu ermuntern laut zu sein und zu stören.

Meine Anschlussfragen

  • Ist „Freiheit“ erlernbar und wie können Pädagog*innen sie lehren ohne im Chaos zu versinken?
  • Wie können wir als Lehrer*innen angemessen auf die kulturelle Heterogenität unserer Schüler*innen eingehen?

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