Von Nicolas Bock (KFS), Cordula Dittmer (AKFS) & Peter Windsheimer-Kolla (KFS)
16. Januar, 2026
http://dx.doi.org/10.17169/refubium-50971
Hintergrund
Am Samstag, den 3. Januar 2026, kam es im Südwesten Berlins zu einem massiven Stromausfall: Die Ortsteile Nikolassee, Wannsee, Zehlendorf und Lichterfelde im Bezirk Steglitz-Zehlendorf waren bei winterlichen Wetterverhältnissen über 4,5 Tage weitestgehend ohne Strom. Der Betreiber Stromnetz Berlin meldete, dass mehr als 45.000 Haushalte und über 2.000 Gewerbekunden betroffen waren. Ursache war ein Brand in einer Verteilerstation bzw. an einer Kabelbrücke in Lichterfelde, bei dem mehrere Kabel beschädigt wurden und die Stromversorgung zusammenbrach. Schon früh gingen Ermittler von einem Brandanschlag aus, der zeitgleich von einer linksextremistischen Gruppierung im Internet in einem Bekennerschreiben für sich reklamiert wurde. Anschläge oder Sabotageakte auf die Berliner Verkehrs-, Energie-, oder Telekommunikationsinfrastruktur sind seit den letzten fünf Jahren gehäuft zu beobachten, erst im September 2025 wurden zwei Strommasten im Südosten Berlins mutwillig beschädigt und ließen ca. 50 000 Personen für ca. 2,5 Tage ohne Strom (rbb24).
Der Ausfall führte nicht nur zum Wegfall der Stromversorgung in Privathaushalten und dem Gewerbe, sondern hatte aufgrund der vielfältigen Abhängigkeiten kaskadierende Effekte auf Wärmeversorgung, Telekommunikation (Ausfall des Mobilnetzes im gesamten betroffenen Gebiet (86 Mobilfunkmasten verschiedener Anbieter waren betroffen)), Verkehrsinfrastruktur wie Ampelschaltungen oder den S-Bahnbetrieb, Notrufe, Aufzüge und digitale Zahlungssysteme.

Rollläden ließen sich nicht mehr öffnen, so dass auch tagsüber kein Licht in die Häuser und Wohnungen drang, Klingeln funktionierten nicht mehr, Supermärkte blieben geschlossen und mussten ihre Ware entweder in z.T. von den Unternehmen selbst zur Verfügung gestellten Kühltransportern verlegen oder entsorgen. Zwar war die Wasserversorgung grundsätzlich nicht gefährdet, in Hochhäusern konnte allerdings die Versorgung aufgrund der Abhängigkeit von Wasserpumpen nicht flächendeckend gewährleistet werden.
In dem betroffenen Gebiet befinden sich zudem fünf Krankenhäuser, 74 Pflege- und Seniorenheime, drei Flüchtlingsunterkünfte und ambulant versorgte pflegebedürftige Personen. Bereits im Laufe des Samstags wurde deutlich, dass sich aufgrund des massiven Schadens an der Leitung eine Wiederherstellung erst in 5-6 Tagen realisieren ließ. Der zuständige Bezirk Steglitz-Zehlendorf richtete daraufhin einen Krisenstab ein und öffnete das Rathaus Steglitz als zentrale Notrufannahmestelle, Wärme- und Betreuungspunkt. Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK) oder der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) bauten Notunterkünfte in Turnhallen auf, Geschäfte und zivilgesellschaftliche Organisationen wie Kirchengemeinden richteten Betreuungspunkte und Wärmeinseln ein, an denen die Betroffenen ihre Handys aufladen, warmes Wasser oder Essen erhalten konnten. Die Polizei erhöhte ihre Präsenz in den betroffenen Stadtteilen und errichtete ebenso wie das THW an Verkehrsknotenpunkten Lichtmasten, die insbesondere in den ersten 48 Stunden sowohl der Beleuchtung der dunklen Kreuzungen als auch als Auflade-, und Informationspunkte dienten.
Nach und nach etablierten sich verschiedene Unterstützungsstrukturen, die v.a. über das Internet, soziale Medien und Lautsprecherdurchsagen der Polizei verbreitet wurden. Mit Hilfe von Notstromaggregaten konnte der Betrieb der Krankenhäuser aufrechterhalten werden. Sonntagnachmittag wurde von der Berliner Innensenatorin erstmalig die in Berlin erst Mitte 2021 mit der Novellierung des Berliner Katastrophenschutzgesetzes eingeführte Einsatzkategorie „Großschadenslage“ ausgerufen. Damit kann die Einsatzführung gebündelt, die Freistellung für die ehrenamtlichen Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen ermöglicht und Bundeswehrunterstützung angefordert werden. Neben den Notunterkünften und privaten Wohnungsvermittlungen gab es auch die Möglichkeit, für einen Betrag von 70€ nicht vermietete Hotelzimmer zu nutzen. Montagabend wurde schließlich entschieden, dass der Bezirk über die Senatsverwaltung die Hotelkosten komplett übernimmt.
Das Land Nordrhein-Westfalen stellte fünf Notstromaggregate zur Verfügung, die an verschiedenen Knotenpunkten die Stromversorgung unterstützten. Die Bundeswehr übernahm deren Betankung und teilte an verschiedenen Standorten insbesondere im Laufe des Mittwochs Essen aus. Am Mittwochmorgen wurde von Seiten des Stromnetzbetreibers verkündet, dass man die Stromversorgung zu 11 Uhr wieder herstellen könne, man aber weiterhin den Strom möglichst sparsam nutzen sollte, um das Stromnetz nicht zu überlasten. Dies wurde sowohl in den Medien als auch über Lautsprecherdurchsagen und Flyer, die die Polizei in den Notunterkünften und Betreuungspunkten auslegte, kommuniziert. Zusätzlich wurden Cell Broadcast und die NINA-App genutzt, um die entsprechenden Handlungsanweisungen zu kommunizieren. Die Großschadenslage wurde schließlich am Freitagabend wieder aufgehoben.

Warum Quick-Response Forschung?
Bevor Erkenntnisse und Ableitungen aus der während des Stromausfalls durchgeführten Quick-Response Forschung dargestellt werden, wird diese kurz eingeordnet und bewertet, da diese Methode bislang im deutschen Kontext noch viel zu wenig bekannt ist und deutlich umfassender genutzt werden sollte. Die Katastrophenforschungsstelle (KFS) an der Freien Universität Berlin sowie die Akademie der Katastrophenforschungsstelle (AKFS) führen seit vielen Jahren diese Art der Forschung durch, sowohl im Hochwasser 2013 in Magdeburg, während der Flüchtlingslage 2015/16 (Dittmer & Lorenz 2016) und 2022 (Dittmer & Lorenz 2022), den ersten Wochen der SARS-CoV-2 Pandemie 2020 (Dittmer & Lorenz 2022; Schulze et al. 2020) oder den Winterhochwassern 2023/24 (Bock et al. 2024). Quick-Response Forschung kann als „erster Draft“ der sich schnell verändernden „Katastrophenerzählung“ gesehen werden. Wenn Forschende nach einem extremen Ereignis schnell ins Feld gehen, besteht die Möglichkeit, Daten zu sammeln, die nach Ende einer Katastrophe ansonsten zeitnah verschwinden oder sich verändern. Dazu gehören Einstellungen, Gefühle, soziale Interaktionen oder Erlebnisse, die vielfach über die Zeit vergessen werden, oder sich in eine übergreifende Gesamtnarration und -interpretation der Katastrophe einfügen oder neu gerahmt werden (Oulahen et al. 2020; Johnson & Vindrola-Padros 2017; Díaz et al. 2023).
Wenn Quick-Response Forschung institutionell als Teil des Katastrophenmanagements etabliert ist, dann kann sie konstruktiv in der Lagebewältigung unterstützen, da sie zusätzliche Informationen und Perspektiven einbringt, die vom Krisenmanagement häufig nicht gesehen werden (können). Die Umsetzung ist jedoch sehr voraussetzungsvoll, da kaum Zeit für Vorbereitung bleibt, sich der Forschungsprozess, ebenso wie die Lage, entsprechend dynamisch anpassen können muss und die Datenlage schwierig sein kann, da häufig ausführliche Interviews aufgrund der Einbindung der Akteure in die Lagebewältigung kaum möglich sind. Quick-Response Forschung erlaubt kaum nach klassischen Kriterien der qualitativen Sozialforschung vorzugehen, was Kontaktaufnahme, Quantität und Qualität der Daten u.ä. angeht. Aufgrund der extremen Situation stellen sich auch verstärkt ethische Fragen, z.B. nach einer möglichen Retraumatisierung von Betroffenen (und der Forschenden selbst), der Störung von Betriebsabläufen, Gefahr des „Katastrophentourismus“, oder der Instrumentalisierung der Forschung in z.T. hoch emotionalen Kontexten (Dittmer & Lorenz 2018).
Zudem fehlen insbesondere im deutschen Kontext auch in Drittmittelprojekten häufig die finanziellen und personellen Ressourcen, um auf spontane Ereignisse zu reagieren, so dass diese von den Forschenden selbst getragen werden müssen. Für die Quick-Response Forschung zum Berliner Stromausfall konnte glücklicherweise neben Ressourcen der AKFS auf personelle Ressourcen des BMFTR-Sicherheitsforschungsprojekts Krisenfit zurückgegriffen werden, da dieses explizit eine in-situ Forschung vorsieht. Der Schwerpunkt der Forschung liegt hier auf der Untersuchung der Schnittstellen von kommunaler Verwaltung, zivilgesellschaftlichen Akteuren und dem Katastrophen- und Krisenmanagement. Um sich dieser Fragestellung zu nähern, wurden zunächst Hilfsangebote wie Wärme- und Informationspunkte von zivilgesellschaftlichen Akteuren sowie staatliche Notunterkünfte und Katastrophenschutzleuchttürme identifiziert, die medial über regionale Rundfunkanstalten sowie die Presse kommuniziert und vermittelt wurden, ebenso wie über Schwarze Bretter z. B. im Rathaus Zehlendorf.
Die KFS/AKFS identifizierte verschiedene dieser Lokalitäten anhand von Auflistungen aus den Medien und suchte diese am Montag, den 05.01.2026, Dienstag, den 06.01.2026 sowie dem Mittwoch, 07.01.2026 aktiv auf. Eine Voranmeldung bei den aufgesuchten Orten erfolgte nicht. Der Schwerpunkt in der Auswahl aufgesuchter Einrichtungen lag in einer möglichst diversen Bandbreite von Akteuren (Kirchen, Sozialverbände, Kulturverbände, ambulante Gesundheitseinrichtungen, Parteien, Hilfsorganisationen, Sportvereine, Einkaufszentren). Insgesamt wurden neun zivilgesellschaftlich organisierte Hilfsstellen abgelaufen, von denen fünf Stellen noch aktiv und ansprechbar waren. An vier aufgesuchten Hilfsstellen wurde kein entsprechendes Angebot und kein*e Ansprechpartner*in mehr vorgefunden, obwohl diese noch in den zugängigen Informationskanälen vermerkt war. Hier konnte offenbar die entsprechende Liste nicht schnell genug aktualisiert werden.
Es wurden Interviews mit Angehörigen einer evangelischen Kirchgemeinde, einem Kulturzentrum, einem Tageszentrum für psychisch belastete und kranke Menschen, des Bezirksverbands einer politischen Partei sowie einer durch eine im Katastrophenschutz mitwirkenden Hilfsorganisation betriebene Notunterkunft in einer Turnhalle geführt. Außerdem wurden Begehungen neuralgischer Punkte (z.B. S-Bahnhof Mexikoplatz als zentraler Schwerpunkt für Einsatzkräfte, Supermärkte, die als Betreuungspunkte dienten, S-Bahnhof Zehlendorf) durchgeführt. Die untersuchten Standorte von Hilfsstellen befanden sich überwiegend außerhalb des vom Stromausfall betroffenen Gebietes im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Mit Ausnahme der Einrichtung der Hilfsorganisation wäre der Betrieb der Hilfsstellen im vorgefundenen Umfang in nicht stromversorgten Bereichen nicht möglich gewesen, da diese nicht über eine Notstromversorgung- bzw. Einspeisepunkte verfügten. Neben dem Rathaus Zehlendorf befanden sich die besuchten Hilfsstellen überwiegend am nordöstlichen Rand des betroffenen Gebietes in Zehlendorf sowie um den Steglitzer Kreisel herum. Parallel wurde die Medienberichterstattung intensiv verfolgt, insbesondere die bereits am Samstagvormittag schnell etablierten Live-Ticker des Tagesspiegel sowie des RBB.
Anschließend an diese Quick-Response Forschung wird eine Bevölkerungsbefragung durchgeführt, weitere Expert*innen und Betroffene interviewt, ein Workshop ist in Planung.
Zivilgesellschaftliche Bewältigung und Handeln des operativen Katastrophenschutzes
Angebotsbandbreite zivilgesellschaftlicher Hilfsstellen
Die Mehrzahl der zivilgesellschaftlich organisierten Hilfsangebote für Betroffene und hilfebedürftige Bewohnende des vom Stromausfall betroffenen Gebiets waren bereits seit Samstag oder Sonntag aktiv. In den meisten Fällen umfasste das Hilfsangebot die Zeit vom Morgen bis zum späten Nachmittag. In Fällen von zivilgesellschaftlichen Vereinigungen mit regulären Öffnungszeiten im Alltag wurden diese für den Verlauf der Lage erweitert.
Die zentralen materiellen Dienstleistungen, welche die zivilgesellschaftlich organisierten Hilfsstellen anboten, betrafen warme Räumlichkeiten, (Heiß-)Getränke, die Möglichkeit, elektrische Geräte aufzuladen und das Internet zu nutzen. Ansonsten wurden die Hilfsstellen als soziale Begegnungspunkte und zum Informationsaustausch genutzt. Teilweise suchten Betroffene die Hilfsstellen auch zur Fortführung ihres Arbeitsalltags auf, wie z. B. für Homeoffice-Tätigkeiten oder für Videokonferenzen.
Die zivilgesellschaftlich organisierten Hilfsstellen, welche in unmittelbarer Nähe des Stromausfallgebiets tätig waren, registrierten ein eher gleichbleibendes Aufkommen an Besuchenden über die Zeit des Stromausfalls hinweg. Jene Hilfsstellen, die im Bereich Steglitz ihre Türen öffneten, registrierten ab dem Maximum des Besuchendenaufkommens mit dem ersten Tag des Stromausfalls eine stetig abnehmende Tendenz, was auch dadurch bedingt war, dass in deren Umgebung eine hohe Dichte an Einkaufszentren, Lebensmittelgeschäften und Restaurants zu finden ist, welche nicht vom Stromausfall betroffen waren und am Montag regulär öffneten. Eine verantwortliche Person einer der in Steglitz besuchten Hilfsstellen führte die abnehmende Anzahl Hilfesuchender auch auf die angekündigte Übernahme von Hotelkosten durch den Senat sowie das Anlaufen von Hilfeleistung explizit seitens der Bundeswehr zurück. In allen besuchten Einrichtungen im Bezirk mischten sich die Personenkreise der regulären Stammgäste- und Klienten, der Mitglieder und Angehörigen der Träger sowie von Hilfesuchenden. Teilweise ließen sich diese Gruppen auch nicht klar differenzieren.
Das Angebot der Notunterkunft der Hilfsorganisation im Ortsteil Dahlem wurde gleichbleibend angenommen, allerdings mit leichter Steigerung bei den Übernachtungsgästen im Verlauf der Krise. Grund hierfür war das zunehmende Auskühlen der Wohnungen. Die Notunterkünfte der Hilfsorganisationen spielten eine besondere Rolle als Einrichtungen des staatlichen Notfallnetzes. Menschen, deren Versorgung nicht anderweitig geregelt werden konnte, weil sie zu schwach, krank, alt oder in anderer Art und Weise zu vulnerabel waren, konnten hier temporär unterkommen, bis sie in andere Betreuungs- und Versorgungskontexte vermittelt werden konnten oder die Lage beendet war. Der Vorteil im Gegensatz zu anderen privaten oder kirchlichen Angeboten war die kontinuierliche Gewährleistung medizinischer Versorgung vor Ort.
Selbstorganisation zivilgesellschaftlicher Akteure
In den meisten Fällen konnten die zur Verfügung gestellten Angebote seitens der zivilgesellschaftlichen Akteure mit eigenen Ressourcen und ohne deutlich erhöhte materielle Aufwände eingerichtet werden. Die Organisationen passten in vielen Fällen hauptsächlich ihre Öffnungszeiten an, organisierten intern einen Aufwuchs von ehrenamtlichen Hilfskräften aus ihren eigenen Strukturen heraus und skalierten bestehende Angebotsstrukturen (Verpflegung auch durch Spenden, Räumlichkeiten). Einige Akteure verließen ihre Tätigkeitsschwerpunkte und suchten Angehörige der Gemeinde/Vereinsstruktur mit möglichen Hilfsbedarfen aktiv auf. Z.T. vermittelten sie Betroffene an andere besser geeignete Hilfsstellen. Vielfach bestand auch die Möglichkeit, zu duschen und Basishygiene zu betreiben.
Die Ehrenamtlichen der besuchten Einrichtungen zeigten ein hohes Engagement und hohe Motivation zur Hilfe. Durch das Ausfallen des Unterrichts an Schulen halfen auch Jugendliche aktiv im Betrieb der Hilfsstellen mit. Eine größere oder in Bezug auf den Betrieb der Hilfsstellen negativ wirkende Eigenbetroffenheit der Mitglieder der die Hilfsstellen betreibenden Vereine, Gemeinden und Organisationen ließ sich nicht feststellen.
Die zivilgesellschaftlichen Organisationen und Vereine organisierten sich in der Lage anhand ihrer gewohnten, internen Hierarchiestrukturen und entlang der Kapazitäten ihrer Mitglieder. In den meisten Fällen blieben die Vorsitzenden der Organisationsstrukturen auch die Leiter des Krisenmanagements der Hilfsstellen. Sofern die Organisationen die entsprechende Größe hatten, erfolgten Aufgabenverteilung und Organisation auch entlang von Substrukturen innerhalb der bestehenden Organisationsstruktur. Teilweise mussten auch gänzlich neue Aufgaben wahrgenommen werden, z. B. ein Telefondienst oder eine Person, die den E-Mailverkehr betreute und Informationen weitergab. Die Helfenden konnten sich dabei überwiegend entlang gewohnter Kommunikationskanäle selbst organisieren, da sie meist noch über Mobilfunknetzanbindung verfügten.
Teilweise hatten die Akteure Vorerfahrungen im Krisenmanagement oder konnten von ihrem Alltagshandeln in der Krise profitieren. So sind einige Organisationen in der Obdachlosenhilfe aktiv oder konnten auf Erfahrungen in humanitärer Hilfeleistung in den Fluchtkrisen ab 2015 und 2022 zurückblicken. Die Einheit der Hilfsorganisation, die eine der Hilfsstellen betrieb, war als Angehörige der BOS (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben) und Aufgabenträgerin im Katastrophenschutz als einzige in ihrer humanitären Mission staatlich legitimiert, ausgestattet und mit einem Einsatzauftrag in der konkreten Lage versehen. Alle anderen Organisationen organisierten ihre Hilfsangebote in Eigenregie mit eigenem Personal und Ressourcen auf Basis intrinsischer humanitärer Motivation und Pflichtgefühl gegenüber der Zivilgesellschaft.
Informationsmanagement zwischen Krisenstab und Hilfsstellen
Die Möglichkeit, über die zivilgesellschaftlich organisierten Hilfsstellen aktuelle Informationen über die Gesamtlage oder behördliche Informationen zu erhalten, bestand jeweils nur partiell. Selbstständige Recherche über das Internet war sowohl den Betreuenden der Hilfsstellen als auch den anwesenden Betroffenen ohne Einschränkungen möglich. Es bestand teilweise ein Austausch zwischen den einzelnen zivilgesellschaftlichen Hilfsstellen bzw. waren diese untereinander bekannt (z.B. entlang von Trägerschaften, persönlichen Kontakten oder auch über Medien oder soziale Nachbarschaftsnetzwerke). Es gab jedoch keine gesonderte Informationsbereitstellung seitens des Bezirks oder Senats, bzw. seitens der BOS gegenüber den Hilfsstellen. Alle Hilfsstellen hatten sich eigenständig über die Mail für Katastrophenschutzangelegenheiten des Bezirks Steglitz-Zehlendorf angemeldet und in den meisten Fällen eine Bestätigung dieser Anmeldung erhalten. Der Bezirk verwies teilweise in seinen Informationskanälen auf diese zivilgesellschaftlichen Hilfsstellen, was von einigen Hilfsstellen als Bestätigung ihrer Meldung bei der entsprechenden Adresse gewertet wurde.
Die kirchlich organisierte Hilfsstelle hatte zwar regelmäßig Kontakt zu BOS, z. B. zu einem Kontaktbereichsbeamten der Polizei oder zu vorbeifahrenden Einheiten von Katastrophenschutzorganisationen, erhielten jedoch proaktiv keine Lageinformationen. Die ehrenamtlichen Mitarbeitenden der durch die Hilfsorganisation betriebenen Notunterkunft erhielten Lageinformationen hauptsächlich über die offiziellen Hierarchiestrukturen der operativen Einsatzleitung, die jedoch nach eigener Aussage im Informationsgehalt und Aktualität nicht wesentlich von den öffentlich abrufbaren/gesendeten Informationen an die Öffentlichkeit abwichen. Einige Interviewte äußerten, dass sie sich eine größere Klarheit darüber gewünscht hätten, auf wie viele zu versorgende Menschen sie sich einstellen sollten (zur eigenen Ressourcenplanung und Abstimmung zwischen verschiedenen zivilgesellschaftlichen Hilfsstellen) und eine stetere und aktivere Kommunikation seitens des Bezirks vorteilhaft gewesen wäre. So wäre es nach Aussage eines Interviewten schön gewesen, wenn der Bezirk systematisch mögliche Bedarfe oder die Situation in der Hilfsstelle abgefragt hätte. Eine Hilfsstelle berichtete, sie hätte beheizte Räumlichkeiten gehabt, die als Notübernachtungsstätte geeignet gewesen wären und eine Anfrage nach Liegen/Betten an den Bezirk gestellt, die allerdings negativ beschieden wurde, da die offiziellen Notunterkünfte priorisiert wurden. Hätten Betroffene eine Übernachtung bei der Einrichtung aktiv nachgefragt, wäre die Einrichtung durch die eigenständige Organisation von Matratzen jedoch auch begrenzt selbstständig in der Lage gewesen, Notübernachtungsplätze zu schaffen. Vielfach koordinierten Hilfsstellen auch Notübernachtungsangebote eigener Mitglieder und organisationsfremder Personen mit gemeldeten Bedarfen von Privatpersonen.
Es bestand bei einigen Akteuren die Vermutung, dass Anfragen und Hinweise an vorbeiziehende Katastrophenschutzeinheiten nicht an den Krisenstab bzw. koordinierende Stellen weitergeleitet würden bzw. gab es keinerlei Rückmeldung seitens offizieller Stellen. Einige Akteure (mit öffentlichem Auftrag und bestehenden Alltagskontakten zur öffentlichen Verwaltung) äußerten jedoch auch Lob bezüglich der von ihnen als relativ kurz wahrgenommenen Reaktionszeiten des Bezirks insbesondere im E-Mailverkehr. Zudem erwähnte eine Gesprächspartnerin, dass sie auf Grund bestehender guter Kontakte in die Sozialverwaltung des Bezirkes aus ihrer alltäglichen Arbeit zuversichtlich ist, dass sie im Bedarfsfall schnell und unkompliziert Unterstützung erhalten würde. Konkrete Negativauswirkungen oder Nachteile durch von einigen Akteuren bemängelten Informationsdefizite nannten die Befragten insgesamt nicht. Alle Befragten versorgten sich in der laufenden Lage selbst mit Informationen, z. B. über das Internet, und waren hierzu auch durchgehend in der Lage.
Herausfordernd war für einige zivilgesellschaftliche Hilfsstellen die Koordination von Wohnraumangeboten, Sachspenden und insbesondere Lebensmitteln. Die meisten Hilfsstellen hatten Erfahrung in der Verarbeitung von Lebensmitteln und auch die nötigen Küchen und Materialien hierfür. Die Antizipation möglicher Nachfrage seitens der zu versorgenden Bevölkerung war jedoch vielfach nicht möglich. Seitens der Bevölkerung erreichten die Hilfsstellen Lebensmittelspenden, sodass teils ein Annahmestopp verhängt werden mussten, da der Abfluss der Lebensmittel nicht mehr im Verhältnis zum Spendenaufkommen lag. Die Hilfsstellen schätzten für das Ende der Krise die Weiterverteilung von Lebensmittelspenden als eine ihrer Folgeaufgaben ein.

Betroffene und Betroffenheit
Interviewte Betreuungspersonen der Hilfsstellen, welche intensiv mit hilfesuchenden Betroffenen in Kontakt waren, berichteten von einer Vielzahl von Menschen, welche in Hotels oder zu Bekannten und Verwandten in nicht betroffenen Gebieten auswichen. Eine der größten Herausforderungen für die im Gebiet verbliebenen Personen waren neben der Kälte waren teils spezifische, teils unspezifische Ängste. Hatten einige Angst um ihren Besitz, verunsicherte Andere die Dunkelheit selbst oder auch Situationen mit Nachbarn, die mit Taschenlampen unterwegs waren.
Auch hier zeigte sich jedoch, dass Krisen und Katastrophen immer auch (wenigstens temporär) sozialen Zusammenhalt fördern: So seien viele Nachbarn, welche im Alltag keinen oder wenig Kontakt hätten, während der Krise im Rahmen der Nachbarschafts- und Selbsthilfe in Kontakt gekommen. Auch die besuchten Hilfsstellen dienten als soziale Räume für das nachbarschaftliche Zusammenkommen, Kennenlernen und die Bekanntschaftspflege. So seien auch neue Freundschaften entstanden. In den Hilfsstellen wurde übergreifend von großer Dankbarkeit der Betroffenen und Besuchenden berichtet, was einen großen Teil der Selbstwirksamkeitserfahrung der Betreuenden ausmachte.

Katastrophensoziologische Einordnung
Die hier dargestellten Ergebnisse aus der Quick-Response Forschung dazu, wie sich verschiedene Akteure in dieser Lage organisiert und Hilfe zur Verfügung gestellt haben, lassen sich nach der in der katastrophensoziologischen Forschung seit Jahrzehnten verwendeten und weiterentwickelten DRC-Typologie einordnen. Dieses vom Disaster Research Centre (DRC) in den 1970er Jahren entwickelte Modell ordnet die verschiedenen sich im Katastrophenfall engagierenden Typen von Akteuren und/oder Organisationen auf einem Spektrum danach, ob die Situation mit den vorhandenen Ressourcen bewältigt werden kann oder ob gänzlich neue Akteure und Aufgaben hinzukommen (emergent groups). Ist dies der Fall, lässt sich daraus schließen, dass die bisher vorhandenen Strukturen offensichtlich nicht ausreichend waren, die notwendigen Bedürfnisse zu adressieren und die Lage angemessen zu bewältigen.
DRC-Typologie
| Bestehende Strukturen | Neue Strukturen | |
| Routinetätigkeiten | Established (Typ I) – Akteure, die für den Brandschutz, Rettungsdienst, Katastrophenschutz zuständig sind, z.B. Feuerwehr löscht in der Katastrophe Brände | Expanding (Typ II) – Akteure wie Hilfsorganisationen, die ihre Routinetätigkeiten auch in der Katastrophe weiterführen, dies aber nur mit zusätzlichen ehrenamtlichen Strukturen bewältigen können (z.B. Deutsches Rotes Kreuz (DRK)) |
| Nicht‑routinemäßige Tätigkeiten | Extending (Typ III) – bestehende Organisationen übernehmen neue Funktionen (z.B. Kirchen betreiben Notunterkünfte) | Emergent (Typ IV) – neue Akteure, Einzelpersonen oder Organisationen, die Lücken im formalen System schließen (z.B. Initiativen wie der Helfershuttle im Ahrtal) |
Ordnet man die Akteure, die in den fünf Tagen des Stromausfalls aktiv waren, unterschiedlichen Typen zu, zeigt sich folgendes Bild:
Typ 1: Established groups: Hierbei handelt es sich um Akteure, die genuin für den Brandschutz, Rettungsdienst oder den Katastrophenschutz zuständig sind. Die Freiwilligen Feuerwehren und v.a. die Polizeien übernahmen ihre alltäglichen Routineaufgaben in existierenden Strukturen. So löschte die Feuerwehr weiterhin Brände und die Polizei fuhr Streife in den betroffenen Gebieten oder regelte den Verkehr.
Typ 2: Expanding groups: Spätestens mit dem Feststellen der Großschadenslage konnten die Organisationen des Katastrophenschutzes ihre eigentlichen Routineaufgaben wie die Versorgung Pflegebedürftiger oder auch den Aufbau von Notunterkünften mit zusätzlichen ehrenamtlichen Ressourcen sicherstellen.
Typ 3: Extending groups: Die Sportvereine, die hellenische Gemeinschaft, Kirchengemeinden oder Supermärkte nutzten ihre existierenden Strukturen, Mitglieder und Ressourcen für die Übernahme neuer Aufgaben im Bereich der akuten Versorgung einer größeren Anzahl an Personen.

Typ 4: Emergent groups: im Gegensatz zu vielen anderen größeren Krisen und Katastrophen wie z.B. die Flüchtlingssituation 2015/16 oder die Hochwasser- und Starkregenkatastrophe in Westdeutschland im Juli 2021 lassen sich keine neu aufkommenden Gruppen oder Akteure finden, die mögliche Leerstellen der etablierten Akteure (Typ 1-3) schließen. Daraus lässt sich zumindest operativ konzeptionell die Schlussfolgerung ableiten, dass mit den vorhandenen zivilgesellschaftlichen Strukturen die Lage im Sinne der Bedürfnisbefriedigung der Bevölkerung ausreichend abgearbeitet werden konnte.
Ohne in Abrede stellen zu wollen, dass die Situation für viele Betroffene schwierig und herausfordernd war – und es wie nach jedem Ereignis vielfältige Rufe nach Verbesserungen gibt, zeigt die Analyse anhand der DRC-Typologie jedoch auch, dass in komplexen Lagen typische Entwicklungen, die auf deutliche Leerstände hinweisen, in diesem Fall nicht auftraten.
Schlussfolgerungen
Während und nach dem Stromausfall wurde und wird weiterhin vielfältige z.T. absolut berechtigte Kritik am Krisenmanagement von Bezirk und Senat, der Krisenkommunikation, der Ausstattung des Katastrophenschutzes oder dem Schutz Kritischer Infrastruktur geübt. Ohne die Notwendigkeit in Frage zu stellen, die Schwachstellen der Vorbereitung und Bewältigung dieser Lage objektiv und kritisch reflektierend aufzuarbeiten und daraus wirklich zu lernen, ist die Schwemme an medialen Einschätzungen von „Expert*innen“, die sich weder mit Katastrophenschutz in Berlin, noch Katastrophenbewältigung allgemein auskennen, sich vor Ort mit Betroffenen oder Verantwortlichen auseinandergesetzt haben oder sonstige Expertise besitzen weder konstruktiv noch führt sie zu differenzierten Bewertungen und demotiviert alle ehrenamtlichen und zivilgesellschaftlichen Kräfte, die wie in jeder Katastrophe auch, die Lage bestmöglich bearbeitet haben.
Hierbei spielen auch die öffentlichen und soziale Medien eine zentrale Rolle. Bereits in der Lagebewältigung stellten zwar die Liveticker von tagesspiegel.de und rbb24.de wichtige Informationen bereit und begleiteten die Lageentwicklung auch auf Social Media intensiv. Allerdings zeigte sich auch in der Feldforschung, dass in den Hilfsstellen und Notunterkünften zeitweise mehr Pressevertreter*innen anwesend waren als hilfesuchende Personen. Die Verantwortlichen in den Hilfsstellen berichteten von einer „verzweifelten“ Suche nach Betroffenen, die „im besten Fall“ auch negative Erfahrungen mit dem Krisenmanagement gemacht hatten und möglichst hohe Klickzahlen versprachen. So war der Einlass von Medienvertreter*innen in den besuchten Unterkünften zunächst unreguliert, ab Dienstag gab es dann nach vielfältigen negativen Erfahrungen mit dem Stören von Privatsphäre durch Medienvertreter*innen Verbote, die Unterkünfte ohne Voranmeldung zu besuchen. Als zunehmend problematisch zeigte sich auch der Umgang mit politisch extremen Medien, insbesondere unter dem Eindruck der sehr dominanten Debatte um die verschiedenen Bekennerbriefe und politischen Ausrichtungen. Zudem kam es in den sozialen Medien in Einzelfällen auch zur Diffamierung von migrantisch geprägten Hilfsinitiativen oder Desinformationskampagnen bezogen auf die angebliche Unterbringung von Flüchtlingen in Luxushotels.
Zusammenfassend lässt sich konstatieren: Zivilgesellschaftliche Initiativen werden gesehen und ihr Angebot in Krisen von staatlicher Seite auch anerkannt. Gleichzeitig gibt es, wie in jeder Katastrophe, Optimierungspotentiale in der Koordination und Informationsbereitstellung für diese Initiativen. Hier wäre ggf. eine entsprechende Schnittstelle zwischen zivilgesellschaftlicher Initiative und Verwaltung/Krisenstab denkbar, gerade dort, wo nicht schon viele informelle Kontakte zwischen den Akteuren bestehen (wie z. B. in kleineren Gemeinden, bspw. auf dem Land). Auch eine horizontale Vernetzung in Alltag und Krise zwischen zivilgesellschaftlichen Initiativen zur gemeinsamen Bedarfs- und Angebotsabstimmung (“in der Krise Köpfe Kennen”), ggf. moderiert und koordiniert durch die Kommune, wäre als strukturierendes und unterstützendes Element des kommunalen Krisenmanagements denkbar, ohne, dass die Initiativen in ihrer Autonomie oder ihrer Rolle als Krisenakteur reglementiert oder nivelliert werden.
Zivilgesellschaftliche Organisationen sind in hohem Maße zur Selbstorganisation und zur koordinierten Hilfeleistung in der Lage. Dies speist sich aus intrinsischer Motivation der Helfenden, humanitären, karitativen und sozialen Organisationshintergründen- und Selbstverständnissen sowie einem hohen Grad an Selbstwirksamkeitserfahrung und der Wiedererlangung von Autonomie durch die geleistete Nachbarschaftshilfe. Wichtig ist hierbei die Bildung starker zivilgesellschaftlicher Strukturen bereits im Alltag. Ausreichende öffentliche Mittel und Förderung, die Vernetzung zwischen den Initiativen und den Kommunen mit dem Hintergrund der Resilienzsteigerung und die Aufrechterhaltung einer steten, wertschätzenden und lösungsorientierten Kommunikation zwischen den zivilgesellschaftlichen Initiativen und dem Staat sind Grundvoraussetzungen für die Durchführbarkeit effektiver zivilgesellschaftlicher Selbsthilfe und der Integration der Zivilgesellschaft im Hilfeleistungssystem in Krisen und Katastrophen. Zivilgesellschaftliche Selbsthilfe ist nicht selbstverständlich, sondern muss gepflegt und aufgebaut werden. Die Rolle der Zivilgesellschaft und insbesondere zivilgesellschaftlicher Organisationen und Trägern für die Entlastung des Bevölkerungsschutzes und der gesamtgesellschaftlichen Krisenbewältigung sollte seitens des Staates und BOS keinesfalls unterschätzt werden. Jede Person, welche durch zivilgesellschaftliche Selbsthilfe nicht in eine akute Notlage gerät und auf die Hilfe der Strukturen des Bevölkerungsschutzes angewiesen ist, ermöglicht diesen die gezielte Fokussierung auf die vulnerabelsten Angehörigen der Gesellschaft und die Bewältigung der jeweiligen Lage. Zivilgesellschaftliche Selbstorganisation und die öffentliche Förderung und Wertschätzung sozialer Infrastruktur und des Vereinswesens, gleich ob soziale Träger, Gemeindezentren, Nachbarschaftsvereine, Sportvereine oder anderer Akteure aus der Zivilgesellschaft, kann also auch als Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Resilienz und zur gesamtstaatlichen- und gesellschaftlichen Bevölkerungsschutzaufgabe gesehen werden.