Hitzewelle in Deutschland im Juni 2026 als gesellschaftliche Herausforderung – Eine erste Bestandsaufnahme

Das letzte Juniwochenende 2026 hat Europa die Grenzen seiner Bewältigungskapazität aufgezeigt. Die Weltgesundheitsorganisation bezifferte die kontinentweite Übersterblichkeit seit dem 21. Juni bislang vorläufig auf mehr als 1.300 Todesfälle (WHO 2026). Santé publique France schätzt für den Zeitraum seit dem 24. Juni rund 1.140 zusätzliche Sterbefälle gegenüber den Vormonaten, die Leichenhallten in Paris sind überfüllt (Santé publique France 2026). In Spanien registrierte das Mortalitätsmonitoring MoMo des Instituto de Salud Carlos III vom 24. bis 28. Juni 519 hitzebedingte Todesfälle (ISCIII/MoMo 2026). Es ist zu erwarten, dass die hitzebedingte Übersterblichkeit in Europa noch deutlich höher ausfallen wird, wenn in der Breite entsprechende Daten vorliegen. Vielerorts arbeitete das Gesundheitswesen am Limit, vielfach insbesondere in Social Media-Kanälen wurden Parallelen zur Situation in der SARS-CoV-2 Pandemie gezogen. In einzelnen Regionen wie z. B. im Kreis Mettmann wurde mit Kräften des Katastrophenschutzes unterstützt.
Die Katastrophenforschung hat sich seit ihren disziplinären Anfängen von der Vorstellung verabschiedet, Katastrophen seien Naturereignisse, sie sind vielmehr ein soziales Geschehen: Sie markieren den Punkt, an dem die Bewältigungskapazitäten eines sozialen Systems mit internen oder externen Veränderungen nicht mehr umgehen kann. Das auslösende Naturereignis, hier: eine außergewöhnlich frühe, lange und intensive Hitzeperiode, ist zwar Bedingung, aber nicht Ursache der Katastrophe. Zur Katastrophe wird die Hitze erst im Zusammenspiel von sozialer Verwundbarkeit, nicht auf diese Temperaturbereiche ausgelegte baulich-technischer Infrastruktur und unzureichender institutioneller sowie gesellschaftlicher Reaktionsfähigkeit.
Die unterschiedliche Betroffenheit von Hitzewellen hat Eric Klinenberg bereits in seiner wegweisenden Analyse der Hitzewelle 1995 in Chicago sehr deutlich gezeigt. Erst die ungleiche Verteilung von Schutzmöglichkeiten, Vorerkrankungen, Wohn- und Einkommensverhältnissen und sozialer Einbindung, lässt Temperatur lebensgefährlich werden. Die Katastrophe ist daher kulturell, organisatorisch und technisch definiert, nicht meteorologisch. Diese Konzeptionalisierung verlagert den Handlungsspielraum von der (jenseits des anthropogenen Klimawandels nicht beeinflussbaren) Wetterlage hin zu den (gestaltbaren) gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Wirkung.

Sichtbarkeit und die gesellschaftliche Anerkennung von Katastrophen
Welche Ereignisse als „Katastrophe“ gelten, ist Resultat gesellschaftlicher Wahrnehmungs- und Anerkennungsprozesse. Die fehlende Bewältigungsfähigkeit bei Hitze ist eine stille Katastrophe: schleichend im Verlauf und diffus in der Zurechnung. Sie ist arm an jenen Bildern zerstörter Häuser und überfluteter Straßen, die kollektive Betroffenheit und politische Reaktionsbereitschaft erzeugen. Wo ein Hochwasser (vermeintlich) einen klaren Anfang, ein Epizentrum und sichtbare Trümmer hat, verteilt sich die Hitzemortalität still über Pflegeheime, Krankenhäuser, Dachgeschosswohnungen und Einzelhaushalte. Diese Differenz in der Anerkennung trägt zur vergleichsweise geringen politischen Priorität des Hitzeschutzes bei. Hinzu kommt, dass es in Deutschland bislang immer noch an einer übergeordneten mit konkreten Verantwortlichkeiten und Zeithorizonten versehenen Strategie fehlt, gegenüber welchen Naturgefahren, Krisen und weiteren Katastrophen man sich zukünftig mit welchen Mitteln und Ressourcen wappnen will.

Die Politik der Zahlen
Hitzebedingte Sterblichkeit ist keine gezählte, sondern eine statistisch geschätzte Größe. Auf Totenscheinen erscheinen weder Hitze noch fehlender Schutz als Todesursache; sichtbar wird ihre Wirkung erst als Übersterblichkeit, also als Differenz zwischen beobachteten und statistisch erwarteten Sterbefällen. Zentralistisch organisierte Systeme wie das französische können solche Schätzungen binnen weniger Tage liefern; das föderal organisierte deutsche Meldewesen ermittelt sie mit mehr Verzug. Das Robert Koch-Institut nimmt seine wöchentliche Berichterstattung zur hitzebedingten Mortalität erst auf, sobald die Wochenmitteltemperatur 20 °C übersteigt – 2026 erstmals in Kalenderwoche 25 –, und arbeitet zudem mit einem Datenlag von etwa zehn Tagen. Der erste belastbare Bericht für die aktuelle Hitzewelle ist entsprechend erst für Anfang Juli zu erwarten.

Eine neue Qualität der Schäden
Das Ausmaß physischer Schäden an Infrastrukturen steigt: Hitzebedingte Gleisverwerfungen, Belastungen der Energieversorgung durch reduzierte Kühlkapazitäten von Kraftwerken bei gleichzeitig steigender Klimatisierungslast, Einschränkungen im Schienenverkehr (vgl. WWA 2026). Dies zeigt, dass die analytische Trennung zwischen schleichenden gesundheitlichen und abrupten physisch-zerstörerischen Katastrophen sich als weniger trennscharf erweist, als die bisherige Typologie nahelegte. Hitze rückt damit näher an das heran, was die Forschung als kaskadierende Infrastrukturereignisse beschreibt – mit entsprechenden Implikationen für die Planung kritischer Infrastrukturen. Hinzu kommen weitere Effekte auf die kritische Infrastruktur wie Wasserverknappung, aber auch erhöhte Waldbrandgefahr.

Der unausgesprochene Klimawandel
Auffällig war, in einer durchaus subjektiven, aber breit geteilten Wahrnehmung, das Fehlen des Begriffs „Klimawandel“ in nicht wenigen Berichterstattungsformaten des Wochenendes. Diese Leerstelle steht in deutlichem Kontrast zum Stand der Wissenschaft. Die Attributionsforschung, ein rasch reifendes Feld mit etablierten Methoden, erlaubt mittlerweile belastbare Aussagen darüber, wie sehr der menschengemachte Klimawandel Wahrscheinlichkeit und Intensität eines konkreten Ereignisses verändert hat. Die World Weather Attribution kommt für die aktuelle westeuropäische Hitze zu dem Ergebnis, dass eine Hitzewelle dieser Art im Klima von 1976 im Monat Juni praktisch unmöglich gewesen wäre und tagsüber rund 3,5 °C kühler ausgefallen wäre. Die heißesten Tagestemperaturen erwärmen sich demnach etwa dreimal so schnell; die nächtlichen Extremtemperaturen etwa doppelt so schnell wie der globale Mittelwert (WWA 2026). Neben der Temperatur sind für die physiologische Hitzebelastung auch Luftfeuchtigkeit, Strahlungswärme, also direkte Sonneneinstrahlung, und Luftbewegung.

Ungleiche Betroffenheit
Hitze trifft nicht gleichmäßig. Alter, Vorerkrankungen, Pflegebedürftigkeit, Wohnlage und -ausstattung, Erwerbsbedingungen und der Zugang zu kühlenden Ressourcen sowie soziale Netzwerke verteilen das Risiko hochgradig ungleich. Die innerstädtische Wärmebelastung wie nächtliche Temperaturdifferenzen von mehreren Grad zwischen versiegelten Quartieren und Umland sind dokumentiert (DWD 2026). Diese Unterschiede der thermischen Belastung überlagern sich mit sozialräumlicher Ungleichheit zu einer doppelten Benachteiligung. Hitzeschutz ist daher nicht allein eine Frage der Medizin oder der Meteorologie, sondern fundamental der Umweltgerechtigkeit (siehe dazu Leonie Reuter im Tagesspiegel).

Forschungsperspektiven von KFS und AKFS
Die KFS/AKFS beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Hitzewellen und ihren Auswirkungen auf die Bevölkerung sowie die Bewältigungsfähigkeiten auch des Katastrophenschutzes.

Vorsorge vor Hitzewellen. Im Projekt INVOLVE, in dem Daniel F. Lorenz und Cordula Dittmer arbeiteten, wurde in verschiedenen quantitativen Befragungen (2016/17) die Vorsorge der Bevölkerung (Berlin-Neukölln und Jena) vor Hitzewellen abgefragt, die sich zum damaligen Zeitpunkt deutlich unter 20% der Befragten bewegte.
AG Hitze(warnungen). Theresa Zimmermann ist Mitglied einer interdisziplinär und transdisziplinär angelegten Arbeitsgruppe, die Katastrophenforschung, Meteorologie, Psychologie und Gesundheitswissenschaften mit Behörden und dem Gesundheitssektor vernetzt. Ein zentrales Ziel ist die Verbesserung wirkungsbasierter Vorhersagen (impact-based forecasting) – also der Übergang von der reinen Temperaturwarnung zur Antizipation tatsächlicher gesellschaftlicher Folgen.
Evaluations- und Attributionsstudien. Das Forschungsnetzwerk ClimXtreme, in dem Sara T. Merkes und Theresa Zimmermann arbeiten, hat eine Analyse des europäischen Sommers 2025 (Lemburg et al. 2026) durchgeführt und Ursachen und Wechselwirkungen von Hitzewelle und globaler Klimaerwärmung auch für Deutschland herausgearbeitet.

Aktuelle Forschung und Beiträge zur Hitzewelle Juni 2026

Sowohl an KFS wie AKFS finden aktuell verschiedene Projekte statt, die zum weiteren Verständnis der Hitzewelle im Juni 2026 beitragen.
Post-Event-Studie. Katja Schulze und Leonie Reuter untersuchen derzeit die Wahrnehmung des Extremereignisses der Juni 2026 Hitzewelle im Rahmen einer Post-Event-Studie. Im Mittelpunkt stehen die Wahrnehmung von Warnungen, die erlebten Auswirkungen sowie das Schutz- und Hilfeverhalten der Bevölkerung. Solche ereignisnahen Erhebungen schließen genau jene empirische Lücke, die die verzögerte amtliche Statistik offenlässt – nicht auf der Ebene der Mortalität, wohl aber auf der ebenso entscheidenden Ebene von Risikowahrnehmung und Handlungspraxis.
Zivilgesellschaftliche Hitzeschutznetzwerke und Community Resilience. Ein weiterer Strang adressiert Nachbarschaften und lokale Netzwerke als oft unterschätzte, aber wirksame Akteure der Katastrophenvorsorge allgemein sowie auch des alltäglichen Hitzeschutzes im Besonderen. Leonie Reuter arbeitet dazu in verschiedenen transdisziplinären Projekten (Reuter 2025), veranstaltet Workshops, hält Vorträge und sensibilisiert für nachbarschaftliche Hilfe. Im ASB-Resilienzprogramm wird basierend auf einer von Daniel F. Lorenz und Cordula Dittmer entwickelten differenzierten Resilienzheuristik die Resilienz von Gemeinschaften gezielt gestärkt.
Studentische Abschlussarbeiten zum Thema Hitzevulnerabilität und -schutz. Verschiedene Abschlussarbeiten unter Betreuung von Daniel F. Lorenz befassen sich mit der Vulnerabilität gegen über Hitzewellen sowie der Nutzung von Hitzeschutzmaßnahmen in Berlin.
Katastrophenschutz. Hitzewellen sind bislang wenig systematisch als Szenario oder Lage in Katastrophenschutzplanungen aufgenommen worden. Im Projekt ZiVis wird dieses Szenario von Marie-Louisa Messerschmidt und Cordula Dittmer für das THW analysiert und Handlungsempfehlungen erarbeitet.

Civil society action and operational disaster management: the Berlin power outage in January 2026

On Saturday, the third of January 2026, a massive power outage occurred in the south-west of Berlin. Large parts of the localities Nikolassee, Wannsee, Zehlendorf and Lichterfelde in the district of Steglitz-Zehlendorf were without power for over four and a half days in winter weather conditions. This blog post presents the results of a quick-response research conducted in the affected areas during the power outage. Our focus was on the actions taken by civil society. We classify these actions using the DRC typology and assess the situation from a disaster sociology perspective.

By Nicolas Bock (DRU), Cordula Dittmer (AKFS) & Peter Windsheimer-Kolla (DRU)

10. April, 2026

http://dx.doi.org/10.17169/refubium-52004

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Zivilgesellschaftliches Handeln und operativer Katastrophenschutz: Der Berliner Stromausfall im Januar 2026

Am Samstag, den 3. Januar 2026, kam es im Südwesten Berlins zu einem massiven Stromausfall: Die Ortsteile Nikolassee, Wannsee, Zehlendorf und Lichterfelde im Bezirk Steglitz-Zehlendorf waren bei winterlichen Wetterverhältnissen über 4,5 Tage weitestgehend ohne Strom. Der folgende Blogbeitrag stellt Ergebnisse einer Quick-Response Forschung vor, die während des Stromausfalls in den betroffenen Gebieten durchgeführt wurde. Fokus lag auf dem Handeln der Zivilgesellschaft. Mit Hilfe der DRC-Typologie wird dieses eingeordnet und eine Einschätzung der Lagebewältigung aus katastrophensoziologischer Perspektive vorgenommen.

Von Nicolas Bock (KFS), Cordula Dittmer (AKFS) & Peter Windsheimer-Kolla (KFS)

16. Januar, 2026

http://dx.doi.org/10.17169/refubium-50971

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Das Winterhochwasser 2023/24 – Verhalten der Bevölkerung und Krisenkommunikation: Lessons to Learn

Von Nicolas Bock, Cordula Dittmer, Verena Flörchinger und Peter Windsheimer

26. Juli 2024

http://dx.doi.org/10.17169/refubium-45310

Quelle: KFS

In den letzten Wochen des Jahres 2023 kam es in Deutschland, insbesondere im Bundesland Niedersachsen, aber auch in Teilen Thüringens, Sachsens, Sachsen-Anhalts und im Westen Deutschlands zu großflächigen Überflutungen. Die Hochphase dieses Winterhochwassers fiel über die Weihnachtsfeiertage sowie Silvester. Winterhochwasser (z. B. am Rhein) sind keine Seltenheit, allerdings hatte man es bei den Winterhochwassern 2023/24 mit einer Kombination von Schneeschmelze, gesättigten Böden, volllaufenden Talsperren, langanhaltendem Regen und vollgesogenen Deichen zu tun, was die Lagebewältigung erschwerte (Müller-Tischer 2024). Durch den nach Wetterberuhigung eintretenden Frost verschärfte sich die Lage nochmals. Die Anfahrt an die Deiche mit schwerem Gerät war durch den frostharten Boden zwar möglich, gefrorenes Wasser in den Deichen barg allerdings die Gefahr von Frostbrüchen und die Einsatzmittel waren teilweisen in ihrer Tauglichkeit eingeschränkt (Müller-Tischer 2024).

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Die #Loewin und das Wildschwein – eine katastrophensoziologische Parabel

Von Cordula Dittmer und Daniel F. Lorenz

http://dx.doi.org/10.17169/refubium-45264

July 26, 2023

Am 20. Juli 2023 weckte die Warn-App NINA die Bewohner*innen des beschaulichen Oberschichtghettos Kleinmachnow, im Süden von Berlin um 4:26 Uhr mit der Nachricht: „Warnung vor freilaufender Raubkatze“, die um 6:07 Uhr nochmals erneuert wurde mit der Botschaft „Warnung vor einem freilaufenden gefährlichen Wildtier“ und der Ergänzung „Bei dem Wildtier soll es sich vermutlich um eine Löwin handeln“.

Empfohlen wurde in weiteren Warnungen, das Haus möglichst nicht zu verlassen und Haustiere ins Haus zu holen. Grundlage der Warnungen war ein relativ verpixeltes in der Nacht aufgenommenes Video, auf dem nach Aussagen der Beobachtenden sowie der Polizei, relativ eindeutig eine Löwin zu sehen wäre, wie sie nach erfolgter – ebenfalls beobachteter – Wildschweinjagd das erlegte Wildschwein fräße.

Daraufhin erfolgte eine 36-stündige Suchaktion von Berliner und Brandenburger Polizeibeamt*innen, Amtstierärzt*innen, Jäger*innen, Fährtensucher*innen und schwerem Gerät.

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10. Jahrestag des Deichbruchs in Fischbeck – Rückblick und Ausblick auf Forschungen der KFS zur Katastrophe

Von Cordula Dittmer und Daniel F. Lorenz

June 13, 2023

http://dx.doi.org/10.17169/refubium-45261

Bilder vom Hochwasser (Zur Verfügung gestellt von der Gemeinde Schönhausen) 

Vor genau 10 Jahren, während des Elbehochwassers 2013, brach am 10. Juni ein Deich in Fischbeck und eine Vielzahl an Orten in der Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land, eine überwiegend ländlich geprägte und dünn besiedelte Region östlich der Elbe im Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt, wurde überflutet. Obwohl einige Orte komplett von der Außenwelt abgeschnitten waren, widersetzten sich viele der Bewohner*innen den von behördlicher Seite angeordneten Evakuierungen, um ihr Hab und Gut zu retten und organisierten ihr Leben autark (Dittmer et al. 2016; Schmersal/Voss 2018). Zum Teil traf erst nach zwei Wochen Hilfe von außen durch die Organisationen des Katastrophenschutzes wie das Technische Hilfswerk (THW), das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Johanniter (JUH) oder auch die eingesetzte Bundeswehr ein. Andere, die der Aufforderung zur Evakuierung gefolgt waren und in privaten Unterkünften oder in Notunterkünften in Stendal, Jerichow oder Havelberg unterkamen, kehrten erst nach Wochen in teils kaum bewohnbare Wohnungen und Häuser zurück. 

Im Rahmen des Projektes INVOLVE wurde von der Katastrophenforschungsstelle (KFS) in den Jahren 2015-2018 in der betroffenen Verbandsgemeinde eine qualitative und quantitative Feldstudie mit Expert*inneninterviews, Interviews mit Betroffenen, Stakeholderworkshops, Gruppendiskussionen sowie eine quantitative Bevölkerungsbefragung durchgeführt. Das besondere Interesse lag darin, die Bedürfnisse und Selbsthilfekapazitäten in der Bevölkerung während und nach dem Hochwasser zu erfassen, um diese in zukünftigen ähnlichen Lagen (wie sie sich bspw. 2021 im Ahrtal gezeigt haben) durch entsprechende Hilfsangebote besser bewältigen zu können. Die Ergebnisse dieser Forschungen wurden u. a. in einer Ausstellung in Genthin, Schönhausen und Burg in der Region der Öffentlichkeit präsentiert.  

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KFS zum bundesweiten Warntag am 08.12.2022

Katastrophenforschungsstelle (KFS)

© Furtwängler, A.; Reichhold, K.; Huber, A.:
Griechische Vasenmalerei, Odysseus und die Sirenen, ca. 475-450 v. Chr.

1984 beschreiben Lars Clausen und Wolf R. Dombrowsky, die Wegbereiter einer deutschen Katastrophensoziologie und Gründer der Katastrophenforschungsstelle (KFS) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, das Wesen der Warnung:

„Negativ bestimmt sich so das Warnwesen als eine technische Einrichtung, die dann auch trotz besten Funktionierens und möglicher Rechtzeitigkeit sinnlos ist, weil es ein ,nacktes Warnen‘, ein Warnen ohne Bezug auf die als gefährlich definierten Umwelterscheinungen und die ihm folgenden angemessenen Reaktionen der Gewarnten, nicht geben kann. Es vereinfachte sich zu einer ,Prognose‘ herkömmlichen naturwissenschaftlichen Musters – weil ,Warnungen‘ mehr sein müssen, nämlich konkret erlauben sollen, sozial handelnd das Vorhergesagte, die Gefahr, nicht eintreten zu lassen. Nur dort, wo die Korrespondenz aller Bezüge über das gesamte Spektrum von Gefahrenantizipation, -definition, technischer Umsetzung und Reaktionstraining abgedeckt ist, ließe sich von einem gesellschaftlich funktionstüchtigen Warnwesen sprechen“ (Hervorh. im Original).

Während öffentliche Debatten – wie auch in den letzten Tagen wieder zu beobachten – über die Bedingungen erfolgreicher Warnung häufig auf den Möglichkeiten und Grenzen der zum Einsatz kommenden Technik fokussieren, lenkt die KFS seit fast 40 Jahren ihre Aufmerksamkeit auf die sozialen Voraussetzungen von Kommunikation. Grundlegende Annahme ist, dass Warnung nicht als ein linearer Transfer von Informationen begriffen werden sollte, für dessen Erfolg in erster Linie die technische Übermittlung von einem Sender an die Empfänger gelingen müsse. Stattdessen gilt es, Kommunikation als komplexen sozialen Prozess zu begreifen, der auf verschiedenen Ebenen höchst voraussetzungsvoll ist. Die konkrete Ansprache, die als Warnung in akuten Lagen erfolgt, schließt an vorherige (Risiko-)Kommunikation sowie Erfahrungen, Erwartungen, Deutungsmuster usw. einer heterogenen sich fortlaufend verändernden Bevölkerung an und wird vor diesem Hintergrund auf entsprechend vielfältige Weise rezipiert und interpretiert. Um die Voraussetzungen erfolgreicher Warnung zu verstehen, müssen diese sozialen Faktoren in den Blick genommen werden.

Wir beschäftigen uns in unterschiedlichen Projekten an der KFS und der Akademie der Katastrophenforschungsstelle (AKFS), mit verschiedenen disziplinären, inter- und transdisziplinären Zugängen mit dem Themenfeld von Kommunikation im Allgemeinen und Warnungen im Speziellen. Dabei leitet uns stets die Annahme, dass Warnung nicht ohne eine Betrachtung des soziokulturellen, ökonomischen, historischen, politischen – also letztlich gesamtgesellschaftlichen – Kontextes optimal erfolgen kann.

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Forschung der KFS zu den Starkregenereignissen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz 2021 – 1 Jahr danach

Katastrophenforschungsstelle (KFS)

http://dx.doi.org/10.17169/refubium-45069

©KFS

„Nicht alle sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äußerlich, dadurch, dass sie heute zu sehen sind. Damit aber leben sie noch nicht mit den anderen zugleich. Sie tragen vielmehr Früheres mit, das mischt sich ein“ (Bloch 1973: 104)

Direkt nach den verheerenden Starkregenereignissen im Juli 2021 in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz veröffentlichte die Katastrophenforschungsstelle (KFS) der Freien Universität Berlin ein kurzes Statement dazu, welchen Beitrag die KFS bislang in Forschungsprojekten für die Analyse verschiedener Hochwasser- und Starkregenereignisse in der Vergangenheit geleistet hat und wie diese auch in aktuellen Forschungsprojekten im Rahmen der Aufarbeitung aufgegriffen werden könnten. Zum Jahrestag der Ereignisse wird im folgenden Blogbeitrag eine erste Bilanz aus seither durchgeführten weiteren Arbeiten gezogen und vorläufige Ergebnisse präsentiert.[1]  

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