Die #Loewin und das Wildschwein – eine katastrophensoziologische Parabel

Von Cordula Dittmer und Daniel F. Lorenz

Am 20. Juli 2023 weckte die Warn-App NINA die Bewohner*innen des beschaulichen Oberschichtghettos Kleinmachnow, im Süden von Berlin um 4:26 Uhr mit der Nachricht: „Warnung vor freilaufender Raubkatze“, die um 6:07 Uhr nochmals erneuert wurde mit der Botschaft „Warnung vor einem freilaufenden gefährlichen Wildtier“ und der Ergänzung „Bei dem Wildtier soll es sich vermutlich um eine Löwin handeln“.

Empfohlen wurde in weiteren Warnungen, das Haus möglichst nicht zu verlassen und Haustiere ins Haus zu holen. Grundlage der Warnungen war ein relativ verpixeltes in der Nacht aufgenommenes Video, auf dem nach Aussagen der Beobachtenden sowie der Polizei, relativ eindeutig eine Löwin zu sehen wäre, wie sie nach erfolgter – ebenfalls beobachteter – Wildschweinjagd das erlegte Wildschwein fräße.

Daraufhin erfolgte eine 36-stündige Suchaktion von Berliner und Brandenburger Polizeibeamt*innen, Amtstierärzt*innen, Jäger*innen, Fährtensucher*innen und schwerem Gerät.

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10. Jahrestag des Deichbruchs in Fischbeck – Rückblick und Ausblick auf Forschungen der KFS zur Katastrophe

Von Cordula Dittmer und Daniel F. Lorenz

Bilder vom Hochwasser (Zur Verfügung gestellt von der Gemeinde Schönhausen) 

Vor genau 10 Jahren, während des Elbehochwassers 2013, brach am 10. Juni ein Deich in Fischbeck und eine Vielzahl an Orten in der Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land, eine überwiegend ländlich geprägte und dünn besiedelte Region östlich der Elbe im Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt, wurde überflutet. Obwohl einige Orte komplett von der Außenwelt abgeschnitten waren, widersetzten sich viele der Bewohner*innen den von behördlicher Seite angeordneten Evakuierungen, um ihr Hab und Gut zu retten und organisierten ihr Leben autark (Dittmer et al. 2016; Schmersal/Voss 2018). Zum Teil traf erst nach zwei Wochen Hilfe von außen durch die Organisationen des Katastrophenschutzes wie das Technische Hilfswerk (THW), das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Johanniter (JUH) oder auch die eingesetzte Bundeswehr ein. Andere, die der Aufforderung zur Evakuierung gefolgt waren und in privaten Unterkünften oder in Notunterkünften in Stendal, Jerichow oder Havelberg unterkamen, kehrten erst nach Wochen in teils kaum bewohnbare Wohnungen und Häuser zurück. 

Im Rahmen des Projektes INVOLVE wurde von der Katastrophenforschungsstelle (KFS) in den Jahren 2015-2018 in der betroffenen Verbandsgemeinde eine qualitative und quantitative Feldstudie mit Expert*inneninterviews, Interviews mit Betroffenen, Stakeholderworkshops, Gruppendiskussionen sowie eine quantitative Bevölkerungsbefragung durchgeführt. Das besondere Interesse lag darin, die Bedürfnisse und Selbsthilfekapazitäten in der Bevölkerung während und nach dem Hochwasser zu erfassen, um diese in zukünftigen ähnlichen Lagen (wie sie sich bspw. 2021 im Ahrtal gezeigt haben) durch entsprechende Hilfsangebote besser bewältigen zu können. Die Ergebnisse dieser Forschungen wurden u. a. in einer Ausstellung in Genthin, Schönhausen und Burg in der Region der Öffentlichkeit präsentiert.  

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KFS zum bundesweiten Warntag am 08.12.2022

Katastrophenforschungsstelle (KFS)

© Furtwängler, A.; Reichhold, K.; Huber, A.:
Griechische Vasenmalerei, Odysseus und die Sirenen, ca. 475-450 v. Chr.

1984 beschreiben Lars Clausen und Wolf R. Dombrowsky, die Wegbereiter einer deutschen Katastrophensoziologie und Gründer der Katastrophenforschungsstelle (KFS) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, das Wesen der Warnung:

„Negativ bestimmt sich so das Warnwesen als eine technische Einrichtung, die dann auch trotz besten Funktionierens und möglicher Rechtzeitigkeit sinnlos ist, weil es ein ,nacktes Warnen‘, ein Warnen ohne Bezug auf die als gefährlich definierten Umwelterscheinungen und die ihm folgenden angemessenen Reaktionen der Gewarnten, nicht geben kann. Es vereinfachte sich zu einer ,Prognose‘ herkömmlichen naturwissenschaftlichen Musters – weil ,Warnungen‘ mehr sein müssen, nämlich konkret erlauben sollen, sozial handelnd das Vorhergesagte, die Gefahr, nicht eintreten zu lassen. Nur dort, wo die Korrespondenz aller Bezüge über das gesamte Spektrum von Gefahrenantizipation, -definition, technischer Umsetzung und Reaktionstraining abgedeckt ist, ließe sich von einem gesellschaftlich funktionstüchtigen Warnwesen sprechen“ (Hervorh. im Original).

Während öffentliche Debatten – wie auch in den letzten Tagen wieder zu beobachten – über die Bedingungen erfolgreicher Warnung häufig auf den Möglichkeiten und Grenzen der zum Einsatz kommenden Technik fokussieren, lenkt die KFS seit fast 40 Jahren ihre Aufmerksamkeit auf die sozialen Voraussetzungen von Kommunikation. Grundlegende Annahme ist, dass Warnung nicht als ein linearer Transfer von Informationen begriffen werden sollte, für dessen Erfolg in erster Linie die technische Übermittlung von einem Sender an die Empfänger gelingen müsse. Stattdessen gilt es, Kommunikation als komplexen sozialen Prozess zu begreifen, der auf verschiedenen Ebenen höchst voraussetzungsvoll ist. Die konkrete Ansprache, die als Warnung in akuten Lagen erfolgt, schließt an vorherige (Risiko-)Kommunikation sowie Erfahrungen, Erwartungen, Deutungsmuster usw. einer heterogenen sich fortlaufend verändernden Bevölkerung an und wird vor diesem Hintergrund auf entsprechend vielfältige Weise rezipiert und interpretiert. Um die Voraussetzungen erfolgreicher Warnung zu verstehen, müssen diese sozialen Faktoren in den Blick genommen werden.

Wir beschäftigen uns in unterschiedlichen Projekten an der KFS und der Akademie der Katastrophenforschungsstelle (AKFS), mit verschiedenen disziplinären, inter- und transdisziplinären Zugängen mit dem Themenfeld von Kommunikation im Allgemeinen und Warnungen im Speziellen. Dabei leitet uns stets die Annahme, dass Warnung nicht ohne eine Betrachtung des soziokulturellen, ökonomischen, historischen, politischen – also letztlich gesamtgesellschaftlichen – Kontextes optimal erfolgen kann.

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Forschung der KFS zu den Starkregenereignissen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz 2021 – 1 Jahr danach

Katastrophenforschungsstelle (KFS)

©KFS

„Nicht alle sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äußerlich, dadurch, dass sie heute zu sehen sind. Damit aber leben sie noch nicht mit den anderen zugleich. Sie tragen vielmehr Früheres mit, das mischt sich ein“ (Bloch 1973: 104)

Direkt nach den verheerenden Starkregenereignissen im Juli 2021 in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz veröffentlichte die Katastrophenforschungsstelle (KFS) der Freien Universität Berlin ein kurzes Statement dazu, welchen Beitrag die KFS bislang in Forschungsprojekten für die Analyse verschiedener Hochwasser- und Starkregenereignisse in der Vergangenheit geleistet hat und wie diese auch in aktuellen Forschungsprojekten im Rahmen der Aufarbeitung aufgegriffen werden könnten. Zum Jahrestag der Ereignisse wird im folgenden Blogbeitrag eine erste Bilanz aus seither durchgeführten weiteren Arbeiten gezogen und vorläufige Ergebnisse präsentiert.[1]  

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2. UPDATE: Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Flüchtlingssituationen 2022 und 2015/16 – einige situative Beobachtungen und Thesen aus Sicht der sozialwissenschaftlichen Katastrophenforschung

Von Cordula Dittmer und Daniel F. Lorenz

Stand 29.03.2022, 14:00 Uhr

Aufgrund der sich mittlerweile sehr dynamisch entwickelnden Lage haben wir uns entschlossen, unsere Beiträge vom 05.03.2022 und 11.03.2022 upzudaten.

Seit dem Sommer 2015 untersuchten wir an der KFS zunächst im Schwerpunkt KatFlucht, ab Oktober 2018 dann im Projekt WAKE die Bewältigung der Flüchtlings­situation 2015/16 durch den deutschen und europäischen Zivil- und Katastrophenschutz. Dass es keine sieben Jahre später wieder dazu kommen sollte, dass wir es in Europa mit massiven Flüchtlingsbewegungen zu tun haben, war nicht absehbar. In den (sozialen) Medien werden zunehmend Referenzen zum Ende des Zweiten Weltkriegs oder zu 2015/16 hergestellt. Das UNHCR spricht von einem Exodus, wie er nur äußerst selten vorkommt. Mittlerweile stuft das UNHCR die Situation in der Ukraine als „Level 3 emergency“ und damit als höchste Kategorie ein. Bis zum 28.03.2022 wurden vom UNHCR 3.901.713 Flüchtlinge erfasst; daneben gibt es eine fast doppelt so große Zahl intern Vertriebener in der Ukraine. Unser Analysefokus liegt auf der Bewältigung der Situation durch staatliche und nicht-staatliche Akteure, insbesondere des Zivil- und Katastrophenschutzes: Wir beobachten gegenwärtig sowohl sehr ähnliche als auch ganz andere Bewältigungsformen wie 2015/16.

Strukturen, Lernerfahrungen und Verfahren aus der Flüchtlingssituation 2015/16 sind 2022 noch vielfach vorhanden beziehungsweise können reaktiviert werden. Die staatlichen Aufnahmestrukturen sind daher grundsätzlich besser aufgestellt als 2015/16, dies ist auch für die Hilfsorganisationen zutreffend. Zugleich muss jedoch auch konstatiert werden, dass seit 2015/16 viele Strukturen wieder abgebaut und Lernerfahrungen zum Teil nur sehr eingeschränkt dokumentiert wurden.

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1. Update Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Flüchtlingssituationen 2022 und 2015/16 – einige situative Beobachtungen und Thesen aus Sicht der sozialwissenschaftlichen Katastrophenforschung

Von Cordula Dittmer und Daniel F. Lorenz

Stand 11.03.2022, 15:00 Uhr

Aufgrund der sich mittlerweile sehr dynamisch entwickelnden Lage haben wir uns entschlossen, unseren Beitrag vom 05.03.2022 (s. u.) upzudaten.

Seit dem Sommer 2015 untersuchten wir an der KFS zunächst im Schwerpunkt KatFlucht, ab Oktober 2018 dann im Projekt WAKE die Bewältigung der Flüchtlings­situation 2015/16 durch den deutschen und europäischen Zivil- und Katastrophenschutz. Dass es keine sieben Jahre später wieder dazu kommen sollte, dass wir es in Europa mit massiven Flüchtlingsbewegungen zu tun haben, war nicht absehbar. In den (sozialen) Medien werden zunehmend Referenzen zum Ende des Zweiten Weltkriegs oder zu 2015/16 hergestellt. Das UNHCR spricht von einem Exodus, wie er nur äußerst selten vorkommt. Mittlerweile stuft das UNHCR die Situation in der Ukraine als „Level 3 emergency“ und damit als höchste Kategorie ein. Bis zum 10.03.2022 wurden vom UNHCR 2.338.262 Flüchtlinge erfasst. Unser Analysefokus liegt auf der Bewältigung der Situation durch staatliche und nicht-staatliche Akteure, insbesondere des Zivil- und Katastrophenschutzes: Wir beobachten gegenwärtig sowohl sehr ähnliche als auch ganz andere Bewältigungsformen wie 2015/16.

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Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Flüchtlingssituationen 2022 und 2015/16 – einige situative Beobachtungen und Thesen aus Sicht der sozialwissenschaftlichen Katastrophenforschung

Von Cordula Dittmer und Daniel F. Lorenz

Stand 05.03.2022, 11:00 Uhr

Seit dem Sommer 2015 untersuchten wir an der KFS zunächst im Schwerpunkt KatFlucht, ab Oktober 2018 dann im Projekt WAKE die Bewältigung der Flüchtlings­situation 2015/16 durch den deutschen und europäischen Zivil- und Katastrophenschutz. Dass es keine sieben Jahre später wieder dazu kommen sollte, dass wir es in Europa mit massiven Flüchtlingsbewegungen zu tun haben, war nicht absehbar. In den (sozialen) Medien werden zunehmend Referenzen zum Ende des Zweiten Weltkriegs oder zu 2015/16 hergestellt.  Das UNHCR spricht von einem Exodus, wie er nur äußerst selten vorkommt, da innerhalb einer Woche knapp eine Millionen Menschen fliehen musste. Unser Analysefokus liegt auf der Bewältigung der Situation durch staatliche und nicht-staatliche Akteure, insbesondere des Zivil- und Katastrophenschutzes: Wir beobachten gegenwärtig sowohl sehr ähnliche als auch ganz andere Bewältigungsformen wie 2015/16.

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