Schenkung an die Jüdische Gemeinde zu Berlin

Am 23.06.2021 konnte die Arbeitsstelle für Provenienzforschung der Freien Universität Berlin fünf Fragmente von mindestens zwei verschiedenen Toraschriftrollen als Schenkung an die Jüdische Gemeinde zu Berlin (JGzB) übergeben.

© Marcus Dost, FU Berlin

In den 1970er-Jahren wurden diese unvollständigen Teilstücke anonym vor den Türen des Instituts für Judaistik abgelegt. Über den Ursprung der Fragmente ist nichts bekannt. Nachdem diese als Anschauungsmaterial im Lehrbetrieb genutzt worden sind, erfolgte erst 2019 die Wiederentdeckung durch die Mitarbeiter*innen der Universitätsbibliothek.

Die Fragmente weisen mittlere bis starke Gebrauchsspuren auf und es fehlen die Rollstäbe. Auf einem Pergament war ein mutwilliger Ausschnitt zu erkennen. Mithilfe einer Toraschriftgelehrten (hebr. Soferet) gelang es, zwei unterschiedliche Schrifttypen (hebr. ktav Admor HaZaken und ktav Beit Yosef) zu identifizieren, die eine geografische Zuordnung ermöglichten. Die Herkunft ist deshalb im osteuropäischen Raum zu vermuten.

Deutlich zu erkennen, dass hier mutwillig im Fließtext (Kapitel 8, zweites Buch Moses) ein Ausschnitt vorgenommen wurde.
© Marcus Dost, FU Berlin

Da ein NS-verfolgungsbedingter Entzug oder eine andere Form der unrechtmäßigen Entwendung nicht ausgeschlossen werden konnte, war es der Wunsch der Freien Universität Berlin, die Tora-Fragmente an die JGzB als Schenkung zu übergeben. Die entweihten Teilstücke sollen in die Genisa (dt. Archiv) überführt und im Anschluss auf einem jüdischen Friedhof bestattet werden. Damit möchte die FU Berlin dem jüdischen Brauch nachkommen, der sich von dem 3. Vers im Traktat Schabbat 115a der Mischna ableitet: „Man darf alle heiligen Schriften aus einer Feuersbrunst retten, ob man aus ihnen liest oder nicht. Auch wenn sie in irgendeiner anderen Sprache geschrieben sind.“

Wir freuen uns außerordentlich, dass wir mit der JGzB einen Ort gefunden haben, womit diese Fragmente in die jüdische Religionsgemeinschaft zurückkehren können.

Weitere Informationen finden Sie unter: https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/262083

Neues Projekt an der Freien Universität Berlin: Provenienzforschung nach NS-Raubgut in der Bibliothek des Botanischen Garten und Botanischen Museums (BGBM)

Etwa 12 000 Bände aus den Beständen der Bibliothek des BGBM stehen unter Verdacht, NS-Raubgut zu enthalten. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste fördert seit April ein Projekt, in dem ihre Provenienzen erforscht werden sollen. Die zu untersuchenden Bücher, Zeitschriften und Sonderdrucke beschaffte die Bibliothek ab 1943 zum Wiederaufbau nach ihrer Zerstörung durch Bombentreffer. Sie wurden teils direkt von Institutionen des NS-Staats zur Verfügung gestellt, teils stammen sie vom antiquarischen Buchmarkt. In enger Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Provenienzforschung der Freien Universität Berlin werden nun die betroffenen Bestände systematisch auf Provenienzhinweise untersucht und Funde hier in der Datenbank LCA dokumentiert.

Neues Mitglied bei LCA: Bibliothek der Stiftung Topographie des Terrors

Wir begrüßen unser neues Mitglied, die Bibliothek der Stiftung Topographie des Terrors in unserer LCA Kooperation und freuen uns auf die Zusammenarbeit!

Die Bibliothek des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors ist eine öffentlich zugängliche wissenschaftliche Spezialbibliothek. Neben Fachliteratur zur Geschichte des Nationalsozialismus besitzt die Bibliothek auch einen Teilbestand an Printmedien aus der NS-Zeit. 2017 unternahm die Bibliothek erste Anstrengungen, Provenienzen der Bücher zu recherchieren und lokal zu verzeichnen. Hierbei wurden Provenienzmerkmale entdeckt, die einen Anfangsverdacht auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut begründen.

Oberrat der Israeliten Badens

Stempel des Oberrates der Israeliten Badens

Am 23.02.2021 konnte die Universitätsbibliothek der Freien Universität ein Buch aus dem ehemaligen Bibliotheksbestand des Oberrates der Israeliten Badens an die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden K.d.ö.R (IRG Baden) restituieren.

Am 13. Januar 1809 wurde der Oberrat der Israeliten Badens durch den Erlass des 9. Konstitutionsedikts von Großherzog Karl Friedrich (1728-1811) gegründet. Damit hatte das Großherzogtum Baden als erster deutscher Staat eine jüdische Religionsgemeinschaft dauerhaft legitimiert.

Bis zum März 1938 fungierte der Oberrat als Dachverband für die jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Baden. Als die Nationalsozialisten dem Verbund den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts entzogen hatte, wurde er 1939 als „Bezirksstelle Baden-Pfalz“ der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland unterstellt. Am 22. Oktober 1940 deportierten die Nationalsozialisten einen Großteil der noch verbliebenen Jüdinnen und Juden Badens in das französische Internierungslager Camp de Gurs deportiert. Die jüdischen Gemeinden waren vollständig liquidiert. In diesem Zusammenhang zerstörten die Nationalsozialisten Synagogen, Archive, beschlagnahmten Bibliotheken, raubten wichtige Kultus- und Wertgegenstände. Nur wenige Jüdinnen und Juden aus Baden überlebten die Shoah.

1953 schlossen sich der wiederbegründete Oberrat der Israeliten (Nordbaden) und die jüdische Landesgemeinde (Südbaden) zur IRG Baden zusammen. Sie tritt als Rechtsnachfolgerin des Oberrates der Israeliten Badens auf. Als K.d.ö.R. umfasst sie heute zehn jüdische Gemeinden und zählt mehr als 5.000 Mitglieder.

Das Buch wurde von der Universitätsbibliothek der FU Berlin 1968 antiquarisch erworben. Da der Band keine weiteren Provenienzspuren enthält, lässt sich der Weg, den das Buch genommen hatte, nicht genau rekonstruieren.

Buch: Festschrift zu Simon Dubnows siebzigstem Geburtstag (2. Tischri 5691).(1930)

Rechercheergebnis: NS-Raubgut, Rechtsnachfolgerin ist die IRG Baden

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Israelitische Gemeinde Karlsruhe, Bibliothek

Bibliotheksstempel mit Signatur der Israeltischen Gemeinde in Karlsruhe

Am 28.01.2021 konnte die Universitätsbibliothek der Freien Universität ein Buch aus dem ehemaligen Bibliotheksbestand der Israelitischen Gemeinde Karlsruhe an die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe (JKG) restituieren.

Die Israelitische Kultusgemeinde in Karlsruhe wurde im 18. Jahrhundert gegründet. Bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten existierten zwei Synagogen, in denen nach dem orthodoxen und liberalen Ritus gebetet wurde. Bis zu der Liquidation durch die Nationalsozialisten war die Israeltische Gemeinde in Karlsruhe von einer liberalen und orthodoxen Strömung geprägt. Neben den Synagogen entstanden dem entsprechenden Ritus folgend jüdische Friedhöfe und weitere Einrichtungen wie Schulen und andere Lehrstätten.

Es existieren heute keine Quellen mehr, die darüber Aufschluss geben, ob eine oder mehrere jüdische Gemeindebibliotheken unterhalten worden sind. Sicher ist nur, dass es eine solche Bibliothek gegeben hatte. Vermutlich wurden die Bestände im Zuge der Pogromnacht vom 9./10. November beschlagnahmt oder zerstört. Bei dem 1951 gestellten Wiedergutmachungsantrag äußerte die Gemeinde die Vermutung, dass sich in den Synagogenräumen auch wertvolle Büchereien befunden haben müssen. Während des Novemberpogroms wurden die Liberale und die Orthodoxe Synagoge geschändet, verwüstet und im Anschluss abgetragen. Erst im Jahre 1971 erfolgte ein Neubau an der Knielinger Allee.

In Abstimmung mit dem Oberrat der Israeliten Badens fungiert die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe als Rechtsnachfolgerin der ehemaligen jüdischen Gemeinden in Karlsruhe. Die JKG versteht sich heute als Einheitsgemeinde.

Buch: Die Juden in Russland. Urkunden und Zeugnisse Russischer Behörden und Autoritäten. (1900)

Rechercheergebnis: NS-Raubgut, Rechtsnachfolgerin ist die JKG Karsruhe

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Hermann Ahlfeld (1892 -1983)

Christoph Paul Hermann Ahlfeld wurde am 10. April 1892 in Magdeburg (Preußen) als Sohn von Christoph und Dorothee Ahlfeld (geb. Stille) geboren. 

Nach dem Besuch der Volksschule in Magdeburg (1898 – 1906), erlernte er den Beruf des Bau-, Möbel- und Modelltischler bei Tischlermeister Ernst Hüttenrauch in Magdeburg (1906 – 1910). Von 1910 -1911 arbeitete er als Modelltischler in Erfurt, Mönchen-Gladbach, Grevenbroich, Einswarden und Oldenburg. Von 1912 – 1927 bei Borsig und Siemens in Berlin. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wurde er zum 2. Garde-Infanterie-Regiment nach Potsdam als Militär-Krankenwärter (Sanitäter) eingezogen, im Oktober 1916 aber bereits zum Einsatz in der Industrie nach Berlin entlassen.

Von 1927 – 1930 ging er zu A. Moldenhauer und Söhne in Berlin, Ackerstr. 50. Ab 1930 war er arbeitslos. 

Parallel zu seiner Anstellung und späteren Arbeitslosigkeit engagierte sich das SPD-Mitglied (seit 1911) von 1927 – 1933 als Lehrer an der Berliner Gewerkschaftsschule und von 1932 – 1933 als Organisator und Leiter der Erwerbslosenwerkstätten in Berlin-Charlottenburg. Er selbst bezeichnete sich als in Berlin bekannter Sozialist.

Am 28. Juni 1933 verließ Hermann Ahlfeld seine Wohnung in der Krummestr. 62 in Berlin-Charlottenburg und floh, nach einer Warnung durch Genossen, nach Paris. 

Seine wirtschaftliche Situation in Frankreich war schwierig. Er arbeitete von 1933 bis 1939 als Meister in der Spielzeugfabrik „Jou-Jou“, in 3 eigenen Betrieben und als Modelltischler.

In Frankreich lernte er seine jüdische Ehefrau Marianne Ahlfeld-Heymann, geborene Heymann (07.02.1905 in Köln – 26.06.2003 Haifa) kennen und heiratete sie am 07.04.1941. Marianne war Holzbildhauerin, Kostümdesignerin, Bühnenbildnerin, Maskenschnitzerin und Marionettenbauerin. 

Das Ehepaar Marianne und Hermann Ahlfeld bekamen drei Kinder – Eva Charlotte geboren am 8. Dezember 1941 in Marseille, Martin Nobert geboren am 8. Oktober 1943 in Ales (Losere) und Jean Marcel geboren am 29. März 1945 in Florac (Lozere).

Im September 1939 begann für Hermann Ahlfeld, wie für viele Ausländer in Frankreich, auf Grundlage des Decret-Loi du Juilett 1939, sein Weg durch die Internierungslager. Vom September 1939 bis Oktober 1939 im Stadion Colombes, Paris, von Oktober 1939 bis April 1940 Camp Villerbon bei Elois (Loire), von April 1940 bis Mai 1940 Camp Chambon (Loire) und von Mai 1940 bis August 1940 Arbeits-Bataillon (Arbeitssoldat/Prestataire) in Montauban (Loire). 

Im September 1940 erfolgte die Demobilisierung nach Toulouse und von Oktober 1940 bis Mai 1941 war er Holzfäller und Köhler in Arques bei Carcassonne.

Er selbst bezeichnet die Zeit von 1941-1945 als permanente Flucht innerhalb Frankreichs. Von Dezember 1941 bis Dezember 1942 war er in Marseille und Aux-en-Provence, ab Dezember 1942 bis zum Juli 1946 in St. Privat de Vallongue und Florac (Lozere).

Die Jahre der Internierung und Flucht hinterließen Spuren. Physisch und psychisch erschöpft, begab er sich im Juli 1946 bis Februar 1947 ins Hospital Psychiatrique de St. Alban (Lozere). Ab dem Juni 1947 bis zum Dezember 1948 arbeitete er wieder als Lehrer und Werksmeister im Jugendheim der Israelischen Jugend-Alija in Pougues-les-Eaux.

Im Januar 1949 entschloss sich die Familie zur Auswanderung nach Israel. Auch hier war der Anfang schwer Hermann Ahlfeld arbeitete als selbstständiger Industrie- und Werklehrer im eigenen Betrieb für Lehrmittel.

In den 1950er Jahren stellte er einen Antrag auf Entschädigung in der Bundesrepublik Deutschland. Nach Jahren der Bearbeitung durch die deutschen Behörden, des Vorlegens von Beweismittel und endlosen Schriftverkehres mit Anwälten erhielt er eine Rentenzahlung.

Hermann Ahlfeld verstarb am 08. Februar 1983 in Haifa, Israel.

Teil der Entschädigungsakte 251.028 (liegt vor im: Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Abt I – Entschädigungsbehörde Abschnittsleitung Aktenverwahrung- und Auswertung I A 4 Fehrbelliner Platz 1 10707 Berlin) ist der Verlust der Wohnung in der Krummestr. 62 in Berlin-Charlottenburg und der dort vorhandenen Bibliothek mit ca. 3500 Büchern und eines Archivs.

Die Universitätsbibliothek der Freie Universität, Arbeitsstelle Provenienzforschung hat 2020, nach Vermittlung der Kollegen des Projekts „NS-Raubgut in der SLUB (Erwerbungen nach 1945)“ der Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), Kontakt zu einem Sohn von Hermann Ahlfeld aufgenommen.

Da es sich bei den in der Fachbereichsbibliothek für Sozialwissenschaften und Osteuropastudien der Freien Universität Berlin gefundene 8 Bücher, die eindeutig Hermann Ahlfeld zuzuordnen sind, um spezifische Gewerkschaftsliteratur handelt, bat uns sein Sohn diese doch in der Bibliothek zu belassen und den Lesern weiterhin zugänglich zu machen.

Diesem Wunsch kommen wir sehr gerne nach.

Weitere Informationen finden Sie unter: https://lootedculturalassets.de/index.php/Detail/entities/11710

Berliner Senat veröffentlicht neuen Bericht 2020 zur Provenienzforschung

Die Provenienzforscher*innen der Berliner Museen, Bibliotheken und Archiven haben in den vergangenen Jahren wertvolle Forschungsarbeit geleistet. Nun stellt der Berliner Senat in seinem Bericht für das Jahr 2020 erstmalig auch die Forschungsfelder zum NS-Raubgut an den Berliner Universitäten vor.

https://www.berlin.de/sen/kulteu/aktuelles/pressemitteilungen/2020/pressemitteilung.998413.php

Fritz Elsas (1890-1945)

Alles begann mit einem zufälligen Fund in der Wirtschaftswissenschaftlichen Bibliothek der Freien Universität Berlin im Frühsommer 2019: ein Buch, in welchem sich der handschriftliche Eintrag „Dr. Fritz Elsas“ befindet. Wie sich herausstellte, gehört dieses Buch zu einem Zugang, den die Volkswirtschaftliche Bibliothek (eine der beiden Vorgängerbibliotheken der Wirtschaftswissenschaftlichen) 1949 für einen Preis von 250 Westmark erwarb. Der Zugang umfasste ursprünglich etwa 450 Exemplare. Im Laufe der Jahre wurde etwa ein Drittel davon ausgesondert. Dennoch tauchten bei der Sichtung der übriggebliebenen Exemplare immer mehr Bücher auf, die den Eintrag „Dr. Fritz Elsas“ enthalten. Dazu kamen Fritz Elsas’ Ex libris, der Stempel „Dr. rer. pol. Fritz Elsas“ und weitere Einträge, die auf Elsas als einstigen Besitzer der Bücher hinwiesen.

Fritz Elsas. Quelle: Stadtarchiv Stuttgart. Foto: Heinz Eschwege.

Wer war Fritz Elsas nun eigentlich? Und wie kamen seine Bücher an die FU? Fritz Julius Elsas wurde am 11. Juli 1890 in Cannstatt, Württemberg, als Sohn des Cannstatter Industriellen Kommerzienrat Julius Elsas geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Cannstatt studierte er Rechts- und Sozialwissenschaften sowie Volkswirtschaft in München, Berlin und Tübingen. 1912 promovierte er schließlich zum Dr. rer. pol. In den Jahren nach Abschluss des Studiums bis 1926 bekleidete Fritz Elsas diverse öffentliche Ämter in der Stuttgarter Stadtverwaltung: zunächst als Leiter des Lebensmittelamtes, nach dem Ersten Weltkrieg als Rechtsrat und Referent für Handel, Gewerbe, Verkehr und Öffentlichkeitsarbeit und ab 1925 als Vorstand des Personalamtes. 1918 trat er der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei und war von 1926 bis April 1931 Vizepräsident und geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen und Preußischen Städtetags. 1931 wurde er zum 2. Bürgermeister Berlins gewählt. Zuvor hatte er auf eine Kandidatur zum Bürgermeister Stuttgarts aufgrund antisemitischer Anfeindungen verzichtet.

Im März 1933 reichte er ein Urlaubsgesuch ein, um einer Amtsenthebung durch die Nationalsozialisten zuvorzukommen. Wenige Monate später wurde er aufgrund seines jüdischen Hintergrundes (Elsas stammte aus einer jüdischen Familie und nahm später den evangelischen Glauben seiner Stiefmutter an) und des am 7. April 1933 verabschiedeten NS-Gesetzes „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ in den Ruhestand versetzt.Darauf arbeitete er als Wirtschafts- und Devisensachverständiger. Seit 1934 hatte Elsas Verbindungen zu einem liberalen Widerstandskreis und zu Carl Friedrich Goerdeler (früherer Leipziger Oberbürgermeister). Im Juni 1937 wurde er unter dem Vorwand von Devisenvergehen festgenommen und war bis November des Jahres in der JVA Berlin-Moabit in Untersuchungshaft.

Nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 nahm Elsas den sich auf der Flucht befindenden Carl Friedrich Goerdeler in der Nacht vom 26. zum 27. Juli 1944 bei sich zu Hause auf. In den nächsten Tagen besuchte Goerdeler ihn womöglich nochmals. Elsas hatte für Goerdeler eine Proklamation verfasst, die nach dem Attentat die Öffentlichkeit aufklären sollte und u.a. Elsas für den Posten des Leiters der Reichskanzlei vorsah. Am 10. August 1944 wurde Fritz Elsas verhaftet und in das Gefängnis Lehrter Straße in Berlin gebracht. Vermutlich hatten Nachbarn ihn und Carl Goerdeler beobachtet und angezeigt.Im Dezember 1944 wurde er in das KZ Sachsenhausen überstellt. Zu Beginn des Jahres 1945, wahrscheinlich am 04. Januar, wurde er nach dem Morgenappell – ohne Gerichtsverfahren – auf dem sogenannten Industriehof erschossen. Das Todesdatum wurde auf den 18.01.1945 festgelegt. An diesem Tag wurde im Deutschen Reichsanzeiger Folgendes bekanntgegeben: „[…] [D]er gesamte Nachlass des Juden Fritz Israel Elsas, 11. Juli 1890 in Stuttgart, zuletzt wohnhaft gewesen in Berlin-Dahlem, Patschkauer Weg 41, [wird] zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen.“

Auch zu Elsas’ Familie ist Einiges bekannt: Fritz Elsas war seit 1915 mit Marie Sophie Friederike Elsas, geb. Scholl (1886 – 1968) verheiratet. Das Paar hatte drei Kinder: Marianne Elsas (verheiratete Schulze, 1916 – 1966), Hanne Elsas (verheiratete Heuss, 1918 – 1958) und Peter Fritz Richard Elsas (11.02.1920 – 22.08.1998).

Da die Verhaftung von Fritz Elsas 1944 im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 stand, wurden seine Frau und seine Töchter in Sippenhaft genommen. Marie und Marianne wurden am 04.09.1944 verhaftet und vermutlich ab Dezember 1944 im Frauengefängnis Moabit inhaftiert, wo sie am 23.04.1945 durch Ernst Ludwig Heuss, der sich als Beamter des Justizministeriums ausgab, befreit wurden. Hanne gelang es vorerst unterzutauchen. Schließlich wurde sie jedoch festgenommen, nachdem sie um die Freilassung der Mutter gebeten hatte. Nach ihrer Verhaftung, vermutlich zu Beginn des Jahres 1945, wurde sie in das KZ Ravensbrück gebracht. Sie heiratete am 05.08.1945 Ernst Ludwig Heuss in Ravensbrück.

Peter Elsas wurde bereits am 24.09.1943 in Stuttgart verhaftet. Über seine Haft ist mehr bekannt. Er wurde als „Mischling I. Grades“ am 28.01.1944 in das KZ Buchenwald eingeliefert. Sehr wahrscheinlich wurde er aus dem Polizeigefängnis Welzheim überstellt (von dort wurde später sein Privatgeld an ihn überwiesen). In Buchenwald erhielt er die Häftlingsnummer 29812 und war als Technischer Zeichner tätig. Das war vermutlich der Grund, warum Peter Elsas nach vier Monaten Baukommando (21.02. bis 24.06.1944) in das Außenkommando Gustloff-Werke II zum Arbeitseinsatz kam. Dieses Rüstungswerk wurde am 24.08.1944 bei einem Bombenangriff der Alliierten zerstört. Peter Elsas wurde dann am 16.09.1944 in das Außenlager Witten-Annen zum Arbeitseinsatz geschickt. Das Außenlager wurde am 29.03.1945 geräumt und die Überlebenden trafen am 31.03.1945 in Lippstadt auf amerikanische Truppen. Wahrscheinlich erlebte Peter Elsas dort die Befreiung. Anfang Dezember 1946 reiste er zusammen mit seiner Ehefrau Lilli Sophie Elsas in die USA aus.

Was passierte mit Elsas Nachlass, also auch den Büchern? Fritz Elsas und seine Familie waren ab 1926 in der Goebenstraße 41 wohnhaft. Die Goebenstraße wurde zwischen 1930 und 1936 in Patschkauer Weg umbenannt. Der Patschkauer Weg 41 ist auch die letzte bekannte Anschrift Fritz Elsas’ sowie seiner Familie. Bereits am 29.07.1939 übertrug Fritz Elsas den Grundbesitz Patschkauer Weg 41 zu gleichen Teilen auf seine drei Kinder. Das Grundstück wurde am 13.01.1945 von der Geheimen Staatspolizei beschlagnahmt. Im Haus befand sich von diesem Tag an eine Gestapo-Dienststelle. Der Einzug des gesamten Vermögens wurde wie oben beschrieben am 18.01.1945 im Deutschen Reichsanzeiger bekanntgegeben.

Am 27.12.1948 stellte Marie Elsas, nun wohnhaft in der Hermann-Kurz-Straße 15 in Stuttgart, einen Antrag an das Wiedergutmachungsamt zur Rückgabe von 10.000 RM in Wertpapieren und 5.000 RM Bargeld.Das Wiedergutmachungsamt wollte ihr allerdings nur Vermögen im Wert von 378,50 RM, das bei der Berliner Stadtbank vermerkt war, zugestehen und forderte Nachweise über den restlichen Betrag. Am 01.11.1951 zog sie den Antrag zurück, da sie diese nicht erbringen konnte.

Etwa vier Jahre später, am 17.10.1955, wurde der Antrag wiederhergestellt, aber nur einen Monat später vom Senator für Finanzen abgewiesen. Marie Elsas legte darauf am 22.11.1955 Einspruch ein und erklärte, dass die Gestapo, während die Familie in Haft war, im Patschkauer Weg 41 eine Dienststelle eingerichtet hatte und alles, was sich im Haus befand, benutzte. Am 15.12.1955 wurden die Ansprüche erneut zurückgewiesen, ab dem 28.01.1956 wurde die Zurückweisung rechtskräftig.

Die Kinder waren in den Jahren 1944 – 1951 als Eigentümer der Immobilie Patschkauer Weg 41 eingetragen geblieben und haben auf dem Papier weiterhin über den Grundbesitz verfügt. Allerdings konnte die Gestapo mit Fritz Elsas’ Besitz im Patschkauer Weg 41 umgehen, wie sie wollte. Das betrifft nicht nur sein finanzielles Vermögen, sondern auch seine Bibliothek. Es ist also durchaus möglich, dass seine Bücher entwendet wurden, während sich die Dienststelle im Haus befand und dann schließlich 1949 an die Volkswirtschaftliche Bibliothek für 250 Westmark verkauft wurden. Zu beachten gilt vor allem, dass im Reichsanzeiger von Elsas’ „gesamte[m] Nachlass“ die Rede ist und nicht nur von seinem Vermögen. Somit betrachten wir Elsas’ gesamten Nachlass als Raubgut, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist.

Die Nachfragen an seine Enkelin brachten keine neuen Erkenntnisse. Alle anderen Verwandten, die dazu möglicherweise Auskunft hätten geben können, sind bereits verstorben. Die Familie hat sich entschlossen, die 128 hier gefundenen Bücher, die eindeutig Fritz Elsas zugeordnet werden konnten, der Universitätsbibliothek zu schenken. Sie werden als Sammlung geschlossen in der Universitätsbibliothek der Freien Universität aufgestellt und können vor Ort eingesehen werden. Eine Ausleihe ist aufgrund ihres Raubgutstatus nicht möglich.

Fritz Elsas‘ Ex libris.
Seine Unterschrift.
Sein Stempel.

Weitere Informationen finden Sie unter:
https://lootedculturalassets.de/index.php/Detail/entities/9545

Israelitisch-Theologische Lehranstalt Wien

Bibliotheksstempel der ehemaligen Israelitisch-Theologischen Lehranstalt in Wien

Am 15. November 2020 hat die Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin ein Exemplar aus dem ehemaligen Bibliotheksbestand der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt Wien (ITLA) an die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) restituiert.

Die Israelitisch-Theologische Lehranstalt wurde am 15. Oktober 1893 gegründet und diente bis 1938 als Ausbildungsstätte für Rabbiner, Prediger und Religionslehrer. Der Lehrplan und das Selbstverständnis standen im Einklang mit der intellektuellen Strömung der Wissenschaft des Judentums. Die Gründung der ITLA geht auf Rabbiner Moritz Güdemann (1835-1918), die Gebrüder Gutmann und Adolf Jellinek (1820 oder 1821-1893) zurück. Für die Organisation und den Aufbau der Lehranstalt diente das Jüdisch-Theologische Seminar Fraenckel’sche Stiftung in Breslau als Vorbild.

Das Lehrgebäude befand sich in der Tempelgasse 3 in Wien. Es war im heute noch existierenden Verwaltungsgebäude 2 der IKG Wien untergebracht. Im selben Gebäude befanden sich auch das 1863 von Adolf Jellinek gegründete „Beth Ha-Midrash“ und eine Mikwe. Im März 1938 wurde die Bibliothek der ITLA beschlagnahmt. Teile des Bibliotheksbestandes sind unter anderem in das Institut für politische Geistesgeschichte zu Berlin gelangt.

Buch: Antisemiten-Spiegel. Die Antisemiten im Lichte des Christenthums, des Rechtes und der Moral. (1892)

Rechercheergebnis: NS-Raubgut, Rechtsnachfolger ist die IKG Wien

Weitere Informationen finden Sie unter: https://lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/257846