Klassismus im Bildungssystem

Tomke Thielebein (SoSe 2022)

Einleitung

Das deutsche Bildungssystem ist mehrgliedrig und basiert unter anderem auf einem Selektionsprinzip. Das heißt, dass (spätestens) nach der Grundschule die Schüler*innen auf ‚begabungsgerechte‘ Schulformen aufgeteilt werden. Dieses Prinzip soll den Grundgedanken einer begabungsgerechten Bildung verfolgen. Die erste PISA-Studie hat gezeigt, dass Deutschland in keinem Schulbereich herausragend gut ist, eher das Gegenteil war der Fall vgl.:  (Lehmann, 2019). Worin Deutschland jedoch herausragend zu sein scheint, ist die soziale Selektion (vgl.: ebd.). Es scheint so zu sein, dass das Selektionsprinzip nicht zur Folge hat, dass Schüler*innen auf Schulen mit passenden Lernformen sortiert werden, sondern auf Schulen, die der sozialen Position zugeschrieben werden.

Im Folgenden möchte ich darauf eingehen, wie das Selektionsprinzip mit dem milieuspezifischen Habitus und Klassismus zusammenhängt.

1. Definition Klassismus

Klassismus beschreibt Diskriminierung aufgrund des sozialen Status oder aufgrund der Zuschreibung eines sozialen Status (vgl.: Kemper, 2021). Dieser setzt sich aus der sozialen Herkunft und der sozialen Position zusammen. Die soziale Herkunft beschreibt die soziokulturellen und ökonomischen Gegebenheiten, in die jeder Mensch hineingeboren wird (Bsp.: ein Kind, dessen Eltern arm sind). Die soziale Position beschreibt die aktuelle soziale Positionierung in der Gesellschaft (z.B. auf ALG II angewiesen sein). Sie ist veränderbar und nicht statisch. (vgl.: Kemper, 2016).

Klassistische Diskriminierung kann also auf die soziale Herkunft bezogen sein und/oder auf die soziale Position. Diskriminierung umfasst nach Iris Marion Young fünf Dimensionen der Unterdrückung: Ausbeutung, Marginalisierung, Gewalt, Macht und des Kulturimperialismus[1] (vgl.: Kemper, 2016).  Das Herstellen von Klassimus wird auf drei Ebenen beschrieben: die institutionelle, die kulturelle und die individuelle Ebene vgl.: (Kemper & Weinbach, 2018). Klassismus im Bildungssystem findet sowohl auf der individuellen als auch auf der institutionellen Ebene statt. Lehrkräfte handeln mit ihrem individuellen Mindset, Stereotypen und Vorannahmen, handeln dabei aber innerhalb einer wegbereitenden Institution. Gerade Lehrkräfte, die als Gatekeeper*innen fungieren, handeln auf beiden Ebenen.

Die soziale Herkunft hat Einfluss auf den Habituts des Individuums, der in der Kindheit geprägt wird. Nach Bourdieu ist der Habitus  „die Art und Weise, wie man sich gibt und wie man die Welt wahrnimmt” (Kemper, 2015). Der Habitus trägt demnach die soziale Herkunft nach außen. Die äußerlich sichtbare Erscheinung der sozialen Herkunft kann als schwer veränderbare Komponente betrachtet werden, die sich über die Lebensspanne nicht leicht verändern lässt. Wenn über Klassismus in der Bildung gesprochen wird, ist es sinnvoll das Konzept des Habitus genauer zu betrachten und zu schauen, wie er Einfluss auf die Chancen(un)gleichheit im Bildungssystem hat.

2. Klassismus im Bildungssystem

Im Folgenden wird auf Klassismus im Bildungssystem eingegenagen, der durch den äußerlich wahrnehmbaren Habitus erklärt wird.

2.1   Habitus in der Bildung

Mit dem Blick auf die Auswirkungen des Habitus auf Bildungschancen, wird sozusagen die klassistische Diskriminierung auf der Ebene der sozialen Herkunft betrachtet.

Hier möchte ich zuerst nochmal genauer auf den Habitusbegriff eingehen, um zu spezifizieren, wovon ich schreibe.

Der Habitusbegriff „beschreibt eine dauerhafte verinnerlichte Grundhaltung, die die Art und Weise prägt, wie Menschen ihre Umwelt, die Welt und sich selbst wahrnehmen, wie sie fühlen, denken und handeln” (El-Mafaalani, 2020)[2]. Diese Prägung findet in der Kindheit milieuspezifisch statt. Da ein Habitus milieuspezifisch ausgeprägt wird, erscheint er einem selbst und dem Umfeld als natürlich gegeben, da mit dem Umfeld ähnliche Erfahrungen und soziale Logiken geteilt werden, die den Habitus mit ausmachen (vgl.: ebd.). Innerhalb des prägenden Milieus gelingt das Habitus-spezifische Handeln und Denken widerstandslos und erscheint damit intersubjektiv wie natürlich.  Dies ermöglicht innerhalb des geteilten Milieus ein intuitives Handeln (vgl.: ebd.).

Doch was ist, wenn Personen mit einem milieuspezifischen Habitus mit Personen mit einem diametral entgegengesetzten Habitus interagieren? Laut El-Mafaalani (2020) komme es zu Spannungen, zu Missverständnissen und Dissonanzen.

Weiter geht er darauf ein, dass die meisten Lehrkräfte aus einem ‚bildungsaffinen Milieu‘ stammen und häufig auch die Mitglieder voriger Generationen bereits im sog. Bildungsbürgertum verankert waren. Auch bei Lehrkräften führt habituelle Nähe zu gegenseitiger Resonanz und habituelle Entfernung oder Entgegensetzung zu Dissonanzen und Missverständnissen. Dies sind relevante Aspekte im Selektionsprozess des Bildungssystems.

2.2   Selektion

Das deutsche Bildungssystem ist durch aufeinander aufbauende ‚Bildungsschwellen‘ gekennzeichnet; wie die Einschulung, wo geschaut wird, ob das Kind entwickelt genug für die Schule ist, dann kommt nach der Grundschule die Selektion auf unterschiedliche Schulformen, die unterschiedliche Bildungschancen ermöglichen, anschließend geht es weiter mit unterschiedlichen Abschlüssen, die verschiedene Bildungszugänge erlauben. Am gradlinigsten geht es vom Kindergarten in die Grundschule[3], von der Grundschule zum Gymnasium und vom Gymnasium zur Uni, wo erst der Bachelor dann der Master studiert wird; und wenn es eine akademische Laufbahn werden soll, geht es weiter (hoch) bis zum Doktor oder zur Professur.

Doch die Bildungslaufbahn der Kinder ist intensiv von den Abschlüssen ihrer Eltern beeinflusst, so zeigt bspw. eine Studie aus Wiesbaden, dass die Note 2,5 bei 70% der privilegierten Schüler*innen zu einer Gymnasialempfehlung führen, jedoch nur bei 20% der nichtprivilegierten. Hier zeigt sich, dass für die Verteilung der Bildungschancen nicht die Leistungen der Schüler*innen ausschlaggebend sind, sondern das Einkommen und der Bildungsstand der Eltern (vgl.: Kemper, 2021). Auch bundesweit hat sich gezeigt, dass die Bildungschancen von dem sozio-ökonomischen Status der Eltern abhängen, so zeigt sich in der IGLU-Studie (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) von 2016, dass gleiche Lesekompetenz und kognitive Fähigkeiten bei privilegierten Kinder 3,37-mal so oft eine Gymnasialempfehlung mit sich bringt, wie bei Kindern von Arbeiter*innen.

Spätestens in der Grundschule findet der erste entscheidende Selektionsschritt statt, der die weitere Bildungslaufbahn beeinflusst.

An dieser Stelle des Bildungssystems können Lehrer*innen als sog. Gatekeeper*innen beschrieben werden. Gatekeeper*innen sind hier Menschen, die bspw. eine soziale Position innehaben, die es ihnen erlaubt an Bildungsschwellen Menschen einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen oder zu verwehren, bzw. zu erschweren. Diese Gatekeeping-Praxis lässt sich in Deutschland an den oben genannten Beispielen der Schulempfehlungen an weiterführende Schulen festmachen. Arbeiter*innen- oder Armenkinder benötigen für den Aufstieg im Bildungssystem einen spezifischen sozialen Code, um mit ihrem Verhalten, Einstellungen etc. automatisch von Lehrkräften als ‚natürlich‘ und nicht aneckend handelnd gelesen zu werden, den sie sich meist in Lernprozessen aneignen müssen (vgl.: Kemper & Weinbach, 2018).

Hier kann sich die Frage gestellt werden, woran es liegt, dass diese Selektionspraxis mit einer ungleichen Chancenverteilung einhergeht. An dieser Stelle möchte ich erneut den bereits oben eingebrachten Habitus als eine Erklärungskomponente anführen. Wie bereits erwähnt haben Lehrkräfte häufig eine soziale Herkunft, die mit einem hohen sozio-ökonomischen Status einhergeht, da der Habitus in diesem Milieu geprägt ist, stellt für Lehrkräfte ein ähnlicher Habitus das ‚Richtige‘ und ‚Natürliche‘ dar. Auch kann innerhalb einer Interaktion mit einem Menschen, der ähnlich sozialisiert ist und damit einen gleichen oder ähnlichen Habitus hat, reibungsloses Verständnis stattfinden. So verweist El-Mafaalanie (2020) darauf, dass die äußere Erscheinung von Fleiß sich ggf. habituell unterscheidet und damit bei einem Kind von Arbeiter*innen weniger leicht von der Lehrkraft erkannt wird als bei einem Akademiker*innenkind[4].

Zur Irritation und nicht reibungslosen Verständigung zwischen verschieden sozialisierten Habitus, kommt die Dimension der Stereotype und Vorannahmen hinzu. Auch das Sprachverhalten unterscheidet sich habituell. Eine Studie hat gezeigt, dass lediglich eine minimale Information über das Sprachverhalten gebraucht wird, damit bei Lehrkräften stereotypes Denken aktiviert wird (vgl.: Kemper & Weinbach, 2018). Bereits durch minimale Abweichungen der Normsprache können also stereotype klassistische Zuschreibungen entstehen.

Auch die Eltern spielen eine Rolle bei dem Übergang der Grundschule in weiterführende Schulformen. Sie sind in den meisten Bundesländern die Instanz, die letztlich entscheidet, auf welche weiterführende Schule ihr Kind gehen wird. Es hat sich gezeigt, dass es unterschiedlich ist, wie die Eltern mit den Empfehlungen der Lehrkräfte umgehen. Sozio-ökonomisch schlechter dastehende Eltern hielten sich eher an die Empfehlungen der Lehrkräfte. Eltern mit einem privilegierten sozio-ökonomischen Status entschieden meist, dass ihre Kinder auf ein Gymnasium gehen sollten, auch wenn die Empfehlungen der Lehrkräfte davon abrieten (vgl.: Kemper & Weinbach, 2018).

An dieser Stelle spekuliere ich, dass verschiedene gesellschaftliche Positionen mit unterschiedlichem Selbstbewusstsein einhergehen (können). Akademiker*innen haben in ihrer Sozialisation möglicherweise mitgegeben bekommen, dass ihnen ein gewisser gesellschaftlicher Platz zustehe und dies auch für ihre Nachfolger*innen gelte.

Beispielsweise ist es in meiner Familie so, dass ich nun in der vierten Generation bin, in der studiert wurde. Einer meiner Urgroßväter war Chefarzt, einer meiner Großväter Richter und auch meine Eltern haben beide studiert. Über mehrere Generationen hat meine Familie demnach eine gesellschaftliche Position inne, die anerkannt ist und im Fall von hohen Juristen[5] und Ärzten auch gesellschaftliche Einflussnahmen möglich war. In meinem Fall war es zwar nicht so, dass meine Eltern uns zum Studieren überzeugt haben (das stand uns immer offen), aber es war immer klar, dass ich und mein Geschwisterkind das Abitur absolvieren werden.

In Hamburg ging dieses gesellschaftliche Selbstverständnis des besitzenden Bürgertums beispielsweise so weit, dass 2010 eine Bildungsreform von hauptsächlich besitzenden bürgerlichen Eltern blockiert wurde. Die Reform zielte darauf ab, die Dreigliedrigkeit zu reformieren und damit mehr Chancengleichheit zu schaffen vgl.: (Ndr, 2010). Mehr Chancengleichheit würde aber auch weniger Privilegien für bisher Privilegierte bedeuten. An diesem Beispiel wird deutlich ersichtlich, dass es gesellschaftliche Akteur*innen gibt, die ihre Privilegien bewahren möchten und dafür viel Zeit und Geld aufwenden.

2.3 Habitus und Selektion an Hochschulen

Es verwundert nicht, dass auch an den Hochschulen der sozio-ökonomische Status der Eltern einen Einfluss auf die Bildungs- bzw. Abschlusschancen hat: 1982 hatten 17 Prozent aller Studierenden einen ‚hohen‘ sozialen Herkunftsstatus und 2016 waren es 24 Prozent. Wo es 1982 noch 23 Prozent Kinder von Eltern ohne Abschluss an der Uni gab, sind es 2016 nur noch 12 Prozent (vgl.: Baudson & Altieri, 2022). An Hochschulen steigt demnach die Zahl der Studierenden mit einem ‚hohen‘ sozialen Herkunftsstatus und der Anteil der Studierenden, mit ‚niedrigem‘ sozialen Herkunftsstatus wird weniger. Es scheint sich eine (tendenziöse) Entwicklung abzulesen.

Akademiker*innenkinder haben eine dreimal so hohe Chance einen Bachelorabschluss zu erlangen wie Kinder von Arbeiter*innen (vgl.: Tawadrous, 2021). Über die ganze akademische Laufbahn hinweg zeigt sich folgendes: „Von 100 Grundschulkindern, deren Eltern beide studiert haben, besuchen 74 die Hochschule. 63 erwerben einen Bachelor-, 45 einen Masterabschluss, und 10 erlangen die Doktorwürde. Bei 100 Kindern aus nicht-akademischen Haushalten gelangen nur 21 an die Hochschulen, 15 schaffen den Bachelor, acht den Master, und nur eine Person wird promoviert“ (Baudson & Altieri, 2022). Die Kinder von Arbeiter*innen, die es trotz der Barrieren im Schulsystem auf eine Hochschule geschafft haben, scheinen hier erneut anderen Hürden ausgesetzt zu sein als Akademiker*innenkinder.

El-Mafaalani (2020) schreibt in diesem Zusammenhang über sog. ‚Bildungsaufsteiger*innen‘ und den gemeinsamen Herausforderungen, die mit dem Aufstieg und der damit zusammenhängenden Distanzierung ihres Herkunftsmilieus zusammenhängen. Diese Distanzierung findet laut El-Mafaalani (2020) u.a. durch die Veränderung des Habitus statt. Es hat sich gezeigt, dass die Erfahrung geteilt wird, als eine Person aus einem ‚unteren‘ sozialen Milieu, in einem ‚höheren‘ sozialen Milieu anzuecken (vgl.: ebd.). Routinierte und natürliche Handlungen und intuitive Reaktionen müssen kontrolliert werden, da gemerkt wird, mit den Wahrnehmungen, Verhaltensweisen und Einstellungen nicht auf Konsens zu stoßen, sondern auf Dissens[6]. Daher wir permanent das eigene Verhalten beobachtet. Die Art, wie auf andere zugegangenen wird, wie gesprochen wird oder wie gestikuliert wird, wird mit dem Umfeld abgeglichen und versucht anzupassen (vgl.: ebd.). Dass bspw. nur kleine Sprachabweichungen ausreichen, um stereotypes Denken hervorzurufen und damit ggf. klassistische Handlungen, wurde bereits im oberen Abschnitt angesprochen.

Diese Erfahrungen zeigen Aufsteiger*innen, dass sie sich von ihrem Herkunftsmilieu distanzieren müssen, um sich dem neuen Milieu anzupassen und dazugehören zu können, also nicht anzuecken. Hier wird jedoch oft erlebt, dass die Distanzierung nicht direkt mit einer Zugehörigkeit einhergeht. Vielmehr befinden sich Aufsteiger*innen in einer Zwischenposition (zu den einen und zu den anderen nicht zu passen) (vgl.: ebd.). Dies hängt z.B. damit zusammen, dass in der neuen Umgebung wenige Menschen sind, die ähnliche Erfahrungen teilen und damit nicht auf gemeinsame Werte usw. angeknüpft werden kann.

Nicht anzukommen oder nicht angenommen zu werden, sind Herausforderungen, die in dieser spezifischen Weise Menschen erleben, die sich aus Armut mit einem akademischen Weg herausbewegen wollen. Dieser Weg, der eine soziale Distanz zum Herkunftsmilieu erzeugt, bringt Unsicherheiten mit sich (vgl.: ebd.). Kinder von Arbeiter*innen sind demnach anderen Belastungen und Herausforderungen ausgesetzt als akademisch sozialisierte Kinder[7], was mit begünstigt, dass Akademiker*innenkinder eine dreimal so hohe Chance auf einen Bachelorabschluss haben. 

3. Fazit

Insgesamt kann gesagt werden, dass der sozio-ökonomische Status der Eltern aus verschiedenen Gründen relevant für den Bildungsweg ist. In dieser Arbeit wurde v.a. der Habitus betrachtet, der als äußerlich wahrnehmbare Komponente des sozialen Status zu klassistischen Zuschreibungen, durch stereotypes Denken führen kann, welches wiederum klassistische Handlungen begünstigt.

So hat sich bspw. in der Schule gezeigt, dass die Empfehlungen von Lehrkräften für ein Gymnasium vom sozio-ökonomischen Status mitbeeinflusst wird. An dieser Stelle wurde ein kleiner Abstecher zur Rolle der Eltern und deren Anerkennung der Empfehlung in Abhängigkeit zum sozio-ökonomischen Status gemacht. Hier hat sich gezeigt, dass dieser Einfluss darauf hat, ob Eltern die Schulempfehlungen der Lehrkräfte annehmen oder ignorieren. Hier wurde die Spekulation getätigt, ob dies mit einem gesellschaftlichen Selbstverständis zusammenhängt, welches durch Wertzuschreibungen und Positonierungen über Generationen entstehen kann.

Auch der Blick in die akademische Welt hat ergeben, dass der sozio-ökonomsiche Status Einfluss auf die Anzahlen von Studierenden mit ’hohem’ oder ’nidrigem’ Status hat, wie auch darauf, welcher Abschluss von welcher Statusgruppe eher erreicht wird. Hier wurde auf Herausforderungen eingegangen, die sog. Bildungsaufsteiger*innen durch ihren ’nicht zum Habitus der Akademiker*innen passenden Habitus’ ergeben.

Abschließend möchte ich sagen, dass die Auswirkungen des sozio-ökonomischen Status und dem damit einhergehenden sichtbaren Habitus deutlich die Normativität der gesellschaftlichen Anforderungen zeigt. Ebenso, wie gezeigt wird, wer diese Anforderungen formt. Am Beispiel der verhinderten Bildungsreform in Hamburg ist dies nochmal deutlich geworden.

Aus meiner Sicht sind Reflexionsprozesse der Privilegierten und der Gatekeeper*innen notwendig, um sich in eine Gesellschaft weiterzuentwickeln, die Chancengleichheit tatsächlich ermöglicht.

Literaturverzeichnis

Baudson, T. G. & Altieri, R. (2022). Klassimsu in Academia. Wer kommt an die Spitze? Forschung & Lehre. Zugriff am 17.09.2022. Verfügbar unter: https://www.forschung-und-lehre.de/karriere/wer-kommt-an-die-spitze-4340

El-Mafaalani, A. (2020, 13. Februar). Mythos Bildung: Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft. Kiepenheuer & Witsch GmbH.

Kemper, A. Klassismus im Bildungssystem: Zur virtùellen Gewalt des sich senkenden Blicks. In Kunst – Theorie – Aktivismus (S. 199–230). https://doi.org/10.1515/9783839426203-008

Kemper, A. (2016). Klassismus. Eine Bestandsaufnahme (Friedrich-Ebert-Stiftung Landesbüro Thüringen, Hrsg.). Erfurt.

Kemper, A., & Weinbach, H. (2009). Klassismus. Eine Einführung. Münster: Unrast.

Kemper, A. & Weinbach, H. (2018). Klassismus. Eine Einführung (1. Auflage). Münster: UNRAST Verlag.

Kemper, A. (2021, 4. Mai). Mehr als nur Anerkennung. taz.

Lehmann, A. (2019, 3. Dezember). Bittere Ergebnisse der neuen Pisa-Studie: Mehr Mut gegen die Mittelschicht. Taz. Zugriff am 17.09.2022. Verfügbar unter: https://taz.de/Bittere-Ergebnisse-der-neuen-Pisa-Studie/!5641658/

Ndr. (2010, 18. Februar). Kampf um Schulreform: Eliten wollen unter sich bleiben. Zugriff am 17.09.2022. Verfügbar unter: https://daserste.ndr.de/panorama/archiv/Kampf-um-Schulreform-Eliten-wollen-unter-sich-bleiben,panoramaschulreform100.html

Tawadrous, M. (2021, 22. Oktober). Chancenungleichheit in der Bildung: In der Schule gibt es mehr Probleme als nur die Digitalisierung. Tagesspiegel. Abgerufen am 14. September 2022, von https://www.tagesspiegel.de/politik/in-der-schule-gibt-es-mehr-probleme-als-nur-die-digitalisierung-4285435.html


[1] „Kulturimperialismus bedeutet, dass die besondere Perspektive einer gesellschaftlichen Gruppe unsichtbar gemacht wird. Sie wird stereotypisiert und als „das Andere“ markiert“ (Kemper, 2021).

[2] Es sind nicht nur einzelne Handlungen gemeint, sondern ein allumfassendes Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschema.

[3] Und nicht auf eine Förder- oder Sonderschule.

[4] Fleiß nenne ich hier nur als ein Beispiel, da ich denke, dass dies eine Eigenschaft ist, auf die viel Wert in der Schule gelegt wird.

[5] An dieser Stelle gendere ich nicht, weil es in meiner Familie männliche Personen waren, die diese Berufe ausübten.

[6] Dies wurde bereits im Schulkontext angesprochen.

[7] Ganz abgesehen, von den unterschiedlichen finanziellen Mitteln der Herkunftsfamilie, die ggf. das Arbeiten neben der Uni obsolet machen (ökonomisches Kapital) oder die Beziehungen der Herkunftsfamilie, die einen begehrten Job ermöglichen können (soziales Kapital).


Quelle: Tomke Thielebein, Klassismus im Bildungssystem, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 31.01.2023, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?page_id=326

Wieso Klassismus als Diskriminierungsform anerkannt werden sollte.

Ein Essay.

Anonym (SoSe 2022)

Nicht jedes Jahr in den Urlaub fahren, die Bücher von der Schule gestellt bekommen, Anträge stellen um mit auf Klassenfahrt zu können. So sah meine Lebensrealität aus und im Studium geht es weiter: keine großen Auslandsaufenthalte, kein unbezahltes Praktikum annehmen können, nach Berlin pendeln, da Wohnen hier so teuer ist, die Berliner- Mieten stemmen zu müssen, nur ein weiteres Problem, ein weiterer Stressfaktor wäre.

Während meine KommilitonInnen für all diese Dinge Ressourcen zur Verfügung haben, diese Sorgen in ihrem Leben keine Rolle spielen, plane ich beim Stundenplan-Erstellen meinen Nebenjob fest mit ein, kann dabei nicht so frei wählen, wie ich will und für ein unbezahltes Praktikum ist auch keine Zeit. Es sind kleine Unterschiede, denen ich mir zuvor nie richtig bewusst war. Dass auch ich von Klassismus betroffen bin, habe ich erst richtig im Seminar verstanden. Auch wenn ich diese Unterschiede gemerkt habe, waren sie kein großes Thema oder ich wollte sie nicht an mich heranlassen. Schließlich komme ich so ja auch klar. Ich tue nur einfach immer mehr, kämpfe immer mehr, um das, was ich will und erreichen mag, weil ich das alles allein stemmen muss.

Ich habe mich nie richtig ausgeschlossen gefühlt, aber auch nie richtig dazugehörig. Das ist genauso unangenehm. Vielleicht weil es subtiler ist, weil dich niemand wegstößt und direkt ablehnt. Vielleicht weil du immer denkst, das hat etwas mit dir zu tun, du bist nicht genug, du bist nicht richtig. Dabei kannst du gar nichts dafür. Aber Klassismus, also diese kleinen feinen Unterschiede, machen es so einfach dich selbst in Frage zu stellen, dich mit Personen zu vergleichen, die eine ganz andere Lebensrealität haben, an die du nicht so einfach herankommst, mit der du nicht aufgewachsen bist. Am Ende hat mich Klassismus gelehrt, stark zu sein, stark sein zu müssen. Mich zu positionieren, durchzukämpfen, meine Stärke ist harte, ehrliche Arbeit und damit kann ich meine Ziele erreichen.

Das Ganze erst so spät zu verstehen, ist schwierig. Es hat mich ein wenig aus der Bahn geworfen, mich ganz anders auf mein Leben zurückblicken lassen. Im Seminar habe ich schließlich nicht nur gelernt, dass Klassismus existiert und mich betrifft, sondern auch, dass das Thema lange ignoriert wurde. Zwar erklärt das, wieso ich zuvor nie wirklich etwas davon gehört habe, wirklich fair finde ich das aber nicht. Klassismus ist nicht einfach nur ein Thema für Uniseminare, sondern ein Diskriminierungsgrund, ein real existierendes Problem, das Ungleichheiten erzeugt. Ein Problem, über das AkademikerInnen schreiben und forschen, während ArbeiterInnen sich klein und wertlos fühlen. Ein Problem unserer modernen Gesellschaft, dem mehr Aufmerksamkeit zuteilen werden sollte.

Auch Andreas Kemper macht sich für diese Auffassung stark. Er führt an, dass – laut dem dritten Antidiskriminierungsbericht – die soziale Herkunft neben dem Geschlecht die wirkungsmächtigste Querschnittskategorie ist.[1] Als weiße cis Frau kann ich dem nur zustimmen. In der Caleidoscopia-Übung zu Beginn des Seminars haben die Kategorien Geschlecht und soziale Herkunft bei mir die ersten beiden Plätze eingenommen, da ich ansonsten viele Privilegien genieße.

Welche Diskriminierungserfahrungen ich als Frau mache, welche Benachteiligungen ich dadurch erfahre, möchte ich im Folgenden nicht weiter thematisieren, da es sich zum einen mit vielen überschneidet, was bereits bekannt ist und ich in diesem Essay einen Fokus auf Klassismus als gesellschaftliche Unterdrückungsform werfen möchte. Auch wenn Kategorien sich immer wieder überschneiden und Mehrfachdiskriminierungen erzeugen, eine gewisse Intersektionalität nicht zu vernachlässigen ist, entscheide ich mich hier ganz bewusst über Klasse, Klassenherkunft- und -unterschiede zu schreiben. Denn dieser wirkungsmächtigen Kategorie wird noch zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht. Ein Grund dafür könnte sein, dass es Ende der 1990er Jahre ohne weitere Diskussionen im Zuge der Amsterdamer Verträge als Diskriminierungsmerkmal entfernt wurde und seitdem nicht wieder aufgenommen wurde.[2] Weitere Gründe wie Diskriminierung aufgrund des Alters, der sexuellen Orientierung und körperlicher Behinderung sollte im Zuge der Amsterdamer Verträge ebenfalls entfernt werden, wurden jedoch wieder aufgenommen.[3]

Wieso die soziale Herkunft nicht? Wieso soll diese keine Rolle spielen, wenn dadurch eine Abwertung und eine Abgrenzung stattfindet? Wie Francis Seek betont, ist Klassismus nichts anderes als die Aufrechterhaltung und Legitimierung von sozialer Ungleichheit in unserer Gesellschaft.[4]

Der Begriff, um dieses Diskriminierungsmerkmal zu beschreiben, ist bereits vorhanden und das nicht erst seit Kurzem. Er existiert seit über hundert Jahren. Erstmals tauchte er 1974 bei der US-amerikanischen Gruppe „The Furies“ auf. Auch in Deutschland organisierten sich in den 1970er- und 1980er-Jahren Arbeiter_Innentöchter an Hochschulen. In den späten 80er-Jahren bildeten sich Prolesben-Gruppen, die Strategien gegen soziale Ungleichheit und ein Umverteilungsfond für Lesben in prekären Situationen einrichteten.[5] Klassismus ist demnach kein neuer Begriff, er wurde in der Breite nur nicht zur Kenntnis genommen.

Anknüpfend an diese ersten Gruppen für eine antiklassistische Praxis führt Andreas Kemper eine Bestandaufnahme für Deutschland an. Neben den feministischen Selbstorganisationen gibt es die sogenannten Social Justice Trainings, die als Empowerment für Menschen aus den benachteiligten Gruppen dienen sollen sowie für privilegierte Menschen, um eine Sensibilisierung zu schaffen. Hier wird Klassismus als ein Modul gelernt, neben weiteren Diskriminierungsformen wie Sexismus, Heterosexismus und Antisemitismus. Als weiteren Bereich nennt Kemper die antiklassistische Bildungspolitik. Dazu zählt er die WCPCA-Verteiler, die aus der US-amerikanischen Gruppe „Working Class/Poverty Class Academics“ entstand. Dabei handelt es sich um E-Mail-Verteiler, von AkademikerInnen mit einer Herkunft aus der ArbeiterInnenklasse. Nachdem der jährlich stattfindende Kongress zur Bildungsbenachteiligung/Klassismus 2011 vom Fikus-Referat an der Uni Münster ausgerichtet wurde, etablierten sich auch in Deutschland WCPCA-Verteiler. Seither existieren über 60 deutschsprachige.[6]

Hier endet die Bestandsaufnahme von Kemper, da er folglich nur noch von Perspektiven und Maßnahmen reden kann, die getroffen werden sollten. Fehlende Maßnahmen, offene Baustellen, die zeigen, wie wenig Beachtung Klassismus entgegengebracht wird. Es erscheint wie eine traurige Selbstironie, wenn ein Institut für Klassismusforschung nicht genügend finanzielle Ressourcen besitzt. Und es wird deutlich, was für ein blinder Fleck Klassismus in Institutionen und im Schulbereich ist, wenn Maßnahmen gegen Diskriminierung existieren und sogar Projekte wie „Schule gegen Rassismus“ entstehen, diese aber nicht auf Klassismus übertragen oder angepasst werden.

Eine antiklassistische Praxis in Deutschland existiert bereits und verweist darauf, dass Klassismus ein Problem ist, eine Diskriminierungsform, der wir – genauso wie anderen Formen der Unterdrückung und Benachteiligung von Menschen – nachgehen und bekämpfen müssen.

Welche Aktualität Klassismus besitzt, betont Seek, als sie auf die Coronapandemie verweist. Während die Wirtschaft eingebrochen ist, haben Milliardäre weltweit ihr Vermögen um 60% gesteigert und auch die zehn reichsten Deutschen haben im Coronajahr 2020 eine Steigerung ihres Vermögens um 35% gegenüber dem Vorjahr verbucht. Die Armutsquote liegt bei 15,9% und ist damit so hoch wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr.[7] Dabei sind die Langzeit-Auswirkungen von zwei Jahren Pandemie noch nicht Mal im vollen Maße spürbar.

Doch die Zahlen verdeutlichen bereits jetzt, dass auch vor dem Coronavirus nicht alle Menschen gleich sind. Über diese Unterschiede, über diese Zahlen, die Klassismus auf dem Silbertablett servieren, ist jedoch wenig bekannt, wird wenig berichtet. Denn Klassismus ist – gegenüber anderen Diskriminierungsformen wie Sexismus oder Rassismus – weitgehend unbekannt. Auch wenn Andreas Kemper und Heike Weinbach bereits über zehn Jahren eine Einführung in das Thema Klassismus veröffentlichten, passierte erst etwas, nachdem literarische und autobiografische Bücher erschienen sind. Von Einzelschicksalen zu erfahren, funktionierte nicht nur in den Massenmedien, sondern auch hier besser, brachte dem Thema mehr Aufmerksamkeit und ein besseres Verständnis entgegen. So konnten sich alle – privilegierte Menschen sowie benachteiligte – mehr darunter vorstellen, dem noch eher unbekannten Begriff etwas zuordnen beziehungsweise endlich einen Begriff haben, der alles beschreibt und ihn mit Wissen füllen oder eigenen Erfahrungen.

Es funktionierte auch bei mir. Der Einstieg ins Seminar mit autobiographischen Texten war augenöffnend, hat den ganzen diffusen Erfahrungen, die ich gemacht habe und nicht so recht einordnen konnte, die ich damals nicht so recht verstand, einen Spiegel vorgehalten. Es ist so wie Arslan meint: „Ich glaube als Arbeiter*innen-Kind, dass man aus der Person der Betroffenen schon sehr viel reflektiert. Du hast einfach den Blick von unten.“ [8]

Mir fiel es leicht mich in den Beschreibungen von den unterschiedlichen Autor*innen wiederzufinden. Zum Beispiel berichtet Stengele über ihre Klassenherkunft, erzählt wie sie bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist, im Studium keine unbezahlten Praktika annehmen konnte und auf eine Notlösung zurückgreifen musste, beschreibt damit auch die Unterschiede zwischen ihr und den anderen Studierenden. Zudem beschreibt sie einen Entfremdungsprozess von ihrem bisherigen Umfeld und wie sich ihre Ansichten und ihre Sprache verändert haben.[9] Jedes Mal, wenn ich meine Familienmitglieder über meine Hausarbeiten lesen lasse, spüre ich diese Unterschiede, wie fremd ihnen diese akademische Sprache ist und was ich da eigentlich tue. Wenn ich mit anderen Studierenden rede, in der Mensa zusammensitze, spüre ich ebenfalls Unterschiede. Ich kann nicht so einfach länger studieren, mir noch Zeit lassen, da ich auf Bafög angewiesen und damit an die Regelstudienzeit gebunden bin. Zwar teilen wir auch viele Erfahrungen, können uns austauchen, werde ich in einigen Punkten besser verstanden, kann mich und meine akademische Sprache entfalten, aber uns trennen dennoch verschiedene Welten. So wie Stengele hat meine Klassenherkunft mein Leben geprägt und tut es immer noch. Ich bin mitten in diesem Entfremdungsprozess, stehe zwischen den Stühlen, gehöre in beide Welten, meiner Heimat und der der akademischen Lehre, nicht (mehr) recht hin. Durch die Texte, das Seminar und die gesamte Auseinandersetzung mit dem Thema Klassismus habe ich gelernt, dass das Ganze, dieser Prozess, nicht einfach nur etwas mit dem Erwachsenwerden zu tun hat, der Tatsache, dass ich nächsten Sommer meine Bachelorarbeit schreibe und dann wieder ins Ungewisse trete. Nein, es ist meine Klassenherkunft, die mir diese Erfahrungen einbringt, mich diese Unterschiede spüren lässt, mich unpassend für die Stühle macht.

Am meisten konnte ich mich mit den Schilderungen von Barbara Blaha identifizieren. So wie bei ihr ist irgendwie immer aufgefallen, dass wir mit fünf Kindern viele sind, dass diese Familiengröße nicht ganz üblich ist. Bei dem Besuch von SchulfreundInnen sind mir auch Kleinigkeiten aufgefallen, die ich als Kind einfach erstmal nur registriert habe. Ich habe die besseren Einrichtungen gesehen, die teuren technischen Geräte und das meine FreundInnnen sich ihre Zimmer nicht mit den Geschwistern teilen mussten. Meine Mutter ist alleinziehend und neben den Klamotten meiner Geschwister, die ich getragen habe, haben wir auch welche geschenkt bekommen. Das kannten die anderen nicht, das gab es bei denen nicht. Auch meiner Mutter war mein schulischer Erfolg nicht so wichtig, sie hat mir da nie Druck gemacht. Ihr war es immer nur wichtig, dass es mir gut geht, dass ich glücklich werde.[10] Mich mit Baha zu identifizieren, war so einfach, da auch für mich das „Lesen ein sehr großer Punkt ist“[11]. Ich habe immer gern und viel gelesen und gehe begeistert in meine Literaturseminare, fühle mich in der Germanistik gut aufgehoben. Ich bin die einzige meiner Geschwister, die studiert. Zwei von ihnen haben ebenfalls begonnen, aber wieder abgebrochen. Somit bin ich die Einzige, die einen Universitätsabschluss in Sichtweite hat. (Ein ganz komisches Gefühl, dass auf einmal so aufzuschreiben, weil ich mich dadurch nicht anders oder besser als sie fühle.)

Neben den Erfahrungen, die auch Blaha schildert, wie sich ständig darum zu kümmern, welche soziale Unterstützungsmöglichkeiten man beantragen kann, sind es auch die Empfindungen, die übereinstimmen und die sie so treffend beschreibt. Denn es ist ein permanenter Stress, ein Gefühl nicht ganz hierherzugehören, „ein Gefühl grundsätzlicher Überforderung“ [12]. Tatsächlich will ich mich aber gar nicht groß beklagen, habe nicht das Gefühl, dass es mir so schlecht ging. Denn wir hatten alles, was wir brauchten, für unsere Grundversorgung war gesorgt. Auch ich habe oft gehört, dass wir uns etwas nicht leisten können, dass etwas zu teuer ist, früh gelernt was Sparen ist und gelernt mich in Wünschen, die Konsumgüter betreffen, zurückzunehmen. Aber: „Es war mehr das Gefühl, dass wir zwar keine Kohle haben, aber es ist trotzdem okay“ [13]. Wir hatten immer zu Essen, ein Dach über den Kopf, unsere Schulbildung. Das hat alles geklappt, das hat uns allen auch zugestanden.

Ich will mich nicht groß beklagen, da meine Klassenherkunft mich schließlich vieles gelehrt hat, mir vor allem beibrachte, wie ich ganz allein stark sein muss, wie stark ich sein kann. Ich wusste es ja, habe es immer gespürt, dass ich andere Voraussetzungen hatte und habe und ich daher immer mehr strampeln muss, mich selbst organisieren und somit extrem selbständig werden musste. Doch das ist auch, wie Blaha betont, eine starke Antriebskraft, zu wissen, ich habe das ganz allein gemacht, ich habe das alles allein geschafft.

Ja, ich spüre das und ich schätze das sehr, doch ich merke auch, dass meine KommilitonInnen geübter darin sind, das Wort in sozialen Situationen zu ergreifen, dass sie mehr freie Zeit zur Verfügung haben, Zeit und Geld haben in den Ferien lange Urlaub im Ausland zu machen. Und inzwischen, da bin ich mir ziemlich sicher, merke nicht nur ich das, sondern auch die anderen. Auch meinen privilegierten Mitstudierenden fällt auf, dass es Unterschiede gibt. Ich erinnere mich gut an die Situation, als ich mit einem Freund zusammen in der Mensa saß, der mit mir Germanistik an der FU studiert und er meinte, er wüsste gar nicht wie er das alles manchmal machen soll, wenn er noch arbeiten gehen müsste, so wie ich. Während er seine Hausarbeiten immer wieder aufschiebt, als Altlasten mitschleppt, plant sich mehr Zeit fürs Studium zu lassen, so sieben vielleicht auch acht Semester, bin ich dazu angehalten, dass alles schnell zu erledigen, da ich Arbeit noch einplanen und mir meinen Stundenplan in jedem Semester vollhauen muss, da ich in sechs Semestern abschließen sollte, um finanzielle Unterstützung zu erhalten. Er zieht den Hut vor mir. Einen Hut, den ich mir niemals aufsetzten kann, da er mir nie passen wird.

In diesem Gespräch, durch all meine Erfahrungen im Leben und im Seminar habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, darüber zu reden. Ich will das tun, das ganze Thema nicht unsichtbar werden lassen. Ich will weiterhin lernen mit anderen ins Gespräch zu kommen, mich auszutauschen und meine Erfahrungen zu berichten.

Die soziale Herkunft und Lage prägen unser Leben, unsere Ansichten, unsere Sprache, Möglichkeiten und Voraussetzungen, die Art, wie wir mit Geld umgehen, wie wir von unserem zukünftigen Leben träumen. Klassismus bildet eine Diskriminierungsform, einen Grund sich ausgeschlossen zu fühlen, Benachteiligungen zu erfahren oder von seinen Privilegien zu profitieren. Demnach bin ich dafür, diesen Ismus als eine Art der Diskriminierung anzuerkennen und sich darüber zu bilden sowie Maßnahmen gegen Klassismus zu entwickeln und zu fördern.


[1] vgl. Andreas Kemper. 2018. Die vergessene Benachteiligung. Warum Klassismus ein eigenständiges Diskriminierungsmerkmal sein sollte, S.2.

[2] vgl. ebd. S.1.

[3] vgl. Friedrich Ebert Stiftung. Landesbüro Thüringen (Hrsg.). Andreas Kemper 2016. „Antiklassistische Praxis in Deutschland“. In: Klassismus. Eine Bestandsaufnahme, S.20.

[4] vgl. Francis Seek 2022. Klassismus. Die ignorierte Diskriminierungsform. In: Dies. Zugang verwehrt, S.13.

[5] vgl. ebd. S.17-18.

[6]  vgl. Andreas Kemper 2016. „Antiklassistische Praxis in Deutschland“. In: Klassismus. Eine Bestandsaufnahme, S. 16.

[7] vgl. Francis Seek 2022. Klassismus: Die ignorierte Diskriminierungsform. In: Dies. Zugang verwehrt, S.15.

[8] Zeyneb Arslan 2021. Ich will dahin, aber ich komme nicht rein.  In: Bettina Aumair/Brigitte Theißl (Hrsg.). Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt, S. 142.

[9] vgl. Julischka Stengele 2021. Ich habe einen hohen Preis bezahlt. In: Bettina Aumair/Brigitte Theißl (Hrsg.). Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt, S.167-170.

[10] vgl. auch Blaha, Barbara 2021. Arbeiter*innen sind nicht die besseren Menschen. In: Bettina Aumair/Brigitte Theißl (Hrsg.). Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt, S.53- 59.

[11] ebd. S. 60.

[12] ebd. S.63.

[13] ebd. S.64.


Quelle: Anonym, Wieso Klassismus als Diskriminierungsform anerkannt werden sollte. Ein Essay, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 22.11.2022, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=316

Check your privilege – und dann?

Die Individualisierung des Klassismus-Begriffs und die neo-liberale Vereinnahmung von Diversity

Amelie Kloas (SoSe 2022)

Klassistische Diskriminierung oder kapitalistische Ausbeutung

Während der Begriff des Klassismus nicht nur im akademischen Gebrauch, sondern auch gesamtgesellschaftlich immer präsenter wird, scheint es, als würde der Begriff Klasse(nkampf) in linksradikalen Ecken versauern. Eine kulturalistische Analyse von Klasse und die Individualisierung klassistischer Diskriminierung charakterisieren einen bürgerlichen Diskurs, der die Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiter*innen nicht nur auf die Mikroebene herunterbricht und somit Handlungsmöglichkeiten unterbindet, sondern diese Mechanismen manifestiert. Auch wenn die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien elementar für die weiterführende Analyse mit gesamtgesellschaftlichen Strukturen ist, tut sich eine Falle auf, wenn das Problem white privilege und nicht white supremacy, klassistische Diskriminierung und nicht kapitalistische Ausbeutung, Sexismus und nicht Patriarchat, Homophobie und nicht Heteronormativität heißt. Intersektionale Perspektiven helfen uns, Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen besser zu verstehen, wenn wir analysieren, dass diese anhand verschiedener Kategorien verlaufen und miteinander verzahnt sind. Die Individualisierung dieser intersektionalen Mechanismen aber raubt politische Handlungsmöglichkeiten. Im Folgenden werden in Tradition marxistischer Theorie die Individualisierung des Klassismus-Begriffs und die neo-liberale Vereinnahmung von Diversity analysiert.

Dazu wird zunächst die Genese des Klassismus-Begriffs skizziert. In diesem Zuge soll ergänzend auch der Begriff Klasse besprochen werden und inwiefern sich diese Kategorie von anderen Identitätskonstruktionen unterscheidet. Daran anschließend soll die Individualisierung von Diskriminierungsformen, insbesondere des Klassismus diskutiert werden. Nach einer Skizzierung des Konzeptes der Intersektionalität und ihrer Relevanz für klassenpolitische Fragen wird umrissen, welche Bedeutung aus dem Umgang mit den eigenen Privilegien weiterhin aus dem Konzept der Diversity Trainings hervorgeht. Abschließend sollen Handlungswege und das emanzipatorische Potential ebendieser aufgezeigt werden. Dieses Essay will als schwesterliche Kritik einen Beitrag zu der Diskussion zum Verhältnis der eigenen politischen Praxis, des eigenen politischen Seins, der eigenen Situiertheit in unserer Gesellschaft und den strukturellen Problemen des Systems beitragen.

Genese des Klassismus-Begriffs

Der Klassismus-Begriff ist umstritten. Er bezeichnet je nach Definition die Diskriminierung einzelner Personen oder Personengruppen entweder aufgrund ihrer jeweiligen Klassenumstände oder ihrer sozialen Herkunft/Schicht/Position. Der Begriff reiht sich auch semantisch durch sein Suffix in andere Diskriminierungsformen ein, thematisiert innerhalb der meisten Definitionen eher die Auswirkungen, nicht eigentlichen Ursprünge von Klassismus (Dermitzaki, 2020).

Zurückführen lässt sich die Nutzung des Begriffs auf die Lesbengruppe Furies, welche sich in den USA in den 1970ern gegen das neoliberale Narrativ des sozialen Aufstiegs durch Anstrengung positioniert und aus einer gesellschaftlichen Positionierung als Arbeiter*innen_töchter die klassistische Diskriminierung skandalisiert. Durchsetzen konnte sich diese kapitalismuskritische Analyse aber nicht und einer der heute bekanntesten Klassismusforscher, Chuck Barone, verhandelt Klasse als sozial konstruierte Kategorie. Im deutschsprachigen Raum besteht die Schwäche des englischen Begriffs class, nämlich die mangelnde Unterscheidung zwischen Klasse und Schicht, zumindest semantisch nicht. Trotzdem setzt sich in Deutschland bis heute das Verständnis von Klassismus als „persönliche, intergruppale und kulturelle Unterdrückung“ aus den USA nicht nur in sozialwissenschaftlichen, sondern auch aktivistisch politischen Kontexten durch (Baron, 2014). Andreas Kemper definiert Klassismus als „Ausbeutung, Marginalisierung, Gewalt, Macht und Kulturimperialismus aufgrund der sozialen Herkunft oder Position“ (Kemper, 2016). Gegenstand von Diskussion sollte hier durchaus sein, warum in dieser Definition der Grund als soziale Herkunft oder Position, nicht die Klassenzugehörigkeit benannt wird. Anhand dessen stellt sich heraus, dass dieser Klassismusbegriff eben als alltagspolitischer Begriff Wirkung entfaltet- die ursächlichen Gründe, nämlich das kapitalistische Wirtschaftssystem, geraten hier mindestens in den Hintergrund und Klassismus wird zu einer Form von Diskriminierung, die durch „anti-klassistische Praxis“ wie das Besuchen von Workshops aufgehoben werden kann. Auffällig sind wohl auch Berührungsängste mit den Begriffen Klasse und Klassenkampf. Beispielhaft: Andreas Kemper stellt im Zuge der Konzeptualisierung einer Anti-Klassismus Matrix vier analytische Elemente von Klassismus auf. Eines davon der Klassenkampf. Kemper aber schreibt, dass dieser besser als „Klassenaufhebungspraxis“ bezeichnet werden könne (Kemper, 2016). Begriffe mit marxistischer Konnotation werden gemieden bzw. neue Begriffe für solche erfunden, die es seit Jahrhunderten gibt. Weiter noch, die ein und dasselbe meinen.

Differenzkategorien – warum Klasse anders ist

Einige Klassismus-Forscher*innen verhandeln die Kategorien class, race, gender, sexuality und body analytisch einheitlich. Somit entsteht teilweise die Annahme, auch Klasse wäre sozial konstruiert. Die analytische Kategorie Klasse aber beschreibt keine mehrheitsgesellschaftlich zugeschriebene Zugehörigkeit, sondern trifft Aussagen über die Widersprüche des kapitalistischen Systems und versucht die Ursachen struktureller Ungleichheit zu verorten (Baron, 2014). In anderen Worten: Differenzkategorien wie gender und race münden zwar in materieller Ungleichbehandlung, lassen sich aber nicht dadurch begründen. Sie sind sozial konstruiert, lassen sich historisch mit Kolonialismus, Patriarchat und Kapitalismus verknüpfen. Klasse hingegen ist eine Kategorie, die sich aus den systemimmanenten materiellen Ungleichheiten des Kapitalismus begründet. Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit und Ableismus stellen Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse im Kapitalismus dar. Tupoka Ogette beschreibt, wie Rassismus schon im 15. Jahrhundert die „ideologische Untermauerung“ einer „weltweiten Plünderungsindustrie“ bildet. Auch wenn wir zu dieser Zeit noch nicht von Kapitalismus sprechen können, so wird deutlich, wie die Differenzkategorie race konstruiert wird, um Profitmaximierung durch Ausbeutung, hier durch die Maafa, zu generieren. Weiterhin, dass wir die Entstehung der Differenzkategorie race nicht von Kolonialismus und Imperialismus, später auch von Kapitalismus trennen können (Ogette, 2020).

Die Individualisierung von Klassismus

Die eben angeführte Argumentation verwirft nicht den Anspruch, klassistische Diskriminierung anzuerkennen und dagegen zu kämpfen. Die Reflektion der eigenen Sprache, die Auseinandersetzung mit Exklusionsmechanismen und Zugangsmöglichkeiten im eigenen Umfeld muss zwangsläufig erfolgen, darf aber nicht verkennen, dass nicht klassistische Diskriminierung ursächlich für Unterdrückung und Ausschluss ist, sondern die Ausbeutung im kapitalistischen System. Diese raubt Arbeiter*innen jegliche Ressourcen die nötig wären, um am gesellschaftspolitischen Leben teilzuhaben. Personen in Lohnarbeit erwirtschaften mit ihrer Arbeitskraft einen Mehrwert, welcher durch die Kapitalist*innenklasse angeeignet wird. Die Differenz von geschaffenem Mehrwert und vergüteter Arbeitskraft stellt den erwirtschafteten Profit (Lhotzky, 2016, 2021). Diese Logik bildet die ökonomische Grundlage des Kapitalismus und verzahnt sich mit patriarchaler und rassistischer Unterdrückung. Das Kapital – ökonomisches, kulturelles sowie soziales – sammelt sich monopolartig in den Händen weniger Menschen. Seeck und Theißl formulieren treffend: „Klassismus lediglich als Diskriminierungsform zu verstehen, ohne die (Um-)Vertei-lungsfrage zu stellen, greift zu kurz und steht einer emanzipatorischen antiklassistischen Politik entgegen“ (Seeck & Theißl, 2021).

Die Individualisierung von Klassismus, wie auch bei allen anderen sozialen Kategorien, entlässt das System aus der Verantwortung und verschleiert und/oder manifestiert damit die bestehenden Verhältnisse. Erfolgt eine Reduktion von Klassismus auf Einstellungen und Verhalten einzelner Personen(gruppen), so gerät außer Acht, dass Klassismus keine Nebenwirkung des kapitalistischen Systems, sondern eine Notwendigkeit ist. Anti-Klassistische Arbeit ist durchaus notwendig, bleibt aber nur ein leeres Versprechen, wenn nicht auch die ökonomischen Verhältnisse in Analyse und Handlungsstrategien mit einbezogen werden. Weiterhin sind Differenzkategorien wie Klasse, Sexualität, Geschlecht und race keine Identitätsmarker, die ahistorisch und isoliert auftreten, sondern soziale Beziehungen, die sich erst in Einbettung bestehender Machtverhältnisse ausformulieren lassen.

Individuelle Erfolgsgeschichten werden exemplarisch gerne dafür genutzt, das neoliberale Narrativ von sozialem Aufstieg zu untermauern. Dass Klassen- oder Schichtmigration nur den wenigsten möglich ist und dem Großteil der Arbeiter*innenklasse verwehrt bleibt, wird dabei ausgelassen. Laut Daten der Hans-Böckler Stiftung ist ein sozialer Aufstieg in den Jahren 2009-2013 36% aller armen Menschen in die „untere Mitte“ gelungen. Das sind 11% weniger als noch 1991-1995. Der Aufstieg in die „obere Mitte“ gelang 2009-2013 nur 7% aller armen Menschen. Als arm gilt in diesen Berechnungen, wer weniger als 60% des mittleren Einkommens in Deutschland erhält (Spannagel, 2016). Weiterführend ist nicht nur das Erfolgsversprechen unrealistisch, auch wird nicht danach gefragt, warum sozialer Aufstieg überhaupt notwendig oder wünschenswert ist. Neben dem kapitalistischen Leistungsgedanken ist es wohl das Bewusstsein darüber, dass die Lebensqualität armer Menschen mit erheblichen Mängeln verknüpft ist. Das Versprechen des sozialen Aufstiegs versucht diese Widersprüche abzudämpfen. Weiterhin relevant ist hier, dass die Gründe für das Nicht-Gelingen von Klassenmigration wieder individuell bei Einzel-Personen selbst angesiedelt werden.

Hanappi-Egger und Kutscher kritisieren, dass die „oftmals rein sozialkategorische, auf der sozialen Identitätsebene angesiedelte Konzeptionierung von Gruppen und Subgruppen [.] persönliche Individualität, nicht aber Gemeinschaftlichkeit und Solidarität in den Blick [nimmt]“. Weiterhin Gegenstand von Kritik ist hier die „Reproduktion [..] essentialistischer Identitätskonzepte[.]“ (Hanappi-Egger & Kutscher, 2015, S. 22). Eine festzustellende Individualisierungstendenz des neo-liberalen Zeitalters verschiebt Fragen der sozialen Gerechtigkeit in den privaten Raum und verortet die Verantwortung eben dafür bei Einzelpersonen oder Gruppen, nicht aber im Kollektiv. Damit einher geht ein Verlust emanzipatorischen Potentials- ist es doch die eigene individuelle Verantwortung, wenn sich das Versprechen des sozialen Aufstiegs nicht erfüllt. Weiterhin relevant ist eine „Generalisierungstendenz“, wonach sich immer mehr Menschen der Mittelschicht zugehörig fühlen und eine Art klassenlose Gesellschaft postuliert wird, sowie die Zugehörigkeit der sozialen Schicht/Klasse als fluide verstanden wird. Damit einher geht auch hier die Verantwortungszuschreibung für die eigene sozioökonomische Position zu einzelnen Individuen. Eine Identifikation mit der Arbeiter*innenklasse findet nicht statt, was das Erkennen struktureller Ungleichheit unterbindet (Hanappi-Egger & Kutscher, 2015).

Insgesamt also resultiert aus der Generalisierungstendenz unserer neo-liberalen Gesellschaft zunächst eine erschwerte Identifikation als Teil der Arbeiter*innenklasse, also als Gegenstand eines Kollektivs. Weiterhin, selbst wenn eine solche Identifikation erfolgt, wird durch die Individualisierungstendenz die Kausalität für die eigene Armut nicht etwa im strukturellen Kontext verortet, sondern der individuellen Verantwortung zugeschrieben.

Intersektionalität

Der Begriff der Intersektionalität erlaubt es, Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen zu analysieren, die anhand verschiedener Differenzkategorien verlaufen. Auch wenn sich zumindest Ambitionen feststellen lassen, Klassismus in Diversitäts-Diskurse zu integrieren, greifen diese die strukturelle Benachteiligung von Arbeiter*innen zumeist noch eher selten auf. Dabei ist die Klassenzugehörigkeit elementar für die Entstehung der Theoretisierung von Intersektionalität. Der Begriff wurde erstmalig von 1989 von der Juristin Kimberlé Crenshaw eingeführt und geht zurück auf eine arbeitsrechtliche Klage, die nach einer Entlassungswelle von Arbeiter*innen – dezidiert Schwarzer Frauen* – bei General Motors veranlasst wurde. Das Unternehmen konnte weder für Rassismus noch Sexismus belangt werden, denn weder weiße Frauen*, noch Schwarze Männer* wurden entlassen. Hier findet die Intersektionalität Anwendung: die Diskriminierung lässt sich bei diesem Beispiel nicht nur auf gender oder race beziehen, sondern auf die Intersektion dieser Kategorien. Auch heute noch können wir Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen nur treffsicher analysieren, wenn wir die Intersektionen von Differenzkategorien in den Blick nehmen.

Beispielhaft zeichnet sich hier die Korrelation der Intersektion Armut/Lebensverhältnisse und Rassismus durch eine Wechselwirkung aus. In Deutschland wird der Niedriglohn- bzw. der prekäre Sektor von Migrant*innen dominiert – insbesondere Frauen*. Diese Intersektion lässt sich in Deutschland historisieren, spätestens ab der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird diese mehr als deutlich: Im Zuge der Gastarbeiter*innenbewegung aus europäischen Südstaaten und der Türkei, ab den 70’ern Migrationsbewegungen in die DDR aus zum Beispiel Vietnam, 1988 dann Zuwanderungen aus Russland und später Fluchtbewegungen aus zum Beispiel Syrien oder Afghanistan. Gerade im Kontext organisierter Arbeitsmigration migrieren Personen aus eher ärmeren Ländern nach Deutschland, um dann Beschäftigungsverhältnisse einzugehen, die gesellschaftlich wenig bis nicht anerkannt sind. Das sogenannte deutsche Wirtschaftswunder steht auf den Schultern der Ausbeutung von Arbeitskraft besonders migrantischer Arbeiter*innen. Die Unterscheidung von weiß/nicht-weiß des deutschen Rassismusbegriffs reicht oft nicht aus, wie am Beispiel rumänischer Arbeiter*innen auf deutschen Spargelhöfen deutlich wird. Die Intersektion von Rassismus und Klassismus wird, wie bei vielen anderen Intersektionen, oft nicht erkannt. Im Weg steht das neoliberale Narrativ: jede*r ist seines Glückes Schmied. Der Zugang zu den benötigten Ressourcen aber ist stark abhängig von den finanziellen Mitteln des Elternhauses und Zugangsmöglichkeiten von struktureller Diskriminierung geprägt. Das beginnt bereits im Kindergarten und der Schule, äußert sich bei der Wohnungssuche oder am Arbeitsplatz (Dermitzaki, 2020). Was die Konzeptualisierung von Intersektionalität auch mit sich bringt, ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien. Besonders, die Bewusstmachung der eigenen Identitätsmarker und der gesamtgesellschaftliche Situiertheit.

Privilegiencheck und Diversity Trainings

Beliebte politische Praxis im Kontext der Diversity Sensibilisierung ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien. Auch in aktivistischen Kreisen ist immer wieder die Rede von „Check your privilege“. Ob Privilegiengalerie, kritische Männlichkeitsworkshops, critical whiteness oder allyship: all diese Ideen verbindet eine Gemeinsamkeit: der Glaube daran, es selbst besser und damit zumindest das eigene Umfeld zu einem diskriminierungsärmeren Raum zu machen. Aber: Welche fundamentalen Zugeständnisse macht das Patriarchat, wenn Cis-Männer einen Workshop zu kritischer Männlichkeit besuchen? Lackieren sich dann endlich alle die Nägel? Das ist nicht der Anspruch dieser Trainings – vielen ist das klar. Und trotzdem sind diese skizzierten Diskurse keine Seltenheit.

Privilegien sind Vorteile, Ansprüche und Dominanz, die bestimmten Gruppen innerhalb spezifischer Kontexte gesellschaftlich zugesprochen werden. Sie sind Sondervorteile – nicht universell, nicht für alle gültig. Privilegien werden zugestanden, nicht durch persönliche Anstrengung verdient und stehen in Korrelation zu einem präferierten Status. Die Ausübung von Privilegien erfolgt unter Profitierung derjenigen, die sie besitzen – auch wenn bei privilegierten Gruppen oft kein Bewusstsein über den Besitz dieser Privilegien besteht. Die Unterdrückung von Personen ohne spezifische Privilegien erhält den status quo aufrecht. Im Falle klassenspezifischer Privilegien wird das Bestehen der Klassengesellschaft abgesichert (Black & Stone, 2011).

Die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien kann ein erster Schritt sein, um greifbar zu machen, in welchem System wir leben. Allein die Bewusstmachung der eigenen Situiertheit in der Gesellschaft, kann Möglichkeiten zur Analyse struktureller Ausbeutungs- und Unterdrückungsmechanismen eröffnen.  Privilegienchecks sind wertvoll im Kontext des nahen sozialen Umfelds, die Identifikation der eigenen Perspektive notwendig, um ernsthaft und glaubwürdig politische Arbeit zu leisten und dem eigenen Anspruch der Schaffung diskriminierungsarmer Räume gerecht zu werden. Unterdrücker und Unterdrückte müssen sich ihrer relativen Rolle, also auch dem Besitz von Privilegien, bewusst sein, um gegen ein System der Ungerechtigkeit zu kämpfen (Black & Stone, 2011). Privilegien sind etwas Strukturelles, nicht individuell. Entscheidend ist die eigene Auseinandersetzung nicht damit, Privilegien zu besitzen, sondern, mit diesen umzugehen. Eine konstruktive Verhandlung der eigenen Privilegien erkennt an, dass diese aus einem System der Unterdrückung hervorgehen und nutzt die damit einhergehenden Ressourcen für einen Beitrag zur Befreiung der Unterdrückung Aller (Kashtan, 2019).

Konzepte und Umsetzungen von Diversity Trainings unterscheiden sich mitunter stark. Während es solche gibt, die die eben skizzierten Chancen eröffnen, lässt sich gleichzeitig feststellen, dass oft auch eine Aneignung von Diversity für Profitmaximierung festzustellen ist (Hanappi-Egger & Kutscher, 2015). Diversity Trainings können zwar zu einem Abbau von persönlicher Voreingenommenheit und Vorurteilen führen, evidenzbasiert zeigt sich aber, dass damit nicht automatisch ein Rückgang von (struktureller) Diskriminierung zu verzeichnen ist. Diese nämlich ist Produkt von Einstellungen und Gewohnheiten aber auch institutionalisierten Mechanismen und lässt sich nicht allein durch un(ter)bewusste Voreingenommenheit erklären. Diversity Trainings müssen als Teil weiterer Diversity Maßnahmen verstanden werden, um strukturelle Diskriminierung abzubauen (Dobbin & Kalev, 2018).

Handlungswege und emanzipatorisches Potential

„Individualisierung macht Diskriminierung unsichtbar“ – fasst Dimitra Dermitzaki zusammen (2020). Der Umgang mit den eigenen Privilegien, wie auch das Konzept von Diversity Workshops ist fruchtbar in direkter sozialer Umgebung, für ein systemisches Problem aber braucht es kollektive Antworten. Dafür elementar ist zuallererst natürlich ein Problembewusstsein, welches durchaus auch durch eine individualisierte Perspektive geschaffen werden kann. Dabei darf es aber nicht bleiben – die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien muss weiterführen und sich mit Fragen struktureller Diskriminierung, mit systemimmanenten Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen auseinandersetzen. Durch die Individualisierung, egal welcher Differenzkategorien, werden Handlungswege verschlossen und emanzipatorisches Potential untergraben. Die Identifikation als Kollektiv und die Verortung von Barrieren auf struktureller, systemischer Ebene erst erlaubt es, auf Veränderung zu hoffen. Der Klassismus-Begriff unterscheidet sich je nach Denkschule – deutlich ist aber, dass die dominante Auslegung auf die soziale Schicht verweist und sich zumeist mit den Auswirkungen klassistischer Diskriminierung befasst. Nicht die Dekonstruktion sprachlicher Vertikalismen, wie einige poststrukturalistische Ansätze innerhalb der Diskussion um die Konzeptualisierung des Klassismus-Begriffs versieren, sondern die Identifikation der lohnabhängigen Klasse als potentiell handlungsfähiges Kollektiv, sowie eine explizite Integration einer Analyse der ökonomischen Verhältnisse entfaltet emanzipatorisches Potential und eröffnet Handlungsmöglichkeiten hin zu einer gerechteren Gesellschaft (Baron, 2014). Diversity Trainings können, wenn eingebettet in breitere antikapitalistische, diskriminierungskritische Zusammenhänge, einen Teil dazu beitragen. Auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien, der eigenen Situiertheit in der Gesellschaft kann ein erster Schritt zu einer weiterführenden Kritik an den unterdrückerischen Strukturen des Systems sein, sowie ein essenzieller Bestandteil der eigenen politischen Befreiungskämpfe.

Literaturverzeichnis

Baron, C. (2014). Klasse und Klassismus. Eine kritische Bestandsaufnahme. PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft(175), S. 225-235. doi:10.32387/prokla.v44i175.172

Black, L. L., & Stone, D. (2011). Expanding the Definition of Privilege: The Concept of Social Privilege. Journal of Multicultural Counseling and Development(4), S. 243-255. doi:10.1002/j.2161-1912.2005.tb00020.x

Dermitzaki, D. (2020). Zur Überschneidung von Rassismus und Klassismus. „Individualisierung macht Diskriminerung unsichtbar“. (A. Vangelista, Interviewer) Von https://rdl.de/beitrag/individualisierter-gesellschaft-ist-diskriminerung-unsichtbar abgerufen

Dobbin, F., & Kalev, A. (2018). Why Doesn’t Diversity Training Work? The Challenge for Industry and Academia. Anthropology Now(2), S. 48-55. doi:10.1080/19428200.2018.1493182

Hanappi-Egger, E., & Kutscher, G. (2015). Entgegen Individualisierung und Entsolidarisierung: Die Rolle der sozialen Klasse als suprakategorialer Zugang in der Diversitätsforschung. In E. Hanappi-Egger, & R. Bendl, Diversität, Diversifizierung und (Ent)Solidarisierung. Wiesbaden: Springer VS.

Kashtan, M. (2019). Why and How Facing Your Privilege Can Be Liberating. Understanding & Dismantling Privilege(1), S. 22-30.

Kemper, A. (2016). Klassismus. Eine Bestandsaufnahme. Thüringen: Friedrich-Ebert-Stiftung.

Lhotzky, K. (Hrsg.). (2016, 2021). Karl Marx und Friedrich Engels. Gesammelte Werke. München: Anaconda Verlag.

Ogette, T. (2020). exit RACISM. rassismuskritisch denken lernen. Münster: UNRAST-Verlag.

Seeck, F., & Theißl, B. (2021). Solidarisch gegen Klassismus organisieren, intervenieren, umverteilen. UNRAST.

Spannagel, D. (2016). Soziale Mobilität nimmt weiter ab. WSI-Verteilungsbericht 2016. Düsseldorf: Sertzkasten GmbH.


Quelle: Amelie Kloas, Check your privilege – und dann? Die Individualisierung des Klassismus-Begriffs und die neo-liberale Vereinnahmung von Diversity, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 07.11.2022, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=309

Bourdieus’ Habitus und seine Relevanz für die Klassismus-Forschung

Lynn Hruschka (SoSe 2022)

Für mich persönlich ist das Konzept des Habitus eines der wenigen akademischen Theorien, auf die ich im Laufe meines Studiums gestoßen bin und die mich nachträglich beeindruckt haben. Der Habitus hat mir plötzlich Dinge verständlich gemacht, für die ich vorher keine Worte hatte. Besonders interessant war auch für mich die Erkenntnis, dass es über Geld hinaus unterschiedliche Kapitalformen gibt und welche ich von meiner Herkunft „geerbt“ habe und welche nicht. Ich bin nun seit einem Jahr Mutter einer kleinen Tochter und frage mich jetzt, was ich meinem Kind für einen Habitus vererben möchte. Kann ich das überhaupt beeinflussen? Während des Seminars wurde mir die Rolle des Habitus für jegliche Klassenfrage wieder bewusst und wollte deswegen die wichtigsten Punkte kompakt hier zusammenfassen:

Im folgenden Essay soll die Frage nach der Relevanz von Bourdieus Habitus Konzept diskutiert werden. Inwiefern kann die Theorie des Habitus für die aktuelle Forschung zu Klassismus fruchtbar gemacht werden?

Die Konzepte von Pierre Bourdieu spielen für jegliche Forschung zu Klassismus eine Rolle. Vor dem Hintergrund seiner theoretischen Grundannahmen widmen wir uns hier insbesondere seinem Konzept des Habitus. 1979 in seinem Opus Magnum „La distinction“ eingeführt, ist es der zentrale Baustein seiner Sozioanalyse.

Habitus

Aber was ist der Habitus überhaupt?

Der Habitus stellt ein Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft dar. Unter Habitus versteht Bourdieu die inkorporierte Position, die ein Mensch im sozialen Gefüge einnimmt (Ernaux 2016, 30). Er besteht aus der Gesamtheit von Haltungen, Dispositionen, Gewohnheiten und Einstellungen eines Individuums gegenüber der Welt. Diese werden wiederum von den ökonomischen und sozialen Existenzbedingungen diktiert. Somit nimmt der Habitus eine klassenspezifische Form an, ausgehend von der Annahme, dass sich die Gesellschaft in Klassen gliedert, welche sich durch ihre ökonomischen Bedingungen voneinander scheiden. Für Bourdieu erlangt die theoretische Annahme der Existenz sozialer Klassen erst Bedeutung, wenn die Klassenzugehörigkeit sich in unterschiedliche Formen der Lebensführung übersetzt (Fuchs-Heinritz und König 2014, 89f; Bourdieu 1987, 182). Mit Lebensführung sind hier die soziale Praxis und der Blick auf die Welt gemeint. Diese generieren sich aus dem Habitus und zeigen durch ihre sichtbaren Formen, wie beispielsweise Behausung, kulinarische Vorlieben oder Konsum von kulturellen Gütern, soziale Unterschiede an. (Krais und Gebauer 2014, 36) Der Erwerb des Habitus geschieht in der Sozialisation. Die kulturelle und materielle Ausstattung einer Familie prägt die Vorlieben des Kindes. (Fuchs-Heinritz und König 2014, 96) Dabei nimmt das Individuum das an, was zur Verfügung steht. Mit anderen Worten: Man mag, was man hat. (Krais und Gebauer 2014, 41). In der physischen Erscheinung eines Individuums sieht Bourdieu eine objektivierte, äußerlich sichtbare Form des Habitus. Die soziale Welt formt den Körper. An ihm werden gesellschaftliche Hierarchien und die Position des Individuums sichtbar. Gesellschaftliche Hierarchien werden durch manifeste Symbole äußerlich sichtbar.

Innerhalb des globalen Gefüges des sozialen Raumes bestehen kleinere Einheiten von sozialen Feldern, in denen ihre eigenen Regeln gelten. Soziale Felder sind Schauplätze des Konkurrenzkampfes. Neben der Akkumulation von ökonomischem und kulturellem Kapital kämpfen die Individuen um die Deutungshoheit, d.h. um die Vorherrschaft ihrer Weltsicht (Schmitt 2016, 16). Diese Vorherrschaft wird durch Symbole äußerlich kenntlich gemacht. Folglich ist der Kampf um die Deutungshoheit ein Kampf um das symbolische Kapital. Der Habitus eines Individuums beeinflusst, welches Feld es sich aussucht und wie es sich dort verhält. Als handlungsleitend gibt der Habitus nämlich ein Gespür für die in einem Feld vorherrschenden Spielregeln mit (Schmitt 2006, 17).

Befreiung vom Habitus

Ist es möglich, sich vom eigenen Habitus zu lösen und ihn zu überwinden? Lässt sich der „Teufelskreis“ aus reproduzierendem Kapital durchbrechen? Robert Schmidt argumentiert skeptisch (Schmidt 2014, 234): Bourdieu selbst hätte zwar durchaus auf die Möglichkeit des reflexiven Bewusstwerdens der symbolischen Gewalt hingewiesen, jedoch gleichzeitig erkannt, dass ein bloßes Beseitigen der méconnaissance nicht reiche, um sich von der symbolischen Herrschaft (sei sie männlich oder neoliberal) zu befreien. Lothar Peter lenkt den Blick auf die drei Möglichkeiten:

Erstens, wenn der Habitus und die Struktur so weit auseinanderklaffen, dass die Realität und die symbolische Erwartung unvermeidlicher Weise kollidieren, zum Beispiel der Schriftsteller der sich Édouard Louis nennt, aber als Eddy Bellegeulle als homosexueller Mann im französischen Arbeitermilieu aufgewachsen ist. Dies gilt letztlich für alle queere Menschen, die in unserer heteronormativen Gesellschaft aufwachsen. Ebenso anwenden könnte man den Gedanken auf Frauen in männergeprägten Berufen – sie müssen unwillkürlich sich einen anderen Habitus erarbeiten.

Zweitens gibt es die Möglichkeit den Habitus zu erkennen und ihn wissenschaftlich zu analysieren, wie es zum Beispiel in diesem Essay passiert. In dem Moment, in dem über den Habitus geschrieben wird, kann er ausgesetzt werden, in dem man sich von ihm distanziert.

Drittens gibt es in der „biographisch-sozialisatorischen“ (Peter 2011, 29) Entwicklung die Chance für symbolische Gewalt immun gemacht zu werden. Das kostet viel Kraft und ist ein Prozess, der immer wieder von gesellschaftlichen Kräften verlangsamt werden wird. Die bürgerliche Klasse hat kein wirkliches Interesse daran, dass sich Menschen emanzipatorisch frei machen und so leben, wie sie wollen. Diese Arbeit wird viel von der LGBTQ+ Community geleistet und trifft vielleicht gerade deswegen auf so viel Widerspruch, weil ihr Erfolg ein Umwerfen aller essentialistischen Wahrheiten der bürgerlichen Klasse bedeuten würde.

Gerade mit seinem Werk „La domination masculine“ von 1998 schaffte Bourdieu einen wichtigen Grundstein für poststrukturalistische und postkoloniale Forschung. Zur männlichen Herrschaft sagte er: „Die Macht der männlichen Ordnung zeigt sich an dem Umstand, dass sie der Rechtfertigung nicht bedarf: Die androzentrische Sicht zwingt sich als neutral auf und muss sich nicht in legitimatorischen Diskursen artikulieren. […] Das gesellschaftliche Deutungsprinzip konstruiert den anatomischen Unterschied. Und dieser gesellschaftlich konstruierte Unterschied wird dann zu der als etwas Natürliches erscheinenden Grundlage.“ (Bourdieu 2012, 21) Dieses Zitat ist auch noch in der Argumentationsweise feministischer Literatur wiederzufinden und scheint nichts an seiner Aktualität verloren zu haben.

Des Weiteren wird Bourdieus Ethnografie zur kabylischen Gesellschaft (auf der der Habitus basierte) auch heute noch rezipiert: 2007 Loic Wacquant analysierte in Bezugnahme auf Bourdieu die Entwicklungen in den französischen Banlieues (Schmidt 2014, 234).

Für die Klassismus-Forschung sind einige Aspekte des Habitus-Konzeptes relevant. Zunächst ist der Habitus ein mehrdimensionales Konzept: „Klassenhabitus, geschlechtspezifizierter Habitus, ethnisierter Habitus“ (Schmitt 2006, 14). Lars Schmitt beschreibt ihn in seiner Heuristik als Matrix, die die inneren und äußeren Grenzen des Denk- und Handelbaren (in Anlehnung an Foucaults Episteme) umfasst. Gleichzeitig kann Klassismus-Forschung mit dem Konzept generationenübergreifend Konflikte bearbeiten, da sich der Habitus in seiner Form zwar verändert, jedoch nicht an bestimmte Verhaltensformen geknüpft ist (Schmitt 2006, 16).

In der Analyse der Performativität des Habitus gelingt Bourdieu die Alltäglichkeit des menschlichen Lebens und Leidens einzufangen, unterschiedliche Subjekte selbstbestimmt zu Wort kommen zu lassen, und sie trotzdem in ihre Herrschaftsverhältnisse einzuordnen. Dabei bleiben diese Menschen in ihren Konfliktthemen rationale Entscheidungsfinder, aber immer im Hinblick ihres schon vorher sich manifestierten Habitus. Dadurch verändert sich der Blick auf Opfer-Täter-Analysen. Während diese oft eine dichotomische Weltsicht voraussetzen, sieht Bourdieu „oppression as a cooperative game“ (Schmitt 2006, 21). Denn auch die Herrschenden werden von ihrer Herrschaft beherrscht (Schmidt 2014, 233).

Beispiel Habitus-Struktur-Konflikt

Analytisches Potenzial bietet das Konzept des Habitus insbesondere in sog. Habitus-Struktur-Konflikten (HSK). In solchen Konflikten gerät das Individuum mit den Erwartungen und Regeln seines sozialen Umfelds in Widerspruch. Schmitt (2006, 18) führt das Beispiel einer weiblichen Chefärztin an, die in ihrem beruflichen Umfeld mit den männlichen Strukturen und Anforderung an „den“ Arzt konfrontiert wird. Dieses empirische Beispiel lässt sich nun mit Bourdieu durchdringen. In seiner Terminologie haben wir es mit einem sozialen Feld zu tun, in dem bestimmte Regeln und Anforderungen an den individuellen Habitus gelten. Individuen wählen dieses Feld in der Regel nur, wenn ihr Habitus mit dem geforderten Habitus übereinstimmt. D.h., die Wahrscheinlichkeit ein soziales Feld zu betreten ist ungleich zwischen Individuen verteilt, je nach der Nähe des Feldes zu dem Habitus des Individuums. Das Beispiel der weiblichen Chefärztin zeigt, dass der Zutritt nicht grundsätzlich im Vorfeld determiniert ist. In ihrem Feld begegnet sie nun den Trägern der „orthodoxen“ Position. Sie selbst hat nun die Möglichkeit, diese Position nachzubilden, oder eine „heterodoxe“ Position einzunehmen. Letztlich findet zwischen den Individuen in dem Feld ein Kampf über die Deutungshoheit über die Spielregeln statt (Schmitt 2006, 18).

Beispiel Sprache

Ein weiteres Beispiel für den Habitus ist die Sprache, die sehr interessant für die Klassismus-Forschung sein kann und die wir im Seminar auch in verschiedenen Texten besprochen hatten:

Im Französischen wie im Deutschen nutzen marginalisierte Gruppen Sprache, um sich von der weißen Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen. Im Französischen weitaus komplexer sorgt das sogenannte „Verlan“ (abgeleitet von „à l’envers“) zuweilen dafür, dass Außenstehende die hervorgebrachten, auf französischen Wörtern basierenden, Schöpfungen nicht verstehen (Prévos 1996). Im Deutschen wird die „Kanacksprack“ oft als einfacher Akzent, der darauf hindeutet, dass der- oder diejenige die Sprache nicht korrekt beherrscht, missverstanden (Rehbein, Schalowski, und Wiese 2014).

Die sogenannte Eloquenz einer akzentfreien Sprache der weißen Mittelschicht (die auch in dieser wissenschaftlichen Arbeit wiederzufinden ist) steht hier im krassen Kontrast. Schiller und Molière sind Ikonen ihrer Sprache und werden gerne als Vertreter einer höheren Sprache, einer „besseren“ Sprache dargestellt, einer Sprache, die, wenn sie richtig beherrscht wird, aus den Sprechenden „etwas“ macht. Aus „Isch“ muss „ich“ werden und wer „Friedrisch“ anstatt „Friedrich“ sagt, gehört nicht zur deutschen Gesellschaft (Kreuder 2018, 271).

Die Kooperation und Assimilation an die deutsche Sprache werden gleichgesetzt mit der Vorstellung, etwas erreichen zu können. Dies knüpft an post-koloniale Theorien wie zum Beispiel Achille Mbembe sie formuliert hat, an, die die Verwendung der Kolonialsprache als Aufgabe der eigenen Identität sehr kritisch betrachten (Mbembe 2014).

Kritik am Habitus Konzept

Gibt es auch Kritik am Habitus-Konzept?

Mit dem Habitus-Konzept kann außerdem die gesamte akademische Klassismus-Forschung kritisch hinterfragt werden: Bourdieu sah auch im akademischen Feld einen Raum, der symbolische Gewalt reproduziert. So war für ihn beispielsweise die Idee einer herrschaftsfreien Kommunikation nach Jürgen Habermas „habitusblind“ (Schmitt 2006, 20). Entscheidend ist also nicht nur, welche Symboliken die Realität bestimmen, sondern auch, wer die Definitionsmacht hat, sie zu verändern.

Gerade ein so viel zitiertes Konzept wie der Habitus zieht selbstredend auch Kritik auf sich. Externe akademische Kritik am Konzept kam dabei immer wieder aus unterschiedlichen Richtungen: Stephan Moebius verweist auf Alain Caillé, der bemängelt, dass in Bourdieus Theorie die Menschen immer nur nach dem Kosten-Nutzen-Kalkül handeln würden und außerdem das ökonomische Kapital ohne Beweis zum wichtigsten der vier Kapitale verklärt.

Andere Kritiker*innen beanstanden die fehlende terminologische Unterscheidung zwischen Gewalt, Macht und Herrschaft. Verschiedene Poststrukturalist*innen (darunter Judith Butler) verweisen auf die „Unberechenbarkeit der für die Strukturerhaltung notwendigen Wiederholung“ des Habitus über Generationen hinweg (Moebius 2011, 66). Schmitt sieht eher die Problematik eines zu hoch angelegten sozialen Determinismus, sowie die Möglichkeit, dass nicht alle situativen Konflikte mit dem Konzept realitätsnah erklärt werden könnten (Schmitt 2006, 27). Als Leser*in vom Bourdieus Texten springt jedoch als größter Kritikpunkt seine klassistische Schreibweise mit ihren Formulierungen und sehr langer Satzketten selbst ins Auge, die für Leser*innen außerhalb des akademischen Milieus kaum verständlich zu sein scheint.

Fazit

Nichtsdestotrotz bleibt Bourdieu ein wichtiger Faktor für jedes emanzipatorische Denken, dass sich aus den uns jeweilig betreffenden versteckten Herrschaftsverhältnissen symbolischer Gewalt befreien möchte und damit auch für die Klassismus-Forschung. Für mich hat das Konzept eine gewisse Zeitlosigkeit erreicht, vielleicht ebenso wie „Das Kapital“ von Karl Marx für jegliche Kapitalismuskritik. Selbst wenn einige Aspekte noch weiter ausformuliert und verändert werden könnten, so wird der Habitus doch in der Grundausstattung eines jeden Werkzeugkastens für Klassismus bleiben.

Und auch meiner Tochter werde ich versuchen mitzugeben, welche Habitus-Struktur-Konflikte ihr in ihrem Leben begegnen könnten und wie sie sich daraus befreien kann. Dies wird kein einfacher Weg sein, aber das Bewusstsein für den Habitus, den wir alle im Alltag und in jeder Konversation „performen“, ist ein erster Schritt.

Bibliographie

Bourdieu, Pierre. Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987.

———. Die männliche Herrschaft. 5. Auflage.  Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2012.

Ernaux, Annie. „La distinction, oeuvre total et revolutionnaire“. In : Edouard Louis. Pierre Bourdieu: L’insoumission en héritage, herausgegeben von Edouard Louis. Paris: Presses Universitaires de France, 2016.

Fuchs-Heinritz, Werner, und Alexandra König. Pierre Bourdieu Eine Einführung. Konstanz: UVK, 2014.

Krais, Beate und Gunter Gebauer. Habitus, 31–60. Bielefeld : transcript, 2002. https://doi.org/10.14361/9783839400173-004

Moebius, Stephan. „Pierre Bourdieu: Zur Kultursoziologie und Kritik der symbolischen Gewalt“. In: Stephan Moebius und Dirk Quadflieg. Kultur. Theorien der Gegenwart, 55–69. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2011. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92056-6_5

Peter, Lothar. „Prolegomena zu einer Theorie der symbolischen Gewalt“. ÖZS. Österreichische Zeitschrift für Soziologie 36, Nr. 4 (2011): 11–31. https://doi.org/10.1007/s11614-011-0001-7

Schmidt, Robert. „Symbolische Gewalt (violence symbolique)“. Stuttgart: JBMetzler, 2014. https://doi.org/10.1007/978-3-476-01379-8_51

Schmitt, Lars. „Pierre Bourdieu: Symbolische Gewalt“. Konfliktdynamik 2, Nr. 1 (2013): 74–76. https://doi.org/10.5771/2193-0147-2013-1-74

———. „Symbolische Gewalt und Habitus-Struktur-Konflikte: Entwurf einer Heuristik zur Analyse und Bearbeitung von Konflikten“. Wissenschaftliche EinrichtungenSCHIFF – Schleswig-Holsteinisches Institut für Friedenswissenschaften, 2006. http://edoc.vifapol.de/opus/volltexte/2011/3406/.

Kreuder, Friedemann. 2018. „Theater zwischen Reproduktion und Transgression körperbasierter Humandifferenzierungen“. In Un/doing Differences, 234–58. Velbrück Wissenschaft. https://doi.org/10.5771/9783845292540-235

Mbembe, Achille. 2014. Kritik der schwarzen Vernunft. 1. Auflage. Berlin: Suhrkamp.

Prévos, André J. M. 1996. „The Evolution of French Rap Music and Hip Hop Culture in the 1980s and 1990s“. The French Review 69 (5): 713–25. https://www.jstor.org/stable/397134.

Rehbein, Ines, Sören Schalowski, und Heike Wiese. 2014. „The KiezDeutsch Korpus (KiDKo) Release 1.0“. In .


Quelle: Lynn Hruschka, Bourdieus’ Habitus und seine Relevanz für die Klassismus-Forschung, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 07.11.2022, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=300