Hegemoniale Männlichkeit und Depression: Eine vergleichende Analyse heterosexueller und nicht-heterosexueller Männer

Dunja Bogdanovska (WiSe 2025-26)

Einleitung

Depression zählt weltweit zu den drängendsten Problemen der öffentlichen Gesundheit. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist sie eine der Hauptursachen für Behinderungen und betrifft Millionen von Menschen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Regionen. Sie ist mit funktionellen Einschränkungen, Suizidgefahr und hohen sozialen und wirtschaftlichen Kosten verbunden.[1] Trotz der hohen Prävalenz von Depression bei Männern zeigen Studien, dass sie im Vergleich zu Frauen seltener Hilfe suchen. Männer meiden häufiger professionelle Hilfe, verzögern die Behandlung oder begehen Suizid.[2]

Dieses Paradoxon, dass Männer zwar niedrigere Depressionsraten, aber höhere Suizidraten aufweisen, zieht erhebliche wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich.

Ein häufig genutzter theoretischer Rahmen zum Verständnis der geschlechtsspezifischen Unterschiede im Umgang mit psychischer Gesundheit ist das Konzept der hegemonialen Männlichkeit. Ursprünglich von R. W. Connell entwickelt und später gemeinsam mit Messerschmidt weiter ausgearbeitet, beschreibt hegemoniale Männlichkeit die gesellschaftlich dominante Form von Männlichkeit, die die strukturelle Vorherrschaft von Männern über Frauen sowie über andere, untergeordnete Formen von Männlichkeit legitimiert.[3] Diese Form von Männlichkeit wird häufig mit Eigenschaften wie Härte, Kontrolle, Dominanz und emotionaler Zurückhaltung assoziiert.[4] Diese Normen beeinflussen wie Männer mit seelischer Belastung umgehen.[5]

Männlichkeit ist jedoch nicht einheitlich. Bestimmte Gruppen von Männern, wie beispielsweise nicht-heterosexuelle Männer, erleben dominante Männlichkeitsnormen auf andere Weise und entwickeln unterschiedliche Strategien im Umgang mit deren Annahme oder Ablehnung, da ihre Sexualität bereits als Abweichung von diesen Normen gilt.

Als Angehörige einer Minderheit sind sie zusätzlichen Stressoren ausgesetzt, die negative Erfahrungen verstärken und das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen.[6]

Daraus ergibt sich eine zentrale Fragestellung: Wie beeinflusst hegemoniale Männlichkeit den Umgang heterosexueller und nicht-heterosexueller Männer mit Depression auf unterschiedliche Weise?

Diese Arbeit argumentiert, dass hegemoniale Männlichkeit bei heterosexuellen Männern emotionalen Ausdruck entmutigt, indem sie psychische Belastungen mit Schwäche gleichsetzt, während nicht-heterosexuelle Männer mit einer komplexeren Dynamik konfrontiert sind. Sie sind zugleich durch männliche Normen eingeschränkt und gleichzeitig von ihnen ausgeschlossen, was zu unterschiedlichen Formen des Erlebens und Bewältigens von Depression führt.

Für die Zwecke dieser Arbeit beziehe ich mich ausschließlich auf die Dimension sexueller Orientierung innerhalb sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Andere Aspekte wie Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck oder nicht-binäre Identitäten werden nicht behandelt.

1.  Depression und Stigmatisierung

Depression wird klinisch als affektive Störung definiert, die durch anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessen- und Freudverlust, Hoffnungslosigkeit, Veränderungen von Schlaf und Appetit sowie eine beeinträchtigte Funktionsfähigkeit gekennzeichnet ist. Zu den spezifischen Kriterien für Depression gehören das Vorliegen von Symptomen über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen, erhebliches Leiden und eine Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit.[7] Abgesehen von ihrer klinischen Definition wird die Depression auch durch ihre kulturellen Bedeutungen geprägt.

Stigmatisierung spielt eine große Rolle in der Wahrnehmung psychischer Erkrankungen. Sie wird definiert als tiefe soziale Missbilligung und Ausgrenzung aufgrund einer Andersartigkeit, wie beispielsweise einer psychischen Erkrankung. Menschen mit Depression sind nicht nur mit Stigmatisierung durch ihr Umfeld, sondern auch mit Selbststigmatisierung konfrontiert. Öffentliche Stigmatisierung bezeichnet Diskriminierung und negative Stereotypen gegenüber Menschen mit Depression, wie etwa die Annahme, sie seien schwach, instabil oder unfähig. Selbststigmatisierung entsteht, wenn Betroffene diese äußeren Vorstellungen verinnerlichen, was zu einem negativen Selbstbild und Schamgefühlen führt. Dies ist besonders schädlich, da Menschen mit Depression ohnehin schon mit Selbstzweifeln zu kämpfen haben, die durch die zusätzliche Stigmatisierung noch verstärkt werden.[8]

Bei Männern ist das Stigmatisierung rund um Depression oft mit Geschlechternormen verknüpft, die emotionale Verletzlichkeit mit Schwäche gleichsetzen. Sie interpretieren ihre Symptome möglicherweise nicht als Anzeichen einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung, sondern als persönliches Versagen als Männer. Diese Wahrnehmung verstärkt die Selbststigmatisierung und die Vermeidung professioneller Hilfe. Daher ist Stigmatisierung nicht nur eine äußere, sondern auch eine psychologische Barriere, die eng mit Männlichkeitsidealen verknüpft ist.[9]

2.  Hegemoniale Männlichkeit

Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit wurde von R. W. Connell entwickelt, um die kulturell dominante Form von Männlichkeit zu beschreiben, die hypermaskuline Eigenschaften privilegiert und Weiblichkeit sowie alternative Männlichkeitsformen unterordnet. Hegemoniale Männlichkeit ist nicht zwingend die am weitesten verbreitete Form, sondern jene, die gesellschaftlich am meisten anerkannt und institutionell gestützt wird.[10]

Zu den Kernmerkmalen hegemonialer Männlichkeit zählen emotionale Zurückhaltung, Dominanz, Stoizismus, Selbstständigkeit, Heterosexualität sowie die Ablehnung von Männlichkeitsbildern, die diesen Idealen nicht entsprechen. Von Männern wird erwartet, dass sie ihre Probleme allein bewältigen und Verletzlichkeit unterdrücken, um sich nicht selbst zu entmannen. Sie werden so sozialisiert, dass sie diese Normen als Richtlinien betrachten, denen sie folgen müssen, um „echte Männer“ zu sein. Jegliche Sentimentalität disqualifiziert sie somit von der männlichen Erfahrung. Daher gilt emotionaler Ausdruck, insbesondere von Traurigkeit oder Angst, der als weibliche Eigenschaft angesehen wird, als unvereinbar mit „echter Männlichkeit“.[11]

Diese Normen spiegeln sich auch im Gesundheitsverhalten wider. Studien zeigen, dass eine starke Orientierung an traditionellen Männlichkeitsnormen mit geringerer Inanspruchnahme von Hilfe und einem erhöhten Risiko schädlicher Bewältigungsstrategien, etwa Substanzmissbrauch, einhergeht.[12] Depression, als Krankheit, die Gefühle der Hilflosigkeit hervorruft, widerspricht direkt der Vorstellung, dass Männer stets stark und souverän sein müssen.

Infolgedessen ignorieren Männer, die sich stark mit hegemonialen Männlichkeitsnormen identifizieren, oft ihre Symptome oder bemühen sich nach Kräften, sie zu verbergen.[13]

3.  Minority-Stress-Theorie

Die Minority-Stress-Theorie bietet eine zusätzliche Perspektive auf den Umgang nicht-heterosexueller Männer mit Depression. Sie wurde vom Psychologen I. H. Meyer entwickelt und besagt, dass Angehörige stigmatisierter sozialer Gruppen chronischem Stress ausgesetzt sind, der aus Diskriminierung, sozialer Ausgrenzung und Vorurteilen resultiert.

Für nicht-heterosexuelle Männer umfasst dies äußere Stressoren wie Belästigung, Gewalt und strukturelle Diskriminierung sowie innere Stressoren wie internalisierte Homophobie, Unterdrückung der eigenen sexuellen Identität oder Angst vor Zurückweisung. Die kumulative Wirkung dieser Belastungen erhöht langfristig die Anfälligkeit für psychische Erkrankungen, einschließlich Depression.[14]

4.  Vergleich

4.1 Heterosexuelle Männer und hegemoniale Männlichkeit

Für heterosexuelle Männer stellt hegemoniale Männlichkeit oft ein normatives Ideal dar, dem sie nacheifern sollen. Die Unterdrückung von Gefühlen wird zu einer Schlüsselstrategie, um glaubwürdige Männlichkeit aufrechtzuerhalten.

Da depressive Symptome den Erwartungen an Stoizismus direkt widersprechen, versuchen viele Männer, ihre Symptome so umzudeuten, dass ihr männliches Image gewahrt bleibt. Anstatt ihre Traurigkeit anzuerkennen und auszudrücken, externalisieren sie ihre Gefühle in Form von Wutausbrüchen oder übermäßiger Arbeit. Obwohl ihnen diese Verhaltensweisen ermöglichen, ihr Bild von Härte und Kontrolle aufrechtzuerhalten, können sie Diagnose und Behandlung erheblich verzögern. Auch die Vermeidung professioneller Hilfe dient dem Erhalt hegemonialer Männlichkeit. Therapie wird mitunter als Eingeständnis von Schwäche und mangelnder Selbstständigkeit wahrgenommen. Die Angst vor sozialer Bewertung führt zu einer geringeren Nutzung psychotherapeutischer Angebote.[15]

Darüber hinaus haben heterosexuelle Männer in ihrem Umfeld möglicherweise weniger Gelegenheiten, sich offen verletzlich zu zeigen, da Männer häufig davon abgehalten werden, intime Freundschaften untereinander zu pflegen, da dies ihre sexuelle Orientierung in Frage stellen würde. Dies bedeutet, dass Männer weniger Räume haben, in denen sie sich wohlfühlen und ihre Probleme äußern können, was zu Isolation führt, die depressive Symptome verstärkt.[16]

Daher beeinflusst die hegemoniale Männlichkeit Depression bei heterosexuellen Männern vor allem durch verinnerlichte Erwartungen an Stoizismus und Unabhängigkeit, die die Anerkennung emotionalen Schmerzes und die Inanspruchnahme formeller Hilfe verhindern.

4.2 Nicht-heterosexuelle Männer und hegemoniale Männlichkeit

Nicht-heterosexuelle Männer befinden sich in einer komplexeren Position. Einerseits unterliegen sie als Männer hegemonialen Normen, andererseits werden sie aufgrund ihrer Sexualität von diesen ausgeschlossen. Da hegemoniale Männlichkeit eng mit Heterosexualität verbunden ist, gilt nicht-heterosexuelle Orientierung als abweichend. Somit wären sie einem doppelten Stigma ausgesetzt: einem Stigma aufgrund einer psychischen Erkrankung und einem Stigma aufgrund ihrer nicht-heterosexuellen Identität.

Minority Stress erhöht das Depressionsrisiko deutlich. Diskriminierung, Zurückweisung und internalisierte Homophobie erzeugen chronische Belastung und Isolation.

In diesem Sinne sind nicht-heterosexuelle Männer Stressfaktoren ausgesetzt, denen heterosexuelle Männer nicht ausgesetzt sind.[17]

Gleichzeitig ist das Verhältnis nicht-heterosexueller Männer zur hegemonialen Männlichkeit nicht einheitlich und kann sich auf vielfältige Weise äußern. Da sie von den dominanten Männlichkeitsidealen ohnehin ausgeschlossen sind, verspüren manche nicht-heterosexuelle Männer möglicherweise keinen Druck, sich Normen anzupassen, die von Männern ständige Stärke und Stoizismus fordern. Dies ermöglicht die Entwicklung offener und verletzlichkeitsfreundlicher Formen von Männlichkeit.[18]

Andererseits verinnerlichen viele nicht-heterosexuelle Männer nach wie vor traditionelle Männlichkeitsnormen und schämen sich für ihre sexuelle Orientierung sowie für ihre psychischen Erkrankungen. Der Druck, ihre Männlichkeit beweisen zu müssen, wird durch ihre Queerness noch verstärkt. Die Tatsache, dass ein wesentlicher Teil ihrer Identität – ihre Sexualität – bereits als unmännlich gilt, führt dazu, dass sie noch mehr Energie in die Verbergung ihrer Identität und die Anpassung an das traditionelle Bild eines Mannes investieren müssen. Dieser Wunsch, als „echter Mann“ wahrgenommen zu werden, stellt eine zusätzliche Belastung für ihr psychisches Wohlbefinden dar.[19] Darüber hinaus können Rasse, Klasse und andere sich überschneidende Identitäten diese Problematik verkomplizieren, da verschiedene Kulturgruppen unterschiedliche Werte in Bezug auf Männlichkeit haben und aufgrund ihres Minderheitenstatus unterschiedlich stark von Marginalisierung betroffen sind.[20]

Anders als heterosexuelle Männer, deren Haupthindernis die Anpassung an männliche Normen ist, erleben nicht-heterosexuelle Männer sowohl Ausgrenzung als auch das Streben nach hegemonialer Männlichkeit. Diese ambivalente Situation prägt unterschiedliche Bewältigungsstrategien für Depression, darunter eine erhöhte Verletzlichkeit und in manchen Fällen eine größere Offenheit für professionelle Hilfe.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Ausmaß des Leids, dem die jeweiligen Gruppen ausgesetzt sind, sondern in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen sie sich befinden und die maßgeblich den Umgang mit diesem Leid beeinflussen. Die Vermeidungstaktik heterosexueller Männer ist primär durch die Konformität mit dominanten Idealen bedingt, während die Erfahrungen nicht-heterosexuelle Männer durch eine Kombination aus Ausgrenzung von diesen Idealen und Belastungen aufgrund ihres Minderheitenstatus geprägt sind.

5.  Diskussion

Hegemoniale Männlichkeit scheint allen Männern zu schaden, indem sie psychische Erkrankungen als Schwäche darstellt und Verletzlichkeit sowie die Suche nach Hilfe unterbindet. Das stoische Ideal schafft ein Umfeld, in dem das Eingeständnis von Problemen ein persönliches Versagen in der eigenen sozialen Rolle bedeutet. In diesem Sinne stellt hegemoniale Männlichkeit einen Risikofaktor für die öffentliche Gesundheit dar.

Der Einfluss von Stigmatisierung variiert jedoch je nach sexueller Orientierung. Sie verstärkt oft Konformität und hemmt die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen, während sie nicht-heterosexuelle Männer benachteiligt und zusätzliche Stigmatisierung und Minderheitenstress verursacht. Heterosexuelle Männer kämpfen vor allem mit Selbststigmatisierung aufgrund von Schwächeängsten. Nicht-heterosexuelle Männer kämpfen mit Selbststigmatisierung, die oft mit internalisierter Homophobie zusammenhängt, sowie mit öffentlicher Stigmatisierung aufgrund struktureller Diskriminierung.

Gesundheitssysteme selbst können hegemoniale Normen stillschweigend verstärken. Kampagnen zur Aufklärung über psychische Gesundheit stellen häufig professionelle Hilfe in den Vordergrund, ignorieren aber bewusst schädliche Verhaltensweisen bei Männern, die auf Selbststigmatisierung und der Anpassung an Geschlechternormen beruhen.[21]

Wirksame Präventions- und Behandlungsstrategien sollten daher direkt auf Probleme im Zusammenhang mit Männlichkeit eingehen. Kampagnen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sollten die Gleichsetzung von Verletzlichkeit mit Schwäche hinterfragen und alternative Männlichkeitsbilder gleichermaßen unterstützen.

Für heterosexuelle Männer könnte eine Therapie, die Verletzlichkeit als Zeichen von Stärke und Selbstbestimmung normalisiert, Barrieren abbauen.

Für nicht-heterosexuelle Männer sollte die Behandlung den zusätzlichen Minderheitenstress durch die Förderung inklusiver Richtlinien, LGBTQ-freundlicher psychologischer Beratungsangebote und Antidiskriminierungsrichtlinien berücksichtigen.

Fazit

Die Untersuchung von Depression aus der Perspektive hegemonialer Männlichkeit zeigt, dass die psychische Gesundheit von Männern untrennbar mit umfassenderen Systemen geschlechtsspezifischer Machtverhältnisse verbunden ist. Dominante Männlichkeitsideale diktieren nicht nur, welche Eigenschaften Männer haben sollten, sondern auch, wie Depression bei Männern zum Ausdruck kommen und wahrgenommen werden. Für heterosexuelle Männer stellen hegemoniale Ideale einen verinnerlichten Standard dar, den sie an sich selbst und anderen Männern messen. Die Bestätigung, die sie für die Einhaltung dieser Normen erhalten, kann emotionale Verletzlichkeit als soziales Risiko erscheinen lassen. Daher wird stilles Leiden als Preis für die Aufrechterhaltung der männlichen Fassade angesehen, und Depression werden als nicht Bestandteil akzeptierter Männlichkeitsbilder betrachtet.

Die Perspektive nicht-heterosexueller Männer offenbart eine weitere Ebene: Hegemoniale Männlichkeit marginalisiert sie gleichzeitig und übt Konformitätsdruck aus. Ihre Erfahrungen zeigen, dass Männlichkeit nicht nur von denen gestärkt wird, die sie verkörpern, sondern auch von denen, die außerhalb dieser Vorstellung stehen. Manche Männer begegnen dieser Marginalisierung, indem sie sich selbst noch mehr unter Druck setzen, der dominanten Form von Männlichkeit zu entsprechen, was ihrem psychischen Wohlbefinden schadet. Andere hingegen pflegen alternative Formen von Männlichkeit, die die Unterstützung der queeren Community und eine positive Einstellung zur Therapie einschließen. Dies verdeutlicht, dass Männlichkeit weder festgelegt noch einheitlich ist, genauso wenig wie der Umgang von Männern mit Depression.

Um weitreichende Veränderungen zu erzielen, reicht es nicht aus, die individuelle Inanspruchnahme von Hilfe zu fördern. Vielmehr muss ein kultureller Wandel in der Wahrnehmung von Verletzlichkeit und Emotionalität im Zusammenhang mit Männlichkeit bewirkt werden. Wenn die Verbindung zwischen Emotionen und Schwäche aufgehoben und verschiedene Ausdrucksformen von Männlichkeit akzeptiert werden, kann Depression früher und offener behandelt werden. Letztlich erfordert die Transformation männlicher Normen nicht die Abwertung von Männern, sondern die Erweiterung des Spektrums an Ausdrucksmöglichkeiten, die Männer haben können, ohne dabei tabuisiert zu werden.

Literaturverzeichnis

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World Health Organization. “Depression.” Fact sheet. accessed February 23, 2026. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression


[1] World Health Organization. “Depression.” Fact sheet. Accessed February 23, 2026. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression

[2] Mahalik, James R., and Aaron B. Rochlen. „Men’s likely responses to clinical depression: What are they and do masculinity norms predict them?.“ Sex roles 55, no. 9 (2006). S.  660.

[3] Connell, Robert W., and James W. Messerschmidt. „Hegemonic masculinity: Rethinking the concept.“ Gender & society 19, no. 6 (2005): S. 832.

[4] Courtenay, Will H. „Constructions of masculinity and their influence on men’s well-being: a theory of gender and health.“ Social science & medicine 50, no. 10 (2000): S. 1389.

[5] Connell and Messerschmidt 2005, S. 834.

[6] Meyer, Ilan H. „Minority stress and mental health in gay men.“ Journal of health and social behavior (1995): S. 38-39.

[7] National Institute of Mental Health, “Major Depression,” Health Statistics, accessed February 23, 2026, https://www.nimh.nih.gov/health/statistics/major-depression

[8] Latalova et al. 2014, S.1399

[9] Mahalik and Rochlen 2006, S. 660.

[10] Connell and Messerschmidt 2005, S. 832

[11] Levant, Ronald F., K. Bryant Smalley, Maryse Aupont, A. Tanner House, Katherine Richmond, and Delilah Noronha. „Initial validation of the male role norms inventory-revised (MRNI-R).“ The Journal of men’s Studies 15, no. 1 (2007): S. 84.

[12] Mahalik and Rochlen 2006, S. 665.

[13] Courtenay 2014, S. 1389.

[14] Meyer 1995, S. 39-41.

[15] Courtenay 2014, S.1389.

[16] Carbonaro, William. „Deep Secrets: Boys’ Friendships and the Crisis of Connection.“ (2014): 1485-1486.

[17] Meyer 1995, S. 40-41

[18] Wilson, Bianca DM, Gary W. Harper, Marco A. Hidalgo, Omar B. Jamil, Rodrigo Sebastián Torres, M. Isabel Fernandez, and Adolescent Medicine Trials Network for HIV/AIDS Interventions. „Negotiating dominant masculinity ideology: Strategies used by gay, bisexual and questioning male adolescents.“ American journal of community psychology 45, no. 1 (2010): S. 181.

[19] Courtenay, 2014, S. 1391.

[20] Meyer 1995, S. 40.

[21] Courtenay 2014, S. 1394.


Quelle: Dunja Bogdanovska, Hegemoniale Männlichkeit und Depression: Eine vergleichende Analyse heterosexueller und nicht-heterosexueller Männer, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 01.07.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=569

Beobachtungen zu weiblich gelesenem Schmerz am Beispiel Endometriose im Gesundheitswesen

Sophie Tannenberg (WiSe 2025-26)

1. Einleitung

„Das ist doch nichts weiter“, „nimm einfach eine Ibu und dann geht das schon“ oder „so schlimm ist es doch nicht“ sind Ausdrücke, die sich viele Personen mit Gebärmutter mindestens ein Mal in ihrem Leben anhören müssen. Gemeint sind hierbei natürlich die Menstruationsschmerzen, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark auftreten. Häufig wird versucht, einfach „die Zähne zusammenzubeißen“ und den Alltag weiter zu bestreiten, dann aber unter einem hohen Leidensdruck, den viele jedoch gut zu kaschieren wissen, denn: es wird nicht, und vor allem nicht gerne, darüber gesprochen. Früher habe ich mich immer geschämt, wenn ich eine Binde aus meinem Schulrucksack nehmen musste. Ich habe sie schnell wie eine illegale Droge in meiner Hosentasche versteckt, damit niemand sieht, dass ich meine Periode habe, das Wort „Periode“ wurde allerhöchstens flüsternd kommuniziert. Dieser weiblich gelesene Schmerz wird also oft versteckt und tabuisiert. Allerdings gibt es nicht den „einen“ Schmerz, sondern verschiedene Ausprägungen und Stärken. Damit kann sogar mehr verbunden sein als nur die Menstruation. Laut Prof. Dr. Sylvia Mechsner erkranken jedes Jahr circa 52.000 weibliche gelesene Personen neu an Endometriose.[1] Damit ist jede zehnte Person mit Gebärmutter betroffen.[2] Diese chronische Krankheit ist noch weitgehend unbekannt. Ich selbst erfuhr erst vor ein bis zwei Jahren davon, als eine Freundin begann, sehr stark darunter zu leiden. Müdigkeit, Kopfschmerz, ungewöhnlich heftige Unterleibschmerzen, Schwächung der Gliedmaßen und Schwindel, um nur ein paar ihrer Symptome zu nennen. Jedoch kann sie nicht behaupten, damit diagnostiziert worden zu sein, denn dies ist ein langwieriger und komplexer Prozess, dem sich nicht alle Betroffenen stellen. Somit kann von einer relativ großen Dunkelziffer ausgegangen werden, da viele Menschen, so wie auch ich, gar nicht von der Krankheit in Kenntnis gesetzt sind und somit womöglich gar nicht wissen, dass sie darunter leiden. Zusätzlich ist ein Gang zum*zur Gynäkolog*in mit weiteren Hürden verbunden, denen sich Patient*innen stellen müssen – vorausgesetzt, sie nehmen diese Behandlungen auf sich. So musste meine Freundin, die regelmäßig gezwungen ist, Ärzt*innen aufzusuchen, schon zahlreiche schlechte Erfahrungen über sich ergehen lassen: von unsensiblen Frauenärzt*innen bis hin zu fragwürdigen Schlussfolgerungen, woraufhin sie die Pille verschrieben bekam, da Hormone ihr als einzige Möglichkeit dargestellt wurden, die Krankheit zu therapieren. Allerdings ist sie auch auf viele verständnisvolle Ärzt*innen gestoßen, die sie beraten und in mögliche Behandlungsoptionen eingeführt haben.

Mit dieser Hausarbeit setze ich mir das Ziel, die These: „eine Normalisierung von weiblich gelesenem Schmerz zeigt sich in der medizinischen Behandlung von Betroffenen mit Endometriose“ näher auszuleuchten. Dabei werde ich auf vorhandene Studien, Stimmen von Betroffenen sowie von medizinischem Personal eingehen. Es werden dabei Hürden von Betroffenen dieser Krankheit offengelegt, aber auch Schwierigkeiten, die seitens des Gesundheitssystems herrschen, wenn es um die Diagnose und Behandlung von Endometriose geht.

Anmerkung: Zum Unterstreichen des Genderaspekts nutze ich hauptsächlich die Bezeichnungen „weiblich oder männlich gelesen“ beziehungsweise „Menschen mit oder ohne Gebärmutter“. Aus Gründen des Umfangs ist es mir nicht möglich, alle weiteren Geschlechter und Geschlechtsausprägungen hinsichtlich jeglicher Aspekte zu betrachten. Jedoch ist wohl offensichtlich, dass beispielsweise Trans- oder Intermenschen zusätzlich Diskriminierung und Pathologisierung im Gesundheitswesen erfahren müssen.

2. Begriffserklärungen

Eng verknüpft ist die Bezeichnung des weiblich gelesenen Schmerzes mit dem des Gender Pain Gaps, welcher ein Phänomen in der medizinischen Behandlung darstellt, bei welchem Ungleichheiten bei eben dieser medizinischen Versorgung zwischen männlich und weiblich gelesenen Personen herrschen. Zugrunde liegt hier unter anderem ein systematisches Unterschätzen weiblich gelesener Menschen und deren Schmerzen.[3] Somit ist das Konzept des Gender Pain Gaps zentral für das Diskutieren der vorliegenden Problematik.

Eine geschlechterdifferenzierte Betrachtung ruft den Begriff der Female Specific Pains hervor. Laut der National Library of Medicine versteht man darunter genauer Gebärmuttermyome, Menstruationsschmerzen im Allgemeinen, Schmerzen während der Schwangerschaft und der Geburt, Menopause und natürlich Endometriose. Häufig fallen darunter aber auch mehr „alltägliche“ Schmerzen, die auf den ersten Blick keine geschlechterspezifische Veranlagung haben, etwa Kopfschmerzen, Migräne oder Muskelschmerzen.[4]

Verbunden sind diese Begrifflichkeiten mit dem des Gender Exaggeration Bias, welcher sich auf die stereotypische Annahme bezieht, dass biologische Unterschiede von männlich und weiblich gelesenen Personen eine Unterscheidung in ihrer Gefühlswahrnehmung zulassen. Somit wird oftmals angenommen, weiblich gelesene Menschen würden ihren Schmerz dramatisieren und eigentlich weniger empfinden, als sie aussagen.[5]

Besonderes Augenmerk wird in dieser Ausarbeitung auf die Thematik der Endometriose gelegt. Diese ist eine chronische Erkrankung der Gebärmutter, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt und auch Endometrium genannt wird, außerhalb der Gebärmutter wächst. Zysten und Entzündungen können sich beispielsweise an den Eierstöcken, im Bauch- und Beckenraum, aber auch an der Lunge bilden. Theoretisch kann das Endometrium überall im gesamten Körper wachsen, das häufigste Vorkommen ist allerdings im Bauchraum. Wichtig ist hierbei die Unterscheidung zum Menstruationszyklus. Dabei wird die Gebärmutterschleimhaut auf- und wieder abgebaut. So passiert das auch bei dem Endometrium, bei diesem kann aber die Blutung im Gegensatz zur Menstruation den Körper nicht verlassen, woraufhin sich erst so genannte Endometrioseherde und schließlich Endmoetriosezysten bilden. Die genauen Entstehungsursachen für Endometriose sind allerdings noch unbekannt. Die Symptome sind unterschiedlich und individuell, können lokal oder im gesamten Körper auftreten – oder sich gar nicht äußern. Häufig sind jedoch starke Unterleibschmerzen während und unabhängig von der Menstruation gegeben, außerdem Rücken- und Gliederschmerzen während der Periode, starke oder unregelmäßige Monatsblutung, Schmerzen während und nach dem Geschlechtsverkehr und Unfruchtbarkeit, um nur ein paar zu nennen. Damit einhergehend sind psychische Belastungen wie Depressionen, aber auch physische Lasten wie Müdigkeitserscheinungen oder eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte während der Menstruation.[6]

3. Analyse & Argumentation

Allgemeine Beobachtungen lassen erkennen, dass aufgrund von jahrhundertealten Ansichten innerhalb der medizinischen Forschung der männlich gelesene Körper als „Goldstandard“ betrachtet wurde und teilweise immer noch wird. Alles von dieser besagten Norm Abweichende galt als „atypisch“ oder „anormal“.[7] Für die heutige Zeit bedeutet das, dass klinische Studien laut der Ärztekammer Berlin weitestgehend an männlich gelesenen Probant*innen durchgeführt werden. Als Grund können dafür die hormonellen Unterschiede zu weiblich gelesenen Personen angeführt werden, da diese anders auf Medikamente reagieren können. Zwar erfolgte im Jahr 2003 die Gründung des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin und geschlechterspezifische Lehrinhalte sind Teil des Studiums an der Charité, jedoch kommen Geschlechterverschiedenheiten, zum Beispiel bei Krankheiten und Behandlungsweisen, nur in 70,4% aller Medizinischen Fakultäten in Deutschland vor.[8] Andersherum bedeutet dies natürlich aber auch eine deutliche Benachteiligung männlich gelesener Menschen, die wiederum erst spät mit stereotypisch „weiblichen“ Krankheiten diagnostiziert werden, darunter zählen zum Beispiel unter anderem Depression, Brustkrebs oder Osteoporose.[9] Aufgrund dieser langen Fokussierung auf den männlich gelesenen Körper ist es somit nicht verwunderlich, dass der weiblich gelesene Körper und somit auch Female Specific Pains nicht ausreichend erforscht sein können. Der zentrale Begriff hierfür ist der sogenannte Gender-Data-Gap.[10] Ein Fortschritt dieser Problematik zeigt sich jedoch in der sogenannten Gendermedizin, welche bemüht ist, Gender sowie Sex (Geschlecht) in der medizinischen Versorgung zu berücksichtigen.[11]

Nichtsdestotrotz wird weiblich gelesener Schmerz oftmals als emotionales Konstrukt betrachtet. Gestützt wird diese doch noch recht häufige Annahme durch das Vorurteil, Frauen seien hysterisch und emotional, würden übertreiben und somit über ihre Schmerzen in gewisser Weise lügen.[12] Aus diesen Annahmen über die „irrationale“ Gefühlswelt von weiblich gelesenen Personen ergab sich eine Studie, die zeigte, dass Teilnehmer*innen von männlich gelesenen Personen erwarten, weniger Schmerz zu artikulieren als sie tatsächlich fühlen und von weiblich gelesenen Personen, dass diese mehr Schmerz artikulieren als sie fühlen.[13] Somit kann hier der sogenannte Gender-Pain Exaggeration Bias belegt werden. Dieser wiederum kann als Argument dafür dienen, dass weiblich gelesene Personen mit Schmerzen, die auf Endometriose hindeuten, vom Personal im Gesundheitssystem weniger Beachtung finden.

Aus dem oben genannten Argument und dem Gender-Pain Exaggeration Bias ergibt sich zwangsläufig eine Verharmlosung weiblich gelesenen Schmerzes durch medizinisches Personal. Wie eingangs bereits erwähnt, wird der Schmerz weiblich gelesener Personen im Gesundheitssystem häufig unterschätzt oder gar belächelt.[14] Die Folge daraus kann eine Fehldiagnose oder ein falsches oder unzureichendes Rezept sein, was bei den Patient*innen wiederum Frustration oder eine Akzeptanz ihrer Schmerzen auslöst, welche schnell gefährlich werden kann. Ein allgemeineres Beispiel für die offensichtliche Unterscheidung und Benachteiligung weiblich gelesener Menschen im Gesundheitswesen ist die 29% längere Wartezeit, die weiblich gelesene Patient*innen im Gegensatz zu männlich gelesenen Patient*innen in der Notaufnahme mit Brustschmerzen haben. Die Behandlung dieser Personen fiel deutlich unzureichender aus.[15] Speziell für von Endometriose Betroffene bedeutet dieses weniger ernst genommen werden, starke Unterleibschmerzen oftmals der Menstruation zugeschrieben zu bekommen. Eine britische Studie aus dem Jahr 2021 fand heraus, dass sich 84% der Teilnehmenden beziehungsweise Menschen aus ihrem Umfeld vom Personal des Gesundheitswesens nicht gesehen oder in ihren Anliegen gehört gefühlt haben. Das Augenmerk lag hier nicht spezifisch auf Endometriose, sondern ist eine allgemeine Feststellung. Jedoch wird in dieser Studie ein*e Teilnehmer*in zitiert, welche von einer Verharmlosung ihrer Schmerzen spricht, welche als „normale Periodenschmerzen“ abgetan werden, sie würde übertreiben und sich das Ausmaß der Schmerzen lediglich einbilden. Schlussendlich litt die Betroffene unter Endometriose.[16] Hier liegt also eindeutig wieder der Gender Pain Exaggeration Bias vor, da unter anderem angenommen wird, weiblich gelesene Menschen würden ihre Schmerzen „überdramatisieren“. Eine weitere, gezielt auf Endometriose konzentrierte Umfrage zum Diagnoseverfahren aus Großbritannien, berichtet von 78% der Endometriosebetroffenen, welche von einem oder mehreren Vorfällen berichten können, bei denen ihnen Ärzt*innen sagten, sie würden „viel Lärm um nichts“ machen oder ähnliches. Diese Prozentzahl hat sich seit 2020 erhöht, damals waren es 69%.[17] Zu den körperlichen Belastungen kommen häufig psychische Beschwerden, unter denen Betroffene von Endometriose leiden. Diese können verschiedene Ursprünge haben, so beispielsweise alltägliche Einschränkungen durch die körperlichen Schmerzen, durch welche sich die allgemeine Lebensqualität hinsichtlich Beruf, Privatleben und sozialer Teilhaber zusehends verschlechtern kann.[18]

Eine Normalisierung weiblich gelesenen Schmerzes zeigt sich in der medizinischen Behandlung besonders im langwierigen Diagnoseverfahren von Endometriose. Eine Diagnose zur Endometriose beträgt nicht selten sechs bis zehn Jahre.[19] Oft löst dieses lange Warten auf einen Termin oder ein Ergebnis psychischen Stress aus, der zu einer zusätzlichen mentalen Belastung führt.[20] Dieser lange Weg zu einer finalen Diagnose hat allerdings vielfältige Gründe, die nicht alle auf ein exklusives Gesundheitssystem zurückzuführen sind. So zeichnet sich Endometriose durch ein uneindeutiges Krankheitsbild ab, welches viele verschiedenartige Symptome beinhaltet, welche bereits oben erwähnt wurden. Dieses breite Spektrum an Symptomen lässt keine schnelle und eindeutige Entscheidung zu, es müssen mehrere verschiedenen Verfahren zum Tragen kommen, zum Beispiel Anamnesegespräche, Tastuntersuchungen, Ultraschall oder eine Darmspiegelung. Daraus ergeben sich die jahrelangen Gänge zu Ärzt*innen, die Betroffene unternehmen müssen. Um eine vollständige Diagnose zu erhalten, braucht es jedoch einen operativen Eingriff.[21] Durch diesen können zentrale Endometrioseherde gezielt entfernt werden.[22] Eine eindeutige Diagnose ist von großer Bedeutung, da aufgrund dieser eine Therapie angepasst werden kann. Oftmals wird Endometriose durch Linderung der Symptome therapiert, am häufigsten sind hierbei Operationen und Hormonbehandlungen.[23]

Prof. Dr. med. Sylvia Mechsner, Professorin für Endometrioseforschung an der Charité Berlin, legte in einem Interview offen, dass Frauenärzt*innen keine spezielle Schulung in Bezug auf Schmerz-Anamnesen haben. Das bedeutet, dass Gynäkolog*innen gezwungen sein können, eine schnelle Lösung zu finden, welche, wie bereits erwähnt, häufig aus einer Hormontherapie besteht.[24] Hier können allerdings weitere psychische Belastungen als Nebenwirkungen, beispielsweise durch das Einnehmen der Pille, entstehen und depressive Verstimmungen auslösen.[25] Um eine differenzierte Entscheidung zu fällen, welche Menstruationsschmerzen tatsächlich normal sind und welche nicht, muss ein ausführliches Anamnesegespräch stattfinden, auf welches Frauenärzt*innen nicht ausreichend trainiert sind, da diese Schmerzen auch weiterhin ein nebensächliches Thema selbst in der Ausbildung von medizinischem Personal zu sein scheinen.[26]

Eine zusätzliche Schwierigkeit stellen ökonomische Mängel beziehungsweise Vorbehalte dar. Laut der Endometriose-Vereinigung wurde am 28.05.2025 eine Erhöhung der Forschungsgelder von 8,5 Millionen Euro verkündet.[27] Bis 2023 wurden nur 500 000 Euro in die Erforschung dieser Krankheit gesteckt, ab 2023 waren es dann 5 Millionen Euro.[28] Diese Entwicklungen zeigen, dass sich die Thematik allmählich Gehör verschafft und Anklang auch in der Politik findet, allerdings wird dadurch ebenfalls deutlich, dass die Krankheit eben unter anderem aus finanziellen Gründen bislang großflächig unerforscht blieb beziehungsweise nicht genügend untersucht wurde. Die nötigen finanziellen Mittel waren einfach nicht ausreichend gegeben.

Die langwierigen Therapien erzwingen außerdem hohe Kosten für das Gesundheitssystem.[29] So betragen die direkten sowie indirekten Kosten der Behandlung von Endometriose 4.137.992 Euro,[30] wobei sich die direkten Kosten auf ambulante und stationäre ärztliche Pflege sowie den Medikamentenverbrauch beziehen. Bei diesen direkten Kosten ergibt sich der Großteil, nämlich 31%, aus der stationären Behandlung (zumindest im Jahr 2017, aus welchem diese Arbeit und somit die Quelle stammt). Am eindrücklichsten stechen hier die Zahlen der indirekten Kosten heraus, in denen Arbeitsausfall, Erwerbsminderung und Arbeitszeitreduzierung die Unterteilungen bilden. Der Arbeitsausfall mit 2.766 Euro stellt dabei den größten Anteil dar. Dieses Beispiel demonstriert einmal mehr die alltäglichen und sozialen Einschränkungen, denen sich Betroffene mit Endometriose ausgesetzt sehen. Diese können bis hin zu einer temporären Unfähigkeit, den eigenen Beruf auszuüben, reichen.

4. Fazit und Ausblick

Abschließend lässt sich festhalten, dass weiblich gelesener Schmerz immer weiter ins Licht der Beachtung der Gesellschaft rückt, diese Entwicklung allerdings immer noch sehr langsam vonstatten geht. Die Recherche und Erstellung dieser Arbeit haben deutlich gemacht, dass die These „eine Normalisierung von weiblich gelesenem Schmerz zeigt sich in der medizinischen Behandlung von Betroffenen mit Endometriose“ kein Schwarz-Weiß-Denken erlaubt, da diese Problemstellung sehr vielschichtig ist und dieser viele Argumente zugrunde liegen. Allen voran der Gender Pain Gap, der als grundlegendes Problem anzuerkennen ist. Viele Studien zeigen klar, dass weiblich gelesener Schmerz in der Gesellschaft und somit auch im medizinischen Bereich oftmals nicht ernst genommen oder gar verharmlost wird. Jedoch wird der Gender Pain Gap bereits teilweise bekämpft. So zum Beispiel durch schrittweises Aufbrechen bisheriger Muster und Anschauungen. Der gendermedizinische Ansatz findet zwar immer noch einen recht kleinen Platz im Medizinstudium, allerdings fordern beispielsweise die Ärztekammer Berlin eine feste Verankerung von Gendermedizin im Studium. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der nicht unterschätzt werden sollte, ist die Finanzierung von Forschungen. Hier wird seit einigen Jahren die Endometrioseforschung durch erhöhte Forschungsinvestitionen, aktuell in Höhe von 8,5 Millionen Euro[31], vorangetrieben. Doch zeigen die bisherigen Erkenntnisse, vor allem was die Entstehung und zielführende Bekämpfung der Krankheit angeht, dass diese noch unzureichend erforscht ist und der Behandlung hohe Kosten zugrunde liegen. Prof. Dr. Mechsner des Endometriosezentrums der Charité Berlin plädiert für mehr Gründungen solcher Zentren als spezielle Orte, an denen Patient*innen ohne Vorurteile behandelt werden können und eine Tabuisierung der Thematik ausgeschlossen ist. Dies könnte zu einer erhöhten Sichtbarkeit und mehr Respekt bezüglich weiblich gelesenen Schmerzes führen. Dass die Krankheit ernster genommen werden muss, hat sich während der Recherche immer wieder ergeben. Besonders das medizinische Personal sollte dahingehend ausführlicher geschult werden, das Gesundheitssystem durch eine bessere Finanzierung versuchen, größere Kapazitäten für Gynäkolog*innen einzuräumen, um Betroffenen einen langen und kraftzehrenden Leidensweg zu ersparen oder diesen zumindest zu vereinfachen. Im Hinblick auf meine anfangs herrschende Unwissenheit wäre ein sinnvoller Schritt, die Krankheit Endometriose in der Gesellschaft sichtbarer zu machen und über die Thematik aufzuklären. Es sollte die Möglichkeit geben, sich darüber zu informieren und zu ermutigen, sich der Tabuisierung und den Vorurteilen entgegenzustellen.

5. Literaturverzeichnis

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[1] Serbent, Ulrike. Endometriose: Die unsichtbare Krankheit. AOK, Presse und Politik.

[2] The LanCet. Endometriosis: Addressing the Roots of slow Progress.

[3] Gender Pain Gap: Warum weibliche und männliche Schmerzen nicht gleichbehandelt werden. Medi-Karriere.

[4] Laughey et al. In: Pain in women: bridging the gender pain gap. National Center for Biotechnology Information.

[5] Paganini et al. Women exaggerate, men downplay.

[6] Basiswissen Endometriose. Hg. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

[7] Marts, Sherry a. u. Keitt, Sarah (2004). „Principles of Sex-based Differences in Physiology“.

[8] Ärztekammer Berlin. (06. März, 2025). Gendermedizin im Medizinstudium verankern! [Pressemeldung].

[9]ebd.

[10] Oertelt-Prigione, Sabine. „Die Entstehung der geschlechtersensiblen Medizin – von der Frauengesundheitsbewegung zum Gender-Data-Gap“. Bundesstiftung Gleichstellung.

[11] Oertelt-Prigione, Sabine. „Definitionen – geschlechtersensible Medizin, Gendermedizin, Frauengesundheit oder doch etwas anderes?“ Bundesstiftung Gleichstellung.

[12]Lloyd et al. Women exaggerate, men downplay. Hg. Department Of Health & Human Sercives USA.

[13]Paganini et al. „Study 1: Discussion“. In: Women exaggerate, men downplay. Hg. Department Of Health & Human Sercives USA.

[14]Pronina, I., 6 Rule, N.O. (2014). Including bias modulates sensitivity to nonverbal cues of other’s pain. European Journal of Pain.

[15] Sex and Race Differences in the Evaluation and Treatment of Young Adults Presenting to the Emergency Department With Chest Pain. In: Journal of the American Heart Assosiation.

[16]Department for Health and Social Care: Call for evidence outcome: results oft he ‚women’s Health – Let’s talk about it‘ survey.

[17] „Dismisses, ignored and belittled“ in: The long road to endometriosois diagnosis in the UK.

[18]von Korff, M. & Simon, G. The relationship between pain and depression. British Journal of Psychiatry.

[19] Meier zu Biesen, Caroline: Endo-Werden und -Nicht-Werden Eine geschlechtersensible Perspektive auf das Leben mit Endometriose. in: Curare Gender und Medizin.

[20]Wischmann, T. Psychologische Aspekte bei Endometriose und Kinderwunsch – einige kritische Anmerkungen.

[21] Basiswissen Endometriose. Hg. Endemetriose-Vereinigung Deutschland e.V. 2024.

[22] Erbas, Deniz. Operative Therapie. in: Dissertation: Die ambulante Behandlung von Endometriosepatientinnen unter klinischen und gesundheitsökonomischen Aspekten in einer Einzelpraxis für Gynäkologie und Geburtshilfe.

[23] Serbent, Ulrike in: Endometriose: Die unsichtbare Krankheit. AOK Presse und Politik.

[24] Priess, Sabine. Das kommt schon an Geburtsschmerzen heran. rbb24.

[25]Schäfer, S. D. & Kiesel, L. Diagnostik und Therapie der Endometriose nach der S2k-Leitlinie. Der Gynäkologe.

[26] Priess, Sabine. Das kommt schon an Geburtsschmerzen heran.

[27]Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

[28]5 Millionen für Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

[29] Gao X et al. Economic burden of endometriosis. Fertil Steril.

[30]Erbas, Deniz. Volkswirtschaftliche Bedeutung. in: Dissertation: Die ambulante Behandlung von Endometriosepatientinnen unter klinischen und gesundheitsökonomischen Aspekten in einer Einzelpraxis für Gynäkologie und Geburtshilfe.

[31] Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.


Quelle: Sophie Tannenberg, Beobachtungen zu weiblich gelesenem Schmerz am Beispiel Endometriose im Gesundheitswesen, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 01.07.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=566

„Frauenkrankheiten“: Die Rechtfertigung von Wissenslücken und Trivialisierung von Leid am Beispiel von Endometriose

Nadja Isabel Dörner (WiSe 2025-26)

1.  Endometriose und die Gender Data Gap

Laut der World Health Organisation[1] (n.d.) definiert sich Endometriose durch das pathologische Wachsen von Gebärmutterschleimhaut-ähnlichem Gewebe an jeglichen anderen Orten im Körper. Weltweit sind nach Schätzungen der WHO rund 10% aller menstruierenden Personen[2] – etwa 190 Millionen – betroffen.

Häufige Symptome sind etwa chronische Schmerzen, starke Blutungen während der Periode und Müdigkeit. In Wechselwirkung mit physischen Beschwerden sind auch psychologische und soziale Beeinträchtigungen typisch: Die WHO zählt mitunter auf ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Angststörungen sowie soziale Isolation auf.

Das Forschungsteam um As-Sanie (2019) weist darauf hin, dass rund 95% aller Betroffenen mindestens eine komorbide somatische Krankheit wie ME/CFS oder psychische Störung wie eine Angststörung haben.

Eine Konsequenz des Zusammenspiels aus Prävalenz und ausgeprägten Einflusses auf die Lebensqualität von Endometriose ist ein objektiv negativer ökonomischer Effekt (WHO, n.d.). Meiner persönlichen Schlussfolgerung nach handelt es sich aus diesen Gründen um eine ernstzunehmende Krankheit, deren Erforschung von gesamtgesellschaftlichem Interesse und Nutzen wären. Jedoch klingt bereits auf der offiziellen Website der WHO ein dazu im Kontrast stehendes Ausmaß an Nicht-Wissen von Ätiologie bis zu effektiver Behandlung an: „The causes of endometriosis are unknown. […] There are no existing treatments that definitively cure the disease“ (Paragraph 3; Paragraph 5).

Ein Bericht der Zeitschrift The Cardiffian (2025) thematisiert in einem Artikel zum EndoMarch – einer jährlichen Demonstration mit dem Ziel, Aufmerksamkeit auf Endometriose zu lenken – die von Endometriose-Patient*innen empfundene Unverhältnismäßigkeit dieser Wissenslücken. Teilnehmerin der Demonstration und Mitglied des walisischen Parlaments Jenny Rathbone beschreibt die aktuelle Situation als inakzeptabel. Es sei ihrer Meinung nach notwendig, die Regierung aktiv unter Druck zu setzen, die Versorgungslage zu verbessern.

Der auch im Artikel gemachte Vergleich zwischen der Erforschung von Endometriose und männlicher Kahlköpfigkeit ist im Internet weit verbreitet. Es gibt regelmäßig Posts in verschiedenen sozialen Medien mit Tausenden von Likes [3], die damit Defizite unter anderem in der Endometriose-Forschung ansprechen.

Zur Erklärung dieser Defizite kann mitunter das Konstrukt der Gender Data Gap herangezogen werden, welches die Bundesstiftung Gleichstellung (n.d.) als „[…] Lücke im Wissen zur geschlechterspezifischen Wirksamkeit von Medikamenten und Behandlung von Krankheiten […]“ (Paragraph 6) definiert.

Darauf basierend wird sich diese Hausarbeit zunächst mit der systematischen Unterforschung von Endometriose und den zugrundeliegenden Faktoren auseinandersetzen. Sich an den Begriffen „Frauenkrankheit“ und undone science orientierend werde ich den geschichtlichen Hintergrund und mögliche Einflussfaktoren thematisieren. Darauf folgt meine kurze persönliche Kritik am aktuellen Fokus der Endometriose-Forschung am Beispiel von zwei in den 2010ern veröffentlichten Studien. Anschließend werde ich unter den Leit-Themen Ignoranz und Trivialisierung auf Basis von mehreren Studien zu Erfahrungsberichten von Endometriose-Patient*innen auf Diagnoseverzögerungen, den Mangel an Behandlungsmöglichkeiten und mögliche Auswirkungen auf die mentale Gesundheit eingehen.

Zuletzt folgt eine kurze Reflexion vom Einfluss patriarchaler Strukturen auf Gesundheit, spezifisch in Bezug auf Menstruations-Gesundheit.

Insgesamt sind alle teilnehmenden Personen in den verwendeten Studien dem Anschein nach cis-Frauen, oder identifizierten sich zum Zeitpunkt der Durchführung zumindest als solche. Die offizielle WHO-Website weist darauf hin, dass auch trans* Männer und nicht-binäre Personen an Endometriose erkranken können, verwendet jedoch im weiteren Verlauf mehrmals „Frauen“ als Austauschwort für Patient*innen oder Betroffene. Nicht nur ist der Artikel damit in sich inkonsistent, sondern auch dieser einmaligen Anmerkung unterliegt eine binäre Sicht des biologischen Geschlechts, was inter* Personen weiterhin von der Konversation ausschließt. Vor diesem Hintergrund werde ich geschlechtsneutrale Begriffe verwenden, außer in direktem Bezug auf Zitate von Studienteilnehmerinnen, die in den jeweiligen Studien als weiblich erfasst wurden.

2.  „Frauenkrankheiten“ und das Phänomen der ungeschehenen Wissenschaft

Die Online-Website des Duden (n.d.) definiert Patriarchat im soziologischen Kontext als „Gesellschaftsordnung, bei der der Mann eine bevorzugte Stellung in Staat und Familie innehat und bei der in Erbfolge und sozialer Stellung die männliche Linie ausschlaggebend ist“.

Im Umkehrschluss folgt daraus in patriarchalen Gesellschaften die systematische Unterordnung jeglicher Personen, die nicht-männlich sind beziehungsweise wahrgenommen werden.

2.1.  Ein Einblick in die Geschichte

In einem wissenschaftlichen Artikel schreibt Nicky Hudson (2021) die erste Verwendung des Begriffs „Endometriose“ dem Gynäkologen John Sampson zu, der 1921 erstmals eine Theorie über Ätiologie und biologischen Verlauf der Krankheit aufstellte.

Allerdings existierten Beschreibungen ähnlicher Symptombilder bereits davor: Die frühsten heute bekannten stammen aus der Antike (Hudson, 2021). Historisch können diese Symptom-Cluster mit seit ICD-11 offiziell nicht mehr verwendeten und nicht empirisch belegten Diagnose der Hysterie in Zusammenhang gestellt werden. Beispielsweise werden Betroffene als psychisch instabil und nicht in der Lage, patriarchale Ideale zu erfüllen, dargestellt.

Hudson (2021) stellt die Hypothese auf, dass die somatische Krankheit Endometriose eventuell flächendeckend falsch als psychische Störung, die ausschließlich Frauen betreffen kann, diagnostiziert wurde. Auch heute berichten Endometriose-Patient*innen davon, in ärztlicher Behandlung gesagt zu bekommen, ihre Symptome seien „nur im Kopf“ (Petterson & Berterö, 2020).

2.2.  Die aktive Produktion von Forschungslücken

In demselben Paper erklärt Nicky Hudson (2021): „[Illnesses] common to women are systematically ignored or misattributed as evidence of mental illness, deviant behavior or a lack of self-care“ (S.22).

Endometriose ist eine der somatischen Krankheiten, bei denen dieses nachweislich falsche Verständnis der Ätiologie eingesetzt wird um deren Unterforschung zu rechtfertigen. Werden Ursachen vermeintlich klar kausal auf Psyche und Verhalten der Erkrankten zurückgeleitet, so wird die weitere Erforschung dadurch als unnötig und unwichtig dargestellt.

Unterstützend dient auch die Etikettierung mit dem in diesem Kontext negativ konnotierten Begriff „Frauenkrankheit“. Im Zusammenhang mit der Gender Data Gap, welche indirekt auf die Ansicht des cis-männlichen Körpers als Standard hinweist, werden davon abweichende Körper und damit in Verbindung stehende Symptome, Krankheitsverläufe und gesamte Krankheiten in den Hintergrund gestellt. Ebenfalls relevant in diesem Kontext ist Intersektionalität, da diese Standardisierung von bestimmten Körpern auf mehreren Ebenen von soziodemografischen Merkmalen stattfindet. Das Akronym WEIRD – kurz für White, Educated, Indurstrialized, Rich, Democratic – beschreibt die bis heute anhaltende Selektivität vieler Stichproben von medizinischen und psychologischen Studien (Henrich et al., 2010).

Hudson (2021) beschreibt sogenannte „undone science“ als mehr als nur das passive Vorhandensein von Nicht-Wissen: es gäbe eine aktive Entscheidung, Lücken in einem Forschungsfeld zu akzeptieren. Endometriose beispielsweise werde als mysteriös dargestellt und deshalb die Annahme getroffen, die Krankheit besser zu verstehen sei nicht möglich. Bereits auf rein deskriptiver Ebene wird bei der Klassifikation verschiedener Unterformen von konkreten Aussagen abgesehen: „The scientific concensus is that there is no consensus“ (S.24).

Eine weitere Konsequenz ist die chronische Unterfinanzierung von Endometriose-Forschung. In den USA beispielsweise war Endometriose am unteren Ende der insgesamt 285 Krankheiten, für die der Staat 2018 Fördergelder verlieh (As-Sanie et al., 2019, S.91).

2.3.  Die Zentrierung von cis-Männern in der Endometriose-Forschung

Vor dem Hintergrund der mangelhaften Finanzierung und den Lücken im Verständnis von Ätiologie bis zu Behandlung von Endometriose fielen mir Studien wie die von Vercellini et al. (2013) – mittlerweile revidiert – über den Einfluss von Endometriose auf von Männern wahrgenommene Attraktivität oder die von Culley et al. (2017) über die negativen mentalen Konsequenzen der Krankheit für männliche Partner von Patient*innen besonders auf. Meiner Auffassung nach stellen cis-Männer und deren Erfahrungen in den Fokus einer Erkrankung, die sie nur indirekt betrifft.

Ich sehe durchaus die Wichtigkeit der Erforschung der Belastung, die Krankheiten auch für Angehörige sein können. Allerdings gibt es meiner persönlichen Meinung nach auch potentielle Probleme mit Zitaten wie: „[Male] partners and their needs appear to be marginalized at several levels: healthcare, information, and support, within relationships and within wider society and social life“ (Culley et al., 2017, S.1672).

An Endometriose Erkrankte leben täglich mit somatischen und psychischen Beschwerden, die auch heute nicht immer mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandelt werden. Davon zu sprechen, dass cis-Männer bei einer Krankheit, die sie nicht selbst haben nicht genug zentriert werden, erscheint mir persönlich als Symptom einer Gesellschaft, in der männliche Überordnung Standard ist und eine Abweichung der Priorisierung von Männern von diesen als belastend und unfair wahrgenommen wird.

Anstatt bessere Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten für Personen mit Endometriose, die physisch und mental täglich an dieser Krankheit leiden, zu entwickeln, werden die Erkrankten meiner Meinung nach teilweise auf ihre Funktionen in einer patriarchalen Gesellschaft reduziert: Das Eingehen einer heterosexuellen Beziehung und die damit verbundene unbezahlte Care-Arbeit. Ich bekam das Gefühl, dass diese Studien Endometriose eher im Kontext der potenziellen Gefährdung der Erfüllung von patriarchalen Idealen und Rollenbildern Wichtigkeit zusprachen. Auch wenn dies nicht die Intention der Forschenden widerspiegelt, weist es dennoch meiner Meinung nach auf ein tiefer verankertes gesellschaftliches Problem hin.

Zudem stellte ich während meiner Recherche fest, dass der Einbezug gelebter Erfahrungen von Endometriose-Patient*innen in qualitativen Studien wie etwa der von Grogan et al. (2018) als besonders wichtig und in der Vergangenheit nicht immer gegeben dargestellt wurde. Es erschien mir, als wäre die Kluft zwischen Forschung und Lebensalltag ein weiteres Phänomen einer patriarchalen Gesellschaft: Es wird mehr Forschung über Erkrankte als mit ihnen betrieben. Meiner

Meinung nach könnte hier auch eine Verbindung dazu bestehen, dass Patient*innen die Glaubhaftigkeit ihrer eigenen Erfahrungen von historisch männlich dominierten Forschungskreisen abgesprochen wird.

3.  Ignoranz und Trivialisierung in Diagnostik und Behandlung

3.1.  Diagnostik

Eine an Endometriose erkrankte Studienteilnehmerin namens Olena berichtet: „It’s going to sound insane but first feeling was relief! That after 10 years I was not ‚imagining‘ this pain! Then fear, then anger as to why it took so long to get diagnosed“ (Grogan et al., 2018, S.1370).

Bei diesem Gefühl der Erleichterung handelt es sich um keinen Einzelfall, wie eine Meta-Analyse bestätigt (Pettersson & Berterö, 2020).

Eine Studie von As-Sanie et al. (2019) thematisiert das Fehlen flächendeckend eingesetzter, nicht oder weniger invasiver Methoden zur Endometriose-Diagnose, welches laut der Forschenden vor allem bei jungen Patient*innen von Seiten der Behandelnden, Eltern und auch Betroffenen selbst zu Zögern und damit einer Verspätung in der Diagnostizierung führen könne. Außerdem wurden für aktuelle invasive Diagnose-Maße in neueren Studien niedrige Zusammenhänge mit SymptomSchwere und Einfluss auf die Lebensqualität gefunden. Während also nach einer laparoskopischen Operation, bei der pathologisches Gewebe gefunden und entfernt wird (WHO, n.d.), eine kategoriale Aussage zur Diagnose gemacht werden kann, können Fragen zu tatsächlichen Auswirkungen der Krankheit auf einer dimensionalen Ebene nicht unbedingt beantwortet werden.

Es gibt weitere Barrieren in der Diagnostik. Geschriebene Berichte von Patient*innen aus einer in Großbritannien durchgeführten Online-Studie von Grogan et al. (2018) enthalten Beschreibungen vom Diagnose-Prozess als Kampf, verbunden mit mehrmaligem Aufsuchen von Gesundheitsdienstleister*innen und Beharrlichkeit, teils über mehrere Jahre. Eine teilnehmende Person schreibt retrospektiv über die mentalen Auswirkungen: „[I] had lost faith in health professionals and felt ‚let down‘ by the health care system in general“ (Grogan et al., 2018, S.1369). Eine Meta-Analyse von Pettersson und Berterö (2020) kompilierte wiederkehrende Themen bei den Erfahrungen von Endometriose-Patient*innen mit dem Gesundheitssystem und fand mehrere Einflussfaktoren auf die Diagnose-Verzögerung: Neben zu wenig Wissen von Seiten der Behandelnden wird ebenso die Normalisierung von erfahrenen Beschwerden erwähnt. Chronische Schmerzen wurden als nicht-pathologisches Nebenprodukt von Menstruation etikettiert – den Erkrankten wurde vorgeworfen, diese „normalen“ Schmerzen einfach nicht aushalten zu können – und weitere begleitende Symptome nicht beachtet.

Ein weiterer Faktor könnte die sogenannte Menstruations-Etiquette sein. Kate Seear (2009) stellt die Theorie auf, dass menstruierende Personen aufgrund von bereits erfahrenen oder befürchteten Sanktionen im Privat- und Berufsleben, zum Beispiel Ausgrenzung oder Kritik, Menstruationsprobleme gar nicht erst ansprechen würden. Das Ansehen von Menstruation als „highly stigmatising event“ (Seear, 2009, S.1226) könnte meiner Schlussfolgerung nach potentiell an Endometriose erkrankte Personen auf einen unbestimmten Zeitraum von Gesundheitsdienstleister*innen fernhalten. Die Diagnose-Verzögerung würde damit bereits vor dem ersten Besuch einer ärztlichen Praxis beginnen.

3.2.  Behandlung

Aufgrund des fehlenden Wissens um die Ätiologie von Endometriose liegt der Behandlungs-Fokus auf der Verminderung der körperlichen Symptom-Beschwerden, wobei beide der gängigsten spezifischen Interventionen schwerwiegende Nachteile haben.

Laut dem Forschungsteam um As-Sanie (2019) müssen sich Erkrankte bei hormonellen Therapien zwischen Schmerzlinderung und einer Schwangerschaft entscheiden. Eine laparoskopische Operation zur Entfernung von pathologischem Gewebe garantiert keine Verbesserung der Symptome und kann ein Rezidiv nicht ausschließen.

Auch wegen der Barrieren zur Diagnose werden viele Patient*innen, wie eine Meta-Analyse von Pettersson & Berterö (2020) zeigt, zuerst oder nur über unspezifische Behandlungsmöglichkeiten informiert, zum Beispiel Sport oder Schmerzmittel (NSAR wie Ibuprofen). Die beiden Forschenden heben ebenfalls hervor, dass einige Ärzt*innen eine Schwangerschaft vorschlugen, was nicht nur eine temporäre „Lösung“ darstellt, sondern in einigen Fällen in Widerspruch mit den aktuellen Lebensumständen der Betroffenen stand, von denen einige unfruchtbar waren oder keinen Kinderwunsch hatten.

Aufgrund dieser als mangelhaft oder insensitiv wahrgenommenen professionellen Beratung und Unterstützung beschrieben mehrere Teilnehmende in einer Studie von Grogan et al. (2018), sie hätten selbst – vor allem über das Internet – Endometriose-Expertise erlangen müssen. Jedoch wäre der Versuch, Erfahrungsberichte anderer Personen mit ähnlichen Symptomen einzubringen, auf genervte Reaktionen von Gesundheitsdienstleister*innen gestoßen (Pettersson & Berterö, 2020).

Zum Umgang mit Symptomen verwenden Patient*innen im Alltag verschiedene Bewältigungsstrategien, wie eine Studie von Grogan, Turley und Cole (2018) zeigt. Ein Beispiel ist self-pacing: Das Vermeiden von sozialen Aktivitäten im Privat- und Berufsleben zur Konservierung von Energie. Auswirkungen beinhalten unter anderem das Verlieren von interpersonellen Beziehungen und Gefühle von Schuld und Isolation.

Studien-Teilnehmende berichteten, ihre Beschwerden im Privat- sowie Berufsleben zu verbergen. Sie beschrieben Sorge, die eventuell von ärztlichem Personal bereits erfahrene Trivialisierung von anderen Personen widergespiegelt zu bekommen und nicht mit Verständnis oder Empathie behandelt zu werden (Grogan et al., 2018; Pettersson & Berterö, 2020).

Auf solchen Wegen kann Endometriose auch die mentale Gesundheit beeinflussen.

4.  Patriarchale Strukturen und Menstruations-Gesundheit

Während der Recherche für diese Arbeit habe ich meine eigene festsitzende patriarchale Konditionierung gespürt. Menstruations-Etiquette, Angst vor sozialen Sanktionen und dem nicht ernst genommen werden und Erleichterung beim Erhalten einer Diagnose – denn immerhin war es eben nicht nur „in meinem Kopf“. Das alles sind mir bekannte Phänomene, auch wenn ich ihnen vorher keine Namen geben konnte und mir wenige Gedanken über deren Zusammenhänge im Rahmen einer patriarchalen Gesellschaft gemacht hatte.

Auch die Gedanken zu Scham als patriarchales Machtinstrument von Zayane Heitz (2025) haben mich nachhaltig beeinflusst: Ich möchte nicht mehr zu einem System beitragen, welches meine kontinuierliche Leistung annimmt und sich Scham zum Instrument macht, um mich nach im Kern unerreichbaren Idealen streben zu lassen.

Ein System, welches beispielsweise bei Dysmenorrhö „Funktionieren“ über das Wohlbefinden von Betroffenen stellt. Auch ich habe vielfach meine Schmerzen wegen befürchteten sozialen Sanktionen mit zusammengebissenen Zähnen und nicht-verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln selbst behandelt und nicht darüber gesprochen.

Die Erfahrungsberichte von Endometriose-Patient*innen haben mich traurig für die Betroffenen und wütend auf das patriarchale Gesundheits-System. Aber gleichzeitig habe ich zum Beispiel in Online-Foren[4] die Solidarität zwischen Erkrankten gespürt; ich habe den Mut und die unbändige Kraft, trotz aller dieser Barrieren eine angemessene Diagnose und Behandlung zu verlangen, gesehen. Im Angesicht dessen fühle ich mich inspiriert, selbst meinen Teil im Kampf um die Verbesserung der Forschungs- und Versorgungslage beizutragen, sei es durch Recherche oder das offene Sprechen über Menstruations-Irregularitäten oder -Schmerzen.

5.  Literaturverzeichnis

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Culley, L., Law, C., Hudson, N., Mitchell, H., Denny, E., & Raine-Fenning, N. (2017). A qualitative study on the impact of endometriosis on male partners. Human Reproduction, 32(8), 1667-1673. https://doi.org/10.1093/humrep/dex221

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Heitz, Z. (2025, April 2). “Wie kann ich nur?” Scham als unsichtbare Gewalt. theartofintervention. https://artofintervention.ch/wie-kann-ich-nur-scham-als-unsichtbare-gewalt/

Henrich, J., Heine, S.J., & Norenzayan, A. (2010). The weirdest people in the world? Behavioral and Brain Sciences, 33, S.61-135, https://doi.org/10.1017/S0140525X0999152X

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[1] Im Folgenden als WHO abgekürzt.

[2] Auf der Website der WHO ist hier ausschließlich von Frauen die Rede, jedoch wird im weiteren Verlauf darauf hingewiesen, dass auch trans-männliche und nicht-binäre – sprich bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesene – Personen von Endometriose betroffen sein können.

[3] Beispiele: https://x.com/robpatt___/status/1997559665648148929?s=20 ; https://x.com/cessonmute/status/2018113648162693464?s=20

[4] Zum Beispiel r/endometriosis auf Reddit: https://www.reddit.com/r/endometriosis/


Quelle: Nadja Isabel Dörner, „Frauenkrankheiten“: Die Rechtfertigung von Wissenslücken und Trivialisierung von Leid am Beispiel von Endometriose, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 01.07.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2026/07/01/frauenkrankheiten-die-rechtfertigung-von-wissenslucken-und-trivialisierung-von-leid-am-beispiel-von-endometriose/

Afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften zwischen westlich-zentrierter Berichterstattung und postkolonialen Machtstrukturen

Laila Lehming (WiSe 2025.26)

1. Persönliche Positionierung und Einleitung

Als eine in Deutschland aufgewachsene Studentin im Fach Politikwissenschaft reflektiere ich über globale Sportmedien aus einer westlich sowie weiblich geprägten Perspektive. Meine Wahrnehmung ist dabei stark durch deutsch- und englischsprachige Medien geprägt. Beide galten für mich lange als selbstverständliche Referenz.
Seit dem Vize-Europameisterschafts-Erfolg der deutschen Frauenfußballnationalmannschaft bei der EM im Sommer 2022 verfolge ich den Sport und die Berichterstattung darüber intensiv. Seit der EM 2022 sowie der darauffolgenden WM 2023 ist die mediale Berichterstattung über diesen Sport enorm gestiegen. Dabei ist vor allem bei der WM 2023 aufgefallen, dass afrikanische Mannschaften medial eine andere Aufmerksamkeit erlangen als europäische Teams.
 
Während die englischen „Lionesses” in den Medien stets als „kämpferisch” (Schicklinski 2025) beschrieben werden, die spanische Nationalmannschaft als extrem technisch versiert und bei den Französinnen ihre Schnelligkeit hervorgehoben wird, werden afrikanische Mannschaften] meistens relativ ähnlich beschrieben. Und das trotz ihrer vorhandenen Differenzen. Oft werden deren Spielstile im Vergleich zu europäischen Teams auf ihre „Physis” oder eine (oft in westlichen Vereinen spielende) einzelne Spielerin beschränkt. Diese wiederkehrende Zuschreibung erzeugt ein homogenisiertes Bild afrikanischer Mannschaften, welches ihre sportliche Vielfalt und taktische Unterschiedlichkeit kaum abbildet. Medial werden sie dadurch nicht als gleichwertige Konkurrentinnen in internationalen Wettbewerben dargestellt, sondern als eine Abweichung von westlichen Normen. Hinzu kommt, dass unabhängig von ihren letzten Erfolgen afrikanische Teams im Vergleich zu europäischen Teams konstant als „Underdog” gesehen werden.
 
Diese Unterschiede in der Berichterstattung sind dabei mehr als zufällige Beobachtungen, sondern weisen auf tief verankerte strukturelle Machtverhältnisse innerhalb globaler Sportmedien hin. Besonders deutlich wird hierbei, dass sich die geschlechtsspezifische Benachteiligung im Frauenfußball mit rassistischen und postkolonialen Zuschreibungen überlagert, wodurch afrikanische Spielerinnen mehrfach marginalisiert werden.
 
Diese Problematik gewinnt insbesondere im Hinblick auf die Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2027 in Brasilien an Relevanz. Vor dem Hintergrund anhaltender geschlechtlicher und rassistischer Diskriminierungsstrukturen stellt sich die Frage, inwiefern zukünftige mediale Berichterstattung bestehende Machtverhältnisse reproduzieren oder potenziell aufbrechen kann. Eine kritische Untersuchung dieser Dynamiken erscheint daher von zentraler Bedeutung.

2. Kontextualisierung

2.1 Frauenfußball im afrikanischen Kontext

Entgegen weit verbreiteter Annahmen stellt der Frauenfußball in afrikanischen Kontexten kein randständiges oder qualitativ unterlegenes Phänomen dar, sondern ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil internationaler Wettbewerbe. Afrikanische Frauennationalmannschaften nehmen regelmäßig an Turnieren wie den Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften teil. Im CAF Africa’s Women’s Cup of Nations ist die Qualität der Mannschaften stark zusammengerückt. Der „afrikanische Fußball der Frauen macht Quantensprünge in Sachen Qualitätsdichte und das seit mehreren Jahren” (Emrich 2025). Trotz sportlicher Erfolge und wachsender Professionalisierung, wie z.B. die Gründung eines „High-Performance-Centre“ an der Universität Pretoria, das gezielt Fußballspielerinnen fördern soll, ist der Frauenfußball in den afrikanischen Ländern „massiv unterfinanziert” (ntv.de 2023). Begrenzte finanzielle Mittel, mangelhafte Trainingsbedingungen, fehlende institutionelle Unterstützung sowie die Nichtzahlung von Prämien prägen die strukturellen Rahmenbedingungen. Hinzu kommen schwerwiegende Vorwürfe sexualisierter Gewalt innerhalb einzelner Verbände, die auf tiefgreifende Machtungleichgewichte hinweisen. Die Trainingskonditionen sind oft „einfach nur schlecht” (ntv.de 2023). Die Aussage der ehemaligen Kapitänin der südafrikanischen Nationalmannschaft Janine van Wyk, „die Kluft zwischen [den Bedingungen] im afrikanischen Fußball und dem Rest der Welt ist riesig“ (ntv.de 2023), verdeutlicht, dass sportlicher Erfolg bislang nicht mit gleichwertigen strukturellen Voraussetzungen einhergeht.
 
Trotz dieser strukturellen Missstände befindet sich der Frauenfußball in Afrika in einer Phase des deutlichen Aufschwungs. Die erstmalige Qualifikation von vier afrikanischen Teams für die Weltmeisterschaft 2023 markiert einen historischen Moment und führte in vielen Ländern zu gesteigerter öffentlicher Aufmerksamkeit. Diese sportliche Entwicklung steht jedoch in einem Spannungsverhältnis zur weiterhin marginalen medialen Repräsentation auf globaler Ebene.

2.2  Mediale Sichtbarkeiten afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften

 Trotz der beschriebenen sportlichen Entwicklung und wachsenden Professionalisierung afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften spiegelt sich dieser Fortschritt bislang nur wenig in ihrer medialen Repräsentation wider.
 
Der Frauenfußball im Allgemeinen erlebt global einen rasanten Aufschwung an Popularität. Er ist der am stärksten wachsende und stetig populärer werdende Teamsport der Welt (vgl. Staab 2017, S.56). Nationale Ligen sowie internationale Turniere knacken regelmäßig Publikumsrekorde (vgl. DPA, 2022). Trotzdem bleibt seine mediale Behandlung von strukturellen Ungleichheiten geprägt. Dies zeigte sich unter anderem in der verzögerten Sicherung der Übertragungsrechte der Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2023 in Deutschland, die erst kurz vor Turnierbeginn finalisiert wurde (vgl. deutschlandfunk 2023). Die lange Unsicherheit verdeutlicht, dass selbst auf nationaler Ebene Frauenfußball medial noch immer nicht als selbstverständlicher Bestandteil sportlicher Berichterstattung gilt. Sowohl in Europa als auch in Südamerika ist Fußball noch immer eine reine „Männerdomäne” (Dunning 2003, S.473).

Erklärt werden kann dies dadurch, dass sozial und kulturell vermittelt wird, dass die „wahre Männlichkeit” der Anreiz des Sportes insgesamt ist (vgl. Sülze 2011, S.303). So stellen Fußball und die Fußballfankultur einen wichtigen Ort gesellschaftlich wirkmächtiger Konstruktionen von Männlichkeit dar, in dem die Anwesenheit von Frauen* ausgeblendet wird (vgl. Küppers 2018, S.87f). Dennoch ist es erschreckend, dass der Fußball trotz der Tatsache, dass er immer wieder versucht, den Anschein der Diversität zu vermitteln, explizit die Kategorie „Geschlecht” auslässt.
Allgemein lässt sich sagen, dass die globale Sportberichterstattung maßgeblich von Medienhäusern im globalen Norden geprägt ist. Diese entscheiden darüber, welche Teams, Spielerinnen und Narrative als berichtenswert gelten. Sichtbarkeit im internationalen Sport ist somit nicht ausschließlich an sportliche Leistung geknüpft, sondern auch an ökonomische Interessen und bestehende Machtverhältnisse.
 
Vor diesem Hintergrund erfahren afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften eine doppelte Marginalisierung medialer Präsenz. Zum einen sind sie Teil eines generell benachteiligten Frauenfußballs, zum anderen sind Mannschaften aus dem globalen Süden von medialen Selektionsmechanismen besonders betroffen. Die sportlichen Leistungen von Frauennationalmannschaften aus Afrika werden häufig durch eurozentrierte Deutungsmuster gefiltert. Über Teams aus dem globalen Süden wird in den internationalen Medien nur sehr begrenzt berichtet. Und wenn, dann nur zu internationalen Turnieren, mit der Beteiligung westlicher Mannschaften. Das zeigt sich daran, dass innerkontinentale Turniere wie der Women’s Africa Cup of Nations kaum mediale Aufmerksamkeit bekommen (vgl. Letura 2024) und die Spiele in keinem etablierten internationalen Sender zu sehen sind. Es sind kaum Informationen über Spielerinnen, Spielstile, Mannschaftsentwicklung und Statistiken verfügbar. Das fehlende Wissen verhindert, dass diese Informationen auch weitergegeben werden können, weder an Fans noch an die Fachöffentlichkeit. Dieser Effekt wird durch postkoloniale Machtverhältnisse verstärkt, da sich globale Sportmedien primär an Zielgruppen aus dem globalen Norden orientieren. Vor allem die langfristige Begleitung von Teams aus dem globalen Süden fehlt, da sportliche Erfolge häufig nur als überraschende Ausnahmeereignisse thematisiert werden.

3. Zwischenfazit: Intersektionale Perspektive auf Diskriminierung im Frauenfußball

Die zuvor beschriebenen Mechanismen zeigen auf, dass die Benachteiligung afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften nicht eindimensional ist. Frauen* sind im Sport allgemein strukturell benachteiligt, etwa durch geringere mediale Präsenz oder niedrigere finanzielle Ressourcen. Für afrikanische Spielerinnen kommt die Marginalisierung durch eurozentrierte Medienlogiken und postkoloniale Deutungsmuster hinzu, die ihre Professionalität, taktische Qualität und Kontinuität systematisch unterbewerten. Intersektional betrachtet sind die Spielerinnen sowohl Opfer geschlechtsspezifischer Diskriminierung als auch von postkolonial ungleich verteilten Machtstrukturen. Die Folgen zeigen sich in fehlender langfristiger medialer Begleitung, mangelndem internationalen Ansehen und eingeschränkten Karrierechancen. Die Probleme werden durch die globale Medienstruktur reproduziert.

4. Kritische Reflexion

Die mediale Marginalisierung afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis struktureller, eurozentrierter und postkolonialer Machtverhältnisse und wird aktuell nur selten aufgebrochen. Als eine in Deutschland aufgewachsene, in Berlin studierende Politikwissenschafts-Studentin bin ich selbst Teil der medialen und akademischen Wissenshierarchie. Diese bestimmen mit, welche sportlichen Leistungen sichtbar werden und welche unbeachtet bleiben.
 
Durch mein ausgeprägtes Interesse am Frauenfußball beschäftige ich mich im Allgemeinen intensiver mit diesem Themenfeld als andere Medienkonsument*innen. Hinzu kommt, dass ich als politikwissenschaftlich geprägte, weibliche Studentin eine erhöhte Sensibilität für Fragen von Geschlechtergerechtigkeit und struktureller Ungleichheit mitbringe. Trotzdem hat mir die Auseinandersetzung mit medialen Repräsentationen afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften gezeigt, dass auch mein eigenes Wissen von eurozentrierten Medienstrukturen geprägt ist.  
 
Meiner Erfahrung nach existiert in wissenschaftlicher Literatur, insbesondere in explizit auf Frauenfußball fokussierten Arbeiten wie auch in Universitäts-Seminaren eine differenzierte Auseinandersetzung mit afrikanischen Teams und ihren Entwicklungen. Dieses Wissen ist aber aktuell weitgehend auf spezialisierte Diskurse beschränkt und findet nur selten Platz in der breiten medialen Öffentlichkeit. Auch meine eigene Wahrnehmung afrikanischer Nationalmannschaften entstand primär im Kontext internationaler Turniere und häufig erst in Spielen gegen mir bekanntere, meist westliche Teams.  
 
Auch wurden einzelne Spielerinnen mir zudem oftmals erst dann nähergebracht, wenn sie bereits in westlichen Ligen aktiv waren und dort mediale Aufmerksamkeit erhielten. Diese eigene Reflexion verdeutlicht mir, wie stark ich mich, auch trotz bewusster Auseinandersetzung mit dem Thema, auf westliche Medien als primäre Wissensquelle verlasse.  
In meiner Analyse spreche ich von „Afrika“ als Kontinent, da gemeinsame koloniale Erfahrungen und die Art und Weise, wie Teams international medial behandelt werden, bestimmte strukturelle Parallelen erkennen lassen. Es ist mir aber bewusst, dass diese Pauschalisierung problematisch ist, da sie die große kulturelle, politische und sportliche Vielfalt der einzelnen Länder verschleiert und wichtige lokale Unterschiede unsichtbar macht.

5. Handlungsperspektiven

Meine Analyse und eigene Reflexion verdeutlichen, dass strukturelle Ungleichheiten nicht auf individueller Ebene aufgelöst werden können. Um diese Diskriminierung erfolgreich und langfristig aufzubrechen, bedarf es gezielter Intervention auf medialer, institutioneller und gesellschaftlicher Ebene.
 
Die zentrale Rolle bei der Reproduktion und dadurch auch bei einer möglichen Reduktion struktureller Ungleichheiten spielen Sportmedien. Um die Sichtbarkeit afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften zu erhöhen, bedarf es einer kontinuierlichen und kontextualisierten Berichterstattung. Diese kann an den medialen Erfolg eines internationalen Turniers geknüpft sein, muss aber darüber hinausgehen. Auch darf diese Thematisierung nicht ausschließlich im Vergleich mit westlichen Mannschaften geschehen. Diese sollte eine langfristige Entwicklung, taktische Konzepte sowie individuelle Spielerinnenbiografien in den Fokus rücken. Für die langfristige Berichterstattung bedarf es unbedingt auch der Übertragung oder wenigstens der Ergebnisverkündung von afrikanischen interkontinentalen Turnieren. Ich sehe darin eine besondere Bedeutung, da sie eurozentrierte Deutungsmuster aufbricht und afrikanischen Frauenfußball als eigenständigen, konkurrenzfähigen und nicht von westlicher Anerkennung abhängigen Sport sichtbar macht. 
 
Darüber hinaus ist eine kritische Reflexion eurozentrierter Bewertungsmaßstäbe im Sportjournalismus notwendig. Eine dekoloniale Medienpraxis würde bedeuten, sportliche Qualität nicht ausschließlich anhand westlicher Normen und Ligen zu messen, sondern lokale Kontexte, Ressourcenunterschiede und strukturelle Rahmenbedingungen stärker zu berücksichtigen.
 
Neben den Medien tragen in jedem Fall auch internationale und kontinentale Sportorganisationen Verantwortung für die Sichtbarkeit afrikanischer Frauenfußballteams. Institutionen wie die FIFA oder die CAF müssten durch gezielte Förderprogramme und Investitionen in Infrastruktur und Trainingsbedingungen zur Professionalisierung beitragen. 
Darüber hinaus sollten internationale und kontinentale Sportorganisationen sicherstellen, dass Turnier- und Leistungsprämien tatsächlich bei den Spielerinnen ankommen. Eine transparente und möglichst direkte Auszahlung der Prämien, und das unabhängig von nationalen Verbänden, könnte dazu beitragen, finanzielle Ungleichheiten zu reduzieren und die Autonomie der Spielerinnen zu stärken. Dies liegt nicht zuletzt im Interesse der Organisationen selbst, da faire finanzielle Rahmenbedingungen langfristig zu einem ausgeglicheneren Wettbewerb und einer nachhaltigen Professionalisierung des internationalen Frauenfußballs beitragen. Es sollten sich gleichzeitig mediale Mindeststandards für internationale Turniere etablieren, um eine gleichwertige Berichterstattung sicherzustellen. 
 
Es ist wichtig, bei der Förderung von Frauenfußball den intersektionalen Aspekt nicht außen vor zu lassen. Maßnahmen, die Geschlechtergerechtigkeit adressieren, sollten immer auch rassistische und postkoloniale Machtverhältnisse berücksichtigen. Sonst besteht die Gefahr, bestehende Ungleichheiten unbeabsichtigt zu reproduzieren.
 
Auch auf gesellschaftlicher Ebene sind Veränderungen notwendig. Konkret muss eine Sensibilisierung für die Rolle von Medien in der Wissensproduktion geschehen. Es muss sichtbar werden, dass das „Angebot-und-Nachfrage”-Konzept der Medien oft sehr hinterherhinkt. Die Annahme, Frauenfußball generiere zu wenig Publikum, erweist sich immer wieder als gesellschaftlich (und medial) erzeugte Verzerrung. Übertragungen zu regulären Sendezeiten erzielen nachweislich hohe bis sehr hohe Reichweiten. Deshalb kann nicht einfach angenommen werden, dass Teams aus dem globalen Süden medial kein Publikum erreichen würden.
 
Im Sinne einer dekolonialen Wissensproduktion wäre es wichtig, Stimmen aus dem globalen Süden stärker einzubeziehen und nicht nur über afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften zu sprechen, sondern ihnen selbst eine Stimme und Raum zu geben.
 
Letztlich sind ergänzend zu den medialen und institutionellen Handlungsebenen auch alternative Formen der Wissensproduktion wichtig. Soziale Medien, unabhängiger Sportjournalismus und wissenschaftliche Auseinandersetzungen können dazu beitragen, bestehende mediale Leerstellen zu füllen und so Wissen über afrikanische Frauenfußballteams jenseits etablierter westlich-zentrierter Medienlogiken zu verbreiten.  Vor allem in den Bereichen, wo klassische Sportmedien ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, hat diese Art der Medien eine hohe Relevanz.

6. Fazit

Die geringe Sichtbarkeit von afrikanischen Frauenfußballnationalmannschaften fällt strukturell auf. Sie ist weniger auf sportliche Leistungen zurückzuführen als auf strukturelle, postkoloniale-, geschlechter- und machtpolitische Ungleichheiten. Diese prägen die Medienlandschaft bis heute. Die Reflexion darüber hat auch meine eigene Wahrnehmung und Wissensproduktion kritisch infrage gestellt.
 
Diese Arbeit hat verdeutlicht, dass Frauenfußball insgesamt strukturell benachteiligt ist und afrikanische Nationalmannschaften dabei einer doppelten Marginalisierung unterliegen. Intersektional betrachtet sind afrikanische Teams Teil eines weiterhin unterrepräsentierten Frauensports, gleichzeitig werden sie als Teams aus dem globalen Süden in internationalen Medien seltener kontinuierlich begleitet. Ihre sportlichen Leistungen werden häufig nur im Kontext internationaler Großturniere wie WM oder Olympia beleuchtet und dann oft nur in Begegnung oder Vergleich mit westlichen Mannschaften. Dabei werden sie oftmals als überraschende Ausnahmeereignisse gerahmt. Langfristige Entwicklungen, taktische Konzepte und individuelle Spielerinnenbiografien bleiben oft außen vor.
 
Auch wurde deutlich, dass Medien nicht lediglich gesellschaftliches Interesse widerspiegeln, sondern diese aktiv mitgestalten. Die verbreitete Annahme, insbesondere der Frauenfußball aus dem globalen Süden generiere zu wenig Publikum, ist eine mediale Verzerrung. Wo Übertragungen stattfinden und redaktionelle Begleitung gewährleistet ist, zeigen sich stabile Reichweiten und wachsendes Interesse. Die ungleiche Sichtbarkeit afrikanischer Frauenfußballteams ist nicht naturgegeben. Sie ist das Ergebnis selektiver Berichterstattung und westlich-zentrierter Bewertungsmaßstäbe. 
 
Dieses Phänomen darf nicht losgelöst von den strukturellen Bedingungen betrachtet werden, unter denen viele afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften agieren. Diskriminierung ist materiell und körperlich. Das wird in schlechten Trainingsbedingungen, ausbleibenden Prämienzahlungen sowie schwerwiegenden Vorwürfen sexualisierter Gewalt innerhalb nationaler Verbände deutlich. Besonders problematisch ist es, dass internationale Organisationen wie die FIFA trotz ihrer Verantwortung als Turnierausrichter häufig nicht konsequent eingreifen. Dass Trainer mit gravierenden Vorwürfen sexualisierter Gewalt weiterhin Teams bei Weltmeisterschaften betreuen dürfen oder Föderationen bekannte Prämien vorenthalten, ist ein institutionelles Versagen. Auch hier tragen internationale Verbände Verantwortung. Zu dieser Verantwortung gehört es, nicht nur sportliche Wettbewerbe zu organisieren, sondern Mindeststandards für Schutz, Transparenz und Gleichberechtigung durchzusetzen und Verstöße öffentlich zu thematisieren.   

In meiner kritischen Reflexion wurde mir deutlich, dass auch mein eigenes Wissen über afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften maßgeblich durch westliche Medien geprägt ist. Selbst als Frau mit ausgeprägtem Interesse am Frauenfußball habe ich viele Teams und Spielerinnen erst im Rahmen internationaler Turniere oder über ihre Präsenz in westlichen Ligen wahrgenommen. Für mich hat das unterstrichen, wie wirkmächtig mediale Strukturen sind. Auch zeigt es, wie begrenzt alternative Perspektiven bislang sind.

Eine gerechte Repräsentation afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften kann nur durch ein Zusammenspiel medialer, institutioneller und gesellschaftlicher Veränderungen erreicht werden. Das bedarf einer dekolonialen Medienpraxis, einer kontinuierlichen Berichterstattung, der Einbindung lokaler Kontexte und der Stärkung von Stimmen aus dem globalen Süden. Sichtbarkeit im Sport ist nicht nur eine Frage der Aufmerksamkeit. Sport ist in vielen Aspekten ein Spiegel der Gesellschaft. Die faire Berichterstattung über afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften ist es eine Frage von Anerkennung, Teilhabe und globaler Gerechtigkeit. 

7. Quellenverzeichnis
 

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Gerstenberger, Olivia; Sturmberg, Jessica 2023: FIFA Frauen-WM 2023: Poker um TV-Rechte. deutschlandfunk. [https://www.deutschlandfunk.de/tv-rechte-fussball-wm-frauen-faeser-australien-neuseeland-100.html#Warum] Abruf 01.02.2026.

Küppers, Carolin. 2018: Die mediale Konstruktion von Männlichkeit und Heteronormativität zur Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. In Sexismus und Homophobie im Sport: interdisziplinäre Perspektiven auf ein vernachlässigtes Forschungsfeld, 85-104. Wiesbaden, Deutschland: Springer (VS).

Letura, Tuka 2024: WAFCON 2024: African Women’s Football Deserves Better Broadcast Coverage. Afrocritik [https://afrocritik.com/wafcon-2024-african-women-football-deserves-better-broadcast-coverage/] Abruf 01.02.2026.

Schicklinski, Johann 2025: EM-Finalistinnen im Vergleich
Spanien ist besser besetzt als England, aber. sportschau. [https://www.sportschau.de/fussball/frauen-em/england-gegen-spanien-die-spielerinnen-im-direktvergleich,england-gegen-spanien-spielerinnen-im-direktvergleich-100.html] Abruf am 30.01.2026.

Staab, Monika 2017: Erlebte Geschichte: Die Anfänge des Frauenfußballs nach 1970. In Sobiech, Gabriele/ Günter, Sandra (Hrsg.): Sport & Gender – (inter)nationale sportsoziologische Geschlechterforschung – Theoretische Ansätze, Praktiken und Perspektiven, 49- 58, Wiesbaden, Deutschland: Springer Fachmedien.

Sülzle, Almut 2011: Fußball, Frauen, Männlichkeiten. Eine ethnographische Studie im Fanblock, Frankfurt am Main, Deutschland: Campus Verlag. 
Übergriffe, Beleidigungen, Häme: Der schwierige Weg für Afrikas Fußballerinnen. 2023. ntv.de. [https://www.n-tv.de/sport/fussball/Der-schwierige-Weg-fuer-Afrikas-Fussballerinnen-article24240735.html] Abruf am 31.01.2026.


Quelle: Laila Lehring, Afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften zwischen westlich-zentrierter Berichterstattung und postkolonialen Machtstrukturen, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 18.03.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=560

Coming Out – Between Self-Empowerment and Heteronormative Conformity

Hanna Marie Pölchen (WiSe 2025-26)

1. Introduction

1.1 Coming out as a seemingly self-evident practice

“The closet implies a literal, physical boundary dividing one’s life before publicly declaring queerness, and after. It’s a threshold impossible to recross, two distinct places to live: in the darkness, or in the light of one’s self-truth. It doesn’t promise stepping into the light will be easy, but it does imply a fundamentally altered human experience.” (Perry 2021, p. 80)

I chose this quote because, to me, it perfectly depicts the weight that the process of coming out (of the closet) holds: this lifted weight, that will change your experience forever.

This definition also implies that coming out is seen as a necessary process in the life of a queer person today. It frames coming out not as a choice but as a requirement for authenticity.

Whether it’s ‘Heartstopper’, ‘Atypical’, ‘Young Royals’, or even ‘Stranger Things’, even in mainstream media, a queer person’s journey inevitably crosses the path of a (public) coming out. No matter where you look, coming out is presented as the step, and the only step, toward self-fulfilment and empowerment. This is something I wish to discuss in this essay.

Additionally, this essay focuses on the ambivalence that the coming out process holds. There is this self-empowerment and freedom that comes with coming out. But does coming out not also enforce the differences between queer and straight people? Does it not also risk conformity to the heteronormative society that forces you to speak out your truth of difference or otherness and to put a label on yourself?

After considering this ambivalence, I will also investigate possibilities of the future. Are there alternatives to coming out and do we even need them? What can be done to rid the practice of coming out from its normative influences?

1.2 My positionality

To give a scope of my insight on this topic and to take accountability for my positions, I must first talk about my positionality.

As a cis bisexual white woman in a lesbian relationship, I have come out multiple times with varying outcomes. I do recognize that as a white middle class woman, I have a lot of privileges that have protected me from harm, which influences me and my positionality greatly. Therefore, my opinions and perspectives require critical examination.

Nonetheless, I have experienced various reactions ranging from pleasant surprise and indifference to negative responses mixed with denial. These experiences have shaped my understanding of coming out as a practice and allow me a nuanced insight on the ambivalence of coming out.

2. Coming out – visibility and self-empowerment

2.2 The history of coming out

First, to better understand the ambivalence of coming out, we must take a quick look at the history behind it. At this point I must also mention, that this essay focuses exclusively on coming out in relation to sexual orientation and does not address coming out in terms of gender identity. That is because expanding the discussion to include gender identity would significantly broaden the scope for this discussion. Moreover, I feel that as a cis woman, I am not able to judge and comment on this fully.

Grace Perry (2021) writes in her aforementioned novel, that ‘coming out’ was not a reference to leaving your self-repression and escaping the darkness of hiding your true self. Instead, the term ‘coming out’ was used to as an analogy to come out into gay society, much like aristocratic women came out into society. Therefore, coming out was originally meant as acknowledgement of your sexual orientation for yourself and others who were part of the LGBTQ+ community, not the broad public.

Only through the Stonewall Rebellion in 1969, openly and proudly talking about your identity to the world was popularised and connected to the term ‘coming out’. Other instances, like Harvey Milk’s campaign in 1978 or activists in the 1980s demanding people to declare their sexuality to the public, made coming out a much more official and public process (Saguy, 2020).                                         

For example, Milk’s campaign against the ban of gay teachers was led with his mantra to ‘Come out, Come out, Wherever you are’ to encourage people to come out to their social surroundings. This was meant to make queer people more visible to the broader public and to make people realise that queer people are not just a distant minority but in fact, all around. This same mantra was then later used by activists in the 1980s to achieve this same goal (Saguy, 2020).

We can see that throughout the past six decades, coming out has experienced a shift from being something personal and intimate to something radical that expresses political resistance. But what impact does coming out still have today?

2.2 Coming out as a practice of self-empowerment

Kazeem and Schaffer (2012) describe bell hooks’ understanding of self-empowerment (of People of Color) as the act of taking or reclaiming agency by talking back. In doing this, you are fighting against the outside definition of others and instead get the chance to control the discourse about you.

Connecting this concept to coming out, the self can be empowered by talking back and declaring their sexuality publicly to reject outside definition. Even if it is only a coming out to yourself, you are being truthful about your own feelings and shutting out definitions of others about you. However, this act of talking back still happens within the dominant discourse and with terms legible to the dominant society.

So, in what ways can the process of coming out empower you?                                    When speaking about your own identity, besides refusing outside definition, you moreover become visible, both to others and to yourself. Coming out can make your experiences and feelings more real and make you feel more connected to yourself. You won’t have to suppress any feelings anymore or doubt yourself as much. It can create a sense of clarity over who you are, what you want and feel (Allsorts Youth Project, 2020).

Additionally, it pushes you to surround yourself with people that are good for you and accepting of you, as you inevitably face rejection and/or acceptance. You realize who supports you no matter what and likes you for who you actually are. You also realize who only liked you because of their own definition of you.

This also opens the possibility to find other like-minded people, that have experienced similar things and feelings as you. Thus, making you feel less alone and realizing that your feelings are valid and completely normal. Through this you build yourself a support system, that helps you overcome hardships and stands by your side. These people will furthermore help you find the courage to fight back (or rather talk back) when facing discrimination or unfairness.

A poem that shows this solidarity and support well, is the poem “An Invitation To A Brave Space” by Mickey Scottbey Jones (2020), which we have already discussed in our seminar. Especially the lines: “In this space / We seek to turn down the volume of the outside world. / We amplify voices that fight to be heard elsewhere, / We call each other to more truth and love / […]” (Jones, ll. 5-8), as well as the following “It will be our brave space together, / And / We will work on it side by side” (italic by Jones (2020), ll. 14-16), demonstrate this.

Coming out can also lift a heavy weight off your shoulders as you don’t have to hide a big part of your identity from others anymore. There is no more fear that you might be ‘found out’, that you are discovered in your hiding place. You don’t have to overthink your words, your actions, your body language or other subtle hints to your sexuality anymore but can freely express your thoughts and feelings. This is a huge relief that can be felt every day in lots of different situations (Allsorts Youth Project, 2020).                               

What I describe here was also summarized by Belle Ragins (2004) as following: “Concealing a stigmatized identity has been found in some studies to lead to psychological stress and depression [..] and concealment may also prevent the establishment of close and authentic relationships at work [..].” In this text, Ragins (2004) focuses on sexual identity in the workplace, but this is just as applicable in everyday situations.

Personally, I always felt relieved whenever I came out, no matter the reaction of the other person. Of course, I experienced feelings such as anger, self-doubt and fear when the other person reacts negatively, but at least the weight of feeling like I had to tell the other person vanished.

3. Coming out as a compulsory visibility and the burden of disclosure

The easiest way to understand the ambivalence of coming out is by looking at ‘heteronormativity’. According to the European Union Agency for Fundamental Rights (2009), “heteronormativity is what makes heterosexuality seem coherent, natural and privileged. It involves the assumption that everyone is ‘naturally’ heterosexual, and that heterosexuality is an ideal, superior to [other sexualities].” Meaning, straight people do not have to come out, since being straight is seen as the ‘default sexuality’ by the dominant society. Meanwhile every other identity is seen as an anomaly, as atypical. Therefore, in openly declaring your sexuality, you also declare to be different and conform to the heteronormative notion that you are an anomaly.

Another problem with coming out is this certain necessity to label yourself. Some people feel content with just stating that they’re queer, while others feel that they need to have a label figured out before they can talk about their sexuality openly, me included.      

The latter can be defined by the term ‘compulsory visibility’, which means that “marginalized people feel like they must prove their group membership […] by making their identities legible through personal and autobiographical expression.” (Kotler, 2024)

Mosley (2025), a professor of human relations, describes the reasoning behind these two different approaches in his article. Here he is talking about mental health labels, however this is just as applicable when it comes to sexuality. Those like me, who feel or felt a necessity to label themselves, do so because giving your feelings a name can feel like clarity and like you finally have a place to belong to. Those who reject labels do so because they feel a certain freedom attached to it, since they can’t be reduced to a stereotype or be put in a box.

This stereotyped thinking is also something we discussed in one of our first seminars. Per definition, stereotypes are “widely held fixed thoughts and beliefs adopted by common members of a group, that represent a particular group of individuals or behaviours as a whole” (Stebbins, 2020). These deeply influence the way others perceive you and what expectations they have of you. Being put into boxes and viewed through a lens of stereotypes is something that happens to everyone, and that happens often. However, when stereotypes are combined with a structural power, they become a tool for discrimination, as we also discussed in our seminar.

But not only does this stereotyping affect other people’s behaviour, it also affects the person that is coming out. The term ‘Queer Impostor Syndrome’ coins one of these effects quite well. It describes the feeling of not feeling ‘queer enough’, of self-doubt and inadequacy (Mclaren, n.d.). There are so many stereotypes about being queer in general and about particular queer identities, such as bi-, pan- or asexual identities. This results in a kind of pressure to fit these stereotypes at least to an extent.

Moreover, labels create this notion that something is fixed and stable. If you give your identity a name, it is assumed that your identity will remain unchanged. What is often overlooked however is that sexual orientation can, for some, change over time. Even more importantly, if you come out even though you are still unsure about your sexual orientation, and later realize that you were wrong, it makes your sexual orientation seem illegitimate to some. The best example for this – even though I am excluding coming out about gender identity in this essay – is when a person comes out as trans and later realises, they were wrong. Though that is only the case for a very small percentage of trans people, many will take this as an example for why being queer is “just a phase” and as validation for their trans- or queerphobia.

4. The ambivalence of coming out and the possibility of alternatives?

But what can you do if you want to live out your identity freely without coming out? The goal, in my eyes, is to someday not be treated differently simply because of your sexual orientation and more importantly, for sexual orientation to not matter as much. Ideally, we would one day live in a world where no one must come out, but people just figure out their preferences on their own terms without pressure. If someone wants to put a label on it and wants to come out, they can, but there wouldn’t be this necessity to do so anymore.

Therefore, I propose, alongside others, to not disclose your sexual orientation through coming out, especially if you are in supportive environment. Instead, you might simply introduce your partner without labeling yourself. For those who are not interested in romantic relationships, this could mean casually expressing that disinterest without disclosing a label. Either way, the most important thing is to be safe and to protect yourself from serious harm.

At the same time, I recognize that this proposal emerges from my own relatively safe social environment. I am also aware that this might not be possible to those facing greater structural risk, intersectional discrimination or material dependence.

Moreover, this approach is not without its limitations. Avoiding disclosure reduces the pressure to conform but it might risk leaving heteronormative notions and assumptions unchallenged. Therefore, it’s important, that queer identities don’t become invisible again. However, refusing to come out does not entail political silence. You can still speak out about discrimination and support the LGBTQ+ community firstly through actions and secondly through words.

Perry (2021, p.80) finds fitting words to conclude this message:

“In hindsight, I was totally incorrect in thinking the only options at this time were ‘in or out of the closet.’ I didn’t know if I was gay or bi or pan or queer or what. I shouldn’t have had to declare anything conclusively. I was eighteen! Experimentation is good and fun and healthy and something everyone should do at some point. Why not take the time and space and energy to figure out what you really want and need sexually?”

Sources

Allsorts Youth Project. (2020) ‘Allsorts of coming out: A coming out resource for young people’. Available at: https://www.stonewall.org.uk/young-futures/lgbtq-support/coming-out#:~:text=The%20term%20%27coming%20out%27%20is,simply%20sharing%20who%20they%20are. (Last accessed: 13.02.2026, 12:57pm)

European Union Agency for Fundamental Rights − FRA (2009) ‘Homophobia and Discrimination on Grounds of Sexual Orientation and Gender Identity in the EU Member States: Part II – The Social Situation’. Available at: https://eige.europa.eu/publications-resources/thesaurus/terms/1384?language_content_entity=en (Last accessed: 07.02.2026, 1:04pm)

Jones, M. (2020) ‘An Invitation to Brave Spaces’. Available at: https://rhfoerger.wordpress.com/2021/09/17/invitation-to-brave-space/ (Last accessed: 30.01.2026, 4pm)

Kazeem, B. and Schaffer, J. (2012) ‘Talking back. bell hooks und Schwarze feministische Ermächtigung’. In Reuter, J. and Karentzos, A. (eds.) Schlüsselwerke der Postcolonial Studies. Wiesbaden: Springer VS, pp. 177-188

Kotler, M. (2024) ‘Queer Impersonality: Compulsory Visibility and the Politics of Form in Modernist Women’s Life Writing’. CUNY Academic Works. Available at:
https://academicworks.cuny.edu/gc_etds/5723 (Last accessed: 08.02.2026, 1:15pm)

Mclaren, L. (n.d.) ‘Queer Imposter Syndrome and What To Do About it’. Available at: https://www.beyondpsychologycenter.com/blog/queer-imposter-syndrome (Last accessed: 06.02. 5:30pm)

Mosley, S. (2025) ‘When Labels Hurt, and When They Heal. Why denying or overusing mental health labels can both lead us astray’. Available at: https://www.psychologytoday.com/us/blog/deeper-empathy-lasting-change/202508/when-labels-hurt-and-when-they-heal (Last accessed: 08.02.2026, 12:48pm)

Perry, G. (2021) ‘The 2000s Made Me Gay: Essays on Pop Culture’. New York: Flatiron Books

Ragins, B. R. (2004) ‘Sexual Orientation In The Workplace: The Unique Work And Career Experiences Of Gay, Lesbian And Bisexual Workers’. In Smith, J. ‘Research in Personnel and Human Resources Management’. Emerald Group Publishing Limited, Vol. 23, pp. 35-120

Saguy, A. (2020) ‘The history of ‘coming out,’ from secret gay code to popular political protest’. UCLA-Magazine. Available at: https://newsroom.ucla.edu/stories/the-history-of-coming-out-from-secret-gay-code-to-popular-political-protest (Last accessed: 08.02.2026, 4:15pm).

Stebbins, L., Lashley, L. K., Golden, C. J. (2020) ‘Stereotype Thinking. Essays in Developmental Psychology’. Available at: https://nsuworks.nova.edu/cps_facbooks/737 (Last accessed: 08.02.2026, 8:14pm)


Quelle: Hanna Marie Pölchen, Coming Out – Between Self-Empowerment and Heteronormative Conformity, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 24.02.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2026/02/24/coming-out-between-self-empowerment-and-heteronormative-conformity/

Decolonize! Art as Colonial Resistance

French Colonialism in Indochina

Thi Trang Ha Nguyen (SoSe 2025)

Illustration 1. Art as Colonial Resistance

1.   Introduction

Through this essay and my collage, I seek to tell a part of my country’s colonial history—a history you may not have encountered before, or that might echo experiences of other colonized nations. Yet, as a Vietnamese, I feel compelled to narrate this story myself, from the perspective of a generation that still lives close to those memories. My great-grandparents and grandparents lived through French colonial rule and fought for independence; my parents grew up under its lingering influence while also resisting those cultural impositions. My generation has been described as the last that will have direct access to war veterans and witnesses of that period, people whose stories still bridge the past and present.

This project is also an intervention in what Chimamanda Ngozi Adichie has described as “the danger of a single story”—the risk of reducing complex histories to simplified narratives of domination and passivity.[1] Colonial archives and French accounts of Indochina have long presented such one-sided versions of Vietnamese history. In contrast, my collage seeks to recover and reframe voices, images, and symbols that speak of resilience, resistance, and cultural transformation, situating Vietnamese identity within a broader conversation on colonialism and its legacies.

The collage “Art as Colonial Resistance” (Illutration 1) is not just a collection of visual elements but a deliberate presentation of a view. It presents a combination of Vietnamese artworks by Lê Phổ, Mai Trung Thứ, and Lê Thị Lựu, along with colonial-era images, newspaper clippings, and fragments from French Indochina. The visual composition enables me to examine how art evolved into an understated form of rebellion alongside cultural preservation tools and colonial resistance mechanisms.

2.   Visual Layers of Resistance: Reading the Collage

To analyze the visual and symbolic elements of my collage, ‚Art as Colonial Resistance,‚ Stuart Hall’s idea of representation provides a strong theoretical framework for understanding the visual elements used in the collage. In his view, “representation is not a passive reflection of reality, but an active process that constructs meaning within a social and political context”. Meaning is produced through language, images, and cultural codes, and is shaped by who holds power over that production. In colonial contexts, representation becomes a tool of domination: the colonizer defines the colonized subject, culture, and history in ways that sustain colonial rule. Hall believes that resistance is possible by disrupting these representations, reappropriating symbols, and creating new meaning. This is especially relevant to the field of visual art, where images both reflect and shape ideologies.  Applied to colonial Vietnam, this means that while French art institutions encoded European techniques, Vietnamese artists re-decoded them by painting traditional themes on silk, giving new meaning to borrowed forms.

I will analyze the collage from top to bottom, from left to right. The top portion of the collage displays a French newspaper headline that announces „Indochine“. At the same time, this term consolidated Vietnam with Cambodia and Laos under a single colonial name that erased their unique cultural identities.[2] The term „Annam“ appears above the Saigon Central Post Office – designed by Gustave Eiffel, which is located below the headline „Indochine“ – started as a reference to Vietnam, and colonial authorities used it to label Vietnamese individuals as „Annamites“ while keeping racist and hierarchical elements intact. To call someone Annamite was not just to refer to their origin but to locate them within a hierarchy that justified colonial domination and racial inferiority.

A Vietnamese soldier appears in the left section wearing both a nón lá hat[3] and a French military uniform as a member of the French colonial army’s lính tập[4] conscripted force. Most of these soldiers originated from rural regions before being forced to serve in the position of enforcing French colonial control over their fellow Vietnamese citizens while being treated as second-class subjects by their French superiors. The dual nature of colonial identity becomes visible through this representation because resistance and cooperation frequently coexisted.

The right side of the collage features a portrait of Emperor Hàm Nghi, one of the last sovereigns of the Vietnamese Nguyễn dynasty before French domination, who refused to submit to French control. French authorities took him into captivity before deporting him to Algeria, where he spent 56 years in exile, not allowing him to return to Vietnam even after his death. Despite his exile, Hàm Nghi never relinquished his identity—he continued to wear traditional Vietnamese garments, braided his hair in the old style, and raised his children to speak Vietnamese and cherish the customs of a country they would never see. The inclusion of both the soldier and the emperor demonstrates how colonialism fragmented the Vietnamese identity, which expressed both forced submission and active resistance through personal actions.

2.1. Colonial Gaze vs. Vietnamese Self-Representation

Continues to the middle section of the collage features Haiphong[5] (Illustration 2), a painting by French artist Gaston Roullet. The scene Gaston Roullet painted depicts a jungle landscape with figures dressed in áo dài[6], mostly women, casually drinking tea or chatting under the trees. What seems idyllic at first glance becomes more troubling on closer inspection: a male figure in tribal clothing stands off to the side, gazing outward beyond the frame, and, though not visible in my collage, a naked boy playing on the ground in the foreground of the painting. The man in tribal garb, with his bare legs, woven sash, and bare chest, adds to the imagined „wildness“ of the Indochinese environment. A further noticeable presence is the background or the scenery of the painting. All the figures are gathered and placed in the middle of a jungle, next to a river or a lake, and not in the garden of a house, or even a community yard. Though the scenery might truly be from a rural village, the French colonial perspective, as depicted in this artwork, is typical of Orientalist stereotypes, presents Vietnam as an inactive and exotic territory, reinforcing the colonial narrative of European superiority and the ‚otherness‘ (footnote about Bhabha’s theory) of non-Western cultures: wildest, uncivilised and dynamic.

Illustration 2. Gaston Roullet, Haiphong, source: Saigoneer.

Gaston Roullet’s artwork contrasts with that of Mai Trung Thứ,[7] a Vietnamese artist who studied at the École des Beaux-Arts de l’Indochine (the Indochina College of Fine Arts). The artist Mai Trung Thứ employed European artistic methods to portray Vietnamese people with both respect and a deep personal connection. With the same context of enjoying tea and chatting between women, Mai Trung Thứ’s female figures in the painting The tea time (Illustration 3) are depicted in a close-up view facing one another. Their facial features are also more visible and vibrant than those in Haiphong.  The female figures both wear the traditional áo dài, both in pastel colors – one pink and the other blue – and are resting, leaning on gối trái dựa[8] cushion while enjoying tea. In this artwork, it is clear that the artist demonstrates both cultural continuity and national pride. Besides these two figures, there are three female figures, drawn from separate paintings of the same woman by Mai Trung Thứ (Illustration 4-6), depicting women wearing áo dài, accompanied by khăn voan[9] and khăn vấn[10]headscarves, which represent the femininity of women from the upper class of the Red River Delta region. While their poses and every placement of gestures, clothing, and scenery recreate the frontal symmetry of the famous Mona Lisa, their attire is distinctly Vietnamese in style. Their eyebrows are finely arched, and their eyes are almond-shaped, capturing a Vietnamese ideal of beauty that differs from European portrait norms. While Gaston Roulette’s depiction is filtered through a colonial gaze, rendering women as decorative ethnographic objects within an exoticized landscape, Mai Trung Thứ female figures exude an inner aura and dignified calmness that can only be seen in high-class women. They dressed in elegant áo dài with high-quality headwear, surrounded by gentle scenes featuring traditional motifs often found in classical East Asian scroll paintings, which emphasized harmony and serenity.

Below these figures is a painting by Lê Phổ[11], titled The Present from Mother (Illustration 7), in which he reimagined the Madonna and Child composition by integrating Christian symbols into Vietnamese clothing and cultural aspects, while maintaining local cultural expressions. The mother figure wears a simple black áo tứ thân[12] and brown áo dài with a white khăn vấn wrapped in layers. In contrast, her child wears a yếm (a traditional baby vest). The mother’s gentle posture, hand on the child’s back, and slightly leaning forward express Vietnamese maternal tenderness — subtle but deeply emotional. This reinterpretation not only domesticated the foreign iconography but also rooted it back into Vietnamese familial values and aesthetics. Through these artworks, I explore how Vietnamese artists, particularly Mai Trung Thứ and Lê Phổ, challenged the colonial image of „Annam“ not through violent resistance but through aesthetic subversion. They accepted the tools of European art rather than transforming them, but only to use them as a tool to visualise “annamites” beauty, tradition, and culture. In their hands, brushstrokes, the use of colours, highlights, and shadows became a reclamation of beauty, of identity, of dignity. By dressing their figures in fabrics, scarves, and silhouettes rooted in Vietnamese history, they offered viewers a counterimage: one that did not need validation from the colonial gaze.

Illustration 3. Mai Trung Thu, The tea time, Ink and gouache on silk laid onto cardboard, source: Sotheby’s Hong Kong.

Illustration 7. Le Pho, The present from mother, ink and colour on silk, 50,5 x 63,5 cm, ca. 1935-1945, source: V.artview.

2.2. Cultural Memory and Continuity Through Art

The Impressionist painting by Lê Phổ, located in the lower left corner, is another depiction of a woman wearing an áo tứ thân as she sits in contemplation, and is titled „The Beauty in a Sunshine Shirt“ (Illustration 8). Lê Phổ’s use of light and texture – impressionistic yet restrained – seems to preserve an intimate memory of Vietnam, untouched by colonial spectacle: soft and dreamlike. The brushwork does not impose narrative; it allows for emotion and cultural interiority. The pattern of the flower vase and the fruit plate is a traditional Vietnamese motif commonly found on ceramic and porcelain wares, especially those rendered in blue ink on a white porcelain base. Common motifs include mythical animals, such as the dragon, phoenix, or carp, as well as floral arrangements. Lê Phổ applied modernist artistic methods to preserve emotional and cultural heritage rather than conforming to colonial tastes.

Illustration 8. Le Pho, The beauty in a ‘sunshine’ shirt, source: hanoitimes

Further up on the Saigon Central Post Office is a circular frame in the center-right section of the collage, which showcases the artwork of Lê Thị Lựu, who became one of the leading female painters of her generation. Her painting Nhị kiều (Illustration 9) depicted female characters from Truyện Kiều[13]. The subjects embody Confucian virtues and national literary themes through their modern áo dài attire and makeup, as well as their body language and facial expressions. Thúy Kiều wears a purple áo dài, while Thúy Vân wears one in ash gray. The two sisters possess a unique blend of Chinese-Vietnamese beauty, characterized by slightly slanted almond-shaped eyes and an oval face. Their hair is styled in a bare coiled bun, revealing elegant, long necks reminiscent of Hà Nội’s beauties in the 1930s–1940s. The rounded framing, resembling a medallion or memory locket, reinforces their symbolic status as protectors of cultural identity. This circular motif also overlaps with the Saigon Central Post Office, a colonial architectural landmark. In doing so, it visually suggests that even within colonial structures – both physical and ideological – Vietnamese culture persists, encoded in literature, art, and feminine imagery.

Illustration 9. Le Thi Luu, Nhị Kiều, silk mounted on paper, 41,5 x 33,4 cm, 1954, source: tapchimythuat

2.3. Women as Keepers of Cultural Identity

Picture 1. Photograph of a bridge across Hoàn Kiếm Lake to Ngọc Sơn Temple in Hanoi. Source: Dannaud, J. P., L’Indochine Profonde, 1954.

In the collage, near the left edge and as the background of Lê Phổ’s painting, is a sepia-toned colonial photograph of Hanoi (Picture 1), depicting, at first glance, it appears like a typical street scene – but a closer look reveals the men wearing Western attire and sporting European hairstyles as they demonstrate their assimilation into colonial culture. In contrast, the women retain traditional áo dài, wear their hair long and parted or wrapped in scarves, and move with a grace that seems untouched by the colonial world growing around them. This gendered visual dichotomy is no coincidence — it reflects a broader cultural tension that ran through colonized Vietnam. The French colonial regime targeted Vietnamese men through the education system, political co-optation, and economic roles. They were expected to assimilate into French modernity: to speak the language, adopt the style, and embody the „civilizing mission“ on the surface. Meanwhile, women were often left out of this assimilation project — either deliberately excluded or silently resisting — and thus became the carriers of tradition in both public image and private life. This is why so many Vietnamese artists of the colonial period chose to depict women and children.

These depictions should not be misunderstood as passive or apolitical. They represent a quiet, visual form of resistance. At a time when the colonial state was reshaping the identity of Vietnamese men, these images of women stood as emblems of cultural continuity. They were not merely aesthetic subjects — they were symbols of national memory, protectors of the intangible customs being threatened with erasure. By drawing attention to these gendered dynamics, my collage highlights how resistance can manifest in various forms — not just in protests or armed struggle but also in choices about what to paint, how to dress, and which memories to preserve. In the face of violent change, Vietnamese women — and the artists who painted them — offered the country something quietly powerful: the reassurance of something deeply familiar.

2.4. Words as Weapons: Print Culture and the Politics of Language

In the collage lie two critical fragments from the historical newspaper La Lutte and Dân Chúng. The clipping of La Lute is in the lower right of the collage, and the clipping of Dân Chúng is in the upper right corner. Though small in size, their symbolic weight is immense. They speak to a war fought not only with weapons but with words, language, and the right to speak freely.

La Lutte, meaning „The Struggle,“ was a revolutionary French-language newspaper published during the 1930s. At first glance, the use of the colonizer’s language might seem paradoxical. However, its existence highlights the complexity of colonial domination and resistance. Under French rule, Vietnamese students were forbidden to learn Han-Nôm, the traditional writing system that had long been used in Vietnam’s court and literary culture. Instead, French language and culture were imposed through schools, street signs, administrative documents, and even the names of cities and public squares. La Lutte was written in French, but using the very language that sought to erase Vietnamese identity to denounce injustice and call for independence: adopting the colonial voice not to assimilate but to undermine it.

Alongside this sits a fragment from the Vietnamese-language newspaper Dân Chúng („The People“), which published calls for democratic freedoms and labor rights. The visible headline in the collage reads: “Lúc này … Hơn lúc nào hết!” („Now or never!“) and “TỰ-DO BÁO-CHÍ” – a bold declaration for the freedom of the press, of speech, of thought. This is not merely a cry for abstract ideals; it is a historical demand, shouted under the surveillance of colonial censorship. Crucially, it is written in quốc ngữ, the modern Vietnamese writing system developed in the 17th century by missionaries but later transformed by Vietnamese intellectuals into a powerful tool of communication and national awakening.

By layering these newspaper pieces into my collage, I wanted to honor this history of resistance through literacy. These were not just publications; they were lifelines. They show us that colonialism was not only resisted on battlefields but also in classrooms, on street corners, in art and painting, and inside the cramped printing presses of underground journalists. In a world where every Vietnamese word was policed, every publication was an act of courage.

3.   Conclusion

In reflecting on this essay and the collage I created, I have come to see how deeply colonial histories are woven into everyday life—even when they remain invisible or unacknowledged. While working on our group presentation in the Decolonize! seminar about the Ermelerhaus, the Friedrichsgracht, and the Deutsches Kolonialhaus, I was surprised by how much evidence of colonial history surrounds us in Berlin, yet so little information about these legacies is publicly available. This realization made me more attentive to how colonial traces endure not only in archives but also in urban landscapes, architecture, and cultural memory.

The Vietnamese case that my collage engages with demonstrates a similar persistence. The French-built École des Beaux-Arts de l’Indochine was originally an attempt to colonize Vietnamese art and culture, imposing European techniques and aesthetic values. Yet, artists such as Lê Phổ, Mai Trung Thứ, and Lê Thị Lựu appropriated those techniques to paint Vietnamese textures, themes, and cultural life, thereby transforming a colonial tool into a site of resistance and hybridity. This process mirrors Stuart Hall’s idea that cultural identity is not fixed but is constantly being negotiated and re-articulated through history, power, and representation.

Beyond the realm of art, the presence of colonial architecture remains visible in Hanoi and Ho Chi Minh City, where Indochine buildings and interior design have become a distinctive part of Vietnamese identity. What was once a colonial imposition has been reimagined, re-appropriated, and integrated into cultural expression—demonstrating again how colonial legacies can be subverted and given new meaning.

Through the seminar, the collage, and this writing process, I have realized that decolonial work is less about “erasing” colonial traces than about critically engaging with them: uncovering silenced histories, making their structures visible, and recognizing how marginalized voices transform them into acts of resilience and creativity. This essay has therefore been both an academic and a personal journey, linking my own heritage and memories of Vietnam to broader questions of how colonialism continues to shape—and be challenged in—our everyday lives.

Bibliography

Bhabha, Homi K. 1994. The Location of Culture. London: Routledge.

Brettell, Caroline B. 1945. “French Indo-China: Demographic Imbalance and Colonial Policy.” Population Index 11, no. 2 (1945): 68–81. https://doi.org/10.2307/2730333.

Hall, Stuart. 1997. “The Work of Representation” in REPRESENTATION: Cultural Representations and Signifying Practices. SAGE Publisher. https://eclass.aueb.gr/modules/document/file.php/OIK260/S.Hall%2C%20The%20work%20of%20Representation.pdf.

Said, Edward W. 1993. Culture and Imperialism. New York: Vintage.


[1] Chimamanda Ngozi Adichie, The Danger of a Single Story, TED Talk, 2009, https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg.

[2] The French had three different pronouns to indicate Vietnam|s territories: Tonkin China as Northen Vietnam, Annam as Central Vietnam, and Cochin China as Southern Vietnam, but the term “Annam” was later on widely used to indicate Vietnam. Besides these three ‘countries’ that the French administered in the French Indochina, there were also Combodia and Laos. (“French Indo-China”, p. 68-69)

[3] Is a traditional Vietnamese conical hat made of palm leaves. It serves as both a practical item, protecting the wearer from sun and rain, and a cultural symbol of Vietnam.

[4] were soldiers of several regiments of local ethnic Indochinese infantry organized as Tirailleurs by the French colonial authorities (“Tirailleurs indochinois”,  Wikipedia, last modified June 20, 2025, https://en.wikipedia.org/wiki/Tirailleurs_indochinois)

[5] Name of a port city and industrial center in north Vietnam during the French Colonize. Nowadays, Hai Phong still holding the same important position in Vietnam’s economic and trade.

[6] Vietnamese traditional and national garment

[7] He was one of the four most important painters of Vietnamese modern art that worked and lived in Europe – the Phổ-Thứ-Lựu-Đàm. He was one of the graduates of the first class of the École des Beaux-Arts de l’Indochine. He is famous for his silk painting with gouache about Vietnames women, children, scenery, and architecture. (Mai Trung Thứ, Wikipedia, last modifined June 20, 2025, https://vi.wikipedia.org/wiki/Mai_Trung_Th%E1%BB%A9)

[8] Leaning pillows (also known as gối xếp or gối tựa) is a traditional Vietnamese cushion made of 4–5 stacked pillow layers, used for back, arm, or head support when sitting on the floor. Popular among royals and scholars in the past, it was essential during activities like reading, reciting poetry, drinking tea, or relaxing. The cover is made of luxurious brocade with imperial motifs, while the firm, box-shaped inner pillows are tightly stuffed for stability and comfort.

[9] Means veil

[10] Vấn tóc refers to a traditional Vietnamese hairstyle in which the hair is neatly twisted and coiled into a bun using a piece of fabric. It looks like hairband or headband. It was commonly worn by women in northern and central Vietnam, especially during the 1930s–1940s, symbolizing elegance and refinement. (Tóc vấn trần, Vietnamese Encyclopedia, last modifined June 20, 2025, https://bktt.vn/T%C3%B3c_v%E1%BA%A5n_tr%E1%BA%A7n)

[11] Lê Phổ was a Vietnamese and internationally renowned master painter known for his romantic style and many highly valued works. Often called the „Vietnamese Master Painter in France,“ he is regarded as a towering figure in Vietnamese art. Lê Phổ is also recognized as one of the „Four Masters in Europe“ of modern Vietnamese painting, alongside Mai Trung Thứ, Lê Thị Lựu, and Vũ Cao Đàm. (Lê Phổ, Wikipedia, last modifined June 20, 2025, https://vi.wikipedia.org/wiki/L%C3%AA_Ph%E1%BB%95)

[12] A traditional dress that was worn widely by women in Nothern Vietnam before the áo dài. Its name means four-pieced shirt with long flowing outer tunic, reaching almost to the floor. It is open at the front, like a jacket. At the waist the tunic splits into two flaps: a full flap in the back (made up of two flaps sewn together) and the two flaps in the front which are not sewn together but can be tied together or left dangling.

[13] Truyện Kiều (The Tale of Kiều) is a Vietnamese epic poem written by Nguyễn Du  in the early 19th century. Comprising over 3,200 verses in lục bát (six-eight) meter, it tells the tragic love story of Thúy Kiều, a talented and virtuous young woman who sacrifices herself to save her family, enduring hardship and injustice. The work is celebrated for its poetic beauty, emotional depth, and philosophical reflections on fate, morality, and resilience. Nguyễn Du is considered one of Vietnam’s greatest literary figures, and Truyện Kiều a masterpiece of Vietnamese literature. (Truyện Kiều, Wikipedia, last modified June 20, 2025, https://en.wikipedia.org/wiki/The_Tale_of_Kieu)


Quelle: Thi Trang Ha Nguyen, Decolonize! Art as Colonial Resistance – French Colonialism in Indochina, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 10.12.2025, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=527

Sexroboter und Feminismus: Können Sex-Roboter feministisch sein?

Lotte Oberpichler, Stella Ankermann, Sveva Osterkorn und Patricia Manhice (SoSe 2025)

Teaser: 

Im ersten Moment wirkt das Thema ungewöhnlich: Sexroboter und Feminismus. In dieser Folge werfen wir einen kritischen Blick auf die Entfaltung künstlicher Intimität: Welche technologischen Entwicklungen gibt es? Welche gesellschaftlichen Vorstellungen und Machtstrukturen spiegeln sich in der Gestaltung der Sexroboter wider? Und können feministische Ideen von Selbstbestimmung, Lust und Sexualität mit dem Konzept der Sexroboter vereint werden? Mit unserem Podcast möchten wir neue Denkanstöße geben.
Triggerwarnung: 

Bevor wir anfangen, möchten wir euch darauf hinweisen, dass dieser Podcast sensible Themen behandelt. In dieser Folge sprechen wir über Themen wie Sexualität,Machtverhältnisse und sexuelle Gewalt. Manche Inhalte können belastend sein. Bitte hör dir diese Folge nur an, wenn du dich wohl und sicher damit fühlst oder in Gesellschaft.Weiterführende Links zu Beratungsstellen und professionellen Hilfsangeboten findest du weiter unten in der Beschreibung.

Quellen

https://www.derstandard.de/story/2000096837176/forscherin-sexbots-sind-ein-zeichen-deshasses-gegen-frauen (03.07.2025).

https://www.tu.berlin/zifg/sts-gender/forschung/forschungsprojekte-1/neomaterialistischeperspektiven-auf-sexroboter (03.07.2025).

https://krautreporter.de/geld-und-wirtschaft/2222-warum-es-wichtig-ist-wie-roboter-aussehen (03.07.2025)

Bendel, O. (2017). Sex robots from the perspective of machine ethics. In Lecture
Notes in Computer Science (S. 17–26). Springer International Publishing.

Kubes, T. (2019). Bypassing the uncanny valley: Sex robots and robot sex beyond
mimicry. In Techno:Phil – Aktuelle Herausforderungen der Technikphilosophie (S.59–73). J.B. Metzler.

Graf, P., Maibaum, A., & Compagna, D. (2020). Pflege-, Therapie- oder Sexroboter?:
Ergebnisse einer Szenario-Studie zum Einsatz sozialer Robotik. TATuP – Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis, 29(2), 52–57.
https://doi.org/10.14512/tatup.29.2.52

D. Paulina Matyjas. (2022). Sexroboter. Empirische Befunde zu Gegenwart und Zukunft einerpolarisiernden Technologie. Psychosozial-Verlag. https://www.nomoselibrary. de/10.30820/9783837978797.pdf (03.07.2025).


Professionelle Hilfe und Beratungsstellen

https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/startseite
https://lara-berlin.de/home
https://www.bafza.de/rat-und-hilfe/hilfetelefon-gewalt-gegen-frauen


Über Podcast Werkstatt: Gender und Diversity in den Techno-Sciences: Von Sexrobotern, Dating Apps und KI 

Wie wollen wir in einer Welt leben, die durch Technik geprägt ist? Inwiefern beeinflussen soziale Ungleichheiten technologische Entwicklungen? Welche Rolle kann Technik spielen, um unsere Welt gerechter zu gestalten und sozialen Ungleichheiten entgegen zu wirken?

In der von Dr. Tanja Kubes geleiteten Podcast-Werkstatt werden aktuelle soziotechnische Themen wie Künstliche Intelligenz, Dating Apps, Social Media, etc. aufgegriffen und deren feministisches Potenzial beleuchten. Dabei wird von den Studierenden Technik nicht nur kritisch analysiert, sondern auch selbst aktiv angewendet und Podcasts produziert.

Wie prägen gesellschaftliche Normalitätsvorstellungen die Marginalisierung von Menschen mit Behinderung?

Nele Becker (WiSe 2024/25)

1. Einleitung

Die gesellschaftliche Marginalisierung von Menschen mit Behinderungen ist tief in hegemonialen Normvorstellungen verankert und mit Klassismus verbunden. Diese Vorstellungen bestimmen nicht nur den Zugang zu Ressourcen und sozialen Teilhabemöglichkeiten, sondern auch die Wahrnehmung und Behandlung von Behinderung im öffentlichen und privaten Raum. Die vorliegende Arbeit untersucht, wie der Begriff der Normalität strukturell, kulturell und psychologisch geformt wird und auch aus Intersektionalitätsperspektive Konsequenzen für Menschen mit Behinderungen hat.

2. Modelle von Behinderung

Innerhalb des letzten Jahrhunderts haben sich verschiedene Modelle entwickelt, welche erklären sollen, wie Behinderung zu definieren ist und wie dementsprechend damit umgegangen werden soll. Im Folgenden sollen drei Modelle herausgestellt werden, welche sowohl die wissenschaftliche Forschung als auch den gesellschaftlichen Umgang besonders geprägt haben.

2.1 Medizinisches Modell

Das medizinische Modell oder auch das individuelle Modell von Behinderung entwickelte sich im 20. Jahrhundert und gilt nach wie vor als das hegemoniale Modell in der gesellschaftlichen Betrachtungsweise von Behinderung, wodurch es zentral für das Verständnis der ableistischen Normalität ist (Hartwig, 2020). In diesem Modell wird Behinderung als eine individuelle Abweichung von einer gesellschaftlich konstruierten körperlichen, mentalen und kognitiven Norm gesehen, welche oft als ein „persönliches Unglück“ oder „tragisches Schicksal“ geframed wird. Dieses biophysische Verständnis von Behinderung führt hingegen zu einer Naturalisierung von körperlicher Differenz und deren Pathologisierung und hat eine Defizitorientierung zur Folge (Hirschberg, 2022). Denn Behinderung wird hier als ein individuelles Problem angesehen, welches durch rehabilitative und therapeutische Maßnahmen „gelöst“ werden soll. Hierbei ist die Dominanz und Orientierung an dem Wissen von medizinischen Expert*innen elementar, mit der gleichzeitigen Verlagerung der Verantwortung auf das Individuum mit Behinderung sich an gesellschaftliche Normen und Anforderungen anzupassen (Egen & Waldhoff, 2023). Das medizinische Modell konstruiert somit eine hierarchische Ordnung von Körpern, in welchem Menschen mit Behinderung und deren Lebensrealitäten als defizitär und „therapiebedürftig“ angesehen werden. Diese Sichtweise trägt zur Stigmatisierung bei und verstärkt die gesellschaftliche Tendenz, Menschen mit Behinderung als außerhalb der „Normalität“ zu betrachten.

2.2 Soziales Modell

Im Zuge der Behindertenorganisation Union of the Physically Impaired Against Segregation (UPIAS) entstand in den 1970er Jahren in Großbritannien der Grundstein des heutigen sozialen Modells von Behinderung. Diese Gruppe machte in ihrem Grundsatzpapier erstmals den Unterschied zwischen individueller Beeinträchtigung (impairment) und der gesellschaftlich verursachten Behinderung (disability)(UPIAS, 1976).

Während also im medizinischen Modell Behinderung (disability) immer mit Beeinträchtigung (impairment) gleichgesetzt wurde, wird bereits zum Entstehungszeitpunkt des sozialen Modells und im Zuge des Wissenschaftsbereichs der Disability Studies deutlich, dass Behinderung nicht ein Ergebnis einer medizinisch zu definierenden Pathologie, sondern ein Produkt von sozialen Ausschluss- und Unterdrückungsverhältnissen ist (Waldschmidt, 2005). Demnach war dieses Modell bereichernd hinsichtlich des Verständnisses von Kontextfaktoren. Ein prägnantes Beispiel für diese Perspektive ist die Tatsache, dass Kurzsichtigkeit in einer Gesellschaft mit Zugang zu Sehhilfen keine Behinderung darstellt, während sie in einem Umfeld ohne diese Hilfsmittel sehr wohl eine bedeutende Einschränkung der Teilhabe darstellen würde insbesondere auch dadurch, dass Infrastruktur auf sehende Menschen ausgerichtet ist.

Das soziale Modell fordert demnach eine Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen (z.B. durch Leitsysteme, Rampen, Nachteilsausgleiche) die Menschen mit Behinderung ausschließen, anstatt den Fokus auf die „Heilung“ der körperlichen oder mentalen Beeinträchtigung zu legen.

2.3 Kulturelles Modell

In den 1980ern entwickelte sich in den USA aus den Kultur-, Sprach- und Literaturwissenschaften als Ergänzung zum sozialen Modell das kulturelle Modell, welches den Analysefokus auf das Zentrum der Gesellschaft und der oft nicht hinterfragten Normalität lenkt. Nach diesem Modell ist es fatal, Behinderung als ein „tragisches Schicksal“ zu verstehen wie nach dem medizinischen Modell, aber es reicht auch nicht, Behinderung lediglich als eine diskriminierte Randgruppenposition zu betrachten wie nach dem sozialen Modell. Nach dem kulturellen Modell ist Behinderung eine Form der Problematisierung von körperlicher Differenz (Waldschmidt, 2005). Ziel ist es, diese Prozesse, welche Behinderung als Differenzkategorie konstituieren zu re- und dekonstruieren (Behrisch, 2016). Hierfür ist die Betrachtung des Normalitätsbegriffs hinreichend.

2.3.1 Der Normalitätsbegriff

Im modernen Zeitalter ist Normalität als eine Kategorie zu verstehen, welche sich durch statistische Durchschnittswerte und einen kontinuierlichen Vergleich einzelner Menschen zur Mitte der Gesellschaft konzipiert. Der Normalitätsbegriff ist nicht nur ein abstraktes Konzept, sondern ein Werkzeug, das aktiv verwendet wird, um Gesellschaften zu strukturieren. Nach Stechow et al. (2019) zwingt die Vorstellung von Normalität zwar alle Körper zur Anpassung, privilegiert und honoriert hierbei aber insbesondere Körper, die sich normieren lassen oder solche, die bereits als „normal“ in gesellschaftlichen Normalitätsgrenzen anerkannt sind. Gerade die „normalen“ Körper können in ableistischen Regimen anders handlungsfähig werden und sind anderen Spielarten von Zwang ausgesetzt als die als „anormal“ markierten.

Nach Foucault wird Normalität durch und in Diskursen konstruiert und durch Verfahren der Disziplinarmacht, wie Vergleich, Differenzierung, Hierarchisierung, Homogenisierung und Ausschließung manifestiert. Diese lassen sich auch auf das Konstrukt der Behinderung übertragen: um Menschen eine Behinderung attestieren zu können, müssen laufend Körper verglichen werden (z.B. Intelligenztests), anschließend werden sie differenziert in unterschiedliche Arten der Leistungs- und Erwerbsminderung, Förder-, Hilfs- und Pflegebedürftigkeit und daraufhin hierarchisiert (z.B. im sozialrechtlich festgelegtem Grad der Behinderung (GdB)) und in Gruppen homogenisiert (z.B. Behinderung hinsichtlich körperlicher, seelischer, kognitiver Art), um dann mit Ausschließungsmaßnahmen (z.B. Förderschulen, Werkstätten) zu reagieren. Mit Foucault wird demzufolge die Perspektive verdeutlicht, dass behinderte Körper disziplinierte und normierte Körper und Regimen der Überwachung und Normalisierung ausgesetzt sind, mit dem Ziel, diese Körper an eine nicht-behinderte Ordnung anzupassen (Waldschmidt, 2008). Diese Normalitätskonstruktionen sind jedoch nicht isoliert zu betrachten, sondern in gesellschaftlichen Machtverhältnissen eingebettet, die auch andere Differenzkategorien wie Klasse, Gender oder Herkunft strukturieren.

3. Intersektionalität

Durch gesellschaftliche Machtverhältnisse ist Behinderung auch mit anderen Diversitätsmerkmalen und den damit oft einhergehenden Diskriminierungserfahrungen verwoben. Eine Überschneidung, die bei Behinderung häufig zu Tage tritt, ist die mit Klassenzugehörigkeit und/oder Klassenherkunft, welche mit dem Begriff Klassismus betitelt werden kann. Doch warum gibt es insbesondere bei diesen Diversitätsmerkmalen Überschneidungen? Dies liegt insbesondere am Kapitalismus. Denn hier treten Menschen auf dem Arbeitsmarkt in einen Wettbewerb und konkurrieren um Stellen, bei welchen jeweils die „am besten passenden“ Personen bevorzugt werden. Nach dem Gedanken von Unternehmer*innen und dem kapitalismus- und neoliberalorientierten System sind es demnach „funktions- und arbeitsfähige Bürger*innen“ (Maskos, 2015, S.6), die als produktiv, leistungsstark und damit als „wertvoll“ angesehen werden. Behinderung wird demnach nicht nur durch die verschiedenen Modelle von Behinderung verhandelt, sondern auch durch die Struktur der Wirtschaftsweise. Der Mensch wird somit in ein System gezwungen, in dem sein Wert primär über seine ökonomische Nützlichkeit definiert wird.

3.1 Erwerbsarbeit

Der Arbeitsmarkt ist ein Faktor bei dem deutlich wird, dass Menschen mit Behinderung systematisch ausgeschlossen oder in prekäre Arbeitsverhältnisse gezwungen werden. 310.000 Menschen mit Behinderung werden derzeit in deutschen Werkstätten für Menschen mit Behinderung beschäftigt (BAG WfBM, 2024). Werkstätten dienen formal dazu, Menschen mit Behinderungen auf den ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten, doch in der Praxis spiegeln sie häufig ein ausbeuterisches System wider. Die Beschäftigten in Werkstätten arbeiten oft unter Bedingungen, die sie stark benachteiligen: sie erhalten für ihre Arbeit meist keinen Mindestlohn, sondern lediglich ein sogenanntes monatliches Arbeitsentgelt von ca. 200€ bei einer 40-Stundenwoche (ca. 1,35€/h). Da dies weit unterhalb der existenzsichernden Löhne liegt, erhalten die Beschäftigten zusätzlich Sozialleistungen, wodurch sie dann auf ein monatliches Gehalt von maximal 920€ gelangen, aber auch in einer abhängigen Position bleiben (Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik & Institut für angewandte Sozialwissenschaft, 2023). Dafür, dass Werkstätten Menschen für den ersten Arbeitsmarkt vorbereiten sollen, ist die Vermittlungsquote von ca. 0,35% als klare Zielverfehlung einzuschätzen (Engels et al., 2023). Zudem sind die Beschäftigten hierbei keine Arbeitnehmer*innen sondern Rehabilitand*innen, weswegen ihnen Arbeitnehmer*innenrechte wie z.B. Streikrecht fehlen oder das Recht auf Mindestlohn verwehrt werden (Die Neue Norm, 2024). Diese systematische Abwertung ihrer Arbeitskraft und ihres Beitrags zur Gesellschaft zeigt, wie der Kapitalismus Menschen mit Behinderungen nicht nur ökonomisch ausbeutet, sondern auch ihre Position als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft in Frage stellt. Es wird ein Narrativ geschaffen, das ihre vermeintlich geringere Produktivität ins Zentrum stellt, anstatt die Strukturen so zu ändern, dass sie als gleichwertige Akteur*innen in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Allerdings gestaltet sich die Einstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt auch als schwierig. Zwar müssen Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden mindestes eine Person mit Behinderung einstellen, wenn diese keine Ausgleichszahlung leisten wollen, allerdings ist diese Zahlung meistens ökonomisch günstiger als inklusivere Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, weswegen zweidrittel aller Unternehmen in Deutschland diese Quote nicht erfüllen (Aktion Mensch e.V., 2024). Außerdem haben Unternehmen zudem die Möglichkeit die zu besetzenden Arbeitsstellen an die beschriebenen Werkstätten für Menschen mit Behinderung auszulagern. Der Staat fordert offiziell Inklusion gemäß der UN-BRK, fördert aber gleichzeitig ein System, das Menschen mit Behinderung in Werkstätten hält.

 Dies zeigt, dass durch die Subventionen der Werkstätten durch den Staat die ökonomische Ungleichheit perpetuiert wird und Menschen mit Behinderung wirtschaftlich benachteiligt werden, was ihre Zugehörigkeit zu den unteren sozialen Klassen verstärkt, Aufstiegschancen erschwert und ihre ökonomische Abhängigkeit zementiert. Dem Kapitalismus ist die Abwertung von Menschen mit Behinderung durch seine Verwertungslogik demnach systemimmanent (Solbrig, 2022).

3.2 Bildungswesen

Um auf den Arbeitsmarkt zu gelangen, müssen Qualifikationen wie z.B. ein Schulabschluss vorliegen. Doch auch wenn Deutschland sich 2009 im Zuge der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) verpflichtet hat, Segregation auch im Schulwesen abzuschaffen, stellte das Deutsche Institut für Menschenrechte (2023) fest, dass keine Transformation zu einem inklusiven Schulsystem stattfindet. Tatsächlich ist jede zehnte allgemeinbildende Schule in Deutschland eine Förderschule. Und nach wie vor werden mehr als die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen mit Behinderung dort unterrichtet und 72,7% von ihnen verlassen die Förderschule ohne Schulabschluss (Deutsches Institut für Menschenrechte, 2023). Die Exklusionskette von Menschen mit Behinderung beginnt demnach bereits in der Schule, was bereits hier zu unfairen Startvoraussetzungen führt und wird durch einen ableistischen und segregierten Arbeitsmarkt inklusive „Sondereinrichtungen“ fortgeführt, wodurch ein „Klassenaufstieg“ bei durchschnittlich verdienenden Eltern eher negativiert wird.

Zusätzlich konnte herausgestellt werden, dass 73% aller Lehrkräfte an inklusiveren Schulen überzeugt sind, dass Kinder mit Behinderungen oder mit sogenannten „sonderpädagogischem Förderbedarf“ bevorzugt an einer Förderschule unterreichtet werden sollten (Robert Bosch Stiftung, 2023). Hierbei spielen einerseits logistische Rahmenbedingungen eine Rolle wie z.B., dass nur jede zehnte Lehrkraft im Studium auf inklusiven Unterricht vorbereitet wurde. Aber auch implizite ableistische Annahmen, die intrapsychisch formuliert werden, können eine Rolle dabei spielen, warum Inklusion sowohl im Bildungswesen als auch auf dem Arbeitsmarkt bewusst nicht gewollt ist.

4. Psychoanalytische Überlegungen

Laut Statistischem Bundesamt (2024) sind lediglich 3% der Behinderungen in Deutschland angeboren und die restlichen 97% erworbene Behinderungen (91% aufgrund einer Erkrankung, 1% Unfälle, 5% Sonstige). Die Konfrontation mit Behinderung kann bei Menschen ohne Behinderung tiefsitzende Ängste hervorrufen, weswegen die Psyche daraufhin häufig mit Abwehrmechanismen reagiert (Richarz, 2003). Abwehrmechanismen sind meist unbewusste Vorgänge der Psyche, welche dazu dienen, innerseelische als auch zwischenmenschliche Konflikte zu regulieren, um das seelische Gleichgewicht zu bewahren und Entlastung zu schaffen. Dabei sind sie nicht per se als pathologisch zu werten. Ein beispielhafter Abwehrmechanismus in diesem Zusammenhang wäre die Spaltung, welcher eine Reaktionsweise darstellt, um mit widersprüchlichen Gefühlen als auch starken Befürchtungen zurecht zu kommen. Hierbei wird ein Merkmal in zwei klar voneinander getrennte diametral gegenüberstehende Pole (z.B. Behinderung oder nicht-Behinderung) aufgeteilt, bei welchem ein Pol als erstrebenswert gilt, während der andere entwertet werden muss. Der Vorteil, den sich die Psyche hierbei verspricht, ist, dass die Welt als ein sicherer Ort erscheint und es vor den Gefühlen der Überwältigung und Angst schützt (Richarz, 2003). Doch welche Bedrohung erlebt die Psyche als so stark, dass sie beim Thema Behinderung auf Spaltung zurückgreift? Um dies zu verstehen, lohnt sich ein genauerer Blick auf die dahinterliegenden Ängste.

Die Ängste von nichtbehinderten Menschen könnten z.B. darum kreisen, dass der Körper oder die Seele irgendwann nicht mehr Mittel zum Zweck sind, in einer Gesellschaft die v.a. auf neoliberalen Kapitalismus setzt, bei dem der „Wert“ eines (nicht-kapitalbesitzenden) Menschen von dessen Arbeitskraft und -fähigkeit abhängig gemacht wird. Was damit einhergeht ist auch die Angst, dass der eigene Körper oder die Seele einem selbst Grenzen setzt bzw. Schmerzen bereitet oder im Körper und der Seele Prozesse ablaufen, welche sich trotz aller Bemühungen nicht beherrschen lassen. Diese Angst über fehlende Handlungsfähigkeit geht wiederum mit Angst vor Abhängigkeit von Anderen einher (Langnickel & Link, 2019; Schönwiese, 2003). Dies kann zur Folge haben, dass auf individueller Ebene Gefühle des Ausgeliefertseins, der Ohnmacht und Hilflosigkeit entstehen aufgrund der Angst vor dem Unkontrollierbaren, vor der eigenen Begrenztheit im Handeln und der Konfrontation mit der als Bedrohung wahrgenommen eigenen Verletzlichkeit und Sterblichkeit (Egen & Waldhoff, 2023). Um all diese Ängste nicht zulassen zu müssen, wird also auf Spaltung gesetzt, welche auf Dauer aber immer mehr Aufwand bedarf und die dahinterliegenden Ängste nicht verschwinden lässt.

Spaltung geht deswegen häufig mit Rationalisierungen einher. Dies ist ein Abwehrmechanismus, den die Psyche verwendet, um einem vordergründig „sinnvolle“ Erklärungen und Begründungen aufzutischen, warum in diesem Fall Menschen mit Behinderungen abgewertet oder ferngehalten werden müssen und Inklusion auf allen Ebenen verhindert werden muss. Da Inklusion die Grenzen verwischen würde und die Konfrontation mit Ängsten schafft, weswegen dann z.B. öffentliche Räume, Schulen oder Arbeitsplätze so geschaffen werden, dass die Wahrscheinlichkeit der Begegnung sinkt.

5. Fazit

Bei der Analyse der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Behinderung hat sich gezeigt, dass insbesondere das medizinische Modell ableistische hegemoniale Normalitätsvorstellungen geprägt hat. Umso bereichernder ist es daher, dass in Behindertenorganisationen und den Disability Studies nach neuen Wegen gesucht wurde, die Konstruktion von (Nicht-)Behinderung und die dahinterstehenden Machtstrukturen zu verstehen, welche Behinderung zu einem Produkt sozialer, kultureller und politischer Prozesse macht. Denn durch institutionelle, strukturelle und psychologische Prozesse werden Normalitätsgrenzen gezogen, die bestimmte Körper und Lebensrealitäten ausschließen und eine hegemoniale Ordnung der Norm stabilisieren.

Eine intersektionale Betrachtung macht zudem deutlich, dass Behinderung in kapitalistischen Gesellschaften häufig mit anderen Differenzkategorien wie Klasse verwoben ist. Die ökonomische Abwertung von Menschen mit Behinderung ist nicht zufällig, sondern systemimmanent. Die Analyse verdeutlicht daher, dass eine inklusive Gesellschaft nicht allein durch den Abbau physischer Barrieren erreicht werden kann, sondern eine tiefgreifende Kritik an den bestehenden Machtverhältnissen und den dahinterliegenden Normalitätsvorstellungen erfordert.

Literaturverzeichnis

Aktion Mensch e.V. (2024). Inklusionsbarometer Arbeit 2024. https://www.aktion-mensch.de/inklusion/arbeit/zahlen-daten-fakten

Behrisch, B. (2016). Anerkennung von Menschen mit Behinderung als Thema von Diversity. In P. Genkova & T. Ringeisen (Eds.), Handbuch Diversity Kompetenz: Band 2: Gegenstandsbereiche (pp. 437-448). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-08853-8_34

Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e.V. (2024). 

Jahresbericht der BAG WfBM 2023.Abgerufen am 21. Februar 2025, von https://www.bagwfbm.de/category/104

Deutsches Institut für Menschenrechte. (2023). Parallelbericht an den UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen zum 2./3. Staatenprüfverfahren Deutschlands.  https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/publikationen/detail/parallelbericht-an-den-un-ausschuss-fuer-die-rechte-von-menschen-mit-behinderungen-zum-23-staatenpruefverfahren-deutschlands

Die Neue Norm. (2024). Acht Punkte: Kritik an Werkstätten für behinderte Menschenhttps://dieneuenorm.de/arbeit/acht-punkte-kritik-an-werkstaetten-fuer-behinderte-menschen/

Dobusch, L., & Wechuli, Y. (2022). Disability Studies. In A. M. Biele Mefebue, A. D. Bührmann, S. Grenz, B. En, & K. Jäntschi (Hrsg.), Handbuch Intersektionalitätsforschung (S. 51-64). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-26292-1

Egen, C., & Waldhoff, H.-P. (2023). Modelle von Behinderung und historische Entwicklungslinien von Behinderungsprozessen. Ein prozesssoziologischer Versuch. Zeitschrift für Soziologie, 52(2), 191-212.

Engels, D., Deremetz, A., Schütz, H., Eibelshäuser, S., Pracht, A., Welti, F., & Drygalski, C. v. (2023). Studie zu einem transparenten, nachhaltigen und zukunftsfähigen Entgeltsystem für Menschen mit Behinderungen in Werkstätten für behinderte Menschen und deren Perspektiven auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt: Abschlussbericht.

Hartwig, S. (2020). Behinderung: Kulturwissenschaftliches Handbuch (1st Aufl 2020 edition ed.). J.B. Metzler.

Hirschberg, M. (2022). Modelle von Behinderung in den Disability Studies. In Handbuch Disability Studies (pp. 93-108). Springer.

Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik & Institut für angewandte Sozialwissenschaft (2023). BMAS – Studie zu einem transparenten, nachhaltigen und zukunftsfähigen Entgeltsystem für Menschen mit Behinderungen in Werkstätten für behinderte Menschen und deren Perspektiven auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Abschlussbericht. Bundesministerium für Arbeit und Soziales https://www.bmas.de/DE/Service/Publikationen/Forschungsberichte/fb626-entgeltsystem-wfbm.html     

Langnickel, R., & Link, P.-C. (2019). Strukturale Psychoanalyse und Inklusion: Zur Frage der Inkludierbarkeit eines gespaltenen Subjekts. Inklusion im Spannungsfeld von Normalität und Diversität, 83-90.

Maskos, R. (2015). Ableism und das Ideal des autonomen Fähig-Seins in der kapitalistischen Gesellschaft. Zeitschrift für Inklusion.

Robert Bosch Stiftung. (2023). Das Deutsche Schulbarometer: Aktuelle Herausforderungen aus Sicht der Lehrkräfte. Ergebnisse einer Befragung von Lehrkräften allgemein- und berufsbildender Schulen. https://www.boschstiftung.de/sites/default/files/publications/pdf/2023-11/Schulbarometer_Lehrkraefte_2023_FACTSHEET.pdf

Schönwiese, V. (2003). Angstabwehr und die Produktion von Behinderung. Gisela Hermes & Swantje Köbsell (Hg.), Disability Studies in Deutschland–Behinderung neu Denken. Dokumentation der Sommeruni, Kassel: bifos Schriftenreihe. S, 175-181.

Statistisches Bundesamt. (2024, 19. Juli). 7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen leben in Deutschland. Destatis. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/07/PD24_281_227.html

Stechow, E. v., Hackstein, P., Müller, K., Esefeld, M., & Klocke, B. (2019). Inklusion im Spannungsfeld von Normalität und Diversität: Band I: Grundfragen der Bildung und Erziehung. Verlag Julius Klinkhardt.

Steven Solbrig. (2022). Wo wir stehen: Behinderung im Fokus. Diversity Arts Culture. https://diversity-arts-culture.berlin/magazin/wo-wir-stehen-behinderung-im-fokus

UPIAS [Union of the Physically Impaired Against Segregation] & The Disability Alliance. (1976). Fundamental principles of disability. UPIAS.

Waldschmidt, A. (2005). Disability Studies: Individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung? Psychologie und Gesellschaftskritik, 29(1), 9-31.

Waldschmidt, A. (2008). ‚Wir Normalen‘ – ‚Die Behinderten‘? Erving Goffman meets Michel Foucault. In: Rehberg, Karl-Siegbert (Hrsg.). Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Frankfurt am Main (Campus). S. 1-11.


Quelle: Nele Becker, Wie prägen gesellschaftliche Normalitätsvorstellungen die Marginalisierung von Menschen mit Behinderung? in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 26.05.2025, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=505

Intergeschlechtlichkeit in der Psychotherapie

Marla Rohe (WiSe 2024/25)

1. Einleitung

21,7% der inter* Personen haben bereits einen Suizidversuch hinter sich und verspüren weiterhin den (starken) Wunsch zu sterben (Rosenwohl-Mack et al., 2020).

Auch wenn es zahlreiche wissenschaftlich belegte Fakten, Statistiken und Expert:innenbeiträge zum Thema Geschlechterdiversität gibt, halten zeitgleich noch immer Personen an der binären Vorstellung von Geschlecht fest. Dennoch: das wissenschaftliche Interesse an Intergeschlechtlichkeit wächst, so lässt sich dies in den letzten Jahren an der steigenden Anzahl wissenschaftlicher Publikationen ermessen (Hendricks & Testa, 2012). Auch der Psychologie als interdisziplinäres Fach ist diese Entwicklung nicht entgangen. Die mentale Gesundheit von Personen, die sich der LGBTQIA*-Community angehörig fühlen, ist immer häufiger Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Zum Glück, denn: Inter* Personen haben geringe Chancen auf ein gesundes Leben (Kasprowski et al., 2021).

Aus den vorliegenden Studien ließ sich intuitiv folgende Forschungsfrage ableiten:

„Wie muss die psychotherapeutische Begleitung gestaltet sein, um die psychische Gesundheit von inter* Personen zu verbessern?“

2. Intergeschlechtlichkeit – Herausforderungen durch binäres System

Im folgenden Abschnitt sollen zentrale Begriffe der vorliegenden Arbeit genauer definiert werden, so dass alle lesenden Personen über ein fundiertes Verständnis von Intergeschlechtlichkeit verfügen.

2.1 Begriffe, Abgrenzungen und Grundlegendes

Für Intergeschlechtlichkeit gibt es verschiedenste Definitionen, die als Basis für diese Arbeit herangezogen werden können. Um die geschlechtliche Vielfalt möglichst depathologisierend darzustellen, wird die Definition der Trans*Inter*Beratungsstelle (2024) verwendet:

„Inter* […] bezeichnet Menschen, mit angeborenen körperlichen Geschlechtsmerkmalen, die nicht den gängigen gesellschaftlichen und medizinischen Vorstellungen von männlichen oder weiblichen Körpern entsprechen.“

Dies kann sich durch Variationen auf chromosomaler, hormoneller Ebene zeigen oder auch durch vielfältige Ausprägungen der Gonaden (Teil der Geschlechtsorgane) auszeichnen (Antidiskriminierungstelle des Bundes, 2024). Alle Variationen der Geschlechtsmerkmale sind natürlich vorkommende und gesunde Ausprägungen einer geschlechtlichen Vielfalt. Laut Schätzungen des Ethikrates leben etwa 80.000 inter* Personen in Deutschland. Die Zahlen bleiben leider nur grobe Schätzungen, da es zum einen an verlässlicher Dokumentation fehlt und je nach zugrundeliegender Definition manche Personen nicht in ihrer Intergeschlechtlichkeit gesehen werden. Hochrechnungen gehen davon aus, dass circa 1,7% der Weltbevölkerung inter* Personen sind (Antidiskriminierungsstelle des Bundes, 2024; Bora, 2012).

Das Wort „Inter“ stellt eine lateinische Vorsilbe dar, die mit dem Begriff „zwischen“ gleichgesetzt werden kann. Häufig als Antonym genutzt, bezeichnet „endo“ bzw. „dyadisch“ Personen, deren körperliche Merkmale, den gesellschaftlichen und medizinischen Normvorstellungen entsprechen. Der Zusatz des Sternchens („*“) wird gewählt, um eine möglichst inklusive Ansprache zu gewährleisten, indem das Sternchen vielfältige Endungen ermöglicht und somit keine Personen aus dem Bedeutungsraum ausschließt (Trans*Inter*Beratungsstelle, 2024). Laut der Trans*Inter*Beratungsstelle (2024) bezeichnet Intergeschlechtlichkeit die Übersetzung des Begriffs „intersex“, welcher insbesondere in der englischen inter* Community genutzt wird. „Sex“ steht im Englischen für die körperliche Ebene von Geschlecht. Im Deutschen könnte der Begriff „Intersex“ allerdings als irreführend wahrgenommen werden, da er Assoziationen zur sexuellen Orientierung einer Person hervorrufen könnte.

Intergeschlechtlichkeit beschreibt die körperliche Dimension von Geschlecht und sagt nicht automatisch etwas über die Genderidentität, die sexuelle Orientierung einer Person oder die Genderrollenübernahme und -darstellung aus. Eine dazu passende Abgrenzung zur Transgeschlechlichkeit soll dies verdeutlichen. Trans* Personen identifizieren sich nicht mit dem körperlichen Geschlecht, welches nach der Geburt auf Grundlage der körperlichen Ausprägungen festgelegt wurde. Transgeschlechtlichkeit bezieht sich somit auf die Ebene der Genderidentität. Die Begriffe sind klar voneinander abzugrenzen. Inter- und Transgeschlechtlichkeit treten unabhängig voneinander auf. Trans* Personen können inter* oder auch endo sein (Trans*Inter*Beratungsstelle, 2024).

Auch wenn dieses Kapitel zum Ziel hat, grundsätzliche Begriffe der Intergeschlechtlichkeit darzustellen, ist es unumgänglich inter* Personen immer nach der eigenen Selbstbezeichnung zu fragen, diese anzuwenden und zu respektieren.

Die vorliegende Definition sowie Begriffsdebatte weist zudem auf einen weiteren wichtigen Aspekt von Intergeschlechtlichkeit hin: die gesellschaftliche und medizinische Perspektive. Die gesellschaftlich gelebte Binarität des Geschlechtersystems führt dazu, dass Personen, die nicht dieser Binarität entsprechen, gewissen Stressoren ausgesetzt sind, welche langfristig zu negativen gesundheitlichen Folgen führen können. Neben einer strukturellen Benachteiligung und Diskriminierung im somatisch-medizinischen Bereich durch unter anderem (Zwangs-)Operationen, unzureichende Forschung und mangelnde Fachpersonalschulung, zählt auch psychischer Stress zu einem negativen Outcome der starren Geschlechterbinarität. Psychischer Stress kann sich langfristig negativ auf die mentale Gesundheit einer Person auswirken, sodass gegebenenfalls psychotherapeutische Behandlungen notwendig sind, um die Lebensqualität wieder herzustellen bzw. zu verbessern. Rosenwohl-Mack et al. (2020) fanden heraus, dass 53,6% der befragten inter* Personen ihre mentale Gesundheit als mittelmäßig bis schlecht bezeichnen. Diese subjektiv eher negative Einschätzung der mentalen Gesundheit von inter* Personen zeigte sich vor allem unter jüngeren Menschen (28,2%). 61,1% der befragten inter* Personen gaben an, mit einer depressiven Störung diagnostiziert worden zu sein. 62,6% leiden unter diagnostizierten Angststörungen. Von Suizidversuchen und dem (starken) Wunsch zu sterben berichteten, wie einleitend dargestellt, 21,7% der befragten inter* Personen (Rosenwohl-Mack et al., 2020).

Der Handlungsbedarf zur Verbesserung der mentalen Gesundheit von inter* Personen ist, gemessen an den oben aufgeführten Studienergebnissen, enorm. Während ein langfristiges gesellschaftliches Umdenken zumindest teilweise bereits im Gange ist, braucht es kurzfristigere und schnell umsetzbare Möglichkeiten zur psychologischen Begleitung von inter* Personen. Hierfür ist es notwendig, sich konkreter mit der Lebensrealität, den Erfahrungen und Herausforderungen von inter* Personen auseinanderzusetzen und diese Stressoren in ihrer Komplexität zu verstehen. Ein Modell, das sich den spezifischen Stressoren von Minderheiten widmet, ist das Minoritäten-Stress-Modell, welches als theoretische Grundlage dieser Arbeit im anschließenden Kapitel genauer beleuchtet werden soll.

2.2 Minoritäten-Stress-Modell

Das Minoritäten-Stress-Modell wurde im Jahr 2003 von I. H. Meyer entwickelt und beschreibt, wie chronischer Stress durch soziale Stigmatisierung und Diskriminierung die psychische Gesundheit von Menschen aus marginalisierten Gruppen negativ beeinflusst. Fokusgruppen bei der Entwicklung durch Meyer (2003) bildeten vorrangig lesbische, schwule und bisexuelle Personen. Da allerdings alle, der LGBTQIA* Community angehörigen Personen, von Ausgrenzungen und Diskriminierungen betroffen sein können (van de Grift et al., 2024), lässt sich dieses Modell auch für die vorliegende Arbeit zum Thema Intergeschlechtlichkeit anwenden.

Abb. 1 Minority Stress Modell (Meyer, 2003)

Das Modell unterscheidet zwischen distalen (aus Abbildung 1: (d)) und proximalen (f) Stressprozessen (Hendricks & Testa, 2012). Distale Stressoren entstehen durch den vorgestellten Minderheitenstatus (b), welcher sich bei inter* Personen durch die „Nicht-Übereinstimmung der angeborenen körperlichen Geschlechtsmerkmale mit den gängigen gesellschaftlichen und medizinischen Vorstellungen von männlichen oder weiblichen Körpern“ ergibt (abgeleitet aus Begriffsdefinition, vgl. Trans*Inter*Beratungsstelle, 2024).

Unter distalen Stressprozessen versteht man insbesondere von außen einwirkende, also externe, Geschehnisse, welcher eine Person ausgesetzt ist. Dazu kann unter anderem Diskriminierung und Ablehnung durch die Gesellschaft, die Stigmatisierung im medizinischen System – auch im psychotherapeutischen Bereich – aber auch Viktimisierung und fehlende Akzeptanz von Geschlechtervielfalt fallen (van de Grift et al., 2024). Auch die fehlende Sichtbarkeit von Intergeschlechtlichkeit in der Gesellschaft wird von inter* Personen als frustrierend empfunden und führt unter anderem zu Gefühlen der Einsamkeit und Isolation (van de Grift et al., 2024). Diese distalen Stressprozesse setzen wiederum proximale Stressprozesse in Gang bzw. verstärken diese zudem (Meyer, 2003).

Die proximalen Stressprozesse stellen internalisierte Überzeugungen (bspw. „sich unnormal fühlen“) dar, die einen großen Einfluss durch die Minderheitenidentität (e) einer Person erfahren sowie deren Selbstbild definieren (Meyer, 2003). So können Personen einer Minderheit Ablehnungen/ Diskriminierungen auch internalisiert haben, obwohl sie selbst dieser Minderheitengruppe angehörig sind. Zudem spielen bei den proximalen Stressprozessen auch negative Erwartungen bei Outing/ romantischen Beziehungen und Verschweigen von Gefühlen/ Erfahrungen und dadurch eine gespielte Anpassung an Binarität eine große Rolle (Hendricks & Testa, 2012; van de Grift et al, 2024). Zu den proximalen Stressoren ergänzen die Autor:innen der Studie von van de Grift et al. (2024) noch die Überinterpretation von körperlichen Vorgängen, die durch das fehlende Vertrauen in den eigenen Körper entstehen kann. Eine weitere Herausforderung für inter* Personen kann das Kommunizieren von körperlichen Grenzen darstellen. Durch zahlreiche, oft übergriffige medizinische Untersuchungen und die dadurch verringerte körperliche Autonomie fühlen sich inter* Personen häufig ungeschützter bzw. gefährdeter in Bezug auf übergriffige körperliche Begegnungen (ebd., 2024). Der interpersonelle Stress, welcher wie oben aufgeführt u.a. durch internalisierte negative Überzeugungen auftritt, äußert sich bei inter* Personen durch konstante negative Verstimmung. Körperliche und emotionale Intimität kann dadurch für inter* Personen ebenfalls eine große Herausforderung und somit Stressor darstellen (ebd., 2024).

Diese Stressoren wirken sich, gemeinsam mit den generellen Lebensstressoren (c) und unter Berücksichtigung der Merkmale der Minorität (g) auf die mentale Gesundheit von Personen aus (Meyer, 2003). Meyer (2003) beschreibt allerdings auch, ins Deutsche übersetzt, „Bewältigungsstrategien und soziale Unterstützung“ (h). Diese können, wenn richtig ausgeprägt, als Gegenpol zum chronischen Stress wirken und somit die mentale und körperliche Gesundheit von inter* Personen stärken. Hierzu zählen unterstützende Netzwerke („Community“), die Entwicklung von Stolz („Pride“), Selbstakzeptanz und positive Identitätsentwicklung, die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen und die positiv unterstützende Gestaltung des unmittelbaren sozialen/ familiären Umfeldes (van de Grift et al., 2024).

3. Intergeschlechtlichkeit in der Psychotherapie

3.1 ICD-11: Wirklich ein Fortschritt?

Das Diagnostikmanual „ICD-11“, welches zum 01. Januar 2022 in Kraft trat und zum Teil auch schon in der psychotherapeutischen Praxis Anwendung findet, hat der Stigmatisierung von trans* Personen entgegengewirkt und somit Transgeschlechtlichkeit im Diagnostikbereich entpathologisiert. Für Intergeschlechtlichkeit jedoch hat das ICD-11 keine solche Verbesserung gebracht. Noch immer wird Intergeschlechtlichkeit als Störung klassifiziert und unter dem Code LD2A als „Fehlbildungen in der Geschlechtsentwicklung“ geführt (oii Germany, 2022; Bundesministerium für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2022). Dieser, aus dem älteren DSM übernommene, Diagnosecode trägt weiterhin zur Stigmatisierung und Pathologisierung von Intergeschlechtlichkeit bei (oii Germany, 2022).

3.2 Überlegungen für psychotherapeutische Praxis: Stärkung von Resilienzen

Ein möglicher Ansatz innerhalb der psychotherapeutischen Betreuung von inter* Personen ergibt sich aus den vorherigen Kapiteln zunächst intuitiv: Stressoren senken bzw. diesen entgegenwirken und Resilienzfaktoren fördern bzw. diese aufrechterhalten. Diese Empfehlung vertreten auch die Autor:innen der Studie von van de Grift et al. (2024): Um gesundheitliche Probleme von inter* Personen zu vermeiden bzw. diesen entgegenzuwirken, empfehlen die Autor:innen, dass klinische Expert:innen aktiv nach Minoritäten-Stressoren fragen, um hier mit psychotherapeutischen Programmen anzusetzen.

Ein weiterer wichtiger Anknüpfungspunkt für psychotherapeutische Maßnahmen stellen die Resilienzfaktoren von inter* Personen dar. Van de Grift et al. (2024) haben auch diese noch einmal genauer differenziert und in distale und proximale Resilienzfaktoren unterschieden. Ein distaler Resilienzfaktor, der sich in der Studie der Autor:innen bestätigen ließ, ist das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Community oder auch Selbsthilfegruppe. Auch das Zuwenden zu „role models“ oder die eigene Annahme einer solchen Modellrolle zählen laut den Autor:innen zu den distalen Resilienzfaktoren. Vorbilder, wie bspw. berühmte queere Persönlichkeiten, helfen dabei, Erfahrungen von inter* Personen zu normalisieren oder neue Bewältigungsstrategien und Wissen zu vermitteln. Aktivismus (bspw. in Form von politischem Engagement) wird ebenfalls aufgeführt, da es die wahrgenommene Kontrolle über die eigene Situation steigert. Psychotherapeutische Maßnahmen sollten insbesondere auf die Förderung von hoffnungsstiftenden Aktivitäten (wie oben beschriebener Aktivismus oder der Zuwendung zu „role models“) abzielen. Hoffnung und das Gefühl von Sinnstiftung wurden von van de Grift et al. (2024) als relevante Resilienzfaktoren zum Abbau von Minoritätsstressoren genannt. Zur Erleichterung der Förderung von Aktivismus und/oder der Zuwendung zu „role models“ sollten psychotherapeutische Praxen über Informationsmaterial zu entsprechenden aktivistischen Vereinen/ Institutionen und Selbsthilfegruppen bereithalten. Auch Namen von (berühmten) queeren Vorbildern sowie Kenntnis über deren Social-Media-Kanäle sollten als Orientierungspunkte für inter* Personen zur Verfügung gestellt werden.

Ausschlaggebend bei der Resilienz von distalem Stress sei aber auch die Akzeptanz und der Support von nahestehenden Menschen und Institutionen, wie bspw. Eltern oder Schule (van de Grift et al., 2024). LGBTQIA* Personen treffen sich signifikant häufiger mit Freund:innen, Nachbar:innen oder Bekannten als cis-Personen. Daraus lässt sich schließen, dass die Bedeutung von zwischenmenschlichen Beziehungen für LGBTQIA* Personen höher ist und aktiver Beziehungsaufbau betrieben wird (Kasprowski et al., 2021). Ableitend für mögliche psychotherapeutische Maßnahmen sollten Eltern, Geschwister oder Freund:innen von inter* Personen stärker in die Therapien miteinbezogen werden, um die (Selbst-)Akzeptanz von Intergeschlechtlichkeit zu fördern und somit soziale Unterstützung zu sichern. Denkbar wäre, zeitgleich zur Individualtherapie workshopähnliche Betreuungen anzubieten, in welchen das enge Umfeld der zu therapierenden Person nähere Informationen und Wissen um Intergeschlechtlichkeit an sich, aber auch der Komplexität von Minoritäten-Stressoren und Resilienzfaktoren erwerben kann. Die „Interdisziplinäre Spezialsprechstunde zu Fragen der Geschlechtsidentität im Kindes- und Jugendalter“ von der Charité bietet in der Begleitung von trans* Personen auch die Arbeit mit Eltern im Sinne des „Ambiguous Loss“ an. Dies kann den Prozess des sozialen Supports stark voranbringen, da Eltern hier zunächst Abschied von internalisierten Vorstellungen und Wünschen über ihre Kinder nehmen können, bisherige Geschlechterannahmen reflektieren und sich anschließend für neue Konzepte öffnen bzw. Stolz („Pride“ als Resilienzfaktor) erarbeiten (Charité, 2025). Auch wenn dieses Beratungsangebot sich auf trans* Personen bezieht, sollte diese Form der Elternarbeit auch in die psychologische Begleitung von inter* Personen Einzug finden.

Selbstakzeptanz, positive Erfahrungen mit Offenheit und vor allem das Gefühl von Handlungskompetenz werden von van de Grift et al. (2024) als Resilienzfaktoren gegen proximale, also innerliche Stressoren aufgeführt. Die psychotherapeutische Betreuung von inter* Personen sollte positive Erfahrungen mit subjektiver Offenheit ermöglichen, diese verstärken und so zu mehr Selbstakzeptanz und auch Handlungskompetenz beitragen. Wichtig hierbei könnte eine gendersensible Ansprache und empathische, wertfreie Perspektivenübernahme für die Lebensrealität der inter* Person sein. Handlungskompetenzen könnten beispielsweise durch die Vermittlung von Wissen über individuelle Rechte/ Möglichkeiten im medizinischen System gestärkt werden. Aber auch Skills-Training zur Steigerung der Selbstwirksamkeit und die Beihilfe zur Entwicklung von realistischen Selbstzielen könnten dazu beitragen, dass die inter* Person über mehr Handlungskompetenzen verfügt. Das Training von Kommunikationsstrategien und konkrete Gesprächssimulationen (bspw. Gespräche mit Ärzt:innen), könnten eingesetzt werden, um Grenzen setzendes Verhalten zu fördern.

4. Konklusion

Die vorliegende Arbeit erläutert kompakt die Stressoren und Resilienzen von inter* Personen und leitet daraus erste intuitive Implikationen für die psychotherapeutische Betreuung ab. Auch wenn inter* Personen die Variation in angeborenen Geschlechtsmerkmalen sowie die Erfahrung von Diskriminierungen gemeinsam haben, kann der Leidensdruck von Person zu Person unterschiedlich ausgeprägt sein. Abschließend sei deshalb wichtig zu erwähnen, dass es nicht die eine inter* Lebensrealität gibt. Psychotherapeutische Ansätze müssen die Individualität einer Person einbeziehen und Interventionen an individuelle Belastungs- und Bedürfnissituationen anpassen. Komorbiditäten wie Depressionen oder Angststörungen sollten ebenfalls Bestandteil einer psychotherapeutischen Begleitung von inter* Personen sein. Psychotherapeutische Begleitung von inter* Personen sollte sich zudem nicht allein auf die zu therapierende Person fokussieren, sondern das Umfeld der inter* Person einbeziehen. Sozialer Support und Akzeptanz ist für die mentale Gesundheit von inter* Personen entscheidend (van de Grift et al., 2024) und sollte in direkter Zusammenarbeit mit dem sozialen Umfeld erarbeitet werden.

5. Resümee

Abschließend noch ein paar subjektive Worte. Da ich später eine Karriere als psychologische Psychotherapeutin anstrebe, hat mir das Seminar „Gender & Gesundheit“ und auch die Ausarbeitung der vorliegenden Arbeit viele neue Sichtweisen und Denkanstöße für die spätere Berufspraxis geliefert. Ich konnte detaillierteres Wissen über die Komplexität der Stressoren der LGBTQIA* Community erlernen. In einem möglichen Berufsalltag würde ich mich deshalb stark für mehr Sichtbarkeit von Intergeschlechtlichkeit einsetzen, beispielsweise durch mehr Aufklärung und genderneutrale Dokumente. Zudem hat mich das Seminar zum Überdenken von eigenem heteronormativem Sprachgebrauch angeregt, welcher auch in zukünftiger Berufspraxis eine große Rolle spielen wird. Die Beziehung zwischen Therapeut:in und Klient:in macht etwa 30% des Therapieerfolges aus (Lambert & Barley, 2001). So ist mir noch deutlicher bewusst geworden, dass ich beispielsweise bei der Frage nach dem Beziehungsstatus einer Person nicht direkt von heterosexueller Bindung ausgehen sollte, sondern auch hier auf eine genderneutrale Sprache achten muss, um anderen sexuellen Orientierungen Sichtbarkeit zu verschaffen und das Vertrauensverhältnis und die Möglichkeit zur Offenheit von der bzw. dem Klient:in zu sichern.

6. Literaturverzeichnis

Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2024). inter*, abgerufen über: https://www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/ueber-diskriminierung/diskriminierungsmerkmale/geschlecht-und-geschlechtsidentitaet/inter/inter-node.html#:~:text=Laut%20Sch%C3%A4tzung%20des%20Deutschen%20Ethikrats%20leben%2080.000%20intergeschlechtliche%20Personen%20in%20Deutschland.

Bora, A. (2012). Deutscher Ethikrat. Zur Situation intersexueller Menschen. Berlin.

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2022). IDC-11 in Deutsch – Entwurfsfassung, abgerufen über: https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html

Charité Berlin (2025). Interdisziplinäre Spezialsprechstunde für Fragen der Geschlechtsidentitä im Kindes- und Jugendalter, abgerufen über: https://kinder-und-jugendpsychiatrie.charite.de/fuer_patienten_eltern/ambulanzen/interdisziplinaere_spezialsprechstunde_fuer_fragen_der_geschlechtsidentitaet_im_kindes_und_jugendalter

Hendricks, M. L., & Testa, R. J. (2012). A conceptual framework for clinical work with transgender and gender nonconforming clients: An adaptation of the Minority Stress Model. Professional Psychology: Research and Practice, 43(5).

Kasprowski, D., Fischer, M., Chen, X., de Vries, L., Kroh, M., Kühne, S., Richter, D. & Zindel, Z. (2021). Geringere Chancen auf ein gesundes Leben für LGBTQI*-Menschen. DIW Wochenbericht, 88(6).

Lambert, M. J., & Barley, D. E. (2001). Research summary on the therapeutic relationship and psychotherapy outcome. Psychotherapy: Theory, Research, Practice, Training38(4), 357–361.

Meyer, I. H. (2003). Prejudice, social stress, and mental health in lesbian, gay, and bisexual populations: Conceptual issues and research evidence. Psychological Bulletin, 129(5), 674–697.

oii Germany (2022). Stellungsnahme OII Germany zum Eckpunktepapier für ein Selbstbestimmungsgesetz, abgerufen über: https://oiigermany.org/eckpunktepapier-selbstbestimmungsgesetz/

Rosenwohl-Mack, A., Tamar-Mattis, S., Baratz, A. B., Dalke, K. B., Ittelson, A., Zieselman, K., Flatt, J. D., & Useche, S. A. (2020). A national study on the physical and mental health of intersex adults in the U.S. PloS One15(10).

Trans*Inter*Beratungsstelle (2024). Begriffsklärungen, abgerufen über: https://www.trans-inter-beratungsstelle.de/de/begriffserklaerungen.html 

Van de Grift, T. C., Dalke, K. B., Yuodsnukis, B., Davies, A., Papadakis, J. L., & Chen, D. (2024). Minority stress and resilience experiences in adolescents and young adults with intersex variations/differences of sex development. Psychology of Sexual Orientation and Gender Diversity.


Quelle: Marla Rohe, Intergeschlechtlichkeit in der Psychotherapie in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 26.05.2025, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=501

Zwischen Reproduktion und Ideologie:

Weiblichkeitskonstruktionen und Zwangssterilisation im Nationalsozialismus

Loredana Engel (WiSe 2024/25)

1.  Einleitung

Der Nationalsozialismus war geprägt von rassistischen, antisemitischen und patriarchalen Vorstellungen. Das neue System erlaubte es, Menschen zu kategorisieren und „rassisch minderwertige“ zu verfolgen und zu vernichten. Zugleich zielte der NS-Staat auf die ideologische Formung und politische Steuerung derjenigen, die als „rassisch wertvoll“ galten. Sie verknüpften Reinheitsideale mit biologisch definierten Geschlechterrollen.

Weiblich gelesene Personen, die dem Ideal entsprachen, spielten eine große Rolle in der Logik der NS-Ideologie, denn sie sollten als Trägerinnen fungieren, die die „arische“ Reproduktion vorantreibt. Daraus resultierte eine umfassende Kontrolle über Sexualität, Fortpflanzung und soziale Beziehungen.

Bereits vor 1933 wurde der erste Lehrstuhl im Bereich Medizin für „Rassenhygiene“ in München eingerichtet und wurde zunehmend zum Pflichtbestandteil medizinischer Ausbildung.[1]

Menschen jüdischen Glaubens, Sinti*zze, Rom*nja, sowie mit einer Behinderung beziehungsweise einer unheilbaren Krankheit wurden als „gemeinschaftsfremde“ Gruppen betrachtet. Jene, die einer der Personengruppen angehörte, wurde gezielt aus der sogenannten „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen und zur Reproduktion, durch zum Beispiel einer Sterilisation, angehalten. Damit hatte die Regierung versucht, sie langfristig auszulöschen.

Die NS-Herrschaft erklärte ihr Leben als „lebensunwert“ und rechtfertigte ab 1939 mithilfe anthropologischer, genetischer und eugenischer Forschungen der sogenannten „Rassenhygieniker“ den systematischen Mord. Die medizinischen Eingriffe, die an den Menschen vorgenommen wurden, wurden perfide als „Euthanasie“ bezeichnet.[2]

Im Jahr 1935, zwei Jahre nach der Machtübernahme, erließ die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) die Nürnberger Gesetze. Personen mit nachweislicher „arischer Abstammung“ wurden automatisch mehr politische Rechte zugeschrieben. Ein weiteres Gesetz besagte, dass jene, die Eheschließungen und außereheliche Beziehungen mit jüdischen Menschen oder anderen, nicht „arischen Rassen[3] eingingen, mit Zuchthausstrafen rechnen müssten. Allgemein wurden solche Beziehungen als „Rassenschande“ bezeichnet, ein Begriff, der nicht nur diffamierte, sondern schwerwiegende Konsequenzen mit sich brachte.[4]

Mit dieser Arbeit möchte ich zeigen, wie Weiblichkeit im Nationalsozialismus vom Staat gesellschaftlich definiert, bewertet und gelenkt wurde. Der Fokus liegt dabei auf der Analyse, wie weiblich gelesene Körper durch die Zuschreibung einer reproduktiven Aufgabe zur Erhaltung der „Volksgemeinschaft“ politisch instrumentalisiert wurden.

Zudem soll die Arbeit die These stützen, dass Weiblichkeit intersektional entlang von Geschlecht, Rassenzuschreibung, sozialer Zuschreibung und Behinderung kontrolliert wurde. Es geht darum, die strukturellen Ausschlussmechanismen der Bevölkerungspolitik des NS-Regimes sichtbar zu machen und die Rolle weiblich gelesener Personen in der NS-Rassenpolitik differenziert zu beleuchten.

2. Grundlagen der NS-Rassenideologie

Die nationalsozialistische Rassenideologie bestand aus pseudowissenschaftlichen Theorien, sozialdarwinistischem Denken und tief verankertem Antisemitismus. Im Zentrum stand die Darwin’sche Evolutionstheorie, dass es biologische „Rassen“ gäbe, die sich in einem ständigen Überlebenskampf befänden. Diese Theorie wurde auf die Menschheit übertragen und die deutsche „arische Rasse“ als überlegen konstruiert, die vor „Verunreinigung“ geschützt werden müsse.[5]

Bereits im späten 19. Jahrhundert etablierten sich die ersten Ideologien. Das Judentum wurde vom britischen Autor Houston Stewart Chamberlin sowie dem deutschen Wilhelm Marr als „fremdartig und minderwertig“ bezeichnet.

Diese Denkweise wurde von den Nationalsozialisten übernommen und machte sie zu ihrem ideologischen Fundament. Wissenschaftler*innen aus Medizin, Biologie und Anthropologie unterstützten die nationalsozialistische Politik durch scheinwissenschaftliche Studien zur „Rassenzugehörigkeit“. So wurde versucht, durch körperliche Merkmale wie Schädelmaße oder Blutgruppe eine Rassenzuordnung zu verwenden.[6]

Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik entstand der Begriff der „Rassenhygiene“. Diese Bezeichnung wurde zu einem wichtigen Teil der sozialpolitischen Biopolitik und wurde dem Volk als staatliches Gesundheitsprogramm verkauft. Der Ausdruck von „Volksgesundheit“ diente als Tarnung, um ihr Projekt zur Kontrolle von Körper, Sexualität und Zugehörigkeit aufrechtzuerhalten. Alfred Ploetz prägte den Begriff 1895 und verstand darunter eine gezielte Beeinflussung der Vererbung, um „minderwertige“ Anlagen auszuschließen und „wertvolle“ zu fördern.[7] Zur Umsetzung dieser Absicht wurde die Reproduktion gezielt gesteuert und überwacht, um durch genetische Optimierung die Herausbildung einer idealisierten Menschheit zu ermöglichen.[8]

Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialist*innen wurden diese Konzepte verschärft und durch Maßnahmen wie Zwangssterilisation und Heiratsverbote systematisch in der Bevölkerungspolitik implementiert. Dadurch wurde diese Ideologie zur offiziellen Staatsdoktrin, was letztlich in eine eliminatorische Strategie mündete. Alle Personen, die „fremd“ waren und als eine Bedrohung für das deutsche Volk galten, wie Sinti*zze, Rom*nja, homosexuelle und sogenannte „asoziale“, sollten beseitigt werden. Die Öffentlichkeit wurde weitestgehend manipuliert, indem ihr durch derartige Maßnahmen die Projektion einer langfristigen Sicherheit der Bevölkerung suggeriert wurde. Diese erfundene Erzählung beruhte auf gesellschaftlicher Zustimmung und wurde durch Angst vor Degeneration angekurbelt.[9]

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die nationalsozialistische Rassenideologie keine Nebenerscheinung war, sondern in allen Bereichen auftauchte. Vor allem in der medizinischen Ausbildung kam man an „Rassenkunde“ nicht vorbei. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft zur Waffe werden kann, wenn sie sich in den Dienst einer totalitären Ideologie stellt.

3. Weiblichkeitskonstruktionen im Nationalsozialismus

Weiblichkeit in der Zeit des nationalsozialistischen Deutschlands wurde nicht als vielfältiges Spektrum verstanden, sondern auf ein politisch kontrolliertes, konstruiertes Idealbild reduziert. Frauen[i] wurden nicht als eigenständige Person gesehen, sie dienten lediglich dem Mittel zum Zweck. Die sogenannte „deutsche Mutter“ galt als Leitbild. Der Staat sah sie als Trägerin des „Volkskörpers“ deren höchste Aufgabe in der Reproduktion „erbgesunder“ Nachkommenschaft lag.[10] Sie wurde somit mit Fruchtbarkeit, Häuslichkeit, Gehorsam und Aufopferung gleichsetzt, wobei gesellschaftliche Anerkennung an biologische und soziale Nützlichkeit verknüpft war.[11]

Dieses nationale Frauenbild war stark durch offizielle Publikationen, Propagandafilme und Frauenzeitschriften geprägt und wurde kontinuierlich reproduziert.[12] Nur Frauen, die der Vorstellung von „arischer“ Herkunft, körperlicher Gesundheit, sittlicher Integrität und sozialer Konformität entsprachen, waren gesellschaftlich erwünscht.

Zu den rassistischen Reinheitsidealen der „arischen“ Frau gehörten die äußeren Eigenschaften, wie blonde lange Haare, blauäugig, hellhäutig, ein gesunder, fruchtbarer, aber nicht zu sportlicher oder zu muskulöser Körper.[13]

Bereits in den frühen Jahren wurden Mädchen und junge Frauen zu dieser Ideologie erzogen. Ihnen wurde in schulischen Lehrplänen, im „Bund Deutscher Mädel“ oder in Aufklärungsschriften die Vorstellung vermittelt, dass ihre Erfüllung einzig in der Mutterschaft und im Dienst der „Volksgemeinschaft“ liege. Die weibliche Identität wurde zum Objekt einer staatlichen Reproduktions- und Bevölkerungspolitik, deren Funktion klar definiert wurde. Die Frau sollte daher nicht aus individueller Freiheit heraus Mutter werden, sondern weil es ihre „natürliche“ und „völkische“ Pflicht sei.

Demnach sahen die Nationalsozialist*innen jene Frauen als Bedrohung, die von dieser normativen Konstruktion, sei es aufgrund ihrer Herkunft oder sexueller Selbstbestimmung abwichen. Vor allem die weibliche Sexualität wurde pathologisiert oder kriminalisiert, wenn sie nicht im Dienst der Reproduktion stand. Thomas Roth zeigt, wie Frauen, die sexuelle Beziehungen zu ausländischen Zwangsarbeiter*innen eingingen, durch die Justiz nicht nur gesellschaftlich geächtet, sondern systematisch verfolgt wurden.[14]

Insgesamt zeigt sich, dass das nationalsozialistische Frauenbild wenig Raum für Individualität oder Diversität ließ. Die reproduktiven Ideale der „arischen“ Mutter wurden nicht nur zur aktiven Exklusion „abweichender“ Frauen genutzt, sondern ebenfalls zur sozialen Ordnung und waren Bestandteil rassistischer, biopolitischer und geschlechterbasierter Machtausübung.

4. Zwangssterilisation als Instrument der Herrschaftskontrolle

Die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik nannte es die „erbbiologische Reinigung“ des „Volkskörpers“ und begründete es als „medizinische“ Maßnahme. Es handelt sich um die Zwangssterilisation, die Ausdruck eines Systems war, das Körper, Reproduktion und soziale Zugehörigkeit regulierte.

Im späten 19. Jahrhundert entstanden die ersten wissenschaftlichen Diskurse, die die Reproduktion als Aspekt politischer Regulierung thematisierten.[15]

Als die NSDAP 1933 an die Macht kam, wurde am 14. Juli 1933 mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchs“ eine flächendeckende Praxis eingeführt. Menschen, die nicht ins rassistische Idealbild passen, sollten dauerhaft von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden. Am 01. Januar 1934 trat das Gesetz schließlich in Kraft. Dieses Gesetz ermöglichte den Nationalsozialist*innen bis 1945 ungefähr 400.000 Zwangssterilisationen, wobei 5.000 Menschen an den Folgen verstarben.[16]

Die Zahlen suggerieren, dass Frauen und Männer gleichermaßen von der Zwangssterilisation betroffen waren. Diese Darstellung verschleiert jedoch wichtige Details. Die Kriterien für weibliche Opfer basierten auf geschlechterspezifischen Normvorstellungen. Ihnen wurden Zuschreibungen wie „sexuelle Abweichung“, „Asozialität“ oder „Promiskuität“ unterstellt.[17]

Um die Umsetzung dieser Eingriffe zu legitimieren, arbeiteten institutionelle Akteur*innen, wie Gesundheitsämter, ärztliche Gutachter*innen, Richter*innen der Erbgesundheitsgerichte und Pflegeeinrichtungen eng zusammen.

Ein Beispiel dafür ist das Schicksal von Anna Lehnkering. Sie wurde 1915 in Sterkrade geboren und bereits mit vier Jahren fiel ihren Eltern psychische Auffälligkeiten auf. Im Jahr 1931 wurde sie von Ärzten mit „Schwachsinn erheblichen Grades“ diagnostiziert.[18]

Daraus folgte, dass A. Lehnkering vier Jahre später auf Grundlage der nationalsozialistischen Erbgesundheitsideologie als „erbkrank“ klassifiziert und zwangssterilisiert wurde. Ihre Angehörigen beschrieben sie als sanftmütig und hilfsbereit im Gegensatz zu der Beschreibung der Heil- und Pflegeanstalt, die sie als „arbeitsunwillig“ und „lästig“ charakterisiert.[19] Ihr Leben endete 1940 im Alter von 24 Jahren, als Anna Lehnkering mit anderen Frauen nach Grafeneck deportiert und vergast wurde.[20]

Die meisten Kriterien zur Auswahl „erbkranker“ Personen waren so ungenau, dass die verantwortliche Person Vorurteile problemlos einfließen lassen konnte. Anna Lehnkering ist nur eine von Tausenden Frauen, die im NS-Staat entrechtet, zwangssterilisiert und ermordet wurden.

Die Zwangssterilisation bedeutete für Frauen nicht nur einen physischen gewaltsamen Eingriff, der zur körperlichen Unfruchtbarkeit führte, sondern auch einen tiefgreifenden sozialen Ausschluss.

Ihnen wurde die Rolle einer potenziellen Mutter aktiv entzogen, was in einer Gesellschaft, die Weiblichkeit primär über Reproduktionsfähigkeit definiert, einer existenziellen Aberkennung gleichkam.

Viele Betroffene litten durch die Folgen der Zwangssterilisation oder Zwangsabtreibungen, die ab 1935 gesetzlich bis zum 6. Schwangerschaftsmonat möglich waren,[21] an psychischen Traumata, Scham und sozialer Isolation, ohne juristische oder gesellschaftliche Anerkennung des erlittenen Unrechts zu bekommen.[22]

Die nationalsozialistische Zwangssterilisation war daher kein geschlechtsneutrales Mittel zur Bevölkerungspolitik, sondern ein zentraler Baustein einer intersektionalen Gewaltstruktur. Sie kombinierte medizinische Macht mit staatlicher Ideologie, um eine definierte Gesellschaftsordnung herzustellen.

5. Fazit

Wir haben anhand der Analyse gesehen, dass die ideologische Konstruktion von Weiblichkeit und rassistische Zuschreibungen Diskurse systematisch miteinander verflochten wurden, um gesellschaftliche Kontrolle auszuüben.

Weiblich gelesene Personen standen dabei im Zentrum einer biopolitischen Strategie, die ihr körperliches Dasein auf ihre Reproduktionsfähigkeit reduzierte und sie entweder zur „Trägerin des Volkskörpers“ stilisierte oder aus der „Volksgemeinschaft“ exkludierte.

Die nationalsozialistische Ideologie handelte dabei nicht nur mit einer binären Geschlechterlogik, sondern aus einem Zusammenspiel aus sozialer, gesundheitlicher und geschlechtlicher Diskriminierung.

Die in dieser Arbeit zugrunde gelegte These, dass Weiblichkeit im Nationalsozialismus intersektional entlang von Geschlecht, rassistischer Zuschreibung, sozialem Status und Behinderung kontrolliert wurde, hat sich im Verlauf der Untersuchung bestätigt. Die „deutsche Frau“ diente nicht nur als Objekt propagandistischer Inszenierung, sondern ebenfalls zur politischen Instrumentalisierung. Ihr gesellschaftlicher Wert wurde ausschließlich durch seine Funktion für das Fortbestehen der „arischen Rasse“ reduziert. Femininität war weder individuell noch autonom, sondern durch staatliche Gewalt reglementiert und diszipliniert.

Besonders drastisch zeigt sich das anhand der Zwangssterilisation. Diese Methode der Enteignung war nicht nur Ausdruck einer rassistischen und ableistischen Bevölkerungspolitik zu verstehen, sondern auch als ein gezielter Angriff auf geschlechtsspezifische Selbstbestimmung.

Die betroffenen Personen wurden nicht nur Opfer von medizinischen Eingriffen, sondern ihnen wurde ebenfalls die gesellschaftliche Anerkennung genommen und das Recht, als Frau und Mutter gesehen zu werden.

In einer Gesellschaft, die Weiblichkeit primär über Reproduktion definierte, war das ein existenzieller Gewaltakt.

Diese Gewalt war jedoch nicht nur ein physischer Akt, sondern auch ein symbolischer.

Die nationalsozialistische Regierung erschuf damit ein System der Ungleichwertigkeit, das bestimmte Körper als „wertvoll“ und andere als „minderwertig“ klassifizierte.

Die Fremdbestimmung über weibliche Sexualität, die moralische Bewertung reproduktiven Verhaltens und die staatlich legitimierte Kontrolle über den Körper sind keine Phänomene, die ausschließlich dem historischen Nationalsozialismus angehören. Auch in heutigen Debatten über Geschlecht, Migration, Behinderung oder soziale Herkunft lassen sich Strukturen der Kontinuität beobachten.

Der Rückblick auf die NS-Zeit erlaubt uns nicht nur eine historische Analyse, sondern eröffnet uns auch eine kritische Perspektive auf gegenwärtige Gesellschaftsstrukturen. Er veranlasst uns Nachzudenken und Fragen nach der Legitimität von Machtansprüchen über den eigenen Körper zu hinterfragen. Wissenschaft und Medizin sollten keine Autorität besitzen, um über Normalität und Abweichungen einer Person zu bestimmen. Die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik war kein irrationaler Zufall, sondern das Produkt gesellschaftlicher Zustimmung, wissenschaftlicher Komplizenschaft und politischer Kalkulation.

Wir halten fest, dass das nationalsozialistische Konzept von Weiblichkeit nicht nur Ausdruck einer patriarchalen Ideologie war, sondern in seiner Kombination mit Rassismus, Ableismus und Klassismus ein erschreckend wirkmächtiges Herrschaftsinstrument darstellte. Die politische Funktionalisierung weiblich gelesener Personen offenbarte sich in einer rassistischen Biopolitik, die auf Ausschluss, Gewalt und Vernichtung beruhte.

Eine Erinnerung daran ist nicht nur ein Akt der historischen Gerechtigkeit, sondern ein notwendiger Appell an heutige Gesellschaften, sich gegenüber sämtlicher Form struktureller Ungleichheit und ideologischer Kontrolle über Körper entschieden entgegenzustellen.

6. Literaturhinweise

Achtelik, K. (2016). Eugenik und »Euthanasie« im Nationalsozialismus. In Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung. Verbrecher Verlag.

Bock, G. (2010). Zwangssterilisation im Nationalsozialismus: Studien zur Rassenpolitik und Geschlechterpolitik / Gisela Bock. (Nachdruck der Erstausgabe 1986). MV-Wissenschaft.

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7. Quellen

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Deutsches Historisches Museum (2010). Frauen im Nationalsozialismus. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/innenpolitik/frauen (aufgerufen am 25.03.2025)

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Holocaust.cz. (2019). Die NS-Ideologie – Historischer Kontext. https://www.holocaust.cz/de/geschichte/holocaust-2/historischer-kontext/die-ns-ideologie/ (aufgerufen am 03.04.2025)

MDR. (2025). Zwangssterilisation und Euthanasiegesetz im NS-Staat. https://www.mdr.de/geschichte/ns-zeit/politik-gesellschaft/zwangssterilisation-euthanasie-gesetz-zur-verhuetung-erbkranken-nachwuchses-pirna-sonnenstein100.html (aufgerufen am 01.04.2025)

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Stiftung niedersächsische Gedenkstätten (2021). Rassenschande. https://www.erinnert-euch.de/de/glossar/rassenschande/ (aufgerufen am 07.04.2025)


[1] Husemann, M. (2016). NS-Rassenpolitik, Deutsche Historisches Museum Berlin.

[2] Husemann, M. (2016). NS-Rassenpolitik, Deutsche Historisches Museum Berlin.

[3]  „Als „nicht-arisch“ galt, wer ein jüdisches Eltern- oder Großelternteil hatte.“ zitiert aus:

Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung. (o. D.). Arier.

[4] Siehe Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. (o. D.). Rassenschande.

[5] Holocaust.cz (2019). Die NS-Ideologie.

[6] Holocaust.cz (2019). Die NS-Ideologie.

[7] Reyer, J. (1988). Rassenhygiene und Eugenik im Kaiserreich und in der Weimarer Republik: Pflege der Volksgesundheit oder Sozialrassismus. In U. Herrmann & J. Oelkers (Hrsg.), Pädagogik und Nationalsozialismus, Beltz Verlag. S. 115ff.

[8] Ebd. Reyer, J. (1988), S. 116f.

[9] Bundeszentrale für politische Bildung. (2012). Die Grundlagen der NS-Rassenideologie. In Informationen zur politischen Bildung Nr. 284: Nationalsozialismus II. S. 68-69.

[10] Koonz, C. (1987). Mothers in the Fatherland: Women, the Family and Nazi Politics. New York: Routledge.

[11] Wagenaar, M. (2023). Das Frauen- und Mutterbild im Nationalsozialismus und seine Auswirkungen bis heute. Opladen: Budrich Academic Press. S. 162-164.

[12] Kopecká, L. (2011). Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit im Nationalsozialismus (Bachelorarbeit). Universität Wien. S. 6-7.

[13] Ebd. Kopeckà, L. (2011).

[14] Roth, T. (2009). „Gestrauchelte Frauen“ und „unverbesserliche Weibspersonen“. In E. Frietsch & C. Herkommer (Hrsg.), Nationalsozialismus und Geschlecht. Bielefeld. S. 109-123. S. 114-117.

[15] Achtelik, K. (2016). Eugenik und »Euthanasie« im Nationalsozialismus. In Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung. Verbrecher Verlag. S. 64ff.

[16] Vgl. Studie von Gisela Bock, 1986.

[17] Bock, G. (2010). Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Geschlechterpolitik. Münster: MV Wissenschaft. S. 8-11.

[18] Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. (2024). Anna Lehnkering – Biografie. Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde.

[19] Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. (2024). Anna Lehnkering – Biografie.

[20] Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. (2024). Anna Lehnkering – Biografie.

[21] Achtelik, K. (2016). Eugenik und »Euthanasie« im Nationalsozialismus. In Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung. Verbrecher Verlag.S.73.

[22] Vgl. Bock, G. (2010). Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Geschlechterpolitik. Münster: MV Wissenschaft.

MDR (2025). Zwangssterilisation im Dritten Reich.


[i] In dieser Arbeit wird der Begriff „Frau“ ausschließlich für cis-geschlechtliche Personen verwendet, die bei Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen wurden. Trans, inter* oder nicht-binäre Personen, die schwanger werden können oder von ähnlichen Körperpolitiken betroffen sind, werden in dieser Begriffsverwendung hier nicht gemeint.


Quelle: Loredana Engel, Zwischen Reproduktion und Ideologie: Weiblichkeitskonstruktionen und Zwangssterilisation im Nationalsozialismus in: log ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 26.05.2025, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=498