Das Spannungsfeld des Menstruationsdiskurses

Lea Nitsch (WiSe 2024/25)

Einleitung

Jeden Tag menstruieren mehr als 300 Millionen Menschen weltweit (1) und obwohl etwa die Hälfte der Weltbevölkerung diesen biologischen Prozess erlebt, werden damit regelmäßig Scham, Stigmatisierung und Tabus verknüpft. Diese negative Wahrnehmung, die in der Gesellschaft vorherrschend ist, wird als „period shaming“ oder „menstrual shaming“ beschrieben. Übersetzt bedeutet dies „Perioden-Beschämung“ oder „Menstruations-Beschämung“.

„period shaming“ sowie „menstrual shaming“ manifestiert sich in verschiedenen Formen, von Schweigen und kulturellen Tabus bis hin zu offener Diskriminierung, unzureichender Aufklärung und mangelndem Zugang zu Gesundheitsdiensten. Die Auswirkungen sind tiefgreifend und können nicht zuletzt zu gesundheitlichen Komplikationen führen. Menstruierende Menschen sehen sich zum Beispiel gezwungen ihre Periode zu verstecken oder Fakten über ihre Menstruation zu verschleiern, womit negative Auswirkungen auf das körperliche, emotionale und soziale Wohlbefinden verknüpft sind (2).

In dem Diskurs über Menstruation spielt der Aspekt Gender eine wichtige Rolle, da Menstruation traditionell als ein biologisches Merkmal von Frauen wahrgenommen wurde und größtenteils auch weiterhin so wahrgenommen wird. Die Konsequenz ist eine vermeintliche Verknüpfung zwischen dem Konzept von Menstruation und Weiblichkeit (3). Gesellschaftlich wird die Menstruation weitgehend als „weibliches Thema“ angesehen, was oft zur Tabuisierung führt. Allerdings greift diese Perspektive zu kurz, da nicht alle Frauen menstruieren, beispielsweise aufgrund von diversen medizinischen oder hormonellen Faktoren und nicht alle Menschen, die menstruieren, sich als Frauen identifizieren. Menstruierende Menschen können ebenfalls zum Beispiel trans* Männer, nicht-binäre oder genderqueere Personen sein. Das Stigma rund um die Menstruation spiegelt und verstärkt bestehende patriarchale Strukturen, indem es menstruierende Menschen als „unrein“ oder „schwach“ darstellt. Solche Einstellungen tragen zur systematischen Benachteiligung von Frauen und anderen menstruierenden Menschen bei (4).

Die Verknüpfung von Menstruation und Gender zeigt, wie eng biologische Prozesse mit sozialen und kulturellen Strukturen verflochten sind und wie wichtig es ist, diese Verbindungen kritisch zu hinterfragen, um mehr Gleichberechtigung und Inklusion zu schaffen. Besonders deutlich zeigt sich die Verbindung von Menstruation und Gender ebenfalls in der Art und Weise, wie menstruierende Menschen weltweit Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und sozialen Ressourcen erhalten oder daran gehindert werden.

Diese Hausarbeit soll die Verbindung von Geschlechterrollen, Menstruation und Gesundheit genauer beleuchten. Eine geschichtliche Einordnung der Wahrnehmung der Menstruation soll zunächst ein Verständnis für das Spannungsfeld heute geben. Dieses soll daraufhin erörtert werden, indem auf Mythen und das Stigma über Menstruation eingegangen wird. Weiterhin wird Repräsentationsmangel von trans* und non-binären Menschen, die menstruieren eingeordnet. Folglich soll der Einfluss auf die Gesundheit aufgezeigt werden und ein Ausblick auf mögliche Veränderungen dieser gegeben werden. Des Weiteren wird eine persönliche Selbstreflexion zum Thema der Hausarbeit vorgenommen.

Geschichtliche Einordnung

Ein Blick auf die geschichtliche Wahrnehmung der Menstruation zeigt schnell auf, wo sich der Ursprung heutiger Vorurteile befindet. Im alten Ägypten wurde Menstruationsblut in medizinischen Rezepturen verwendet, während bei indigenen Völkern Nordamerikas menstruierende Menschen als spirituell stark galten. In den griechisch-römischen Kulturen fanden jedoch bereits negative Zuschreibungen statt. Aristoteles sah Menstruationsblut als „unreines“ Nebenprodukt des Körpers. In den patriarchalen Weltreligionen wurde dieser Unreinheitsgedanke als Legitimation weiter ausgeführt und stellt die Grundlage dar, um Frauen systematisch zu unterdrücken und auszuschließen, besonders während ihrer Periode (5).

In Europa verstärkte sich im Mittelalter die Pathologisierung der Menstruation, wobei menstruierende Menschen als „krankhaft“ oder gefährlich während dieser galten. Erst mit der Aufklärung begann eine wissenschaftlichere Betrachtung, wobei die Medizin die Menstruation jedoch weiterhin problematisierte und sie in Zusammenhang mit Schwäche gebracht wurde. Im 20. Jahrhundert brachte die industrielle Produktion von Hygieneartikeln (z. B. die Einführung von Tampons in den 1930er-Jahren) eine praktische Erleichterung und eine erste Welle des öffentlichen Diskurses (6). Feministische Bewegungen ab den 1960er-Jahren kämpften für eine Enttabuisierung und körperliche Selbstbestimmung. Dieser Prozess dauert immer noch an.

Mythen über die Menstruation

Die Vorurteile und Mythen, die dazu führen, dass die Menstruation weitestgehend pathologisiert wird und schambehaftet ist, sind vielfältig. Einige Mythen scheinen jedoch besonders herauszustechen, wodurch ihre Entkräftung umso wichtiger ist. Oftmals sind die Übergänge zwischen einzelnen Mythen nicht klar abgrenzbar. Im folgenden Abschnitt werden einige Mythen aufgegriffen, ohne jedoch einem Anspruch an Vollständigkeit zu genügen, da es unzählige Mythen über die Menstruation gibt.

Eines der verbreitetsten Mythen ist jenes der „irrationalen Frau“, welches davon ausgeht, dass (hier ausschließlich und derogativ gemeint) Frauen aufgrund ihrer biologischen Grundvoraussetzung emotionaler sind und folglich eine geringere Kontrolle über ihr selbst haben und weniger Vernunft besitzen (7). Der mögliche Kontrollverlust, der hiermit beschrieben wird, ist Grundlage dafür Frauen z.B. als keine verlässlichen Personen für Führungspositionen einzustufen.

Ein medizinscher Faktor, der dieses Bild weiterhin prägt ist die Diagnose des prämenstruellen Syndroms (PMS) (8). Sally Kingbeschreibt in ihrem Artikel “Premenstrual Syndrome (PMS) and the Myth of the Irrational Female“ (7), dass die Zuschreibung psychologischer Symptome der Menstruation und medizinische Klassifizierung dieser weit über die Beschreibung der eigentlichen physischen Symptome hinaus geht. Sie zeigt auf, dass die Darstellung der Menstruation und ihre Pathologisierung auf einer sexistischen historischen Blickweise auf die Menstruation basiert. King weist darauf hin, dass nur eine Minderheit der menstruierenden Personen schwere zyklische Symptome erlebt, die medizinische Unterstützung erfordern. Das explizite Anerkennen und Entkräften des Mythos der „irrationalen Frau“ und seines Einflusses auf die klinische Beschreibung und Behandlung von PMS ist laut King ein wichtiger Schritt, um diejenigen besser zu unterstützen, die tatsächlich zyklische Symptome erleben (7). Dabei soll vermieden werden, ungewollt oder gewollt zu suggerieren, dass der Menstruationszyklus selbst eine Form von Krankheit darstellt oder eine „biologische“ Rechtfertigung für Geschlechterungleichheit bietet. Sie erwähnt ebenfalls die Wichtigkeit der richtigen sprachlichen Beschreibung. Dazu gehört für sie Forschungsergebnisse aus neutraler Perspektive zu betrachten und vor allem „Frauen“ oder „menstruierende Personen“ als Beschreibung zu vermeiden, wenn eigentlich „Personen mit PMS“ gemeint sind, damit die Grenze zwischen dem Krankheitsbild PMS und der Menstruation selbst nicht verschwimmt. Damit kann dem Vorurteil und Mythos der „pathologisch emotionalen Frau“ entgegengearbeitet werden.

Der Mythos, dass die Menstruation schädlich und ungesund für das vaginale Mikrobiom sei, ist ebenfalls weit verbreitet und trägt dazu bei unbegründeten Ängsten über den eigenen Körper hervorzurufen. Diese Pathologisierung des natürlichen Zyklus wird als gesellschaftliches Machtinstrument benutzt und führt zu Fehleinschätzungen über den Gesundheitszustand des eigenen Körpers und fördert die Schambehaftung der Menstruation selbst  (9).

Repräsentationsmangel von trans* und non-binären Menschen im Menstruationsdiskurs

Menschen, die menstruieren und nicht in die binäre Kategorie „Frau“ passen, erleben oft eine doppelte Marginalisierung. Sie werden mit den gleichen Tabus konfrontiert wie cis Frauen, aber zusätzlich auch mit der Herausforderung, dass ihre Menstruation nicht in die gesellschaftlichen genderbasierten Erwartungen passen. Dies kann zu einer verstärkten Isolation und einem Gefühl der Unsichtbarkeit führen.

Um einen nicht-pathologisierenden Diskurs über Körper und Erfahrungen von trans* Personen und nicht binären Personen zu fördern, ist es essenziell, Perspektiven dieser Personengruppe im Menstruationsdiskurs einzubeziehen. Die Menstruation ist dabei nicht nur ein körperliches Phänomen, sondern auch eng mit gesellschaftlichen Erwartungen, Normen und Vorstellungen von Weiblichkeit verwoben (3).

Die Vorstellung von Weiblichkeit ist durch sichtbare und unsichtbare Normen geprägt, die den weiblichen Körper und seine Funktionen definieren. Trans* Personen und nicht-binäre Menschen, die menstruieren, stehen vor der Herausforderung, ihre Identität gegen gesellschaftlich geprägte Vorstellungen vom weiblichen Körper zu behaupten. Traditionell wurde die Menstruation ausschließlich als Funktion des von der Gesellschaft als weiblich definierten Körpers verstanden. Für trans* und nicht-binäre Personen kann diese biologische Funktion jedoch zu einem gesellschaftlichen Marker für Geschlechts- oder Geschlechteridentität werden (10). So weisen Comics aus einer Studie von Sarah E. Frank (10) auf das Unwohlsein, welches trans* und nicht binäre Personen, die Menstruieren, im Umgang mit Menstruationsprodukten empfinden können. Das Abwerfen von Menstruationsprodukten etwa in der Männertoilette löst in diesem Beispiel Nervosität aus.

Werbungen für Menstruationsprodukte reproduzieren beispielsweise auch diskriminierende Sichtweisen auf die Menstruation. Eine australische Firma hat 2019 die erste Werbung veröffentlicht, in der das Menstruationsblut auf den Menstruationsprodukten nicht blau oder anderweitig gefärbt ist, sondern in der realer roter Farbe dargestellt wird (6). Dennoch wird hier weiterhin von ausschließlich Frauen und nicht von allen menstruierenden Menschen gesprochen. Damit ist das Ziel einer inklusiveren Sprache in Diskussionen rund um die Menstruation sowie geschlechtsneutrale Periodenprodukte noch lange nicht erreicht (11).

Einfluss auf Gesundheit

„period shaming“ hat einen relevanten Einfluss auf die Gesundheit menstruierender Menschen. Die Menstruation und die damit verbundene Schambehaftung führt dazu, dass Frauen und andere menstruierende Menschen sich zum Beispiel sozial isolieren, auf Sport verzichten und sogar nicht zur Schule oder zur Arbeit gehen. Dies hat zum Teil tiefgreifende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen (1).

Eine Umfrage von ActionAid zum Welt-Menstruationshygienetag 2023 ergab, dass 39 % der Frauen und anderer menstruierender Menschen im Vereinigten Königreich während ihrer Periode auf Sport oder Bewegung verzichteten oder sie ausließen. In der Altersspanne 18-24 Jahre betrug dieser Anteil sogar 48 % (12).

Der stigmatisierte Status der Menstruation hat also schädliche Folgen für die Gesundheit, insbesondere das Selbstwertgefühl, das Körperbild, die Selbstpräsentation und die sexuelle Gesundheit von Mädchen und Frauen und anderen menstruierenden Personen (4). Die gesellschaftlichen Erwartungen an menstruierende Menschen und die damit verbundenen Tabus können lebensgefährliche Auswirkungen haben (13).

Ohne die nötige Unterstützung, Information und Orientierung kann die Periode, besonders die erste, eine äußerst isolierende und einsame Erfahrung sein – eine, die oft von Stigmatisierung begleitet wird. Menstruation wird als etwas Schmutziges oder Beschämendes betrachtet, das versteckt werden sollte. Dies wird deutlich bei der Betrachtung von Euphemismen, mit denen wir die Periode beschreiben, ohne das Wort „Blut“ zu verwenden, wie etwa zum Beispiel „die Zeit des Monats“ oder auch „die Erdbeerwoche“.

Der stigmatisierte Status der Menstruation hat also schädliche Folgen für die Gesundheit, insbesondere das Selbstwertgefühl, das Körperbild, die Selbstpräsentation und die sexuelle Gesundheit von Mädchen und Frauen und anderen menstruierenden Personen (4). Die gesellschaftlichen Erwartungen an menstruierende Menschen und die damit verbundenen Tabus können lebensgefährliche Auswirkungen haben (13).

Menstrual health – wo wollen wir eigentlich hin?

Menstrual health, also Menstruationsgesundheit ist ein Zustand des vollständigen physischen, mentalen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechlichkeit im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus  (14).

Das umfassende Konzept der Menstruationsgesundheit beinhaltet, dass menstruierende Personen Zugang zu angemessenen Behandlungen für menstruationsbedingte Symptome und Krankheiten sowie zu Hygieneprodukten und angemessener Pflege während der Periode haben sollten. Aufklärung und Information über Menstruation in einem Umfeld, das frei von Gewalt, Stigmatisierung und Diskriminierung ist, vervollständigen die Agenda. (15)

Alle menstruierenden Menschen sollten Zugang zu präzisen, altersgerechten Informationen über den Menstruationszyklus, Menstruation und die damit verbundenen Veränderungen im Leben haben, sowie zu Selbstpflege- und Hygienepraktiken. Sie sollten in der Lage sein, ihre Körper während der Menstruation so zu pflegen, dass ihre Vorlieben, Hygiene, Komfort, Privatsphäre und Sicherheit unterstützt werden. Dies umfasst den Zugang zu effektiven und erschwinglichen Menstruationsmaterialien sowie zu unterstützenden Einrichtungen wie Wasser-, Sanitär- und Hygienediensten. Ebenso sollten sie rechtzeitig eine Diagnose, Behandlung und Pflege bei menstruationsbedingten Beschwerden erhalten, einschließlich Schmerzlinderung und Selbstpflegestrategien. Menschen sollten ein positives, respektvolles Umfeld erleben, das frei von Stigmatisierung und psychischer Belastung ist, und die Ressourcen haben, um ihren Körper selbstbewusst zu pflegen und informierte Entscheidungen zu treffen. Zudem sollte ihnen die Freiheit gegeben sein, während aller Phasen ihres Menstruationszyklus selbst zu entscheiden, ob und wie sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen – ohne Ausgrenzung, Einschränkungen, Diskriminierung, Zwang oder Gewalt  (14).

Historisch entstandene Vorstellungen und Dichotomien, welche auf veralteten biologischen und medizinischen Erkenntnissen basieren, sollten kritisch hinterfragt werden. Um eine inklusive und menschliche Herangehensweise an die Menstruation zu ermöglichen sollte Gesundheit als multidimensionaler Prozess verstanden werden, indem Klassifikationssysteme nicht binär, sondern auf den Menschen bezogen arbeiten (16).

Reflexion

Mit Menstruation verbinde ich zunächst Anstrengung und Schmerzen. Gleichzeitig verbinde ich damit ein sehr vertrautes und friedliches Gefühl. Während meiner Schulzeit hätte ich diesen Satz nicht so formuliert. Dank einer offenen Herangehensweise zuhause war ich zwar gut informiert über verschieden Phasen des Zyklus, Menstruationsprodukte und mögliche Symptome, jedoch fand lange gar kein öffentlicher Diskurs in meinem sozialen Umfeld über das Thema Menstruation statt. Damit war die Menstruation zunächst ein geheimnisvolles und gefährliches Thema. Ab dem Zeitpunkt, ab dem im Sportunterricht Schulschwimmen stattfand, waren einige meiner Mitmenschen vom Unterricht entschuldigt aufgrund der Menstruation. Dies führte bei mir zu der Überzeugung, dass Sport und menstruieren nicht zeitgleich möglich wären. Zunehmend wurde die Menstruation problematisiert. Blut wurde als „eklig“ beschrieben und alle Veränderungen in der Stimmung der menstruierenden Menschen wurden damit in Verbindung gebracht. Außerdem war es kompliziert, Menstruationsprodukte mit sich zu führen ohne, dass sie von anderen bemerkt wurden, um nicht ausgelacht zu werden. Die Vorstellung, dass es an öffentlichen Orten Menstruationsprodukte zur freien Verfügung geben könnte, war zu diesem Zeitpunkt fast absurd. Am schwierigsten war insgesamt jedoch die Konnotation der ersten Menstruation und dem „Frau“ werden. Da ich mich mit dem Begriff „Frau“ ohnehin nicht wohl gefühlt habe, war es für mich sehr schwer verständlich, wieso ich damit zu einer „Frau“ wurde und inwiefern die Menstruation und die damit einhergehende Fruchtbarkeit das Wertvollste und am Frau-Sein bedeutete.

Heute kann ich diese Erfahrungen kritisch betrachten. Mehr Wissen, Austausch und Sensibilisierung auch durch eigene körperliche Erfahrungen haben dazu geführt, dass ich Menstruation und vermeintliche Weiblichkeit nicht mehr miteinander verknüpfe. Es ist jedoch weiterhin in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten nicht selbstverständlich, offen über das Thema Menstruation reden zu können. Immer wieder begegne ich Situationen, wo ein Informationsdefizit vorliegt, oder mir bestimmte Attribute, wie etwa „zu emotional“ aufgrund meiner Menstruation angerechnet werden. Hierbei versuche ich mit Offenheit und Aufklärung entgegenzuwirken.

Fazit

Das Thema Menstruation ist nach wie vor von gesellschaftlichen Tabus, Stigmatisierung und Missverständnissen geprägt. Diese Haltung beeinflusst nicht nur die Wahrnehmung des eigenen Körpers, sondern führt auch zu erheblichen psychischen und physischen Belastungen für menstruierende Personen. Der Diskurs über die Menstruation sollte vom Status Quo der Pathologisierung und Scham in Richtung einer offenen, inklusiven und respektvollen Auseinandersetzung verändert werden. Die enge Verknüpfung von Menstruation und sozialen, kulturellen und politischen Dynamiken, die von Geschlechterrollen und Ungleichheiten geprägt sind, bringt die Verantwortung den Menstruationsdiskurs inklusiver und offener zu gestalten. Mythen über die Menstruation sind geschichtlich verankert und vielfältig, ihnen entgegenzuwirken ist weiterhin eine Aufgabe, der sich menstruierende Menschen täglich stellen müssen. Um die gesundheitlichen Voraussetzungen für menstruierende Menschen zu verbessern, muss es einen offenen Diskurs und ein Ende des „period shaming“ geben. Eine gendergerechte Herangehensweise trägt dazu bei, Barrieren abzubauen, Stigmata zu reduzieren und allen Menschen ein gesundes und würdevolles Leben zu ermöglichen. „Menstrual health“ ist folglich eine Zielvorstellung, welche gesamtgesellschaftlich erreicht werden sollte.

Literaturverzeichnis

1. Arif N. From shame to solidarity: how we can reverse harmful narratives on period stigma. BMJ. 2024;384:q152.

2. McHugh MC. Menstrual Shame: Exploring the Role of ‘Menstrual Moaning’. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts T-A, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore: Springer Singapore; 2020. p. 409-22.

3. Frank SE, Dellaria J. Navigating the Binary: A Visual Narrative of Trans and Genderqueer Menstruation. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts T-A, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore: Springer Singapore; 2020. p. 69-76.

4.  Johnston-Robledo I, Chrisler JC. The Menstrual Mark: Menstruation as Social Stigma. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts T-A, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore: Springer Singapore; 2020. p. 181-99.

5.  Germerott I. Blut und Scham: Wie die Menstruation zum Tabuthema wurde: National Geographic; 2023 [Available from: https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2023/03/blut-und-scham-wie-die-menstruation-zum-tabuthema-wurde-religion-patriarchat-wissenschaft-medizin.

6. Deutschlandfunk. Der Rest ist Geschichte [Internet]; 2024 25.07.2024. Podcast. Available from: https://www.deutschlandfunk.de/menstruation-geschichte-periode-hysterie-102.html

7.  King S. Premenstrual Syndrome (PMS) and the Myth of the Irrational Female. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts T-A, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore: Springer Singapore; 2020. p. 287-302.

8. Manual M. Prämenstruelles Syndrom (PMS): MSD Manual;  [Available from: https://www.msdmanuals.com/de/profi/gynäkologie-und-geburtshilfe/menstruationsstörungen/prämenstruelles-syndrom-pms?query=prämenstruelles%20syndrom%20(pms)#Symptome-und-Beschwerden_v1062694_de.

9. Sommer M, Chrisler JC, Yong PJ, Carneiro MM, Koistinen IS, Brown N. Menstruation myths. Nature Human Behaviour. 2024;8(11):2086-9.

10. Frank SE. Queering Menstruation: Trans and Non-Binary Identity and Body Politics. Sociological Inquiry. 2020;90(2):371-404.

11. Neve M. War on period shaming goes mainstream. Eureka street. 2019;29(17):25-7.

12. Pycroft H. Cost of living: UK period poverty has risen from 12% to 21% in a year: Actionaid; 2023 [Available from: https://www.actionaid.org.uk/blog/2023/05/26/cost-living-uk-period-poverty-risen.

13. Gottlieb A. Menstrual Taboos: Moving Beyond the Curse. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts TA, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore2020. p. 143-62.

14. Hennegan J, Winkler IT, Bobel C, Keiser D, Hampton J, Larsson G, et al. Menstrual health: a definition for policy, practice, and research. Sex Reprod Health Matters. 2021;29(1):1911618.

15. Carneiro MM. The hidden tales menstruation may tell: time to break the silent spell. Women & Health. 2022;62(4):273-5.

16. Sharon G. Lifting the Curse of Menstruation : A Feminist Appraisal of the Influence of Menstruation on Women’s Lives. New York: Routledge; 2015.


Quelle: Lea Nitsch, Das Spannungsfeld des Menstruationsdiskurses in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 26.05.2025, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=494

Diskriminierung an Schulen:

Welche Auswirkungen haben Mikroaggressionen auf betroffene Schüler*innen und wie beeinflussen diese ihren Alltag?

Chiara Shuri (WiSe 2024/25)

1. Vorwort

Der folgende Essay wurde von mir, Chiara Schuri, Studentin des Studiengangs Bildungs- und Erziehungswissenschaften im 5. Fachsemester an der Freien Universität Berlin geschrieben, um auf Diskriminierungsformen wie Mikroaggressionen im Schulalltag aufmerksam zu machen. Meine Motivation in dieser Arbeit liegt insbesondere an der demografischen Entwicklung Deutschlands. Der Anteil von Schüler*innen mit verschiedenen Hintergründen und Bedürfnissen steigt kontinuierlich und demnach steigt die Notwendigkeit, sich mit den Erfahrungen und Herausforderungen der Schüler*innen genauer auseinanderzusetzen ebenfalls. Dies umfasst auch die Untersuchung von Mikroaggressionen – oft unbewusste, aber dennoch verletzende Äußerungen oder Verhaltensweisen – die das schulische Wohlbefinden und die Bildungschancen der betroffenen Schüler*innen beeinflussen. Obwohl ich als cis weibliche, weiße Person ohne körperliche oder psychische Einschränkungen und mit christlichem Glauben schon sehr privilegiert bin, habe auch ich in meinem Schulalltag bezüglich meiner schulischen Leistungen aufgrund meines Geschlechts schon Mikroaggressionen erfahren. Insbesondere wenn es um die Berufswahl oder meine Kompetenzen in wissenschaftlichen Fächern ging. Allerdings kann ich mich auch erinnern, dass ich aufgrund meiner sehr hellblonden Haarfarbe ebenfalls häufig mit „Scherzen“ wie: „blond ist doof“ konfrontiert war. Und da stelle ich mir vor wie es Personen gehen muss, die weniger privilegiert sind. Mit dieser Arbeit möchte ich nicht nur auf die Auswirkungen von Mikroaggressionen hinweisen, sondern auch dazu beitragen, ein besseres Verständnis für die Notwendigkeit einer inklusiven und diskriminierungsfreien Schulumgebung herzustellen. Durch die Verknüpfung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit Erfahrungen möchte ich aufzeigen, welches Bewusstsein erforderlich ist, um Schulen zu einem sichereren und unterstützenderen Raum für alle Schüler*innen zu machen.

2. Einleitung – Mikroaggressionen im schulischen Kontext

Diskriminierung ist in unserer Gesellschaft tief verankert. Es gibt keine Räume, die vollständig frei von diskriminierenden Strukturen oder Handlungen sind. Ebenso wenig existieren Menschen oder Gruppen, die außerhalb dieser Dynamiken stehen. Mikroaggressionen als subtile Formen von Diskriminierung treten in vielfältigen Kontexten auf und manifestieren sich in Rassismus, Sexismus, Klassismus, Adultismus, Cissexismus und weiteren Diskriminierungsformen, wodurch sie die Lebensrealität vieler Menschen prägen (Hamaz, 2023). Insbesondere durch die gesellschaftliche Sozialisation erlernen und geben die Menschen verschiedene diskriminierende Rede- und Verhaltensweisen weiter (Hamaz, 2023). Schon in der frühkindlichen Entwicklung bis ins hohe Erwachsenenalter prägen uns die Handlungsmuster, die wir immer wieder beobachten, wahrnehmen und erleben (Hamaz, 2023). Beispielsweise üben Familienbilder einen wesentlichen Einfluss auf die Sozialisation eines Kindes aus, ebenso wie die Institutionen, in denen Kinder einen bedeutenden Teil ihrer frühen Lebensjahre verbringen. Demnach verinnerlichen wir schon früh gesellschaftliche Machtverhältnisse und den Umgang mit diesen, weshalb wir bewusst oder unbewusst oftmals zu diskriminierenden Verhaltens- und Denkmustern neigen, und dazu beitragen, dass sie weiter bestehen.

Ein besonders zentraler Raum für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen ist die Schule, da diese nicht nur Wissen, sondern ebenfalls soziale Normen und Werte vermittelt. 

Sie soll idealerweise zu einem respektvollen Miteinander beitragen, Diversität aktiv fördern und ein diskriminierungsfreies Umfeld schaffen, in welchem die Unterschiede der Menschen wertgeschätzt und zum gegenseitigen Lernen und Unterstützen als sinnvolle Ressource genutzt werden. Die Schule steht als Institution in der Verantwortung, sich für die Beseitigung von Diskriminierungen einzusetzen und eine chancengleiche, diskriminierungsfreie Bildung für alle Schüler*innen zu ermöglichen (ADS, 2018).  Unter anderem kann diese Verantwortung aus der Ebene der Menschenrechte, des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes und des Landesschulrechts abgeleitet werden (ADS, 2018). Doch leider sieht die Realität für die meisten Schüler*innen in Deutschland anders aus. Gemäß dem Journalist Philip Banse ist rund ein Viertel aller Schüler*innen in Schulen mit Diskriminierungserfahrungen konfrontiert (2016). Eine besondere Herausforderung stellen in diesem Zusammenhang Mikroaggressionen dar, da diese durch ihren subtilen Charakter schwer zu erkennen sind.        

Ich möchte mich in diesem Essay demnach ausschließlich auf die Mikroaggressionen beziehen, da ich der Meinung bin, dass diese als subtile Diskriminierungsform schneller übersehen und abgetan werden können, als offensichtliche Angriffe, aber einen ebenso starken Effekt auf betroffene Personen nehmen, welche allerdings seltener und deutlich später Hilfe erhalten. Ausschlaggebend für diesen Essay ist mein zukünftiges berufliches Interesse an der Schulsozialarbeit, um gegenüber Diskriminierungsformen im (Schul-)Alltag zu sensibilisieren und betroffenen Schüler*innen das Gefühl zu geben, dass ihre Sorgen und ihr Problem gesehen und gehört werden, sowie um Hilfsmöglichkeiten zu schaffen.  Ich denke es ist wichtig, die Denkmuster der jungen Menschen schon möglichst früh auf bestehende Stereotype und Vorurteile in der Gesellschaft vorzubereiten und ihnen beizubringen, wie man ihnen entgegentritt und auch andere Menschen sensibilisieren und auf ihre diskriminierenden Verhaltensweisen hinweisen kann. Außerdem möchte ich den Schüler*innen beibringen, ihre Verschiedenheit untereinander wertzuschätzen und als Ressource zu nutzen. Dazu möchte ich jedoch erst einmal tiefgehende Einblicke in die Auswirkungen auf die betroffenen Schüler*innen und möglicherweise auch Täter*innen gewinnen, weshalb ich mich der Frage widme, welche Auswirkungen Mikroaggressionen auf betroffene Schüler*innen haben und wie diese ihren Alltag beeinflussen.

3. Begriffserklärung von Mikroaggressionen

Um über die Auswirkungen von Mikroaggressionen sprechen zu können, muss zunächst der Begriff an sich geklärt werden. Wie bereits im Seminar erwähnt, werden Mikroaggressionen bildlich mit Mückenstichen verglichen, welche zunächst unbedeutend scheinen. Wird eine Person allerdings sehr oft und regelmäßig gestochen, wirken die Stiche schon deutlich belastender, fast schon schmerzhaft (Fusion Comedy, 2017). Ebenso erzeugen häufige Mikroaggressionen im Vergleich dazu Stress und dauerhafte emotionale Belastungen, wenn Personen immer wieder auf dieselben Aspekte reduziert werden und ihre Identität verteidigen müssen (Lots*, 2024). Zudem werden Personen mit verschiedenen Eigenschaften womöglich besonders häufig gestochen und ihre Belastung steigt weiter an, während nicht betroffene Personen das Problem kaum wahrnehmen und wenn herunterspielen (Fusion Comedy, 2017). Langzeitig können sich die Mückenstiche zu schweren Entzündungen entwickeln, welche schwer heilbar sind. Ähnlich wirken die Mikroaggressionen, die sich auf das psychische Wohlbefinden, die Identität und die Lebensqualität der Menschen auswirken.

Fachlich erklärt, können als eine Form der Diskriminierung unter Mikroaggressionen subtile, oft unbewusste oder beiläufige, aber auch bewusste Bemerkungen und Verhaltensweisen in der alltäglichen Kommunikation verstanden werden, die gegenüber einer Person oder Gruppe diskriminierend oder abwertend wirken und von dieser so wahrgenommen werden (Wolf, 2021; Hasters, 2020; Eissa, 2023). Hierzu lassen sich beispielsweise nicht nur verbale Äußerungen, sondern ebenfalls Blicke oder Gesten zählen (Hamaz, 2023). Im Gegensatz zu offensichtlichen und physischen Übergriffen sind Mikroaggressionen schwer wahrnehmbar, insbesondere für nicht betroffene Personen (Eissa, 2023). Die Motivation der Täter*innen lässt sich bei subtilen Formen deutlich schwieriger identifizieren und diese sind sich ihrer eigenen Denkmuster und Handlungen häufig selbst nicht bewusst (Eissa, 2023). Unter anderem führt eine Konfrontation mit dem Thema häufig zu einer Verleugnung und Ablehnung sowie Verharmlosung. So nennt die Bildungsreferentin Samira Eissa als Beispiel, dass viele bei einem Hinweis auf die Mikroaggression statt einer kritischen Selbstreflexion durch die Aussage „man dürfe heutzutage gar nichts mehr sagen“, ihr Verhalten relativieren, welche wahrscheinlich nicht nur ich schon häufiger gehört habe (2023). Auch bei den diskriminierten Personen kann es zu dem Gefühl von eigener Überempfindlichkeit und Verharmlosung der Angriffe kommen, obwohl diese erhebliche Belastungen verursachen.

Der Begriff und die Bedeutung von Mikroaggressionen wurden erstmals in den 1970er Jahren vom Psychologen Chester M. Pierce eingeführt, um alltägliche Beleidigungen an afroamerikanischen Menschen, wie ihm selbst, und wie er sowie diese Personengruppe die bewussten oder unbewussten Angriffe erleben, zu beschreiben (Wolf, 2021). Viele Jahre später im Jahr 2007 prägte Derald Wing Sue ein Professor für Beratungspsychologie an der Columbia University den Begriff und weitete diesen auf die Themenbereiche Rassifizierung, Geschlecht und Sexualität aus (Hamaz, 2023). Er differenzierte zudem in drei verschiedene Formen der Mikroaggressionen, der Mikro-Angriff, die Mikro-Beleidigung und Mikro-Entwertung (Hamaz, 2023; Eissa, 2023; In Diverse Company, 2023). Betroffene Personengruppen sind insbesondere ethnische und kulturelle sowie religiöse Minderheiten, BIPoC, LGBTQ+ Personen, Menschen mit Behinderungen, sozioökonomisch Benachteiligte und verstärkt Personen, die eine Intersektionalität aufweisen, also mehrerer dieser Gruppen angehören (Eissa, 2023; Küpper, 2022).

4. Kritik an der Bedeutung und dem Begriff Mikroaggression

Mikroaggressionen treten häufig in alltäglichen Kontexten wie beispielsweise in Bildungseinrichtungen, am Arbeitsplatz oder beim Einkaufen auf und bleiben für viele unbeachtet (Hamaz, 2023). Sowohl in der gesellschaftlichen Praxis als auch in wissenschaftlichen Diskursen finden sie bislang wenig Beachtung, obwohl sie erheblichen Einfluss nehmen. Grund dafür könnte sein, dass das Konzept wissenschaftlich umstritten ist (Wolf, 2021). Im Vordergrund steht der zentrale Kritikpunkt, dass die Einstufung eines Angriffs wesentlich vom Empfinden der diskriminierten Personen abhängt, was wissenschaftliche Analysen durch die starke Subjektivität erschwert (Wolf, 2021). Zudem wird bemängelt, dass ebenso harmlose oder mehrdeutige Aussagen einer Person falsch interpretiert werden können, da die Intention des/der Absender*in nicht immer eindeutig bzw. klar identifizierbar ist. Der Kontext, in dem eine problematische Aussage gemacht wird, sei gemäß Christian Wolfs Artikel entscheidend um einzuschätzen, ob diese abwertend oder diskriminierend gemeint ist (2021). Eine pauschale Klassifizierung alltäglicher Erfahrungen als Mikroaggressionen birgt nach den Kritiker*innen die Gefahr einer Überpathologisierung, weshalb diese fordern, rassistische oder negative Absichten klar nachzuweisen, um das Konzept wissenschaftlich fundiert anzuwenden (Wolf, 2021). Aus persönlicher Perspektive möchte ich hier hinzufügen, dass ich der Meinung bin, dass jede Aussage, die dazu führt, dass sich eine Person herabgestuft, diskriminiert oder angegriffen fühlt, auch als eine problematische Aussage behandelt werden sollte, da sie starken Einfluss auf das Wohlbefinden der betroffenen Personen nehmen kann. Es möchte schließlich der Verharmlosung gegenüber diesen entgegengewirkt werden, was nur funktionieren kann, wenn jede Aussage die als Angriff empfunden wird, auch ernst genommen wird. Die Sozialpsychologin Beate Küpper betont in diesem Zusammenhang, dass Rassismus nicht nur ein Thema individueller Entscheidung sei, sondern eine strukturelle Realität darstellt, die betroffene Personen unweigerlich erleben müssen (2022). Sie formuliert: „Während die einen die Macht haben, zu entscheiden, ob und wann sie sich dem Thema Rassismus zuwenden möchten, auch, inwieweit sie ihn ausspielen, sind die anderen ihm ausgesetzt, müssen sich notgedrungen damit beschäftigen, ob sie wollen oder nicht (Küpper, 2022, o.S.).“ Dieses Zitat verdeutlicht, dass Rassismus für nicht betroffene Personen oft eine Frage der Wahl ist, während betroffene Menschen gezwungen sind, sich mit den Auswirkungen von Diskriminierung auseinanderzusetzen. Daraus ergibt sich die politische, gesellschaftliche und persönliche Verantwortung, Rassismus ernst zu nehmen und ihm konsequent entgegenzutreten, insbesondere von Seiten derjenigen, die privilegiert sind und nicht direkt von Rassismus betroffen sind. Hinsichtlich dieser Perspektive kann schließlich ebenfalls die Kritik von Samira Eissa einbezogen werden. Gemäß ihr sollte ebenfalls die Bezeichnung „Mikro“ aus einer kritischen Perspektive betrachtet werden, da diese wörtlich übersetzt mit etwas Kleinem assoziiert werden kann (Eissa, 2023). Doch ein rassistischer Übergriff, ob verbal oder nonverbal, offen oder subtil, sollte nicht als „weniger schlimm“ oder „klein “ eingestuft werden. Dies könnte nach ihr auf ein hierarchisches System hindeuten, welches Diskriminierung in „Schweregrade“ einteilt, obwohl jede Form von Rassismus, Klassismus, Sexismus etc. schwerwiegende Auswirkungen auf den Alltag und das Selbst der betroffenen Personen nimmt (Eissa, 2023). Dennoch bietet diese Begrifflichkeit eine hilfreiche Grundlage, um subtile Formen von Rassismus sichtbar zu machen und um diesen gegenüber ein Bewusstsein zu schaffen.

5. Auswirkungen auf die Schüler*innen

Anhand hypothetischer und erfahrungsbasierter Beispiele subtiler Diskriminierungserfahrungen von Schüler*innen soll im Folgenden beleuchtet werden, wie Mikroaggressionen das Wohlbefinden und den Schulalltag betroffener Personen beeinflussen. 

Mikroaggressionen können sowohl von Schüler*innen untereinander, als auch von Lehrkräften gegenüber Schüler*innen ausgehen und sind Teil der Alltagskommunikation. Sie haben schwerwiegende Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit, auf das Wohlbefinden und die Identität bzw. Selbstwahrnehmung der diskriminierten Menschen.  Darüber hinaus beeinflussen sie die Bildungsteilhabe, Motivation und Leistung der Schüler*innen, was sich wiederum auf deren zukünftige Chancen und Laufbahnen auswirkt.

Eine bedeutsame Wirkung im Schulkontext haben dabei die Leistungserwartungen der lehrenden Personen gegenüber den Schüler*innen, auch bekannt als Erwartungseffekt (Yegane et al., 2020). Je nachdem, ob positive oder negative Erwartungen seitens des sozialen Umfelds sowie der Lehrkräfte bestehen, können Schüler*innen in ihren eigenen Kompetenzen entweder gefördert oder gehemmt werden und Selbstvertrauen gewinnen oder verlieren (Yegane et al., 2020). Insbesondere bei stigmatisierten Gruppen zeigt sich, dass Lehrkräfte ihre Fähigkeiten entgegen ihrer eigentlichen schulischen Kompetenzen als geringer einschätzen, was häufig auf stereotype Vorstellungen zurückzuführen ist (Yegane et al., 2020).

Beispielsweise könnte die Mikroaggression herangezogen werden, dass Lehrer*innen die Noten der Kinder mit Migrationshintergrund aufgrund der Vor- oder Nachnamen in deutschsprachigen Unterrichtsfächern insgesamt schlechter erwarten, da sie die Vorannahme haben, dass die Muttersprache nicht deutsch ist und sie deswegen schlechtere sprachliche Kenntnisse haben müssen, obwohl die Fähigkeiten genau dieselben sind. Unter anderem wäre ein weiteres Beispiel zu Geschlechterrollen, welches ich selbst erlebt habe, dass Schülerinnen im Mathe Unterricht auffällig seltener drangenommen und häufiger bei Fragen ignoriert werden als Schüler, da die Lehrkraft Männern vermutlich eine höhere mathematische Kompetenz zuschreibt. Durch solche unterschiedlichen Leistungserwartungen, die auf stigmatisierenden Eigenschaften und Vorurteilen basieren, wird die Motivation, Konzentrationsfähigkeit und Leistung der Schüler*innen negativ beeinflusst (Terodde, 2023). Eine gleichberechtigte Bildungsteilhabe bleibt dadurch unerreichbar. Zudem wird das Selbstbild der betroffenen Gruppen oder Personen langfristig geschädigt, indem sie ihre eigenen Fähigkeiten infrage stellen und ihre Möglichkeiten zur Entfaltung ihres Potenzials begrenzt werden (Yegane et al., 2020). Dadurch sinkt nicht nur der Lernerfolg, sondern betroffene Menschen achten auch zukünftig bei ihrer Berufswahl darauf, dass sie in Berufsfelder gehen, bei denen sie mit weniger Vorurteilen konfrontiert sein werden (ADS, 2018).  Spannend zu erwähnen ist meiner Meinung nach auch, dass nicht nur die unmittelbar betroffenen Personen der Mikroaggressionen die damit verbundenen diskriminierenden Verhaltensweisen und negativen Auswirkungen erleben (Braun, 2024). Laut der Politikwissenschaftlerin Anja Braun werden auch stellvertretende Personen, welche die Situation beobachten und sich mit dem/der diskriminierten Person identifizieren können, durch die Angriffe beeinflusst (2024). Grund dafür ist, dass die beobachtete Situation auch Rückschlüsse auf die eigene gesellschaftliche Position und mögliche Marginalisierung zulässt, wodurch sie oft als direkte persönliche Bedrohung oder Betroffenheit wahrgenommen wird (Braun, 2024). Außerdem können Mikroaggressionen den sogenannten Stereotype Threat aktivieren, welcher die Angst von Schüler*innen bezeichnet, bestehende negative Stereotype über die eigene soziale Gruppe zu bestätigen (Yegane et al., 2020). Beispiel für eine Mikroaggression könnte hier sein, dass eine Lehrkraft einem Schüler mit niedrigem sozioökonomischem Hintergrund einen Ratschlag wie: „Mach dir keine Sorgen, du wirst es auch ohne Studium sicher weit bringen“, gibt. Diese Aussage impliziert, dass Schüler*innen aus sozial benachteiligten Verhältnissen seltener akademischen Erfolg erreichen. Der/Die Schüler*in fühlt sich entmutigt, eingeschüchtert und hat Angst das ihr Verhalten und ihre Leistungen diese Vorannahme bestätigen werden (ADS, 2018; Hamaz, 2023). Diese Sorgen beeinflussen dann tatsächlich die schulischen Leistungen und führen dazu, dass die Schule als ein bedrohendes Umfeld wahrgenommen wird (Yeganeet al., 2020; ADS, 2018). Bei vermehrten solcher Erfahrungen kann es durch soziale Isolation und Schulwechsel zu dem Verlust des sozialen Umfelds kommen (ADS 2018). Zudem führt der Druck durch Stereotype bei Leistungsbewertungen zu einer geringeren Identifikation mit schulrelevanten Bereichen, um den eigenen Selbstwert zu schützen (Yegane et al., 2020). Mikroaggressionen nehmen allerdings auch starke Auswirkungen auf die Gesundheit. Nehmen wir als Beispiel eine freie Sitzauswahl in der Klasse, bei der sich Schüler*innen häufig von einer Mitschülerin wegsetzen, die ein Kopftuch trägt. Diese Verhaltensweise vermittelt unterschwellig die Botschaft, dass sie aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes oder ihrer kulturellen Zugehörigkeit ausgeschlossen wird. Im Gegensatz zu offensichtlichen Angriffen, können diese subtilen Diskriminierungsformen als Verschulden der eigenen sozialen Rolle der Person interpretiert werden und soziale Isolation, aber auch emotionale Belastungen auslösen (Yegane et al., 2020). Beginnen Schüler*innen die negativen Stereotype zu verinnerlichen, wird ebenfalls ihre Selbstwahrnehmung negativ beeinflusst (Peşmen, 2018). Es wird durch Mikroaggressionen die Identität eines Menschen infrage gestellt und sie drängen diesen dazu sich gegenüber Vorannahmen erklären und rechtfertigen zu müssen, um diese richtigzustellen (Peşmen, 2018). Dies kann nicht nur sehr kraftraubend sein, sondern gibt den betroffenen Personen auch ein Gefühl von Minderwertigkeit und führt zu einem geringen Selbstwert. Durch die mehrfache Herabsetzung und Diskriminierung entsteht ein Gefühl der Entfremdung, welches eine Grenze zwischen einen konstruierten „Wir“ und „den Anderen“ etabliert, auch bezeichnet als „Othering“ (ADS, 2018). Wenn Diskriminierung häufig bzw. chronisch erlebt wird, dann können die körpereigenen Stresssysteme durch den immer wiederkehrenden Stress aus der Balance kommen (Hamaz, 2023). Dieses Ungleichgewicht kann zum Entstehen von psychischen Störungen und körperlichen Krankheiten beitragen (Hamaz, 2023). Es können Angstzustände, Erschöpfungssymptome und Depressionen auftreten (Yegane et al., 2020; Hamaz, 2023; Peşmen, 2018). Zudem wird das Immunsystem auf Dauer geschwächt und es kann durch den permanenten Stress zu Bluthochdruck, Herzerkrankungen und stressbedingte physische Krankheiten kommen (Chancengerechtigkeit und Vielfalt Ulm, o.D.). Spannend ist zudem, dass die Täter*innen der Mikroaggressionen ebenfalls Auswirkungen durch ihr Verhalten erleben und diese ihnen schaden können. Gemäß Sofia Hamaz leidet bei mikroaggressivem Verhalten einer Person die Fähigkeit Empathie und Mitgefühl zu entwickeln und gegenüber anderen zu zeigen (2023). Beispielsweise könnte ein Schüler zu einem Mitschüler im Rollstuhl sagen, dass es sehr inspirierend ist, dass er überhaupt zur Schule kommt. Auch hier ist die Mikroaggression subtil und die Aussage wirkt zunächst anerkennend. Dennoch reduziert der Täter den Menschen auf seine Einschränkung und stellt die Teilnahme am normalen Alltag als eine Besonderheit dar. Der Kommentar zeigt, dass der Täter kein echtes Verständnis für die Lebensrealität von Menschen mit Behinderungen hat und an seiner Empathiefähigkeit arbeiten muss.

6. Fazit

Abschließend lässt sich festhalten, dass Mikroaggressionen trotz ihrer unbewussten, beiläufigen Natur tiefgreifende Auswirkungen auf die Identität und das Wohlbefinden haben.

Sie verstärken Prozesse des Othering, indem sie betroffene Personen subtil ausgrenzen und sie als „anders“ oder „nicht dazugehörig“ markieren. Dieses Othering führt dazu, dass soziale Barrieren entstehen, die nicht nur das Gefühl der Zugehörigkeit, sondern auch die Möglichkeit eines gleichwertigen Miteinanders beeinträchtigen. Zudem werden die psychische und physische Gesundheit der Schüler*innen langzeitig belastet. Auch im schulischen Umfeld sind die Folgen weitreichend. Sowohl die Motivation und Konzentrationsfähigkeit der Schüler*innen wird negativ beeinflusst, als auch die damit einhergehende Leistungsfähigkeit. Dadurch, dass die individuelle Bildungs- und Leistungschancen eingeschränkt sein können, werden auch das Entwicklungspotenzial und die Zukunftsaussichten der jungen Personen nachhaltig gehemmt. Es ist wichtig noch einmal hervorzuheben, dass nicht nur die direkt betroffenen Personen, sondern auch beobachtende Dritte negative Effekte erleben können. Zudem wirken sich die Mikroaggressionen ebenfalls negativ auf die Lebensqualität der Täter*innen aus. Besonders problematisch ist, dass Mikroaggressionen oft übersehen oder verharmlost werden, was die Isolation der diskriminierten Personen verstärkt und den Zugang zu Unterstützung erschwert. Gleichzeitig zeigen sie, wie stark gesellschaftliche Machtverhältnisse und Diskriminierungsstrukturen auch im schulischen Alltag präsent sind. Das Wissen über die Auswirkungen stellt eine wesentliche Grundlage dar, um gezielt Veränderungen im schulischen Umfeld zu bewirken und eine inklusive sowie respektvolle Schulkultur zu fördern. Durch gezielte Aufklärungsarbeit und Schulungen für Lehrkräfte und pädagogisches Personal kann ich hoffentlich zukünftig dazu beitragen, ein Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen und die Auswirkungen von Mikroaggressionen in der täglichen Interaktion zu reduzieren. Darüber hinaus möchte ich durch individuelle Beratungen und Gruppenangebote das Selbstbewusstsein der Schüler*innen stärken und ihnen helfen, ihre Identität in einem respektvollen und wertschätzenden Umfeld zu entwickeln. Indem ich auf eine offene Kommunikation und den Abbau von Barrieren hinwirke, will ich das Zugehörigkeitsgefühl der Schüler*innen fördern und so die soziale Integration sowie das gemeinsame Miteinander verbessern. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, dass Schulen sich ihrer Verantwortung bewusstwerden, ein diskriminierungsfreies Umfeld für alle Schüler*innen zu schaffen.

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Hrsg.). (2018). Diskriminierung an Schulen

erkennen und vermeiden (3. Auflage). Praxisleitfaden zum Abbau von Diskriminierung in der Schule. Berlin: Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Banse, P. (2016). Gegen Diskriminierung an Schulen. Verfügbar unter: https://www.deutschlandfunk.de/berlin-gegen-diskriminierung-an-schulen-100.html#:~:text=Rund%20ein%20Viertel%20aller%20Schülerinnen,auch%20viele%20Lehrer%20sind%20betroffen.

Braun, A. (2024). So beeinträchtigt Diskriminierung die psychische Gesundheit. Verfügbar unter: https://www.swr.de/wissen/diskriminierung-verschlechtert-psychische-gesundheit-100.html

Chancengerechtigkeit und Vielfalt Ulm (o.D.). Folgen von Diskriminierung. Verfügbar unter: https://chancengerechtigkeitundvielfalt.ulm.de/antidiskriminierung/informationen-rund-um-das-thema-diskriminierung/folgen-von-diskriminierung

Eissa, S. (2023). Mikro-Aggressionen. In B. Aygün, P. Bühler, R. Darabos, S. Eissa, I. Hagen-Jeske, I. H. Hans, M. A. Kanbur, F. M. Moukara, S. Ogiemwonyi (Hrsg.), RassisMuss MachtKritisch (S.105-120). Norderstedt: Books on Demand GmbH.

Fusion Comedy. (2017). How microaggressions are like mosquito bites – Same Difference [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=hDd3bzA7450

Hamaz, S. (2023). Mikroaggressionen in der Schule. Erkennen-bennen-abbauen. Berlin: BQN Berlin e.V..

Hasters, A. (2020). Mückenstiche mit System.  Zum Umgang mit Alltagsrassismus. Verfügbar unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/antirassismus-2020/316756/mueckenstiche-mit-system/

In Diverse Company. (2023). The What, How and Why of Microaggressions [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=n5U1pN56njE

Küpper, B. (2022). Was ist Alltagsrassismus? Von Mikroaggressionen bis hin zu Gewalt. Politik & Kultur, 07-08, o.S..

Lots*.(2024). Was sind Mikroaggressionen? [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=n5U1pN56njE

Peşmen, A. (2018). Wie tausend kleine Mückenstiche. Verfügbar unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/rassismus-macht-den-koerper-krank-wie-tausende-kleine-100.html

Terodde, R. (2023). NO GO! Handliche Informationen zum Thema Diskiriminierung aufgrund des Geschlechts und der sexuellen Orientierung [Broschüre]. Greifswald: Universität Greifswald.

Wolf, C. (2021). Mikroaggressionen. Wie tausend kleine Mückenstiche. Spektrum Kompakt, 35, o.S.. 

Yegane, A., Uslucan, H., Karakayali, J., Jacobs, M., Volkholz, S. & Brendebach, M. (2020). ADAS /LIFE e.V. (Hrsg.). Schutz vor Diskriminierung an Schulen. Ein Leitfaden für Schulen im Land Berlin. Berlin: LIFE e.V..


Quelle: Chiara Schuri, Diskriminierung an Schulen: Welche Auswirkungen haben Mikroaggressionen auf betroffene Schüler*innen und wie beeinflussen diese ihren Alltag? in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 26.05.2025, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=491

Gender und sexuelle Dysfunktion

Zusammenhang und Auswirkung

Anonym (WiSe 2024/25)

Einleitung

Viele Menschen leiden unter einer sogenannten „sexuellen Dysfunktion“. Dabei wird aufgrund von körperlichen oder psychischen Ursachen das Ausleben der eigenen Sexualität erschwert oder verhindert und es entsteht bei den Betroffenen Leidensdruck. [1]

In der Forschung gibt es bereits einiges an Wissen über sexuelle Dysfunktionen bei Cis-Männern und auch bei Cis-Frauen wurden bereits große Fortschritte erzielt.[2] Bei marginalisierten Gruppen wie Transgender Personen und Non-Binären, sowie Genderqueeren Personen sind leider noch deutliche Lücken in der Forschung zu bemängeln. [3] [4]

Die eigene Sexualität gesund ausleben zu können ist dabei nachgewiesen eine Voraussetzung für viele Menschen, ein gesundes und glückliches Leben führen zu können. Wenig überraschend ist folglich, dass Depressionen eine mögliche Folge von unbehandelten sexuellen Funktionsstörungen sein können.[5]

Sexuelle Dysfunktion kann je nach körperlichen und psychischen Voraussetzungen unterschiedlich bei den Geschlechtern auftreten.[6] [7] In diesem Essay soll auf den Zusammenhang zwischen sexueller Dysfunktion und Gender eingegangen werden. Die binäre Aufteilung in Mann und Frau wird dabei nicht allen Betroffenen von sexuellen Dysfunktionen gerecht. Marginalisierten Gruppen, wie Transpersonen oder on-Binären und Genderqueeren Personen, werden von dieser binären Aufteilung außenvor gelassen.

In vielen der verwendeten Quellen ist von „Mann“ und „Frau“ die Rede und es wird meist nicht genauer definiert, wer gemeint und wer nicht mit einbezogen wird. In den entsprechenden Teilen des Essays werde ich von daher diese Formulierung übernehmen, da es schwierig ist, mit Sicherheit zu sagen, dass beispielsweise ausschließlich Cis-Männer und Cis-Frauen gemeint sind, wenn dies nicht deutlich ausgedrückt wurde. In den Teilen des Essays in denen ich meine Meinung wiedergebe werde ich versuchen, möglichst präzise und angemessene inklusive Sprache zu verwenden.

Im Fazit werde ich meine eigene Meinung wiedergeben und in der Reflexion meinen eigenen Arbeits- und Lernprozess reflektieren. Dementsprechend werde ich teilweise aus der Ich-Perspektive schreiben. Ich habe mich dazu entschieden dem Fazit auch einen Reflexionsteil anzufügen, da ich es interessant fand, wie sich meine eigene Sichtweise beim Schreiben des Essays verändert hat.

Was ist eine sexuelle Funktionsstörung bzw. eine sexuelle Dysfunktion?

Bei einer sexuellen Dysfunktion wird das Ausleben einer sexuellen Beziehung bei der betroffenen Person erschwert oder verhindert.[8] 43% der Frauen und 30% der Männer leider unter sexuellen Problemen. Bei 12% von ihnen werden die diagnostischen Kriterien erfüllt, um eine Störung zu diagnostizieren.[9]

Die ICD-11 unterscheidet bei der sexuellen Dysfunktion zwischen vier Sub-Kategorien. Die Dysfunktion verminderten sexuellen Verlangens, die Dysfunktion der sexuellen Erregung, die Dysfunktionen des Orgasmus, sowie die Dysfunktionen der Ejakulation. Diese Sub-Kategorien haben weitere Sub-Kategorien in welchen teilweise zwischen Männern und Frauen unterschieden wird.[10]

Während in der ICD-10 noch zwischen organischer und nicht-organischer sexueller Dysfunktion unterschieden wurde, wird in der ICD-11 beides in einem Kapitel zusammengeführt.[11]

Physische und psychische Umstände können eine sexuelle Funktionsstörung verursachen. Aus dieser können weitere psychische Probleme wie Depressionen folgen. Allgemein kann das psychische Wohlbefinden die sexuelle Funktion eines Menschen beeinflussen. Depressionen, Ängste, Wut, Schuldgefühle und Trauma sind einige der psychischen Faktoren, welche einen negativen Einfluss auf das sexuelle Wohlbefinden einer Person haben können.[12] 

Depression und sexuelle Dysfunktion

Depressionen und sexuelle Dysfunktion kommen häufig Hand in Hand und zeichnen sich durch ihre relativ häufige Verbreitung aus. Eine sexuelle Dysfunktion kann unter anderem Symptom und Ursache einer Depression sein. Die Zusammenhänge zwischen den beiden Erkrankungen sind durch viele Studien untersucht und belegt.[13]

Während ungefähr ein Drittel der nicht medikamentös behandelten depressiven Patienten von einer negativen Auswirkung ihrer Depression auf ihre Sexualität sprechen, sind es bei der Gesamtzahl der depressiven Patienten über die Hälfte bis hin zu 90% der Betroffenen, welche über eine Beeinträchtigung ihrer Sexualität berichten. Bedingt wird dies unter anderem durch die oftmals medikamentöse Behandlung von Depressionen. Diese Antidepressiva haben vielfach Nebenwirkungen, welche die sexuelle Gesundheit der Patienten beeinflusst. Schwindendes Interesse an sexueller Aktivität ist dabei die häufigste Nebenwirkung. Bei als männlich eingeordneten Personen sind Depressionen einer der größten möglichen Ursachen für Erektionsstörungen.[14]

Folglich ist es wichtig bei einem betroffenen Patienten nicht nur die Depression zu behandeln, sondern wenn vorhanden auch die sexuelle Dysfunktion. Um die Lebensqualität von Individuen mit Depressionen oder sexuellen Dysfunktionen zu verbessern ist es zudem sinnvoll, regelmäßig zu überprüfen, ob sich eine sexuelle Dysfunktion oder eine Depression, wenn das jeweils andere vorhanden ist, bildet, um dann zeitnah eingreifen zu können.[15]

Anzumerken ist allerdings, dass eine Depression nicht unbedingt lustmindernd wirken muss. Bei einigen depressiven, als männlich eingeordneten Personen, kommt es zu erhöhter sexueller Aktivität. Dies könnte eine Art Copingstrategie sein, um mit der Depression umzugehen. In vielen Fällen lassen die sexuellen Probleme nach dem Rückgang der Depression nach.[16]

Sexuelle Dysfunktion bei Männern

Sexuelle Dysfunktionen treten bei Männern häufig auf. Es ist allerdings schwierig genau zu bestimmen wie verbreitet sie auftreten, da unterschiedliche Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Bei einer Auswahl von Studien über die erektile Funktion bei Männer nach einer Prostataentfernung, konnten über 20 unterschiedliche Definitionen für eine erektile Dysfunktion festgestellt werden. Als Folge lag der Anteil von adäquater erektiler Funktion bei den Beteiligten zwischen 25 und 78%.[17]

Die wohl verbreiteteste sexuelle Dysfunktion bei Männern ist die frühzeitige Ejakulation. Dabei haben die Betroffenen wenig bis keine Kontrolle über den Zeitpunkt ihrer Ejakulation und kommen aus eigener Sicht zu früh zum Höhepunkt. Ungefähr 30% der Männer leider darunter. Es ist schwierig die frühzeitige Ejakulation genau zu definieren, da es unmöglich ist genau festzulegen ab wann eine frühzeitige Ejakulation zeitlich vorliegt.[18]

Mangelnde sexuelle Lust, Unfähigkeit zur Ejakulation und die Unfähigkeit einen Orgasmus zu erreichen sind weitere mögliche sexuelle Funktionsstörungen bei Männern.[19]

Sexuelle Dysfunktion bei Frauen

Es konnte in den letzten Jahrzehnten deutlich mehr Wissen über sexuelle Dysfunktionen bei Frauen erlangt werden. Bei Frauen fallen unter anderem Libidostörung, Erregungs- und Orgasmusstörungen, Lubrikationsstörungen, sowie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr unter die Kategorie der sexuellen Dysfunktion. Der „National Health and Social Life Survey“ zufolge haben 43% der Frauen in der Altersgruppe der 18–59-Jährigen mit einer sexuellen Dysfunktion zu kämpfen. Insgesamt schätzt man mit einer Verbreitung von zwischen 22 und 49%.[20]

Bestimmte sexuelle Funktionsstörungen nehmen im Alter zu. So ist die sexuelle Appetenz Störung in Europa bei Frauen im Alter deutlich verbreiteter. Bei dieser fehlt es den betroffenen unter anderem an sexuellem Interesse. Voraussetzung um den Mangel an sexuellem Interesse als Störung einzuordnen ist, dass die Person dadurch einen Leidensdruck verspürt. Zudem lässt sich die Diagnose in unterschiedliche Kriterien unterteilen. Dabei wird eingeordnet, ob die Störung dauerhaft vorhanden oder erworben ist, ob sie generalisiert oder situationsabhängig auftritt und ob es eine organische oder psychische Ursache gibt.[21]

Die möglichen Ursachen für die entstehen einer sexuellen Funktionsstörung bei Frauen sind vielfältig. Hormone spielen im menschlichen Körper eine vielfältige Rolle und beeinflussen unter anderem die Sexualität. Die Menopause kann bei betroffenen zum Beispiel durch den veränderten Hormonhaushalt die Entstehung einer sexuellen Funktionsstörung begünstigen.[22]

Gesundheitliche und psychosoziale Faktoren können auch verantwortlich für das Entstehen einer sexuellen Dysfunktion sein. Chronische Erkrankungen und Medikamente können zum Beispiel die sexuelle Gesundheit verschlechtern. Frauen, die zum Beispiel eine negative Wahrnehmung ihrer Sexualität internalisiert haben, haben ein hohes Risiko eine sexuelle Funktionsstörung zu entwickeln. Ängste sind ein weiterer Faktor. Während sich bei Männern eher Ängste bezüglich der sexuellen Performance bestehen, haben Frauen oft eher Ängste im Bereich der Selbstwahrnehmung ihrer körperlichen sexuellen Attraktivität.[23]

Transgender Personen

Individuen mit einer Geschlechtsdysphorie identifizieren sich nicht mit dem ihnen bei Geburt zugewiesenen Geschlecht und empfinden folglich einen Leidensdruck. Umgangssprachlich ist hierbei oft von Transgeschlechtlichkeit oder Transidentität die Rede.[24] 

Die Geschlechtsdysphorie macht es für Trans Personen oft schwierig ihre Sexualität auszuleben. Ein hohes Risiko sexuelle Gewalt zu erleben, sowie teilweise internalisierte Transphobie stellen weitere Hürden für Trans Personen dar, ihre sexuelle Gesundheit zu verbessern.[25]

Während in der Vergangenheit die Sexualität von Transmenschen wenig Beachtung in der Forschung gefunden hat, gab es in letzter Zeit diesbezüglich einen Wandel. Mit steigendem Bewusstsein für die Wichtigkeit eines gesunden Sexuallebens für die Gesundheit von vielen Individuen, ist auch das Bewusstsein für die Wichtigkeit eines gesunden Sexuallebens bei Transmenschen gewachsen.[26]

Studien über die sexuelle Funktion bei Trans Personen haben sich bisher häufig auf die sexuelle Funktion nach der geschlechtsangleichenden Operation und Hormontherapie bezogen. Eine systematische Auswertung von 28 Studien kam zu dem Ergebnis, dass 63%% der Transfrauen nach einer Hormontherapie und einer Geschlechtsangleichenden Operation eine deutliche Verbesserung ihrer sexuellen Funktionsfähigkeit wahrnehmen. Folge Studien verweisen zudem auf höhere sexuelle Aktivität, höhere Zufriedenheit mit dem Orgasmus und geringere Schmerzen nach der geschlechtsangleichenden Operation bei Transfrauen. Es kam allerdings auch zu einer Verringerung des sexuellen Verlangens bei vielen der Betroffenen, wobei die Häufigkeit von einer Störung des sexuellen Verlangens bei Transfrauen etwa der von Cisgender Frauen entsprach.[27]

Der Forschungsstand bei Transmännern ist diesbezüglich noch schwächer als bei den Transfrauen. Hormontherapie und eine Geschlechtsangleichende Operation führten aber auch bei Transmännern zu verbesserter sexueller Gesundheit. Die Behandlung führte hier in vielen Fällen zu verbesserten sexuellen Gesundheit und einem Anstieg in sexuellen Bedürfnissen, sowie vermehrter sexueller Aktivität.[28]

Auch wenn die Hormontherapie und die geschlechtsangleichende Operation als Mittel die sexuelle Gesundheit vieler Trans Personen verbessert, gibt es in einigen Fällen auch nach diesen Eingriffen bei einigen der Betroffenen weiterhin sexuelle Dysfunktionen. In Bezug auf sexuelle Dysfunktionen nach der Behandlung fehlt es an groß angelegten Studien, um aufzuzeigen wie verbreitet diese sind.[29]

So bleibt es für viele Transpersonen weiterhin schwierig eine sexuelle Beziehung einzugehen und sexuellen Kontakt zu suchen.[30]

Non-Binäre und Genderqueere Personen

Während es bei Transpersonen oft um die Einordnung in männlich und weiblich geht, gibt es auch Personen, die sich weder dem männlichen oder weiblichen Spektrum zuordnen. Während ein Teil dieser Personen sich auf dem Spektrum von männlich und weiblich zwischen diesen einordnen, gibt es andere, die sich als völlig außerhalb dieses Spektrums liegend sehen. Diese Menschen bezeichnen sich meist als Non-Binär und/oder Genderqueer.[31]

Eine niederländische Umfrage kam zu dem Ergebnis, dass 4,6% der Personen die nach ihrer Geburt als männlich eingestuft wurden und 3,2% der Personen die nach ihrer Geburt als weiblich eingestuft wurden, Unsicherheiten bezüglich ihres Geschlechts verspüren.[32]

Trotz der Einordnung der WHO von sexueller Gesundheit als wichtigen Teilaspekt für die Lebensqualität eines Individuums, gibt es einen deutlichen Mangel an quantitativen Studien bezüglich der sexuellen Gesundheit bei Non-Binären und Genderqueeren Personen.[33]

Eine Online-Umfrage aus dem Jahr 2020 versucht die sexuelle Gesundheit von Non-Binären und Genderqueeren Personen mit denen von binären Transpersonen und Cisgender Personen zu vergleichen.[34] In vielen Hinsichten überschneiden sich die Probleme der Non-Binären und Genderqueeren Personen mit denen der binären Transgender Personen.[35] Sexuelles Selbstbewusstsein in Bezug auf den eigenen Körper wurde in binären Transpersonen und Non-Binären und Genderqueeren Personen niedriger gemessen als bei Cisgender Personen. Dies deckt sich auf mit den Ergebnissen anderer Forschung.  In Bezug auf die transspezifischen Körperwahrnehmung schnitt die Gruppe der von Non-Binären und Genderqueeren Personen schlechter ab als die binäre Transpersonen Gruppe.[36]

Fazit

Es wird deutlich, dass sexuelle Dysfunktionen für alle Gender ein Problem darstellen. Während es beispielsweise zwischen Cis-Frauen und Cis-Männern entsprechend ihrer körperlichen Voraussetzungen und gesellschaftlicher Normen teilweise unterschiedliche sexuelle Dysfunktionen auftreten, gibt es doch auch deutliche Überschneidungen. Depressionen als verbreitete Folge und Ursache sexueller Dysfunktion bei allen betroffenen Gruppen zeigt deutlich die Wichtigkeit für alle Gruppen das Thema mit Ernsthaftigkeit anzugehen.

Der Fakt, dass die ICD-11 lediglich zwischen Mann und Frau unterscheidet, macht ein weiteres Mal deutlich, dass Transpersonen und Non-Binäre, sowie Genderqueere Personen nicht ausreichend inkludiert werden. Das organische und nicht organische Ursachen für sexuelle Dysfunktionen zusammengelegt werden, ist grundsätzlich eine positive Entwicklung, da das Thema nun ganzheitlicher betrachtet werden kann.

Es ist davon auszugehen, dass wenn in der ICD-11 oder anderen Quellen zwischen Mann und Frau unterschieden wird, von Cis-Männern und Cis-Frauen die Rede ist. Diese Unterteilung bleibt unzureichend, da sie nicht ausreichend für Menschen aufkommt, welche sich nicht mit dem ihnen bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren. Da es für diese Menschen umso schwieriger sein kann ihre Sexualität auszuleben, können sexuelle Dysfunktionen ein umso größeres Problem darstellen.

Deutlich wurde mir auch, dass sich die sexuelle Gesundheit in vielen Fällen verbessern lässt und nicht immer von Dauer sein muss. Die Verbesserung der sexuellen Gesundheit bei Transpersonen durch geschlechtsangleichende Operationen und eine Hormontherapie unterstreicht wie viel Auswirkung medizinische Unterstützung für diese Gruppen haben kann. Leider gibt es noch zu viele Lücken in der Forschung, obwohl ja ein durchaus nennenswerter Teil der Gesellschaft Unsicherheiten bezüglich des eigenen Geschlechts verspürt. Unabhängig davon hat jede dieser Personen das Recht auf ein gesundes Sexualleben und wir als Gesellschaft sollten unser Bestes geben, um jeder Person ein solches zu ermöglichen. Um dies zu erreichen, benötigt es einen gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Inklusion und verstärkte Bemühungen auch zugunsten kleinerer Gruppen zu forschen.

Reflexion

Beim Schreiben dieses Essays kam ich zum Nachdenken über einige Themen, mit denen ich sonst wenig konfrontiert werde. Die Bedeutung eines gesunden Sexuallebens war mir zwar bereits teilweise bewusst, allerdings wurde mir verdeutlicht, wie sehr dieses Thema nahezu alle Gruppen betrifft, unabhängig von Geschlecht oder hohem Alter.

Zudem hat sich mir verdeutlicht, dass neben den organischen Ursachen für sexuelle Dysfunktionen, die psychischen Ursachen eine enorme Rolle spielen können und das gesellschaftliche Umfeld, dass wir schaffen, einen großen Einfluss auf das psychische Empfinden von allen Menschen unserer Gesellschaft hat.

Besonders hinterfragt habe ich beim Schreiben des Essays die oft verwendete Trennung zwischen „Mann“ und „Frau“. Auch eine Non-Binäre Person, menstruiert unter Umständen, aber identifiziert sich vielleicht nicht als Frau. Diese Person ist dann trotzdem von den hormonellen Folgen der Menstruation betroffen und möglicherweise auf Hilfe angewiesen. Sucht sie nun beispielsweise Online nach Hilfe, wird sie wahrscheinlich der Unterteilung von Mann und Frau begegnen und sich nicht inkludiert fühlen. Auch wenn einige für einen Teil der Gesellschaft an der Einteilung von Mann und Frau festhalten wollen, sollte es zumindest neben den Kategorien Mann und Frau auch Kategorien für beispielsweise Transpersonen, Non- Binäre Personen und Genderqueere Personen geben. Eine Anpassung des Kapitels der sexuellen Dysfunktion in der ICD-11um diese Gruppen zu inkludieren könnte ein Anfang darstellen diese Situation zu verbessern.

Quellen:

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Minhas, Suks; Mulhall, John P., Male sexual dysfunction: a clinical guide, Oxford 2017.


[1] Jimbo, Masaya, Überblick über die Sexualfunktion und sexuelle Funktionsstörungen bei Männern, in: MSD Manual Ausgabe für Patienten, 2024, https://www.msdmanuals.com/de/heim/gesundheitsprobleme-von-m%C3%A4nnern/sexualfunktion-und-sexuelle-funktionsst%C3%B6rungen-bei-m%C3%A4nnern/%C3%BCberblick-%C3%BCber-die-sexualfunktion-und-sexuelle-funktionsst%C3%B6rungen-bei-m%C3%A4nnern, Stand: 05.02.2025.

[2] Korda, J. B., Weibliche sexuelle Dysfunktion, in: Gynäkologe Berlin, Vol. 41, 2008-12, S.1006.

[3] Kerckhof, Mauro E.; Kreukels, Baudewijntje P.C.; Nieder, Timo O.; et al., Prevalence of Sexual Dysfunctions in Transgender Persons: Results from the ENIGI Follow-Up Study, in: Journal of sexual medicine, Vol 16, 2019-12, S. 2019.

[4] Kennis, Mathilde; Duecker, Felix; T’Sjoen, Guy, et al., Mental and sexual well-being in non.binary and genderqueer individuals, in: International Journal of transgender health, Vol.23, 2022, S.442f.

[5] Hartmann, Uwe, Depressionen und sexuelle Funktionsstörungen: Aspekte eines vielschichtigen Zusammenhangs, in: Psychiatrische Praxis, Vol.34, 2007-09, S. 314.

[6] Jimbo 2024.

[7] Conn, Allison; Hodges, Kelly R., Sexualfunktion und sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen, in: MSD Manual Ausgabe für Patienten, 2023, https://www.msdmanuals.com/de/heim/gesundheitsprobleme-von-frauen/sexuelle-funktion-und-funktionsst%C3%B6rung-bei-frauen/%C3%BCberblick-%C3%BCber-die-sexualfunktion-und-sexuelle-funktionsst%C3%B6rungen-bei-frauen?ruleredirectid=740autoredirectid=23359, Stand: 08.02.2025.

[8] Jimbo 2024.

[9] Berner, M., Psychopharmakaassoziierte sexuelle Funktionsstörungen und ihre Behandlung, in: Nervenarzt, Col. 88, 2017-05. S. 459.

[10] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, ICD-11 in Deutsch – Entwurfsfassung, https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html, Stand:06.02.2025.

[11] Briken, Peer; Matthiesen, Silja; Pietras, Laura; et al., Prävalenzschätzungen sexueller Dysfunktion anhand der neuen ICD-11-Leitlinien, in: Deutsches Ärzteblatt, 39/2020, https://www.aerzteblatt.de/archiv/215853/, Stand: 06.02.2025.

[12] Jimbo 2024.

[13] Hartmann 2007, S.314.

[14] Hartmann 2007, S.314f.

[15] Hartmann 2007, S.316.

[16] Hartmann 2007, S.316.

[17] Minhas, Suks; Mulhall, John P., Male sexual dysfunction: a clinical guide, Oxford 2017, S. 1.

[18] Minhas, Mulhall, 2017, S.2f.

[19] Jimbo 2024.

[20] Korda 2008, S. 1006.

[21] Korda 2008, S. 1007.

[22] Korda 2008, S. 1008f.

[23] Korda 2008, S. 1009f.

[24] Kerckhof, Kreukels, Nieder, et al. 2019, S. 2018.

[25] Kerckhof, Kreukels, Nieder, et al. 2019, S. 2019.

[26] Kerckhof, Kreukels, Nieder, et al. 2019, S. 2019.

[27] Kerckhof, Kreukels, Nieder, et al. 2019, S. 2019.

[28] Kerckhof, Kreukels, Nieder, et al. 2019, S. 2019.

[29] Kerckhof, Kreukels, Nieder, et al. 2019, S. 2019.

[30] Kerckhof, Kreukels, Nieder, et al. 2019, S. 2029.

[31] Kennis, Duecker, T’Sjoen, et al., S.442.

[32] Kennis, Duecker, T’Sjoen, et al. 2022, S. 442f.

[33] Kennis, Duecker, T’Sjoen, et al. 2022, S. 443.

[34] Kennis, Duecker, T’Sjoen, et al. 2022, S. 444.

[35] Kennis, Duecker, T’Sjoen, et al. 2022, S. 454.

[36] Kennis, Duecker, T’Sjoen, et al. 2022, S. 452.


Quelle: Anonym, Gender und sexuelle Dysfunktion: Zusammenhang und Auswirkung in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 26.05.2025, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=486

Versäumte Aufarbeitung?

Der Umgang westlicher Universitäten mit ihrem kolonialen Erbe.

Cristina Serrano Quella (SoSe 2024)

Einleitung

Im Rahmen des Moduls „Gender und Diversity: Decolonize! Intersektionale Perspektiven auf lokale und globale Machtverhältnisse“ bei Liviana Bath habe ich mich das erste Mal in meinem Studium mit dem Thema Kolonialisierung und den daraus folgenden Problematiken, die bis heute noch spürbar und erkennbar sind, beschäftigt. Dabei ist mir als Biochemie-Studentin erstmals aufgefallen, dass es kaum bis gar keine Berührungspunkte mit diesem Thema in meinem Studiengang gibt. Daraufhin setzte ich mich zuerst mit Institutionen, berühmten Personen und Einrichtungen auseinander, die man als Biochemie-Student*in aus dem Studium kennt und mir fiel auf, wie wenig Informationen man zu historischen Verstrickungen findet. Und da stellte sich mir die Frage: Wieso gibt es keinen Ort für eine Art Sammlung solcher Informationen? Man könnte denken, dass eine Universität dafür genau die richtige Plattform sein könnte und trotzdem findet man auch dort keine weiteren Angaben. Und so kam ich zu der Frage, wie gehen Universitäten eigentlich mit ihrem eigenen kolonialen Erbe um? Damit möchte ich diese Abschlussarbeit nutzen, um eine Einsicht in potenzielle Verstrickungen renommierter Universitäten mit dem Kolonialismus zu geben. Dabei möchte ich den Fokus nicht unbedingt auf das legen, was historisch passiert ist, sondern viel mehr einen Blick darauf werfen, wie verschiedene Universitäten bisher ihre historische Rolle im Kolonialismus aufgearbeitet haben und weiterhin planen, dies zu tun. Denn das koloniale Erbe von Universitäten zeigt sich in vielerlei Hinsichten und hat auch heute noch Auswirkungen auf alle mit der jeweiligen Universität involvierten Personen: in den Lehrplänen, an Denkmälern und Gebäuden, sowie in der „Kultur“, die an der Universität ausgelebt wird. Denn noch heute sind auch Ungleichheit und Machtstrukturen innerhalb akademischer Gemeinschaften aktuelle Themen.

2. Internationale Beispiele

2.1 Harvard University

Wohl eine der bekanntesten Universitäten der Welt ist die Harvard University. Sie steht in Cambridge, Massachusetts, beherbergt mehr als 35.000 Student*innen und ist die älteste Universität in den Vereinigten Staaten. [1]

Sklaverei war im kolonialen Massachusetts und an Harvard weit verbreitet. Zwischen 1636 und 1783 hielten Harvard-Mitarbeiter*innen mehr als 70 versklavte Menschen, die auch auf dem Campus arbeiteten und lebten. Die Universität profitierte stark von Spenden, die aus dem Sklavenhandel und der Ausbeutung versklavter Menschen stammten. Ein erheblicher Teil der Spenden im 19. Jahrhundert kam von wenigen Spender*innen, die ihr Vermögen durch Sklaverei erworben hatten. Vom 19. bis ins 20. Jahrhundert förderten prominente Harvard-Professor*innen Rassentheorien und Eugenik, die auf rassistischen Hierarchien basierten und verheerende Folgen hatten. Artefakte dieser Forschungen findet man heute noch in den Sammlungen der Universität. So befinden sich in Harvards Museumssammlungen menschliche Überreste, darunter viele von indigenen Menschen und mindestens 15 von afrikanischer Abstammung. Rassentrennung und Diskriminierung waren an Harvard bis ins 20. Jahrhundert hinein präsent. Dennoch trugen viele afroamerikanische Absolvent*innen maßgeblich zum Kampf gegen Rassismus und zur Förderung der Chancengleichheit bei.

Im Internet findet man neben den üblichen Internetseiten der Universität auch eine mit dem Titel „Harvard & the Legacy of Slavery“, basierend auf einer Initiative, die 2019 von der Universität gestartet wurde und die für ein besseres Verständnis und Aufklärung zur Verstrickung der Harvard University und Sklaverei dienen soll. Hauptbestandteil der Internetseite ist dabei der „Report of the Presidential Committee on Harvard & the Legacy of Slavery”, welcher in 10 Kapiteln aufgeteilt zahlreiche historische Informationen bereitstellt, aber auch die Folgen dieser Ereignisse beleuchtet. Zudem enthält der Report Empfehlungen des Komitees an den Präsidenten und Mitarbeitende der Harvard University, wie sie mit ihrem kolonialen Erbe umgehen sollten und welche Handlungen unternommen werden könnten, um dieses weiterhin aufzuarbeiten.

Der Präsident der Universität hat auf den Bericht hin 2022 ein Statement veröffentlicht, in dem er sich dem Komitee gegenüber für diesen Bericht dankbar erweist und zusagt, dass die Empfehlungen mithilfe eines 100 Millionen US-Dollar Fonds umgesetzt werden sollen.[2]

Ob diese in den letzten zwei Jahren tatsächlich schon umgesetzt wurden, konnte ich nicht genau herausfinden.

Des Weiteren konnte ich auch ein Seminar der Harvard University finden mit dem Titel „Decolonize Harvard?“, welches Fragen zu Rassismus und Kolonialismus an der Universität adressieren soll. Dieses beinhaltet auch verschiedene Aktivitäten wie „Decolonize your syllabus“, wobei besprochen wird wie ein dekolonisierter Stundenplan aussehen könnte.[3]

2.2 Yale University

Die Yale University in Connecticut, in den Vereinigten Staaten, zählt ebenso zu einer der renommiertesten Universitäten weltweit. Sie wurde 1701 gegründet und nach einem ihrer Förderer, Elihu Yale, benannt.[4]

Im Februar 2024 entschuldigte sich die Yale University offiziell für die Verbindungen ihrer frühen Führer*innen und Gönner*innen zur Sklaverei. In Indien geriet dabei eben der Name des Mannes, nach dem die Universität benannt ist, in den Fokus. Elihu Yale war im 17. Jahrhundert Gouverneur der Britischen Ostindien-Kompanie in Madras und wurde durch eine Spende von etwa 1.162£ geehrt, indem die Universität nach ihm benannt wurde. Historiker haben jedoch enthüllt, dass Yale in den Sklavenhandel verwickelt war und davon erheblich profitierte. Er überwachte als Gouverneur von Madras zahlreiche Sklavenverkäufe und verdiente ein beträchtliches Vermögen aus dem Handel. Trotz der Entschuldigung der Universität gibt es jedoch keine Pläne, den Namen der Universität zu ändern.[5]

Ähnlich zur Harvard University findet man im Internet auch von der Yale University eine Seite mit dem Titel „The Yale & Slavery Research Project“, auf der vor allem die Geschichte der Universität und ihre Verstrickungen mit Sklaverei seit etwa dem 17. Jahrhundert dargestellt wird. Auch das „University Statement“ und die daraus folgenden Verpflichtungen, die sich die Universität vorgenommen hat, findet man auf dieser Internetseite.

Zudem wurde eine „walking-tour“ entwickelt, welche besondere Personen, Orte und Momente der historischen Verstrickung der Universität mit Sklaverei hervorheben soll und auf Smartphones heruntergeladen werden kann.

Im Vergleich zum vorherigen Beispiel kann man auf der Internetseite der Yale University allerdings einsehen, inwieweit die Verpflichtungen, die sie sich vorgenommen haben, bereits umgesetzt wurden bzw. in Planung stehen, in den kommenden Jahren umgesetzt zu werden.[6]

2.3 Princeton University

Sich in die Liste von renommierten Universitäten einreihend ist auch die Princeton University in New Jersey in den Vereinigten Staaten. Gegründet wurde diese im Jahr 1746 und auch sie weist in der Vergangenheit Verknüpfungen mit, unter anderem, Sklaverei auf.[7]

Die ersten neun Präsidenten der Universität besaßen alle Sklaven, 1766 fand ein Sklavenverkauf auf dem Campus statt und versklavte Menschen lebten bis etwa 1822 im Präsidentenhaus.

Und wie bei den beiden Universitäten zuvor gibt es auch von der Princeton University ein Projekt, welches die Verstrickung in die Sklaverei untersuchen soll. Das Princeton & Slavery Project untersucht die Verstrickung der Universität in die Institution der Sklaverei. Es erforscht die Sklavenhalterpraktiken der frühen Treuhänder und Fakultätsmitglieder Princetons, betrachtet die Auswirkungen von Spenden, die aus den Profiten von Sklavenarbeit stammen, und beleuchtet die allgemeine Kultur der Sklaverei im Bundesstaat New Jersey, der die Sklaverei erst 1865 vollständig abschaffte. Was die Princeton University auf ihrer Internetseite besonders gut gemacht hat, ist eine sehr ausführliche und einfach einzusehende Liste an Quellen anzugeben, auf denen die Informationen basieren.

Ebenfalls beachtlich ist bei dem Projekt, dass es sich hierbei nicht um eine Initiative handelt, die von einer Kommission der Universität selbst gegründet wurde, sondern, dass es sich zuvor um einen Kurs für Studierende gehandelt hat, der immer weitergewachsen ist. [8]

Auf der Internetseite wird auch angesprochen, was bereits im Rahmen der Aufarbeitung geschehen ist, aber weitere konkrete Ziele und wie bzw. wann diese umgesetzt werden, sind nicht zu finden.

3. Deutsche Beispiele

3.1 Universität Hamburg

Auch die Universität Hamburg, die 1909 gegründet wurde, hat historische Verwurzelungen mit dem Kolonialismus. Das Hauptgebäude der Universität wurde ursprünglich als Kolonialinstitut 1911 errichtet und diente der kolonialen Bildung, die auch nach der Umwandlung in eine Universität 1919 weitgehend beibehalten wurde. Das Kolonialinstitut trug durch seine Lehrinhalte und Forschungen zur Effizienz der kolonialen Unterdrückung bei. Rassistische Vorstellungen und Praktiken wurden auch nach der Umwandlung des Instituts weitergeführt. Die Universität stand bis in die NS-Zeit in enger Verbindung mit kolonialen und rassistischen Ideologien, und auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren koloniale Denkmäler präsent, die erst durch studentischen Widerstand in den 1960er Jahren entfernt wurden. Viele der ursprünglichen Studiengänge, wie Afrikanistik und Orientalistik, existieren noch heute und spiegeln die koloniale Vergangenheit wider. Diese Spuren des Kolonialismus sind auch im Campus sichtbar, beispielsweise durch die nach Kolonialakteur*innen benannten Straßen und das Hauptgebäude, dessen Bau durch koloniale Gelder finanziert wurde.[9]

Was es mit dem Kolonialinstitut auf sich hat, kann man auf der Internetseite des Universität Hamburg einsehen. [10] Weiterhin findet man auf der Internetseite einen Blog mit dem Titel „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ mit zahlreichen Informationen, Terminen und Veranstaltungen. Dabei wird nicht spezifisch nur die historische Verstrickung der Universität Hamburg mit dem Kolonialismus behandelt, sondern soll allgemein Hamburgs koloniales Erbe aufgearbeitet werden. Weiterhin wurde vom entsprechenden Projektverbund eine App für mobile Geräte entwickelt, die sich vor allem auf Rundgänge durch die Stadt konzentriert.[11]

3.2 Freie Universität Berlin

Die Freie Universität Berlin wurde 1948 gegründet und beherbergt mehr als 35.000 Studierende. [12] Und auch wenn es nicht direkt mit dem kolonialen Erbe der Freien Universität Berlin im Zusammenhang steht, stand das Prüfungsbüro der Universität bereits dieses Jahr schon im Fokus. Dieses liegt in der Iltisstraße in Berlin, welche nicht, wie man vermuten könnte, nach dem gleichnamigen Tier benannt ist, sondern nach einem deutschen Kanonenboot.

Zusammen mit der Lansstraße, benannt nach dem Kommandanten der Iltis, und der Takustraße, die ihren Namen von der chinesischen Festung erhielt, welche beim Boxeraufstand 1900 beschossen wurde, erinnern diese kolonialen Straßennamen noch heute an die historischen Ereignisse. Im Juni dieses Jahres wurde eine Umbenennung der Straßen abgelehnt.[13] [14] Eine öffentliche Aufarbeitung der kolonialistisch historischen Verstrickungen in Form eines Blogs, einer Internetseite oder ähnliches, konnte ich bisher noch nicht finden.

Im letzten Jahr stand ebenfalls ein anderes Gebäude der Freien Universität in den Schlagzeilen, doch nicht wegen der Benennung der Straße, in der es steht. Es handelt sich um das ehemalige Kaiser-Wilhelm-Institut in der Ihnenstraße 22 in Berlin-Dahlem. Das Institut widmete sich von 1927 bis 1945 der Anthropologie, menschlichen Erblehre und Eugenik. So wurde es zu einem führenden Zentrum für Humangenetik und der „Rassenlehre“, in dem die Wissenschaftler/innen versuchten, Krankheiten, Verhalten und sogenannte „Rassenmerkmale“ als erblich nachzuweisen. Das Institut spielte eine zentrale Rolle in der Legitimation eugenischer Maßnahmen und forschte auch an den Körpern von Opfern nationalsozialistischer Vernichtungslager. In direkter Nähe zum Standort des ehemaligen Instituts wurden im letzten Jahr, unter anderem, menschliche Knochen entdeckt, die womöglich zu diesen Opfern gehören. [15]

Auf der Internetseite der Freien Universität Berlin findet man einen Beitrag zum Projekt „Geschichte der Ihnenstraße 22“. Das Projekt soll der Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den Ereignissen an diesem Ort und ihren Folgen dienen und im Herbst dieses Jahres installiert und eröffnet werden. [16]

3.3 Universität Göttingen

Die Georg-August-Universität Göttingen wurde 1734 im heutigen Niedersachsen gegründet und zählte in dieser Zeit zu den größeren Universitäten Europas. [17] Einige Wissenschaftler*innen an der Universität Göttingen unterstützten durch ihre Forschungen und das Produzieren von Wissen die koloniale Herrschaft. Viele Forscher wie der Botaniker Albert Peter oder der Astronom Otto Tetens reisten in die Kolonien, wo sie bedeutende Entdeckungen machten, die ihre Disziplinen prägten. Einige blieben in Göttingen und trugen durch die Auswertung von kolonialem Material zur Forschung bei. Ihre Karrieren wurden durch Kolonialismus gefördert, und ihre Arbeit trug zur Legitimierung und Ausweitung kolonialer Strukturen bei.

Auch an Frauen in den deutschen Kolonien wurde geforscht, insbesondere bei den Reisen von Otto Tetens und Alfred Leber. Diese Forschungen waren stark von rassistischen und sexistischen Stereotypen geprägt. Fotografien und Untersuchungen stellten Frauen als exotische, sexualisierte Objekte dar und ignorierten ihre tatsächlichen Lebensumstände. Es wurde „wissenschaftliche“ Forschung und Untersuchungen an Frauen zur Erhöhung der Geburtenrate in den Kolonien betrieben, die die koloniale Herrschaft und die deutsche Geschlechterideologie stützen sollte. Diese Arbeiten hatten langfristig Einfluss auf die westliche Wahrnehmung dieser Frauen.

Zu diesen Ereignissen und noch vielen weiteren historischen Verstrickungen der Universität Göttingen und dem Kolonialismus findet man eine Internetseite mit dem Titel „Universität und Kolonialismus. Das Beispiel Göttingen“. Die Internetseite entstand aus einem Seminar der Universität heraus und soll insbesondere der Aufarbeitung von Zusammenhängen zwischen Wissenschaft und Kolonialismus dienen. [18]

3.4 Universität Tübingen

Im Jahr 1477 wurde die Eberhard-Karls-Universität Tübingen im heutigen Baden-Württemberg gegründet und zählt zu einer der ältesten Universitäten Europas. [19] Im Kaiserreich waren deutsche Universitäten, darunter auch Tübingen, stark in die koloniale Forschung eingebunden. Dabei dienten Wissenschaften, wie Ethnologie, Kolonialgeographie und Tropenmedizin, der Legitimation und praktischen Umsetzung kolonialer Herrschaft. Während der deutschen Kolonialzeit war die Tropenmedizin eng mit der Kolonialmedizin verbunden, die vor allem der medizinischen Versorgung europäischer Kolonisator*innen diente. Das Deutsche Institut für Ärztliche Mission spielte dabei eine zentrale Rolle, da es Missionsärzt*innen ausbildete und eng mit der Universität Tübingen kooperierte. An der Universität Tübingen gab es eine zunehmende Ausdifferenzierung dieser Disziplinen, die sich auch in der Wahl der Rektor*innen widerspiegelte, von denen einige eine koloniale Vergangenheit hatten. Mit dem Nationalsozialismus erlebte die Universität eine Gleichschaltung, die zur Förderung von Disziplinen führte, die im Einklang mit der Ideologie standen, wie Rassenkunde und Kolonialpolitik. Ab 1910, unter der Leitung von Carl Uhlig, verstärkte sich der koloniale Fokus, und das Institut wurde ein Zentrum für kolonialgeographische und auslandsdeutsche Forschung, auch während der NS-Zeit. 

Diese Entwicklungen endeten jedoch mit der nahenden Niederlage im Zweiten Weltkrieg. [20]

Auf der Internetseite der Universität Tübingen findet man im Fachbereich Wirtschaftsgeographie einige Informationen zu der Rolle der Universität in der Kolonialzeit und auch danach noch. Der Beitrag umfasst dabei nicht nur die Universität, sondern auch die Stadt Tübingen selbst.

4. Fazit

Die Abschlussarbeit beleuchtet die komplexen und oftmals problematischen historischen Verstrickungen von Universitäten mit dem Kolonialismus, insbesondere im Hinblick auf die Aufarbeitung dieser Vergangenheit. Er zeigt auf, dass renommierte Universitäten weltweit alle in unterschiedlichem Maße von kolonialer Ausbeutung profitierten und zur Aufrechterhaltung kolonialer Strukturen beitrugen.

In Harvard und Yale ist die Verbindung zur Sklaverei besonders deutlich, wobei beide Universitäten Schritte unternommen haben, um ihre koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten. Initiativen wie das „Harvard & the Legacy of Slavery“-Projekt und das „Yale & Slavery Research Project“ sind Beispiele für den Versuch, diese historischen Verstrickungen transparent zu machen und Empfehlungen für den Umgang mit diesem Erbe zu entwickeln. Im Gegensatz dazu wirkt die Yale University in ihrer Vorgehensweise zwar ähnlich engagiert, doch bleibt die Diskussion um die tatsächliche Umsetzung und die Namensgebung der Universität weiterhin sensibel und umstritten.

Man sieht einen allgemeinen Trend, bei dem diese weltweit bekannten und renommierten Universitäten aus den Vereinigten Staaten eine umfangreiche Arbeit hinsichtlich der Aufarbeitung ihres kolonialen Erbes geleistet haben. Es war nicht schwer direkt von den Universitäten diese Informationen zu finden und die Internetseiten sind sehr ausführlich und umfassend.

In Deutschland weisen die Beispiele der Universität Hamburg, Freie Universität Berlin, Universität Göttingen und Universität Tübingen auf eine lange und tief verwurzelte Verbindung zum Kolonialismus hin, die sich sowohl in der historischen Forschung als auch in der akademischen Kultur dieser Universitäten manifestiert. Während einige dieser Institutionen, wie die Universität Hamburg, durch öffentliche Initiativen und digitale Plattformen versuchen, ihre koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten, ist die Auseinandersetzung mit diesem Erbe in anderen Fällen, wie an der Freien Universität Berlin, weniger transparent und teils noch stark umstritten.

Abschließend muss gesagt werden, dass es sich hierbei um ausgewählte Beispiele handelt. Im europäischen Kontext haben auch weitere Universitäten wie Universität Antwerpen, Universität Amsterdam, Cambridge University und auch Oxford University auf ihren Internetseiten Informationen zu ihrem kolonialen Erbe.

So wie man einen ähnlichen Trend innerhalb der Universitäten der Vereinigten Staaten erkennt, sieht man einen großen Unterschied zwischen dem, was deutsche Universitäten bisher aufgearbeitet haben und was die amerikanischen Universitäten an Informationen bieten. Dabei muss man allerdings den Gründungszeitpunkt und weitere Umstände in den jeweiligen Ländern berücksichtigen. So sind die meisten der bekannten amerikanischen Universitäten sehr früh gegründet worden und haben eine viel tiefere Verstrickung in die Kolonialzeit als viele der deutschen Universitäten. Deshalb gilt es zu hinterfragen, ob es bei vielen der deutschen (und europäischen) Universitäten verhältnismäßig wenig Informationen gibt, weil sie diese bisher nicht aufgearbeitet haben oder weil es nicht viel aufzuarbeiten gibt. Trotzdem muss ich sagen, dass ich von den meisten europäischen Universitäten eher enttäuscht war bei der Suche nach Informationen zu ihrem kolonialen Erbe und es teilweise recht schwierig war, überhaupt etwas zu den historischen Rollen der Universitäten zu finden. Ich denke insbesondere Universitäten bieten eine gute Plattform um sich der historischen Verstrickung bewusst zu werden und diese weiterhin aufzuarbeiten und zu teilen. Sei es als vorgeschriebene Kurse für jeden Studiengang, Aufklärung über soziale Medien und digitale Plattformen oder öffentliche Projekte und Initiativen. Ich finde, dass auch insbesondere in naturwissenschaftlichen Studiengängen Themen wie Kolonialisierung und die daraus entstanden Folgen mehr thematisiert und eingebunden werden sollten.

5. Quellen

[1] Wikipedia-Autoren. (2003a, Juni 20). Harvard University. Abgerufen am 18. August 2024, von https://de.wikipedia.org/wiki/Harvard_University

[2] Harvard & the Legacy of Slavery | Radcliffe Institute for Advanced Study at Harvard University. (o. D.). Radcliffe Institute For Advanced Study At Harvard University. Abgerufen am 18. August 2024, von https://legacyofslavery.harvard.edu/

[3] Decolonize Harvard? (o. D.). Derek Bok Center, Harvard University. Abgerufen am 18. August 2024, von https://bokcenter.harvard.edu/decolonize-harvard

[4] Wikipedia-Autoren. (2004b, März 14). Yale University. Abgerufen am 18. August 2024, von https://de.wikipedia.org/wiki/Yale_University

[5] Pandey, B. G. (2024, 13. März). Elihu Yale: The cruel and greedy Yale benefactor who traded in Indian slaves. Abgerufen am 18. August 2024, von https://www.bbc.com/news/world-asia-india-68444807

[6] Our Forward-Looking commitment | The Yale & Slavery Research Project. (o. D.). Abgerufen am 18. August 2024, von https://yaleandslavery.yale.edu/our-forward-looking-commitment

[7] Wikipedia-Autoren. (2004a, Februar 15). Princeton University. Abgerufen am 18. August 2024, von https://de.wikipedia.org/wiki/Princeton_University

[8] Project history. (o. D.). Abgerufen am 18. August 2024, von https://slavery.princeton.edu/about/project-history

[9] De Lisboa, A. B. /. E. /. M. (o. D.-a). Vom Kolonialinstitut zur Universität | ReMapping Memories Lisboa. ReMapping Memories Lisboa. Abgerufen am 18. August 2024, von https://www.re-mapping.eu/de/erinnerungsorte/vom-kolonialinstitut-zur-universitat

[10] De Lisboa, A. B. /. E. /. M. (o. D.). Vom Kolonialinstitut zur Universität | ReMapping Memories Lisboa. ReMapping Memories Lisboa. Abgerufen am 18. August 2024, von https://www.re-mapping.eu/de/erinnerungsorte/vom-kolonialinstitut-zur-universitat

[11] App: Koloniale Orte (iOS/Android) – Hamburgs (post-)koloniales Erbe. (o. D.). Abgerufen am 18. August 2024, von https://kolonialismus.blogs.uni-hamburg.de/app-koloniale-orte-ios-android/

[12] Wikipedia-Autoren. (2002, 17. Dezember). Freie Universität Berlin. Abgerufen am 18. August 2024, von https://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Universit%C3%A4t_Berlin

[13] Buchholz, B. (2024, 22. Juni). Berliner Lokalparlament lehnt Umbenennung ab: Iltis-, Taku- und Lansstraße behalten ihre kolonialen Namen. Tagesspiegelhttps://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/berliner-lokalparlament-lehnt-umbenennung-ab-iltis-taku-und-lansstrasse-behalten-ihre-kolonialen-namen-11874776.html#:~:text=Die%20Iltisstra%C3%9Fe%20wird%20weiter%20nach,Fr%C3%BChsommer%20des%20Jahres%201900%20beschoss.

[14] Schleiermacher, U. (2022, 19. Juli). Straßenumbenennung an der FU Berlin: Koloniale Kanonenkugel zum Uni-Start. TAZ Verlags- und Vertriebs GmbH. Abgerufen am 18. August 2024, von https://taz.de/Strassenumbenennung-an-der-FU-Berlin/!5868729/

[15] Auf FU-Gelände gefundene menschliche Überreste werden beigesetzt. (o. D.). Rbb24 Website. Abgerufen am 18. August 2024, von https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2023/03/berlin-fu-campus-knochen-fund-bestattung-eugenik-opfer.html

[16] Projekt »Geschichte der Ihnestrasse 22«. (o. D.). Abgerufen am 18. August 2024, von https://www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/gesch-ihne22/index.html

[17] Wikipedia-Autoren. (2003a, September 2). Georg-August-Universität Göttingen. Abgerufen am 18. August 2024, von https://de.wikipedia.org/wiki/Georg-August-Universit%C3%A4t_G%C3%B6ttingen

[18] Kolonial, G. (o. D.). Aktuelles. Abgerufen am 18. August 2024, von https://goettingenkolonial.uni-goettingen.de/index.php/aktuelles

[19] Wikipedia-Autoren. (2003b, November 4). Eberhard Karls Universität Tübingen. Abgerufen am 18. August 2024, von https://de.wikipedia.org/wiki/Eberhard_Karls_Universit%C3%A4t_T%C3%BCbingen

[20] Tropenmedizin in Tübingen | Universität Tübingen. (2022, 12. Juli). Abgerufen am 18. August 2024, von https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/mathematisch-naturwissenschaftliche-fakultaet/fachbereiche/geowissenschaften/arbeitsgruppen/geographie/forschungsbereich/wirtschaftsgeographie/arbeitsgruppe/kolonialismus-in-tuebingen/tropenmedizin-in-tuebingen/


Quelle: Cristina Serrano Quella, Versäumte Aufarbeitung? Der Umgang westlicher Universitäten mit ihrem kolonialen Erbe, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 23.10.2024, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=479

In Sight Podcast

Aimée Doms, Linus Broll, Jonas Pfeifer und Nike Fuchs (SoSe 2024)

Teaser: 

Misogynie tötet. Was in von Frauenhass durchzogenen Onlineforen beginnt, endet in realem Terror.  Männer, die der Überzeugung sind, ohne breiten Unterkiefer keine Zärtlichkeit erfahren zu können, begeben sich nicht selten in Radikalisierungsspiralen und werden Teil der Incel Anschlagserie. 
Unsere Podcastreihe ist ein Versuch der Aufarbeitung.
Triggerwarnung:

Bevor wir beginnen, möchten wir darauf hinweisen, dass dieser Podcast sensible Themen behandelt, die für einige Hörer*innen belastend sein können.
Wir sprechen über die Incel-Community, deren Ideologien und Auswirkungen auf die Gesellschaft. In den kommenden Minuten werden wir auch über Themen wie Femizide, Frustration, Hass und Radikalisierung sprechen.

Es ist also wichtig zu beachten, dass diese Inhalte verstörend sein können und möglicherweise Trigger für Menschen mit persönlichen Erfahrungen in diesen Bereichen darstellen. Wenn du dich unwohl fühlen solltest oder dir Unterstützung wünscht, empfehlen wir dir, diesen Podcast möglicherweise nicht weiter anzuhören. Beratungsstellen, professionelle Hilfe und Ansprechpartner *innen findest du unten in der Beschreibung.

Wir möchten sicherstellen, dass alle unsere Hörer*innen sich sicher und respektiert fühlen. Vielen Dank für euer Verständnis.

Quellen

Bates, Laura (2020). The men who hate women: From incels to pickup artists, the truth about extreme misogyny and how it affects us all. Simon and Schuster. https://www.simonandschuster.co.uk/books/Men-Who-Hate-Women/Laura-Bates/9781398504653 Schuster Ltd

TAZ Artikel: Anschläge von „Incels“: Terroristen oder Würstchen? – taz.de (20.08.2021) https://taz.de/Anschlaege-von-Incels/!5790032/

https://www.washingtonpost.com/news/the-intersect/wp/2015/10/07/incels-4chan-and-the-beta-uprising-making-sense-of-one-of-the-internets-most-reviled-subcultures/

https://www.researchgate.net/profile/Tetyana-Bodnar/publication/378288045_From_Reddit_to_manifestos_Forensic_evaluation_of_incel_online_activity/links/6604434910ca86798715e6a8/From-Reddit-to-manifestos-Forensic-evaluation-of-incel-online-activity.pdf

https://www.deutschlandfunkkultur.de/incel-community-wie-weit-der-hass-gegen-frauen-geht-100.html

https://story.ndr.de/incels/index.html

https://hateaid.org/incels/

https://home-affairs.ec.europa.eu/system/files/2021-08/ran_cn_incel_phenomenon_20210803_de.pdf

https://frauenrechte.de/unsere-arbeit/haeusliche-und-sexualiserte-gewalt/hintergrundinformationen/femizide


Über Podcast Werkstatt: Gender und Diversity in den Techno-Sciences: Von Sexrobotern, Dating Apps und KI 

Wie wollen wir in einer Welt leben, die durch Technik geprägt ist? Inwiefern beeinflussen soziale Ungleichheiten technologische Entwicklungen? Welche Rolle kann Technik spielen, um unsere Welt gerechter zu gestalten und sozialen Ungleichheiten entgegen zu wirken?

In der von Dr. Tanja Kubes geleiteten Podcast-Werkstatt werden aktuelle soziotechnische Themen wie Künstliche Intelligenz, Dating Apps, Social Media, etc. aufgegriffen und deren feministisches Potenzial beleuchten. Dabei wird von den Studierenden Technik nicht nur kritisch analysiert, sondern auch selbst aktiv angewendet und Podcasts produziert.

Diskriminierung und Selbsthass durch rassistisch geprägte Schönheitsideale

Die Körperpolitik des Colorismus

Kim-Margaux Déniel (WiSe 2023/24)

1. Einleitung

Seit Beginn meiner Pubertät haben mich Themen wie das Schminken, Stylen, und die allgemeine eigene Schönheit fast täglich beschäftigt. Sei es früh morgens vor der Schule, nachmittags, bevor ich meine Freund*innen traf, oder auch abends vor Konzerten gewesen – ein „perfektes” Aussehen war in fast allen Bereichen meines Lebens ein sehr wichtiger Aspekt. Ein Thema, welches mich allerdings nie betroffen hat und mir daher größtenteils unbewusst war, beinhaltet die starke Präsenz von diskriminierenden Schönheitstrends, die von rassistischen Werten geprägt sind. Tatsächlich ist mir der Begriff „Colorism” erst seit einigen Jahren bekannt und ist mir auch seitdem erst als ein fortbestehendes, soziokulturelles Problem aufgefallen.

Im Rahmen meines Studiums und nach der Teilnahme am ABV-Modul „Gender, Diversity, Gender Mainstreaming” habe ich mich unter Anderem tiefer mit Rassismus und rassistischer Diskriminierung auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen auseinandergesetzt. Des Weiteren wurde ich für verschiedene Themenbereiche der Diskriminierung stärker sensibilisiert, was dazu führte, dass ich das Phänomen Colorismus kritisch betrachtet und näher analysiert habe. In dieser Analyse werde ich zunächst auf die Begriffsbedeutung und den historischen Kontext von Colorismus eingehen, bevor moderne Beispiele aus mehreren Berichten Colorismus als ein beständiges, allgegenwärtiges und vielschichtiges Problem verdeutlichen. Mit Hilfe von wissenschaftlicher Literatur, welche die Themen Schönheit und Colorismus aus diversen soziologischen Perspektiven behandelt, wird diese Analyse ermitteln, inwiefern Colorismus als ein komplexes, diskriminierendes und höchst schädigendes System fungiert. In diesem Text werde ich hauptsächlich den eingedeutschten Begriff „Colorismus” (vom Englischen „Colorism”) verwenden, welcher sich klar von dem Farbkonzept „Kolorismus” aus der Malerei abgrenzt.

2. Was ist Colorismus?: Begriffsklärung und historischer Ursprung

Der Begriff wurde 1982 von der afroamerikanischen Schriftstellerin Alice Walker geprägt und bezeichnet die „voreingenommene oder bevorzugte Behandlung von Menschen derselben [rassifizierten Gruppe] basierend allein auf ihrer Hautfarbe” (Igwe, 2023). Die Definition des Merriam-Webster Dictionary betont darüber hinaus, dass Menschen mit hellerer Haut gegenüber denen mit dunklerer Haut bevorzugt werden. Hierbei geht hervor, dass Colorismus sich von Rassismus unterscheidet, da er innerhalb von ethnischen und rassifizierten Gruppen stattfindet und somit nur ein bestimmter Teil dieser Gruppen diskriminiert wird. Hinzu kommt, dass Colorismus von allen ethnischen und rassifizierten Gruppen praktiziert wird und dies insofern problematisch ist, dass dadurch Spaltungen innerhalb von verschiedenen Communities, z.B. der Schwarzen Community, entstehen können (Wolf, 2021).

In einem Artikel des Studierendenmagazin der Hochschule der Medien schreibt Samira Igwe über das Stereotyp „Angry Black Woman”, also „das Narrativ der wütenden Schwarzen Frau” (Igwe, 2023), welches Betroffenen das Recht auf Wut abspricht. Samira berichtet von ihrer eigenen Erfahrungen mit dem Stereotyp und nimmt Bezug auf Colorismus, wobei sie anmerkt, dass sie selbst als „lightskinned-Schwarze Frau”[1] weniger ausgegrenzt und diskriminiert wird, als die „darkskinned-Schwarze” Perla Londole, Gründerin der Black Community Foundation in Deutschland, welche oftmals als „Angry Black Woman” abgestempelt wird. Dieses Beispiel verdeutlicht: Je heller die Hautfarbe Schwarzer Personen, desto mehr Privilegien haben sie in einer weißen Mehrheitsgesellschaft, während Schwarze Personen mit dunkler Haut schlechter behandelt werden (Igwe).

Seinen Ursprung hat der Colorismus im Kolonialismus. Im US-amerikanischen Kontext basiert er auf der Versklavung von Schwarzen Menschen. Da versklavte Menschen mit hellerem Teint oftmals Familienmitglieder[2] der Sklavenhalter*innen waren, wurden sie meist bevorzugt. Dies zeigte sich vor allem in den verschiedenen Aufgabenbereichen: während Sklav*innen mit hellerer Hautfarbe oft im Haushalt arbeiteten, mussten andere versklavte Menschen mit dunklerer Hautfarbe schwere Arbeiten auf den Feldern verrichten. Folglich wurde eine helle Hautfarbe unter versklavten Menschen als Vermögenswert angesehen (Nittle, 2021). Daraus lässt sich schließen, dass Colorismus einen klaren rassistischen Ursprung hat und in einer Beziehung zu einer Hierarchie der Klassengesellschaft steht, wobei eine dunkle Hautfarbe immer unterhalb der helleren eingestuft wird.                                             

Die historische Beziehung zum Klassismus wird noch deutlicher hinsichtlich des Colorismus in asiatischen Ländern, wo er bereits vor dem Kontakt mit Europäern und eher aus den Unterschieden zwischen der herrschenden und der Bauernklasse entstand. Die gebräunte Haut von Menschen der Bauernklasse wurde zu einem klaren Merkmal eines unterprivilegierten Status, während ein heller Teint mit der Elite assoziiert wurde (Nittle, 2021). Es ist demnach sehr wahrscheinlich, dass der heutige Colorismus im asiatischen Raum auf dieser Vorgeschichte basiert und weiterhin von kulturellen westlichen Einflüssen verstärkt wird.

3. Colorismus in der heutigen Zeit: ein vielschichtiges „Subsystem”

Mit dem Wissen, dass Colorismus stark mit Rassismus und Klassismus zusammenhängt, ist es nicht verwunderlich, dass dieser sich ebenfalls in vielen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen als präsent und wirkungsvoll erweist. Von medialer Repräsentation, über Einstellungen im Beruf, bis hin zu alltäglichen Dingen wie Seifenspendern und Snapchat Filtern, die dunkle Haut nicht als menschlich identifizieren. Diese Allgegenwärtigkeit deutet auf ein systematisches Machtgefüge hin, dessen Funktionsweise Prof. Dr. Maisha-Maureen Auma darin sieht, “hierarchisch zu positionieren, zu marginalisieren und auszuschließen” (Auma, 2020).                                                                                                           

Des Weiteren bezeichnet die Professorin Colorismus als ein Subsystem bzw. eine bedeutende Technik der rassistischen Ordnung, welche dazu dient, Rassismus durch Unterschiede der Hautpigmentierung zu begründen. Folglich liegt es für weiße Privilegierte somit in der Natur, und nicht am Menschen, dass Schwarze Menschen rassifiziert werden. Negative Eigenschaften wie  Kriminalität, Faulheit und Emotionalität wurden in weißen Mehrheitsgesellschaften historisch mit Schwarzen Menschen assoziiert, wobei die Hautfarbe „zu einer folgenreichen Unterscheidungskategorie aufgeladen” wurde (Auma, 2020).        

Das bereits erwähnte Stereotyp „Angry Black Woman” ist ein klares Beispiel dafür, wie sich bestimmte Assoziationen mit dunkler Hautfarbe in medialer Repräsentation sowie in zwischenmenschlichen Interaktionen offenbaren und widerspiegeln. Ein wiederkehrendes Motiv in Serien und Filmen ist die lightskinned Frau, welche oftmals als sehr hübsch, freundlich, und wohlerzogen dargestellt wird, wohingegen ihre darkskinned Freundin entgegengesetzte Eigenschaften präsentiert, sprich Boshaftigkeit, Unerzogenheit und Verbitterung.   

In der US-amerikanischen Netflix Serie Dear White People (2017-2021) wird das Stereotyp der „Angry Black Woman” zum Teil von der Figur Joelle Brooks verkörpert, dessen beste Freundin und Hauptfigur Samantha White ein „lightskin privilege” besitzt. Auch durch Coco Conners, eine weitere Freundin von Samantha, wird Colorismus in der Serie deutlich und kritisch behandelt. Während die Aktivistin Samantha versucht, ihr eigenes lightskin und „white privilege”[3] zu überkompensieren (Willer, 2021), indem sie sich besonders stark für die Schwarze Community und das Black Movement an ihrer Universität engagiert, hält Coco sich diesbezüglich zurück. Da sie aus armen Familienverhältnissen kommt und als darkskinned Frau sehr viel unterprivilegierter ist als lightskinned Frauen*, musste sie lernen, sich der weißen Gesellschaft anzupassen. Ein Merkmal, welches dies veranschaulicht, sind Coco’s glatte, unnatürliche Haare, die im Gegensatz zu den natürlichen Haaren von Samantha stehen.

Das Thema Haare wird unter anderem in der Serie thematisiert, als die beiden Freundinnen sich über ihre unterschiedlichen sozialen Privilegien streiten. Diese dargestellte Selbstreflexion führt dazu, dass Samantha ihr lightskin Privileg als solches erkennt und sich bei Coco für ihre frühere Ignoranz entschuldigt.

Es wird demnach deutlich, dass der Colorismus oft über Hautfarbe hinausgeht, und Haarstruktur ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Das vorherrschende rassistische und klassistische europäische Schönheitsideal ist im Colorismus zentral. In den folgenden Sektionen werde ich anhand von persönlichen Berichten und einem viralen Modetrend näher auf die Beziehung zwischen gesellschaftlichen Vorstellungen von Schönheit und Colorismus eingehen.              

3.1. Je weißer, desto schöner”: Colorismus als Schönheitsmaßstab

In ihrem TEDx Talk „Confessions of a D Girl: Colorism and Global Standards of Beauty” (dt.: „Geständnisse eines D Girls: Colorismus und globale Schönheitsstandards”) aus dem Jahr 2016, spricht Chika Okoro über die schädigenden Auswirkungen von Colorismus auf Selbstliebe und das Selbstwertgefühl von schwarzen Frauen* mit dunklem Hautton. Zunächst berichtet sie von ihrer Entdeckung der überaus problematischen Maßstäbe für bestimmte Rollen in dem Film Straight Outta Compton (2015). Die Kategorien im Casting-Aufruf verdeutlichen ihr, dass sie unter die letzte Kategorie der „D girls” fällt, welche sich auf arme schwarze Frauen bezieht, die in „keiner guten Form” sind und einen dunkleren Hautton besitzen müssen. Konträr dazu setzen die vorherigen Kategorien (A-C) hellere Hauttöne sowie natürliches langes Haar voraus, wobei die Kategorie der “A girls” sich auf die “heißesten Models” bezieht.                                                                        

Chika Okoro beschreibt ein Gefühl des Verrats, welches sie durch die Realisierung überkommt, dass es ihr selbst innerhalb einer rassifizierten Gruppe, die ohnehin schon selten auf der großen Leinwand repräsentiert wird, verwehrt wird, sich schön zu fühlen. Doch dieses Gefühl wird zu einer zwangsläufigen Akzeptanz, da subtiler Colorismus ihr in nahezu allen Lebensbereichen deutlich wird. Weniger subtil sind hingegen Testmethoden wie der Papiertüten-Test, um Hauttöne zu prüfen, der Stifttest, welcher Haarstrukturen prüft, und der Schattentest, um Gesichtsmerkmale abzugrenzen. Diese Methoden werden unter anderem von Elite-Gruppen (bspw. US Schwesternschaften) genutzt, um Personen und vor allem Frauen*, welche zu weit von den äußerlichen europäischen Körpermerkmalen abweichen (d.h. dunklere Hautfarbe, krauses Haar, ‘nicht weiße’ Gesichtszüge), auszugrenzen.

Auch hiermit wird erneut klar, dass Colorismus neben der Hautfarbe alle äußerlichen Merkmale mit einbezieht, welche ein gewisses Schönheitsideal widerspiegeln. Durch die historischen Auswirkungen des Kolonialismus sind Haar-Differenzierungen bis heute bei schwarzen Frauen, wie Schönheitsideale und Weiblichkeit verbunden. Dies reflektiert die Aufrechterhaltung rassistischer Gegensätze, wobei die ‘gerade Haar-Regel’ als Bestandteil kolonialer und rassistischer Ideologien dient (Ellis & Destine, 2023, S.8).

In dem Buch Projekt Körper: Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt (2009) spricht Waltraud Posch von der Entstehung von Körperklassen im Neoliberalismus, welche bestimmte Körperideale bevorzugen und andere durch Selektionsmechanismen ausgrenzen. Das dadurch gebildete System der Attraktivität beeinflusst die soziale Hierarchie, in welcher Schönheit sich als eigene Klasse etabliert hat (Posch, 2009, S.64-65). Daraus lässt sich schließen, dass vorherrschende Schönheitsideale direkt mit einer Einstufung in gesellschaftliche Klassen einhergehen, wobei unerwünschte Körper abgewertet und ausgeschlossen werden. Des Weiteren sorgen möglichst unerreichbare Normen dafür, dass diejenigen, die sie erreichen, als „besonders gut, toll, fit, [und] erfolgreich” gelten (Posch, S.65). Je weniger Menschen sich also dem Idealkörper nähern können, desto erfolgreicher sind die körperlich Erfolgreichen.      

In den Fällen von Chika Okoro und dem fiktiven Charakter Coco Conners wird diese Einstufung, wie sich zeigt, neben dem Rassismus sehr stark vom Colorismus bestimmt. Beide Beispiele werfen ein Licht darauf, wie tief coloristische Wertvorstellungen in der Gesellschaft verankert sind und dass diese sich vehement auf das Selbstwertgefühl von jenen auswirken, die aus der ‘Schönheitsnorm’ fallen. Ein wesentlicher Aspekt hierbei ist, dass Körperlichkeit, im Sinne von Mode oder grundlegender Körperdimensionen, eine entscheidende Rolle bei der Schaffung und Darstellung von Identität spielt. Sei es die Wahl der Kleidung, die Nähe zu Schönheitsstandards, oder die Inszenierung der Persönlichkeit durch Mode und Körperlichkeit – all das trägt zur Identitätsbildung bei (Posch, 2009, S.37). Daher ist es nicht verwunderlich, wenn auch problematisch, dass viele Menschen mithilfe von kostspieligen und/oder sogar gesundheitsschädlichen Mitteln versuchen, dem idealen Aussehen so nahe wie möglich zu kommen.

3.2. Obsession Weiß-sein”: Auswirkungen auf persönliches Handeln

Wie bereits erwähnt, ist Colorismus ein globales Phänomen, welches People of Color aus unterschiedlichen Regionen und Kulturen betrifft. Neben Chika Okoro’s US-bezogenen TEDx Talk gibt es noch viele weitere Berichte über Colorismus von Menschen und Frauen* unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Beispielsweise berichtet Bianca Punzalan von Colorismus in den Philippinen, und Waseka Nahar spricht über ihre Erfahrungen als “brown girl” in Südasien. Beide Sprecherinnen thematisieren die großflächige Vermarktung und Begünstigung von weißer Haut durch hautaufhellende Cremes und Mittel. Auch die exzessive Verwendung von Sonnencreme soll in den Philippinen nicht bloß gesundheitsbedingt sein, sondern hängt laut Punzalan sehr stark mit dem Schönheitsideal heller oder weißer Haut zusammen.                                                                                                          

In Punzalan’s Bericht (2021) wird deutlich, wie sehr sich das Verinnerlichen und Bewerben dieses Ideals von der eigenen Familie auf junge Menschen auswirken kann. Da braune Haut in den Philippinen als “dreckig, hässlich, und arm” betrachtet wird und oft Sprüche fallen wie „Du bist hübsch, für eine dunkle Person”, hat Punzalan zwangsläufig versucht, sich dem Schönheitsideal trotz schmerzhafter Methoden immer weiter zu nähern. Auch die beiden Schweizerinnen Dhiviyaa Satkunanathan und Claire Bengue erzählen in der Reportage „Hau(p)tsache hell – Das Geschäft mit dunkler Haut” (2021) von ihren zwanghaften, familiär geförderten Versuchen, einen helleren Hautton durch Bleichcremes und Seifen zu erreichen. Dies verursachte bei Bengue einmal eine Hautverbrennung. Ein permanentes negatives Feedback zur „zu dunklen” Hautfarbe führt demnach häufig dazu, dass Betroffene trotz eigener Gesundheitsgefährdung mit Hilfe von entsprechenden (und weit verbreiteten) Produkten und Methoden alles versuchen, um ihre Haut aufzuhellen.

Daraus lässt sich also folgern, dass rassifizierte Schönheit eine Kommodifizierung heller Haut mit sich bringt, was die Hautaufhellungsindustrie zu einem Millionen-Dollar-Geschäft macht. Zudem fördern coloristische Ideale und deren Vermarktung die Selbstabwertung betroffener Menschen sowie das weiße Überlegenheitsdenken als Begleiter des europäischen Kolonialismus (Ellis & Destine, 2023, S.7). Im asiatischen Raum steht helle Haut für Modernität und soziale Mobilität, weshalb weißes Bleipulver von asiatischen Frauen* der Oberschicht historisch oft verwendet wurde (Ellis & Destine, S.9). Demzufolge kann Colorismus als ein Subsystem des Rassismus betrachtet werden, welches sich auf die komplexen Strukturen des Klassismus, Sexismus, und Kapitalismus stützt, und somit durch mehrere zusammenhängende Faktoren weitergeführt wird.

Waltraud Posch betont, dass Körpermanipulationen als Mittel zweier gegensätzlicher Verhaltensweisen dienen: zum einen der Unterwerfung und zum anderen der Selbstbestimmung. Somit können sie gleichzeitig für Unterdrückung sowie für Freiheit stehen (Posch, 2009, S.166). Des Weiteren muss klargestellt werden, dass Schönheitshandeln kein privates Handeln ist, denn es „verlangt nach dem Blick der anderen und ist ein Akt der Kommunikation” (Posch, S. 166). Ebenso wenig stellt Schönheitshandeln reinen Spaß, reine ‘Frauensache’, oder bloß ein Oberflächenphänomen dar; denn tatsächlich ist es ein identitätsstiftender Akt (Posch, S. 166).

Die vorgestellten Fälle dienen dafür als klare Beispiele. Colorismus ist zwar häufig ein geschlechtsspezifisches Phänomen, welches Frauen* überproportional betrifft (Ellis & Destine, 2023, S.2), jedoch kann er ebenso von Menschen aller Geschlechtszugehörigkeiten erfahren werden. Der Zusammenhang von sozialem Geschlecht und dunkler Hautfarbe kann hier, wie auch in einigen Formen des Rassismus, auf gesellschaftliche Vorstellungen von Schönheit und Weiblichkeit zurückgeführt werden. In diesem Kontext können Methoden der Hautaufhellung eine Unterdrückung im Sinne der Konformität (Weiß-sein = „schön” sein) widerspiegeln, was jedoch für einige gewisse Freiheiten mit sich bringt. Wenn hellere Haut soziale Inklusion und bessere Behandlung bedeutet, wird sie als ein Kapital gesehen, welches eindeutig mehr Chancen und Privilegien bietet als dunklere Haut. Ob dies echte Freiheit darstellt, gilt definitiv zu hinterfragen. Vielmehr mögen die positiven Effekte derartiger Körpermanipulationen eine Freiheit vortäuschen, die auf höchst problematischen sozialen Dynamiken und Werten basiert, und das auf Kosten des Selbstwertgefühls und der körperlichen Akzeptanz.

4. Fazit: Social-Media Einfluss: Was ist vor allem heute wichtig?

Das heutige Zeitalter der „Social Media Generation” bietet eine riesige Fläche für die regelmäßige Verbreitung bestimmter Bilder und Einflüsse, weshalb das Internet als relevantes und integrales Kulturobjekt gilt. Von User*innen und prominenten Personen, die gewisse Körper, Standards, und Ästhetiken präsentieren, bis hin zu Fotobearbeitungstools, durch welche Selfies schnell und einfach „verschönert” oder gar verfremdet werden können – ein Entkommen der modernen Schönheitsideale ist nahezu unmöglich. Auch im Kontext des Colorismus stellen scheinbar harmlose, hautaufhellende Gesichtsfilter, oder Trends wie der „Clean Girl Look”[4] eine gefährliche Kontinuität der bereits bestehenden (selbst)abwertenden Ansichten und Praktiken dar. Umso wichtiger ist es, öffentliche Inhalte und Plattformen einerseits kritisch zu betrachten und andererseits als Tool für mehr Aufklärung, Sichtbarkeit, und Diversity-Förderung wahrzunehmen.

Literaturverzeichnis / Referenzen

Auma, M.-M. (2020, July 27). Maisha-Maureen Auma: “Rassismus Hat übrigens nichts mit der Hautfarbe zu tun.” ZEIT Campus. https://www.zeit.de/campus/2020-07/maureenmaisha-auma-erziehungswissenschaftlerin-colorism-schwarze-community-rassismus. 

Ellis, N. P., & Destine, S. (2023). Color capital: Examining the racialized nature of beauty via colorism and skin bleaching. Sociology Compass, 17(8), e13049.

Igwe, S. (2023, December 7). Wer hat Angst vor der Schwarzen Frau?. edit. Magazin. https://www.edit-magazin.de/wer-hat-angst-vor-der-schwarzen-frau.html.

Nahar, W. (2019, May 1). Finding Self Love in a World of Colorism | Waseka Nahar | TEDxEMWS. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=iNFX26_5NIY.

Nittle, N. K. (2021, February 28). The Roots of Colorism, or Skin Tone Discrimination. ThoughtCo. https://www.thoughtco.com/what-is-colorism-2834952

Okoro, C. (2016, May 23). Confessions of a D girl: Colorism and Global Standards of Beauty | Chika Okoro | tedxstanford. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=fvoWoMIwr-g&t=192s.

Posch, W. (2009). Projekt Körper: Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt. Campus. 

Punzalan, B. (2021, June 2). Colorism in the Philippines | Bianca Punzalan | TEDxMoreauCatholicHS. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=dbK4yyUTie0&t=73s.

Urbančik, J. (2024, April 5). Gründe, warum du den Clean Girl Look nicht nachstylen solltest. wmn. https://www.wmn.de/beauty/fashion/clean-girl-look-problematisch-a-did421334

Willer, M. (2020, June 17). The Women in “Dear White People.” FemCinema. https://femcinema.home.blog/2020/06/17/the-women-in-dear-white-people/

Wolf, F. (2021, February 19). Colorism: Ein Gefährliches Überbleibsel des Kolonialismus. wmn. https://www.wmn.de/buzz/colorism-bedeutung-id34489

Yogarasa, S. (2021, May 25). Hau(p)tsache Hell – Das Geschäft mit dunkler haut. colorism. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=DY8HyjJpwr8&t=1s.


[1] „lightskinned” beschreibt eine Schwarze Person mit vergleichsweise hellem Hautton, während „darkskinned” sich auf Schwarze Personen mit dunklerem Hautton bezieht. Die Begriffe werden auch im deutschen Diskurs verwendet, u.a. von der Erziehungs- und Genderwissenschaftlerin Prof. Dr. Maisha-Maureen Auma. Sie betont, dass solange die deutsche Sprache noch nicht genug für die anerkennende Beziehung zwischen Schwarzen Menschen und ihren Körpern hergibt, englische Begriffe benutzt werden müssen (zeit).

[2] Kinder von versklavten Menschen und Sklavenhalter*innen waren meist das Ergebnis von sexuellen Übergriffen, bei dem die versklavten Menschen zum Geschlechtsverkehr gezwungen wurden.

[3] Samantha White ist die Tochter einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters, und somit “biracial”.

[4]„Clean Girl Look”: eine Stil-Ästhetik, die minimales und ‘sauberes’ Make-Up sowie Kleidungs- und Lebensstil darstellen soll. Er wurde mehrfach dafür kritisiert, dass er ausgrenzend, und ausschließlich auf ‘hübsche’, dünne, und weiße Frauen* ausgerichtet sei. Vor allem das schlichte Make-Up wurde von Schwarzen Creator*innen als spezifisch für weiße Menschen bezeichnet (Urbancik, 2024).


Quelle: Kim-Margaux Déniel, Diskriminierung und Selbsthass durch rassistisch geprägte Schönheitsideale: Die Körperpolitik des Colorismus in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 08.07.2024, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=459

Femmephobia in der Gesellschaft und in queeren Communities

Victoria Reichenbacher (WiSe 2023/24)

Vorbemerkung: Analog zu Begriffen wie Queerphobie, Transphobie oder Homophobie wäre die Wortbildung mit „-phobie” im Deutschen irreführend, da es sich bei all diesen Beispielen nicht um klassische Ängste im Sinne einer Phobie handelt, sondern um ablehnende Einstellungen und Haltungen. Daher werde ich im Folgenden ausschließlich den englischen Begriff Femmephobia verwenden.

Femme als Identifikation und Femmephobia

Bevor wir definieren können, was Femmephobia ist und wie ihre Manifestationen in queeren Communities aussehen können, ist es notwendig zu definieren, was „femme“ ist und wo die Unterschiede z.B. zu Feminität liegen. Rhea Hoskin definiert „femme“ als eine Identität, die sowohl Feminität unabhängig von einem als weiblich gelesenen oder definierten Körper umfasst, als auch Feminität, die gesellschaftlich sanktionslos dargestellt werden kann (Blair & Hoskin, 2015, S.232).
Unsanktionierte Feminität soll hier als patriarchale Feminität bezeichnet werden, was bedeutet, dass nur jene Feminität gesellschaftlich akzeptiert ist, die von weißen, able-bodied, heterosexuell verfügbaren cis-Frauen im biologisch-deterministischen Verständnis performativ hergestellt wird (Blair & Hoskin, 2015, S.232). Femme umfasst also nicht nur diese Definition von patriarchaler bzw. essentieller Feminität, sondern auch Abweichungen oder Ablehnungen ebendieser, z.B. durch die Performanz von Feminität durch andere Geschlechtsidentitäten, also z.B. von Trans*-Personen, nicht-binäre oder sich als männlich identifizierende Personen. Ausführliche Definitionen, Abgrenzungen und Diskussionen zu Femme finden sich u.a. in Hoskin (2013) und werden hier aus Platzgründen nicht weiter ausgeführt.

Femmephobia ist demnach die Ablehnung von gesellschaftlich als weiblich oder feminin konnotierten Eigenschaften, Verhaltensweisen, Gesten, Sprachelementen, modischen Vorlieben etc. insbesondere, aber nicht ausschließlich, wenn diese außerhalb der essentiellen Feminität liegen. Es handelt sich also um eine systematische Abwertung und gleichzeitige Regulierung von Femininität (Hoskin et al., 2023, S.193).
Dabei ist es wichtig, Femmephobia von anderen Formen der Unterdrückung wie Misogynie oder Sexismus abzugrenzen, auch wenn sich diese Unterdrückungsmechanismen oft überlagern und gleichzeitig stattfinden. Während sich Misogynie und im Wesentlichen auch Sexismus gegen Personen richten, die als weiblich gelesen werden (unabhängig davon, ob diese Feminität performen), richtet sich Femmephobia gegen performante Feminität, unabhängig von der eigenen oder zugeschriebenen Geschlechtsidentität (Hoskin et al., 2023, S.193).

Ausprägungen von Femmephobia

Rhea Hoskin, die in den letzten Jahren die Femme-Theorie und das Phänomen der Femmephobia maßgeblich erforscht und wissenschaftlich-theoretisch weiterentwickelt hat, definiert verschiedene Erscheinungsformen der Femmephobia: die strukturelle oder verdeckte Femmephobia, die offene Femmephobia, die Femme Mystification und die moralische Femmephobia {Anm. d. Verf.: freie Übersetzung von “pious femmephobia”} (Hoskin, 2013).

Strukturelle oder verdeckte Femmephobia sind Alltagspraktiken in Form von Sprache, Ideologie oder Gendering, z.B. “Du siehst nicht aus wie eine Lesbe”. Offene Femmephobia hingegen ist die explizite Ablehnung von Feminität, z.B. die Formulierung “no fems” auf Grindr-Profilen von MSM (Männer, die Sex mit Männern haben), die klar die Ablehnung von Feminität bei potentiellen Dates zum Ausdruck bringt (Blair & Hoskin, 2015, S.232).
Unter Femme Mystification versteht Hoskin die Herabsetzung oder Objektifizierung von Personen, die femme Charakteristika aufweisen, z.B. wird freizügigere Kleidung damit assoziiert, dass die Person käuflich oder leicht zu haben sei (Blair & Hoskin, 2015, S.232). Moralische Femmephobia schließlich umfasst Ausprägungen wie Slut-Shaming, Victim-Blaming oder Gender Policing, die darauf abzielen, eine “anständige Weiblichkeit” bzw. eine essentielle / patriarchale Feminität durchzusetzen (Blair & Hoskin, 2015, S.232).

In einer weiteren umfassenden Studie konnte Hoskin (2019) neben dem übergeordneten Frame, dass die Performanz von Feminität das Ziel von Femmephobia ist, verschiedene Subframes identifizieren. Femmephobia äußert sich zudem in Form der Regulierung sexueller Identitäten, der Morphologie und des biologischen Determinismus, „masculine right of access“ (auf eine Übersetzung wird verzichtet), feminine joke und Femininität und Passing (Hoskin, 2019, S.691).


Die Regulierung sexueller Identitäten umfasst wiederum Maßnahmen wie Slut-Shaming, Virgin-Shaming oder Victim-Blaming sowie grundsätzlich die Regulierung der heterosexuellen Matrix durch Femmephobia, meist in sprachlicher Form. Ziel ist die Aufrechterhaltung der männlichen Überlegenheit in der Geschlechterhegemonie und die Aufrechterhaltung patriarchaler Feminität.


Besonders deutlich wird dies in der Sprache: Feminität soll (sexuelle) Avancen akzeptieren, aber nicht eigenständig handeln. Wehrt sich eine Femme-Person gegen solche Avancen oder lehnt sie ab, wird sie z.B. als “bitch” oder prüde betitelt. Geht sie hingegen darauf ein oder ergreift sogar die Initiative, um ihre eigenen Interessen oder Wünsche zu verwirklichen, wird sie z.B. als “slut” oder “billig” bezeichnet (Hoskin, 2019, S.691/692). Es wird also deutlich, dass es einen sehr kleinen Bereich gibt, nämlich die essentielle Feminität, der für Femme-Personen als gesellschaftlich akzeptabel angesehen wird. Deviationen in irgendeine Richtung von diesem Bereich werden durch Femmephobia in dieser Ausprägung effektiv stigmatisiert. Wichtig ist hier die zentrale Komponente von Femininität unabhängig von der Geschlechtsidentität: Abstinenz wie Promiskuität sind für maskuline Identitäten nicht stigmatisiert (Hoskin, 2019, S.692) bzw. werden gesellschaftlich sogar als aufwertend wahrgenommen. Noch deutlicher wird diese Ausprägung im Victim Blaming, bei dem z.B. die Kleidungswahl einer femininen Person für sexuelle Übergriffe verantwortlich gemacht wird oder feminine schwule Männer aufgrund ihrer „unmaskulinen” Außendarstellung für Homofeindlichkeit verantwortlich gemacht werden (Hoskin, 2019, S.692).

Der Bereich Morphologie und des biologistischen Determinismus umfasst Assoziationen, die Feminität mit (cis-)weiblicher Geschlechtsidentität und Maskulinität mit (cis-)männlicher Geschlechtsidentität und dem damit verbundenen stereotypen Erscheinungsbild gleichsetzen. Ein stereotyp kräftiger männlicher Körper soll bzw. muss demnach auch Maskulinität ausstrahlen, während ein stereotyp zarter weiblicher Körper Feminität verkörpern soll. Wird von dieser Kombination aus Morphologie und Performanz abgewichen, erfolgt der Sanktionsmechanismus in Form von Femmephobia (Hoskin, 2019, S.693).

Unter dem Frame „masculine rights of access“ lässt sich im Wesentlichen die Annahme zusammenfassen, dass Feminität (gleich welchen Genders) ausschließlich dazu dient, heterosexuellen Männern bzw. dem männlichen Blick (male gaze) zu gefallen und zu entsprechen (Hoskin, 2019, S.694-696). Dies kann verschiedene Formen annehmen, zum Beispiel, dass lesbische Personen als Lustphantasie für Männer dienen (und dafür ganz selbstverständlich zur Verfügung stehen), dass die sexuelle Orientierung aufgrund des Femme-Seins in Frage gestellt wird, dass eine weibliche Femme-Person als „zu schade“ für gleichgeschlechtliche Beziehungen angesehen wird oder dass die eigene Maskulinität durch die Anwesenheit einer Femme-Person in Frage gestellt wird (Hoskin, 2019, S. 695-696).

Feminine Joke (Hoskin, 2019, S.696/697) fasst Formen von Femmephobia zusammen, die Witze oder “humorvolle” Kommentare verwenden und oft als harmlos dargestellt werden und nicht zuletzt immer die Möglichkeit bieten, die Aussage als nicht ernst gemeint zu revidieren oder herunterzuspielen. Verbreitete Themen sind “butch in the streets, femme in the sheets” oder “Mann in Frauenkleidern”, die beide auf die Unterlegenheit von Feminität abzielen und Ansatzpunkte für Lächerlichkeit bieten. Eng damit verbunden sind auch Aspekte von Femininität am Arbeitsplatz oder in der Wissenschaft. Beides sind Bereiche, in denen die offene Darstellung von Femininität nach wie vor häufig mit geringerer Intelligenz, Kompetenz oder Qualifikation assoziiert wird (Hoskin, 2019, S.697).

Der letzte Frame schließlich bezieht sich auf Feminität und Passing. Dies ist besonders häufig in intersektionalen Kontexten anzutreffen, z.B. bei trans*weiblichen Personen, von denen oft eine Hyperfeminität erwartet wird, um als Frau akzeptiert zu werden. Während diese Performanz von Feminität einerseits validierend sein kann (in Form von Akzeptanz), stellt sie gleichzeitig eine starke Einschränkung der eigenen Repräsentation und Identität dar: „zu wenig“ ist nicht  „trans* genug“, „zu viel“ wird als Lächerlichmachen von Trans*-Identitäten wahrgenommen (Hoskin, 2019, S.698). Ähnliches gilt z.B. für cis-lesbische Femmes in queeren Räumen, denen aufgrund ihres femme Erscheinungsbildes abgesprochen wird, queer zu sein. Dies führt zu Ausgrenzungsphänomenen, da sich die Person weder heteronormativen noch queeren Räumen zugehörig fühlt (Hoskin, 2019, S.698/699).

Reaktionen von Betroffenen auf Femmephobia

Wie reagieren nun Betroffene auf diese Formen der Femmephobia? Hoskin et al. (2023) haben dies untersucht und festgestellt, dass die Mehrheit der Betroffenen mit einer zumindest partiellen Unterdrückung der Feminität reagiert, oft selektiv je nach Situation, z.B. am Arbeitsplatz (Hoskin et al., 2023, S.196-199). Eine immer noch relativ großer Anteil reagierte mit Nicht-Änderung. Eine wichtige Erkenntnis dieser Untersuchung war, dass die Nicht-Änderung bewusst und als Agency erfolgt. Es handelt sich also keineswegs um eine mangelnde Wahrnehmung oder von Femmephobia, sondern um die bewusste Entscheidung, sich und die eigene Performanz nicht aufgrund äußerer Einflüsse und Rückmeldungen einschränken zu lassen oder verändern zu wollen (Hoskin et al., 2023, S.199/200). Nur ein verschwindend geringer Teil der Betroffenen reagierte auf die Femmephobia mit verstärkter femininer Performanz. Diese Personen identifizierten sich alle als queer (Hoskin et al., 2023, S.199).

Nachdem wir nun gesehen haben, was Femmephobia ist und wie gesamtgesellschaftlich wirkmächtig sie ist, um patriarchale Feminität zu stützen und davon abweichende Formen zu unterdrücken, wollen wir nun konkreter darauf eingehen, ob und wie Femmephobia in lesbischen und schwulen Communities existiert, sich äußert und wahrgenommen wird.

Femmephobia in lesbischen Communities

Lange Zeit existierte in lesbischen Communities, aber auch in weiten Teilen der feministischen Literatur und Wissenschaft, die Annahme, dass Femme-Identitäten mit internalisierter Homofeindlichkeit, der Reproduktion patriarchaler Feminität (und damit der Unterordnung von Feminität unter Maskulinität) und mangelnder Bereitschaft, sich zu outen, verbunden sind (Gunn et al., 2021, S.2). Zudem wurde femme oft nicht als eigenständige Ausdrucksform akzeptiert, sondern nur als Gegenform zu butch (Gunn et al., 2021, S.2). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Femme-Identifikation sowohl in Teilen der queeren Community als auch in der Gesellschaft im Allgemeinen als unauthentisch wahrgenommen wurde und teilweise wird, wodurch die Betroffenen und ihre Lebensrealitäten ignoriert oder unsichtbar gemacht werden (Gunn et al., 2021, S.2).

Gunn et al. (2021) untersuchen, inwiefern insbesondere die Annahmen der internalisierten Homofeindlichkeit und des geringeren Outings mit der eigenen Performanz von Feminität zusammenhängen, indem sie sich als queer identifizierende Personen, die sich als butch, androgyn oder femme identifizieren, diesbezüglich in SCT-Diagrammen (Sexual Configuration Theory, vgl. van Anders, 2015) einordnen ließen. Es konnte kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Performanz von Feminität und internalisierter Homofeindlichkeit und Outing-Tendenz festgestellt werden (Gunn et al., 2021, S.5-9). Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass sich queere Identitäten heute stärker individuell ausdifferenzieren und nicht mehr gängigen Stereotypen entsprechen, und dass diese Ausprägungen eher mit der individuellen Performanz von Feminität zusammenhängen als mit der Zuordnung zu einer bestimmten sexuellen Identität oder Präferenz (Gunn et al., 2021, S.9-11).

Dennoch ist dieser Wandel ein langsamer Prozess und Femmephobia ist in queeren Communities nach wie vor weit verbreitet. Blair & Hoskin (2015) haben in einer umfassenden Studie (Blair & Hoskin, 2015, S.233/234) die verschiedenen Typen von Femmephobia in queeren Communities untersucht.
Viele Personen beschrieben den Prozess des Coming-out als Femme als belastend und identitätsentwertend. Unsichtbarkeit, die Privilegierung maskuliner oder butch-Identitäten, das Fehlen einer sichtbaren Repräsentation von Femmes und der Druck, vermeintlichen Stereotypen entsprechen zu müssen, sind die häufigsten Manifestationen (Blair & Hoskin, 2015, S.235/236). Nach Blair & Hoskin führt dies häufig zu einem Prozess, den sie als “feminine-butch-femme”-Prozess bezeichnen: Personen zeigen ursprünglich eine starke (oft patriarchale) Performanz von Femininität, versuchen aufgrund der oben genannten Faktoren eine Butch-Identität zu performen, stellen fest, dass diese für sie unauthentisch ist und entwickeln in der Folge eine bewusste Femme-Identität und Performanz (Blair & Hoskin, 2015, S.236/237).

Unsichtbarkeit, strukturelle Femmephobia und die Infragestellung der eigenen Queerness bzw. Authentizität durch Teile der queeren Community, Beziehungspartner und die Gesellschaft im Allgemeinen wurden von den meisten Befragten wahrgenommen (Blair & Hoskin, 2015, S.237-239). Moralische Femmephobia wurde ebenfalls stark wahrgenommen, z.B. in der Zuschreibung von Schwäche, geringerer Kompetenz oder Unterordnung mit Femme-Performanz (Blair & Hoskin, 2015, S.239).

Offene Femmephobia ist, wenn auch rückläufig, immer noch weit verbreitet. Dies kann sich z.B. darin äußern, dass Femme-Personen in queeren Räumen nur in Begleitung von Butch-Personen geduldet werden oder dass sie explizit als Outsider etikettiert und behandelt werden, bzw. als Personen, mit denen man nicht gesehen werden möchte (Blair & Hoskin, 2015, S.239/240). Der Typus der Femme Mystification wurde vergleichsweise wenig wahrgenommen und äußerte sich im Wesentlichen in einer Objektifizierung und einem Tokenism der Femme-Identität, wobei die Betroffenen berichteten, sich als “Häkchen auf einer Liste” von (sexuellen) Eroberungen zu fühlen (Blair & Hoskin, 2015, S.240).

Wir sehen also, dass Femmephobia in lesbischen Communities zwar sehr spezifische Ausprägungen hat, aber in allen Subtypen genauso präsent ist wie in der Gesamtgesellschaft und gleichermaßen darauf abzielt, die Identität und die Performanz von Feminität zu regulieren.

Femmephobia in trans*Communities

Femmephobia hat auch einen starken Einfluss auf trans*männliche Personen, indem Maskulinität als Maßstab und Norm für diese Personen stilisiert wird und das Zeigen von Feminität mit Inauthentizität oder Trendhaftigkeit assoziiert wird (Bellamy-Walker, 2019, S.2/3).


Die Infragestellung der männlichen Identität durch die Gleichsetzung von Maskulinität mit männlicher Identität (trans*männliche Personen müssen sehr maskulin sein, um als “echte” Männer akzeptiert zu werden) ist sehr verbreitet (Bellamy-Walker, 2019, S.5/6). Dies ist laut Bellamy auch im medizinischen Bereich ein wesentlicher Faktor, da trans*männliche Personen gegenüber Fachpersonal und Institutionen konstant zeigen und beweisen müssen, dass sie “wirklich” trans* sind und dieser Nachweis oft in Form von Maskulinität eingefordert wird (Bellamy-Walker, 2019, S.6-8).


Vergleichbares Verhalten ist auch innerhalb der Trans*Community zu beobachten, wo häufig eine Wertung durch andere in der Community stattfindet, ob die Person trans* (und in diesem Fall maskulin) genug ist, um akzeptiert zu werden (Bellamy-Walker, 2019, S.8-10).

Femmephobia in schwulen Communities

Ähnliche Ausprägungen von Femmephobia finden sich auch in cis-schwulen Communities oder popkulturären Repräsentationen von schwulen cis-Männern. Davies (2023) untersuchte ausführlich die Darstellung und Konnotation von Feminität und die daraus resultierende Femmephobia im Spielfilm “Love, Simon”, dessen Hauptfigur eine “maskulin”-schwule Person ist und die einem femme-schwulen Charakter gegenübergestellt wird.
Obwohl die Femme-Figur Ethan bewusst und mit eigener Agency handelt und ihre Femme-Identität performativ auslebt, wird sie dennoch als Abweichung von der „Norm“ charakterisiert und im Vergleich zu Simon als „too much“ datgestellt, wobei die offene Performanz gleichzeitig als Entschuldigung dafür dient, Ethans persönliche Lebensrealität und seine Probleme unsichtbar zu machen (z.B. Davies, 2023, S.8). Die Analyse zeigt, dass selbst explizit progressive Produktionen (die die Hauptfiguren als eindeutig homosexuell ausweisen) häufig Femmephobia und entsprechende Stereotype reproduzieren (Davies, 2023, S.11-13).

Die Intersektionalität von Femmephobia mit anderen Diskriminierungen wird von Patrón & Harper (2024) in ihrer Studie über Femmephobia unter schwulen Latinos hervorgehoben. Sie zeigen u.a. die Verwobenheit von Maskulinität mit Machismo und Heterosexismus in Latino-Communities und die damit verbundenen Manifestationen von Femmephobia (Patrón & Harper, 2024, S.3/4).


Es konnte gezeigt werden, dass die Bagatellisierung oder Unterdrückung von Feminität weit verbreitet ist. Dies kann unter anderem aus Gründen der Zugehörigkeit oder der Sicherheit geschehen (Patrón & Harper, 2024, S.10). Dies wird auch mit Ethnizität oder Race in Zusammenhang gesetzt, indem deutlich wird, dass viele Gay-Spaces von und für Weiße gemacht sind und dass unter Latinos ein Druck besteht, durch Hypermaskulinität Akzeptanz und Zugehörigkeit in diesen weißen Spaces zu schaffen (Patrón & Harper, 2024, S.10/11).


Ähnlich wie in den vorangegangenen Beispielen wird auch in Gay Communities Feminität häufig mit Schwäche und Vulnerabilität für (sexuelle) Gewalt gleichgesetzt (Patrón & Harper, 2024, S.12). Deutlich wird auch die Privilegierung und Bevorzugung maskuliner Identitäten in der Gay-Community (Patrón & Harper, 2024, S.13/14), nicht zuletzt in dem Spannungsfeld, dass Maskulinität einerseits eine bessere Unsichtbarkeit innerhalb der heterosexuellen Matrix schafft und andererseits betont, dass “man als schwuler Mensch wirklich auf andere (richtige) Männer steht” (interpretiert nach Patrón & Harper, 2024, S.14/15).


Einige Teilnehmende vermuteten, dass hinter der verbreiteten Femmephobia in Gay-Communities oft Misogynie stecke, die sich aber mangels Frauen* in diesen Communities an den anwesenden Femmes ausdrücke (Patrón & Harper, 2024, S.15/16). Schließlich konnte noch festgestellt werden, dass Femmephobia oft hinter persönlichen Präferenzen für Interesse oder Desinteresse an feminin performenden Personen zu verstecken versucht wird (Patrón & Harper, 2024, S.16/17).

Fazit

Insgesamt zeigt sich, dass Femmephobia ein weit verbreitetes Problem in der Gesamtgesellschaft, aber insbesondere auch in queeren Räumen ist. Dennoch wird es in gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen bisher vergleichsweise wenig thematisiert oder fälschlicherweise anderen Diskriminierungsformen wie Sexismus oder Misogynie zugeordnet, obwohl Femmephobia im Gegensatz zu diesen unabhängig von der Geschlechtsidentität auftritt und keinesfalls auf cis-weibliche Identitäten beschränkt ist. Femme als Identität und Femmephobia als spezifische Form der Unterdrückung wahrzunehmen, ist daher ein zentraler Baustein, um Diskriminierung und Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts bzw. der Performanz von Geschlechtsidentität zu untersuchen und zu beseitigen.

Quellenverzeichnis:

Bellamy-Walker, T. (2019). Not Manly Enough: Femmephobia’s Stinging Impact on the Transmasculine Community. CUNY Academic Works. https://academicworks.cuny.edu/gj_etds/411

Blair, K. L., & Hoskin, R. A. (2015). Experiences of femme identity: coming out, invisibility and femmephobia. Psychology and Sexuality, 6(3), 229–244. https://doi.org/10.1080/19419899.2014.921860

Davies, A. W. (2023). Love, Simon and failure: Challenging normative discourses and femmephobia in gay youth representations. Sexualities, 0(0), 1-15. https://doi.org/10.1177/13634607231199409

Gunn, A., Hoskin, R. A., & Blair, K. L. (2021). The new lesbian aesthetic? Exploring gender style among femme, butch and androgynous sexual minority women. Women’s Studies International Forum, 88, Article 102504. https://doi.org/10.1016/j.wsif.2021.102504

Hoskin, R. A. (2013). Femme theory: Femininity’s challenge to western feminist pedagogies (Master’s thesis). QSpace at Queen’s University, Kingston, Ontario, Canada. http://hdl.handle.net/1974/8271

Hoskin, R. A. (2019). Femmephobia: The Role of Anti-Femininity and Gender Policing in LGBTQ+ People’s Experiences of Discrimination. Sex Roles, 81(11–12), 686–703. https://doi.org/10.1007/s11199-019-01021-3

Hoskin, R. A., Serafini, T., & Gillespie, J. G. (2023). Femmephobia versus gender norms: Examining women’s responses to competing and contradictory gender messages. The Canadian Journal of Human Sexuality, 32(2), 191–207. https://doi.org/10.3138/cjhs.2023-0017

Patrón, O. E., & Harper, S. R. (2024). Understanding Femmephobia Within Queer Communities: Insights From Gay Latino College Men. The Journal of Higher Education, 1–24. https://doi.org/10.1080/00221546.2024.2329227

van Anders, S. M. (2015). Beyond Sexual Orientation: Integrating Gender/Sex and Diverse Sexualities via Sexual Configurations Theory. Archives of Sexual Behavior, 44(5), 1177–1213. https://doi.org/10.1007/s10508-015-0490-8


Quelle: Viktoria Reichenberger, Femmephobia in der Gesellschaft und in queeren Communities, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 08.07.2024, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=454

Die soziale Konstruktion von Krankheit

Hysterie als Beispiel für die Reproduktion von Stereotypen in der Medizin

Julika Likus (WiSe 2023/24)

Einleitung 

Gesundheit und Krankheit spielen sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene eine große Rolle im alltäglichen Leben. Im Diskurs über Gesundheit und Krankheit überschneiden sich medizinische, biologische und soziale, aber auch politische und historische Ansätze, obwohl häufig zunächst die medizinischen[1] Aspekte im Vordergrund stehen, diskutiert und als heilungsbedürftig empfunden werden. Dabei werden ebenfalls häufiger körperliche Abweichungen einer Norm stärker mit der Sphäre von Krankheit und Gesundheit verknüpft als geistige Beeinträchtigungen, die von physischen Konditionen oft als abgrenzbar dargestellt werden. Eine erweiterte Betrachtung des Feldes Krankheit und Gesundheit betrachtet Krankheit jedoch nicht als „rein-medizinischen“ Zustand, sondern als soziales Ereignis (Dross/Metzger 2018). Einerseits ist die Medizin in Bezug auf Beurteilung, Diagnose und Behandlung von Krankheit und Gesundheit von gesellschaftlichen Normen geprägt, die sich stetig wandeln, und andererseits folgt auf eine medizinische Diagnose von Krankheit und Gesundheit eine soziale Wirkung/Reaktion, die die Teilnahme an einem sozialen Alltag beeinflusst. So sind also auch gesundheitliche Unterschiede zwischen Gruppen nicht ausschließlich durch biologische Unterschiede verursacht, sondern werden durch soziale Strukturen, die mit Hierarchie und Macht zusammenhängen und Menschen privilegieren und unterdrücken, konstruiert (Short/Zacher 2022). 

In der vorliegenden Arbeit wird sich hauptsächlich auf Machtgefällen und diskriminierenden Strukturen im medizinischen Bereich beschränkt, die aufgrund des Geschlechts[2] existieren, wobei eine ganzheitliche, feministische Perspektive immer auch andere -ismen und Merkmale wie Klasse oder Race einbeziehen muss und intersektional gedacht werden muss. 

Daten wissenschaftlicher Forschungen, die zur Entwicklung medizinischer Definitionen und Behandlungsleitlinien verwendet werden, wurden jahrhundertelang anhand einer hauptsächlich cis-männlichen[3] Untersuchungsgruppe gewonnen und deren Erkenntnisse dann geschlechts- und gruppenübergreifend angewandt. Die Abwesenheit von Frauen in klinischen Studien bedeutet das Zuschneiden des Wissens auf Männer und festigt die Norm eines cis-männlichen Körpers. Die Aufschlüsselung nach Geschlecht[4] wurde zunehmend in medizinischer Forschung etabliert, weitere soziale Realitäten und intersektionale Perspektiven werden jedoch weiterhin größtenteils außer Acht gelassen (Kuhlmann 2016). 

Frauen erhalten auch heute noch regelmäßig andere Diagnosen und Behandlungsempfehlungen wie Männer, bei ihnen werden zum Beispiel häufiger psychische Dinge als Ursache für Symptome angesehen und körperliche Probleme dadurch übersehen (Short/Zacher 2022). Ein historisch interessanter Fall, der die Verflechtung von Stereotypen, Krankheit und Gesundheit aufzeigt und zur Reproduktion patriarchischer Strukturen führt, ist die hauptsächlich Frauen zugeschriebene und lange als Krankheit angesehene Hysterie. In den nächsten Kapiteln wird zunächst die soziale Konstruktion von Krankheit und Gesundheit näher erläutert und anschließend die Entstehung und Konzeption der Hysterie als Beispiel für die Verknüpfung sozialer Norm und Geschlechtsvorstellungen mit medizinischer Diagnostik und Behandlung thematisiert. Es wird sich zeigen, dass sich die Symptomatik und Behandlungsmethoden der Symptome mit sich verändernden Werten und zugeschriebenen Eigenschaften und Erwartungen an Geschlechter ebenfalls verändert haben und besonders die Benachteiligung im medizinischen Bereich für diskriminierte Gruppen der Gesellschaft folgenschwere Auswirkungen hat. 

Krankheit als soziales Konstrukt 

Das Verständnis von Krankheit und Gesundheit beruht auf sozialen Vorstellungen über den Zustand von Personen oder Dingen. Die Medizin nimmt in der Gesellschaft eine Art Doppelrolle ein, die als Hauptinstanz zur Trennung von Krankheit und Gesundheit gilt, dadurch aber gleichzeitig auch ihr eigenes Handeln begründet (Dross/Metzger 2018). Krankheit wird in der Literatur ursprünglich häufig als Abweichung eines als „normal“ betrachteten Körpers definiert, der das Einwirken von Mediziner:innen zur Stellung einer Diagnose und eines Behandlungskonzepts mit dem grundsätzlichen Ziel der Heilung und Wiederherstellung von Gesundheit erfordert. Einem strukturfunktionalistischem Ansatz nach gilt körperliche und geistige Gesundheit als Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Gesellschaftsstruktur. Krankheit wurde zunehmend als Prozess verstanden, der keine klare Grenze zu „Gesundheit“  hat (Ullrich 2014). Einige Krankheitsbilder hängen stark mit der gesellschaftlichen Konstruktion und Vorstellung von Körper, Geschlecht und Sexualität zusammen, die Geschichte bestimmter Krankheitsbilder zu verstehen, erfordert deshalb die Auseinandersetzung mit der Veränderung klinischer und psychologischer Vorstellungen von Sexualität und Geschlecht (Kleinplatz 2018, Schroer/Wilde 2016). Werte und Normen enthalten oft stereotypische Vorstellungen von Menschen, die in der Medizin zu ausbleibender oder fehlerhaften Diagnostik und Behandlung führen. Neben der medizinischen Komponente greifen diverse sozio-politische Aspekte in den Bereich von Krankheit und Gesundheit; soziale Beziehungen, Abhängigkeitsverhältnisse und politische Setzungen, die von gesellschaftlichen Normen geprägt sind (Ullrich 2014). Erkrankungen prägen soziale Beziehungen und Konnotationen von Krankheiten wirken sich auf den gesellschaftlichen Umgang mit einer erkrankten Person aus. Besonders schwerwiegende oder ansteckende Krankheiten werden zum Beispiel häufig mit Armut in Verbindung gebracht und können zur sozialen Ächtung, Abscheu, Ausgrenzung oder ,Aussatz‘ führen. Allgemeine Definition von Krankheiten, die auf der ,Norm‘ basieren, ignorieren Gesundheit- und Lebensrealitäten vieler marginalisierter und diskriminierter Gruppen wie zum Beispiel BIPoCs, LGBTQIA+-Menschen und Frauen, da aufgrund von Stereotypen und tatsächlichem Ausschluss aus medizinischer Betrachtung und Forschung unterschiedliche Maßstäbe zur Bewertung und Behandlung gleicher Umstände je nach Patient:in angelegt werden (Dross/Metzger 2018). „[S]oziale Strukturen werden durch wissenschaftliche Autorität im Körper der Betroffenen veranker[t]“ (Dross/Metzger 2018), was folgenschwere Auswirkungen für die Personen haben kann. 

Hysterie als Beispiel für stereotypisierte medizinische Diagnostik und Behandlung 

Hysterie[5] ist ein historischer medizinischer Begriff, der im Laufe der Zeit verschiedene Bedeutungen hatte und in der modernen Medizin nicht mehr als diagnostische Kategorie verwendet wird. Ein Blick auf die Geschichte der Hysterie ist dennoch hilfreich, um die Entwicklung medizinischer Konzepte und Behandlungsmethoden im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen zu verstehen und wie gesellschaftliche Vorstellungen von Frauen und ihrer Rolle in der Medizin sich im Laufe der Zeit verändert haben. 

Die Hysterie leitet sich aus dem altgriechischen Wort für Gebärmutter histéra ab (Günther 2023).

Lange Zeit galt die produktive Gebärmutter als Hauptmerkmal einer körperlich und geistig gesunden Frau und als ursächliches Organ für psychiatrische Krankheiten im Zusammenhang mit Hysterie, die sich allgemein durch ein sozial unerwünschtes Verhalten äußerten (Short/Zacher 2022). Das zugrundeliegende Frauenbild ist das der Frau als Mutter und Hausfrau für den Mann. 

Als typische Symptome der Hysterie wurden einerseits ein bestimmtes „theatralisches“/ „dramatisches“ Verhalten angesehen, aber auch sensorische Ausfälle wie Krämpfe, plötzliche Blindheit, Ohnmacht oder chronischer Müdigkeit (Dross/Metzger 2018). Der Psychiater Richard von Kraft-Ebing beschreibt Hysterikerinnen als Frauen, die

„ihre Leiden übertreiben, zu simulieren, sich um jeden Preis interessant […] machen [,] wobei ihre krankhaft gesteigerte Phantasie gute Dinge leistet und ihre geschwächte Sittlichkeit vor keinem Betrug und keiner Lüge zurückschreckt.“

Kraft-Ebing 1883, S.212

Der Diskurs über Hysterie beschäftigte sich zunächst hauptsächlich mit Frauen, erweiterte sich aber zunehmend auch auf Männer, die anhand ,zu weiblicher Eigenschaften‘ oder ,Feigheit‘ durch die Diagnose der Hysterie ebenfalls stark abgewertet wurden (Westhoff 2013). Bereits in der Antike wurde Hysterie als eine 

„Veränderung der Position der Gebärmutter gesehen, welche, durch sexuelle Abstinenz hungrig geworden, auf der Suche nach Befriedigung die Reise durch den Körper antrat und auf ihrem Weg andere Organe in Unordnung brachte.“

Zaudig 2015, S.28

Platon sagt über die Gebärmutter: 

„Die Gebärmutter ist ein Tier, das glühend nach Kindern verlangt. Bleibt dasselbe nach der Pubertät lange unfruchtbar, so erzürnt es sich, durchzieht den ganzen Körper, verstopft die Luftwege, hemmt die Atmung und drängt auf diese Weise den Körper in die größten Gefahren und erzeugt allerlei Krankheiten.“

Zaudig 2015, S.28

Es wurde davon ausgegangen, dass die Verlagerung der Gebärmutter die mentale Situation einer Frau verändert und das Nichtnachkommen Können oder Wollen ihrer ,natürlichen‘ Aufgaben eine Frau, zum Beispiel Mutterschaft oder Tätigkeiten im Haushalt, krank macht. Die antike Säftelehre besagt, dass weibliches Blut einer monatlichen Reinigung (Periode) unterzogen wird und beim Ausbleiben der Periode richtet die Materie im Inneren Unheil an (Westhoff 2013). Trotz der historischen Fokussierung auf die Gebärmutter und die Reproduktionsfähigkeit der Frau wurden tatsächliche, schmerzhafte und lebensverändernde Krankheiten der Gebärmutter wie Endometriose in der Forschung und Gesellschaft wenig beachtet und erhalten auch heute im Vergleich zu nicht „nur Frauen betreffenden Krankheiten“ wenig Aufmerksamkeit (Westhoff 2013). 

Im viktorianischen Zeitalter dominierte ein Geschlechterideal, das die Rolle der Frau stark von traditionellen Normen und den Bedürfnissen des Ehemanns abhängig machte. Weibliche Sexualität galt als kontrollierbar und sollte vorrangig die Bedürfnisse des Mannes befriedigen, Abweichungen von diesem normativen Verhalten wurden als sexuelle Störung betrachtet. Die psychologischen Probleme von Frauen wurden häufig auf angebliche Störungen der Fortpflanzungsorgane zurückgeführt, insbesondere durch die Diagnose der „Hysterie“, was die Kontrolle über weibliche Psyche und Sexualität weiter institutionalisierte (Kleinplatz).

“The underlying assumption that women were dominated by their reproductive organs led some physicians to blame virtually all women’s diseases and complaints on disorders of these organs.”  

Groneman 1994, zitiert nach Kleinplatz 2018 S.33

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud hält Hysterie für den Ausdruck verdrängter, unterdrückter Wünsche aufgrund eines ungelösten Traumas, häufig sexueller Missbrauch im Kindesalter (Kleinplatz 2018, Westhoff 2013). Frauen mit Hysterie seien unwillig/unfähig, „weiblicher“ Pflichten nachzukommen und hätten keine familiären Gefühle (Dross/Metzger 2018). Im 19. Jahrhundert waren Methoden wie ballaststoffreiche Diäten, Aderlass, kalte Einläufe, Ovarektomien (Entfernung der Eierstöcke), Klitorisablation, Auslösung paroxysmaler Krämpfe (Orgasmen) durch den Arzt üblich zur Behandlung von Hysterie.

„What is interesting, however, is the surprising manner in which the uterus is at the same time considered an essential component to womanhood and also easily removable.“

Jones 2015, S.1108

Der französische Neurologe Jean-Martin Charcot „führte seine hysterischen Patientinnen öffentlich vor und demonstrierte an ihnen die aberwitzigsten, martialischen Behandlungsmethoden wie zum Beispiel eine ,Ovarienpresse‘ oder Vibratoren ,zur Beruhigung‘.“ (Westhoff 2013). Eltern oder Ehemänner von ,hysterischen Frauen‘ veranlassten häufig Zwangseinweisungen in psychiatrische Anstalten zur Linderung der Symptome und Heilung (Dross/Metzger 2018).

„No one knew for certain how to prevent this from happening, but one cure was to anchor the uterus. This could easily be accomplished through either impregnating the woman or keeping the uterus moist through intercourse so it would not seek out the moisture of other organs.“

Meyer 1997, S.1

Im 20. Jahrhundert wurde die zunehmende diagnostische Ungenauigkeit des Begriffs Hysterie erkannt und die vielfältigen Symptome in neue Begriffe präziser klassifiziert. Der Begriff „Histrionische Persönlichkeitsstörung“ (von lat. „histrio“: Schauspieler) betonten die (intentionale) Dramatisierung von Konflikten, während die „Dissoziative Störung“ einen Zerfall der Persönlichkeit, insbesondere nach traumatischen Ereignissen, beschrieb.

Im Gegensatz zur klassischen Hysterie standen bei diesen Diagnosen psychologische Aspekte im Vordergrund, und sie wurden zunehmend unabhängig von körperlichen Symptomen betrachtet (Westhoff 2013). 

Die Zuschreibung und Interpretation bestimmter Verhaltensweisen als ,typisch weiblich‘ und die gleichzeitige Vernachlässigung körperlicher Ausfallserscheinungen führt zu einer Pathologisierung des seelischen und körperlichen Leidens von Frauen. Die Konzeption einer ,überemotionalen‘ Frau festigt historische Stereotypen, die häufig eine vermeintliche Instabilität und Irrationalität weiblicher Emotionen betonen. Hysterie als konstruierte Krankheit führte zur sozialen Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen, insbesondere solchen, die überwiegend Frauen zugeschrieben wurden, und muss auch heute noch bei der Diskussion über Gleichberechtigung und Gesundheitsversorgung mitbedacht werden.  Die heutigen therapeutischen Ansätze, denen Frauen mit sexuellen Problemen begegnen, variieren in Abhängigkeit von der aufgesuchten medizinischen Fachkraft, wobei häufig immer noch eine unzureichende interdisziplinäre Betrachtung besteht. Es bedarf einer Herangehensweise, die organische, psychische und psychosoziale Ursachen gemeinsam betrachtet und behandelt, um eine effektive Therapie zu gewährleisten (Kleinplatz 2018). 

Aktuelle Debatten 

„Not only was hysteria itself all of those things—irrational, capricious, unpredictable, and most importantly, unsolvable—but it also pathologized, sexualized, and eroticized womanhood.“

Jones 2015, S.1095

In der Medizin ist der Begriff der Hysterie aus dem wissenschaftlichen/medizinischen Sprachgebrauch größtenteils verschwunden und wird hauptsächlich alltäglich und medial verwendet. Mit „hysterisch“ wird bis heute ein bestimmtes stereotypisches Verhalten wahrgenommen, wie beispielsweise Kreischen, Weinen oder hohe Emotionalität; Eigenschaften, die vorrangig immer noch weiblichen Personen zugeschrieben werden. 

„Wer heute etwa über Krankheitssymptome klagt wird noch immer schnell mal als ,hysterisch‘ bezeichnet. Auch wenn man als Frau die Stimme erhebt oder mal so richtig ,ausrastet’, ist das vorbestrafte H-Wort nicht weit.“

Günther 2023

Auch die mediale Weiterverwendung führt also zur Reproduktion geschlechtsstereotypischen Verhaltens, wertet Eigenschaften und Verhaltensweisen ab und erinnert an historisch überholte Vorstellungen einer Frau, deren Gesundheit allein von einer produktiven Gebärmutter und dem Einfügen in gesellschaftliche Rollenbilder abhängt. Der Begriff muss sich eindeutig davon abgrenzen, dass mit ihm ein meist weiblich zugeschriebenes Verhalten als ,krankhaft‘ bezeichnet wurde und zu entmündigenden sowie menschen- und frauenfeindlichen Behandlungsmethoden geführt hat. 

Einem Ansatz der amerikanischen Professorin für Women´s and Gender Studies Cara E. Jones nach weist zum Beispiel die heutige Lebensrealität von Frauen mit Endometriose einige Parallelen zum historischen Konzept der Hysterie auf: 

„I argue that […] endometriosis has taken up a diagnostic and cultural location once occupied by hysteria: each disease pathologizes not only certain physical symptoms, but also social and cultural deviations from female gender norms.“

Jones 2015, S.1084

Jones argumentiert, dass die medizinischen Behandlungsmethoden für sogenannte ,weibliche‘ Krankheiten wie Endometriose immer noch auf veralteten Vorstellungen über die Gebärmutter beruhen und auf die ungehinderte Reproduktion von Frauen abzielt (Jones 2015).

In ihrem Beitrag liefern Short und Zacher einige Ansätze zu geschlechtersensiblerer medizinischer Diagnostik und Behandlungsmethoden. Die Betrachtung der Frauengesundheit sollte sich von der reinen Fokussierung auf Fortpflanzung und Kindergesundheit lösen, um den Frauenkörper nicht ausschließlich auf die Funktion des Kinderkriegens zu reduzieren. Es ist wichtig, die binäre Geschlechtervorstellung zu überwinden und sich nicht ausschließlich auf die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu konzentrieren. Geschlechter sollten als sozial konstruierte Konzepte betrachtet werden und auch geschlechtsspezifischer Unterschiede sollten nicht auf biologische Faktoren geschoben werden, sondern unter Berücksichtigung zugrundeliegender biosoziale Strukturen und Mechanismen. Es ist entscheidend, intersektionale Ansätze einzubeziehen, die die Wechselwirkungen verschiedener sozialer Benachteiligungen oder Privilegien berücksichtigen. Dazu gehören Merkmale wie Geschlecht,Sexualität, Fähigkeiten, Race, Klasse, Bildung und andere relevante Parameter (Short/Zacher 2022).  Ungleichheiten in der Medizin müssen von den treibenden Kräften der Forschung anerkannt und gezielt behoben werden. Short und Zacher berichten in ihrem Artikel über eine Studie aus dem Jahr 2021, die zeigt, dass die Forschung zu Krankheiten, von denen Männer überproportional betroffen sind, von den nationalen Gesundheitsinstituten eher überfinanziert wird, während die Forschung zu Krankheiten, von denen hauptsächlich Frauen betroffen sind, im Verhältnis zur Krankheitslast in der Bevölkerung eher unterfinanziert ist (Short/Zacher 2022).

Fazit 

Krankheit und Gesundheit sind keine rein biologischen oder medizinischen Phänomene, sondern werden stark von sozialen Strukturen und Machtverhältnissen beeinflusst. Die Entwicklung medizinischer Definitionen und Behandlungsleitlinien basierte historisch oft auf Forschungsdaten, die hauptsächlich an cis-geschlechtlichen Männern gewonnen wurden, was zu einer unzureichenden Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede führte. Frauen erhielten und erhalten immer noch unterschiedliche Diagnosen und Behandlungsempfehlungen im Vergleich zu Männern, wobei stereotype Vorstellungen über weibliche Emotionalität und Sexualität die medizinische Praxis beeinflussen.

Das historische Beispiel der Hysterie verdeutlichte, wie gesellschaftliche Normen und Geschlechtsvorstellungen in medizinische Diagnosen eingeflossen sind. Frauen wurden als hauptsächlich von der Gebärmutter gesteuert betrachtet, was zu pathologisierenden und oft dehumanisierenden Behandlungsmethoden führte. Obwohl der Begriff der Hysterie heute aus dem medizinischen Vokabular verschwunden ist, bleiben stereotype Vorstellungen über „hysterisches“ Verhalten im gesellschaftlichen Diskurs präsent.

Ungleichheit in medizinischen Strukturen betonen die Notwendigkeit geschlechtersensiblerer medizinischer Ansätze, die nicht nur auf Fortpflanzung fokussiert sind. Frauenkörper dürfen nicht ausschließlich auf reproduktive Funktionen reduziert werden und binäre Geschlechtervorstellung überwunden werden. Die Einbeziehung intersektionaler Ansätze, die die Vielschichtigkeit sozialer Benachteiligungen berücksichtigen, ist entscheidend, um diverse Ungleichheiten in der Medizin anzugehen und eine gerechtere Gesundheitsversorgung für alle zu gewährleisten.    

Literatur- und Quellenverzeichnis 

Dross, Fritz und Nadine Metzger (2018). Krankheit als Werturteil. In: bpb. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/270305/krankheit-als-werturteil/ (letzter Aufruf: 30.01.2024).

Günther, Paula (2023). Von Männern erfunden: Diagnose Hysterie als Machtmittel gegen das weibliche Geschlecht. In: Qiio Magazin. https://www.qiio.de/von-maennern-erfundendiagnose-hysterie-als-machtmittel-gegen-das-weibliche-geschlecht/ (letzter Aufruf 30.01.2024).

Jones, Cara E. (2015). Wandering Wombs and “Female Troubles”: The Hysterical Origins, Symptoms, and Treatments of Endometriosis, Women’s Studies, 44:8, 1083-1113 https://doi.org/10.1080/00497878.2015.1078212

Kleinplatz, Peggy J. (2018). History of the Treatment of Female Sexual Dysfunction(s). In: Annual Review of Clinical Psychology. 14:1, 29-54.

Krafft-Ebing, Richard von (1883). Lehrbuch der Psychiatrie auf klinischer Grundlage für praktische Ärzte und Studierende (Bd. 1-2). Stuttgart: Enke.

Kuhlmann, Ellen (2016). Gendersensible Perspektiven auf Gesundheit und Gesundheitsversorgung. In: Soziologie von Gesundheit und Krankheit. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. 183–196. https://doi.org/10.1007/978-3-658-11010-9_12

Meyer, Cheryl L. (1997). The Wandering Uterus: Politics and the Reproductive Rights of Women. In: New York University Press. 1997. https://doi.org/10.18574/nyu/9780814763209.001.0001

Schroer, Markus und Jessica Wilde (2016). Gesunde Körper – Kranke Körper. In: Soziologie von Gesundheit und Krankheit. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. 257-271.

Short, Susan E. und Meghan Zacher (2022). Women’s Health: Population Patterns and Social Determinants. In: Annual Review of Sociology. 48:1, 277-298. 

Ullrich, Charlotte (2014). Die soziale Konstruktion von Krankheit und Gesundheit. In: Medikalisierte Hoffnung?. Deutschland: transcript. 31–58. 

Westhoff, Andrea (2013). Hysterie.In: Deutschlandfunk https://www.deutschlandfunk.de/radiolexikon-hysterie-100.html.

Zaudig, Michael (2015). Entwicklung des Hysteriekonzepts und Diagnostik in ICD und DSM bis DSM-5. In: Hysterie. Verständnis und Psychotherapie der hysterischen Dissoziationen und Konversionen und der histrionischen Persönlichkeitsstörung. München: CIP-Medien. 20:1, 27-49 https://sbt-in-berlin.de/cip-medien/03.-Zaudig.pdf.


[1] Im Verlauf des Textes wird „medizinisch“ für die Beschreibung klassischer, schulmedizinischer Vorstellungen verwendet, die häufig für unveränderbar gehalten werden und aktuell die größte wissenschaftliche Deutungshoheit in der Unterscheidung von Krankheit und Gesundheit haben. Die Verwendung des Wortes „medizinisch“ muss jedoch vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass „Medizin“ nicht gleich frei von Normen bedeutet und Prioritäten, Durchführung und Auswertung wissenschaftlicher Forschungen immer durch soziale Strukturen geprägt sind. 

[2] Geschlecht ist keine biologische, neutrale Tatsache, sondern eine aufgrund von körperlichen Merkmalen bei oder sogar schon vor der Geburt vorgenommene Zuweisung, die häufig auf der Vorstellung binärer Geschlechterkategorien beruht. 

[3] Zur Vereinfachung werden im Verlauf der Arbeit zwar die binären Begriffe Mann und Frau verwendet zur Beschreibung cis-geschlechtlicher Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen, wobei bei jeder Verwendung mitbedacht werden soll, dass Geschlecht, und vor allem die binäre Betrachtung davon, konstruiert sind.

[4] Eine Aufschlüsselung nach Geschlecht bedeutet in der Wissenschaft eine Trennung von cis-weiblichen und cis-männlichen Personen, was auf einer binären Geschlechterkonstruktion beruht und diskriminierend gegenüber allen anderen Geschlechtsidentitäten ist.

[5] Bei der Verwendung des Wortes Hysterie wird sich ausschließlich auf die historischen Konzepte in Abgrenzung von einer medizinischen Diagnose bezogen, da der Begriff historisch stark mit stereotypen Vorstellungen von Frauen verbunden ist und ihre psychischen Gesundheitszustände auf veraltete, kulturell geprägte Vorstellungen reduziert. 


Quelle: Julika Likus, Die soziale Konstruktion von Krankheit – Hysterie als Beispiel für die Reproduktion von Stereotypen in der Medizin, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 29.02.2024, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2024/02/29/die-soziale-konstruktion-von-krankheit/

Entwicklung von Inter*-Rechten in der medizinischen Gesetzgebung

Mia Taheri (WiSe 2023/24)

1. Einleitung

“Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt”, so steht es im Grundgesetzbuch (BT, 2010, §1, Abs. 1).

Dennoch gibt es viele Menschen, die immer noch für ihre Würde und Rechte kämpfen müssen. So auch Inter* Menschen, die erst seit Ende des 20. Jahrhunderts mehr Aufmerksamkeit erlangt haben. Der erste öffentliche Protest von Inter* Personen fand am 26. Oktober 1996 in Boston (USA) statt. Kritisiert wurden dort unter anderem die geschlechtsverändernden Eingriffe an Inter* Kindern, die selbst heute teilweise noch durchgeführt werden (Regenbogenportal, o.D.). 2021 verabschiedete der Bundestag das “Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung” (Bundestag, o.D.). Dies ist der erste gesetzliche Versuch gewesen, Inter*-Rechte zu schützen.

In der vorliegenden Arbeit wird durch ausgewählte Aspekte der Verlauf von Inter*-Rechten im deutschen Gesundheitssystem behandelt. Dazu werden der “Zwitterparagraph” (1794) und das “Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung” (2021) gegenübergestellt, um den heutigen medizinischen und gesellschaftlichen Entwicklungsstand zu erörtern.


Trigger und Content Warnung:

Im Folgenden werden Zwangsoperationen, Beschreibung von medizinischen Eingriffen, sowie Aufzählungen von Begriffen wie Inters*x beim Zitieren und zur Erklärung von sensibler Sprache verwendet. Ebenso werden Organe und Anatomie ohne Zensur benannt. Des Weiteren wird der “Zwitterparagraph” als historischer Begriff verwendet, der aus heutiger Sicht nicht mehr verwendet werden sollte.


2. Begriffserklärung – Was bedeutet Inter*?

Inter* sind Menschen, die nicht in das Konstrukt der Binarität passen. Sie haben körperliche Ausprägungen, durch die sie nicht eindeutig zur weiblichen oder männlichen Norm eingeordnet werden können. Es gibt mehrere Varianten der Geschlechtsentwicklung, sie können sowohl die Hormonproduktion oder die Geschlechtsorgane, als auch den Chromosomensatz betreffen (BMFSFJ,o. D.).

Der Gegenbegriff zu Inter* ist Endo*. Sie machen den Hauptteil der Gesellschaft aus und lassen sich in die Kategorien “weiblich” und “männlich” einordnen (FUMA, o.D.).

In der deutschen Sprache gibt es mehrere Bezeichnungen für Inter* Menschen, darunter jedoch auch viele Begriffe, die beleidigend sein können. “Zwitter” ist eine ältere medizinische Bezeichnung, die vermieden werden sollte, da sie als Beleidigung genutzt wird (OII Deutschland, 2015, S. 19). Zwei weitere veraltete Begriffe sind “Hermaphrodit” und “Pseudo-Hermaphrodit”, die früher in der Medizin gebraucht wurden, jedoch auch Pathologisierungen darstellen. (Ebd. S. 13) Auch der Begriff “Intersex”, der zurzeit noch am häufigsten verwendet wird, sollte vermieden werden. Denn hierbei handelt es sich um eine missverständliche Fehlübersetzung vom Englischen “intersex” (Ebd. S. 14). Die korrekte Übersetzung wäre “intergeschlecht”. Diese in der Community entstandene Bezeichnung ist einwandfrei und kann in einem sensiblen Sprachgebrauch verwendet werden. Inter* ist eine weitere Bezeichnung, die genutzt werden sollte. Sie steht für die Selbstbestimmung von Inter* Menschen, die sich trotz ständiger Pathologisierung für ihre Rechte einsetzen. Ebenso stellt das Asterisk die Vielfältigkeit an Möglichkeiten Inter* zu sein, sowie jegliche Selbstbezeichnungen dar (Ebd. S. 15).

Nur weil eine Person Inter* ist, heißt das jedoch nicht, dass deren Geschlechtsidentität auch Inter* ist. Es gibt auch Inter*, die sich trans* oder cis* identifizieren.

Das wichtigste Kriterium ist jedoch die Selbstbezeichnung der jeweiligen Personen. Da dies letztendlich eine persönliche Entscheidung ist.

3. Medizinische Behandlung von Inter*

Intergeschlechtlichkeit galt sehr lange als Krankheit, Syndrom oder Störung. Seit den 1960er Jahren wurden international immer mehr geschlechtsverändernde Operationen durchgeführt. Diese Geschlechtszuweisungen wurden meistens ohne die Zustimmung der Inter* Personen durchgeführt (FUMA, o.D.). 2012 erklärte der Deutsche Ethikrat die geschlechtsverändernden Operationen in Deutschland als Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit (Gesundheitsstadt Berlin, 2015).

Seit 2019 kann aufgrund einer Änderung im Personenstandsgesetz ein Kind auch als “divers” oder ohne Geschlechtsangabe in das Geburtenregister eingetragen werden (LSVD, o.D.). Trotz des vermeintlichen gesellschaftlichen und medizinischen Umschwungs hat sich die Anzahl der geschlechtsverändernden Operationen von 2005-2016 nicht bemerkbar verringert (Hoenes, Januschke, Klöppel 2019, S. 20).

Zur Veranschaulichung, dass viele dieser medizinischen Vorgänge menschenrechtsverletzend sind, werden nun ohne Zensur verschiedene medizinische Abläufe geschildert.

Die angewandten Verfahren mit Patient*innen, deren Geschlecht nicht eindeutig in die zwei Geschlechternormen hineinpasst, hatten zwei bestimmte Kriterien. Entweder wenn die Klitoris zu überdurchschnittlich groß war, um als Frau akzeptiert zu werden. Oder falls der Penis zu klein war, um als Mann akzeptiert zu werden. Weiterhin gab es eine Empfehlung, die Genitalien in solch einem Fall bestenfalls vor dem Abschluss des 18. Lebensmonats zu verdeutlichen. Außerdem wurde den Sorgeberechtigten zumeist empfohlen, den Patient*innen nichts über die Eingriffe und Operationen zu erzählen, um die Entwicklung der Psychosexualität nicht negativ zu beeinflussen. Die letztere Empfehlung ist jedoch seit mehreren Jahren, aufgrund von Inter* Protesten, nicht mehr aktuell (Voß, 2012, S.45-47).

Der Prozess sowie die Folgen der geschlechtsverändernden Operationen sind traumatisierend und schmerzhaft. Bei einer feminisierenden Operation wird die Klitoris beschnitten, was zu einem Verlust der Empfindsamkeit führen kann. Ebenso wird gegebenenfalls eine künstliche Vagina durch mehrfache Dehnung für die spätere Penetration durchgeführt. Solch eine Behandlung, die laut Erfahrungsberichten einer Misshandlung gleicht, ist meistens medizinisch völlig irrelevant (Ebd., S. 59-60).

Ein weiterer Vorgang ist die Entnahme der Keimdrüsen (Gonaden). Folgen sind Unfruchtbarkeit, ein schwerer Hormonmangel, welcher eine lebenslange Hormontherapie mit sich zieht, sowie psychische und physische Nebeneffekte (Ebd. S. 59-60). Bei dieser Operation wurde zumeist angegeben, dass die Keimdrüsen möglicherweise Krebs verursachen könnten. Wobei dies medizinisch umstritten ist, da das Vorkommen dieser Entwicklung viel zu unerforscht ist. Und selbst bei einem erhöhten Risiko, blieben die Folgen der Operation (Ebd. S. 47).

Wie irrelevant die Gesundheit der Patient*innen bei der Wahl der Operationen ist, wird deutlich gemacht. Denn technisch ist die feminisierende Operation deutlich leichter (Ebd. S. 47). So ergeben medizinische Schätzungen, dass sich in 90 Prozent der Fälle für eine feminisierende Operation entschieden wurde (Ebd. S. 45).

Der historische Ursprung der geschlechtsverändernden Operationen, der sich aus den 1950er Jahren ergibt, ist wie hier die psychische Entwicklung, die als bedroht angesehen wurde. Jedoch waren die Bedenken zu dieser Zeit noch die Befürchtung von homosexuellen Ausprägungen (Ebd. S. 13).

Hieraus wird deutlich, dass in den meisten Fällen von Eingriffen und Operationen an Inter* Personen, deren Angleichung zu einer der Geschlechternormen eine sehr hohe Priorität hatte und die medizinische Relevanz komplett in den Hintergrund rückte.

4. Vorstellung des “Zwitterparagraphens”

In der Frühen Neuzeit galten zwei verschiedene Ansichten zur Intergeschlechtlichkeit. Die hippokratisch-galenische Lehre, welche sich im “Zwitterparagraphen” widerspiegelt und die aristotelische Lehre, welche die Existenz von Intergeschlechtlichkeit nicht anerkannte. Der „Zwitterparagraph“ beweist jedoch keine vollkommene Akzeptanz der hippokratisch-galenischen Lehre in der Gesellschaft. Beide Ansichten standen zu dieser Zeit in Diskussion.

Die hippokratisch-galenische Lehre stellt den Mann als vollkommenen Menschen dar und die Frau unvollkommenen Mann. Intergeschlechtliche Menschen hingegen waren keines von beidem (Klöppel, 2010, S.143-144).

In der aristotelischen Lehre existiert Intergeschlechtlichkeit als solches nicht. Es gibt lediglich missgebildete Männer und missgebildete Frauen, die durch ein “Übermaß an Materie” bestimmte Exzesse gebildet haben (Klöppel, 2010, S. 145).

Der sogenannte “Zwitterpragraph” war Teil des Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten (ALR, 1794). Er bestimmte das Vorgehen bei der Geburt einer Inter* Person, hier als Zw*tter bezeichnet. Es galt, dass wenn ein Neugeborenes ein uneindeutiges Geschlecht hat, die Eltern bestimmen sollten, wie das Kind aufgezogen wird. Nach Vollendung des 18. Lebensjahres stehe es der besagten Person frei, deren Geschlecht zu wählen (ALR, 1794, Personenrecht der Zwitter, §19-20). Ganz so frei schien die Entscheidung jedoch nicht zu sein, da jederzeit durch Untersuchung von Sachverständigen das Geschlecht als ein anderes beurteilt werden konnte (ALR, 1794, Personenrecht der Zwitter, §22-23). Die hier genannten Sachverständigen waren vermutlich medizinisches Personal.

Die Rechte von Inter* Menschen waren bei dem “Zwitterparagraphen” weniger von Relevanz. Die Nachfrage nach solch einem Gesetz kam vielmehr daher, dass der damalige Zweck der Ehe, welcher die Fortpflanzung war, bewahrt werden sollte. (Schwenger, 2009).

Im Jahre 1900 schwang die rechtliche Meinung mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch zur aristotelischen Lehre, die die Existenz von Inter* verleugnete (BGB, 1888, S.26). Dennoch wurden Inter* trotz der Gesetzesänderung immer öfter als Personen und weniger als Forschungsobjekte angesehen (Schwenger, 2009).

5. Vorstellung des neuen Gesetzes

Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts geraten Inter* Menschen und ihre Rechte immer mehr ins Interesse der Öffentlichkeit. Jahrelang wurden nun von Inter* Verbänden Veränderungen in den medizinischen Richtlinien gefordert, die die menschenrechtswidrigen Operationen an Inter* verbieten. Länger als 200 Jahre nach dem „Zwitterparagraph“ setzte 2021 das “Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung“ in Kraft.

Das neue Gesetz verbietet kosmetische Behandlungen an nicht einwilligungsfähigen Inter* Personen. Sowohl das Durchführen als auch die Einwilligung zu so einem Eingriff ist nicht erlaubt (§1631e, 2021, Artikel 1, Absatz 1). Die Eltern des Kindes sind ausschließlich dazu befähigt, für ihr Kind zu entscheiden, wenn der Eingriff nicht auf eine Selbstbestimmung des Kindes warten kann (Ebd., Artikel 1, Absatz 2).

Falls es zu solch einem Fall kommt, wird die Genehmigung des Familiengerichts benötigt. Zur Beantragung müssen die Eltern eine den Eingriff befürwortende Stellungnahme der interdisziplinären Kommission vorlegen. Diese Kommission entscheidet dann, ob ein Eingriff im Wohl des Kindes wäre (Ebd., Artikel 1, Absatz 3). Die Mitglieder der  interdisziplinären Kommission müssen alle Erfahrung im Umgang mit Varianten der Geschlechtsentwicklung haben.     Ebenso müssen folgende Personen angehört werden: Psycholog*in/Psychiater*in, Ethiker*in, Jugend- oder Kindermediziner*in, eine neutrale ärztliche Person und der*die zuständige Ärzt*in. Ebenso kann auf Wunsch der Eltern eine beratende Inter* Person hinzugezogen werden (Ebd., Artikel 1, Absatz 4).

Falls sich die Kommission für eine Befürwortung des Eingriffes entscheidet, müssen gewisse Informationen dokumentiert werden: Die Namen und Befähigungen der Mitglieder, Kindesalter und Variante der Geschlechtsentwicklung, Name des Eingriffes sowie medizinische Begründung, Grund für Befürwortung des Eingriffes in Hinblick auf die Risiken der Durchführung und was die Risiken bei einer Verschiebung wären, sind von Relevanz. Ebenso ob und wer sich mit den Eltern unterhalten hat, ob die Eltern und das Kind über den Umgang mit der spezifischen Variante aufgeklärt wurden und durch welches Mitglied der Kommission dies geschah, ob die Beratung einer Inter* Person stattfand, inwiefern das Kind sich eine Meinung über den Eingriff bilden kann und falls ja, ob es diesen befürwortet und ob die beratende Inter* Person den Eingriff unterstützt (Ebd., Artikel 1, Absatz 5)

Wenn das Kind in einer lebensbedrohlichen Lage ist oder eine Gefahr für die Gesundheit besteht, kann die Kommission übergangen werden (Ebd., Artikel 1, Absatz 3).

Falls die Eltern den Eingriff in ihrer Stellungnahme nicht befürworten oder etwas anderes gegen die Genehmigung spricht, erörtert das Gericht den Grund mit den Beteiligten. Die Eltern werden auf Beratungsmöglichkeiten hingewiesen. Gegebenenfalls kann die Beratung über den Umgang mit Varianten der Geschlechtsentwicklung angeordnet werden (Ebd., Artikel 3, Absatz 2).

Die Patientenakte muss bei einem Eingriff bis zum 48. Lebensjahr der Inter* Person aufgehoben werden (Ebd., Artikel 1, Absatz 6). Dies gilt auch für Eingriffe, die vor der Verabschiedung des Gesetzes stattfanden (Ebd. Artikel 2).

Zur Überprüfung der Wirksamkeit sollen die Regelungen durch die Bundesregierung innerhalb von fünf Jahren überprüft werden (Ebd., Artikel 6).

Die Ausarbeitung dieses Gesetzes war ein langwieriger Prozess, der noch immer nicht ganz beendet ist. Schon nach dem ersten Gesetzesentwurf aus Februar 2020 kritisierten mehrere Inter* Verbände sowie das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz die Ausführungen. Nach einer Überarbeitung veröffentlichte die Bundesregierung im September 2020 einen neuen Gesetzesentwurf, welcher erneut kritisiert wurde. Sowohl die uneindeutige Verwendung von Begriffen, die Umgehungsmöglichkeiten, die fehlende Dokumentationspflicht, als auch ein fehlendes Zentralregister wurden bemängelt, von der Bundesregierung jedoch nicht ausreichend verbessert. Im März 2021 setzte das Gesetz ein, jedoch ohne genügend Verbesserungen vorgenommen zu haben (Lesben- und Schwulenverband, o.D.).

6. Fortschritt – vom “Zwitterparagraphen” zum neuen Gesetz

Werden diese beiden Gesetze in den Vergleich gesetzt, lassen sich erhebliche Fortschritte kenntlich machen. Unter der Betrachtung des Zeitalters und des damaligen gesellschaftlichen Fortschrittes kann von einem grundlegenden Unterschied im Ursprung der Gesetze ausgegangen werden.

Der “Zwitterparagraphen” stand aufgrund von Unsicherheiten in der Gesellschaft. Es wurde sich in der Medizin zwar sehr um Kriterien für eine klare Diagnose bemüht, doch mit dem Stand der derzeitigen Medizin war dies nicht möglich. Dennoch verlangten akademische Ärzte Überprüfungen über den Geschlechterstatus in Verbindung mit der Ehetauglichkeit. Denn falls eine Inter* Person mit einer Person gleichen Geschlechts verheiratet werden würde, brächte dies die sexuelle Norm durcheinander und die Fortpflanzung als Ehezweck wäre bedroht gewesen (Schwenger, 2009).

Das neue Gesetz hingegen wurde verfasst um Inter*-Rechte auszuarbeiten. Es soll kosmetische Operationen verhindern und Inter* schützen.

Trotz diesem grundlegenden Unterschied zeigt der „Zwitterparagraph“  erste Schritte zur Selbstbestimmung. Der “Zwitterparagraph” bemächtigt eine Inter* Person ihre Geschlechtsidentität nach dem 18. Lebensjahr selbst zu bestimmen. Die Durchsetzbarkeit war wahrscheinlich schwierig bis gar nicht möglich, der Paragraph hätte jedoch auch einfach weggelassen werden können.

Ebenso beruhen beide Gesetze auf der gleichen Problematik: Eine Gesellschaft, die nur weiß wie sie innerhalb der konstruierten Geschlechternormen denken und handeln soll.

Dennoch ist sowohl der gesetzliche als auch der soziale Fortschritt in Deutschlands Gesellschaft deutlich zu erkennen: Die Änderung im Personenstandsgesetz, sowie das neue Inter* Gesetz sind trotz der kritisierbaren Punkte ein großer Erfolg in Bezug auf Inter*-Rechte. Ebenso ist das Ansehen von Inter* in der Gesellschaft deutlich gestiegen, welches die Grundsteine für die medizinischen und rechtlichen Erfolge überhaupt erst gelegt hat.

7. Forderungen der Inter* Community

Das neue Inter* Gesetz weist eine Reihe von Lücken und Verbesserungsmöglichkeiten auf. Kritisiert wird unter anderem die Bezeichnung “Varianten der Geschlechtsentwicklung”, die aus der Medizin kommt. Definitionen von medizinischen Begriffen lassen sich auch neu definieren, sodass die enge Anlehnung die Gültigkeit des Gesetzes gefährdet (im.e.v., o.D.). Ebenso werden Maßnahmen zur Verhinderung einer Umgehung des Gesetzes verlangt, da dies eine effektive Strafverfolgung sonst erschwert. Eine weitere Ergänzung wäre die verpflichtende Beratung durch qualifizierte Peer-Berater*innen. Des Weiteren wird die Einrichtung eines zentralen Melderegisters, sowie eine ausgiebige Melde- und Dokumentationspflicht gefordert, für einen verständlichen Behandlungsverlauf und eine effektive Strafverfolgung (lsvd, o.D.), ein Verbot für eine Umgehung im Ausland. Sowie eine Verlängerung der Verjährungsfrist für Körperverletzung, die momentan 5, bzw. 10 Jahre bei schwerer Körperverletzung beträgt. Die Kosten für die medizinische Versorgung sollen von Krankenkassen übernommen werden. Außerdem wird eine medizinische Versorgung von allen Opfern von Eingriffen der letzten 50 Jahre gefordert, sowie Möglichkeiten zur gesundheitlichen Rehabilitation. Ebenso wird mehr Aus- und Weiterbildung medizinischen Personals verlangt (lsvd, o.D.).

Änderungen der Bundesregierung sind wahrscheinlich bis 2026 zu erwarten, da die in §1631e Artikel 6 genannte Überprüfung des Gesetzes innerhalb von fünf Jahren des Inkrafttretens stattfinden soll.

8. Schluss / Fazit

Das heutige Inter* Gesetz bildet einen deutlichen Unterschied zum damaligen “Zwitterparagraphen”. Inter* habe in der Gesellschaft und in der Medizin Anerkennung erlangt. Die gesetzliche Anfertigung von Inter*-Rechten ist, obwohl das Gesetz noch nicht zufriedenstellend ist, ein wichtiger Meilenstein.

Durch den Vergleich wird jedoch auch deutlich, dass unsere Gesellschaft sich nicht in allen Punkten weiterentwickelt hat. Probleme, die damals herrschten, sind auch heute noch nicht vollends gelöst. Das Aufwachsen von Kindern außerhalb der Geschlechternormen ist gesellschaftlich immer noch nicht normalisiert. Der Umschwung fing jedoch auch erst vor ungefähr 30 Jahren an.

Der Weg zu einer gesellschaftlichen Besserung kann jedoch mit weiteren Forschungen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, sowie Aktivismus und eine Weiterentwicklung der Inter* Gesetze erreicht werden. So wird die Gesellschaft sicherlich in ein paar Jahren schon weitere Fortschritte zeigen.

Literaturverzeichnis

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  2. Regenbogenportal = Regenbogenportal.de – Intersex Awareness Day, (o.D.) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Letzter Aufruf: 20.01.24, https://www.regenbogenportal.de/aktuelles/welttage-kalender/26-10-intersex-awareness-day
  3. Bundestag = Schutz von Kindern vor geschlechtsangleichenden Operationen beschlossen, (o.D.), Bundestag. Letzter Aufruf: 21.01.24, https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2021/kw02-pa-recht-selbstbestimmung-814994
  4. ALR = Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten (1794), opiniorius.de – Die freie juristische Bibliothek. Letzter Aufruf: 21.01.24, https://opinioiuris.de/quelle/1622
  5. Voß = Intersexualität – Intersex. Eine Intervention (2012) UNRAST-Verlag, Münster, Heinz-Jürgen Voß, ISBN 987-3-89771-119-8
  6. § 1631e = Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung (12. Mai 2021), Bundestag https://www.bmj.de/SharedDocs/Downloads/DE/Gesetzgebung/BGBl/Bgbl_Varianten_der_Geschlechtsentwicklung.pdf?__blob=publicationFile&v=3
  7. BMFSFJ = Regenbogenportal.de – Inter* – was?, (o.D.) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Letzter Aufruf: 19.01.24, https://www.regenbogenportal.de/infoartikel/inter-was
  8. Fuma = #Inter*, (o.D.), FUMA Fachstelle Gender & Diversität NRW. Letzter Aufruf: 16.01.24, https://www.gender-nrw.de/inter/
  9. OII Deutschland = Inter & Sprache – Von “Angeboren” bis “Zwitter”, (Dezember 2015), Das TransInterQueer-Projekt »Antidiskriminierungsarbeit & Empowerment für Inter*« In Kooperation mit IVIM / OII Deutschland, Dr. Dan Christian Ghattas, Ins A Kromminga, Ev Blaine Matthigack, Es Thoralf Mosel und weitere Inter*, die nicht namentlich genannt werden möchten. Letzter Aufruf: 18.01.24,  https://oiigermany.org/wp-content/uploads/InterUndSprache_A_Z.pdf
  10.  Gesundheitsstadt Berlin = Studie zur Intersexualität: Wenn das Neugeborene weder Mädchen noch Junge ist, (Februar 2015), Gesundheitsstadt Berlin, Beatrice Hamberger. Letzter Aufruf: 19.01.24, https://archiv.gesundheitsstadt-berlin.de/studie-zur-intersexualitaet-wenn-das-neugeborene-weder-maedchen-noch-junge-ist-5687/
  11.  LSVD = Ratgeber: Änderung des Geschlechtseintrags nach §45B Personenstandsgesetz (PSTG), (o.D.), Lesben- und Schwulenverband. Letzter Aufruf: 19.01.24, https://www.lsvd.de/de/ct/1361-Ratgeber-Aenderung-des-Geschlechtseintrags-nach-45b-Personenstandsgesetz-PStG#:~:text=3%20Personenstands%2DGesetz%20(PStG),der%20Regel%20also%20die%20Eltern
  12.  Hoenes, Januschke, Klöppel = Häufigkeit normangleichender Operationen “uneindeutiger” Genitalien im Kindesalter. Follow Up-Studie (2019), Ruhr-Universität Bochum, Josch Hoenes, Eugen Januschke, Ulrike Klöppel Letzter Aufruf: 19.01.24 https://www.bmfsfj.de/resource/blob/136860/54ea839a1a2894a58ba75db04c7be43b/studie-zu-normangleichenden-operations-ambiguous-genitalia-in-childhood-data.pdf
  13.  Klöppel = XX0XY ungelöst: Hermaphroditismus, Sex und Gender in der deutschen Medizin. Eine historische Studie zur Intersexualität (2010), Bielefeld: transcript Verlag, Ulrike Klöppel. Letzter Aufruf: 21.01.24, https://doi.org/10.1515/9783839413432
  14.  BGB = Motive zu dem Entwurf eines Bürgerlichen Gesetzbuches für das Deutsche Reich. Band 1. Allgemeiner Teil. Amtliche Ausgabe. (1888) Google Buchsuche. Letzter Aufruf: 21.01.24, https://archive.org/details/motivezudementw01germgoog/page/n32/mode/1up?view=theater
  15.  Lesben- und Schwulenverband = Schutz intergeschlechtlicher Kinder vor medizinischen Eingriffen – Das neue OP-Verbot für Kinder mit Varianten der Geschlechtsentwicklung (o.D.), Lesben- und Schwulenverband. Letzter Aufruf: 25.01.24, https://www.lsvd.de/de/ct/5449-Schutz-intergeschlechtlicher-Kinder-vor-medizinischen-Eingriffen
  16.  Schwenger = “Sag es keinem anderen” (2009), Deutschlandfunk Kultur, Kirstine Schwenger. Letzter Aufruf: 21.02.24, https://www.deutschlandfunkkultur.de/sag-es-keinem-anderen-100.html
  17.  im.e.v. = Stellungnahme: Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung (o.D.), Intergeschlechtliche Menschen e.V. Letzter Aufruf: 26.01.24, https://im-ev.de/stellungnahme-gesetz-zum-schutz-von-kindern-mit-varianten-der-geschlechtsentwicklung/
  18.  lsvd = Schutz intergeschlechtlicher Kinder vor medizinischen Eingriffen – Das neue OP-Verbot für Kinder mit Varianten der Geschlechtsentwicklung (o.D.), Lesben- und Schwulenverband. Letzter Aufruf: 26.01.24, https://www.lsvd.de/de/ct/5449-Schutz-intergeschlechtlicher-Kinder-vor-medizinischen-Eingriffen

Quelle: Mia Taheri, Entwicklung von Inter*-Rechten in der medizinischen Gesetzgebung, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin,29.02.2024, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=440

Global-mediale Verantwortung und Aufarbeitung rassistischer Darstellungen in Disney-Klassikern

Tilde Funk (SoSe 2023)

1. Einleitung

Als Kind bin ich mit einigen Disneyklassikern aufgewachsen, besonders gerne haben meine Geschwister und ich Das Dschungelbuch (Wolfgang Reitherman, USA 1967) und Aristocats (Wolfgang Reitherman, USA 1970) gesehen – so häufig, bis wir alle Lieder auswendig mitsingen konnten. Mittlerweile studiere ich im 7. Semester Filmwissenschaft an der FU und habe mich im Rahmen meines Studiums mit weiteren Disneyklassikern auseinandergesetzt, die ich in meiner Kindheit nicht gesehen habe.

Das im letzten Sommersemester angebotene ABV-Modul zu „Gender und Diversity: Decolonize! Intersektionale Perspektiven auf lokale und globale Machtverhältnisse“ hat mich einerseits stärker bezüglich kolonialer Geschichte und Kontinuität sensibilisiert, als auch Selbstreflektion angeregt. Von meinem jetzigen Standpunkt aus ergibt sich eine reflektiertere Sichtweise auf die filmischen Darstellungen in Disneyklassikern, die es im Folgenden zu analysieren gilt. Nachdem ich die global-mediale Verantwortung des Konzerns Disney umrahme, wird es um eine Auseinandersetzung mit stereotypen Darstellungsformen rassistischer Art anhand von ausgewählten Beispielen gehen, welche auf den filmischen Umgang mit Kolonialismus überleiten. Vor einem abschließenden Ausblick ist es für ein umfassendes Fazit wichtig, sich mit Strategien zur Aufarbeitung rund um das Thema auseinanderzusetzen und zu klären, inwiefern Disney seine eigenen Filme selbstreflektiv in einen problembewussten Kontext stellt.

Vor Beginn meiner Analyse möchte ich eine Triggerwarnung aussprechen, da ich mehrere rassistische und sexistische Inhalte, die in den Filmen Disney’s verankert sind, benennen werde.

2. Global-mediale Verantwortung des Konzerns Disney

»When you take on a Disney animated feature, you know you’re going to be affecting entire generations of human minds.«[1]

Dieses Zitat der Drehbuchautorin Linda Woolverton, welche für The Walt Disney Company arbeitete, verdeutliche die gesellschaftliche Verantwortung und einflussreiche Position des Unternehmens auf globaler Ebene[2], dessen Einnahmen 2022 über 80 Milliarden US-Dollar betrug[3]. Hervorzuheben ist der seit 2019 angebotene Streaming-Dienst Disney+, der über 100 Millionen User:innen verzeichnen kann und in den nächsten Jahren wohl zum größten globalen Streaming-Anbieter heranwachsen mag[4]. Durch eine solche Position auf dem Weltmarkt ergibt sich meiner Auffassung nach eine gewisse mediale Verantwortung, beispielsweise bezogen darauf, welche Inhalte welchem Zielpublikum gezeigt werden. Mir ist es wichtig zu betonen, dass ein Unternehmen dieser Art sich stets selbst reflektieren und darüber hinaus eigenes Fehlverhalten aufarbeiten sollte. Als einige Faktoren für die global-mediale Verantwortung Disneys fasse ich inhaltliche Sorgfalt in Bezug auf gesellschaftliche Strukturen, Selbstreflektion und Aufarbeitung zusammen. 

3. Stereotype Darstellungsformen rassistischer Art

Im Seminar haben wir zum antiasiatischen Rassismus in Deutschland einen Artikel von Kimiko Suda, Sabrina J. Mayer und Christoph Nguyen besprochen und diskutiert, der in der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht wurde. Insbesondere wurde betont, dass jene Form von Rassismus kaum historisch aufgearbeitet ist[5]. Bei der Sichtung einiger Disney-Klassiker sind mir mehrfach antiasiatisch-rassistische Darstellungen aufgefallen, die in ihrer filmischen Umsetzung von stereotypen Diskriminierungsmustern geprägt sind. Bei Susi & Strolch (Clyde Geronimi, Wilfred Jackson, Hamilton Luske, USA 1955) zeichnen sich zwei Siamkatzen durch ihr hinterhältiges und manipulatives Verhalten aus. Diese negative Konnotation wird auf sprachlicher Ebene durch ein von ihnen gesungenes Lied verstärkt und mit ihrer kulturellen Identität in Verbindung gebracht, um ein rassistisches Bild zu kreieren: „Wir sind Siamesen und zwar echte, wir behandeln andere wie Knechte.“. Diese Formulierung lässt sich nur in der deutschen Synchronfassung, nicht in der US-amerikanischen Originalversion finden, jedoch zieht sich in letzterer eine lispelnde Betonung in Kombination mit Grammatikfehlern als rassistisches Stereotyp durch die Performance. Zu diesem Stereotyp lässt sich das identische Aussehen der Katzen, sowie die geschlitzte Form der Augen, große Schneidezähne und gelbes Fell hinzufügen[6]. Auf mich wirken die Katzen in ihren synchronen Bewegungen und Blicken unheimlich, sowohl beim ersten Sehen des Filmes in meiner Kindheit, als auch bei einer erneuten, aktuellen Sichtung. Auch in Aristocats  lässt sich eine ähnliche antiasiatisch-rassistische Darstellung finden. Die audiovisuelle Portraitierung der Figur wirkt wie eine Karikatur; sie gibt, mit stark geschlitzten Augen, Hasenzähnen und einer heraushängenden Zunge versehen, unverständliche und zusammenhangslose Laute von sich, während die anderen Figuren um sie herum im Kollektiv ein Lied singen. Dazu spielt sie mit Essstäbchen auf einer Klaviatur. Die dem Aussehen einer Siamkatze entsprechende Figur wird als Chinese Cat vorgestellt; nebenbei ist zu erwähnen, dass die Siamkatze ihren Ursprung ursprünglich im heutigen Thailand hat. In Aristocats handelt es sich bei der einzigen als asiatisch portraitierten Figur um eine rassistische, vermutlich zu humoristischen Zwecken, ins Lächerliche gezogene Darstellung.

Neben diesen genannten antiasiatisch-rassistischen filmischen Darstellungen lassen sich in den Disneyklassikern zahlreiche andere Formen rassistischer Kennzeichnungen finden. Auch Jahrzehnte später, in den 1990er-Jahren, vermittelt beispielsweise Aladdin (John Musker, Ron Clements, USA 1992) insbesondere durch zahlreiche brutale Figuren eine unsensible und unauthentische Darstellung der arabischen Kultur, die rassistische Vorurteile festige[7]. Wie ich zu Beginn erläuterte, war Das Dschungelbuch früher einer meiner Lieblingsfilme. Dass er von rassistischen Strukturen durchzogen ist, habe ich erst nach der aktuellen Sichtung für dieses Essay erkannt, nachdem ich ergänzend recherchiert habe. Im politischen Kontext des Entstehungszeitraumes Ende der 1960er-Jahre in den USA kann die Darstellung der Affenfiguren im Film als eine ins Lächerliche gezogene Karikatur der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung aufgefasst werden[8]. Speziell das Oberhaupt der Affenbande, King Louie, welcher das Lied „Ich wäre so gern wie du“ singst, wird hervorgehoben. Inhaltlich sind die Versionen der Liedtexte im Englischen und Deutschen fast identisch. King Louie wird gegenüber Mogli, dem menschlichen Protagonisten, herabgestuft und scheint sich gleichzeitig zu wünschen, jenem ebenbürtig zu sein. Im Englischen hat seine Synchronstimme einen afroamerikanischen Akzent – an dieser Stelle der Hinweis, dass der Synchronsprecher Louis Prima nicht afroamerikanischer Herkunft war. Disney lässt auf diese Art und Weise der audiovisuellen Darbietung, die durch Gesten primitiv erscheinenden Affen mit afroamerikanischen Menschen assoziieren. King Louie betont im sich schnell in einen Ohrwurm entwickelnden Lied mehrfach den Wunsch, zivilisierter zu sein und bestärkt somit das rassistische Stereotyp einmal mehr, unzivilisiertes Verhalten und fehlende Kompetenz mit schwarzen Menschen zu verknüpfen. In Dumbo (Ben Sharpsteen, USA 1941) hingegen singen schwarze Arbeiter „Wenn andere ins Bett gehen, schuften wir uns ab, bis wir sterben“, jedoch nicht etwa sich über die Umstände beschwerend, sondern in einem fröhlichen Tonfall mit heiterer Melodie, was als eindeutige Verharmlosung von Sklavenarbeit verstanden werden kann und auf koloniale Strukturen verweist. Interessant ist an dieser Stelle, dass die deutsche Synchronisation inhaltlich dramatischer erscheint; im Englischen heißt es hingegen: „When we get our pay, we throw our money all away.“ – hier wird den arbeitenden schwarzen Menschen ein kompetenter Umgang mit Geld abgesprochen. 

4. Umgang mit Kolonialismus

Ebenfalls zeigt sich ein filmisches Aufgreifen von Kolonialismus zum Beispiel in Pocahontas (Mike Gabriel, Eric Goldberg, USA 1995) und Peter Pan (Hamilton Luske, Clyde Geronimi, Wilfred Jackson, USA 1953). Während in Pocahontas die Synchronstimmen von Native Americans im Original gesprochen wurden, wurde hingegen der Inhalt der Erzählung in historischer Sicht faktisch falsch wiedergegeben und idealisiert, was für Kritik sorgte und zum Vorwurf der Geschichtsverfälschung führte[9]. Die Konfliktparteien, kolonialistisches Gedankengut durchzusetzen versuchende Engländer und amerikanische Ureinwohner, werden deutlich gegenübergestellt und bekämpfen sich innerhalb der Handlung gegenseitig, sodass das Konzept des Kolonialismus negativ konnotiert wird. Meiner Auffassung nach tritt jedoch die idealisierte Liebeserzählung von Pocahontas und John Smith zu sehr in den Vordergrund, sodass die koloniale Geschichte Amerikas heruntergebrochen wird. Ein stereotypes rassistisches Klischee der Ureinwohner wird visuell aufgegriffen, indem ihre Haut rötlich animiert ist. Auffällig und ebenfalls problematisch ist, dass die Protagonistin Pocahontas in etwas hellerer Haut dargestellt wird und wie viele weibliche Disney-Figuren sexualisiert wird. In Peter Pan werden in der Handlung ebenfalls Indigene durch eine rote Hautfarbe und die Bezeichnung als „Rothäute“ rassifiziert. Ein weiteres Beispiel für die koloniale Darstellung einer Figur lässt sich in Tarzan (Kevin Lima, Chris Buck, USA 1999) finden. Der Kolonialismus findet sich in der Inszenierung der menschlichen Figur Tarzans insofern wieder, als dass jener am Ende der Erzählung Anführer der Affengruppe wird, die ihn großgezogen hat. Er hat von ihnen profitiert und sie dennoch in Gefahr gebracht, da er den Forscher Mr. Porter, seine Tochter, spätere Geliebte Tarzans, Jane und den Jäger Clayton zu den Affen geführt hat, wobei bei letzterem das kolonialistische Gedankengut am deutlichsten wird und in einem Kampf mit den Affen mündet. Offensichtlich durch die Tatsache, dass es sich um britische Figuren handelt, und wenn wir die Affen ähnlich wie schon im Dschungelbuch als „colonized natives“[10] verstehen, ergibt sich der koloniale Kontext. Dadurch, dass Jane, ihr Vater und Tarzan bei den Affen bleiben und insbesondere letzterer zum Anführer der Gruppe wird, ergibt sich eine koloniale Kontinuität im vermeintlichen Happy End, da der inszenierte Bösewicht Clayton gestorben ist. Jene Kontinuität ergibt sich im Ausblick auch dadurch, dass mögliche Kinder von Tarzan und Jane die Führungsposition innerhalb der Affengruppe mit größter Wahrscheinlichkeit einnehmen würden. Dadurch, dass die Erzählung lokal-geographisch und temporal nicht genau umrahmt wird[11], sich jedoch eindeutig aus einer westlichen Perspektive heraus entwickelt – und im bekannten Stil Disneys zum wiederholten Male mit Tierfiguren statt menschlichen, verschiedenen Kulturen zugehörigen, Figuren gearbeitet wird, mag der Vorwurf dieser kolonialen Darstellung entkräftigt werden, obgleich er so offensichtlich scheint.

5. Aufarbeitung

Nach einer analytischen Umrahmung der verschiedenen rassistischen Darstellungsformen von Figuren, die Stereotype bekräftigen und dahingehend zur Verfestigung von rassistischen Vorurteilen führen können, stellt sich die Frage, inwiefern jene zutiefst falsche und diskriminierende Formen vom Konzern Disney aufarbeitet werden. Wenn Menschen mit rassistischem filmischem Material aufgewachsen sind, sollten sie darüber informiert werden, denn als Kinder werden wir von den uns emotional affizierenden Filmen auf eine gewisse Art und Weise geprägt und können Informationen über beispielsweise Weltanschauungen diesen Formaten entnehmen, was insbesondere dann gefährlich ist, wenn unbewusst rassistische Bilder verinnerlicht werden und somit theoretisch weiter projiziert werden können.

Seit 2019 wird auf der Streaming-Plattform Disney+ vor bestimmten Filmen, wie unter anderem Aristocats, Das Dschungelbuch, Dumbo und Peter Pan, ein warnender Hinweis vor Beginn des Vorspanns eingeblendet, der auf rassistische Darstellungen verweist und jene als falsch einstuft. Im Englischen lautet dieser:

„This programme includes negative depictions and/or mistreatment of people or cultures. These stereotypes were wrong then and are wrong now. Rather than remove this content, we want to acknowledge its harmful impact, learn from it and spark conversation to create a more inclusive future together. Disney is committed to creating stories with inspirational and aspirational themes that reflect the rich diversity of the human experience around the globe. To learn more about how stories have impacted society visit: www.Disney.com/StoriesMatter”.

Seit Januar 2021 haben Kinderprofile, für alle User:innen unter 12 Jahren, keinen Zugriff mehr auf all die Filme, die mit einer solchen Warnung ausgestattet sind. Es lässt sich diskutieren, ob die Filme komplett aus dem Sortiment genommen werden oder nur mit warnenden Hinweisen versehen werden sollten. Meiner Auffassung nach war die Entscheidung, jene Filme für Kinderprofile zu sperren, vernünftig und notwendig. Kinder werden so davor geschützt, rassistische Darstellungen und diskriminierende Werte unbewusst aufzunehmen und anschließend selbst zu reproduzieren. Zusätzlich werden sie davor geschützt, selbst Diskriminierungserfahrungen beim Sichten der Filme zu durchleben. Die Filme mit Warnungen zu versehen und für Jugendliche und Erwachsene weiterhin zur Verfügung zu stellen empfinde ich als richtig und äußerst wichtig, um die historische Aufarbeitung weiter in Gang zu setzen, Fehler klar zu benennen und den Zuschauer:innen eine Selbstreflektion im Sehprozess zu ermöglichen. Außerdem ist es wichtig, eine Art der Triggerwarnung zu geben, damit von Diskriminierungsmustern betroffene Personen selbst entscheiden können, ob sie das Material sichten wollen oder sich bewusst vor einer Konfrontation schützen wollen.

Meinem Eindruck nach bemüht sich Disney, rassistische Darstellungen als falsch zu benennen und genau zu erklären, beispielsweise wird auf der verlinkten Internetseite genaueres zu Peter Pan verfasst:

­„The film portrays Native people in a stereotypical manner that reflects neither the diversity of Native peoples nor their authentic cultural traditions. It shows them speaking in an unintelligible language and repeatedly refers to them as „redskins,“ an offensive term. Peter and the Lost Boys engage in dancing, wearing headdresses and other exaggerated tropes, a form of mockery and appropriation of Native peoples‘ culture and imagery”.

Das Unternehmen Disney sensibilisiert für sein eigenes Fehlverhalten, indem es selbstreflektierend seine Diskriminierungsmechanismen aufarbeitet und inhaltlich transparent in den neuen Produktionen darauf achtet, diversen Repräsentationen von Minderheiten Raum zu geben, die strukturell nicht der weißen Mehrheitsgesellschaft entsprechen und ein Identifikationspotenzial mit sich tragen. Zwei recht aktuelle Animationsfilmbeispiele, die ich positiv hervorheben möchte sind Vaiana (Ron Clements, John Musker, USA 2016), welcher 2017 für den Oscar als bester Animationsfilm nominiert wurde, und Raya und der letzte Drache (Don Hall, Carlos López Estrada, USA 2021). In beiden Filmen steht eine weibliche, Protagonistin of Colour im Vordergrund, die selbstbewusst Abendteuer erlebt, ohne auf männliche Nebenfiguren angewiesen zu sein. Das großer Wert auf Diversität gelegt wird, zeigt sich nicht nur in den animierten Figuren, sondern auch in der Besetzung der Sprechrollen. So spricht beispielsweise die gebürtige Hawaiianerin Auliʻi Cravalho die Figur der Vaiana. Der nach ihrer Figur benannte Film wurde auch auf Tahitianisch, einer polynesischen Sprache, synchronisiert, da der filmische Handlungsort auf einer polynesischen Insel lokalisiert ist. Die Regisseure haben in der Vorproduktion kulturell, historisch und mythologisch direkt vor Ort intensiv recherchiert, um einen authentischen Film zu produzieren[12]; im Gegensatz zu ihrer Arbeit für Aladdin, haben sie ihren Horizont umfassend erweitert.

6. Fazit und Ausblick

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Unternehmen Disney seit seiner Entstehung zahlreiche Filme veröffentlicht hat, die rassistische Stereotype audiovisuell darstellen. Viele aus dem vergangenen Jahrhundert stammende Klassiker beinhalten solche Formen der Diskriminierung bestimmter Gruppen, genauer gesagt, Minderheiten in einer weiß-positionierten Mehrheitsgesellschaft. Die technischen Möglichkeiten der Animationen bieten einerseits Chancen als auch Probleme: aktuelle Projekte zeigen die detaillierte Repräsentation von Minderheiten mit Identifikationspotenzial für das Publikum, andererseits wurden in der Vergangenheit vorwiegend Tierfiguren zu rassistischen Zwecken instrumentalisiert, um beispielsweise bestimmte Bevölkerungsgruppen, bestimmte Kulturen, deutlich voneinander abzugrenzen und kolonialen Strukturen Raum zu geben. Früher habe ich nie verstanden, warum in Das Dschungelbuch Mogli am Ende nicht mit seinen tierischen  Freunden aus dem Dschungel sein Leben verbringen kann, sondern ins Menschendorf zieht. Heute verstehe ich, dass aufgrund der sich durch den gesamten Film so deutlich durchziehenden rassistischen Strukturen von den Produzierenden des Konzerns genau das gewollt zu sein scheint – nämlich klare Grenzen zwischen aufgrund ihrer kulturellen Identität als verschieden angesehenen Individuen zu ziehen. Derartige Darstellungen zu vermitteln ist für eine Gesellschaft mit allen ihren Mitglieder:innen äußerst gefährlich und im Nachhinein schockiert es mich, dass ich durch das Singen von Liedern aus diesem Film unbewusst rassistische Inhalte reproduziert habe. Meinen eigenen Kindern werde ich diese Filme mit rassistischem Inhalt nicht zeigen, für eine historische Einordnung sind sie jedoch für Erwachsene wichtig.

Ich wünsche mir, dass Disney noch umfassender kontinuierlich an der Aufarbeitung derartiger Inhalte arbeitet und weiterhin neue Erzählungen produziert, die viel Wert auf Diversität legen – gerade weil die Filme global einen solchen Erfolg verzeichnen, ist es wichtig, sich als mediales Unternehmen bewusst zu sein und immer wieder daran zu erinnern, in welcher Verantwortung man selbst steht.

7. Literaturverzeichnis

Anon (2001). The Return of the Empire: Representations of Race, Ethnicity and Culture in Disney’s Tarzan and The Jungle Book, and in the Burroughs and Kipling.

Byrne, Eleanor & McQuillan, Martin (1999). Deconstructing Disney. London: Pluto Press.

Cußler, Jonas (2018). Disney und Rassismus-Vorwürfe. TELEVIZION.

Giroux, Henry & Pollock, Grace (2010). The mouse that roared. Disney and the end of  innocence. Lanham: Rowman & Littlefield.

Kilpatrick, Jacquelyn (1999). Celluloid Indians. Native Americans and film. Lincoln: University of Nebraska Press.

Internetquellen

https://www.statista.com/topics/1824/disney/#topicOverview. (Letzter Zugriff am 2.12.2023).

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/antirassismus-2020/316771/antiasiatischer   rassismus-in-deutschland/. (Letzter Zugriff am 2.12.2023).

https://storiesmatter.thewaltdisneycompany.com. (Letzter Zugriff am 3.12.2023).

https://www.deutschlandfunkkultur.de/disney-animationsfilm-vaiana-die-prinzessin-die-diewelt-100.html. (Letzter Zugriff am 3.12.2023).

Filmographie

Aladdin (John Musker, Ron Clements, USA 1992).

Aristocats (Wolfgang Reitherman, USA 1970).

Das Dschungelbuch (Wolfgang Reitherman, USA 1967).

Dumbo (Ben Sharpsteen, USA 1941).

Peter Pan (Hamilton Luske, Clyde Geronimi, Wilfred Jackson, USA 1953).

Pocahontas (Mike Gabriel, Eric Goldberg, USA 1995).

Raya und der letzte Drache (Don Hall, Carlos López Estrada, USA 2021).

Susi & Strolch (Clyde Geronimi, Wilfred Jackson, Hamilton Luske, USA 1955).

Tarzan (Kevin Lima, Chris Buck, USA 1999).

Vaiana (Ron Clements, John Musker, USA 2016).


[1] Kilpatrick, Jacquelyn (1999). Celluloid Indians. Native Americans and film. Lincoln: University of Nebraska Press. S. 154.

[2] Vgl.: Cußler, Jonas (2018). Disney und Rassismus-Vorwürfe. TELEVIZION. S.31.

[3] Vgl.: https://www.statista.com/topics/1824/disney/#topicOverview. (Letzter Zugriff am 2.12.2023).

[4] Vgl.: ebd.

[5] Vgl.: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/antirassismus-2020/316771/antiasiatischer-rassismus-in-deutschland/. (Letzter Zugriff am 2.12.2023).

[6] Vgl.: Byrne, Eleanor & McQuillan, Martin (1999). Deconstructing Disney. London: Pluto Press.

[7] Vgl.: Cußler, Jonas (2018). Disney und Rassismus-Vorwürfe. TELEVIZION. S.32.

[8] Vgl.: ebd.

[9] Vgl.: ebd. / Vgl.: Giroux, Henry & Pollock, Grace (2010). The mouse that roared. Disney and the end of innocence. Lanham: Rowman & Littlefield.

[10] Anon (2001). The Return of the Empire: Representations of Race, Ethnicity and Culture in Disney’s Tarzan and The Jungle Book, and in the Burroughs and Kipling, S, 7.

[11] Vgl.: ebd., S.12.

[12] Vgl.: https://www.deutschlandfunkkultur.de/disney-animationsfilm-vaiana-die-prinzessin-die-die-welt-100.html. (Letzter Zugriff am 3.12.2023).


Quelle: Tilde Funk, Global-mediale Verantwortung und Aufarbeitung rassistischer Darstellungen in Disney-Klassikern, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 23.01.2024, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=434