Fall 218: Die gestohlenen Frauenstimmen und andere patriarchale Detektivgeschichten

Auf den Spuren meiner Kindheitshelden anhand der Hörspielreihe „Die drei Fragezeichen“

Nikita Kara Helena Träder (SoSe 2022)

Einleitung

„Die drei Fragezeichen. Wir übernehmen jeden Fall.“ Genauso sicher, wie dieser Leitspruch und sein Vorkommen in jeder Folge der Kulthörspielreihe „Die drei Fragezeichen“ ist[1], so sicher ist auch die Welt der drei Detektive Justus, Peter und Bob. Eine Welt, in der jeder Kriminalfall gelöst werden kann und ein Happyend sicher ist. Es gibt keine Morde, keine sexuelle Gewalt und eine eindeutige Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Der Kosmos der drei Fragezeichen zeichnet sich durch Kontinuität aus. Dies wird unter anderem durch das Alter der drei Detektive deutlich, denn innerhalb des Produktionszeitraumes von 40 Jahren sind diese nur um wenige Jahre gealtert.[2] Dem entgegengesetzt ist das Alter der Hörenden, denn trotz dessen, dass die Alterszielgruppe des Hörspiels auf acht bis 14-Jährige ausgerichtet ist, machen die einstigen Kinder im jetzigen Erwachsenenalter einen großen Teil der Hörer*innenschaft aus.[3] Ich bin eines dieser einstigen Kinder. Eine Erwachsene, die immer noch die Krimiserie zum Einschlafen hört – ganz besonders, wenn ich einmal krank oder gestresst bin. Dieser Nostalgieeffekt, den Oliver Rohrbeck, der Sprecher von Justus Jonas, einen „Ausstieg ins Zeitlose“ nennt,[4] versetzt mich in einfache Zeiten, entspannt mich und gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit. Durch das Hörspiel kann ich den kindlichen Zustand der Unbeschwertheit wieder abrufen. Ich nehme an, dass jene Beständigkeit der drei Fragezeichen die Faszination für mich und so viele andere ausmacht – besonders in dieser beschleunigten Welt, in der sich alles sehr plötzlich verändern kann und in Frage zu stellen ist. Diesen Heile-Welt-Faktor beschreibt auch Andreas Fröhlich, der Sprecher von Peter Shaw: „Wir erleben es ja ständig, dass eine Bedrohung da ist, dass wir Angst haben, sei es vor einem drohenden Krieg auf der Krim oder vor einem Flugzeugabsturz. Bei den »Drei ???« ist auch immer eine Bedrohung da – aber es geht alles gut aus.“[5] Dennoch stellt sich für mich die Frage, ob diese Welt, die den Hörer*innen geschildert wird, wirklich so eine heile Welt ist und ob diese als positiv zu bewerten ist. Im vorliegenden Essay möchte ich die Hörspielreihe nicht durch die nostalgische Brille, die das Beständige romantisiert, betrachten, sondern einen kritischen Standpunkt einnehmen. Insofern möchte ich aufdecken, welche Weltansichten, Perspektiven und Diskriminierungsmuster die Serie spiegelt. Ich möchte reflektieren, was mir und vielen anderen, hier für Motive, Wissenssysteme und vermeintliche Wahrheiten vermittelt wurden, die mich von Grundschulalter bis jetzt begleitet haben.

Besonders hinsichtlich dessen, dass die Geschichten der drei Detektive in den Medien immer wieder angepriesen werden,, sehe ich es als notwendig an, hier genauer hinzuschauen. „Die drei Fragezeichen“ werden oft im Gegensatz zu der Hörspielreihe „TKKG“ aufgezeigt – ebenfalls eine Detektivbande – und im Vergleich dazu als „(nahezu) politisch korrekt unterwegs“ [6]  aufgefasst, wie im Stern von dem weiß und männlich positionierten Finn Rütten berichtet wird. Ist eine Geschichte gleich politisch korrekt, nur weil das N-Wort nicht benutzt wird, wie bei „TKKG“?![7] Politische Korrektheit meint nicht nur schlichtweg das Streichen rassistischer Wörter, wie das N-Wort oder Z-Wort. Sie stellt Herrschaftssysteme infrage und ist als „Anti-Diskriminierungsarbeit auf sprachlicher Ebene“ zu verstehen, die in einem „nicht rassistischen, nicht (hetero-)sexistischen, nicht diskriminierenden (bspw. Aufgrund von Alter oder Befähigung), nicht beleidigenden, inklusiven, respektvollen, selbst-reflexiven und sensiblen Sprachgebrauch Anwendung [findet].“[8]  Deswegen müssen „Die drei Fragezeichen“ neben „TKKG“ und „Benjamin Blümchen“ in kritische Analysen miteinbezogen und nicht aussortiert werden, „weil sie so viel richtig machen“.[9]

Mir ist es bei der Suche nach wissenschaftlich fundierter Sekundärliteratur schwergefallen, seriöse Quellen zu finden, die „Die drei Fragezeichen“ in einem politischen Kontext behandeln.[10] Ich habe viel auf Onlineforen zurückgegriffen, die ihre drei Helden natürlich größtenteils vor Kritik bewahren. Ich nutze für meine Analyse die Hörspiele als Hauptquelle und ergänze diese durch Zeitungsartikel, Blogbeiträge und Interviews. Die Quellen werden durch Theorietexte, sowie eigene kritisch reflexive Gedanken, ergänzt und kontextualisiert.

Das vorliegende Essay beschäftigt sich besonders mit den Inhalten der Hörspiele, wird aber durch Informationen bezüglich Produktion und Besetzung ergänzt und bezieht sich daher auf die Hörspielreihe und nicht die Buchreihe. Ich fokussiere mich besonders auf die Repräsentation und Konstruktionen von Geschlecht und Sexualität. Zusätzlich wird die Analyse durch einen rassismuskritischen Ausblick ergänzt, der anschneidet in welche Bereiche noch weiter kritisch gedacht werden sollte.

Ich stelle keinen Anspruch an einen objektiven Analysevorgang, da dies ein weißes rassistisches Konstrukt ist.[11] Insofern möchte ich meine Position betonen: Ich bin eine weiß positionierte ableisierte Frau, die in einer heterosexuellen Kernfamilie aufgewachsen ist.

1. Begriffsdefinition „Geschlecht“

Geschlechtliche Realitäten außerhalb des binären Geschlechtersystems spielen in „Die drei Fragezeichen“ keine Rolle. Daher werde ich mich auf die Repräsentation von Männlichkeiten und Weiblichkeiten beziehen, sowie auf einzelne Figuren eingehen, die sich von cis heteronormativen Bildern abheben. Ich gehe davon aus, dass kein Mensch vollends weiblich oder männlich ist. Diese beiden Kategorien sind lediglich zwei Pole auf einer von vielen möglichen Geraden. Ich schließe mich Judith Buttler an, indem ich Geschlecht als soziales Konstrukt definiere, mit welchem je nach gesellschaftlichem Kontext verschiedene Stereotype und Verhaltensweisen verbunden werden.[12] Somit ist das der Frau zugeordnete „weiblich“ und dem Mann zugeordnete „männlich“ ebenfalls sozial konstruiert. Es ist ein Konstrukt der Performanz, in dem die Geschlechtsidentität als Tun verstanden wird, welches sich aus der Wiederholung kultureller Praktiken ergibt.[13] Ich spreche von Männlichkeiten und Weiblichkeiten im Plural, da es nicht das eine Männliche oder Weibliche gibt, denn je nach gesellschaftlichem Kontext variieren die Ansprüche, die eine Gemeinschaft an Männer und Frauen stellt.  Wenn ich hier von Männlichkeit und Weiblichkeit spreche, meine ich besonders europäisch und US-amerikanisch geprägte Geschlechterbilder, die in einen kapitalistischen und neoliberalen Kontext einzuordnen sind.

Wenn wir über Geschlecht sprechen, muss immer von Dominanz- und Herrschaftsverhältnissen gesprochen werden, die eine Norm etablieren, welche ebenfalls sozial konstruiert ist.[14] Jene Normen werden auf vielerlei Ebenen verhandelt: In sozialen Beziehungen, in der Wissenschaft, in Gesetzbüchern und besonders auch in Darstellungen der Medien, wie Werbung, Film und Literatur. So werden auch „[i]n Hörspielen […] bestimmte Gesellschaftsnormen, Rollenbilder, Handlungsentwürfe und unterschiedliche Vorstellungen des Politischen keineswegs wertfrei vermittelt, die Rezeption von Kinderhörspielen kann für junge Zuhörerinnen und Zuhörer vielmehr identifikatorisch verlaufen und die Hörspielheldinnen und -helden zu Vorbildern werden lassen.“ [15] Dennoch „steht durchaus nicht immer das einzelne Hörspiel in der Kritik, sondern die gesellschaftliche Haltung, die es simplifizierend – und damit scheinbar kindgerecht – oder unreflektiert reproduziert.“[16] Wie bereits Chimamanda Ngozi Adichie argumentierte, ist das problematische an Stereotypen und der damit verbundenen Simplifizierung nicht, dass sie unwahr sind, sondern, dass sie unvollständig sind – „They make one story become the only story.“[17] Somit ist das „Problem an medialen Stereotypen […], dass sie Vielfalt und Differenz reduzieren und auch naturalisieren.“[18]

2. Konstruktion von Geschlecht in „Die drei Fragezeichen“

2.1 Männlichkeiten in „Die drei Fragezeichen“

„Die drei Fragezeichen“ ist eine männlich dominierte Hörspielserie. Die meisten Figuren, besonders auch jene, die wiederholt auftreten und somit zur Kontinuität der Serie beitragen, sind männlich. Insbesondere die Bösewichte der Folgen sind männlich, wie z.B. Skinny Norris, der Erzfeind der drei Jungen, der aber gleichzeitig nie eine richtige Bedrohung darstellt, oder Victor Hugeney, der Kunstdieb, der einen würdigen Gegner für die Detektive bietet.[19] Das Bild von Männern als böse und von Frauen als unschuldig wird aufrechterhalten. Ebenso sind beinah alle Kommissare, d.h. zu Beginn Inspector Reynalds und später dann Inspector Cotter, sowie jede Vertretung, männlich. Nur in einer der neueren Folgen gibt es einen bisher einmaligen Auftritt einer weiblichen Kommissarin. Das berufliche Feld der Polizeiarbeit wird als ein männliches konstruiert. Die mögliche Konsequenz ist, dass sich weniger Mädchen den Beruf Polizistin zutrauen, wie Studien zum Thema Gender und Berufsbezeichnungen bewiesen haben. [20]

Alle bisherigen Sprecher für die Rolle der Erzählstimme sind männliche Stimmen.[21] Wenn ich an andere Hörspiele aus meiner Kindheit zurückdenke, wie „TKKG“, „Die fünf Freunde“ oder „Bibi Blocksberg“, so sind auch alle Sprechenden der Erzählstimmen männlich gelesene Namen.[22] Somit erhalten die Hörenden einen männlich positionierten Blick auf das Geschehen, der durch seine berichtende Funktion allerdings oft mit Neutralität verwechselt wird. Wer erzählt, erzählen darf und kann, hat Handlungsmacht, denn Sprache ist Definitionsmacht.[23] Insofern liegt hier die Erzählmacht auf männlicher Seite. Der Erzähler in „Die drei Fragezeichen“ ist einerseits vorrangig über die drei Detektive intern fokalisiert und andererseits ist die Erzählinstanz nicht frei von wertenden Kommentaren, die sich im Hörspiel, anders als im Roman, nicht nur in der Wortwahl, sondern auch in der Stimmlage manifestieren. Beispielsweise in „Der Geisterbunker“ als die Erzählstimme beschreibt: „vor ihm [Justus] lag eine XXL Pizza, die er bereits zur Hälfte verspeist hatte.“[24] Auschlaggebend dabei ist, dass die Erzählinstanz das „XXL“ besonders betont und es in die Länge zieht und Justus Essverhalten damit als unkontrolliert abwertet.

Ebenfalls zu erwähnen, gilt das Genre des Hörspiels, denn es ist „nicht zuletzt das Genre […], das die internen und externen Blickkonstellationen sowie die damit verbundene Geschlechterrepräsentation vorgibt.“[25] Der Krimi ist ein männlich domminiertes Feld. Die großen Detektive in Literatur und Fernsehen sind überwiegend männlich, wie z.B. Sherlock Holmes oder Hercule Poirot – beides Figuren, die im letzten Jahrzehnt im großen Kino zu sehen waren, wohingegen Miss Marple zwar eine der wenigen Frauen ist, aber mittlerweile auch der vergangenen Filmwelt angehört. An diese Form männlicher Dominanz knüpft jener Mythos von Männlichkeit an, welcher diese mit Rationalität und Logik – das Werkzeug eines Detektivs – verbindet.[26] Dem entgegen steht das Emotionale, was zumeist mit Weiblichkeit und Schwäche verbunden wird.[27] Es muss berücksichtig werden, dass es trotz der Verbindung zwischen Rationalität und Männlichkeit, auch Geschichten von Detektivinnen gibt. Als Gegenstück zu „Die drei Fragezeichen“ kann hier „Die drei Ausrufezeichen“ genannt werden. Allerdings ist die Hörspielreihe der drei Detektivinnen von sexistischen Klischees besetzt.[28] Die Taz schreibt: „Dementsprechend ermittelt das weibliche Detektivtrio dann auch auf dem Laufsteg, im Café, oder auf dem Reiterhof. Eine der Protagonistinnen besitzt einen großen Kleiderschrank, die andere ein Pferd und die dritte fühlt sich oft zu dick.“[29] Ebenfalls problematisch ist hierbei, dass mit dem Titel „Die drei Ausrufezeichen“ eine Parallele zu „Die drei Fragezeichen“ gezogen und versucht wird, ihnen nachzueifern. Doch sie können bei Weitem nicht mit „Die drei Fragezeichen“ mithalten, die schließlich schon lange einen Kultstatus genießen. Durch den vergleichenden Namen wird dem weiblichen Detektivtrio das Entwickeln einer eigenen Geschichte und Identität verwehrt, in welcher dem nachgegangen wird, wer diese drei Mädchen wirklich sind, ohne im Vergleich zu einer männlichen Serie definiert zu werden. So wird hier deutlich, wie bereits Simone de Beauvoirs Geschlechtertheorie aufzeigt, dass das Weibliche nicht als das eine, sondern als das andere hervortritt und somit anhand des Mannes definiert wird.[30]

2.1.1 Figurenbetrachtung

Die drei Detektive Justus, Peter und Bob lassen sich alle als cis männlich, heterosexuell, ableisiert und weiß positioniert lesen. In dieser Positionierung wird das sichtbar, was gesellschaftlich als dominierende Norm gilt. Dennoch sind die drei Jungen sehr unterschiedlich und anhand ihrer Figuren werden verschiedene Männlichkeitsbilder deutlich, die im Folgenden exemplarisch beleuchtet werden.

Justus, der erste Detektiv, gilt als überdurchschnittlich intelligent. Er besitzt ein fotographisches Gedächtnis[31] und ist oft den beiden anderen Detektiven gedanklich einen Schritt voraus oder lässt sie absichtlich im Dunkeln tappen.[32] Damit wird sich anhand seiner Figur einer Sherlock Holmes Trope[33] bedient, indem er anknüpfend an den Männlichkeitsmythos von Rationalität das Symbol analytisch-rationalen Denkens verkörpert.[34] Dabei ist er der Innbegriff von Mansplaining, indem er ungefragt die Welt erklärt.[35] Er ist mutig und furchtlos. Allerdings hat er wenig Empathie, z.B. für Peters Unwissenheit oder seine Ängste.[36] Besonders gegenüber Frauen, wie z.B. Kelly, Peters Freundin, oder Jelena, einer Freundin der drei Jungen, ist Justus unhöflich und wertet sie ab.[37] Die daraus resultierende Frauenfeindlichkeit, wird in der Hörspielreihe allerdings nicht als in der Gesellschaft strukturell begründet angesehen, sondern ist darauf zurückzuführen, dass die Freundinnen der Detektive deren Zeit beanspruchen.[38] Darüber hinaus muss auch Justus trotz seines Geniecharakters einiges aushalten, denn in beinah jeder von den bisher über 200 Folgen kommt Fettfeindlichkeit zum Ausdruck, indem Justus Fettshaming ausgesetzt ist, sowohl durch seine Feinde als auch seine Freunde. Dabei wird Justus besonders von Peter gemaßregelt, wie z.B. in „Poltergeist“ als Peter sagt: „Beherrschung Pummel, Beherrschung!“ als Justus meint, das Essen sehe lecker aus.[39] Das Fettshaming geht auch von Seiten der am Geschehen unbeteiligten Erzählstimme aus, wie bereits erwähnt wurde.[40] Durch die wiederholte Thematisierung von Justus Diäten, wird einerseits ein Bild dessen konstruiert, dass, wer nicht der Schlankheitsnorm entspricht, sich gerne an diese angleichen möchte und sollte und andererseits ein Selbst-Schuld-Motiv, wenn es darum geht nicht Gewicht verloren zu haben, indem immer wieder beschrieben wird, wie Justus es nicht schafft, seine Diäten durchzuhalten.[41] Einerseits kann hier festgehalten werden, dass Justus zwar trotz seiner Physis und die Diskriminierung, die er dadurch erfährt, weiterhin schlagfertig und selbstbewusst ist, was als Vorbild gelten kann, doch andererseits beruht seine ganze Anerkennung darauf, dass er überdurchschnittlich intelligent  ist. Damit er also ernst genommen wird, und nicht als undiszipliniert abgewertet wird, müssen seine kognitiven Fähigkeiten überragend sein.

Peter, der zweite Detektiv, gilt als außerordentlich sportlich und gutaussehend.[42] Allerdings ist er oft ängstlich und seinen Kollegen kognitiv unterlegen.[43] Zusätzlich glaubt er oftmals zu Beginn eines neuen Falls an die übernatürlichen Phänomene, wie Geister – im Gegensatz zu Justus, der für alles eine logische Erklärung zu haben scheint.[44] Dies bekommt er immer wieder durch Kommentare zu hören. Diese Kommentare schließen an jenes Männlichkeitsbild an, dass Emotionen unterdrücken soll, z.B. durch ein „Reiß dich zusammen, Peter!“[45], was dieser nicht selten zu hören bekommt. Damit wird besonders kleinen Jungen suggeriert, sie seien schwach, wenn sie ihren Gefühlen Ausdruck verleihen.[46]

Bob bildet in vielerlei Hinsicht die Brücke zwischen Justus und Peter, die oft so unterschiedlich sind. Er ist der Streitschlichter und ergreift mal für den einen und mal für den anderen die Initiative. Dadurch wird er als einfühlsam und empathisch charakterisiert. Er kann sich Informationen gut erschließen, ist damit nicht so intelligent, wie Justus, aber knüpft an das Männlichkeitsbild von Logik an.[47]

Somit vereinen die drei Detektive vermeintlich typisch männliche Eigenschaften in sich, wie „Intelligenz/ kognitive Fähigkeiten (Justus), Sportlichkeit, Charme (Peter) und die Fähigkeit sich Informationen zu erschließen (Bob).“[48] Abgewertet wird die Emotionalität bei Peter, sowie Justus Körper, der nicht der gängigen Schönheitsnorm entspricht.

Grundsätzlich positiv ist, dass anhand der drei eine Jungenfreundschaft geschildert wird, die zeigt, dass auch der beliebte Sportler (Peter) mit den Nerds (Justus und Bob) befreundet sein kann und sich die drei umeinander sorgen und somit deutlich wird, wie wichtig sie sich sind. Dennoch kommunizieren sie ihre Gefühle füreinander zumeist nicht offen, ihre Zuneigung zueinander wird nur in der Furcht um das Leben des anderen deutlich und Körperlichkeit zwischen den dreien, wie eine Umarmung nach dem erfolgreichen Lösen eines Falles, findet keine Erwähnung.

2.2 Weiblichkeiten in „Die drei Fragezeichen“

Frauen- und Mädchenrollen, die von Bedeutung sind, gibt es in den meisten Folgen nicht.[49] Weibliche Figuren fungieren als Nebencharaktere, die ersetzbar sind. Die marginale Position von weiblichen Rollen zeigt sich auch anhand einiger Zahlen: Bis zur Hörspielfolge 71 sind nur 14,91 % Sprecherinnen, d.h. pro Folge sind durchschnittlich 10,45 Sprecher und 1,83 Sprecherinnen zu hören.[50] Heute mag das vielleicht etwas anders sein, aber die männliche Dominanzposition ist immer noch sehr deutlich hörbar: Die letzten zehn erschienenen Folgen (Folge 208-217), die im Durchschnitt 13,5 Sprechrollen aufweisen, haben einen Frauensprechanteil von durchschnittlich 3,2 weiblichen Stimmen, was in etwa 23,5 Prozent an Frauensprecherinnen ausmacht.[51] Grundsätzlich kann angenommen werden, dass nahezu alle Folgen von „Die drei Fragezeichen“ nicht den Bechdel-Test[52] bestehen würden, da einerseits wenig Frauen in den Folgen vorkommen und diese in nahezu keiner Folge miteinander sprechen. Die jüngst erschienene Folge (Folge 217) sticht mit einem Frauensprechanteil von einem Drittel positiv heraus. Allerdings haben zwei der fünf weiblichen Sprechrollen keinen Namen. Sie werden als „Dame“ und „Lady“ aufgelistet,[53] was sie auf ihr Frausein reduziert.

2.2.1 Familienbild

Bei allen drei Jungen wird das Bild einer heterosexuellen weißen Kernfamilie der Mittelschicht[54] deutlich.[55] Familie, so wie auch Schule, spielen in „Die drei Fragezeichen“ eine marginale Rolle, aber dennoch hilft Bobs Vater, Mr. Andrews, den Detektiven bei einigen Fällen, indem er ihnen z.B. Informationen aus dem Archiv besorgt, da er bei der Zeitung arbeitet.[56] Mrs. Andrews, sowie auch Mrs. Shaw, Peters Mutter, haben keinerlei erkenntliche Funktion für die Handlungen und über sie ist nicht viel bekannt.[57] Sie sind lediglich diejenigen, welche besorgt am Telefon zu hören sind, wenn ihre Söhne verschwunden sind.[58] Damit erschienen sie alleinig, um den Hörenden deutlich zu machen, dass Peter und Bob in intakten heterosexuellen Kernfamilien aufwachsen. Ihre Rollen werden auf ihr Muttersein beschränkt. Weibliche Figuren werden reduziert und erscheinen, wie häufig in medialen Darstellungen, ausschließlich als „die Mutter von…“.[59] Sie treten somit nicht als eigenständige Individuen auf, die unabhängig von ihrem Beziehungsstatus zu einem der Detektive existieren.[60]

2.2.2 Unsichtbare Mädchen

Die Position des Ersetzbaren von Frauenrollen, wird auch im wörtlichen Sinne deutlich, denn sowohl Kelly, als auch Jelena wurden aus den Hörspielen explizit herausgeschrieben und z.B. in „Das Geisterschiff“ durch Peters männlichen Freund Jeffrey ersetzt. Die Begründung des Hörspielproduzenten und Autor André Minninger, bezieht sich einerseits darauf, dass die Figuren nicht handlungstragend seien (und genau darin liegt schließlich das Problem) und andererseits, dass die Reaktion der Fans gegenüber den Freundinnen der drei Detektive negativ waren.[61]  Es heißt, dass die Freundinnen „den Handlungs- und Erzählfluss [hemmten] und  […] zudem erwachsene Probleme, die nicht dem ursprünglichen Konzept der Serie entsprachen, [boten].“[62] Hinter dieser Auslöschung weiblicher Figuren steht ein patriarchales System, in welchem Figuren wie Jelena, Kelly und auch Elizabeth (die Freundin von Bob) nur als Partnerinnen der Jungen gedacht werden können und somit lediglich die Detektive heterosexuell und damit normkonform verortet werden können. Daher sind sie, ähnlich wie die Mutterrollen, nur „die Freundin von…“, statt ein eigenständiges Individuum, was an der Entwicklung einer Geschichte beteiligt sein könnte. Sie werden in passive Zustände gedrängt und ihnen wird ihre Agency abgesprochen.[63]

In den früheren Folgen, in denen die Mädchen noch auftreten, wird ihnen wenig Handlungsfähigkeit zugeschrieben. Dies wird unter anderem in „Fußball-Gangster“ deutlich als die Mädchen den Jungen erzählen, dass sie herausgefunden haben, wer für die Briefbomben verantwortlich war. Peter wird an dieser Stelle sehr aufbrausend und ruft: „Seid ihr verrückt geworden?!“[64], da sie versprochen hätten, sich aus den Fällen der Detektive herauszuhalten, da es „zu gefährlich“ sei.[65] Dies ist ein Motiv, dass beispielweise auch in „TKKG“ auftritt, wenn Gaby, die sogar Teil der Detektivbande ist,  von manchen Aktivitäten ausgeschlossen wird, weil sie als zu gefährlich für ein Mädchen eingestuft wird.[66] Besonders in der erwähnten Folge wird deutlich, wie die Detektive die Mädchen übergehen und sie nicht ernst nehmen  – obwohl Elizabeth viel mehr Ahnung von Fußball und seinen Regeln hat als die drei Detektive.[67] Die Wut der Mädchen über die Ignoranz ihrer Freunde wird von den Detektiven abgetan, indem Peter sagt: „Jetzt seid doch nicht albern!“[68] Damit wird hier die Emotion der Mädchen als übertrieben und zu dramatisch abgewertet. Der Stereotyp der Frau als zu emotionsgeladen wird hier somit weitergeführt. Es scheint nicht möglich zu sein, die Freundinnen der drei Jungen, ohne ein Klischee zu besetzen, denn Andreas Fröhlich äußert in einem Interview: „Das hemmt die Ermittlungen, wenn zwischendurch die Freundin kommt und sagt: Du musst jetzt aber mit mir noch shoppen gehen.“[69] Die Aussage, die Fröhlich hier trifft, ist sexistisch, da sie sich eines weiblichen Klischees bedient, welchem die Freundinnenfiguren nicht einmal entsprechen. Deutlich wird damit, dass auch auf Seiten der Sprecher*innen keinerlei Reflexion bezüglich sexistischer Bilder, die hier vermittelt werden, stattgefunden hat.

2.2.3 Figurenbetrachtung

Trotz der grundsätzlich mangelhaften Repräsentation weiblicher Figuren, ist es erforderlich genauer auf die Darstellungsweisen der wenigen weiblichen Figuren einzugehen. Ich werde mich dabei besonders auf Kelly und Jelena fokussieren. Es gilt allerdings zu erwähnen, dass auch Justus eine Freundin, Lys de Kerk, hatte, die jedoch noch weniger Raum in den Folgen einnimmt. Lys‘ Figur wird in den Hörspielen oberflächlich abgehandelt, was sich unter anderem anhand dessen zeigt, dass die verschiedenen Autor*innen sich darüber uneinig waren, ob sie die Freundin, d.h. eine Person mit der Justus in einer romantischen Beziehung ist, oder eine Freundin von Justus ist, d.h. eine Person mit der Justus eine Freund*innenschaft unterhält.[70]

Bob ist in einigen Hörspielfolgen, bis zur Trennung, die allerdings nur irgendwann Erwähnung findet und keinen Handlungsstrang ausmacht, mit Elisabeth Zapata (auch Liz oder Beth genannt) zusammen, die in „Fußball-Gangster“ von Justus lediglich als Bobs „Anhang“ vorgestellt wird.[71] Liz taucht allerdings auch nur in zwei von zehn vertonten Geschichten auf und wird ansonsten lediglich erwähnt.[72] Wie wenig Aufmerksamkeit den Freundinnen und besonders ihrer charakterlichen Tiefe zukommt, wird dadurch bemerkbar, dass sie nicht immer von der gleichen Sprecherin gesprochen werden – im Gegensatz zu den drei Detektiven, deren Stimmen und die dahinterstehenden Sprecher für die Persönlichkeiten der drei Jungens stehen. So wird Lys z.B. in „Fußball-Gangster“ von Kerstin Draeger gesprochen[73] und in „Angriff der Computerviren“ von Anika Pages[74]. In „Giftiger Gockel“ hingegen spricht Draeger Kelly[75], die in „Fußball-Gangster“ von Juliane Szalay gesprochen wird[76]. Diese Vereinheitlichung der Freundinnen der Detektive wird besonders in „Fußball-Gangster“ deutlich, denn hier treten Kelly, Lys und Elisabeth gemeinsam in Erscheinung. Sie werden immer wieder als „die Mädchen“ bezeichnet und oft nicht einzeln erwähnt, sodass den Hörenden nicht immer klar ist, welche der drei spricht.[77] Damit wird ihnen jegliche Individualität genommen.

Kelly Madigan gilt, ebenso wie Peter, als schön und sportlich. Sie entspricht damit – ähnlich wie Peter – einem normativen Schönheitsbild. Kellys Charakter wird als anstrengend dargestellt und sie neigt zu Hysterie,[78] wodurch sogar Peter neben ihr als der Vernünftigere inszeniert wird. Damit bedient Kelly das negativ aufgeladene Klischeebild einer Frau. Die Hysterie ist zudem ein zutiefst sexistisches Konstrukt, was fälschlicherweise in der Biologie von Menschen mit Uterus begründet wurde.[79] In „Gefahr im Verzug“ wird Kelly darüber charakterisiert, dass ihre Lieblingsreporterin eine – wie Justus sie nennt – Klatschreporterin ist, was Kelly damit ihren Intellekt abspricht und diese abwertet.[80]  Ähnlich wird sie auch kognitiv unterlegen dargestellt, als sie in „Fußball-Gangster“ fragt „Warum ist denn da [im Video] kein Ton?“ und Peter genervt antwortet: „Das ist Zeitlupe, Kelly.“[81] Der sonst manchmal auch etwas kognitiv unterlegene Peter wird hier im Vergleich zu Kelly damit aufgewertet. In anderen Folgen wie „Poltergeist“ vermittelt Kelly den drei Detektiven nur einen Fall und somit erfahren die Hörenden wieder nicht mehr über sie als lediglich den Fakt, dass sie Peters Freundin ist.[82] In „Späte Rache“, als Peter verschwunden ist, kombiniert sie allerdings auch und hilft bei der Lösung des Falls, dennoch ist sie keine Konkurrenz für den Intellekt der drei Detektive.[83]

Jelena Charkova hingegen kann als weibliches Gegenstück zu Justus gelesen werden. Sie ist intelligent, mutig und wissbegierig. In „Botschaft von Geisterhand“ eignet sie sich selbstständig die Chemie an und entwickelt eine Flüssigkeit, die eine unsichtbare Schrift sichtbar macht, deren Geheimnis nicht einmal die drei Fragezeichen lösen können.[84] Ebenso wie Justus ist auch sie arrogant und wortgewandt, sehr zum Ärgernis des ersten Detektivs, den, im Gegensatz zu Peter und Bob, mit Jelena eine feindliche Konkurrenzfreund*innenschaft verbindet.[85] Dennoch ist sie die einzige Frauenrolle, die sich gegen weibliche Klischees wendet und als stark und selbstbewusst hervortritt. Darunter leidet allerdings die Sympathie für sie, da sie vor Arroganz strotzt. Den drei Detektiven ganz überlegen ist sie allerdings nicht, da sie im Rollstuhl sitzt und somit nicht so mobil wie die drei Detektive ist. Daher ist sie Justus an physischer Schnelligkeit immer noch unterlegen.[86] Somit ist sie immer wieder auf die Hilfe von den Jungen angewiesen, die sie z.B. hilfsbereit die Treppen hochtragen.[87] Jelena tritt in sieben Büchern in Erscheinung, ist allerdings nur in vier der Hörspiele zu den Büchern als Figur vertreten. [88]

Mathilda Jonas, Justus Tante, ist die einzige weibliche Rolle, die bis heute in den Folgen in Erscheinung tritt. Sie hebt sich besonders durch ihre Backkünste hervor. Sie unterstützt ihren Mann, Titus Jonas, im Trödelgeschäft, aber wird insbesondere als Hausfrau charakterisiert. Sie ist sorgsam und gefühlvoll.[89] Dabei ist sie das Sinnbild unbezahlter Care Arbeit. Somit knüpft ihre Figur an ein weibliches Klischeebild einer Übermutter an. Allerdings wird Mathilda auch immer wieder als anstrengende und lästige Figur inszeniert, indem sie ständig die Hilfe der Jungen benötigt und zum Jammern neigt, was besonders in ihrer Stimme deutlich wird.[90]

Als ich vor einiger Zeit „Geisterbunker“, eine der neusten Folgen hörte, war ich freudig überrascht als plötzlich Kommissarin Merryweather eingeführt wurde, die für diese Folge die Vertretung von Inspector Cotter ist. Doch ich wurde schnell enttäuscht, denn die Kommissarin wird als eine unsympathische Person eingeführt, da sie eigennützig die drei Detektive erpresst, damit diese ihr die Arbeit abnehmen und langweilige Fälle für sie lösen.[91] Sie stellt sich allerdings im Verlauf der Folge als taffe Frau heraus, die jedoch dem Klischee einer Großstadtkommissarin ausgesetzt ist und deren Charakter sich an billigen Motiven bedient, wie ihr harter Ton, der Erlaubnis bei einer Verfolgung das Tempolimit zu überschreiten – „geben Sie Stoff!“[92] – und ihrer aufreizenden Kleidung. Auf den Charakter der Kommissarin lässt sich auch anhand einer Szene schließen, in welcher diese Titus Jonas „schamlos“[93] – so Mathilda – anflirtet. Mathilda greift daraufhin nicht ein, aber wertet später die Kommissarin ab, indem sie ihren Kleidungsstil herabsetzt.[94] Dies führt zu einer sehr negativen Darstellung der Kommissarin.  Zum anderen wird hier deutlich, wie bei diesem Konflikt der Eifersucht der männliche Part, Titus, keinerlei Position bezieht und beziehen muss und somit Matilda nicht sauer auf Titus ist, sondern auf die Kommissarin. All dies sind Komponenten, die in einem patriarchalen System vorherrschen. Somit reproduziert diese Szene patriarchale Rollenbilder und zieht männliche Akteure aus jeder Verantwortung.

Es wird deutlich, dass die Frauen- und Mädchenfiguren starken weiblichen Klischees ausgesetzt sind, die hier reproduziert werden. Die weiblichen Charaktere sind oftmals mit lästigen Eigeschalten besetzt und können daher auf wenig Sympathie der Hörenden hoffen. Somit kann hier von einer misogynen Darstellungsweise gesprochen werden. Statt die weiblichen Figuren „gut altern“ zu lassen und an jetzige gesellschaftliche Errungenschaften von Frauen in den Medien teilhaben zu lassen, wurden ihre Rollen herausgeschrieben. Die Betrachtung macht folgendes deutlich:

By linking women primarily to domestic activities, the family, and private matters, rather than to positions of power and authority, the media socialize a view of women as dependent, inferior, and subordinate. We can see this in the predominance of roles for women as housewives, mothers, and romantic partners.[95]

2.3 Queerness in „Die drei Fragezeichen“

Wie bereits deutlich wurde, zeichnet sich die Welt der drei Detektive durch ein binäres und heterosexuelles System aus. Es gibt wenige Bücher, und noch weniger Hörspielfolgen, in welchen queere Charaktere in Erscheinung treten.[96] Dennoch gibt es wenige Folgen, in welchen mit heteronormativen Vorstellungen von Geschlecht gebrochen wird. In der Folge „Höhenangst“ aus dem Jahr 2019, die von Andre Minninger verfasst wurde,[97] ist die Figur des Bösewichts durch eine Person besetzt, die scheinbar auch ein Mörder[98] aus einem Buch nach wahrer Begebenheit ist, das Bob in der Folge liest. In dem Buch wird der „Psychopath“, wie der Erzähler ihn nennt, dadurch als „geisteskrank“ charakterisiert, weil er seine weiblichen Entführungsopfer dazu zwingt, sich vor ihm zu schminken.[99] Bob erhält während des Lesens einen Drohanruf.[100] Wie sich später herausstellt, handelt es sich dabei nicht um die gleiche Person, wie aus dem Buch, auch, wenn die Detektive dies annehmen sollen. Die Detektive werden während des Falls von einer Person beobachtet, die Frauenkleider trägt, aber laut Peter keine Frau sein kann, wegen der Perücke und der „männlichen Figur“, weswegen die Person wie ein „absoluter Fremdkörper“ wirke.[101] Die Figur weicht mit ihrem Erscheinungsbild von heteronormativen Vorstellungen ab und lässt sich damit dem Begriff von Queercoding zuordnen, gleichermaßen wie die Verbindung von Männlichkeit und einer Affinität für Schminke. Queercoding meint, dass Stereotype und verschiedene Tropen, die mit der LGBTQ Community verknüpft sind, genutzt werden, um einer eindeutigen queeren Zuordnung, wie z.B. der Homosexualität eines Charakters, auszuweichen, sie aber dennoch anzudeuten. Dies beruht auf dem ursprünglichen Verbot, Queerness in Film und Fernsehen abzubilden. Somit wurde Queercoding einst verwendet, um dieses Verbot zu umgehen, doch auch heute noch, obwohl LGBTQ-Figuren längst vielfältig zu sehen sind, wird das Queer-Sein vieler Figuren im Versteckten verhandelt, sodass sich Stereotype weiter reproduzieren und Queerness als unnormal wahrgenommen wird.[102] Die hier verwendete Trope nennt sich „Creepy Crossdresser“. Diese Trope zeichnet Charaktere aus, die meistens sadistische Männer sind und deren Tragen von Frauenkleidern und auch Schminken insbesondere dazu dient, sie als gruselig und böse darzustellen.[103] Die Darstellung des Creepy Crossdressers ist queerfeindlich, da Queer-Sein mit böse und psychisch krank gleichgesetzt wird. Das Motiv des Creepy Crossdressers wird in „Höhenangst“, wie in vielen anderen Filmen,[104]aufgegriffen und reproduziert.

In Fankreisen wurden immer wieder Theorien über die mögliche Homosexualität der drei Jungen, insbesondere Peter, diskutiert. Die Sprecher der Detektive haben mehrmals betont, dass die Sexualität der Jungen nicht wichtig sei, dennoch haben sie in Interviews Andeutungen bezüglich der Homosexualität der Figuren von sich gegeben.[105] Dies kann in den Kontext von Queerbaiting eingeordnet werden. Bei Queerbating wird offengelassen, ob eine Figur queer, z.B. homosexuell, ist, um einerseits ein queeres Publikum anzulocken und andererseits mögliche homofeindliche Fans nicht zu verärgern.[106]

Eine offen queere Person ist die Figur Monique Carrera, die in zwei Folgen ihren Auftritt hat. In „Das Hexenhandy“ wird deutlich, dass Monique eine trans Frau ist. Schon ihre Einführung in die Geschichte ist problematisch zu sehen, denn sie wird zunächst als unfreundliche „aufgedonnerte Blondine“ inszeniert.[107] Schon in dieser Beschreibung kommen misogyne Tendenzen zum Ausdruck, da die Weiblichkeit von Mrs. Carrera abgewertet wird. Bei der ersten Begegnung der Detektive mit Mrs. Carrera lesen diese Monique als cis Frau, doch schnell wird von einer Kollegin von Mrs. Carrera ihr trans-Sein thematisiert, indem sie sehr transfeindliche Aussagen trifft, wie „In einem Cabaret wäre die Diva besser aufgehoben als bei einem seriösen Unternehmen.“[108] Durch die Bezugnahme zu dem Cabaret als Ort für oftmals parodistische Verkleidungen wird Mrs. Carrera ihr Frau-Sein abgesprochen und ihr Geschlecht wird invalidiert. Daran anschließend wird dies auch in der Nennung ihres Deadnames, d.h. der Geburtsname, den die Person abgelegt hat, deutlich, der „ihr wirklicher Name“ sei.[109] Auch von Seiten der Detektive wird Mrs. Carrera zuerst nicht als Frau anerkannt, denn Justus spricht von „Mrs. oder Mr. Carrera“.[110] Dennoch sprechen die Detektive im weiteren Verlauf der Handlung immer von Mrs. Carerra und benutzen ausschließlich die Pronomen „sie/ihr“. Auch die Erzählstimme spricht von ihr als Frau. Als Mrs. Carerra von ihrem Chef gefeuert wird, weil sie eine „Schande“ für das Unternehmen sei, äußert sich auch Justus zu diesem transfeindlichen Vorfall: Er spricht von „menschenverachtenden“ Verhalten und meint, dass dies „in keinster Weise zu entschuldigen“ sei.[111] Dennoch auch problematisch zu sehen, ist, dass Mrs. Carerra relativ schnell als die Verdächtige ausgemacht wird, die als gruselige hässliche Hexe Kinder entführt und sie in einen Käfig sperrt. Zwar stellt sich der Verdacht später als falsch heraus, aber dennoch wird erneut das Bild einer queeren Rolle als böse reproduziert. Das Motiv der Hexe und deren Darstellung in der Folge sind ebenfalls kritisch zu betrachten, da es auf misogyne Weiblichkeitskonstrukte der Hexenverfolgung zurückzuführen ist. Trotz dessen, dass Mrs. Carrera sich am Ende als positive Figur herausstellt, wird im Verlauf der Geschichte immer wieder auf ihr bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht verwiesen, obwohl es nicht tragend für die Handlung ist. Damit wird ihre Figur besonders auf ihr trans-Sein reduziert und sie ist Othering ausgesetzt. Othering meint den Prozess des Exkludierens jener Menschen, die nicht als Teil der Dominanzgesellschaft wahrgenommen werden. Besonders durch Tropen findet Othering Ausdruck. [112]

3. Rassismuskritischer Ausblick

Es wurde sich intensiv mit der Genderfrage und Analyse der Reproduktion geschlechtlicher Stereotype befasst. Ein gleichermaßen wichtiger Punkt, den es aufzuarbeiten gilt, und der hier nur exemplarisch angerissen wird, ist die Reproduktion rassistischer und kolonialer Motive und Konzepte in „Die drei Fragezeichen“. Wer sich einmal lediglich die Titel der Hörspiele ansieht, merkt schnell, dass darin viele nicht-weiß-westliche Motive auftauchen, wie „Der Schatz der Mönche“, „Die flüsternde Mumie“, „Im Bann des Voodoo“, „Die Rache der Samurai“ oder „Das Volk der Winde“. Das Unbekannte, was es zumeist zu entdecken und erforschen gibt, ist somit mit nicht-westlich-weißen Motiven zu verknüpfen. Damit tragen die Folgen zu der Konstruktion eines „exotischen“ Anderen bei. Es herrscht zu Spannungszwecken das Konzept des Otherings vor. Dies schließt an das kolonialistische Narrativ des Entdeckens an. Beispielsweise in Folgen wie „Das Grab der Maya“, erschienen im Jahr 2020, werden Bilder einer Entdeckerkultur reproduziert, die an koloniale Zusammenhänge anschließen. Wie auch bereits das Zitat Andreas Fröhlichs bezüglich der Freundinnenthematik gezeigt hat, wird auch durch eine Aussage Oliver Rohrbecks deutlich, dass keine rassismuskritische Reflexion bei den Sprecher*innen vorliegt. In einem Interview antworte Rohrbeck auf die Frage, in welche Zeit er gerne reisen würde: „Ich würde erst einmal in die Zeit der Kolonialisierung reisen und wäre gerne mit den ersten Leuten in Indien gewesen.“[113] Mit den „ersten Leuten“ meint er wohl nicht die indische Bevölkerung, die schließlich vor den Europäer*innen da war, sondern die sogenannten portugiesischen „Entdecker“. Hier negiert Rohrbeck, dass er als „Entdecker“ Indiens wenig mit einem überromantisierten Abenteurer zu tun hat, sondern ein gewalttätiger Ausbeuter ist, der auf Grund von kapitalistischen Interessen die Bewohner*innen eines Landes gewaltsam unterwirft. Der Begriff des „Entdeckens“ unterliegt einer weißen Positionierung und meint eine koloniale Entität, die nicht-weiße Räume als leer imaginiert und das gewaltsame Eindringen in jene als „gute Tat“ konstruiert.[114] Dies zeigt sich auch auf inhaltlicher Ebene in den Hörspielen, wie z.B. in „Das kalte Auge“, erschienen im Jahr 2017, als Bob sagt: „Im Jahr 1590 in der Zeit als Nordamerika zum ersten Mal besiedelt wurde“.[115] Damit negiert auch er, dass vor dem Ankommen der Spanier, Nordamerika bereits von Menschen besiedelt war – nur eben keine weißen europäischen Menschen. Das Interview mit Rohrbeck ist auf der offiziellen Webseite der drei Fragezeichen nachzulesen. Dies macht deutlich, dass auch auf Seiten der Produktion kein kritisches Hinterfragen der Motive stattgefunden hat und keine Differenzierung von Rohrbecks Aussage vorliegt. Die koloniale Definitionsmacht findet sich zusätzlich in immer wieder auftauchenden Wörtern und Motiven wie „Indianer“ wieder, wie z.B. in „Das kalte Auge“. Dabei ziert sogar das Bild einer großen finsteren Figur mit Federschmuck, langem Haar etc. die offizielle Website der drei Fragezeichen. Das Bild soll einem native American nachempfunden sein, aber knüpft an stereotype Bilder der indigenen Bevölkerung Amerikas an, die von Weißen konstruiert wurden. „Indianer“ ist ein kolonialer Begriff, der von europäischen Gesellschaften dazu diente, sich von der Gruppe abzugrenzen, die sie überfallen (haben). [116] Mit dem Begriff wird ein homogenes und willkürliches Bild „verschiedenster geografisch und kulturell diverser Gesellschaften“ Amerikas erzeugt und damit wird ein rassistisches Konstrukt weiter aufrechterhalten.[117]

Besonders deutlich werden in „Die drei Fragezeichen“ auch Narrative, die sich anti-schwarzem Rassismus bedienen. In „Dopingmixer“ beschreibt die Erzählstimme: „Am Nachmittag trafen sich Justus, Bob und Glenn, ein dunkelhäutiger, sportlicher und sehr erfolgreicher Schüler.“[118] Das weiß-Sein der anderen Figuren findet keinerlei Erwähnung. Somit sind sie als Weiße zu lesen, die allerdings in ihrem weiß-Sein unsichtbar sind und daher als Norm deklariert werden. Schwarz wird als das rassifizierte „Andere“ konstruiert.[119] Zusätzlich ist „dunkelhäutig“ eine Fremdbezeichnung von Weißen für Schwarze Menschen, die sich damit der Eigenbezeichnung „Schwarz“ widersetzen.[120] Justus spricht in der Folge „Der Doppelgänger“ aus dem Jahr 1981 sogar von „verschiedenen Rassen“[121] bei Menschen. Damit bedient er sich einem rassistischen Vokabular. „Rasse“ ist ein erfundenes von Weißen erschaffenes Konstrukt, das keineswegs biologisch fundiert ist und dazu dient, die weiße Herrschaft zu legitimieren.[122]

Zusätzlich bedient sich „Die drei Fragezeichen“ auch Motiven, die im anti-asiatischen Rassismus zu verorten sind. In „Das Hexenhandy“, kann die Bedienung eines chinesischen Restaurants kein „R“ sprechen und spricht anstatt dessen ein „L“.[123] Hier wird sich eines rassistischen Stereotyps bedient, der eine Rolle lediglich durch ihre mögliche Nationalität kennzeichnen möchte. Dies kann, ähnlich wie Black- oder Yellow-Facing, als Yellow-Voicing verstanden werden. Besonders hinsichtlich dessen, dass es vermutlich ein weißer Sprecher war, der die Rolle der Bedienung spricht, ähnlich, in „Dopingmixer“, wo der Sprecher von Glenn ebenfalls weiß, ist.[124] Damit wird marginalisierten Gruppen auch im wörtlichen Sinne ihre Stimme abgesprochen. In erwähntem Beispiel geht die Produktion sogar noch einen Schritt weiter, indem sie die Sprechart der Figur nach einem rassistischen Stereotyp auslegen.

Auch Jens Wawrczeck, der Sprecher von Peter, scheint wenig Anspruch an politische Korrektheit zu stellen, denn er merkt in einem Interview an: „Das ist ein Kinderhörspiel, ursprünglich. Es ist kein Produkt, das sich jetzt wirklich gesellschaftskritisch äußert, oder historische Dinge aufrollt.“[125] Anhand dieser durchaus problematischen Perspektive, die den Bildungsauftrag, der Medien für Kinder innewohnt, nicht zu sehen scheint, wird sichtbar, wie wichtig es ist, in der Medienanalyse koloniale und rassistische Kontexte aufzurollen – besonders, weil es auch ein Kinderhörspiel ist und bereits im Kindesalter antirassistische Arbeit anfangen muss, ebenso wie antisexistische Aufklärung.

Schluss

Die Welt der drei Fragezeichen ist voll von problematischen Darstellungsformen, wie sich gezeigt hat. Es wird eine patriarchale und weiß dominierte Welt konstruiert, aber gleichzeitig auch gespiegelt. Weiße, heterosexuelle cis Männer haben jede Definitions- und somit Handlungsmacht, was durch die Dominanz männlicher Sprechrollen deutlich wird. Frauenrollen sind marginal und zeigen wenig charakterliche Tiefe auf. Sie wurden ihrer Stimme beraubt und werden misogyn abgewertet. Queere Rollen sind einem Othering ausgesetzt und werden durch Stereotype diskriminiert. Nicht weiß-westliche Figuren werden als das „Andere“ und zu erforschende Objekt konstruiert.

Das, was in „Die drei Fragezeichen“ deutlich wird, hält uns einen Spiegel unseres Herrschaftssystems vor. Das problematische Männlichkeitsbild z.B. ist schließlich keines, welches sich die Autor*innen ausgedacht haben, sondern es werden Mythen und Stereotype von Männlichkeit aufgegriffen, die bereits gesellschaftlich aktiv sind, wie das „Reiß dich zusammen!“, dem Peter als Mann ausgesetzt ist. Die Hörspielreihe kann als Spiegel unserer patriarchalen Gesellschaft betrachtet werden. Ein Spiegel, der zeigt, dass sich die hier vermittelten Bilder schon über mehrere Jahrzehnte halten und weiter aufrechterhalten werden.

Ich möchte festhalten, dass – zumindest für ein weißes cis Publikum – die sexistischen und rassistischen Aspekte der Serie nicht offenkundig zu erkennen sind, wenn nicht bereits ein grundsätzlich feministisches und antirassistisch reflexives Bewusstsein dafür vorhanden ist. Dies macht vielleicht einen Unterschied zu „TKKG“ aus, da dort Begriffe wie das N-Wort benutzt werden[126] – ein Begriff, dessen Problematik mittlerweile viel mehr Leuten bekannt ist, ohne, dass diese ein rassismuskritisches Denken im weiteren Ausmaß vermittelt bekommen haben. Da dies in „Die drei Fragezeichen“ nicht der Fall ist und die Sexismen und Rassismen hier aus weißer cis Perspektive unterschwellig angelegt sind, wird die Gefahr diskriminierender Motive nicht als solche erkannt. Jedoch heißt das nicht, dass jene Motive deswegen nicht weniger problematisch sind. Da die Hörspiele schließlich besonders während Aktivitäten, wie Aufräumen oder Einschlafen konsumiert werden, läuft die Geschichte der drei Detektiven oftmals als Hintergrundgeräusch ab und so werden rassistische und sexistische Narrative möglicherweise noch weniger als solche wahrgenommen, aber flechten sich dennoch in das Unterbewusstsein mit hinein.  An dieser Stelle wäre es nötig weiterzuforschen, inwiefern der Wissensdiskurs um „Die drei Fragezeichen“ eine weiß und cis positionierte Wissensproduktion ist, in welcher marginalen Stimmen kein Platz zukommt.

Ich denke, dass es definitiv möglich wäre, dass die Folgen der drei Detektive auch ohne Rassismen und Sexismen auskommen, denn sie sind nie handlungtragend, machen nicht den Charakter der Serie aus und haben ihr bestimmt auch nicht zum Kultstatus verholfen. Ich höre die Folgen schließlich nicht, weil Kelly anstrengend ist oder Tante Mathilda bäckt, Justus adipös und Peter sportlich und weniger intelligent ist. Ich höre die Fälle gerne, weil sie für mich Kindheit sind. Eine Kindheit in der mein kleines Ich mitfiebern, sich angenehm fürchten wollte und die Gewissheit hatte, dass alles gut enden und niemand wirklich verletzt werden würde. Das funktioniert auch ohne Diskriminierung.

Ich sehe es als sehr wichtig an, dass, wenn mensch „Die drei Fragezeichen“ trotz seiner Problematik weiterhin hört, über eben jene problematischen Motive spricht und sich somit gegenseitig aufklärt. Wenn also eine neue Folge rauskommt und mensch sich mit anderen darüber austauscht, sollte auch die Thematisierung von kritisch zu betrachtenden Inhalten Teil des Gesprächs sein. Dennoch würde ich das Hörspiel keiner Person weiterempfehlen, die es noch nicht kennt und beispielsweise auf der Suche nach einem spannenden Krimi für Kinder ist. Ich hoffe sehr, dass sich zwischen, oder am besten außerhalb von „Die drei Fragezeichen“ und „Die drei Ausrufezeichen“ noch andere Krimiwelten finden lassen werden. Des Weiteren sehe ich eine Notwendigkeit dafür, dass die Produktion von „Die drei Fragezeichen“ ihren Stil ändert und so ein deutliches Zeichen gesetzt wird, Kinder anders sozialisieren zu wollen. Denn gerade jener Faktor des Beständigen, d.h. dessen, dass sich in der Welt der drei Detektive nichts verändert, ist besonders problematisch, da „Die drei Fragezeichen“ nicht auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse reagiert und somit weiterhin Diskriminierung reproduziert.  Jede Geschichte, die erzählt wird, so auch das Hörspiel, spiegelt und konstruiert Gesellschaft. Deswegen sind Hörspiele auch gesellschaftspolitisch und sollten sich somit ihrer politischen Verantwortung bewusst sein.


[1] „Die drei Fragezeichen“ stammt ursprünglich aus den USA, kam 1968 mit dem ersten Buch nach Deutschland und ist seit 1979 als Hörspiel auf dem Markt. In den USA wurden „Die drei Fragezeichen“ bereits 1990 abgesetzt, doch in Deutschland wird die Hörspielreihe immer noch weiter produziert, die mittlerweile über 200 Folgen umfasst. Auf Grund eines Rechtsstreits wurde die Hörspielreihe von 2006-2007 unter dem Namen „Die Dr3i“ mit kleinen Änderungen veröffentlicht. (Vgl. Europa. Die drei ???: „Bobs Archiv / Geschichte. Geschichte und Live-Hörspiel-Historie.) In den Hörspielen geht es um die drei Detektive Justus Jonas, der Chef des Unternehmens, Peter Shaw, den sportlichen zweiten Detektiv und Bob Andrews, der für Recherchen und Archiv zuständig ist. Die drei Freunde haben ihr Versteck auf dem Gelände des Gebrauchtwahrencenters von Justus‘ Onkel Titus Jonas bei welchem der erste Detektiv wohnt, da seine Eltern nicht mehr leben. Die drei lösen in jeder Folge einen neuen Fall. Dabei treten einerseits Figuren in Aktion, die nur einmalig vorkommen, aber es gibt auch konstante Helfer*innen, wie Inspector Cotter, der Verbündete der drei Jungen bei der Polizei. Auch, wenn manchmal Bezüge zu alten Fällen der Detektive hergestellt werden, steht jede Folge für sich und die einzelnen Folgen müssen nicht in der Reinfolge gehört werden.

[2] Vgl. Benjamin, Knödler: “Die drei Fragezeichen“.

[3] Vgl. Emde, Oliver, Andreas Wicke, and Lukas Staden: „Vorwort“ In Von “Bibi Blocksberg” bis “TKKG”: Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. S. 7.

[4] Behrmann, Kai: „Die Rückkehr der Kult-Detektive“.

[5] Buhre, Jakob u. Huppertz, Paula Emilia: „Mit Freundinnen funktioniert es nicht“.

[6] Rütten, Finn: „Was »Die drei Fragezeichen« schon immer besser gemacht haben als »TKKG«“.

[7] Vgl. Schwarz, Carolina: „Tim und das N-Wort“.

[8] Brilling, Julia: „Political Correctness“. S. 496 f.

[9] Fron, Carina: „Von Blocksbergs bis Blümchen. Bibi, Pipi, Benjamin: Welche Werte uns Kinderhörspiele vermittelt haben“.

[10] Allerdings bin ich auf meiner Suche nach Literatur auf eine Masterarbeit gestoßen, die sich mit einem rassismuskritischen Blick mit „Die drei Fragezeichen“ auseinandersetzt. Die Arbeit von Hannah Pfeiffer ist unter dem Titel „»Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?« kritische Dekonstruktion Schwarzer Repräsentation in Die drei ???“ online zu finden. Aus ihren Quellen entnehme ich, dass auch sie kaum wissenschaftliche Sekundärliteratur zu „Die drei Fragezeichen“ gefunden hat.

[11] Vgl. Popal, Mariam: „Objektivität“. S. 464.

[12] Vgl. Buttler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. S. 22 ff.

[13] Vgl. Schößler Franziska: Einführung in die Gender Studies. S. 97 f.

[14] Vgl. ebd. S. 95.

[15] Emde, Oliver, Andreas Wicke, and Lukas Staden: „Vorwort“ In Von “Bibi Blocksberg” bis “TKKG”: Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. S. 8.

[16] Vgl. Emde, Oliver, Andreas Wicke, and Lukas Staden: „Vorwort“ In Von “Bibi Blocksberg” bis “TKKG”: Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. S. 9.

[17] Adichie, Chimamanda: „Die Gefahr der einen einzigen Geschichte“. 13:13-13:16.

[18] Lünenborg, Margreth, und Tanja Maier: Gender Media Studies. S. 102.

[19] Vgl. Wikipedia: “Figuren aus Die drei ???“.

[20] Freie Universität Berlin: „Automechanikerinnen und Automechaniker – wie Sprache die kindliche Wahrnehmung von Berufen prägt.“

[21] Vgl. Wikipedia: „Die drei ??? (Hörspiel). Figuren und Sprecher“.

[22] Vgl. Wikipedia: „TKKG. Chronik der Hörspielsprecher“, Wikipedia: „Fünf Freunde. Sprecher der Europa-Produktion.“, Wikipedia: „Bibi Blocksberg. Sprecher.“

[23] Vgl. Sow, Noah: Deutschland Schwarz Weiß. S. 35.

[24] Folge 2014: „Die drei ??? und der Geisterbunker“. Teil 3.

[25] Schößler Franziska: Einführung in die Gender Studies. S. 152.

[26] Vgl. Bola, JJ: Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungen ist. S. 29.

[27] Vgl. Connell, Raewyn: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. S. 225.

[28] Vgl. Tippe: Sebastian: „Die drei !!!: Selbstbewusste Mädchen oder Manga-Barbie im Ermittlungswahn?“.

[29] Wolny, Teresa: „Hauptsache gut aussehen“.

[30] Vgl. Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht, S. 14.

[31] Vgl. Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Justus Jonas“.

[32] Vgl. Folge 217: „Die drei ??? und der Kristallschädel“. Teil 6;Teil 22.

[33] Der Begriff kommt aus der Rhetorik und hat besonders in der Popkultur Anklang gefunden, wobei hier der enge rhetorische Begriff der Trope von der popkulturellen Definition abweicht. Unter dem geläufigen englischen Begriff „Trope“ ist die Wiederholung von Motiven, Erzählmustern oder bestimmten Konventionen zu verstehen.

[34] Vgl. Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Sherlock Holmes“.

[35] Vgl. Tippe, Sebastian: „Die drei ???-Kids: Sexismus und Frauenverachtung im Männerclub“.

[36] Beispielsweise in „Die drei ??? und der Geisterbunker“ sagt Justus auf Peters drängen hin den Bunker nicht zu betreten „Ach, du solltest mich inzwischen besser kennen, Zweiter. Wenn man Justus Jonas vertreiben will, erreicht man nur das Gegenteil.“ Somit legt er bestimmend fest: „Wir werden da jetzt reingehen.“ (Folge 214: „Die drei ??? und der Geisterbunker“. Teil 5.)

[37] Dies wird beispielsweise in „Gefahr im Verzug“ deutlich, als Kelly meint, dass die Reporterin ihrer Lieblingsshow „Showtime Heute“ vor Ort sei und Justus daraufhin erwidert: „Klatschreportage. Hohlköpfe, die über andere Hohlköpfe labern.“ (Folge 54: „Die drei ??? Gefahr im Verzug“. Teil 6.)

[38] Vgl. Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Freundinnen der drei Fragezeichen“.

[39] Folge 73: „Die drei ??? Poltergeist“. Teil 24.

[40] Siehe Abschnitt 2.1 der vorliegenden Arbeit.

[41] Vgl. Folge 47: „Die drei ??? und der giftige Gockel“. Teil 4, 10.

[42] Vgl. Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Peter Shaw“.

[43] Vgl. Folge 217: „Die drei ??? und der Kristallschädel“. Teil 5.

[44] Vgl. ebd. Teil 7.

[45] Folge 122: „Die drei ??? und der Geisterzug“. Teil 16.

[46] Vgl. Bola, JJ: Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungen ist. S. 26.

[47] Vgl. Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Bob Andrews“.

[48] Tippe, Sebastian: „Die drei ???-Kids: Sexismus und Frauenverachtung im Männerclub“.

[49] Eines weniger Gegenbeispiele, ist die Rolle der Brittany aus „Das Erbe des Meisterdiebes“ und „Fuermond“. Sie hintergeht allerdings die drei Detektive und spielt Justus vor, dass sie in ihn verliebt sei. Somit ist ihre Rolle sehr negativ behaftet. (Vgl. Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Brittany“.)

[50] Vgl. Tippe, Sebastian: „Die drei ???-Kids: Sexismus und Frauenverachtung im Männerclub“.

[51] Diese Zahlen sind auf eigene Zählungen und Berechnungen zurückzuführen, die anhand der Sprecher*innenlisten auf der offiziellen Webseite der drei Fragezeichen, durchgeführt wurden. (Vgl. Europa. Die drei ???: „Produktwelt / Hörspiele“.)  Folge 208: drei von 18 Stimmen sind weiblich, 209: drei von 13 Stimmen sind weiblich, 210: zwei von elf Stimmen sind weiblich, 211: eine von acht Stimmen ist weiblich, 212: drei von 13 Stimmen sind weiblich, 213: vier von 17 Stimmen sind weiblich. 214: Fünf von 15 Stimmen sind weiblich, 215: drei von 14 Stimmen sind weiblich, 216: drei von 12 Stimmen sind weiblich, 217: Fünf von 15 Stimmen sind weiblich. Damit sind 32 von 136 Stimmen weiblich gelesene Namen. Somit sind von diesen zehn Folgen im Durchschnitt 3,2 Stimmen weiblich, was einen Prozentanteil von 23, 5 Stimmen ergibt.

[52] Der Bechdel-Test richtet sich nach drei Kriterien, die in einem Film eingehalten werden müssen, sodass der Test als bestanden gilt: 1) In dem Film müssen mindestens zwei Frauen vorkommen. 2) Die zwei Frauen müssen miteinander sprechen. 3) In dem Gespräch geht es um etwas anderes als Männer. Über die Jahre sin hier noch weitere Kriterien dazugekommen, wie, dass die weiblichen Figuren nicht über Kinder reden sollten und Namen bekommen. (Vgl. Harvey, Alison: Feminist Media Studies. S. 58.)

[53] Vgl. Europa. Die drei ???: „Die drei ???, Folge 217: Der Kristallschädel“.

[54] Anhand der Berufe der Eltern und Sorgerechtsbeauftragten liegt die Vermutung nahe, dass die drei Detektive der Mittelschicht angehören.

[55] Dabei ist Justus Familiengeschichte abweichend, im Gegensatz zu der seiner beiden Kollegen. Justus Eltern sind beide verstorben und er wohnt bei dem Bruder seines Vaters, Titus Jonas, und Mathilda Jonas. Dennoch ist er somit durch seine Eltern und auch seinen Onkel und seine Tante in einer heterosexuellen Kernfamilie sozialisiert.

[56] Vgl. Wikipedia: “Figuren aus die drei ???“.

[57] Vgl. ebd.

[58] Vgl. Folge 84: „Die drei ??? Musik des Teufels“. Teil 3.

[59] Vgl. Harvey, Alison: Feminist Media Studies. S. 62.

[60] Zusätzlich gilt zu erwähnen, dass allerdings auch Peters Vater keine große Rolle zukommt.

[61] Vgl. rocky-beach.com: „Fragebox mit André Minninger“.

[62] Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Freundinnen der drei Fragezeichen“.

[63] Agency ist die Fähigkeit eines*einer Akteur*in zu handeln. Dabei geht es nicht um das Verständnis des Menschen als eine Kreatur (mit) der Dinge geschehen (Passivität), sondern als Kreatur, die Dinge geschehen lässt (Aktivität). (Vgl. Blackburn, Simon: „action“, „agent“.)

[64] Folge 63: „Die drei ??? Fußball-Gangster“. Teil 38.

[65] Vgl. ebd.

[66] Vgl. Mayer Katharina: „Rassismus im Kinderzimmer“.

[67] Folge 63: „Die drei ??? Fußball-Gangster“. Teil 18.

[68] Ebd.

[69] Buhre, Jakob u. Huppertz, Paula Emilia: „Mit Freundinnen funktioniert es nicht“.

[70] Vgl. Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Lys de Kerk“.

[71] Folge 63: „Die drei ??? Fußball-Gangster“. Teil 3.

[72] Vgl. Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Elisabeth Zapata“.

[73] Vgl. Europa. Die drei ???: „Die drei ???, Folge 63. Fußball-Gangster“.

[74] Vgl. Europa. Die drei ???: „Die drei ???, Folge 56. Angriff der Computer-Viren“.

[75] Vgl. Europa. Die drei ???: „Die drei ???, Folge 47. Und der giftige Gockel“.

[76] Vgl. Europa. Die drei ???: „Die drei ???, Folge 63. Fußball-Gangster“.

[77] Vgl. Folge 63: „Die drei ??? Fußball-Gangster“. Teil 18.

[78] Vgl. Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Kelly Madigan“.

[79] Rotermund, Emma: „Hysterie“.

[80] Vgl. Folge 54: „Die drei ??? Gefahr im Verzug“. Teil 6.

[81] Folge 63: „Die drei ??? Fußball-Gangster“. Teil 24.

[82] Vgl. Folge 73: „Die drei ??? Poltergeist“. Teil 7.

[83] Vgl. Folge 69: „Die drei ??? Späte Rache“. Teil 8 ff.

[84] Vgl. Folge 95: „Die drei ??? Botschaft von Geisterhand. Teil 3 f.

[85] Vgl. ebd.

[86] Vgl. ebd. Teil 7.

[87] Vgl. Folge 84: „Die drei ??? Musik des Teufels“. Teil 25 f.

[88] Vgl. Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Jelena Charkova“.

[89] Vgl. Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Mathilda Jonas“.

[90] Vgl. Fogle 28: „Die drei ??? Botschaft von Geisterhand.“ Teil 16.

[91] Vgl. Folge 214: „Die drei ??? und der Geisterbunker“. Teil 2.

[92] Vgl. ebd. Teil 13.

[93] Ebd. Teil 20.

[94] Vgl. ebd.

[95] Harvey, Alison: Feminist Media Studies. S. 65.

[96] Vgl. Fandom. Die drei Fragezeichen Wiki: „Homosexualität und Transsexualität“.

[97] Vgl. Europa. Die drei ???: „Die drei ???, Folge 201. Höhenangst“.

[98] Da in dem Buch immer vom Mörder im generischen Maskulin gesprochen wird, verwende ich diese Bezeichnung hier auch.

[99] Vgl. Folge 201: „Die drei ??? Höhenangst“. Teil 3.

[100] Vgl. ebd. Teil 1 f.

[101] Ebd. Teil 16.

[102] Vgl. The Take: „Queer Coding, Explained. Hidden in Plain Sight“.

[103] Vgl. TV Tropes: „Creepy Crossdresser“.

[104] Der „creepy Crossdresser“ ist eine beliebte Trope in Krimi und Thriller. Beispielhafte Charaktere dafür sind Norman Bates aus „Psycho“ oder Jame Gumb aka. „Buffalo Bill“ aus „Das Schweigen der Lämmer“, dem im Film sein trans-Sein abgesprochen wird und eine „Geschlechtsidentitätsstörung“ zugeschrieben wird, weswegen er seinen weiblichen Opfern die Haut abzieht. Aber auch neue Filme, wie der Tatort „Die Amme“ aus dem Jahr 2021 greifen diese Trope auf.[104] Auch hier sind die Figuren nicht offensichtlich queer aber queercoded. (Vgl. Brandt, Ela: „Mörderische Transfeindlichkeit“. https://eleabrandt.de/2021/04/08/transfeindliche-motive-krimis/.)

[105] Vgl. Die Hörspieler: „Drei Männer vor dem Mikro“.

[106] Vgl. The Take: „Queer Coding, Explained. Hidden in Plain Sight”.

[107] Folge 101: „Die drei ??? und das Hexenhandy.“ Teil 21.

[108] Vgl. ebd. Teil 22.

[109] Ebd.

[110] Ebd.

[111] Ebd. Teil 32.

[112] Vgl. Harvey, Alison: Feminist Media Studies. S. 64.

[113] Europa. Die drei ???: „Das etwas andere Interview: Oliver Rohrbeck.“

[114] Sow, Noah: „Entdecken“. S.

[115] Special Folge: „Die drei ??? Und das kalte Auge“. Teil 10.

[116] Vgl. Sow, Noah: „Indianer“, S. 690.

[117] Ebd.

[118] Folge 60: „Die drei ??? Dopingmixer“. Teil 6.

[119] Vgl. Sow, Noah: „weiß“. S. 191.

[120] Vgl. Sow Noah: „Dunkelhäutig“. S. 628.

[121] Fogle 28: „Die drei ???und der Doppelgänger.“ Teil 20.

[122] Vgl. Arndt, Susan: „Rasse“. S. 660 f.

[123] Vgl. Folge 101: „Die drei ??? und das Hexenhandy.“ Teil 24.

[124] Vgl. Europa. Die drei ???: „Die drei ???, Folge 60. Dopingmixer“.

[125] Buhre, Jakob u. Huppertz, Paula Emilia: „Mit Freundinnen funktioniert es nicht“.

[126] Vgl. Schwarz, Carolina: „Tim und das N-Wort“.


Medienverzeichnis

Folge 28: „Die drei ???und der Doppelgänger.“ EUROPA 1881. Spotify: https://open.spotify.com/album/7Dbd2rya9glmBLVxclcU4d?si=dITqUvKFQ5mdYygllsoOdg [01.08.2022].

Folge 47: „Die drei ??? und der giftige Gockel“. EUROPA 1989. Spotify: https://open.spotify.com/album/3iWNsrEs9D0FFlKFfscdvL?si=A33xPX4gT1Si7ZvEQSj2ew [21.07.2022].

Folge 54 „Die drei ??? Gefahr im Verzug“. EUROPA 1992. Spotify: https://open.spotify.com/album/1Fg15cBLFliy6Kr60QqRan?si=n-qJ-AbVR1yRJTiUuBlkHw [21.07.2022].

Folge 60: „Die drei ??? Dopingmixer“. EUROPA. 1994. Spotify: https://open.spotify.com/album/7cBoiWgh1bTMZmCwJE0eMu?si=3EqMfC2DRrqNcX0SIFwXSw [03.08.2022].

Folge 63: „Die drei ??? Fußball-Gangster“. EUROPA 1995. Spotify: https://open.spotify.com/album/5GPTZKrD7eaCp9p6VOBuIN?si=r3plaeiTTeadutiYglRbPg [21.07.2022].

Folge 69: „Die drei ??? Späte Rache“. EUROPA 1996. Spotify: https://open.spotify.com/album/2erJcBofKBO6GFMqDPppsU?si=wsyCdkWWS2GHkH1cvLtYKw [06.08.2022].

Folge 73: „Die drei ??? Poltergeist“. EUROPA 1997. Spotify: https://open.spotify.com/album/1K8kXLhNnHSdPvtUwf74DE?si=Zc_gQaIkR5GFFKmYeDSwEA [21.07.2022].

Folge 84: „Die drei ??? Musik des Teufels“. EUROPA 1999. Spotify: https://open.spotify.com/album/3bhsXwKIDwVK5LTkDCICp0?si=M5jOyP0hR1uT7TYffI4xAw [06.08.2022].

Folge 95: „Die drei ??? Botschaft von Geisterhand.“ EUROPA 2001. Spotify: https://open.spotify.com/album/4KEZWleMTT8lDaQDLgozFc?si=vd3ift07Tr61Fopz8Tc1wQ [01.08.2022].

Folge 101: „Die drei ??? und das Hexenhandy.“ 2001 EUROPA. Spotify: https://open.spotify.com/album/1DZAe0qMw8Pq9EPoX6gETA?si=LbFROEfAQrGOenAEmQTRkg [01.08.2022].

Folge 122: „Die drei ??? und der Geisterzug“. EUROPA 2008. Spotify: https://open.spotify.com/album/68NWcgqeCQMZ3QcPJXBhzH?si=alJHeX1MQy-QsXwhxkvgdg [21.07.2022].

Folge 201: „Die drei ??? Höhenangst“. EUROPA 2019. Spotify: https://open.spotify.com/album/4FxNfDSXqAg8N1D8NBtvZ5?si=DiSR2k3eRo-UFeVyF8Nv_Q [21.07.2022].

Folge 214: „Die drei ??? und der Geisterbunker“. EUPOPA 2022. Spotify: https://open.spotify.com/album/1cJ3fNx6K47p4eDFqhnvsA?si=p0g4J43ATJWGgf1t3IutOA [21.07.2022].

Folge 217: „Die drei ??? und der Kristallschädel“. EUROPA 2022. Spotify: https://open.spotify.com/album/1WlRnNunbHpnRTTVkxMRnd?si=OkivU9gUSsy_sB1IgAbzyQ [07.08.2022].

Special Folge: „Die drei ??? Und das kalte Auge“. EUROPA 2017. Spotify: https://open.spotify.com/album/3egVVb6Zt0LdS6agBMGsiJ?si=MENNHpIpSr-knPlp8uzuNA [03.08.2022].


Literaturverzeichnis

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Popal, Mariam: „Objektivität“. In Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Hg. von Susan Arndt u. Nadja Ofuatey-Alazard. Unrast Verlag. Münster 2021.

Sow Noah: „Dunkelhäutig“. In Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Hg. von Susan Arndt u. Nadja Ofuatey-Alazard. Unrast Verlag. Münster 2021.

Sow, Noah: „Entdecken“. In Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Hg. von Susan Arndt u. Nadja Ofuatey-Alazard. Unrast Verlag. Münster 2021.

Sow, Noah: „Indianer“. In Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Hg. von Susan Arndt u. Nadja Ofuatey-Alazard. Unrast Verlag. Münster 2021.

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Internetquellen

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  • Videoquellen:

Adichie, Chimamanda: „Die Gefahr der einen einzigen Geschichte“. https://www.ted.com/talks/chimamanda_ngozi_adichie_the_danger_of_a_single_story/transcript?language=de [15.07.2022].

The Take: „Queer Coding, Explained. Hidden in Plain Sight“. https://www.youtube.com/watch?v=K5-6UXGmeGA&t=495s [15.07.2022].


Quelle: Nikita Kara Helena Träder, Fall 218: Die gestohlenen Frauenstimmen und andere patriarchale Detektivgeschichten, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 31.08.2022, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=231

Die post-koloniale Zeug*innenschaft der afro-deutschen Community –

Sichtbarmachung von Rassismus als Form der kolonialen Kontinuität in Deutschland

Lotta Klister (WiSe 2021-22)

Dieser Essay steht im Kontext eines Seminars zu Theorien und Praktiken der Dekolonialisierung. Während des Seminars arbeitete ich zeitweise mit einer Gruppe zusammen, in der wir uns dem Thema des anti-kolonialen Widerstandes in Berlin näherten und unter anderem das May-Ayim-Ufer besuchten, das ein Zeichen für die fehlende Thematisierung kolonialer Kontinuitäten in Deutschland setzt. Ausgangspunkt meines Essays ist eine kritische Haltung gegenüber meiner eigenen Aneignung von Wissen, in der ich als weiße Person nur eine begrenzte epistemische Einsicht in koloniale Kontinuitäten wie bspw. die Erfahrung von Rassismus habe. In meinem Reflexionsprozess fragte ich mich daher, ob sich eine koloniale Kontinuität auch über Analyse- und Erzählpraktiken auf Basis von Archiven des Wissens erstrecken kann: Inwiefern birgt der Versuch des Sammelns, Selektierens und Aneignens von Wissen zu kolonialer Geschichte selbst das Risiko, eine koloniale Kontinuität zu werden – gerade, wenn der Versuch von Personen wie mir praktiziert wird, die nur eine begrenzte Einsicht haben in die akute Bedeutung der Aufarbeitung von kolonialer Geschichte für das von alltäglicher Diskriminierung und Marginalisierung geprägte Leben in Deutschland? Die Wahrscheinlichkeit, blinde Flecken nicht nur zu übersehen, sondern niemals auflösen zu können, wurde mir in meiner Auseinandersetzung immer klarer. Die einzige Möglichkeit für mich, diesen Essay zu schreiben, ist, diese blinden Flecken permanent mitzudenken und sprachlich zu reflektieren.

1.  Hinführung

Im ersten Teil des Essays werde ich mich der Frage nähern, inwiefern die Wissenslücken ‚offizieller‘ Archive durch eine post-koloniale Zeug*innenschaft aufgezeigt und dadurch alternative Wissenssysteme konstituiert werden können. Beginnen werde ich diese Überlegungen mit Arbeiten von May Ayim, die als Zeugin alltäglich erfahrenen Rassismus als Form der kolonialen Kontinuität versuchte, auf die geschichtlichen Hintergründe dieser Kontinuitäten zu verweisen. May Ayims Zeug*innenschaft stand und steht im Kontext der Bildung einer afro-deutschen Community in Deutschland, die sich an der Bildung einer transnationalen afrikanischen Diaspora orientiert(e). Eine fundamentale Kritik an den tief verankerten Rassismen europäischer Wissenssysteme ist konstitutiver Bestandteil jener Formulierung einer diasporischen Gemeinschaft.

Im zweiten Teil meines Essays werde ich thematisieren, wie die koloniale Vergangenheit Deutschlands und die post-kolonialen Bedingungen in Deutschland die Debatten um Rassismus und um koloniale Kontinuitäten beeinflussen. Diese komplexen Bedingungen haben laut Monika Albrecht auch Auswirkungen auf die Möglichkeiten anti-kolonialen Widerstands. Als Beispiel wendet sich Albrecht der als anti-koloniale Widerstandspraktik zu verstehende Umbenennung des in Berlin Kreuzberg verorteten Gröben-Ufers in May-Ayim-Ufer zu, die ihrer Meinung nach eine kompetitive Erinnerungskultur in Deutschland widerspiegelt und deshalb zu kritisieren ist. Ich werde mir daran anschließend die Frage stellen, inwiefern die Kritik an eben dieser anti-kolonialen Widerstandspraktik deren tatsächliche subversiven Möglichkeiten verfehlen könnte. Schließen werde ich den Essay mit einer poetischen Form der post-kolonialen Zeug*innenschaft, indem ich auf ein Gedicht May Ayims verweise, das Rassismus als Form der intersektionalen, kolonialen Kontinuität poetisch reflektiert.

2.  Post-koloniale Zeug*innenschaft der afro-deutschen Community

2.1.  Durchbrechen offizieller Archive durch kollektivierende Zeug*innenschaft

Im Vorwort von Farbe bekennen schreiben die Herausgeberinnen May Ayim, Katharina  Oguntoye und Dagmar Schultz über den Prozess, ihre „subjektiven Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam weiterzudenken, andere Afro-Deutsche anzusprechen und in diesen Prozess einzubeziehen“, sowie über den Prozess, sich auf Nachforschungen ihrer „Geschichte zu begeben und schließlich – was mit diesem Buch geschieht – an die Öffentlichkeit zu gehen.“ (Ayim et al. 2020, 19). Die kollektivierende Auseinandersetzung mit subjektiven Erfahrungen ist in Farbe bekennen direkt mit einer Hinwendung zu öffentlichen Diskursen sowie deren gezielter Herstellung und Veränderung verbunden: „Mit diesem Buch wollen wir in Verbindung mit persönlichen Erfahrungen gesellschaftliche Zusammenhänge von Rassismus offenlegen“ (Ebd., 19). Diese Zusammenhänge betreffen die koloniale und nationalsozialistische Geschichte Deutschlands sowie deren Folgen, die laut der Herausgeberinnen zu wenig aufgearbeitet wurde und noch immer verdrängt wird – ansonsten fänden afro-deutsche Menschen sowie deren Lebenshintergründe gegenwärtig mehr Beachtung (Vgl. ebd., 20). Die Veränderung „der mit Unwissenheit und Vorurteilen durchdrungenen Öffentlichkeit“ (ebd.) setzt also voraus, dass offizielle Archive sich für die gegenwärtigen subjektiven Erfahrungen afro-deutscher Personen öffnen und das geschichtliche Wissen, auf das diese Erfahrungen hinweisen, auch als genuines Wissen anerkennen müssen.

Die Kritik an fehlenden öffentlichen Auseinandersetzungen mit Rassismus berührt auch die Frage, inwiefern dekoloniale bzw. post-koloniale Zeug*innenschaften das Potenzial haben, hegemoniale Strukturen der offiziellen Wissensarchive und der Wissensarchivierung zu durchbrechen. Solche Ordnungen offizieller Archive lassen sich auch mit Hito Steyerls Begriff der „Politik des Archivs“ fassen:

Das offizielle Archiv erkennt die individuelle Geschichte nicht an, es demonstriert seine archontische, patriarchale Macht. Das Archiv sammelt nicht nur Zeichen und hält sie unter Kontrolle, sondern es erzeugt auch den Eindruck nahtloser Kontinuität, einer natürlichen, selbstverständlichen und transparenten Ordnung. Es stellt ein Korpus dar, dessen Elemente in idealer Konfiguration organisiert sind und eine auf den ersten Blick glatte und kontinuierliche Oberfläche bilden: Effekte einer Politik des Archivs. (Steyerl 2015, 33f.)

Steyerl beschreibt in ihren Ausführungen zur Zeug*innenschaft, wie die Integration der epistemischen Standpunkte von sprechenden Zeug*innen die offiziellen Archive durchkreuzen und nicht nur neues Wissen präsentieren, sondern auch die offizielle Konzeption des Wissens in Frage stellen kann. Darauf werde ich in 2.3. näher eingehen. Zunächst möchte ich darauf verweisen, dass der Versuch, die öffentlichen Diskurse für die geteilten Erfahrungen marginalisierter Communities zu öffnen, voraussetzt, dass diese Communities als solche sichtbar werden. So wird die Bildung der Community performativ in der Hinwendung zur Öffentlichkeit vollzogen. Audre Lorde beschreibt diese Gleichzeitigkeit am Anfang von Farbe bekennen wie folgt:

Dieses Buch ist als Aufforderung der hier schreibenden Frauen an alle Bürgerinnen und Bürger ihres Landes gedacht, sich einem neuen Aspekt des deutschen Bewusstseins zuzuwenden, über den die meisten weißen Deutschen noch nicht nachgedacht haben. Ihre Worte dokumentieren ihre Weigerung, die Verzweiflung lediglich mit Blindheit oder Stillschweigen abzuwehren.

Lorde 1986, 25

Die Weigerung, die individuell erfahrene Verzweiflung auf der subjektiven Ebene zu belassen und sie stattdessen kollektivierend zu thematisieren, dokumentiert gleichzeitig die Hinwendung zur deutschen Öffentlichkeit und damit zur Öffnung offizieller Wissensbestände, die das deutsche Bewusstsein bisher beschränkten.

Das Buch Farbe bekennen beinhaltet verschiedene Essays, die individuelle Erfahrungen in den Kontext dieser Community-Bildung setzen. May Ayim schreibt von ihrem Großwerden als Pflegekind in einer Familie, die krampfhaft versuchte, gegen rassistische Vorurteile vorzugehen: 

Meine Eltern haben mich aus Liebe, Verantwortung und Unwissenheit besonders streng erzogen, geschlagen und gefangengehalten. Im Wissen um die Vorurteile, die in der weißen deutschen Gesellschaft bestehen, passten sie ihre Erziehung unbeabsichtigt diesen Vorurteilen an. Ich wuchs in dem Gefühl auf, das in ihnen steckte: beweisen zu müssen, dass ein ‚Mischling‘, ein ‚N****‘, ein ‚Heimkind‘, ein vollwertiger Mensch ist.

Ayim 2020, 266

Erst in der Konstituierung der afro-deutschen Community, die auch mithilfe von Farbe bekennen ermöglicht wurde, kann diese individuell erfahrene Gewalt in den Kontext rassistischer Kontinuitäten in Deutschland gesetzt werden. Die auf Ayim von ihren Pflegeeltern projizierte Notwendigkeit, als Einzelperson gegen Vorurteile zu kämpfen, indem das ‚Normalsein bewiesen‘ wird, ist ebenso eine Form des Rassismus. Diese Form des Rassismus wird im Kontext der afro-deutschen Community als solche aufgedeckt, indem deren Erfahrbarkeit der individuellen Position entrissen wird und stattdessen auf die Sozialisierung in einer weißen deutschen Gesellschaft rückgeführt wird. Dies möchte ich im nächsten Kapitel vertiefen.

2.2.  Bildung einer afro-deutschen Community mit post-kolonialem Hintergrund

Der Begriff ‚afro-deutsch‘ kennzeichnet die Gemeinsamkeit der Erfahrung, als afro-deutsche Person in einer weißen deutschen Gesellschaft sozialisiert zu werden, also in einer Gesellschaft, die Andersheit aufgrund von Hautfarbe markiert (Vgl. Ayim et al. 2020, 20). In dem von Dagmar Schultz gedrehten Film über Audre Lordes Berliner Jahre äußert sich Lorde über den

Entstehungskontext des Begriffs ‚afro-deutsch‘. Dabei erzählt sie davon, dass es in der Selbstbezeichnung und im Selbstbewusstsein durch das Anerkennen der eigenen Sozialisierung in einer weißen deutschen Gesellschaft auch um die Notwendigkeit geht, überhaupt erst eine afro-deutsche Community zu bilden. Im Film sprechen Bekannte von Audre Lorde davon, dass sich die Lebensrealität durch die Zugehörigkeit zu einer Community radikal verändern kann, da eigene Erfahrungen dort Resonanz finden und geteilt werden (Vgl. Schultz 2012). In Farbe bekennen schreibt Lorde über dieses Bilden einer Community:

Diese Erhebung kann eine wachsende Macht zur Herbeiführung einer nationalen Veränderung im Verein mit anderen, ehemals schweigenden Afro-Deutschen, männlichen wie weiblichen, alten wie jungen, darstellen. Eine wachsende Macht zur Herbeiführung einer internationalen Veränderung im Verein mit anderen AfroEuropäern, Afro-Asiaten, Afro-Amerikanern, allen ‚Bindestrich-Menschen‘, die ihre Identität bestimmt haben, ist kein schamhaftes Geheimnis mehr, sondern die Machterklärung einer wachsenden vereinigten Front, von der die Welt noch nichts gehört hat. (Lorde 1986, 24)

Laut Arina Rotaru war und ist es nur bedingt möglich, die Bildung einer afro-amerikanischen Diaspora als direkten Referenzrahmen für die Bildung einer afro-deutschen Diaspora zu definieren (Vgl. Rotaru 2017, 87). Orientierungspunkt war lange Zeit trotzdem der von Theoretikern wie Stuart Hall und Paul Gilroy geprägte Referenzrahmen der afroamerikanischen Identität, der besonders W.E.B. DuBois Modell der „double consciousness“ (zitiert in ebd.) Folge leistete. In diesem Modell wird die Dissoziation hervorgehoben, die der Lebenssituation afro-amerikanischer Personen entspringt: Das Bewusstsein von der eigenen afrikanischen Teilidentität wird stets von der Umgebung einer rassistischen, weißen Gesellschaft geprägt, was die Anerkennung der gleichwertigen amerikanischen Identität verunmöglicht. Zudem beschreibt der Begriff in diasporischen Kontexten das Vorhandensein einer kulturellen Dopplung, in der kaum repräsentiertes afrikanisches Kulturerbe dem hegemonialen europäischen Kulturerbe erst entgegengesetzt werden muss. Im afroamerikanischen Kontext, aber auch im Versuch, afro-amerikanische Kontexte mit afroeuropäischen Kontexten zusammenzubringen – wie z.B. in Gilroys Begriff „black Atlantic“ (zitiert in Rotaru 2017, 87) – ist es dabei vor allem die Erfahrung von Sklaverei, die als identitätsstiftende, geschichtliche Realität den gemeinsamen Referenzrahmen bildet (Vgl. ebd.). Laut Rotaru wird das jedoch nicht ganz der afro-deutschen Diaspora gerecht. Daran anschließend fragt Rotaru: „Can the African American Anglophone paradigm as the referential counterpart to an Afro-German experience be rethought along with other significant historical discrepancies such as the black German subject’s postcolonial status?“ (Ebd., 89)

Die Schwierigkeit, auf Basis einer post-kolonialen Diaspora eine afrikanische Diaspora in Deutschland zu festigen, ist in unterschiedlichen geschichtlichen Voraussetzungen begründet. Rotaru führt auf, dass die früher eingeläutete post-koloniale Ära Deutschlands 1919 und die daran anschließende Umverteilung kolonialer Strukturen an andere Kolonialmächte dazu führte, dass post-koloniale Perspektiven in Deutschland sich gegen kein klar definiertes Machtzentrum positionieren können (Vgl. ebd.). Rotaru schlägt vor, die Rolle post-kolonialer afro-deutscher Perspektiven stattdessen in der Bildung diasporischer Allianzen zu suchen: „I propose imagining the postcolonial black German subject not in the key of writing back to a center but rather as forging diasporic alliances“ (Ebd.). Es ist diese Allianzbildung, die sich im Buch Farbe bekennen vollzieht. Rotaru hebt dabei die dialogische Dimension hervor, die Post-

Kolonialität in Deutschland aus einer „cross-historical and cross-cultural perspective“ betrachtet und „a reconsideration of diasporic memory as more than just a process of generational transmission“ (Ebd.) ermöglicht. Diesen Fokus auf die allianzbildende Dialogizität werde ich im nächsten Kapitel im Kontext einer Kritik an Wissenssystemen thematisieren. Die Kritik stellt sich gegen jede Form der Unsichtbarkeit und Marginalisierung als Formen kolonialer Kontinuitäten. 

2.3.  Kritik an Wissenssystemen

Kritische post-koloniale und dekoloniale Dokumentationen kolonialer Geschichte und kolonialer Kontinuitäten in Deutschland werden gerade von jenen Perspektiven ermöglicht, die in normativen Geschichtsschreibungen kaum Raum und in der Gesellschaft kaum Sichtbarkeit finden. Der Versuch, koloniale Geschichten und Kontinuitäten aus unterdrückten Perspektiven öffentlich Sichtbarkeit zu verleihen, entspricht der Schwierigkeit, anerkannter, hegemonialer, strukturell tief verankerter Wissensgerüste den Boden zu entreißen. Speziell am deutschen Kontext ist laut Rotaru, dass der im deutschen Idealismus verankerte Rassismus zum gänzlichen Ausschluss einer konstruierten Andersheit führte: „the Afro-German subject as an ‚Other-from-without,‘ a model indebted to G. W. F. Hegel’s thematization of the Black Other as located outside the Western paradigm“ (Rotaru 2017, 90). Mit dem Hintergrund des für die Unsichtbarkeit konstitutiven Ausschlusses scheint es zunächst schwieriger, die Verbindungen zwischen deutsch-europäischer und afrikanischer Geschichte sichtbar zu machen und Gegendiskurse zu bilden, die die hergestellte und sich strukturell reproduzierende Andersheit dekonstruieren.

Wie tief dieser unsichtbarmachende Ausschluss in den westlichen und deutschen Wissenssystemen verankert ist, wird auch von Gayatri Chakravorty Spivaks Begriff des native informant verdeutlicht. Laut Patricia Purtschert lässt sich der Begriff als Kritik an der europäischen Philosophie verstehen, die ihre Subjektvorstellungen in einer eurozentristischen, rassistischen Perspektive konstruierte: Europäische Vorstellungen ‚des Subjekts‘ bzw. ‚des Menschen‘ implizieren den Ausschluss vermeintlich ‚unzivilisierter‘ Subjekt-Vorstellungen, die in eine Arbeitsposition gezwängt werden, die europäische Freiheits- und Lebensmodelle durch materielle Grundlagen erst ermöglicht (Vgl. Purtschert 2011, 348). Hier geht es jedoch nicht nur um Subjekt-Vorstellungen, sondern um die tatsächliche Abhängigkeit ‚des europäischen Menschen‘ von Ressourcen aus kolonialisierten Ländern, die ein vermeintlich ‚menschliches Leben‘ erst denkbar bzw. es als solches erst konstruierbar machen.  

An dieser Stelle möchte ich mich auf einige Lernerfahrungen aus dem Seminar beziehen. So wurde mir klar, dass es in Deutschland nicht nur eine schwierige Aufgabe ist, die deutsche koloniale Vergangenheit als solche zu erkennen, sie als solche anzuerkennen, sondern auch, die kolonialen Kontinuitäten zu thematisieren. Eine solche Kontinuitäten ist, wie bereits oben beschrieben, nicht nur der Rassismus selbst, sondern auch die Leugnung von tief verankerten Rassismen in den europäischen Wissenssystemen, die wiederum der Leugnung der kolonialen Vergangenheit entspringt. Ich habe mich deshalb gefragt: Wie kam es zu dieser komplexen Situation der Leugnung kolonialer Vergangenheiten und der damit verbundenen Stabilisierung kolonialer Kontinuitäten, die ebenfalls geleugnet werden?

3.  Sichtbarmachung kolonialer Vergangenheiten und Kontinuitäten in Deutschland

3.1.  Post-koloniale Bedingungen Deutschlands

Die Schwierigkeit, in Deutschland post-koloniale Zeug*innen sprechen zu lassen und damit die Bildung post-kolonialer Narrative jenen Positionen zu überlassen, die sich mit epistemischen Recht gegen die Leugnung kolonialer Vergangenheiten und Kontinuitäten in offiziellen Archiven und Diskursen stellen, hat verschiedene komplexe Hintergründe. In diesem Kontext plädiert Monika Albrecht dafür, die spezifische post-koloniale Situation in Deutschland anzuerkennen. Diese unterscheidet sich bspw. von der post-kolonialen Situation in Frankreich, wenngleich es laut Albrecht gegenwärtig Ähnlichkeiten zwischen den post-kolonialen Diskursen beider Länder gibt (Albrecht 2017, 204). Der Versuch, eine „German colonial memory culture and politics“ (ebd.) zu konstituieren, muss sich jedoch an der spezifischen kolonialen Vergangenheit orientieren: „It therefore must be taken into consideration that different spatial and temporal colonial realities may bring about different post-colonial conditions“ (Ebd., 205). Das bedeutet im deutschen Kontext das Miteinbeziehen der (kürzeren) Dauer aktiver kolonialer Expansion (ca. 30 Jahre) im Vergleich zu anderen Kolonialmächten sowie die spezifischen „geographic spread and size of overseas possessions“ (ebd.). Zudem gab es laut Albrecht im deutschen kolonialen Kontext keine „extended period of decolonization“ (ebd.), was die post-koloniale Situation und das Ausbilden einer Erinnerungspolitik ebenfalls beeinflusst. Sowohl der selbst-herbeigeführte Verkauf deutscher Kolonien an die Niederlande als auch die fremdbestimmte Abgabe von Kolonien an die Allianzen nach dem ersten Weltkrieg bestimmen die Art, wie post-koloniale Diskurse in Deutschland geführt werden (Vgl. ebd.).

In der Erinnerungskultur Deutschlands haben laut Albrecht die Ereignisse des zweiten Weltkriegs die koloniale Vergangenheit und den Eintritt der post-kolonialen Situation weitestgehend abgelöst (Vgl. ebd., 205f.). Überhaupt gibt es im gesamteuropäischen Diskurs Albrecht zufolge das Problem, dass die vier Blocks der Erinnerung (zweiter Weltkrieg, Holocaust, Kommunismus und Kolonialismus) hierarchisiert werden, obwohl sie alle miteinander verbunden sind. Die daraus entstehende „memory competition“ (ebd., 206) trägt dazu bei, dass die tatsächliche Komplexität historischer Ereignisse in den aktiven Praktiken der Erinnerung, die bestimmte Ereignisse voranstellen, reduziert wird.

Aus Albrechts Perspektive wird die post-koloniale Situation in Deutschland weiterhin davon beeinflusst, dass es in der deutschen Gesellschaft eine Unsichtbarkeit von Rückkehrer*innen aus ehemaligen deutschen Kolonien gibt, zumindest im Vergleich zu der Anwesenheit postkolonialer Subjekte in anderen europäischen Ländern mit kolonialer Vergangenheit (Vgl. Albrecht 2017, 206). Die „absence of ‚living reminders‘ of Germany’s colonial history“ (ebd.), das heißt das Fehlen post-kolonialer Subjekte, sowie der starke Fokus auf einen scheinbaren deutschen Multikulturalismus ohne koloniale Verbindungen, machen es schwierig, einen spezifischen post-kolonialen Diskurs in Deutschland zu etablieren, der sich nicht nur an anderen europäischen Diskursen orientiert. Obwohl die gegenwärtigen multikulturellen Gesellschaften in Europa unterschiedlich sind und deshalb auf unterschiedliche Art und Weise an post-koloniale Vergangenheiten erinnern, kann das laut Albrecht nicht heißen, dass sich das scheinbare Fehlen gegenwärtiger post-kolonialer Communities in Deutschland der post-koloniale Diskurs nur an Diskursen orientiert, die von post-kolonialen Communities in anderen europäischen Gesellschaften geführt werden. Die tatsächliche Aufarbeitung kolonialer Vergangenheit (und Kontinuität) in Deutschland wird dadurch laut Albrecht übergangen (Vgl. ebd., 207).

Aufgrund der genannten Punkte spielt Kolonialismus in der deutschen Erinnerungskultur und Erinnerungspolitik eine untergeordnete Rolle: „the idea of any continuity between Germany’s imperial history and the present as a source of memory politics does not play a major role in Germany“ (ebd). Ein Grundproblem der post-kolonialen Erinnerungsdiskurse ist dabei die „potential incompatibility of memories“ (ebd.), in der unterschiedliche Communities die Vergangenheit unterschiedlich erinnern. Laut Albrecht ist die Grundfrage deshalb: „how to deal with eras or events of the past which possess different meanings for different communities“ (ebd.). Albrecht zufolge stehen in der gegenwärtigen Aufarbeitung der Vergangenheit stets die Opfer unterschiedlicher geschichtlicher Ereignisse im Vordergrund. In der realen Umsetzung von Erinnerungspolitik und -kultur bedeutet das aber, dass „existing hierarchies of suffering“ aufrechterhalten werden und eine „competition between victim groups“ (ebd., 208) gefördert wird. Im nächsten Kapitel werde ich mich auf eine solch komplexe Erinnerungssituation im Kontext anti-kolonialen Widerstands konzentrieren und anhand dieses Beispiels meine bisherigen Gedanken zur post-kolonialen Zeug*innenschaft mit den Praktiken anti-kolonialen Widerstands zusammenführen.  

3.2.  Praktiken anti-kolonialen Widerstands: Straßen-Umbenennung

Eine kompetitive Erinnerungssituation in Deutschland war laut Albrecht die Straßenumbenennung des ehemaligen Groeben-Ufers in May-Ayim-Ufer. Albrecht zufolge kam es in dieser Situation zur Missachtung der vielfältigen Geschichte des Ufers, an dem in der DDR drei Kinder im Wasser ertrunken sind, weil DDR-Offiziere es nicht zuließen, dass West-Berliner ihnen zur Hilfe kommen durften (Vgl. Albrecht 2017, 212). Mit der Umbenennung in May-Ayim-Ufer fand laut Albrecht eine Überschreibung des Ortes statt, die Ausdruck einer potenziell kompetitiven Situation zwischen Opfergruppen sein könnte. Albrecht kritisiert die aufgeladenen politischen Debatten zwischen Minderheiten dafür, einen solchen Wettbewerb zu fördern und die tatsächliche Erfassung der historischen Hintergründe zu verunmöglichen (Vgl. ebd.). Albrecht konkludiert deshalb, dass der Versuch, die gegenwärtige Situation von Minderheiten – wie die der afro-deutschen Community – mit dem deutschen Kolonialismus zu verbinden, daran gescheitert ist, eine bewusstere post-koloniale Bedingung in Deutschland zu schaffen: „[C]onnecting German minority issues with German colonialism does not provide the potential for increased historical awareness of the colonial past or the generation of new insights into the post-colonial condition.“ (Ebd., 213) 

Zunächst erinnert mich Albrechts Argument, dass es im Wettbewerb der Erinnerungen zu Komplexitätsreduktion kommen kann, an Chimamanda Adichies Vortrag „The Danger of a Single Story“[1]: Die Gefahr, dass einzelne Erinnerungspole fokussiert werden, entspricht auch der Gefahr, dass die Intersektionen zwischen historischen Ereignissen von der Analysefläche verschwinden. Gleichzeitig scheint Albrechts Kritik an der Umbenennung auf einen spezifischen politischen Kontext zu zielen, der die Erinnerungskultur und -politik primär im Rahmen demokratischer Debatten und Diskussionen rund um koloniale Vergangenheiten verortet, was es so scheinen lässt, als könnten allein diese die post-koloniale Situation in Deutschland gestalten. Was im Fokus auf die Erinnerung weniger zur Sprache kommt, sind die kolonialen Kontinuitäten, wie die des Rassismus. Mir scheint also, als würde Albrecht nicht ganz den Rahmen treffen, in dem die Umbenennung des May-Ayim-Ufers vollzogen wurde. Joshua Kwesi Aikin aus der ISD ruft bei der Eröffnung der Gedenktafel am May-Ayim-Ufer dazu auf: „Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass dieser Tafel viele weitere folgen. Lasst uns daran arbeiten, dass dieser Ort zu einem umfassenderen Perspektivwechsel beiträgt: Weg von dem, wofür Gröben stand, hin zu dem wofür May Ayim stand, steht und stehen wird.“[2] Bisher wurden die dekolonialen Projekte, die der Umbenennung folgen sollten, so noch nicht weitergeführt. Eine Welle der Umbenennung, die zu einem „umfassenderen Perspektivenwechsel beiträgt“, ist noch nicht eingetreten. Es fehlt an einer radikalen Sichtbarkeit, die Kontroversen ermöglicht, in denen die Erinnerungen an Deutschlands koloniale Vergangenheit auch in die Thematisierung der kolonialen Kontinuitäten überführt wird. Eine intersektionale Perspektive einzunehmen heißt hier auch, dass diese Kontinuitäten mit anderen historischen Ereignissen direkt verbunden und thematisiert werden. Eben dies ist es aber, wofür May Ayim und die afro-deutsche Community steht: Die Bildung von Allianzen zwischen unterschiedlichen Communities.  

Das setzt jedoch voraus, dass post-koloniale Zeug*innenschaft eine Stimme in den ‚offiziellen‘ Archiven erhält und die Erinnerungspolitik und -kultur in die Gegenwart überführt. Gerade die Umbenennung kann als ein Durchbrechen der patriarchalen „Politik des Archivs“ gedeutet werden: Durch Umbenennung wird ein neues Archiv geöffnet, das Zeug*innen sprechen lässt, die das Fehlen der Erinnerung an koloniale Geschichte aus ihrer heutigen Perspektive auf gegenwärtige soziale Verhältnisse dokumentieren. Die eigentliche Leistung der Umbenennung ist dabei auch, die Lücken des Erinnerns aufzuzeigen: Indem auf das heutige Bestehen des Rassismus verwiesen und gezeigt wird, dass dieser noch immer geleugnet wird, kann abgeleitet werden, dass die Aufarbeitung kolonialer Hintergründe als einer der wesentlichen Entstehungskontexte von Rassismus noch immer zu wenig Folge geleistet wird. Würde die koloniale Vergangenheit Deutschlands nämlich deutlicher thematisiert werden, wäre die Frage nach gegenwärtigen rassistischen Strukturen womöglich präsenter. Zudem wäre dadurch bspw. die Verbindung zwischen kolonialen Anfängen, auf Rassismus beruhendem deutschem Nationalismus und der Entstehung nationalsozialistischer Ideologie sowie Eugenik klarer (Vgl. Ayim et al. 2020).

Der Kontext, in dem May Ayims Schaffen verortet werden kann, ist also nicht nur die Bildung einer afrikanischen Diaspora im geteilten Deutschland der 80er Jahre, sondern auch die Thematisierung der problematischen offiziellen Erinnerungskultur, geleitet von einer Politik der Archive, die der afro-deutschen Community kein grundsätzliches epistemisches Recht ‚in Sachen‘ Kolonialismus, Nationalsozialismus und Rassismus ermöglicht. So möchte ich diesen Essay mit dem Anfang von May Ayims Gedichts „gegen leberwurstgrau – für eine bunte Republik“ (Ayim 2021, 70) beenden, das eben diese problematische Archiv-Politik beschreibt:

zu besonderen anlässen und bei besonderen ereignissen aber besonders kurz vor und kurz nach den wahlen sind wir wieder gefragt werden wir wieder wahrgenommen werden wir plötzlich angesprochen werden wir endlich einbezogen sind wir auf einmal unentbehrlich werden wir sogar eingeflogen auf eure einladung versteht sich als »liebe ausländische mitbürgerInnen« ohne bürgerrechte natürlich als migrantinnen aus aller herren länder als experten in Sachen rassismus als »betroffene« 

zusammen mit aktivistInnen und politikerInnen mit prominenten und engagierten diskutieren analysieren debattieren wir über forderungen protestaktionen appellationen in diskussionen hearings talkshows

auf dem podium im forum oder plenum

und dann – was dann

die forderungen werden sauber aufgelistet

die listen werden sauber abgeheftet und sicherlich und zuverlässig an die entsprechenden stellen mit den wirklich zuständigen leuten

weitergeleitet

und dann – was dann

die show ist aus

wir gehen nach haus

die engagierten fühlen sich erleichtert – zum teil die betroffenen fühlen sich verarscht – total

[…]


Literaturverzeichnis

Albrecht, Monika. 2017. „Negotiating Memories of German Colonialism: Reflections on Current Forms of Non-Governmental Memory Politics“. Journal of European Studies 47 (2): 203–18.

Ayim, May. 2020. „Aufbruch“. Farbe bekennen: afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, herausgegeben von May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz. 2. Aufl., 261–270. Berlin: Orlanda.

Ayim, May. 2021. blues in schwarz weiss / nachtgesang. Münster: Unrast.

Ayim, May; Oguntoye, Katharina; Schultz, Dagmar, Hrsg. 2020. Farbe bekennen: afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. 2. Aufl. Berlin: Orlanda.

Lorde, Audre. 1986. „›Gefährtinnen, ich grüße euch‹“. Farbe bekennen: afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, herausgegeben von May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz. 2020. 2. Aufl., 23–25. Berlin: Orlanda.

Purtschert, Patricia. 2011. „Postkoloniale Philosophie. Die westliche Denkgeschichte gegen den Strich lesen“. Schlüsselwerke der Postcolonial Studies, herausgegeben von Julia

Reuter und Alexandra Karentzos, 1. Aufl., 343–55. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV).

Rotaru, Arina. 2017. „May Ayim and Diasporic Poetics“. The Germanic Review 92 (1): 86– 107.

Schultz, Dagmar, Reg. 2012. Audre Lorde – Die Berliner Jahre 1984 bis 1992. Deutschland, New York: Third World Newsreel. 2012. DVD.

Steyerl, Hito. 2015. Die Farbe der Wahrheit: Dokumentarismen im Kunstfeld. Nachdruck. Wien, Berlin: Verlag Turia + Kant.


[1] Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg, zuletzt aufgerufen am 11.05.2022.

[2] https://isdonline.de/rede-may-ayim-ufer-von-joshua-kwesi-aikins/, zuletzt aufgerufen am 11.05.2022.


Quelle: Lotta Klister, Die post-koloniale Zeug*innenschaft der afro-deutschen Community – Sichtbarmachung von Rassismus als Form der kolonialen Kontinuität in Deutschland, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 27.06.2022, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=226

Ein Essay über Rassismus im Gesundheitswesen

Jacqueline Franz (SoSe 2021)

Vergangenes Jahr wurde William Tonou-Mbobd im Universitätsklinikum Hamburg getötet. Der 34-Jährige, aus Kamerun stammende Ingenieurstudent, der an einer Schizophrenie erkrankt war, begab sich im April 2020 auf eigene Initiative und auf der Suche nach Hilfe in psychiatrische Behandlung. Der Vorfall ereignete sich, als Tonou-Mbobd offensichtlich eine Medikation, die ihm verabreicht werden sollte, ablehnte. Folglich stürzten sich mehrere Security-Kräfte auf den Mann, zwangen ihn vor Zeug*innen zu Boden, schlugen auf ihn ein. Sein Herz setzte noch an Ort und Stelle aus, doch der Reanimationsversuch glückte. Fünf Tage später starb Tonou-Mbobd auf der Intensivstation. Er könne nicht atmen, habe er laut Zeug*innen gesagt (Vgl. Ruddath, Effenberger 2019). Dieser Satz kommt uns heute, wenn auch über ein Jahr später und aus einem anderen Kontext, sehr bekannt vor: George Floyd und die Black Lives Matter Bewegung. Hier starb ein schwarz gelesener Mensch durch die Polizei, während er um sein Leben flehte, dort durch einen Sicherheitsdienst an einem vermeintlich sicheren Ort, dem Krankenhaus. Die Gemeinsamkeit beider Taten: Struktureller Rassismus. Und beide sind mit Sicherheit keine Einzelfälle. Struktureller Rassismus macht auch vor unserem Gesundheitssystem nicht Halt, denn postkoloniale Strukturen sind in der deutschen Medizin fest verankert. Sie treten in verschiedensten Ebenen auf, ihre Aufarbeitung und Reflexion im alltäglichen Klinik- und Praxisalltag, sowie in der medizinischen Lehre wurde weitestgehend versäumt.  

Der Irrglaube über den Zusammenhang von Herkunft und Schmerzempfinden

Zum Schreiben dieses Essays versuche ich, mich an meine Ausbildung und die ersten Jahre meiner Tätigkeit auf einer Station für Innere Medizin und Onkologie zurückzuerinnern. Wo sind mir Rassismen begegnet, die ich, gerade 18 Jahre alt und zu diesem Zeitpunkt noch völlig unsensibel gegenüber der Thematik, vielleicht gar nicht als solche wahrgenommen habe. Meine erste Erinnerung führt mich ins zweite Lehrjahr meiner Ausbildung, in das Modul „Versorgung vonSchmerzpatient*innen“. Die Aussage der Dozentin sollte ich in meiner Pflegelaufbahn nicht zum letzten Mal gehört haben: „Wenn ihr südländisch Patient*innen pflegt, müsst ihr wissen, dass deren Schmerztoleranz deutlich geringer ist als die von Menschen aus dem Westen.

Da wird gerne mal geschrien oder laut geweint, das hat mit Kultur zu tun.“ Angespielt wird hier auf die unter medizinischem Personal weit verbreitete Annahme der Existenz des „Morbus Bosperus“ oder „Morbus Medditereneus“. Schmerzempfinden hänge von der Herkunft ab und dabei seien nicht weiß gelesene Personen besonders hart im

Nehmen und „der Rest“ nun mal eben nicht (Vgl. Wanger, Kilgenstein, Poppel 2020:2). Ich glaube nicht, dass die Dozentin mit ihrer Aussage bewusst und gezielt rassistische Stereotype vermitteln wollte. Vielmehr ging es ihr vermutlich darum, unsere Aufmerksamkeit für die Subjektivität in der Schmerzwahrnehmung zu schärfen. Doch welche Konsequenzen haben die unreflektierte Weitergabe und damit die Aufrechterhaltung solch rassistischer Stereotype im Stationsalltag?  

Ich erinnere mich an einen jungen, schwarz gelesenen Mann, der an einem Sonntagabend mit starken Bauchschmerzen zur stationären Aufnahme auf unsere Station eingeliefert wurde. Sein schmerzhaftes Stöhnen störte uns insgeheim. Betätigte der Mann den Pflegeruf, verdrehten wir die Augen. Aussagen wie, „Naja, morgen ist ja auch Montag, keine Lust zu arbeiten“ wurden eher scherzhaft, aber doch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit ausgesprochen. Während des Schreibens und Zurückerinnerns erkenne ich das erste Mal die Intersektionalität, die die Unprofessionalität unseres Verhaltens noch zusätzlich beförderte. Der Patient wurde von uns nämlich nicht nur schwarz, sondern auch männlich gelesen und er befand sich irgendwo am Anfang seiner Zwanziger. Neben unserer Vorstellung, der Mann könne unter Morbus Bosperus leiden, könnten auch unbewusste Annahmen wie „junge männliche Personen sollten Schmerzen aushalten“ unserem Verhalten inne gelegen haben. Und auch wenn wir unsere innere Haltung dem Patient gegenüber nicht offen kommunizierten, bin ich mir heute sicher, dass er unsere gereizte, ungeduldige Stimmung wahrnehmen konnte. 

Die Annahme, nicht weiß gelesene Personen würden bei Beschwerden gerne übertreiben und müssten deshalb weniger ernst genommen werden, führt nicht nur nachweislich zu Behandlungsfehlern und zum verspäteten Erkennen medizinischer Komplikationen (vgl. Wanger et al., 2020:2), sondern hat auch psychische Auswirkungen. Ich kann mir vorstellen, dass eine Person, deren Leiden bagatellisiert wird, Beschwerden länger aushält, ohne sie zu kommunizieren. Leid wird dann eher verschwiegen, vielleicht internalisiert der- oder diejenige sogar die externen Rassismen. „Ich bin es nicht wert, dass man mich versorgt, wie meine weißen Mitpatient*innen.“ Studien zeigen außerdem, dass diskriminierende Erfahrungen zur verzögerten Inanspruchnahme medizinischer Versorgung führen und die Zustimmung zu medizinischen Maßnahmen beeinträchtigen (vgl. Kluge/ Heinz/ Udeogu-Gözalan/ Abdel-Fatah 2020:1020).

Innerhalb von Krankenhäusern, die eigentlich einen Ort des Heilens und Genesens darstellen sollen, wird Macht häufig unreflektiert ausgeübt und reproduziert. Diese Machtausübungen stellen sich vielschichtig dar und durchdringen alle Bereiche. Im Kontext von Rassismus zeigen sie sich häufig darin, dass so dargestellte „kulturelle Eigenheiten“ nicht gerne gesehen oder toleriert werden. „Man ist hier in Deutschland im Krankenhaus, also sollte man sich auch wie ein deutscher Patient oder eine deutsche Patientin verhalten“, lautet häufig die Einstellung des medizinischen Personals. Das startet beispielsweise bei der Voraussetzung für Akzeptanz und Unterwerfung gegenüber eines dominanten westlichen Behandlungssystems, dass meist ausschließlich auf Biomedizin ausgerichtet ist und keinen Spielraum für medizinische Pluralität zulässt. Es zeigt sich auch im Umgang mit Trauer und Tod, der hier meiner Erfahrung nach bestenfalls still und diszipliniert und nicht laut klagend und emotional vor sich gehen sollte. Und auch wie häufig der oder die Kranke Besuch zu erhalten hat und wie Angehörige sich verhalten sollen, unterliegt westlichen Regeln und Vorstellungen. Wenn nicht weiß gelesene Patient*innen viel Besuch von Familienmitglieder über mehrere Stunden haben, stößt das beim Stationspersonal schnell auf Unmut. Die Reaktionen innerhalb meines Teams reichten dann regelmäßig von unverschämten Aussagen wie „jetzt kommt da wieder die ganze Großfamilie mit ihrem Essen, gleich stinkt wieder das ganze Zimmer nach Zwiebeln, als würde der/ die hier verhungern bei uns“, als auch zu Zimmerverweisen während der Durchführung von Behandlungen wie Blutdruckmessen und Infusionsgaben. Diese waren eigentlich nicht nötig, sondern sollten in meinen Augen nur demonstrieren, wer hier schlussendlich das Sagen hat.

Gern gesehen wurde nur, wenn Angehörige von BIPOC Pflegemaßnahmen wie Waschen und Anziehen übernahmen, die das Pflegepersonal entlasteten, doch eine Reflexion dieser Doppelmoral fand meiner Erfahrung nach leider nicht statt. 

In den bisher aufgeführten Beispielen äußerte sich Rassismus überwiegend auf der persönlichen und zwischenmenschlichen Ebene. Doch innerhalb der Institutionen des Gesundheitswesens ist Rassismus vor allem strukturell verankert. Das fehlende Vorhandensein deutscher Studien zum Thema gibt erste Aufschlüsse auf das mangelhafte Bewusstsein sowie den geringen Willen zur Auseinandersetzung mit der Problematik hierzulande. Struktureller Rassismus ist auf den ersten Blick weniger sichtbar, das macht ihn schwerer zu identifizieren und zu bekämpfen. Im Gesundheitswesen äußert er sich vielseitig: Zum Beispiel in Zugangsbarrieren zu Versorgungsstrukturen (Vgl. Razuum/ Geiger/ Zeeb/ Ronellenfitsch 2004:101), in der Ausbildung und im Studium medizinischer Berufe, sowie in einer Wissenschaft, die in erster Linie auf die Versorgung weißer Menschen ausgerichtet ist (Vgl. Wanger et al., 2020:2,6). Ein aktuelles Beispiel zur Illustration von Ungleichheit aufgrund ethnischer Unterschiede im medizinischen Kontext ist die Coronapandemie.  In vielen Ländern zeigen Studien, dass sowohl das Risiko der Aussetzung gegenüber dem Virus als auch die Mortalitätsrate unter Infizierten hohen ethnischen Unterschieden unterliegt (Vgl. Rogers/ Rogers/ VanSant-Webb/ Gu/ Yan/ Qeadan 2020; Platt/ Warwick 2020;

Laurencin/ McClinton 2020). Einen Erklärungsansatz liefert dabei die sogenannte „Wheatering Theory“, die davon ausgeht, dass gesundheitliche Konditionen, die aufgrund ethnischer Unterschiede bestehen, durch strukturelle und allgegenwärtige Benachteiligungen bedingt werden, denen nicht weiß gelesene Personen ausgesetzt sind. Diese Benachteiligungen führen zu einem schlechteren Gesundheitszustand und begünstigen die Chronifizierung von Krankheiten (Vgl. Rogers et al., 2020:312). Chronische Vorerkrankungen wiederrum erhöhen bekanntermaßen das Risiko für einen schweren oder tödlichen Verlauf bei Covid-19. 

Strukturelle Benachteiligungen können sich außerdem in ökonomische Faktoren äußern: Diese sind beispielsweise eine niedrigere Position auf dem Arbeitsmarkt, geringeres Einkommen und höhere finanzielle Betroffenheit durch Maßnahmen wie Lockdowns, sowie Benachteiligungen in der Wohnsituation durch beengten Wohnraum bewi ärmeren Communities und somit weniger Möglichkeiten zum Social-Distancing (Vgl. Bentley 2020:2).

In Deutschland liegen bedauerlicherweise nur wenige Studien zum Zusammenhang von ethnischen Unterschieden und dem Risiko einer Infektion und einem schweren bis tödlichen Verlauf bei Covid-19 vor, denn repräsentative Daten existieren kaum. Hier besteht also dringender Nachholbedarf: Zukünftige Studien müssen dabei intersektional ausgerichtet sein, um den Einfluss sich überschneidender, diskriminierender Faktoren genau herauszuarbeiten, so dass politische Maßnahmen zur Gegensteuerung zielorientiert entworfen und angewendet werden können. 

Während des Verfassens dieses Essays habe ich den Lesenden einen Einblick in Situationen gegeben, die von meinem jüngeren Ich erlebt wurden. Heute, einige Jahre, nachdem ich die Klinik und den Beruf der Gesundheits- und Krankenpflegerin hinter mir gelassen habe, erinnere ich mich häufig beschämt und nachdenklich an die Menschen zurück, die auch unter meiner Mitwirkung, Aufrechterhaltung und Förderung Rassismus im klinischen Alltag erleben mussten. Auch ich habe Auszubildende angeleitet. Obwohl ich mich zumindest nicht erinnern kann, Rassismen direkt an sie weitergegeben zu haben, habe ich ihre Aufmerksamkeit mit Sicherheit nicht dafür geschult, die Strukturen zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken. Heute würde ich anders wahrnehmen, beurteilen und handeln. Ein Bewusstsein für die Problematik setzte bei mir erst gegen Ende meiner Pflegelaufbahn ein. Aufgewachsen in einem unpolitischen, konservativen und bildungsschwachen Kontext, hatte ich das Glück, mit meinem Umzug nach Berlin mit Menschen in Berührung zu kommen, die mir Denkanstöße gaben, meinen Horizont erweiterten und mich zum kritischen Denken anregten. Auch im Abitur, dass ich erst nach meiner Ausbildung auf dem zweiten Bildungsweg nachholte, lernte ich wichtige theoretische Fakten, die mir halfen, Kontexte zu verstehen, Verbindungen zu schlagen und analytisch denken zu lernen. Bis heute befinde ich mich in einem ständigen Prozess des bewussten Verlernens von Gelerntem. Aufgrund meiner Erfahrungen empfinde ich die Annahme, das Anstoßen solcher wichtigen Reflexionsprozesse sei privat und müsse aus eigenem innerem Antrieb erfolgen, schwierig. Meiner Meinung nach sollte die Anerkennung und folglich der Abbau rassistischer Strukturen eine gesellschaftliche Aufgabe darstellen. Die Sensibilisierung für die Thematik sollte schon früh fest in die allgemeine Schulbildung integriert werden. Notwendig dafür ist die bewusste Auseinandersetzung mit postkolonialen Strukturen innerhalb aller Bildungseinrichtungen. Im speziellen Kontext der gesundheitlichen Versorgung halte ich aber regelmäßige, von nicht weiß gelesenen Personen durchgeführte und verpflichtende Fortbildungen und Sensibilisierungstrainings für unerlässlich, genauso wie die Implementierung von Anlaufstellen für BIPoC, die Diskriminierung und Rassismus erfahren haben. Dies könnten erste, wichtige Schritte zu einem fairen Gesundheitssystem sein, dass den Anspruch der Gleichbehandlung aller Menschen unabhängig von Ihrer Hautfarbe und Herkunft nicht nur theoretisch vertritt, sondern in allen Bereichen realisiert. 


Literaturverzeichnis

Ruddath, Marthe/ Effenberger, Phillip (2019): Psychiatriepatient William TonouMbobda: Tödlicher Zwang, in: TAZ, 22.07.2019, online unter URL: https://taz.de/PsychiatriepatientWilliamTonouMbobda/!5607926/ Abruf: 1.10.2021

Wanger, Lorena/ Kilgenstein, Hannah/ Poppel, Julius (2020): Über Rassismus in der Medizin. Ein Essay der kritischen Medizin München, in: Kritische Medizin München, 14.08.2020, online unter URL: https://kritischemedizinmuenchen.de/wp-content/uploads/2020/08/%C3%9Cber-Rassismus-in-der-Medizin_14.08.2020_KritMedMuc.pdf Abruf: 29.09.2021, Seite 2,6

Qay11111 U. Kluge/ M. C. Aichberger/ E.Heinz/ C. Udeogu-Gözalan/ D.Abdel-Fatah (2020): Rassismus und psychische Gesundheit, in: Nervenarzt, 15.09.2020, online unter URL: https://link.springer.com/article/10.1007/s00115020009901 Abruf: 30.09.2021, Seite 1020

Razuum, Oliver/ Geiger, Ingrid/ Zeeb, Hajo/ Ronellenfitsch, Ulrich (2004): Gesundheitsversorgung von Migranten, in: Dtsch Arztebl [Heft 43], 26.04.2004, online unter URL: https://www.aerzteblatt.de/archiv/43977/Gesundheitsversorgung-vonMigranten Abruf: 30.09.2021, Seite 101: A 2882–2887 

Platt, Lucinda/ Warwick, Ross (2020): Covid 19 and Ethnic Inequalities in England and Wales, in: Fiscal Studies. The Journal of Applied Public Economics, 03.06.2020, online unter URL: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/14755890.12228 Abruf: 03.10.2021

Rogers, Tiana,N/ Rogers, Charles R./ , VanSant-Webb, Elizabeth/ Gu, Lily Y./ Yan, Bin/ Qeadan, Fares (2020): Racial Disparities in COVID-19 Mortality Among Essential Workers in the United States, in: WMHP World Medical & Health Policy, 05.08.2020, online unter URL: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/wmh3.358  Abruf: 03.10.2021, Seite: 312

Bentley, Gillian, R. (2020): Don´t blame the BAME Ethnic and structural inequalities in susceptibilities to COVID-19, in: American Journey of Human Biology, 16.07.2021 online unter URL: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1002/ajhb.23478 Abruf: 03.10.2021, Seite: 2 


Quelle: Jacqueline Franz, Ein Essay über Rassismus im Gesundheitswesen: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 31.01.2022, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2022/01/31/ein-essay-ueber-rassismus-im-gesundheitswesen/

Narrative und Single Storys über „Gastarbeiter*innen“

Fragmentierung des Widerstandes und Intersektionen

Liana Maria Saccone (SoSe 2021)

Als im Dezember 2018 allmählich bekannt wurde, dass mit Daniela Cavallo eine Frau mit italienischen Eltern an die Spitze des Volkswagen-Betriebsrates ernannt werden soll, um somit an Stelle von Bernd Osterloh eine der wichtigsten Spitzenpositionen deutscher Gewerkschaften zu bekleiden, erschien im Kontext einer scheinbar positiven Neuigkeit ein Rattenschwanz verschiedener diskursiver Topoi. Aus einer auf den ersten Blick erfreulichen Nachricht wird an dieser Stelle der Ausgangspunkt des vorliegenden Gedankenspiels, das ein nicht abflachendes Unbehagen in mir selbst verbalisieren soll.

Das Handelsblatt titelte zu dieser Gelegenheit: „Gastarbeiter-Tochter wird Kronprinzessin von VW-Betriebsratschef Osterloh“.[1] Zwei Komponenten konzentrieren sich bereits in der Überschrift des Artikels (verfasst von Stefan Menzel): Einer davon ist der Sexismus, der mit der Verniedlichung einer Frau einhergeht. Daniela Cavallo wird implizit, mittels des Sprachgebrauchs, zur „Kronprinzessin“ und „Gastarbeiter-Tochter“ reduziert— also auf ihr Verhältnis zu zwei Männern (der mächtige Betriebsrat Osterloh und der anonyme italienische „Gastarbeiter“), anstatt sie als öffentliche Persona ernst zu nehmen. Die zweite Komponente ist die Intersektion mit einem verzerrten und euphemistischen Umgang mit der Geschichte sogenannter Gastarbeiter*innen, die das Spannungsverhältnis des vorliegenden Textes konstituieren, in dem sich der Prozess meiner eigenen Subjektwerdung selbst vollzieht.

Menzel beginnt seinen Text mit folgenden Worten:

„Rein äußerlich könnten die Unterschiede kaum größer sein. Bernd Osterloh kommt an die 1,90 Meter heran. Groß, kräftig. Allein an seiner Statur wird deutlich, dass er voll im Leben steht. Daniela Cavallo, einen guten Kopf kleiner und zierlich, könnte sich hinter dem Betriebsratsvorsitzenden von Volkswagen nahezu problemlos verstecken.“

Cavallo wird hier ein diskursiver Ausgangspunkt aufgesetzt, dem sie sich einer solchen stets sich wiederholenden Sprachstruktur nicht entziehen kann. Ihre Geschichte wird zu einer Figur auf einem Spielbrett, dessen Regeln sie nicht umgehen kann. Die Selbstverständlichkeit ihrer Arbeit (beziehungsweise die überwundenen und hier verschwiegenen Hindernisse, um die Arbeit überhaupt ausführen zu können), wird immer an dem Selbstverständnis ihrer deutschen und männlichen Vorgänger gemessen werden. Sie wird sich nicht der Frage entziehen können, was sie als „Gastarbeiter-Tochter“ leistet. Und unter diesem Sprachschirm erkundet eine Dominanzkultur ihren eigenen Status als tolerante Gesellschaft. Sie in einer Spitzenposition heißt: eine enorme Projektionsfläche von Narrativen, die sich durch ihre Ernennung nicht verändern werden. Viel mehr gilt die Geschichte von sogenannten Gastarbeiter*innen als Erfolg für alle Beteiligten, eine harmonische Geschichte von gelungener Integration durch Assimilation.[2]

Daher die Fragen: An wen richten sich solche Geschichten? Von wem dürfen sie erzählt werden? Und welche Wahrheiten konstituieren sie?

Diese Geschichte versteckt die realen Biografien und Geschichten ihrer Protagonist*innen. Sie dient einem Wunschdenken eines hegemonialen Diskurses, den selbst Cavallo nicht brechen dürfte, wenn ihre Reichweite als öffentliche Person und somit die Gunst und Euphorie der Öffentlichkeit sich nicht gegen sie wenden soll. Als Repräsentation der gesamten postmigrantischen Community, muss sie die gewünschten Anforderungen rezitieren; also das Bild der „guten Migrantin“ — vor allem durch Dankbarkeit — bedienen.[3]  Darüber hinaus wirft diese Erzählung eine gefährliche Hierarchisierung auf, die sich eben durch ihre geschichtsvergessene Reproduktion perfide an andere Gruppen richtet.

Um diesen Gedanken zu illustrieren, soll folgender Absatz aus dem Wikipediaartikel Italiener in Deutschland angebracht werden:

„Italiener gehörten zwar zu den beliebtesten Einwanderern in Deutschland, seien jedoch oft schlecht integriert und hätten wenig Kontakte zu Deutschen. Da sich die Berichterstattung über fehlgeschlagene Integration in den Medien sowie integrationsfördernde Maßnahmen jedoch meist auf Einwanderer aus dem islamischen Kulturkreis beschränken, werden Integrationsprobleme und Benachteiligungen insbesondere in Sachen Bildung unter italienischen Migranten oft nicht deutlich wahrgenommen. Das mag auch daran liegen, dass die Italiener, wie die anderen Südeuropäer auch, wirtschaftlich vergleichsweise gut integriert sind und ihre Bildungsdefizite im Erwerbsleben erfolgreich ausgleichen können. Dadurch erreichen die Menschen mit italienischem Migrationshintergrund bei einigen Arbeitsmarktindikatoren beinahe die Werte der Einheimischen.“[4]

Diese äußerst unsensible Ausführung dient hervorragend zur Konkretisierung der Blick- und Machtverhältnisse, innerhalb derer der „einheimische“ Körper einer bunten Masse an verschiedenen Einwanderergruppen gegebübersteht, die dessen Integrationsprozess aus einer erhöhten Position beobachten und bewerten kann. Dieses dichte Machtverhältnis ist eben jene Machtperformance und Meta-Othering, die nach Parameter Blut und Boden einen stabilen Gesellschaftskern konstruiert, und somit auch seine Peripherien und möglichen Zugeständnisse schaffen. Diese Argumentation findet sich sowohl institutionalisiert (und somit naturalisiert) in der Erhebung und Messung von „migrantisch“ definierten Körpern, in verschiedenen Facetten aufbereitet in intermedialen Aufbereitungen; und schließlich materialisiert auf der Straße und auf dem Wahlzettel.

Plötzlich werden — wie mit einem Zirkel — „Kulturkreise“ gezogen und koloniale Deutungshoheiten aufrechterhalten. Neben dieser räumlich-kulturlaisierten Dimension, schließt sich eine zeitliche Dimension an, die paradoxerweise dadurch agiert, dass sich der gegenwärtige Diskurs von seinen historischen Ablagerungen distanziert, z.B. in der Aussage „Italiener waren in den 1950er und 1960er Jahren oftmals starken Diskriminerungen ausgesetzt“[5] oder der gegenwärtigen medialen Verschiebung auf muslimisch gelesene Menschen. Es vollzieht sich eine Isolation der Kontinuitäten.  Diese Verharmlosungen dienen als Strategien der Spaltung und dienen der Eindämmung einer kollektiven Anprangerung der Machtverhältnisse durch migrantisierte und vom Patriarchat marginalisierte Personen.

Mit der Ernennung einer italienischen Frau in den Betriebsrat und der dadurch proklamierten Aufwertung und Toleranz gegenüber Nachfahr*innen von italienischen Migrant*innen, passiert somit zweierlei: Zum einem werden persönliche Rassismuserfahrungen einer Gruppe trivialisiert, was dazu führt, dass soziale Hürden als mangelnde Integrationsfähigkeit erscheinen. Zum anderen wird eine Hierarchie der Unterdrückten kreiert, in der die eine Community von der anderen Community fragmentiert wird.  Mittels der gemeinsamen Abwertung des jeweiligen Anderen erhoffen sich die Gruppen die diskursive Möglichkeit von sozialer Akzeptanz (wobei auch Italiener*innen wie ich in der dritten Generation nicht als „einheimisch“ gelten, oftmals kein Wahlrecht besitzen und nach wie vor andauernden Abflachungen ihrer Identität und Mikroaggressionen ausgesetzt sind). Ab dem Moment wo keine „ Zugang für Italiener und Hunde verboten“-Schilder[6] mehr vor Lokalen hängen, sieht eine Dominanzkultur keinen Anlass  mehr sich mit ihren diskriminierenden Gegenwärtigkeiten auseinanderzusetzen. Dabei leben unsere Großeltern noch hier. Nur schreiben sie nach den Jahrzehnten der Arbeit in den Fabriken keine Essays über ihre Erfahrungen: Darüber, wie sie es bevorzugten zu Schweigen, damit ihre Kinder ein vorteilhafteres Leben im fremden Land haben konnten. Oder darüber, wie viele Kinder der zweiten Generationen bereits die Sprache ihrer Eltern verlernten und anfingen, ihnen die Welt auf deutsch zu erklären. Auch sie wurden dadurch nicht „einheimisch“. Die Betriebsratsvorsitzenden von ihnen bleiben „Gastarbeiter-Töchter“.

Wie ist mit diesen Spaltungen umzugehen? Wie lässt sich über die persönliche Marginaliserung sprechen, während diese mit vielen Privilegien einhergeht; ohne die Strategie einer „Opferolympiade“ zu bedienen, die Mohamed Amjahid in Der Weisse Fleck hervorragend analysiert?[7]

Die Aufarbeitung der eigenen Erfahrungen geht einher mit dem Erkennen der eigenen Privilegien einerseits, die Italiener*innen im Vergleich zu anderen Communities sehr wohl genießen (Codierungen als Schlagwörter: eher weiß gelesen, europäisch, romantisierende Stereotype, christlich, etc.), und der Aufarbeitung all jener entmündigenden Muster, die Menschen, die aufgrund der Faktoren gender, race and class Betroffene stets als Anderes konstituieren, sich Erwartungshaltungen anpassen müssen, die sie nicht selbst bestimmen durften. Unsere kulturellen Gedächtnisse werden entweder infantilisiert, ignoriert oder dämonisiert. Es werden Bilder produziert und verbreitet und Menschen werden zu (politischen) Metaphern mit verschiedenen Werten. 

Was passiert, wenn wir weder über kollektive und individuelle Traumata, noch über gleichzeitige Privilegien sprechen?

Eine Künstlerin, bei der diese Dynamiken besonders stark zum Ausdruck kommen, ist Semra Ertan. In einem titellosen Gedicht schreibt sie:

Meine Mutter ist eine Arbeiterin,

Mein Vater ist ein Arbeiter,

Ich bin eine Arbeitertochter.

Ich liebe Arbeiter*innen.

Arbeiter*innen haben mir geholfen,

Ich helfe den Arbeiter*innen.

Ich konnte mich nie an die Reichen gewöhnen,

Die mit Abscheu

Die Klassen unter ihnen

Verachten[8]

In diesem Gedicht eignet sich Semra Ertan die politischen Signifikanten wieder an, die ihr zugeschrieben wurden und füllt sie mit ihrem eigenen Kontext. Die Spirale Arbeiter-Arbeiterin-Arbeitertochter wirft das Subjekt in die ihm zugeschriebene Rolle, die sie jedoch auf die unterdrückende Klasse zurückwirft und gleichzeitig zur Solidarität der heterogenen Arbeiter*innenschaft aufruft: „Arbeiter*innen haben mir geholfen/Ich helfe den Arbeiter*innen“.

Diese kurze Spirale ist insofern wichtig, als dass hier nicht der Begriff „Migranten“ fällt, sondern die Unterdrückung als etwas begriffen wird, was zum einen über die türkische Community hinausgeht, zum anderen auch am Herkunftsland der Eltern ansetzt. Die Dominanzkultur als solche erscheint insofern dynamisch, als dass die Teilhabe von wenigen marginalisierten Menschen an ihr (s. Oben) nicht etwa Ausbeutungsverhältnisse beendet, sondern sie lediglich nach sozialen und ökonomischen Bedürfnissen anpasst; also zum tokenism verführt. Andererseits greift es auch die Idee vom dekadenten Herkunftsland an. Es verließen nicht die privilegierten Türk*innen, Italienier*innen, Griech*innen ihre Heimat, um in Fabriken zu arbeiten. Die Notwendigkeit treibt Menschen von Orten weg, an denen ihre Familien leben, ihre Gebärden und Sprachen erlernt wurden, die alten Gerichte gegessen wurden. Italien bspw., ist eine europäische Wirtschaftsmacht mit kolonialer Vergangenheit. Es waren jedoch nie diejenigen mit einer Stimme, die mit Koffern in die Züge einstiegen, die sie nach Deutschland, Belgien oder in die Niederlanden brachten. In Christus kam nur bis Eboli beschreibt Carlo Levi seine Zeit im süditalienischen Exil, die dem gebürtigen Turineser Levi wie eine Welt der Magie, Mysterien und Prähistorizität erschien.[9]

Diese Grenzziehungen und Kategorien erkennt Semra Ertan als flexibel, anpassbar und subtil. Die Beschreibung der eigenen Situation, der Form von Marginalisierung, sind polymorph und unscharf. So ist das Leben der Diasporen nicht nur eins zwischen zwei Kulturen, Sprachen oder Ländern, sondern ein komplexes Geflecht zwischen sozialen Dynamiken innerhalb der Herkunftsländer selbst, an dessen Ende sich die Abwertung von Körpern und die Materialisierung von sozialer Klasse gegenseitig befruchten:

Mein Name ist Ausländer,
Ich arbeite hier,
Ich weiß, wie ich arbeite,
Ob die Deutschen es auch wissen?
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig.
Das gefällt mir nicht, sage ich.
„Wenn dir die Arbeit nicht gefällt,
geh in deine Heimat“, sagen sie.
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig,
Mein Lohn ist niedrig.
Auch ich zahle Steuern, sage ich.
Ich werde es immer wieder sagen,
Wenn ich immer wieder hören muss:
„Suche dir eine andere Arbeit.“
Aber die Schuld liegt nicht bei den Deutschen,
liegt nicht bei den Türken.
Die Türkei braucht Devisen,
Deutschland braucht Arbeitskräfte.
Mein Land hat uns nach Deutschland verkauft,
Wie Stiefkinder,
Wie unbrauchbare Menschen.
Aber dennoch braucht sie Devisen,
Braucht sie Ruhe.
Mein Land hat mich nach Deutschland verkauft.
Mein Name ist Ausländer.[10]

Audre Lordes berühmte Warnung, dass die Waffen der Unterdrücker ihr Haus niemals einreißen würden[11], verstehe ich vor allem als Appell, im Falle einer Privilegierung, diese nicht gegen andere auszuspielen. Das Werkzeug der Unterdrücker macht nur in diesem Gebilde Sinn, ihr Werkzeug kann sich nur schwer gegen sich selbst richten. Die Alternative wäre, es sich innerhalb des Hauses gemütlich zu machen und die erlebten kollektiven Traumata zu verdrängen. So internalisierten unter anderem italienische Migrant*innen sehr früh die Ressentiments gegen andere Gruppierungen, den gesellschaftlich anerkannten Sexismus und die Rolle als „überlegene Ausländer*innen“. Und so zeigt sich eine Tendenz auf, die sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA vollzogen hat: der Aufstieg des Ausländers, das weiß-werden in den Augen der Dominanzkultur, das Angebot vollends amerikanisch zu werden, indem die vorherrschenden Strukturen rigoros verinnerlicht werden.

So führte die Migration aus Italien zur Aufwertung des deutschen Arbeiters, das Arbeiterabkommen mit der Türkei zur Aufwertung der italienischen Arbeiter, usw., und letztlich zur essenzialistischen Fixierung von Deutschland als stärkste Wirtschaftsnation Europas als deutsche Erfolgsgeschichte. Die Aufwertung des Einen sorgte für die Abwertung des Anderen, die Normalisierung von Ausbeutung bleibt unangetastet und verändert bloß die Füllung der Platzhalter.


Fußnoten:

[1] https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/daniela-cavallo-gastarbeiter-tochter-wird-kronprinzessin-von-vw-betriebsratschef-osterloh/23773308.html?ticket=ST-3258153-sXZgn1rsx2WWU6qURCi5-cas01.example.org, letzter Zugriff: 30.10.2021, 19:32 Uhr.

[2] An dieser Stelle mag auch das Ende des genannten Artikels zitiert werden:

„2023 oder 2024 dürfte sich Osterloh zurückziehen. Und dann könnte Volkswagen mit einer Neuheit glänzen, die es bislang nirgendwo gibt – mit der ersten Frau an der Betriebsratsspitze eines großen deutschen Autokonzerns.“

[3] Der Artikel lässt Cavallo nur an einer einzigen Stelle zu Wort kommen:

„Cavallo ist in Wolfsburg geboren, hat aber italienische Eltern. Ihr Vater ist mit der ersten Welle von Gastarbeitern zu Volkswagen nach Niedersachsen gekommen. ‚Mein Vater sagte immer, VW ist der beste Arbeitgeber in der Region. Wenn du im Werk einen Ausbildungsplatz bekommst, hast du eine sichere Zukunft. Das tat ich’, erzählt sie selbst über diese Zeit. Sie sei in beiden Ländern zu Hause. Aber: ‚Wenn ich in Italien bin, freue ich mich, wieder nach Hause zu fahren, nämlich nach Wolfsburg.‘“

[4] Die aktuelle Version des Artikels: https://de.wikipedia.org/wiki/Italiener_in_Deutschland, letzter Zugriff: 30.10.2021, 21:28 Uhr.

[5] ebd.

[6] https://www.tagesschau.de/ausland/italien-gastarbeiter-deutschland-abkommen-101.html, letzter Zugang: 30.10.2021, 22:44 Uhr.

[7] vgl. Mohamed Amjahid, Der Weisse Fleck — Eine Anleitung zu antirassistischem Denken, München: 2021.

[8] Semra Ertan, 13.11.1979,  ohne Titel, aus: Mein Name ist Ausländer, Münster: 2020, S.116.

[9] vgl. Carlo Levi, Cristo si é fermato a Eboli, Turin: 1945.

[10] Semra Ertan, Mein Name ist Ausländer, in: Mein Name ist Ausländer, S.176.

[11] Audre Lorde, Die Werkzeuge der Herrschenden werden das Haus der Herrschenden niemals einreißen, in: Sister Outsider, USA: 1984 / München: 2021, S.10.


Quelle: Liana Maria Saccone, Narrative und Single Storys über „Gastarbeiter*innen“, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 21.01.2022, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=178

Arielle, die Schwarze, dänische Meerjungfrau

Sofia Bucher (SoSe 2021)

Einer meiner liebsten Kinderfilme ist „Arielle, die kleine Meerjungfrau“. In diesem bekannten Disneyfilm geht es um die gleichnamige Protagonistin Arielle, die durch ihre roten Haare und helle Haut auffällt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Unterwasserstadt Atlantica, die irgendwo im Atlantik verortet wird. Ihr größter Wunsch ist es allerdings, an Land zu leben und ein Mensch sein zu dürfen. Nachdem sie sich in einen menschlichen Prinzen verliebt, wagt sie den Schritt ein Leben an Land zu beginnen. Als Kind fand ich die Story sehr rührend. Ich konnte mich mit Arielle gut identifizieren. Die letzte Filmversion von Arielle wurde 1989 veröffentlicht und ist dementsprechend ein wenig veraltet. Als Disney 2019 ankündigte eine Realverfilmung von Arielle zu produzieren, war ich sehr erfreut. Die Schauspielerin und Sängerin Halle Bailey sollte die Rolle der Arielle übernehmen. Die Auswahl sorgte teilweise für Aufruhr, da Halle Bailey Schwarz ist. Insofern verbildlicht sie nicht mehr Arielles roten Haare und ihre blasse Haut. Die Differenz zwischen dem Aussehen von Halle Bailey und dem traditionellen Bild von Arielle führte auch in meinem sozialen Umfeld zu Diskussionen. Die Frage, ob ich Halle Bailey als Besetzung für Arielle angebracht finde, beantwortete ich damals mit „Nein“. Als langer Fan kam es mir nicht richtig vor, in der Realverfilmung auf Arielles roten Haare und die blasse Haut zu verzichten. Meine Argumentation bezog sich vor allem auf ihre Haare, so sei eine blonde oder brünette Arielle genauso unpassend. Während des Gesprächs merkte ich zwar, dass mir die Tiefe für weitere Argumente fehlte, trotzdem blieb ich vorerst bei meiner Meinung. Da das Thema auch im Allgemeinen nicht besonders relevant für mich erschien, dachte ich zunächst nicht weiter darüber nach.

In diesem Essay möchte ich über Halle Bailey als Schwarze Arielle schreiben, und warum diese Besetzung nicht nur passend, sondern auch notwendig ist. Dazu setze ich die Neuverfilmung Arielles in einen Zusammenhang mit alten rassistischen Produktionen Disneys. Zudem möchte ich eine Reflektion über die Entwicklung meines eigenen Standpunkts im Zeitraum der letzten zwei Jahre beschreiben. Dabei thematisiere ich die Aufarbeitung meiner eigenen Rassismen auch im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung.

Die erste wichtige These in diesem Essay lautet also: Halle Bailey ist für Arielle die richtige Besetzung. Unter dem Hashtag #notmyariel sammeln sich im Internet Kritiken, die sich auf die Haut- und Haarfarbe Halle Baileys beziehen. Arielle sei Dänin und somit sei ihre Schwarze Hautfarbe unpassend. Disney gab dazu im Juli 2019 über den Twitteraccount „Freeform“ ein Statement ab: Der Autor sei zwar Däne, aber der fiktive Charakter Arielle lebe in der Unterwasserstadt Atlantica im Atlantik und sei von weltlichen Nationalitäten ungebunden. Zudem gäbe es auch Schwarze Dän:innen und daher seien auch Schwarze dänische Meerjungfrauen in der Fiktion möglich. Weiterhin verwies Disney auf das herausragende Talent Halles und bedeutete den Kritikern auf dieses das Augenmerk zu legen, statt auf die angeblich nicht passende Hautfarbe (Freeform, 2019).

Dass Disney so auf rassistische Anfeindungen an eine ihrer Schauspieler:innen reagiert ist erfreulich, aber nicht unbedingt selbstverständlich. In der Vergangenheit musste Disney selbst mit Rassismusvorwürfen umgehen. In der Kritik standen einige Disneyproduktionen, beispielsweise „das Dschungelbuch“ oder „Dumbo“. Die Darstellung von Kulturen sei in diesen Filmen problematisch. Disney verwendet in seinen Produktionen das stilistische Mittel Anthropomorphismus, indem menschliche Eigenschaften auf Tiere übertragen werden. Die Darstellung der Tiere reproduziert Stereotype von verschiedenen, oft marginalisierten, Kulturen. Ein Beispiel hierfür ist der Affe „King Louis“ aus „das Dschungelbuch“. Der Affe verkörpert typische Eigenschaften eines Schwarzen Menschen. Erkennbar wird dies durch den gesprochenen Slang oder auch King Louis´ Vorliebe zum Jazz. Der Affe als Karikatur eines Schwarzen ist zudem eine leider sehr übliche, rassistische Darstellung. King Louis singt im Film: „I wanna be like you“. Er wäre gerne ein Mensch. Hierbei spielt vor allem der zeitliche Kontext des Films eine Rolle. Das Dschungelbuch erschien 1967 in den USA, zu Zeiten Schwarzer Revolution und Bürgerrechtsbewegung. Die Darstellung des King Louis ist wie eine sehr unangebrachte Satire dieses Strebens nach Gleichberechtigung (Willmann, o. D.).

Der 1941 erschienene Disneyklassiker „Dumbo“ beginnt mit einer Szene, in der Schwarze Männer ein Zirkuszelt aufbauen. Die Schwarzen Männer haben kein Gesicht und somit keinen individuellen Charakter. Während der Arbeit singen sie den „Song of the Roustabouts“:

We work all day, we work all night, we never learned to read or write, we´re happy-hearted roustabouts. […] We slave until we´re almost dead, we´re happy-hearted roustabouts. […] We don´t know when we get our pay, and when we do, we throw our pay away, we get our pay when children say with happy hearts: It´s circus day today. […] Grab that rope, you hairy ape!

Disney, Sharpsteen, 00:13:24-00:15:12

Der Text erweckt den Eindruck, die Hilfsarbeitenden würden die harte Arbeit unter schlechten Bedingungen gerne machen und dabei fröhlich sein. Sie müssen arbeiten, bis sie fast tot umfallen und sie wissen auch nicht, wann sie für ihre Arbeit entlohnt werden. Jedoch mache es ihnen nichts aus, weil glückliche Kinder im Zirkus Lohn genug sind. Dass sie den Lohn direkt wieder „zum Fenster rauswerfen“, bedient weitere abwertende Stereotype von Schwarzen. Zum Ende des Lieds wird ein „haariger Affe“ dazu aufgefordert, ein Seil zu packen. Zum einen wiederholt sich hier das rassistische Symboldbild des Affens, wenn über Schwarze gesprochen wird. Zum anderen werden hier schlechte Arbeitsbedingungen verharmlost. Schwarze seien mit ihrer Position in der Gesellschaft zufrieden, weil die Freude von Weißen (hier weißen Kindern) ihnen genug Lohnt bringt. Später im Film gibt es weitere Formen von Anthropomorphismus. Die Krähen, die dem Protagonisten Dumbo beim Fliegen helfen, symbolisieren erneut stereotypische Eigenschaften von Afroamerikaner:innen. Erkennbar wird dies wieder durch den gesprochenen Slang, einem südlichen Akzent und schlechter Grammatik (Willets, 2013). Der Anführer der Krähen trägt den Namen Jim Crow. Dieser Name verweist auf die Jim-Crow-Ära (ca. 1877- 1965) in den USA. Wichtig für die Zeit waren die Jim-Crow Gesetze. (Triggerwarnung: Sehr menschenverachtende Weltansicht) Die Ideologie hinter den Gesetzen beschreibt Schwarze als minderwertig, und probiert so die „Rassentrennung“ und Ungerechtigkeiten gegenüber der Schwarzen Bevölkerung zu legitimieren. Die Minderwertigkeit Schwarzer zeige sich durch verminderte Intelligenz, schlechter Moralvorstellungen und unzivilisiertem Verhalten. Eine Gleichstellung von Weißen und Schwarzen würde zu ungewollten sexuellen Beziehungen führen. Dies wiederum führe zur „gemischten Rasse“, was in der Zerstörung der USA enden würde. Um dies zu verhindern, bestimmen die Jim-Crow-Gesetze den Umgang mit Schwarzen. Schwarze durften Weißen nicht die Hand anbieten, Frauen nicht zu nahekommen, oder gemeinsam mit Weißen an einem Tisch sitzen. Auch Intimität unter Schwarzen Menschen sei in der Öffentlichkeit verboten, da diese weiße Menschen beleidigen könnte (Pilgrim, 2012). Solche und ähnliche Verhaltensregeln bestimmten das Leben von Schwarzen Menschen. Den Raben in Dumbo nach dieser Ära zu benennen, ist demnach sehr bedeutungsträchtig.

Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass in Disneyfilmen marginalisierte Gruppen und diverse Kulturen sehr stereotypisch dargestellt werden. Die fehlende Repräsentation von Diversität auch innerhalb einer Kultur ist ein Problem. Dabei geht es nicht nur um das Fehlen von BIPoC-Charakteren, sondern um die einseitige Darstellung. BIPoC-Charaktere übernehmen immer wieder dieselben Rollen und bedienen damit immer gleichbleibende Narrative, wodurch die Gefahr einer „Single Story“ entsteht. Der Begriff ist geprägt durch Chimamanda Ngozi Adichie. Adichie ist eine nigerianische Schriftstellerin, die sich selbst als Geschichtenerzählerin beschreibt. Über Single Stories spricht sie 2009 in dem TedTalk „The Danger of a Single Story“. Eine Single Story entstehe, wenn eine gleiche Geschichte immer wieder erzählt werde. Wenn Charakteren mit einer bestimmten Herkunft oder Aussehen in Filmen oder Serien immer dieselben Charaktereigenschaften zugeschrieben werden, entsteht beim Rezipienten ein sehr einseitiges Bild. So wird davon ausgegangen, dass Menschen, die ein bestimmtes Aussehen haben, sich auch dementsprechend verhalten: „So that is how to create a single story, show a people as one thing, as only one thing, over and over again, and that is what they become“ (Adichie, 2009, 09:17). Als Beispiel für eine Single Story erzählt die nigerianische Adichie, wie sie zum Studieren in die USA zieht. Ihre Mitbewohnerin konfrontiert sie dort mit sehr spezifischen Erwartungen. Sie ist überrascht, dass Adichie fließend Englisch spricht, obwohl Englisch die Amtssprache Nigerias ist. Als Musikgeschmack erwartet die Mitbewohnerin traditionelle, nigerianische Musik und ist wieder überrascht, dass Adichie gerne Mariah Carey hört. Adichie merkt, dass die Mitbewohnerin ihr nicht nur voreingenommen gegenübertritt, sondern sogar Mitleid mit ihr hat, bevor das erste Gespräch zustande kommen konnte. Adichie wird in diesem Moment das Opfer einer Single Story. Das Bild von Afrikaner:innen ist vor allem durch westliche Literatur und Medien geprägt, die ein sehr einseitiges Bild präsentieren Menschen, die in Armut und unter schlechten Lebensbedingungen leben und Kriege führen.  Menschen, die nicht für sich selbst sprechen können und einen Weißen brauchen, der sie rettet. Durch diese Voreingenommenheit war es den Beiden unmöglich, sich auf Augenhöhe zu begegnen (Adichie, 2009).

Disneycharaktere wie „King Louis“ aus „das Dschungelbuch“, die Schwarzen Hilfsarbeiter, die in „Dumbo“ nachts ein Zelt aufbauen, oder auch Jim Crow sind ein Teil von der Single Story, die über Schwarze erzählt wird. Indem Kinder diese Filme sehen, werden Rassismen immer weiter reproduziert. Obwohl „Rassentrennung“ offiziell abgeschafft ist und Schwarze Menschen gesetzlich gleichgestellt sind, bleiben abwertende stereotypische Vorstellungen von marginalisierten Gruppen tief in den Köpfen der Menschen, und so in der Gesellschaft erhalten. Disney erkennt dieses Problem an und reagiert mit der „Stories-Matter“ Kampagne. Disney selbst erklärt den Inhalt der Kampagne so:

Stories shape how we see ourselves and everyone around us. So as storytellers, we have the power and responsibility to not only uplift and inspire, but also consciously, purposefully and relentlessly champion the spectrum of voices and perspectives in our world. […] Because happily ever after doesn´t just happen. It takes effort. Effort we are making.

The Walt Disney Company, Stories Matter, o. D

Im Zuge der Kampagne untersucht Disney seine Produktionen auf diskriminierende Inhalte. Anstatt die Filme jedoch zu löschen, versehen sie problematische Inhalte mit einer Warnung: Das nachfolgende Programm enthalte „eine nicht korrekte [Darstellung und] Behandlung von Menschen oder Kulturen“ (The Walt Disney Company, Stories Matter, o. D). Zudem wird auf die Internetseite Disneys verwiesen, die die Kampagne „Stories-Matter“ beschreibt. Dort finden Interessierte detaillierte Ausführungen über problematische Inhalte in exemplarischen Disneyproduktionen. Disney wünsche sich mit dieser Geste Diskussionen anzuregen. Die Geschichte könne im Nachhinein nicht mehr geändert werden. Die Filme zu löschen und so zu tun als sei nie etwas passiert sei die falsche Botschaft. Stattdessen müssen Rassismen aktiv aufgearbeitet, statt vergessen werden. Zur Aufarbeitung seien externe Experten hinzugezogen worden (The Walt Disney Company, Stories Matter, o. D).

Disneys Verpflichtung zu mehr Diversität, Inklusion und Repräsentation kann neben den Warnungen bei alten Filmen besonders gut durch neue Produktionen umgesetzt werden. Neu- und Realverfilmungen von Disneyklassikern sollten hierfür als Chance begriffen werden. In der Originalfassung „Arielle die Meerjungfrau“ von 1989 gibt es zwar keine stereotypische Darstellung von BIPoC-Charakteren, allerdings fehlt hier die Repräsentation komplett. In der Unterwasserstadt „Atlantica“ leben ausschließlich weiße Meermenschen. Auch der Menschenprinz Eric und seine Familie sind weiß. Im Film Arielle werden zwar keine stereotypischen Eigenschaften von Schwarzen reproduziert, jedoch ist die fehlende Repräsentation genauso schädlich. In der Realverfilmung konnte dieses Versäumnis aufgeholt werden, indem Rollen inklusiver besetzt wurden. Eine Schwarze Meerprinzessin, bei der keine üblichen Narrative bedient, oder Rollenklischees ausgefüllt werden.

Um diese Entwicklung als Erfolg anerkennen zu können, braucht es eine Sensibilisierung für gesellschaftlich aufrechterhaltene Rassismen und Diskriminierungen. Zuerst muss das Problem erkannt werden, bevor ein Lösungsschritt seine Relevanz zeigt. Mein Weg dieser Sensibilisierung und Aufarbeitung eigener rassistischer Denkmuster möchte ich an diesem Beispiel reflektieren. Vor zwei Jahren hätte ich Arielle gerne rothaarig und weiß gehabt, da ich wollte, dass sie genauso aussieht wie in dem Originalfilm von 1989. Während meiner Kindheit konnte ich mich mit einigen Disneyprinzessinnen identifizieren, da sie so aussahen wie ich: weiß und blond. Dass diese Identifikationsmöglichkeit ein Privileg ist, habe ich nicht erkannt. Infolgedessen habe ich auch das dahinterliegende Problem nicht realisiert. Auch in meiner Argumentation vor zwei Jahren, habe ich nicht berücksichtigt, dass es ein grundlegendes Inklusions- und Repräsentationsdefizit in Disneys Klassikern gibt. Auch dass ich mich nicht zwangsläufig mit Rassismus auseinandersetzen musste, ist ein Privileg. Dieses Privileg teile ich mir mit anderen weiß-positionierten Menschen. Zuletzt möchte ich in diesem Essay ausführen, wie ich als weiß-positionierter Mensch mit Rassismus umgehen kann und welche Rolle meine Perspektive spielt.

Sowie sich Schwarz nicht unbedingt auf die Hautfarbe bezieht, beschreibt Weißsein eine soziale Position. Die Position sollte immer im Kontext alter kolonialer Machtstrukturen betrachtet werden. Privilegien von Weißen konnten nur entstehen, indem Schwarze Menschen ausgebeutet wurden. Die Legitimierung der Ausbeutung erfolgte über das Herabsetzen von Schwarzen Menschen. Denkweisen und Machtstrukturen wie diese, haben sich bis heute erhalten. Immer noch profitieren weiße Menschen, während BIPoC in vielen Hinsichten benachteiligt sind. Diese Benachteiligung erfolgt oft auf struktureller Ebene und ist somit nicht immer leicht zu erkennen oder zu begreifen. Rassismus ist insofern oft auch kein absichtsvolles Verhalten, sondern etwas, dass unbewusst geschieht. Bei der Bekämpfung von Rassismus spielt diese Erkenntnis eine große Rolle. Menschen mit weißer Positionierung werden in bestimmte Machtstrukturen reingeboren. Sie werden in einer rassistischen Welt sozialisiert und übernehmen automatisch diskriminierende Denkstrukturen. Rassismus wird so auf einer unbewussten Ebene erlernt. Es erfolgt keine bewusste Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Im Gegensatz dazu erfordert die Überwindung ein aktives Verlernen (Bönkost, 2016). Dies stellt weiße Menschen vor eine emotionale Herausforderung: Die einzige Begegnung, die man als weißer Mensch mit Rassismus hat, ist die der Verteufelung. Das Schlechte in Rassismus zu sehen kann jeder. Schwierig ist jedoch die Anerkennung des Mitwirkens am Problem und eigene verinnerlichte Rassismen. Weiße Sozialisierung bedeutet Rassismus zu verleugnen, „farbenblind“ zu werden und so weiße Privilegien aufrecht zu erhalten. Die eigene Position wird nicht mehr als weiß wahrgenommen, da (angeblich) gar keine Position bezogen wird. Diese Sozialisierung erschwert später die Beschäftigung mit Rassismus. Die Konfrontation mit dem Thema ist emotional belastend. Zu diesen Emotionen gehören Scham, Wut, Ängste und vor allem auch Ablehnung. Dies führt zu dem Einnehmen einer Abwehrhaltung und die Beschäftigung mit Rassismus wird zunehmend schwieriger (Engelhardt, 2018).

Als ich über Arielles Besetzung in der Realverfilmung diskutiert habe, habe ich meine eigene Position nicht als eine Weiße erkennen können. Ich habe auch das Rassismusproblem in dieser Debatte nicht erkannt. Die Konfrontation mit der Kritik an meiner Haltung löste bei mir zuerst Unbehagen aus. Ich fühlte mich zu Unrecht beschuldigt, da ich mich selbst nicht als rassistischen Menschen gesehen habe. Infolgedessen verhärtete sich meine Position als Abwehrreaktion. Im folgenden Jahr 2020 wurde es mir allerdings unmöglich, den Rassismus in Deutschland weiter zu ignorieren. Die Black-Lives-Matter-Bewegung gewann nach dem Tod des US-Amerikaners George Floyd auch in Deutschland an Popularität und füllte meinen Social-Media-Feed. Besonders oft begegnete mir der Satz: Wenn du nicht antirassistisch bist, bist du rassistisch. Nachdem ich die anfänglich unbehaglichen Gefühle beiseiteschieben konnte, informierte ich mich über Rassismus in Deutschland. Durch die Beschäftigung mit dem Thema wurde mir die Problematik erst mehr und mehr bewusst. Erst durch das Anerkennen von Rassismus als Problem und meiner eigenen weißen Positionierung konnte ich mir meine eigenen Rassismen eingestehen. Ich habe erkannt, dass antirassistisches Verhalten ein langer Weg ist, an dem aktiv und langfristig gearbeitet werden muss. Auch die Recherche für diesen Essay hat mich erneut motiviert weiter an mir zu arbeiten.

Literaturverzeichnis

Adichie, C. (2009). The danger of a single story. [Video]. Ted. https://www.ted.com/talks/chimamanda_ngozi_adichie_the_danger_of_a_single_story/transcript

Bönkost, J. (2016). Weiße Emotionen – Wenn Hochschullehre Rassismus thematisiert. IDB Paper. No.1, https://diskriminierungsfreie-bildung.de/wp-content/uploads/2016/07/IDB-Paper-No-1_Wei%C3%9Fe-Emotionen.pdf

Disney, W. (Produktion), & Sharpsteen, B. (Regisseur). (1941). Dumbo [Film]. USA.

Engelhardt, A. A. (2018). Raus aus Happyland: Zum Umgang mit Scham in der rassismuskritischen Bildungsarbeit (Masterarbeit, Sigmund Freud Privat Universität Berlin). WUS. https://www.wusgermany.de/de/wus-service/wus-aktuelles/wus-foerderpreis/wus-foerderpreis-2019/raus-aus-happyland-zum-umgang-mit-scham-der-rassismuskritischen-bildungsarbeit-0

Freeform. [FreeformTV]. (2019, 7.Juli). An open letter to the Poor, Unfortunate Souls [Tweet] [Link enthalten]. Twitter. https://twitter.com/FreeformTV/status/1147647797732106240

Pilgrim, D. (2012). What was Jim Crow. Ferris State University. Jim Crow Museum of Racist Memorabilia. https://www.ferris.edu/jimcrow/what.htm

The Walt Disney Company. (o. D.) Stories Matter. https://storiesmatter.thewaltdisneycompany.com/

Willets, K. R. (2013). Cannibals and Coons: Blackness in the Early Days of Walt Disney. In J. Cheu (Hrsg.), Diversity in Disney films : critical essays on race, ethnicity, gender, sexuality and disability (1. Aufl., S. 9-22). London, UK: MacFarland & Company, Inc.

Willmann, T. (o. D.) Das Dschungelbuch. Artechock. https://www.artechock.de/film/text/kritik/d/dschun.htm#oben


Quelle: Sofia Bucher, Arielle, die Schwarze dänische Meerjungfrau, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 10.01.2022, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2022/01/10/arielle-die-schwarze-daenische-meerjungfrau/

Racial Profiling und die Polizei

Eine Überlegung bezüglich institutionellem Rassismus und dessen Überwindung

Joris Beetz (SoSe 2021)

Einleitung

Laut dem Grundgesetz ist Racial Profiling verboten, da es gegen die Menschenwürde verstößt, in dem Menschen nach ihrem Äußeren kategorisiert und sie zusätzlich auch noch direkt staatlichem Agieren unterwirft, denn die Polizei ist Bestandteil der Exekutive und handelt damit als Staatsgewalt.

Nicht nur dieses Verbot, sondern auch die Beachtung der Menschenwürde scheinen aber immer wieder strukturell vernachlässigt zu werden, nett zu umschreiben. Ein Beispiel dafür ist der Fall des Todes von Qusay Khalaf, der am 5. März 2021 nach einer Polizeikontrolle und darauf folgendem Gewahrsam im Krankenhaus verstarb. Qusay wurde 19 Jahre alt. Er war vor einer Kontrolle durch Zivilpolizist*innen geflohen, eingeholt, festgehalten, auf dem Bauch fixiert und dann mitgenommen worden. Hilfe wurde ihm erst zu spät geleistet, sodass er im Krankenhaus verstarb.1 Ein bekannterer Fall von Ingewahrsamnahme und darauf folgendem Tod ist der von Oury Jalloh 2005. Oury Jalloh verbrannte in einer Zelle in der Untersuchungshaft in Dessau nach seiner Festnahme durch die Polizei. Beide Fälle sind bis jetzt nicht ausreichend aufgeklärt, es gibt keine wider-spruchsfreien Tatverläufe, ebenso sind keine Gerichtsverfahren zu für die Betroffenen zufriedenstellenden Urteile gekommen. Bei beiden Fällen ist hervorzuheben, dass es sich bei den Toten um BI_PoC handelte und dass es Geflüchtete waren, also gesellschaftlich Marginalisierte. Beide wurden ohne direkte Grundlage kontrolliert.2

Das folgende Essay soll sich mit dem Thema „Racial Profiling“ auseinandersetzen. Kurz zusammengefasst handelt es sich dabei um Polizeikontrollen, die aufgrund von gesellschaftlicher Positioning bei bestimmten Personen durchgeführt werden. Polizeikontrollen sind nicht zwangsläufig Racial Profiling und von Rassimus Betroffene sind nicht die einzigen Menschen, die unter Polizeikontrollen leiden, auch andere Faktoren spielen eine Rolle. Diese Thematik findet leider keinen Platz im folgenden Text, auch weil die Verbindungen zum Seminar fehlt, in dem vor allem Rassismen und Sexismen im globalen Norden durch weiterhin bestehende koloniale Strukturen auf individueller Ebene besprochen wurden. Die Auseinandersetzung mit der Systematik soll nun hier anschließen.

Als theoretische Basis ist dafür die postkoloniale Theorie gegeben. Wie immer kann keine vollumfängliche Analyse geboten werden, aber es folgt ein Versuch der historischen und politischen Kontextualisierung im Globalen Norden. Wie weit im Anschluss an das Seminar bei dieser Systematik von einer „single story“ (nach Chimamanda Adichie3) innerhalb des Systems gesprochen werden kann, wird sich zeigen. Auch bleiben dabei strukturelle Diskriminierungsmuster wie die Bedeutung von Klasse oder Ableismus auf der Strecke.

Insgesamt geht dieses Essay jedoch nicht nur auf Racial Profiling, dessen Grundlage und die gerade schon gezeigten Folgen ein, sondern es will auch Lösung und Ideen für dessen Überwindung bis hin zur Veränderung des aktuellen Rechtssystems ansprechen. Dabei ist vorab noch wichtig zu sagen: Die folgende Diskussion basiert auch darauf, dass die systematische Verknüpfung von Rassismus und der Polizei dafür sorgt, dass es nur zweitrangig um die Position der Polizist*innen selbst geht, die teilweise ja auch selbst von Rassismus betroffen sein können, sondern dass das gesamte System in sich rassistisch ist.

Die Basis für diese Auseinandersetzung soll durch zwei Essays im Sammelband „Kritik der Polizei“ und ein Essay zu Abolitionismus von Vanessa E. Thompson bilden. Es kommen dabei ebenso aktivistische Stimmen zu Wort, wie in vielen Fällen wird sich hier ebenfalls politisches Plädoyer und wissenschaftliche Arbeit aufgrund der Basis nur bedingt trennen lassen. Der Versuch der Trennung wäre aber auch aufgrund meiner Positionierung und meines Bias heraus nur bedingt sinnvoll und möglich. Mein Bias, also meine Voreinstellung und meine Haltung, basiert auf dem Gedanken der Gleichwertigkeit aller Menschen. Dementsprechend lehne ich Diskriminierungsformen wie Rassismus und Sexismus grundlegend ab und versuche auch persönliche verinnerlichte Formen dieser zu reflektieren und abzulegen.

Dieser Essay ist aus meiner weißen Perspektive geschrieben, das heißt ich bin nicht negativ von Rassismus betroffen und dementsprechend auch nicht von Racial Profiling durch die Polizei.

1. Eine kleine theoretische und historische Einführung

Ich werde hier versuchen, einen kleinen theoretischen Rahmen zu schaffen, von dem aus eine Kritik der Polizei anhand der Praktik des Racial Profiling erst eingeordnet werden kann.

Dabei ist grundlegend erstmal auf die Zusammenhänge von Polizei und Kolonialität einzugehen. Es ist wichtig zu betrachten, dass die Polizei als Institution in der Entstehung eng mit Kolonialität verwoben ist. Polizeistrukturen sind teilweise erst in den Kolonien erprobt um dann auch in den Ländern des globalen Nordens Verwendung zu finden.4 Dabei finden sich Vorlaufsmodelle der Polizei schon im 17. und frühen 18. Jahrhundert direkt innerhalb der Sklavereiwirtschaft und zur Aufrechterhaltung der Sklaverei in den Amerikas, z.B. bei Sklavenpatrouillen, die unter anderem für das Gewaltsame zurückzwingen von Sklav*innen nach ihrer zunächst erfolgreichen Flucht fungierten.5

Wie genau dieses Polizieren6 als Sicherung der rassistischen Unterdrückung in der Zeit der Sklaverei vor allem in den sog. Südstaaten zu Zeiten der britischen Kolonisierung bis hin zur Auflösung der Sklaverei erfolgte, wird im Aufsatz von Sally Hadden dargelegt. Der Aufsatz zeigt vor allem, dass dieses Polizieren anfangs beinahe alleinig der afroamerikanischen Bevölkerung gilt und systematisch allen Weißen dieses Polizieren auferlegt wurde, bis sich dies in Sklavenpatrouillen rechtlich institutionalisierte. Dies wird erst mit der Auflösung der Sklaverei (im Jahr 1865 am Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs) aus dem institutionellen Hintergrund genommen und findet seine direkte Kontinuität im Ku Klux Klan, jedoch finden sich direkte Aspekte ebendieser Praktik auch in der separaten Behandlung Schwarzer Menschen während der Jim-Crow-Gesetze Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts. Diese explizite Kontinuität der sog. „Rassentrennung“ auf Basis rassistischer white supremacy findet sich bis heute.7

Zusammenhänge entstehen bei der Strategie des Polizierens hierbei vor allem „um die Einhegung von Menschen für die Ausbeutung und Produktivmachung“8.

Ebenfalls muss der Umgang der Polizei mit Menschen als Objekte des polizeilichen Wirkens thematisiert werden: Nicht nur sind alle Subjekte in unserer Gesellschaft vergeschlechtlicht und rassifiziert, d.h. diese Merkmale werden durch gesellschaftliche Diskurse zugeschrieben und größtenteils übernommen, sondern sie werden auch dementsprechend poliziert.9

Dies deckt die Subjekttheorie nach Louis Althusser der zu polizierenden Subjekte nicht ab, in der die Ausgangssituation mit dem Anruf „Hey, Sie da!“ von der Polizei im öffentlichen Raum gegenüber einer Position stattfindet, wenn diese sich angesprochen fühlt und sich dem Ansprechenden zuwendet, ist sie Rechtssubjekt. Thompson kritisiert in ihrem Essay mithilfe von Fanon daran, dass dies nur für die privilegierten Teile der Bevölkerung gilt.10 Die von der Vergeschlechtlichung und Rassifizierung nicht privilegierten Positionen (privilegiert sind im Kern vor allem weiße und männliche Subjekte) werde nie als Subjekte, sondern immer als Objekt des polizierens genannt, was sich auch schon daran zeigt, dass Menschen ohne diese Privilegien „durch rassistische und institutionalisierte Arrangements selbst bei den Behörden geduzt [werden].“11 Dieser weiße Blick auf schwarze Subjekte in der Gesellschaft findet durch die weiße Gesellschaft auch außerhalb des direkten Polizierens statt und spiegelt sich im Alltagsrassimus der weißen Gesellschaften des Globalen Nordens.12

2. Racial Profiling als rassistische Polizeipraxis

Racial Profiling soll im Folgenden als Praxis des Polizeiwirkens untersucht werden. Definieren lässt dieses sich wie folgt: „Racial Profiling tritt auf, wenn Polizei und private Sicherheitsdienste Menschen of colour auf Grundlage von zugeschriebener ,Rasse‘, Ethnizität, Herkunftsland oder Religion entwürdigenden und oft furchteinflößenden Verhaftungen, Befragungen und Durchsuchungen unterwirft, ohne dass ein Beweis für eine kriminelle Handlung vorliegt.“13 Dies lässt sich als Form von Institutionellem Rassismus einordnen, da es ein Mittel ist, um die Vorherrschaft weißer Positionierung in der Gesellschaft zu erhalten. Dies mag nicht immer aus persönlichen Intentionen heraus passieren, diese spielen jedoch auch eine wichtige Rolle in ihrer Prägung des Diskurses. Denn die vermehrte Kontrolle von Menschen aufgrund der vorher genannten Merkmale ist nicht nur  rassistisch, sondern schlägt sich auch in den Statistiken der Polizei nieder, die weiterhin die Definitionshoheit über ihre eigene Arbeit besitzt und staatliches Instrument ist.14 Aufgrund von Berichterstattung über die Polizeistatistiken, die Gewalt bei Schwarzen Menschen und Menschen of colour häufiger vermerken, da diese häufiger kontrolliert werden als der Rest der Gesellschaft. Das bedient rassistische Stereotype, vor allem das von Kriminalität und Unzivilisiertheit bei B_PoC.15 Diese rassistischen Stereotype finden sich bei allen weißen Menschen der Gesellschaften des Globalen Nordens, wie Peggy McIntosh aufzeigt.16

Racial Profiling findet dabei vor allem an Orten statt, an denen „Verdachtsunabhängige und anlasslose Kontrollen“ legal durchgeführt werden dürfen, an sog. kriminalitätsbelasteten Orten, oft auch einfach „gefährliche Orte“ genannt.17 In Berlin gibt es sieben solcher Orte, eine der bekanntesten ist der Görlitzer Park, der unlängst auch in einer Dokumentation vom Y-Kollektiv versucht wurde zu charakterisieren.18 Ebenfalls sind diese Kontrollen an Bahnhöfen, Flughäfen und in Grenznähe möglich. Dabei ist es der Polizei juristisch erlaubt, Menschen ohne konkreten Anlass zu befragen, zu kontrollieren oder eine Identitätskontrolle durchzuführen.19 Das mag in dieser Form tendenziell harmlos klingen, jedoch sei hier noch einmal die inhärente Gewalttätigkeit des bereits oben genannten weißen Blickes einerseits als auch die Demütigungen und die Gewalt im öffentlichen Raum und damit die Bloßstellung hervorgehoben. Ein noch wesentlicher Bestandteil ist, dass es dabei immer wieder zu massiver Polizeigewalt und auch regelmäßig zum Tod von vor allem Schwarzen Menschen kommt, sowohl in Deutschland und Frankreich,20 als auch in anderen Ländern des Globalen Nordens wie den USA, wo der Tod von George Floyd massive Proteste auslöste, ähnlich wie schon Jahre zuvor die Kontrolle von Rodney King. Hier könnte eine ewig lange Abfolge an Vorfällen geschildert werden, siehe dafür unter anderem Vanessa Thompson (2018, S. 208 und 209).

Gleichzeitig sind bei den Behörden keinerlei Statistiken über das Ausüben von Racial Profiling vorzufinden, weshalb vor allem auf zivilgesellschaftliche Initiativen Bezug genommen werden muss, wenn es um die Erhebung von Daten geht. Diese gehen oft auf Berichte von Betroffenen ein; dies setzt voraus, dass die Betroffenen ihre traumatische Erfahrungen darlegen, offenlegen, oder in selteneren  Fällen, gegen die Polizei anzeigen, welches selten von Erfolg geprägt ist.21 Als Beispiel für diese zivilgesellschaftlichen Organisationen sei die KOP Berlin genannt.22

3. Ausblick

Wie mit der oben genannten Ungerechtigkeit umzugehen ist, bleibt als Frage offen und dementsprechend sollen hier, um einige Perspektiven und Ausblicke zu ermöglichen, Alternativen  zur momentan stattfindenden Praxis der rassistischen Kontrollen aufgezeigt werden. Dabei gibt es unterschiedliche Ansätze, die oftmals versuchen, das Problem systemisch zu analysieren. Diese Ansätze können dabei von kleinen Verboten bis hin zur Veränderung des Polizierens und Gefängnissystems gehen, genannt sei hier vor allem der Abolitionismus, auf welchen ich später noch genauer eingehe.

Vorab: Oft wird in der öffentlichen Diskussion gefordert, dass der Handlungsbedarf bei der persönlichen Haltung einzelner Polizist*innen liegt. Dem folgend werden Anti-diskriminierungstrainings gefordert, die interne Veränderung bringen sollen und Handlungs-vorschläge unterbreiten.23 Wie ich aber bereits versucht habe aufzuzeigen, ist Racial Profiling und rassistische Praxis durch die Polizei kein ausschließliches Problem von persönlicher Haltung, sondern vor allem von Systematik der Machtverteilung. Natürlich kann dieser Ansatz zu Fortschritten im Abbau von Rassismus führen, gleichzeitig bleibt es verständlich, dass das Vertrauen in Verantwortlichkeit einzelner Polizeibeamte*r von Aktivist*innen nicht als ausreichend eingeschätzt wird. Darauf geht auch Ulla Jelpke in ihrem Essay kurz ein. Dort wird unter anderem auch argumentiert, dass sich Kontrollen teilweise gar        nicht von Diskriminierung lösen können, sondern dies inhärent ist und dementsprechend Trainings keinen wesentlichen Unterschied schaffen.24

Die direkte Forderung in Bezug auf Racial Profiling ist vielfach die Abschaffung der gefährlichen Orte bzw. ihr Verbot. Dies ist, wie bereits im Namen erkennbar, auch das Ziel der Kampagne Ban! Racial Profiling – Gefährliche Orte Abschaffen. Diese Kampagne greift gezielt das System der Polizeikontrollen an Gefährlichen Orten an, da diese durch die rechtliche Hintertür Racial Profiling ermögliche, während dieses eigentlich verboten ist. Dementsprechend ist das Abschaffen dieser Orte eine Möglichkeit, um der Polizei die Mittel zu nehmen, legal und damit rechtlich nur schwer anfechtbar diese rassistische Praxis aufrechtzuerhalten.25 Die Kampagne bezieht sich dabei vor allem auf Berlin, jedoch kann dieser Ansatz auch auf anlass- und verdachtsunabhängig Kontrollen generell angewandt werden, denn diese finden u.a. auch in Grenzregionen statt.

Dabei muss ich an (weiße) Freund*innen von mir denken, die mir erzählten, dass sie erlebten, dass in einem Grenzort in Deutschland alle BI_PoC im Zug bei dessen Halt kontrolliert wurden. Nachdem diese die Kontrollen der Polizei und ihr Racial Profiling ansprachen und dabei kritisierten, kontrollierte die Polizei daraufhin auch alle weißen Fahrgäste. Dadurch hatte der Zug eine erhebliche Verspätung. Dort zeigt sich bereits: Der Zugfahrplan rechnet fest damit, dass nicht alle, sondern nur bestimmte Gruppen poliziert werden. Des Weiteren zeigt sich auch: In diese Kontrollen einzugreifen kann wirken und die Polizei mit ihrem Rassismus konfrontieren (der wie McIntosh aufweist, gar nicht unbedingt bewusst ist). Ebenfalls schafft dies Aufmerksamkeit und damit eventuell auch öffentlichen Druck. Dies ist eben auch ein Ziel der Kampagne der KOP Berlin Ban! Racial Profiling.26

Ein Ansatz der darüber hinaus geht, ist der des Ressourcenentzugs der Polizei und die Umverteilung hin zu sozialen Projekten. Dieser Ansatz wurde unter dem Schlagwort „Defund the Police!“ im öffentlichen Diskurs vor allem mit den Protesten gegen Polizeigewalt in Reaktion auf den Tod von George Floyd in Minneapolis im Jahr 2020 laut. Dieser kann also ein erster Schritt innerhalb abolitionistischer Praxis gesehen werden. Die Idee hinter dem Ressourcenentzug ist, dass die Polizei die öffentliche Ordnung mit Gewalt aufrechterhält, während die Probleme bleiben, welche Kriminalität und Gewalt hervorrufen: Kapitalismus und Konkurrenzdenken, Armut und Perspektivlosigkeit. Gegen diese mit vermehrter Sozialer Arbeit, Gesundheitsversorgung und weiterer sozialer Sicherheit vorzugehen, senke somit die Kriminalität an sich. Es geht also quasi um die Problemlösung von Menschen in prekären Situationen und nicht um den Erhalt des status quo, auch mit Gewalt.27

Zusätzlich ist ein Punkt für diese nun folgende abolitionistische Perspektive sehr wichtig: Menschen, die so regelmäßig negativ vom Wirken der Polizei und dem Justizsystem eingeschränkt und diskriminiert werden, bleibt meist nicht die Option, selbst die Polizei zu rufen. Das führt letztlich dazu, dass diesen Menschen der Versuch zum Rückgreifen auf das Rechtssystem und damit auf öffentliche, juristische Gerechtigkeit verwehrt bleibt. Das bedeutet gleichzeitig, dass der Schutz, der anderen Gruppen zukommt, nicht gewährt oder in Anspruch genommen werden kann.

Dies hat wiederum dazu geführt, dass Konzepte und Wissen entwickelt und vermittelt wurden und werden, die diese Wege nicht gehen und über anderem Weg nicht nur Schutz, sondern vor allem Tatprävention und Reintegration ohne die Institution Gefängnis schaffen. Diese Konzepte kommen vielfach aus politischen Gruppen, vor allem aber aus Netzwerken von Marginalisierten mit unterschiedlichem Hintergrund, vielfach Mehrfachmarginalisierte, vor allem QTIPoC, also queere, trans* und inter Schwarze Menschen/Personen of Colour.28

Es gibt diese Konzepte aber nicht erst seit kurzem, sondern es finden sich schon solidarische Lebensweisen in früheren abolitionistischen Kontexten, genannt sei zum Beispiel die Maroon Communitys, welche in Teilen der Karibik aus entflohenen und befreiten Sklaven aus der Plantagenwirtschaft bestanden.

Der heutige Fokus auf Gefängnisse und das Strafsystem besteht seit dem 20. Jahrhundert in der abolitionistischen Bewegung. Dabei umfasst die Kritik des heutigen Gefängnissystems oft eine grundlegende Systemkritik, da die oben bereits erwähnte Rassifizierung und Vergeschlechtlichung von Körpern und deren Produktivmachen grundsätzlich als negativ bewertet werden. Das Gefängnis wird hierbei als Funktionalität dieses Produktivmachens begriffen.29 Es wird eine direkte Verbindung zwischen Kolonialismus und modernem Strafsystem hergestellt, da die Gefängnisse, welche zwar als Reformversuche gegenüber massiven körperlichen Strafen eingeführt wurden, aber selbst eine Kriminalität bestrafen, die eng mit dem Kapitalismus verknüpft ist. Dabei ist Landstreicherei, deren Konzept früher vor allem gegen Sinti*zze und Rom*nja und die Arbeiterklasse gewandt war, nicht mehr verboten, so zeigen sich doch ähnliche Strukturen noch immer beim Faktor Drogenhandel und Privilegien.30 Dies lässt sich auch am Beispiel Görlitzer Park belegen, wo vielfach Geflüchtete ohne Arbeitserlaubnis mit illegalisierten Drogen handeln.

Hervorzuheben ist innerhalb dieser Theorie des Abolitionismus der Abolition Feminism, welcher eine lange Tradition hat. Bekannte Vertreterin ist Sojourner Truth, die schon früh (1851) die Intersektion von Sexismus und Rassismus aufzeigt und diese Diskriminierungsformen kritisiert.31 Innerhalb dieses Feminismus wird thematisiert und hervorgehoben, in welchem Rahmen intersektionale Kriminalisierung, vor allem bei BI_PoC Frauen besteht. Hierbei wird Sexarbeit kriminalisiert. Ebenfalls wird davon ausgegangen, dass BI_PoC Eltern ihre Kinder schlecht erziehen, was dazu führt, dass dieser Elternschaft individuell schneller die Kinder entzogen werden. Teilweise findet dies auch systematisch statt, siehe hier die aktuell gefundenen Massengräber neben katholischen Schulen für Kinder der First Nations in Kanada. Dieser Kriminalisierung werden dann Strukturen der gegenseitigen Hilfe entgegengebracht. Diese arbeiten dabei auch den explizit rassistischen Erfahrungswelten innerhalb des Sozialstaats entgegen. Dementsprechend geht es immer auch um eine gesellschaftliche Transformation, welche die Kontinuitäten des gesellschaftlichen Rassismus und der Gewalt vor allem im System der Strafe kritisiert und versucht abzuschaffen.32

Fazit

Innerhalb dieser kurzen Betrachtung des Systems von Racial Profiling und darüber hinaus der antirassistischen Gefängniskritik zeigt sich doch recht deutlich das Ineinandergreifen unterschiedlicher Unterdrückungsmechanismen in der Gesellschaft.

Rassismus wird innerhalb des durch den Kolonialismus geprägten Strafsystems reproduziert und durch ebendieses wiederum aufrechterhalten. Gleichzeitig gibt es seit Jahrhunderten Widerstand gegen dieses System und seine Abwandlungen. Dem Strafsystem wird dabei Solidarität entgegengesetzt, um Gewaltspiralen zu verhindern, die sich trotz des Anspruchs von Gerechtigkeit durch die Justiz immer wieder finden lassen.

In dieser komplexen Gesellschaft mit all ihren Strukturen, in der jede*r rassifiziert und vergeschlechtlicht wird, vor dem Kontext von Racial Profiling nur von einer Single Story, einem einzelnen Narrativ zu sprechen, kommt zu kurz, allein schon deshalb, weil Racial Profiling dazu beiträgt, neue, diskriminierende Narrative zu entwickeln.

In diesem Essay habe ich außerdem aufgezeigt, wie Racial Profiling in ein die komplette Gesellschaft umfassendes System kontextualisiert werden kann. Ebenso zeigt sich, nicht nur durch die unmittelbar in Berlin stattfindende Praxis, die ich mehrfach beschrieben habe, dass es sich bei dem Thema leider um etwas Alltägliches handelt, dessen Zeuge ich auch schon werden musste. Allein dies sollte belegen, dass das Thema direkt an den Seminarinhalt unter dem Aspekt Alltagsrassismus anknüpft, dennoch werden Verbindungslinien explizit und implizit immer wieder im Verlauf des Textes gezogen, genannt seien hier u.a. queere und feministische Anschlusspunkte und somit eine intersektionale Perspektive, als auch die mehrfache Thematisierung von der kolonialen Kontinuität und Geschichte Berlins, wie auch des Strafsystems dieser Gesellschaft.

Zusätzliches möchte   ich   noch   einmal   hervorheben,  über   die   abstrakte   Ebene   der „Reproduktion von Gesellschaftsstrukturen“ hinaus, was die Racial Profiling eigentlich bewirkt: Für Betroffene bleibt es nicht bei einer Art des Vertrauensbruchs, sondern es geht um Schikane bis hin zu Todesfällen. Regelmäßig sterben Schwarze Menschen bei Polizeieinsätzen. In Europa weniger als in Ländern in den Amerikas wie Brasilien oder den USA. Aber auch hier stehen Namen wie Oury Jalloh oder Achidi John. Die geringe Aufklärungsquote spricht dabei für sich. Das Ende von Racial Profiling ist das mindeste, was getan werden könnte.


1 vgl. https://taz.de/Tod-im-Polizeigewahrsam-in-Delmenhorst/!5758990/.

2 vgl. https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/todesopfer-rechter-gewalt/oury-jalloh/.

3 vgl. https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg.

4 Vanessa Eileen Thompson, „There is no justice, there is just us!“: Ansätze zu einer postkolonial-feministischen Kritik der Polizei am Beispiel von Racial Profiling, in: Daniel Loick (Hg.), Kritik der Polizei / Daniel Loick (Hg.), Frankfurt, New York 2018, S. 201.

5 vgl. Vanessa Eileen Thompson, Reformen reichen nicht, in: Missy Magazine. 2021b, S. 50–52.

6 Polizieren beinhaltet im Kern polizeiliches Handel, d.h. Auslegung der gesetzlichen Lage und Einhaltung von Ordnung bzw. des Status quo. Oft geht es dabei um Polizeikontrollen und das Auftreten der Polizei im öffentlichen Raum. Für dieses Polizieren spielt es ebenfalls eine große Rolle, wer Objekt polizeilichen Handelns ist.

7 vgl. Sally E. Hadden, Sklavenpatrouillen und die Polizei: Eine verwobene Geschichte der Rassenkontrolle, in: Daniel Loick (Hg.), Kritik der Polizei / Daniel Loick (Hg.), Frankfurt, New York 2018, S. 77–94.

8 Vanessa Eileen Thompson, S.51.

9 vgl. Vanessa Eileen Thompson, „There is no justice, there is just us!“: Ansätze zu einer postkolonial- feministischen Kritik der Polizei am Beispiel von Racial Profiling, in: Daniel Loick (Hg.), Kritik der Polizei / Daniel Loick (Hg.), Frankfurt, New York 2018a, S. 197–219.

10 vgl. ebenda, S.199, 201f.

11 ebenda, S. 203.

12 vgl. ebenda, S. 203.

13 Autor*innenkollektiv der Berliner Kampagne Ban! Racial Profiling – Gefährliche Orte abschaffen, Ban! Racial Profiling oder Die Lüge von der „anlass- und verdachtsunabhängigen Kontrolle“, in: Daniel Loick (Hg.), Kritik der Polizei / Daniel Loick (Hg.), Frankfurt, New York 2018, S. 183.

14 vgl. Ulla Jelpke, Racial Profiling abschaffen. Das Problem liegt in der Funktion der Polizei, in: Die Rote Hilfe 47. 2021, S. 24–25.

15 vgl. ebenda.

16 vlg. Peggy McIntosh, White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack, in: White Privilege and Male Privilege: A Personal Account of Coming To See Correspondences through Work in Women’s, 1988.

17 vgl. Autor*innenkollektiv der Berliner Kampagne Ban! Racial Profiling – Gefährliche Orte abschaffen, S. 181.

18 https://www.youtube.com/watch?v=aSnETtKrFbU&list=WL&index=19 (dabei handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Darlegung oder eine sachliche Berichterstattung, sondern nur einen Portrait der Nachbarschaft aus Perspektive einer Anwohnerin).

19 vgl. Ulla Jelpke.

20 vgl. Vanessa Eileen Thompson, S. 208f.

21 vgl. ebenda S. 208f.

22 https://kop-berlin.de

23 An dieser Stelle könnte noch weiter über die Grundlage polizeilichen Handelns und die Gesetzgebung gesprochen werden, die essentiell auf dem Grundgesetz basieren, welches in den ersten Paragraphen Werte aus der Aufklärung beinhaltet. Diese wiederum und auch wie westliche Bildung (im Seminar sprachen wir über Hegel) sind selbst von Rassismus nicht frei.

24 vgl. Ulla Jelpke.

25 vgl. Autor*innenkollektiv der Berliner Kampagne Ban! Racial Profiling – Gefährliche Orte abschaffen, S. 194f.

26 vgl. ebenda S.194f.

27 vgl. Ulla Jelpke.

28 vgl. Vanessa Eileen Thompson, S.214f.

29 vgl. Vanessa Eileen Thompson, S.51.

30 vgl. ebenda.

31 vgl. Sojourner Truth. 1851.

32 vgl. Vanessa Eileen Thompson, S. 52.


Literaturverzeichnis

White Privilege and Male Privilege: A Personal Account of Coming To See Correspondences through Work in Women’s (1988).

Autor*innenkollektiv der Berliner Kampagne Ban! Racial Profiling – Gefährliche Orte abschaffen (2018): Ban! Racial Profiling oder Die Lüge von der „anlass- und verdachtsunabhängigen Kontrolle“. In: Daniel Loick (Hg.): Kritik der Polizei / Daniel Loick (Hg.). Frankfurt, New York: Campus Verlag, S. 181–196.

Loick, Daniel (Hg.) (2018): Kritik der Polizei / Daniel Loick (Hg.). Frankfurt, New York: Campus Verlag.

Peggy McIntosh: White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack. In: White Privilege and Male Privilege: A Personal Account of Coming To See Correspondences through Work in Women’s, 1988.

Sally E. Hadden (2018): Sklavenpatrouillen und die Polizei: Eine verwobene Geschichte der Rassenkontrolle. In: Daniel Loick (Hg.): Kritik der Polizei / Daniel Loick (Hg.). Frankfurt, New York: Campus Verlag, S. 77–94.

Sojourner Truth (1851).

Ulla Jelpke (2021): Racial Profiling abschaffen. Das Problem liegt in der Funktion der Polizei. In: Die Rote Hilfe 47 (2), S. 24–25.

Vanessa Eileen Thompson (2018): „There is no justice, there is just us!“: Ansätze zu einer postkolonial-feministischen Kritik der Polizei am Beispiel von Racial Profiling. In: Daniel Loick (Hg.): Kritik der Polizei / Daniel Loick (Hg.). Frankfurt, New York: Campus Verlag, S. 197–219.

Vanessa Eileen Thompson (2021): Reformen reichen nicht. In: Missy Magazine (2), S. 50–52. Online verfügbar unter https://missy-magazine.de/blog/2021/03/08/reformen-reichen-nicht/, zuletzt geprüft am 26.07.2021.


Links

Chimamanda Adichie, the danger of a single story, https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg, zuletzt abgerufen: 09.08.2021.

https://kop-berlin.de, zuletzt abgerufen: 09.08.2021.

https://www.youtube.com/watch?v=aSnETtKrFbU&list=WL&index=19, zuletzt abgerufen: 7.08.2021

www.amadeu-antonio-stiftung.de/todesopfer-rechter-gewalt/oury-jalloh/

https://taz.de/Tod-im-Polizeigewahrsam-in-Delmenhorst/!5758990/


Quelle: Joris Beetz, Racial Profiling und die Polizei. Eine Überlegung bezüglich institutionellem Rassismus und dessen Überwindung, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 17.11.2o21, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2021/11/17/racial-profiling-und-die-polizei/

Rassismuskritische Bildung und Aufarbeitung der Kolonialgeschichte an deutschen Schulen

Aktuelle Bestandsaufnahme und Herausforderungen für die Zukunft

Solva Bergmann (SoSe 2021)

Hätte ich vor circa zwei Jahren ehemalige Kolonialmächte aufzählen sollen, wären mir bestimmt Länder wie Frankreich, Spanien und Portugal eingefallen, schließlich habe ich das zumindest aus dem schulischen Geschichtsunterricht mitgenommen: die großen Kolonialmächte, die zahlreiche Länder auf dem afrikanischen und amerikanischen Kontinent besetzten, dessen Bevölkerungen unterdrückten und sie zu ihren eigenen wirtschaftlichen Interessen ausbeuteten. Allerdings erinnere ich mich kaum an eine aktualisierende Auseinandersetzung zu dem Thema, der Kolonialismus wurde folglich als abgeschlossenes Kapitel der „westlichen“ Geschichte behandelt. Doch welche Rolle spielte Deutschland eigentlich in der Kolonialzeit? Da ich mich im Rahmen des Geschichtsunterrichts nie fundiert mit den Gräueltaten des deutschen Kolonialreichs befasst habe, war mir lediglich bekannt, dass Deutschland selbst Kolonien besaß, diese jedoch im Vergleich zu den anderen Kolonialmächten „vernachlässigbar“ erschienen.

Die intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema erfolgte bei mir persönlich erst circa ein Jahr nach meinem Schulabschluss, genauer gesagt kurz nach dem grausamen Mord an George Floyd am 25. Mai 2020. Im Kontext der dadurch ausgelösten Protestbewegungen und Debatten rund um die Themen Polizeigewalt und struktureller Rassismus habe ich erstmalig von dem Genozid an den Herero und Nama gehört. Mindestens so schockiert wie ich über das Ereignis selbst war, war ich überrascht über die Tatsache, dass ich erst jetzt mit dieser dunklen Schattenseite der Geschichte meines eigenen Heimatlandes konfrontiert wurde. Nach dem Austausch mit verschiedenen Freund*innen wurde deutlich, dass das kein individuelles Problem von Desinteresse an bestimmten historischen Ereignissen war, sondern eher von strukturellen Aufklärungslücken an deutschen Schulen zeugt. Aber aus welchen Gründen wird ein solch gesellschaftlich relevantes Thema, gerade anlässlich aktueller Ereignisse wie die späte Anerkennung des Völkermords als solchen, im Lehrplan so unterrepräsentiert? Welche Auswirkungen hat dies auf die Entwicklung eines postkolonialen Bewusstseins? Diese und weitere Fragen sollen im Folgenden näher beleuchtet werden.

Um sich der Beantwortung dieser Fragen zu widmen, ist es notwendig, vorab festzustellen, aus welcher Perspektive die Geschichte des Kolonialismus erzählt wird. Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie berichtet in dem TED-Talk „The danger of a single story” wie sie als Kind hauptsächlich britische und amerikanische Kinderbücher las und sich nicht mit den Protagonist*innen identifizieren konnte. Darüber hinaus wurde sie durch die ausländischen Autor*innen sogar in dem Maße geprägt, dass sie in ihren ersten selbstgeschriebenen Geschichten ausschließlich weißnormierte Vorstellungswelten wiedergab. Dies verdeutlicht den ausgeprägten Einfluss, den u.a. Bildungs-ressourcen auf unsere eigene Wahrnehmung haben. Adichie weist hierbei auf den Zusammenhang mit strukturellen Machtverhältnissen hin:

„Wie sie erzählt werden, wer sie erzählt, wann sie erzählt werden, wie viele Geschichten erzählt werden, wird wirklich durch Macht bestimmt. Macht ist die Fähigkeit, die Geschichte einer anderen Person nicht nur zu erzählen, sondern sie zur maßgeblichen Geschichte dieser Person zu machen.“

Adichie, 2009

Adichie zufolge sind einige wenige Personen in der machtvollen Position, über das Schicksal vieler marginalisierter Personen hinweg zu bestimmen. Im Kontext mit der Aufklärungsarbeit zu Rassismus und Kolonialismus stellt sich folglich die Frage, wer hier die Geschichte erzählt und somit die Deutungshoheit über unser historisches Bewusstsein besitzt.

Aus meinen eigenen Erfahrungen im Geschichtsunterricht erinnere ich mich in der Retrospektive an einige fragwürdige Erzählperspektiven, die sogar teilweise zur Legitimation der kolonialen Taten europäischer Großmächte führen. Prägend dabei ist z.B. die Heroisierung von Christoph Kolumbus als „Entdecker Amerikas“, wodurch die gewaltsame Eroberung des amerikanischen Kontinents und die Ausbeutung dessen indigener Bevölkerung auf eine erschreckend verharmlosende Weise ausgeblendet werden. Eine faire Geschichtserzählung würde allen betroffenen Akteur*innen eine Stimme geben, insbesondere den Kolonisierten, die aufgrund einer asymmetrischen Machtverteilung nie die notwendigen Mittel besaßen, um sich erfolgreich gegen die Kolonisation zur Wehr zu setzen. Ein prägnantes Beispiel, das die vorherrschende Erzählperspektive bestätigt, ist das Kinderlied „Ein Mann, der sich Kolumbus nannt“, das u.a. auf dem YouTube-Kanal „Sing mit mir: Kinderlieder“ veröffentlicht wurde. Der folgende Strophenausschnitt schildert die Situation kurz nach der Ankunft Kolumbus auf dem amerikanischen Kontinent.

Das Volk an Land stand stumm und zag,

[…]
Da sagt Kolumbus: „Guten Tag!

[…]
Ist hier vielleicht Amerika?“

Da schrien alle Wilden: „Ja!“

Sing mit mir- Kinderlieder, 2015

Bereits die herabwürdigende und diffamierende Bezeichnung der einheimischen Bevölkerung als die „Wilden“ deutet auf ein kolonialisierungsverherrlichendes Narrativ hin. In keiner Zeile des Lieds lässt sich auch nur die Andeutung auf die tatsächlich stattgefundene gewaltsame Übernahme der Kolonisatoren finden.

Der YouTube-Kanal „Cut“ dagegen veröffentlichte 2015 eine Videoaufnahme, in der indigene Personen vor der Kamera zeigen, was „Christoph Kolumbus“ in ihnen emotional auslöst. Diese Perspektive komplementiert das bestehende dominante Narrativ, indem nicht nur der Blickwinkel der sowieso schon machtvollen Personen beleuchtet wird.

Äquivalent zu der fehlenden Aufklärung über die Kolonisierung des amerikanischen Kontinents charakterisiert sich das in der Schule angeeignete Wissen über die deutsche Kolonialgeschichte als sehr eindimensional und lückenhaft.

Ein Beleg für die Existenz kolonialer Kontinuitäten ist die fehlende Aufarbeitung über den Genozid an den Herero und Nama, der von Historiker*innen als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird (vgl. Conrad, 2008). Die Kolonie Deutsch-Südwestafrika auf dem heutigen Gebiet des Staates Namibia war seit 1884 die erste Kolonie des Deutschen Kaiserreichs. Das Gebiet war sehr trocken, weshalb die Bevölkerung hauptsächlich von der Viehzucht lebte. Die Bevölkerungszahl lag bei circa 200.000 Einwohner*innen, während sich davon etwa 80.000 zu dem Volk der Herero und 20 000 zu den Nama zählten (vgl. Opfer-Klingerl, 2012).

In den 1890er Jahren entstanden zunehmend Probleme aufgrund der grundsätzlichen Gewaltstruktur der kolonialen Situation. Infolge einer schweren Rinderpest und einer langen Dürreperiode geriet besonders das Nomadenvolk der Herero in existenzielle Schwierigkeiten.

1904 erhoben sich die Herero gegen die Kolonialherrschaft, nachdem sie zunehmend rassistisch motivierte gewaltsame Übergriffe ertragen mussten und die deutschen Siedler*innen immer größere Gebiete für sich beanspruchten (vgl. Ullrich, 1994). Am 11. August 1904 spitzte sich der Konflikt zu, als der neu eingesetzte Generalleutnant Lothar von Trotha und etwa 2000 deutsche Soldaten der „Schutztruppe“ die Herero mit unsagbarer Brutalität in der Schlacht am Waterberg angriffen und überwältigten (vgl. segu Geschichte, o. J.).  Die überlebenden Herero flohen in der Nacht in die wasserarme Omaheke-Halbwüste. Im Oktober 1904 erließ von Trotha den sogenannten „Vernichtungsbefehl“, durch den die Herero offiziell nicht länger auf dem deutschen „Schutzgebiet“ geduldet werden sollten und dessen totale Vernichtung angeordnet wurde (vgl. bpb, 2014).

„Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu Ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“  

von Throtha, 1904 zitiert nach Gewald, 1994

Den Herero wurden in der Folge die Rückwege zu Wasserquellen von der „Schutztruppe“ abgeschnitten, weshalb viele von ihnen in der Wüste verdursteten. Andere Überlebende wurden zur Zwangsarbeit deportiert und starben in den Internierungslagern (vgl. Schaller, 2004). Auch Teile einer anderen Bevölkerungsgruppe, der Nama, lehnten sich gegen die Kolonialherrschaft auf und erlitten ein ähnlich grausames Schicksal. Nach Schätzungen zufolge verloren etwa mindestens 60 000 Herero und 10 000 Nama durch den Völkermord ihr Leben (vgl. bpb, 2014). Neben der Massenermordung wurden menschliche Schädel von Militärärzt*innen nach Deutschland geschickt, um rassistische Theorien zu belegen und koloniale Herrschaftsansprüche zu legitimieren (vgl. Kimmerle, 2018).

Zu dem Massenverbrechen gab es bis vor kurzer Zeit seitens der Bundesrepublik Deutschland keine angemessene Aufarbeitung, erst im Mai dieses Jahres, weit mehr als 100 Jahre später, wurde der Völkermord als solcher anerkannt. Gründe für die so verspätete Aufarbeitung sind einerseits das südafrikanische Apartheidsregime, das in Namibia bis 1990 gegolten hat. Für die Nachfahren der Opfer ist es also erst seit der Unabhängigkeit Namibias 1990 möglich, sich öffentlich zum Ausdruck zu bringen (vgl. Brehl, 2021). Zudem ist aber auch in den ehemaligen Kolonialstaaten das generelle Bewusstsein für vergangene koloniale Verbrechen erst sehr spät aufgekommen, nachdem lange Zeit Gewalttaten an der indigenen Bevölkerung als Kollateralschaden der Besiedlung behandelt wurden.

Doch vor allem seit dem 100. Jahrestag des Genozids fordern immer mehr Nachfolger*innen der Herero und Nama eine offizielle Anerkennung des Genozids, eine Entschuldigung und entsprechend angemessene Entschädigungsleistungen (vgl. Kimmerle, 2018).

Nachdem erste Erfolge aufgezeichnet werden konnten, als z.B. geraubte menschliche Gebeine an Namibia zurückgegeben wurden, warteten die Nachfahren lange vergeblich nach einer respekt- und würdevollen offiziellen Entschuldigung. So beschreibt es auch der Berliner Herero-Aktivist Israel Kaunatjike:

„Wir wollen unsere […] Würde noch mal herstellen. Anerkennung, Würde, Menschenwürde, das ist für uns das Wichtigste überhaupt. Es geht nicht nur um Geld, materiell, es geht um Respekt, von Menschen, 100.000 Menschen, die damals umgekommen sind.“

Kaunatjike, 2018 zitiert nach Baschek, 2018

Doch warum weigerte sich die Bundesrepublik so lange, den Genozid rechtlich offiziell anzuerkennen? Die Betonung liegt hier vor allem auf rechtlich, denn historisch-politisch wurde die Einschätzung als Völkermord seitens der Bundesregierung infolge einer parlamentarischen Anfrage der Linken bestätigt (vgl. Bundesregierung, 2016). Der Hauptgrund für den zurückhaltenden Umgang und die fehlende Aufarbeitung liegt wohl in der Angst, dass die verbleibenden Herero und Nama rechtliche Ansprüche auf Entschädigungszahlungen erheben könnten.

Daher gab es seit 2015 zwischen der deutschen und namibischen Regierung langwierige Verhandlungsgespräche über mögliche Entschädigungsleistungen. Zwar waren in der Delegation aus Namibia auch Vertreter*innen der Herero und Nama, die allerdings von der dortigen Regierung ausgewählt wurden (vgl. bpb, 2021). Der Hintergrund dabei ist, dass die Herero und Nama auch in Namibia bis heute noch als Minderheiten gelten und ihre Sonderanerkennung als Opfer des Völkermords von der Seite der namibischen Regierung aus wenig bis gar nicht gewürdigt wird (vgl. Brehl, 2021). Ebenso problematisch ist daher das Argument der Bundesregierung, dass Namibia von Deutschland das höchste Entwicklungsgeld pro Kopf bekomme, mit welchem die zusätzlichen Entschädigungsleistungen obsolet erscheinen. Doch Vertreter*innen der Herero und Nama kritisierten, dass jenes Geld nicht bei ihnen ankomme und dass sie bis heute in einer finanziell prekären Notlage leben müssen. Erwähnenswert an dieser Stelle ist, dass das Farmland der Herero und Nama nach dem Genozid enteignet und an deutsche Siedler*innen verkauft wurde. Auch heute ist über die Hälfte des kommerziellen Farmlands unter dem Besitz von weißen deutschen Siedler*innen (vgl. Kimmerle, 2018).

Nach über fünfjährigen Verhandlungen zwischen den beiden Regierungen, teilte Außenminister Heiko Maas mit:

„Als Geste der Anerkennung des unermesslichen Leids, das den Opfern zugefügt wurde, wollen wir Namibia und die Nachkommen der Opfer mit einem substanziellen Programm in Höhe von 1,1 Mrd. Euro zum Wiederaufbau und zur Entwicklung unterstützen. […] Rechtliche Ansprüche auf Entschädigung lassen sich daraus nicht ableiten.“

Maas, 2021

Es bleibt nun abzuwarten, ob bei den betroffenen Personen auch tatsächlich etwas von den versprochenen Projekten und Geldleistungen ankommt.

Mit der offiziellen Anerkennung des Genozids seitens der deutschen Bundesregierung sollte es konsequenterweise auch keinen logischen Grund mehr geben, die deutschen Kolonialverbrechen und dessen Fortwirkungen in die landesweiten Lehrpläne einzuschließen.

Die afroamerikanische Literaturwissenschaftlerin bell hooks schreibt, dass Bildung ein Heilungsprozess ist und mit „Ermächtigung, Befreiung, Transzendenz, Erneuerung des Lebens“ (hooks, 2003, S. 43) zu tun hat. Gleichzeitig kritisiert sie den derzeitigen Status quo im Unterricht, der die bestehenden Macht- und Herrschaftsstrukturen nicht aufbricht, sondern sie noch tiefer verfestigt. Jedoch sollte nach hooks die Priorisierung auf der Entwicklung einer herrschafts- und hierarchiefreien Lernmethodik liegen, wodurch „der Raum des Klassenzimmers zu einem Ort des Widerstands gegen Dominanz- und Herrschaftsstrukturen wird“ (Kazeem & Schaffer, 2012, S. 181). Übertragen auf die vorliegende Problematik heißt das, dass nur mit dem Wissen um die Entstehung des Rassismus in der deutschen Kolonialzeit der heute immer noch vorliegende, teils internalisierte Rassismus, erkannt und bekämpft werden kann.

Aktuell wird die Kolonialgeschichte an deutschen Schulen zwar oft behandelt, allerdings aber meistens lediglich im Zusammenhang mit dem Imperialismus (vgl. Lueg, 2021). Maßgeblich wäre vor allem eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Machtgefälle zwischen den Kolonialmächten und den Kolonisierten und der Frage, inwiefern die Kolonialherrschaft die Entstehung von Rassismus bedingt. Dabei reproduziert bereits die Art und Weise, wie die koloniale Gewalt beispielsweise in Lehrbüchern dargestellt wird, oft schon selbst koloniale Diskurse. Den Angehörigen der Herero und Nama wird häufig eine Opferrolle zugeschrieben und ihre Lebenssituation stark vernachlässigt. Neben einer fehlenden Distanzierung von kolonialem Vokabular wie „Häuptling“ oder „Eingeborene“ wird auch die Vielfalt des afrikanischen Kontinents mittels der Rede von „den Afrikanern“ diffamiert.

Die Kölnerin Abigail Fugah startete daher eine Petition zur Überarbeitung der Lehrbücher und Lehrpläne in Nordrhein-Westfalen und begründet dies wie folgt:

 „Wenn schwarze Kinder alt genug sind, Rassismus zu erfahren, dann sind weiße Kinder auch alt genug, um etwas darüber zu lernen.“

Fugah, 2020 zitiert nach Hilfe, 2020

Da Bildung im Kompetenzbereich der Bundesländer liegt, variieren dementsprechend auch die jeweiligen Geschichtslehrpläne. In Niedersachsen z.B. ist lediglich die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Formen des Imperialismus festgeschrieben, wohingegen in Bayern auch die „Auswirkungen auf die betroffenen Völker an einem Beispiel“ thematisiert werden sollen. Selbst innerhalb eines Bundeslandes herrschen je nach Schulform hochgradige Unterschiede. In Sachsen-Anhalt wird in der neuesten Geschichtsbuchausgabe für die gymnasiale Oberstufe der aktuelle Diskurs über die Anerkennung des Genozids an den Herero und Nama aufgegriffen, in dem Buch für die Realschüler*innen lässt sich dagegen kein einziger Satz zur Kolonialzeit finden (vgl. Kniestedt, 2020). Inwiefern dann das Thema behandelt wird, liegt folglich in der Verantwortung der einzelnen Lehrpersonen. Ob und wie sich die Lehrkräfte Zeit nehmen, Kolonialismus und dessen Auswirkungen in ihrem Unterricht zu behandeln, ist auch von ihrer eigenen rassismuskritischen Einstellung abhängig (vgl. Kniestedt, 2020). Vorschläge für eine differenziertere Behandlung der Kolonialgeschichte beinhalten neben der Fortbildung für Lehrer*innen Lernkooperationen, die die Interessensvertretung von marginalisierten und rassismuskritischen Gruppen berücksichtigen würde.

Denn nur mit dem Bewusstsein um unsere koloniale Vergangenheit, können wir heute rassistische Strukturen in uns und unserer Gesellschaft überhaupt erkennen. Deswegen sollten wir eine postkoloniale Perspektivenerweiterung in allen Schulen anvisieren, sodass zukünftige Generationen bereits so früh wie möglich für rassismuskritische Themen sensibilisiert werden. Auf diese Weise kann auch zu einer diskriminierungsfreieren Gesellschaft beigetragen werden, in der Schwarze Menschen, bzw. People of Color nicht mehr Opfer von rassistischen Gewalttaten werden müssen.

Literaturverzeichnis

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Gewald, J.‑B. (1994). The Great General of the Kaiser. Botswana Notes and Records, 26, 67–76.

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Kimmerle, E. (2018). Okay, es war ein Völkermord, aber … fluter, 69, 22–23.

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Schaller, D. J. (2004). «Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss». Kolonialkrieg und Völkermord in «Deutsch-Südwestafrika». Journal of genocide research, 6(3), 395–430.

Segu Geschichte (Hrsg.). (o. J.). Völkermord an den Herero. Verfügbar unter: https://segu-geschichte.de/voelkermord-herero/

Youtube (Sing mit mir- Kinderlieder, Hrsg.). (2015, 4. Mai). Ein Mann, der sich Kolumbus nannt, Youtube. Zugriff am 23.09.2021. Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=0b7w3GPdv7g

Ullrich, V. (1994, 14. Januar). „… deutsches Blut zu rächen“, DIE ZEIT. Zugriff am 24.09.2021. Verfügbar unter: https://www.zeit.de/zeitlaeufte/herero


Quelle: Solva Bergmann, Rassismuskritische Bildung und Aufarbeitung der Kolonialgeschichte an deutschen Schulen: Aktuelle Bestandsaufnahme und Herausforderungen für die Zukunft, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 27.10.2021, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=130

Die Grenze. Ein Versuch der Reflektion

Zuzanna Krysta (SoSe 2020)


1.     Einleitung

Wir sitzen in der Küche, es wird durcheinander diskutiert und Reis mit Maffé gegessen. Männer* aus Kamerun, Nigeria, Gambia, Senegal, Angola und ich, als weiße, deutsch-polnische Cis-Frau verbringen diesen Moment gemeinsam. Die Menschen um mich herum fangen an sich darüber auszutauschen, wieviel die jeweiligen Reisepässe `wert´ sind und in welchen Nationalstaaten des globalen Nordens sie ein Visum beantragen können. Ich bin mir meiner privilegierten Situation, eine deutsche Staatsbürgerschaft zu haben, bewusst und bin mir unsicher wie ich mich in diesem Gespräch klar positionieren soll. Meine Gesprächspartner machen mich bald darauf aufmerksam, dass der deutsche Reisepass einer der `besten´ der Welt ist. Ich bemerke, dass ich Argumente verwende, wie der Zufälligkeit in welchem Land man geboren ist oder der kolonialen Kontinuität der Reisepässe, jedoch kann ich zweiteres nicht konkret erläutern, um meinen Gesprächspartnern meine Haltung näher zu bringen.

Aufgrund dessen möchte ich in dem vorliegenden Essay, mit stetigen Einschüben meiner Gedanken bezüglich des Gelesenen, die Konstruktion der Grenzen und der damit einhergehenden Staatsbürgerschaften historisch, sowie theoretisch tiefer ergründen, um in zukünftigen Gesprächen bei dieser Thematik mich klarer positionieren zu können.  Ich werde betrachten, wie Grenzen in Europa entstanden sind (vgl. Tilly 1985)  und diese im kolonialen Kontext im globalen Süden aufgezwungen wurden und bis heute in neokolonialer Form andauern, dabei lege ich den Fokus auf den afrikanischen Kontext (vgl. Marx 2010). Anschließend betrachte ich die symbolische Konstruktion der Grenzen und wie diese auf unsere Gesellschaft wirken und sie in Privilegierte und Nicht-Privilegierte aufspaltet (vgl. Castro Varela 2018; Charim 2018), um abschließend einen Ausblick auf Möglichkeiten der Dekonstruktion von Grenzen zu geben. Im zweiten Teil des Essays werde ich meine persönlichen Erfahrungen mit Grenzen und Staatsangehörigkeit darstellen, dabei mein Privileg als deutsche Staatsbürgerin reflektieren und Handlungsmöglichkeiten erläutern, wie man als weiße Person damit umgehen kann (vgl. Ogette 2018; McIntosh 1992).

2.     Die Grenzen und ihre Konstruktion

Die Idee der Grenzen ist in unserer (westlichen[1]) Gesellschaft fest verankert und wirkt oft unumstößlich. Im öffentlich dominanten Diskurs wird weniger ihre Konstruiertheit diskutiert, sondern es wird, meiner Wahrnehmung nach, als `natürlich gegeben´ angesehen. Man hört oft das Argument, dass Nationalstaaten und Grenzen notwendig sind, um die politische Organisierung an eine angebbare Gruppe innerhalb eines Territoriums zu definieren und sie somit zu kontrollieren (vgl. Weber 2006).  Wenn man jedoch die Geschichte anschaut, bemerkt man, dass Grenzen keine Voraussetzungen sind und die Welt lange ohne nationalstaatliche Grenzen ausgekommen ist.

2.1 Die historische Konstruktion der Grenzen

Tilly (1985) beschreibt in seinem Artikel, wie am Ende des 18. Jahrhunderts die Anfänge der Bildung der Nationalstaaten in Europa, wie wir sie heute kennen, vonstattenging. „War makes state“ (ibid.: 170) ist der vielzitierte Satz, der die Nationalstaatenbildung in Europa zusammenfasst. Die Herausbildung der Staaten basiert auf Kriegen, in dem eine zentralisierte Macht ihre Herrschaftsansprüche in den lokalen Regionen ausgeweitet hat, sie eine staatliche Streitmacht aufgebaut haben, staatliche Institution gegründet haben, für die politische Organisierung und die Organisierung der Steuereinnahmen und bestimmte Elemente der Kultur symbolisch aufgeladen haben, damit die Bevölkerung sich zugehörig fühlt und sich gewissermaßen mit der `Nationalkultur´ identifizieren kann. In diesem Prozess ist ein wichtiger Aspekt die Entstehung der konkret gesetzten Grenzen, die in den Kriegen, ausgehandelt wurden (ibid.).

Anderen Teilen der Welt wurde dieses europäische Konzept im Zuge der Kolonialisierung aufgezwungen (vgl. Kolonialismus und heutige Staatenwelt 2012), in dem die europäischen Staaten die Welt unter sich aufteilten und diese mit Grenzen markierten. Vor der europäischen Kolonialisierung wurde die politische Organisation im afrikanischen Kontext weitgehend durch Personenverbände definiert und nicht aufgrund des Territoriums, somit gab es zum Beispiel Nomad*innengemeinschaften die sich auf ihre Gruppe bezogen und dabei ihren Lebensumfeld immer wieder wechselten. Die meisten Grenzen existieren nach der Entkolonialisierung weiter und bestehen bis heute fort. Im afrikanischen Kontext wurde 1963 in der Charta der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) entschieden, dass diese Grenzen unverrückbar sind. Das Weiterbestehen der kolonialen Grenzen beinhaltet einige Schwierigkeiten. Die `künstliche´ Grenzziehung durchtrennt Gemeinschaften und drängte afrikanische Länder nach der Entkolonialisierung dazu, Nationalstaaten im `europäischen Sinne´ zu errichten, was manche Nationalstaaten zu failed states werden ließ (Marx 2010). Außerdem wurden die staatlichen Institutionen im globalen Norden, welche Reisepässe und -beschränkungen etablierten, kurz nach der Beendigung des Sklav*innenhandels gegründet, um neue Formen der „legacy of slavery, apartheid, and diverse forms of  unfree labour“ (Anderson, Sharma, and Wright 2009, 6) zu bilden.

Meiner Ansicht nach belegt die europäische Kolonialgeschichte die Absurdität und Konstruiertheit der Grenzthematik, ohne sich auf kritische Weise damit auseinanderzusetzen; in der kollektiven Erinnerung unserer Gesellschaft wird das Thema nicht reflektiert. Ein Beispiel dafür ist die mangelnde Thematisierung von Kolonialgeschichte in deutschen Schulen – hier wird Schüler*innen die Chance genommen, Grenzen als Konstrukt in Frage zu stellen. Die Entscheidung, keine kritische Auseinandersetzung zu fördern, ist eine politische und dient dem Zweck, die Basis unseres politischen Systems zu stabilisieren. Jedoch wird die Gesellschaft somit daran gehindert, eigene Vorstellungen von Organisation zu entwickeln, die nicht auf Ein- und Ausgrenzung basieren. Auch stellt sich mir die Frage, inwieweit die Errichtung von staatlichen Institutionen in einem Kriegskontext dazu führt, dass Mechanismen und Strukturen auf Krieg ausgerichtet sind. Die Regierung `verkauft´ an uns als Gesellschaft die Idee von Sicherheit und treibt somit die Identifikation mit dem eigenen Nationalstaat voran, was zu nationalistischen Strömungen innerhalb der Gesellschaft führt.

Auf der anderen Seite sieht man im afrikanischen Kontext, dass das Fortbestehen der kolonialen Grenzen nach der Entkolonialisierung eine eindeutige Kontinuität des Kolonialismus beinhaltet und somit den Neokolonialismus des globalen Nordens stabilisiert. Durch die jahrelange und bis heute andauernde gewaltvolle Ausbeutung des globalen Südens durch den globalen Norden und das Nicht-Benennen dieser Geschichte und heutigen Situation, fällt es uns als Gesellschaft schwer, uns Utopien vorzustellen, in denen Menschen ihr Dasein in Würde leben und sich frei bewegen können, basierend auf ihren eigenen Entscheidungen.

2.2 Die symbolische Konstruktion der Grenzen

Grenzen sind keine objektiven Tatsachen, sondern sie „bestimmen die Wahrnehmung unserer Welt. Grenzen symbolisieren, begründen und stabilisieren Macht und sind daher Herrschaftsinstrumente. Es ist eine begrenzte Welt, die wir bewohnen“ (Castro Varela 2018, 23). Sie produzieren zwei unterschiedliche Subjektivitäten, in welchen jede*r sich auf verschiedene konstruierte Räume bezieht. Charim (2018) verwendet dafür die Begriffe des paradoxen Raumes und der Festung. Den paradoxen Raum bewohnen die Menschen, die das Privileg haben, einen Reisepass zu besitzen, der viel `wert´ ist, wie der deutsche Reisepass (vgl. Kaelin and Kochenov 2018). „Diese [sogenannten] Vernetzten leben nur mit symbolischen Grenzen, also gewissermaßen ohne Grenze. Für sie bedeutet das Überschreiten einer Grenze nur eine Anerkennung ihres Status“ (Charim 2018, 18–19). Hingegen bewohnen die Menschen, deren Reisepass weniger `wert´ ist, wie Migrant*innen des globalen Südens, die Festung. Sie haben nicht die Möglichkeit sich zwischen Ländergrenzen frei zu bewegen, sondern müssen sich entweder in einem komplizierten, oft auch erfolglosen Verfahren auf ein Visum bewerben oder illegalisiert reisen. Auch innerhalb der Grenzen, zum Beispiel im Schengen-Raum, sind für diesen Bevölkerungsteil Grenzen allgegenwärtig, in Form von Asylgesetzen, Verwehrung des Zugangs zum Arbeits- oder Wohnungsmarkt und vielen anderen neokolonialen Exklusionsmechanismen (ibd.). Dieser theoretische Ansatz verdeutlicht die stetige (Re-) Produktion der Konstruktion der Grenzen, die die Menschheit in zwei Gruppierungen teilt: Der eine Bevölkerungsteil, der bis zu einem sehr hohen Grade das Privileg der Bewegungsfreiheit genießen darf und der andere -teil nicht.

Diese Problematik lässt mich an Bruno Latour (vgl. 1993) denken, der in seiner Modernitätskritik aufzeigt, wie die sogenannte `Moderne´ die Welt immer stärker dichotomisiert und alles in Gegensätzen ordnet. Somit ist die politische und rechtliche Praktik der dichotomisierenden Grenzen existent, um die Vorherrschaft des globalen Nordens zu stabilisieren. Dieser Prozess, den Latour Work of Purification nennt, wird stetig vom globalen Norden aus versucht, aufrecht zu erhalten. Ich denke, dass es wichtig ist, die agency der jeweiligen Menschen in Betracht zu ziehen, die trotz der Schwierigkeiten und Beschränkungen ihr Recht auf Bewegungsfreiheit als Menschenrecht in Realität umsetzen, auch wenn ich mir bewusst bin, dass die Gründe unterschiedlich sind und manche Migrant*innen aufgrund von prekären Lebensverhältnissen fliehen.

In diesem Abschnitt möchte ich abschließend Bewegungen und Gedanken aufzeigen, die gegen Grenzen arbeiten und aufzeigen, dass eine andere Welt möglich ist. Die No-Border-Bewegung ist eine lose und heterogene Zusammensetzung von verschiedenen Organisationen und Einzelpersonen auf der ganzen Welt, die durch unterschiedliches und selbstorganisiertes Engagement versuchen, eine Welt ohne Grenzen für alle zu gestalten, sei es durch politische Arbeit und Widerstand gegen Abschiebungen, ärztliche Versorgung für illegalisierte Personen oder offene Küchen für alle (vgl. Anderson, Sharma, and Wright 2009). Die Ebene der konkreten Handlungen ist äußerst wichtig, doch erscheint es mir genauso notwendig, uns im Verstehen und Träumen zu üben, denn man muss die jetzige Situation erst verstehen, um sich Utopien vorzustellen. Vor ein paar Tagen las ich das Essay Nadie la tiene von Morales (1998, 97–109), in welchem sie das Konstrukt des privaten Eigentums von Land kritisiert. Privates Eigentum ist zwar eine andere Thematik, jedoch beinhaltet sie genauso Grenzen, inkludierende und exkludierende Mechanismen, sowie Menschen, die die Macht über ein Gebiet für sich beanspruchen. Morales beschreibt wie Land außerhalb dieser Grenzen lebt, sich darüber hinwegbewegt und seinen eigenen Regeln befolgt, zwar immer in Reziprozität mit den Bewohner*innen dieses Gebietes, jedoch ohne auf menschlich gemachte Grenzen achtend. Dies lies mich daran denken, dass Menschen immer migrieren werden, so wie sie es schon immer gemacht haben, egal ob bedingt durch Prekarität im Herkunftsland oder weil sie einfach in einem anderen Land leben möchten und Grenzen sind in der Realität nicht fähig, Migration zu verhindern und werden dies auch nicht mit den bestausgerüsteten Sicherheitstechnologien von Grenzstreitkräften tun. Aufgrund dessen sehe ich keine andere Möglichkeit, als Grenzen abzuschaffen, wenn wir in einer besseren Welt leben möchten.

3.      Meine persönliche Grenzerfahrungen

Mein Vater migrierte kurz vor dem Ende des Kalten Krieges aus Polen nach Deutschland. Die Geschichten, die er mir darüber erzählte, klingen für mich nach einer sehr schwierigen Realität, jedoch nahm ich sie als Kind wie Abenteuergeschichten aus einer fernen Zeit wahr, welche entkoppelt waren aus der Realität, in die ich hineingeboren wurde. Er erzählte von prekären Verhältnissen aus seiner Herkunftsstadt. Laut ihm war die Migration in das damalige Westdeutschland die einzige Möglichkeit Perspektiven für die Zukunft zu erlangen. Er reiste gegen Bezahlung illegalisiert nach Deutschland ein und bekam aufgrund der damaligen politischen Situation sehr bald den deutschen Aufenthaltsstatus. Einige Jahre später kam meine Mutter aufgrund der Heirat mit meinem Vater problemlos nach Deutschland. Beide lebten damals in prekären Verhältnissen in Köln. Als meine Schwester und ich geboren wurden, hatte sich die Situation jedoch verändert und wir konnten in einer gewissen Stabilität aufwachsen. Somit hat dieser Teil der Migration nie zu meiner Gegenwart dazugehört, sondern war stets ein Teil der Vergangenheit, dort wo ich herkam.

Als ich klein war, sind wir jeden Sommer nach Polen gefahren, um die dortigen Familienmitglieder zu besuchen. Ich erinnere mich an die stundenlangen Wartezeiten im Stau an der deutsch-polnischen Grenze, die prüfenden und unangenehmen Blicke der Grenzpolizist*innen, als wir am Grenzposten ankamen. Als im Jahr 2007 die Grenze zwischen Deutschland und Polen aufgrund des Schengen-Abkommens aufgelöst wurde, war es eine Erleichterung auf der langen Fahrt, nicht eine bewachte Grenze zu passieren. Als ich immer älter wurde, genoss ich die Reisefreiheit innerhalb Europas, die ich ausgiebig auskostete. Ich machte mir damals nicht viel Gedanken darüber, da es mir in meiner europäischen Welt normal erschien, mich frei bewegen zu können.

Das Privileg wurde mit erst bewusst, als ich nach Mexiko ging. Mein problemloses Einreisen in dieses Land und der späteren Möglichkeit des Erkaufens eines Touristenvisums, um mich dort `legalisiert´ zwei Jahre aufhalten zu können, standen im Kontrast zu dem sehr präsenten Thematik der Migrant*innen aus Lateinamerika, welche Mexiko durchreisten, um in die Vereinigten Staaten von Amerika einzureisen und dabei oft ihr Leben riskierten. Zur gleichen Zeit drangen die Nachrichten der sogenannten europäischen `Flüchtlingskrise´ zu mir durch, welche gezeichnet waren von inhumanen Reisekonditionen von Menschen, die den Wunsch hatten, nach Europa zu gelangen.

Auch wenn es viele BIPoC gibt, die zum Beispiel eine deutsche Staatsbürgerschaft haben oder weiße Menschen, die dieses Privileg nicht innehaben, denke ich, dass der `Wert´ eines Reisepasses stark mit rassistischen Strukturen verschränkt ist, und wie oben aufgezeigt, koloniale Kontinuität beinhaltet. Es wird oft angenommen, dass BIPoC aufgrund von Rassismus in vielen Bereichen benachteiligt werden, jedoch wird seltener darüber reflektiert, welche Vorteile eine weiße Person[2] aufgrund der Konstruktion und Ideologie rund um ihre Hautfarbe hat und dies wird dem weißen Bevölkerungsteil in seiner Sozialisation beigebracht (vgl. McIntosh 1992). Bis zu meiner Reise nach Mexiko war mir dies auch nicht bewusst. Erst durch die direkte Konfrontation bemerkte ich, was es bedeutet, einen deutschen Reisepass zu besitzen. Dies zeigt auf, dass eine weiße Person sich frei entscheiden kann, ob sie sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen will oder nicht (Ogette 2018, 60). Ich denke, es ist wichtig, in Gesprächen mit weißen Personen darauf hinzuweisen, was es bedeutet, in den Karibikurlaub für zwei Wochen zu fliegen oder entscheiden zu können, nach Madagaskar zu ziehen[3].

Die persönlichen Erfahrungen zu teilen und dem Gegenüber diese Thematik zur Reflektion zu überlassen. Auch denke ich, dass wir uns als weißer, im globalen Norden geborener Bevölkerungsteil im größeren Umfang mit unserer eigenen Geschichte auseinandersetzen müssen. Ich bin mir sicher, dass man in fast jeder Familie eine Migrationsgeschichte entdecken würde. Was bedeutet es, seinen Wohnort zu wechseln? Was für Gründe sind die Motivation dafür und wie waren die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zu der Zeit? Wenn wir diese Fragen in unserer eigenen Geschichte ergründen würden, würde es uns als Gesellschaft vielleicht leichter fallen, dieses Privileg anzuerkennen und dies für alle zu fordern.

Jedoch ist es in diesem beschriebenen Fall kein individueller Rassismus, den man einfach reflektieren kann, um seine Handlungsweise zu verändern, sondern ein institutioneller Rassismus, welchen man als Person aktiv kritisieren muss. Gleichermaßen ist es ein Privileg, seine politische Meinung frei äußern zu können, ohne dafür aufgrund seiner Hautfarbe verurteilt oder nicht ernstgenommen zu werden (McIntosh 1992, 32). Bewegungen wie die Black-Lives-Matter-Bewegung oder No-Border-Bewegungen können für weiße Personen eine Möglichkeit bieten, sich dem Widerstand gegen den institutionellen Rassismus anzuschließen, jedoch denke ich, dass es als weiße Person wichtig ist, keine öffentliche Rolle einzunehmen oder den Diskurs innerhalb der Gruppe zu leiten, sondern auf die Bedürfnisse der Gruppierung einzugehen und sie in den `hinteren Reihen´ zu unterstützen. Die Motivation des Engagements sollte nicht aus Altruismus resultieren, sondern

„[s]olidarity comes from the inability to tolerate the affront to our own integrity of passive or active collaboration in the oppresion of others (…). From the recognition that, like it or not, our liberation is bound up with that of every other beings on the planet, and that politically (…) we know anything else is unaffordable“

Levins Morales 1998, 125

Denn letztendlich sind alle unsere Leben miteinander verflochten und bedingen sich gegenseitig und für ein würdevolles Leben für alle sollten wir uns verbünden.


[1] Im darauffolgenden Text kann ich mich nur auf meine Wahrnehmungen der Gesellschaft beziehen, in der ich aufgewachsen bin, auch wenn es innerhalb dieser Gesellschaft auch subjektive Unterschiede gibt, die ich nicht alle wiedergeben kann. Bei diesem Beispiel bin ich mir sicher, dass es Gemeinschaften gibt, die in ihrem Lebensumfeld Grenzen weniger präsent haben wie wir, auch wenn heutzutage, global gesehen, alle Menschen in einem Nationalstaatensystem eingebunden sind.

[2] Mit einer Staatsbürgerschaft aus dem globalen Norden.

[3] Auch wenn dieses Thema mit der Diskriminierungsform des Klassismus verschränkt ist, auf welches ich in diesem Text nicht eingehen werde.


Quelle: Zuzanna Krysta, Die Grenze. Ein Versuch der Reflektion, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 22.04.2021, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2021/04/22/die-grenze-ein-versuch-der-reflektion/