Geschlecht, Migration und Gesundheit in der Live-in-Betreuung

Nicholas Reinke (SoSe 2026)

1. Einleitung

In Deutschland sind etwa fünf Millionen Menschen pflegebedürftig. Rund 80 Prozent von ihnen werden zu Hause versorgt (Statistisches Bundesamt (Destatis), 2022). Ein Teil dieser Care-Arbeit wird von Angehörigen übernommen, wobei Frauen weiterhin einen überproportionalen Anteil der Sorgearbeit leisten. Ergänzend werden migrantische Betreuungskräfte beschäftigt, die häufig aus mittel- und osteuropäischen Ländern nach Deutschland kommen. Die Schätzungen zu ihrer Zahl reichen von 150.000 bis zu 600.000 Personen (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 2).

Die Beschäftigungsverhältnisse der Betreuungskräfte sind unterschiedlich organisiert. Dazu gehören die Entsendung durch Agenturen im Herkunftsland, die direkte Anstellung durch Privathaushalte, scheinbare Selbstständigkeit und informelle Beschäftigung. Nach Matuszczyk befinden sich lediglich 15 bis 20 Prozent der polnischen migrantischen Hausarbeiter*innen in einem formal legalen Arbeitsverhältnis; der überwiegende Teil arbeitet unter informellen oder rechtlich prekären Bedingungen (Matuszczyk, 2021, S. 95). Auch Hipp et al. beschreiben den deutschen Arbeitsmarkt für 24-Stunden-Live-in-Betreuung als weitgehend unreguliert (Hipp et al., 2024, S. 6).

Eine häufige Beschäftigungsform ist das sogenannte Posting-Modell. Dabei werden Betreuungskräfte von einer Agentur im Herkunftsland nach Deutschland entsandt. Andere Personen arbeiten selbstständig oder werden direkt durch einen Privathaushalt angestellt. Eine direkte Anstellung würde grundsätzlich den gesetzlichen Mindestlohn und weitere arbeitsrechtliche Standards voraussetzen. Da dies für Privathaushalte mit hohen Kosten verbunden ist, werden rechtliche Vorgaben in der Praxis jedoch häufig umgangen. In informellen Beschäftigungsverhältnissen bestehen meist weder ausreichende soziale Absicherung noch verlässliche Möglichkeiten, eigene Rechte durchzusetzen (Hipp et al., 2024, S. 6 f.).

Die Prekarität entsteht jedoch nicht allein durch das Vertragsmodell. Die Betreuung findet im Privathaushalt statt, also an einem Ort, der staatlicher Kontrolle nur begrenzt zugänglich ist. Zudem wohnen die Betreuungskräfte während ihres Einsatzes im Haushalt der pflegebedürftigen Person. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeitszeit, Bereitschaftszeit und Freizeit. Neben körperbezogener Pflege werden häufig Haushaltsarbeit, emotionale Unterstützung und nächtliche Verfügbarkeit erwartet. Durisova beschreibt diese Situation als örtliche, zeitliche und soziale Gebundenheit. Der Alltag der Betreuungskraft orientiert sich an den Bedürfnissen der pflegebedürftigen Person; dabei kann eine „Wer bezahlt, der schafft an“-Mentalität entstehen (Durisova, 2017, S. 61).

Diese Arbeitsorganisation kann erhebliche gesundheitliche Folgen haben. Zu den beschriebenen Belastungen gehören permanente Verfügbarkeit, fehlende Erholungszeiten, soziale Isolation, körperliche Überforderung, emotionale Beanspruchung und die Trennung von der eigenen Familie (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 2 f.). Die zentrale Forschungsfrage dieser Arbeit lautet daher:

Wie prägt die geschlechtsspezifische Organisation von Care-Arbeit die Arbeitsbedingungen und gesundheitlichen Belastungen migrantischer Betreuungskräfte in der Live-in-Betreuung?

Zur Beantwortung wird zunächst ein intersektionaler theoretischer Rahmen entwickelt. Anschließend werden die Arbeitsbedingungen, gesundheitlichen Belastungen und Handlungsmöglichkeiten der Betreuungskräfte analysiert. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die verwendeten Studien Geschlecht überwiegend binär erfassen und zwischen Frauen und Männern unterscheiden. Nichtbinäre, trans, intergeschlechtliche und weitere geschlechtliche Identitäten werden weitgehend nicht berücksichtigt. Die Ergebnisse können daher nicht als vollständige Darstellung aller geschlechtlichen Lebenslagen verstanden werden.

2. Theoretischer Rahmen

2.1 Intersektionalität

Der Begriff der Intersektionalität geht wesentlich auf Kimberlé Crenshaw zurück. Crenshaw kritisiert Analysen, die soziale Ungleichheit jeweils nur entlang einer Kategorie untersuchen. Eine Forschung, die allgemein von „Frauen“ spricht, kann beispielsweise die spezifischen Erfahrungen migrantischer oder rassifizierter Frauen unsichtbar machen. Umgekehrt können Analysen von Migration und Rassismus geschlechtsspezifische Unterschiede innerhalb migrantischer Gruppen übersehen (Crenshaw, 1991, S. 1241 ff.).

Für diese Arbeit bedeutet dies, migrantische Betreuungskräfte nicht lediglich als Frauen und auch nicht ausschließlich als Migrant*innen zu betrachten. Ihre Arbeits- und Lebenssituation wird durch das Zusammenwirken von Geschlecht, Migration, Klasse, nationaler Zugehörigkeit, Aufenthaltsstatus und Beschäftigungsform geprägt. Diese Kategorien wirken nicht unabhängig voneinander, sondern bringen eine spezifische soziale Position hervor. Die Gruppe der migrantischen Betreuungskräfte ist deshalb nicht homogen.

Ein intersektionaler Ansatz verhindert eine individualisierende Interpretation gesundheitlicher Belastungen. Wenn eine Betreuungskraft erschöpft, gestresst oder sozial isoliert ist, liegt dies nicht unbedingt an mangelnder individueller Belastbarkeit. Die gesundheitliche Situation kann vielmehr Ausdruck einer Arbeitsorganisation sein, in der weiblich konnotierte Sorgearbeit mit einem unsicheren Migrationsstatus, familiärer Trennung und geringen arbeitsrechtlichen Schutzmöglichkeiten verbunden wird. Geschlecht bezeichnet dabei nicht nur die Identität der Beschäftigten, sondern auch eine gesellschaftliche Ordnung, in der bestimmte Tätigkeiten als „weiblich“ gelten (Spitzer et al., 2023, S. 4).

Allerdings darf Intersektionalität nicht auf die bloße Aufzählung mehrerer Kategorien reduziert werden. Die ausgewerteten Studien ermöglichen keine gleich differenzierte Analyse von Geschlecht, Klasse, Aufenthaltsstatus und nationaler Zugehörigkeit. Präziser handelt es sich um eine geschlechter- und migrationsbezogene Analyse mit ergänzenden Bezügen zu Klasse und Beschäftigungsstatus.

2.2 Geschlechter-, Migrations- und Care-Regime

Lutz und Palenga-Möllenbeck verstehen transnationale Haus- und Pflegearbeit als Ergebnis des Zusammenspiels von Geschlechter-, Migrations- und Wohlfahrtsregimen. Das Geschlechterregime prägt die gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, wer Sorgearbeit leisten soll und welchen Wert diese Arbeit besitzt. Das Migrationsregime bestimmt, unter welchen rechtlichen Bedingungen Menschen einreisen, arbeiten und soziale Rechte in Anspruch nehmen können. Das Care-Regime bezeichnet schließlich die Verteilung von Pflege zwischen Staat, Familie, Markt und Privathaushalten (Lutz & Palenga-Möllenbeck, 2011, S. 350 f.).

Die Beschäftigung migrantischer Betreuungskräfte entsteht somit nicht zufällig. Sie steht im Zusammenhang mit einer Pflegeorganisation, die Versorgung im Privathaushalt ermöglicht, ohne die dafür notwendigen Kosten vollständig öffentlich zu übernehmen. Familien greifen auf migrantische Betreuungskräfte zurück, weil professionelle ambulante oder stationäre Angebote häufig teuer oder nicht ausreichend verfügbar sind. Die Betreuungskräfte übernehmen damit Aufgaben, die ansonsten von Angehörigen, professionellen Pflegekräften oder öffentlichen Einrichtungen geleistet werden müssten (Lutz & Palenga-Möllenbeck, 2011, S. 356).

Daraus lässt sich ableiten, dass die Prekarität nicht nur auf individuelle Vertragsverstöße zurückzuführen ist. Sie hängt auch mit einer strukturellen Verschiebung von Sorgearbeit in private Haushalte zusammen. Dort wird die Tätigkeit häufig als persönliche Hilfe oder familiäre Unterstützung dargestellt und nicht als qualifizierte Erwerbsarbeit anerkannt (Lutz & Palenga-Möllenbeck, 2011, S. 352). Die private Organisation kann daher zur Unsichtbarkeit der Arbeit beitragen.

2.3 Transnationale Care-Arbeit und Handlungsmacht

Migrantische Betreuungskräfte sind häufig in transnationale Sorgeketten eingebunden. Während sie in Deutschland die Versorgung einer älteren oder pflegebedürftigen Person übernehmen, bleiben ihre eigenen Kinder, Partner*innen oder andere Angehörige im Herkunftsland zurück. Die dort anfallende Sorgearbeit wird von anderen Personen übernommen (Palenga-Möllenbeck & Fiebig-Spindler, 2025, S. 553).

Schwiter et al. beschreiben die Handlungsmöglichkeiten migrantischer Live-in-Betreuungskräfte als „constrained agency“. Damit ist gemeint, dass die Beschäftigten durchaus handeln und Entscheidungen treffen, ihre Möglichkeiten jedoch durch rechtliche, ökonomische und institutionelle Bedingungen begrenzt sind (Schwiter et al., 2018, S. 462). Der Arbeitsplatz im Privathaushalt bietet nur geringe Möglichkeiten staatlicher Kontrolle und gewerkschaftlicher Interessenvertretung (Schwiter et al., 2018, S. 470).

Ergänzend lässt sich Albertis Konzept der „mobility power“ heranziehen. Alberti versteht Mobilität als mögliche Ressource prekär beschäftigter Migrant*innen. Die Möglichkeit, einen Arbeitsplatz, eine Agentur oder gegebenenfalls ein Land zu verlassen, kann Handlungsmacht erzeugen. Ein Wechsel kann dabei nicht nur als tatsächlicher Ausstieg, sondern auch als Drohung in einer Verhandlung eingesetzt werden (Alberti, 2014, S. 866, 869 f.). Diese Handlungsmacht bleibt jedoch von Alter, Geschlecht, Bildungsstatus, Vertragsform und sozialen Netzwerken abhängig (Alberti, 2014, S. 874).

3. Methodisches Vorgehen und empirische Quellen

Die Arbeit folgt einem sekundäranalytischen Vorgehen. Sie erhebt keine eigenen Daten, sondern analysiert Befunde bereits veröffentlichter qualitativer und quantitativer Studien. Da die Untersuchungen unterschiedliche Stichproben, Methoden und Kontexte verwenden, werden sie nicht als einheitlicher Datensatz behandelt. Sie dienen vielmehr dazu, verschiedene Dimensionen der gesundheitlichen Belastung und der Handlungsmacht zu rekonstruieren.

Die wichtigste empirische Grundlage bildet die qualitative Studie von Kriegsmann-Rabe et al. (2023). Untersucht wurden 15 migrantische Live-in-Betreuungskräfte in Deutschland, darunter 14 Frauen und ein Mann. Als Belastungen werden unter anderem Familientrennung, schwierige Beziehungen zu betreuten Personen und Angehörigen, die Abwertung der Arbeit, permanente Verfügbarkeit und fehlende Freizeit genannt (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 2 f.). Zu den Ressourcen zählen soziale Beziehungen, Selbstbestimmung, Berufserfahrung und intrinsische Motivation (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 9 f.).

Hipp et al. (2024) untersuchen polnische Live-in-Betreuungskräfte in Berlin und vergleichen unterschiedliche Beschäftigungsarrangements. Die Studie zeigt, dass rechtliche und organisatorische Beschäftigungsformen mit Einkommen, Arbeitszeit, Ruhe und Zufriedenheit zusammenhängen. Schilgen et al. (2020) ergänzen diese Perspektive durch qualitative Interviews zu arbeitsplatzbezogenen Belastungen und Ressourcen.

Die Rolle der Vermittlungsagenturen wird insbesondere durch Habel (2021) und Durisova (2017) untersucht. Habel zeigt, dass Agenturen nicht nur Arbeitskräfte und Haushalte zusammenbringen, sondern Vorstellungen über Arbeitszeit, Verfügbarkeit und Aufgaben der Betreuungskräfte mitprägen. Durisova beschreibt Agenturen als besonders einflussreiche Akteure in einem weitgehend unregulierten Arbeitsfeld. Matuszczyk (2021) ergänzt die Analyse durch die Untersuchung von Strategien polnischer migrantischer Hausarbeiter*innen im Umgang mit sozialer Absicherung und Altersvorsorge.

4. Analyse der gesundheitlichen Belastungen

4.1 Care-Arbeit zwischen Pflege, Haushalt und Emotionen

Die Tätigkeit der Live-in-Betreuungskräfte umfasst eine enge Verbindung von Pflege, Haushalt und emotionaler Unterstützung. Zu den Aufgaben gehören unter anderem Hilfe bei Körperpflege, Mobilität, Medikamenteneinnahme und Alltagsgestaltung. Häufig werden zusätzlich Haushaltsarbeiten und die emotionale Begleitung der betreuten Person erwartet (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 2). Eine Betreungsperson berichtet davon, wie sie Grenzen setzen muss: “I am the care worker here. [. . .] I am no cleaning lady, no cook, I can do that, but I do not have to” (D7, 356–357) and “I am the care worker for the person in need of care, but not for the whole family”(Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S.11).

Hier zeigt sich die geschlechtliche Prägung der Tätigkeit, die nicht nur im hohen Frauenanteil zu erkennen ist, sondern auch in den Erwartungen an Geduld, Empathie, persönlicher Verfügbarkeit und der Art der (Zusatz)-Tätigkeiten, die von den Betreuungspersonen erwartet werden. Diese Anforderungen können dazu beitragen, die Arbeit als vermeintlich natürliche Verlängerung weiblicher Fähigkeiten erscheinen zu lassen. Ihre fachlichen Anforderungen und gesundheitlichen Risiken geraten dadurch leichter aus dem Blick. Die zentrale Schlussfolgerung lautet daher: Die geschlechtliche Organisation von Care-Arbeit betrifft sowohl die Zusammensetzung der Belegschaft als auch die gesellschaftliche Bewertung und konkrete Ausgestaltung der Tätigkeit.

4.2 Permanente Verfügbarkeit und fehlende Erholung

Eine zentrale Belastung besteht in der permanenten Verfügbarkeit. Obwohl ein Vertrag möglicherweise eine begrenzte Arbeitszeit vorsieht, wird häufig erwartet, dass die Betreuungskraft auch außerhalb dieser Zeit ansprechbar bleibt. Die Betreuung kann nachts erwartet werden, auch freie Tage oder längere Erholungsphasen sind nicht immer gewährleistet. Kriegsmann-Rabe et al. nennen permanente Verfügbarkeit und fehlende Freizeit als zentrale Stressoren (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 2 f.).

Die Folgen betreffen zunächst die körperliche Erholung. Lange Arbeitszeiten und unterbrochene Ruhephasen können zu Erschöpfung führen. Hinzu kommen körperlich belastende Tätigkeiten, etwa beim Transfer oder bei der Unterstützung schwer pflegebedürftiger Personen. Die Betreuungskraft kann sich auch nicht ohne Weiteres zurückziehen, weil sie im Haushalt der betreuten Person lebt. Eine Betreuungskraft wird wie folgt zitiert: “The most [difficult] is, that you do not feel so free. That disturbs me the most. I cannot decide on my life, because everything, everything is planned for the person in need of care.“ (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S.8).

Damit fehlt eine wichtige Voraussetzung für Regeneration: die Möglichkeit, den Arbeitsplatz räumlich und mental zu verlassen. Die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben ist strukturell eingeschränkt (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 6 ff.).

Hipp et al. zeigen, dass verschiedene Beschäftigungsmodelle unterschiedliche Vor- und Nachteile haben. Beschäftigte außerhalb von Agenturverträgen können teilweise höhere Einkommen erzielen, berichten aber zugleich eher von weniger Zeit zum Ausruhen (Hipp et al., 2024, S. 6). Höhere Bezahlung bedeutet somit nicht automatisch bessere gesundheitliche Bedingungen. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Einkommen, Arbeitszeit, rechtlichem Schutz und tatsächlicher Verhandlungsmacht.

4.3 Familientrennung und psychische Belastung

Viele Betreuungskräfte arbeiten mehrere Wochen oder Monate in Deutschland und kehren anschließend in ihr Herkunftsland zurück. Während dieser Zeit sind sie von Kindern, Partner*innen, Eltern oder anderen Angehörigen getrennt. Kriegsmann-Rabe et al. nennen diese Familientrennung als wichtigen Stressor (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 7). “The worst thing for me was when I spoke to my children, and my child cried. (…) But the worst thing is, that my family is not there“, wird eine Betreuungskraft zitiert (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S.6).

4.4 Ressourcen und Mobilität

Trotz der Belastungen sind Betreuungskräfte nicht ausschließlich als passive Opfer zu verstehen. Kriegsmann-Rabe et al. identifizieren soziale Beziehungen, Berufserfahrung, Selbstbestimmung und intrinsische Motivation als Ressourcen. Telefonate mit Kindern oder Eltern im Herkunftsland können emotional stabilisieren. Auch ein respektvolles Verhältnis zur betreuten Person kann dazu beitragen, die Arbeit als sinnvoll zu erleben (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 9 f.).

Handlungsmacht zeigt sich außerdem in alltäglichen Aushandlungen. Betreuungskräfte versuchen, ihre Aufgaben abzugrenzen, freie Zeiten einzufordern oder zusätzliche Haushaltsarbeit zurückzuweisen. Mehrere der von Kriegsmann-Rabe et al. befragten Personen berichteten, dass sie eine Stelle gekündigt hatten, wenn die Anforderungen unzumutbar wurden. Eine Betreuungskraft beendete ihre Tätigkeit, nachdem von ihr erwartet worden war, einen sehr schweren Mann ohne ausreichende Unterstützung zu versorgen (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 10 f.).

An dieser Stelle lässt sich Albertis Konzept der „mobility power“ anwenden. Die Möglichkeit, einen Haushalt oder eine Agentur zu wechseln, kann eine Form von Gesundheitsschutz sein. Sie kann auch als Drohung in Verhandlungen eingesetzt werden. Alberti und Sacchetto verstehen Mobilität jedoch nicht als uneingeschränkte Freiheit, sondern als Ressource, die durch staatliche Regelungen, Agenturen und soziale Beziehungen strukturiert wird. Ein Arbeitsplatzwechsel setzt Informationen, finanzielle Rücklagen, Sprachkenntnisse und alternative Beschäftigungsmöglichkeiten voraus. Für Personen mit hoher ökonomischer Verantwortung gegenüber ihrer Familie kann ein Exit ein erhebliches Risiko darstellen. Mobilität kann daher Handlungsmacht, aber auch eine notwendige Anpassung an einen prekären Arbeitsmarkt sein (Alberti & Sacchetto, 2024, S. 181, 185, 189 f.).

5. Diskussion

Die Analyse zeigt, dass gesundheitliche Belastungen in der 24-Stunden-Live-in-Betreuung wesentlich durch die geschlechtsspezifische Organisation von Care-Arbeit geprägt sind. Care-Arbeit wird überwiegend Frauen zugeschrieben, in private Haushalte ausgelagert und dort häufig als persönliche oder familiäre Hilfe organisiert. Migrantische Betreuungskräfte übernehmen diese Arbeit unter Bedingungen, die durch geringe Regulierung, räumliche Isolation und unsichere Beschäftigungsformen gekennzeichnet sind.

Der intersektionale Ansatz nach Crenshaw macht deutlich, dass Geschlecht und Migration nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Geschlecht erklärt, warum bestimmte Tätigkeiten als weibliche Arbeit gelten. Migration erklärt, warum diese Arbeit grenzüberschreitend organisiert und häufig an Arbeitskräfte mit begrenzten sozialen Rechten ausgelagert wird. Klasse und Beschäftigungsstatus beeinflussen, wie groß die Möglichkeit ist, sich gegen schlechte Bedingungen zu wehren.

Gleichzeitig ist eine gender- und diversitysensible Perspektive erforderlich, die die Grenzen der bisherigen Forschung reflektiert. Die ausgewerteten Studien unterscheiden überwiegend zwischen Frauen und Männern. Nichtbinäre, trans- und intergeschlechtliche Betreuungskräfte werden nicht systematisch erfasst. Die vorhandenen Ergebnisse sind daher wichtige, aber begrenzte Aussagen über das Arbeitsfeld. Zukünftige Forschung sollte Geschlecht nicht ausschließlich binär erfassen und unterschiedliche geschlechtliche Identitäten sowie weitere Diversity-Dimensionen berücksichtigen.

6. Fazit

Die gesundheitlichen Belastungen migrantischer Betreuungskräfte in der 24-Stunden-Live-in-Betreuung hängen eng mit der geschlechtsspezifischen Organisation von Care-Arbeit zusammen. Die Tätigkeit wird überwiegend Frauen zugeschrieben, in private Haushalte ausgelagert und häufig unter Bedingungen permanenter Verfügbarkeit organisiert. Migration verstärkt diese Prekarität, weil Betreuungskräfte gleichzeitig transnationale Familienverantwortung tragen und ihre Arbeitsmöglichkeiten durch rechtliche, ökonomische und soziale Faktoren begrenzt werden.

Erschöpfung, psychischer Stress, soziale Isolation und fehlende Erholung sind daher nicht als individuelle Defizite zu interpretieren. Sie sind Folgen einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung, in der Sorgearbeit abgewertet, privatisiert und an migrantische Arbeitskräfte weitergegeben wird. Ein intersektionaler Zugang macht sichtbar, dass Geschlecht, Migration, Klasse und Beschäftigungsstatus gemeinsam die Arbeits- und Gesundheitsbedingungen strukturieren.

Gleichzeitig besitzen Betreuungskräfte Handlungsspielräume. Soziale Beziehungen, Berufserfahrung, Selbstbestimmung und die Möglichkeit, einen Haushalt oder eine Agentur zu wechseln, können Ressourcen darstellen. Diese Handlungsmacht bleibt jedoch begrenzt, solange die Arbeit nicht ausreichend reguliert wird. Eine nachhaltige Verbesserung der gesundheitlichen Situation erfordert daher strukturelle Veränderungen sowie eine Forschung, die die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten und Lebenslagen stärker berücksichtigt.

Literaturverzeichnis

Alberti, G. (2014). Mobility strategies, ‘mobility differentials’ and ‘transnational exit’: The experiences of precarious migrants in London’s hospitality jobs. Work, Employment and Society, 28(6), 865–881. https://doi.org/10.1177/0950017014528403

Alberti, G., & Sacchetto, D. (2024). The Politics of Migrant Labour: Exit, Voice, and Social Reproduction (1. Aufl.). Bristol University Press. https://doi.org/10.46692/9781529227765

Crenshaw, K. (1991). Mapping the margins: Intersectionality, identity politics, and violence against women of color. Stan. L. Rev., 43, 1241.

Durisova, S. (2017). Die Organisation der Ausbeutung. Soziale und arbeitsrechtliche Benachteiligung der Pflege- und Betreuungskräfte im Rahmen der 24-Stunden-Pflege, unter besonderer Berücksichtigung der Rolle von Vermittlungsagenturen. 1- 98.

Habel, S. (2021). Narratives on Working Hours: An Analysis of “Pioneer” Brokering Agencies for Live-in Care Work in Germany. Sociológia – Slovak Sociological Review, 53(5), 463–482. https://doi.org/10.31577/sociologia.2021.53.5.17

Hipp, L., Leumann, S., & Kohler, U. (2024). Employment arrangements and well-being of migrant live-in care workers: Evidence from a study of Polish live-ins in Berlin. Sozialpolitik.Ch, (1/2024). https://doi.org/10.18753/2297-8224-4435

Kriegsmann-Rabe, M., Maus, K., Hiebel, N., Klein, C., & Geiser, F. (2023). Live-in migrant home care workers in Germany: Stressors and resilience factors. PLOS ONE, 18(3), e0282744. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0282744

Lutz, H., & Palenga-Möllenbeck, E. (2011). Care, Gender and Migration: Towards a Theory of Transnational Domestic Work Migration in Europe. Journal of Contemporary European Studies, 19(3), 349–364. https://doi.org/10.1080/14782804.2011.610605

Matuszczyk, K. (2021). From lack of awareness to meticulous action. Strategies toward old-age pension insurance among Polish migrant domestic workers in Germany. Ubezpieczenia Społeczne. Teoria i Praktyka, 148(1), 1–22. https://doi.org/10.5604/01.3001.0015.0591

Palenga-Möllenbeck, E., & Fiebig-Spindler, R. (2025). Emerging home care markets in Central and Eastern Europe: Transformations of senior care, labour mobility, and housing in Poland and Germany. Berliner Journal Für Soziologie, 35(3–4), 549–564. https://doi.org/10.1007/s11609-025-00579-y

Schilgen, B., Savcenko, K., Nienhaus, A., & Mösko, M. (2020). Arbeitsplatzbezogene Belastungen und Ressourcen von ausländischen 24-Stunden-Betreuungskräften in deutschen Privathaushalten – eine qualitative Studie. Das Gesundheitswesen, 82(02), 196–201. https://doi.org/10.1055/a-1005-7024

Schwiter, K., Strauss, K., & England, K. (2018). At home with the boss: Migrant live‐in caregivers, social reproduction and constrained agency in the UK , Canada, Austria and Switzerland. Transactions of the Institute of British Geographers, 43(3), 462–476. https://doi.org/10.1111/tran.12235

Spitzer, D. L., Thambiah, S., Wong, Y. L., & Kaundan, M. K. (2023). Globalization and the health and well-being of migrant domestic workers in Malaysia. Globalization and Health, 19(1), 29. https://doi.org/10.1186/s12992-023-00925-w

Statistisches Bundesamt (Destatis) (2022). Pflegestatistik – Pflege im Rahmen der   Pflegeversicherung Deutschlandergebnisse. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/_inhalt.html zugriff am (7.7.2026).


Quelle: Nicholas Reinke, Geschlecht, Migration und Gesundheit in der Live-in-Betreuung, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 12.10.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2026/10/12/automatischer-entwurf/

Narrative und Single Storys über „Gastarbeiter*innen“

Fragmentierung des Widerstandes und Intersektionen

Liana Maria Saccone (SoSe 2021)

Als im Dezember 2018 allmählich bekannt wurde, dass mit Daniela Cavallo eine Frau mit italienischen Eltern an die Spitze des Volkswagen-Betriebsrates ernannt werden soll, um somit an Stelle von Bernd Osterloh eine der wichtigsten Spitzenpositionen deutscher Gewerkschaften zu bekleiden, erschien im Kontext einer scheinbar positiven Neuigkeit ein Rattenschwanz verschiedener diskursiver Topoi. Aus einer auf den ersten Blick erfreulichen Nachricht wird an dieser Stelle der Ausgangspunkt des vorliegenden Gedankenspiels, das ein nicht abflachendes Unbehagen in mir selbst verbalisieren soll.

Das Handelsblatt titelte zu dieser Gelegenheit: „Gastarbeiter-Tochter wird Kronprinzessin von VW-Betriebsratschef Osterloh“.[1] Zwei Komponenten konzentrieren sich bereits in der Überschrift des Artikels (verfasst von Stefan Menzel): Einer davon ist der Sexismus, der mit der Verniedlichung einer Frau einhergeht. Daniela Cavallo wird implizit, mittels des Sprachgebrauchs, zur „Kronprinzessin“ und „Gastarbeiter-Tochter“ reduziert— also auf ihr Verhältnis zu zwei Männern (der mächtige Betriebsrat Osterloh und der anonyme italienische „Gastarbeiter“), anstatt sie als öffentliche Persona ernst zu nehmen. Die zweite Komponente ist die Intersektion mit einem verzerrten und euphemistischen Umgang mit der Geschichte sogenannter Gastarbeiter*innen, die das Spannungsverhältnis des vorliegenden Textes konstituieren, in dem sich der Prozess meiner eigenen Subjektwerdung selbst vollzieht.

Menzel beginnt seinen Text mit folgenden Worten:

„Rein äußerlich könnten die Unterschiede kaum größer sein. Bernd Osterloh kommt an die 1,90 Meter heran. Groß, kräftig. Allein an seiner Statur wird deutlich, dass er voll im Leben steht. Daniela Cavallo, einen guten Kopf kleiner und zierlich, könnte sich hinter dem Betriebsratsvorsitzenden von Volkswagen nahezu problemlos verstecken.“

Cavallo wird hier ein diskursiver Ausgangspunkt aufgesetzt, dem sie sich einer solchen stets sich wiederholenden Sprachstruktur nicht entziehen kann. Ihre Geschichte wird zu einer Figur auf einem Spielbrett, dessen Regeln sie nicht umgehen kann. Die Selbstverständlichkeit ihrer Arbeit (beziehungsweise die überwundenen und hier verschwiegenen Hindernisse, um die Arbeit überhaupt ausführen zu können), wird immer an dem Selbstverständnis ihrer deutschen und männlichen Vorgänger gemessen werden. Sie wird sich nicht der Frage entziehen können, was sie als „Gastarbeiter-Tochter“ leistet. Und unter diesem Sprachschirm erkundet eine Dominanzkultur ihren eigenen Status als tolerante Gesellschaft. Sie in einer Spitzenposition heißt: eine enorme Projektionsfläche von Narrativen, die sich durch ihre Ernennung nicht verändern werden. Viel mehr gilt die Geschichte von sogenannten Gastarbeiter*innen als Erfolg für alle Beteiligten, eine harmonische Geschichte von gelungener Integration durch Assimilation.[2]

Daher die Fragen: An wen richten sich solche Geschichten? Von wem dürfen sie erzählt werden? Und welche Wahrheiten konstituieren sie?

Diese Geschichte versteckt die realen Biografien und Geschichten ihrer Protagonist*innen. Sie dient einem Wunschdenken eines hegemonialen Diskurses, den selbst Cavallo nicht brechen dürfte, wenn ihre Reichweite als öffentliche Person und somit die Gunst und Euphorie der Öffentlichkeit sich nicht gegen sie wenden soll. Als Repräsentation der gesamten postmigrantischen Community, muss sie die gewünschten Anforderungen rezitieren; also das Bild der „guten Migrantin“ — vor allem durch Dankbarkeit — bedienen.[3]  Darüber hinaus wirft diese Erzählung eine gefährliche Hierarchisierung auf, die sich eben durch ihre geschichtsvergessene Reproduktion perfide an andere Gruppen richtet.

Um diesen Gedanken zu illustrieren, soll folgender Absatz aus dem Wikipediaartikel Italiener in Deutschland angebracht werden:

„Italiener gehörten zwar zu den beliebtesten Einwanderern in Deutschland, seien jedoch oft schlecht integriert und hätten wenig Kontakte zu Deutschen. Da sich die Berichterstattung über fehlgeschlagene Integration in den Medien sowie integrationsfördernde Maßnahmen jedoch meist auf Einwanderer aus dem islamischen Kulturkreis beschränken, werden Integrationsprobleme und Benachteiligungen insbesondere in Sachen Bildung unter italienischen Migranten oft nicht deutlich wahrgenommen. Das mag auch daran liegen, dass die Italiener, wie die anderen Südeuropäer auch, wirtschaftlich vergleichsweise gut integriert sind und ihre Bildungsdefizite im Erwerbsleben erfolgreich ausgleichen können. Dadurch erreichen die Menschen mit italienischem Migrationshintergrund bei einigen Arbeitsmarktindikatoren beinahe die Werte der Einheimischen.“[4]

Diese äußerst unsensible Ausführung dient hervorragend zur Konkretisierung der Blick- und Machtverhältnisse, innerhalb derer der „einheimische“ Körper einer bunten Masse an verschiedenen Einwanderergruppen gegebübersteht, die dessen Integrationsprozess aus einer erhöhten Position beobachten und bewerten kann. Dieses dichte Machtverhältnis ist eben jene Machtperformance und Meta-Othering, die nach Parameter Blut und Boden einen stabilen Gesellschaftskern konstruiert, und somit auch seine Peripherien und möglichen Zugeständnisse schaffen. Diese Argumentation findet sich sowohl institutionalisiert (und somit naturalisiert) in der Erhebung und Messung von „migrantisch“ definierten Körpern, in verschiedenen Facetten aufbereitet in intermedialen Aufbereitungen; und schließlich materialisiert auf der Straße und auf dem Wahlzettel.

Plötzlich werden — wie mit einem Zirkel — „Kulturkreise“ gezogen und koloniale Deutungshoheiten aufrechterhalten. Neben dieser räumlich-kulturlaisierten Dimension, schließt sich eine zeitliche Dimension an, die paradoxerweise dadurch agiert, dass sich der gegenwärtige Diskurs von seinen historischen Ablagerungen distanziert, z.B. in der Aussage „Italiener waren in den 1950er und 1960er Jahren oftmals starken Diskriminerungen ausgesetzt“[5] oder der gegenwärtigen medialen Verschiebung auf muslimisch gelesene Menschen. Es vollzieht sich eine Isolation der Kontinuitäten.  Diese Verharmlosungen dienen als Strategien der Spaltung und dienen der Eindämmung einer kollektiven Anprangerung der Machtverhältnisse durch migrantisierte und vom Patriarchat marginalisierte Personen.

Mit der Ernennung einer italienischen Frau in den Betriebsrat und der dadurch proklamierten Aufwertung und Toleranz gegenüber Nachfahr*innen von italienischen Migrant*innen, passiert somit zweierlei: Zum einem werden persönliche Rassismuserfahrungen einer Gruppe trivialisiert, was dazu führt, dass soziale Hürden als mangelnde Integrationsfähigkeit erscheinen. Zum anderen wird eine Hierarchie der Unterdrückten kreiert, in der die eine Community von der anderen Community fragmentiert wird.  Mittels der gemeinsamen Abwertung des jeweiligen Anderen erhoffen sich die Gruppen die diskursive Möglichkeit von sozialer Akzeptanz (wobei auch Italiener*innen wie ich in der dritten Generation nicht als „einheimisch“ gelten, oftmals kein Wahlrecht besitzen und nach wie vor andauernden Abflachungen ihrer Identität und Mikroaggressionen ausgesetzt sind). Ab dem Moment wo keine „ Zugang für Italiener und Hunde verboten“-Schilder[6] mehr vor Lokalen hängen, sieht eine Dominanzkultur keinen Anlass  mehr sich mit ihren diskriminierenden Gegenwärtigkeiten auseinanderzusetzen. Dabei leben unsere Großeltern noch hier. Nur schreiben sie nach den Jahrzehnten der Arbeit in den Fabriken keine Essays über ihre Erfahrungen: Darüber, wie sie es bevorzugten zu Schweigen, damit ihre Kinder ein vorteilhafteres Leben im fremden Land haben konnten. Oder darüber, wie viele Kinder der zweiten Generationen bereits die Sprache ihrer Eltern verlernten und anfingen, ihnen die Welt auf deutsch zu erklären. Auch sie wurden dadurch nicht „einheimisch“. Die Betriebsratsvorsitzenden von ihnen bleiben „Gastarbeiter-Töchter“.

Wie ist mit diesen Spaltungen umzugehen? Wie lässt sich über die persönliche Marginaliserung sprechen, während diese mit vielen Privilegien einhergeht; ohne die Strategie einer „Opferolympiade“ zu bedienen, die Mohamed Amjahid in Der Weisse Fleck hervorragend analysiert?[7]

Die Aufarbeitung der eigenen Erfahrungen geht einher mit dem Erkennen der eigenen Privilegien einerseits, die Italiener*innen im Vergleich zu anderen Communities sehr wohl genießen (Codierungen als Schlagwörter: eher weiß gelesen, europäisch, romantisierende Stereotype, christlich, etc.), und der Aufarbeitung all jener entmündigenden Muster, die Menschen, die aufgrund der Faktoren gender, race and class Betroffene stets als Anderes konstituieren, sich Erwartungshaltungen anpassen müssen, die sie nicht selbst bestimmen durften. Unsere kulturellen Gedächtnisse werden entweder infantilisiert, ignoriert oder dämonisiert. Es werden Bilder produziert und verbreitet und Menschen werden zu (politischen) Metaphern mit verschiedenen Werten. 

Was passiert, wenn wir weder über kollektive und individuelle Traumata, noch über gleichzeitige Privilegien sprechen?

Eine Künstlerin, bei der diese Dynamiken besonders stark zum Ausdruck kommen, ist Semra Ertan. In einem titellosen Gedicht schreibt sie:

Meine Mutter ist eine Arbeiterin,

Mein Vater ist ein Arbeiter,

Ich bin eine Arbeitertochter.

Ich liebe Arbeiter*innen.

Arbeiter*innen haben mir geholfen,

Ich helfe den Arbeiter*innen.

Ich konnte mich nie an die Reichen gewöhnen,

Die mit Abscheu

Die Klassen unter ihnen

Verachten[8]

In diesem Gedicht eignet sich Semra Ertan die politischen Signifikanten wieder an, die ihr zugeschrieben wurden und füllt sie mit ihrem eigenen Kontext. Die Spirale Arbeiter-Arbeiterin-Arbeitertochter wirft das Subjekt in die ihm zugeschriebene Rolle, die sie jedoch auf die unterdrückende Klasse zurückwirft und gleichzeitig zur Solidarität der heterogenen Arbeiter*innenschaft aufruft: „Arbeiter*innen haben mir geholfen/Ich helfe den Arbeiter*innen“.

Diese kurze Spirale ist insofern wichtig, als dass hier nicht der Begriff „Migranten“ fällt, sondern die Unterdrückung als etwas begriffen wird, was zum einen über die türkische Community hinausgeht, zum anderen auch am Herkunftsland der Eltern ansetzt. Die Dominanzkultur als solche erscheint insofern dynamisch, als dass die Teilhabe von wenigen marginalisierten Menschen an ihr (s. Oben) nicht etwa Ausbeutungsverhältnisse beendet, sondern sie lediglich nach sozialen und ökonomischen Bedürfnissen anpasst; also zum tokenism verführt. Andererseits greift es auch die Idee vom dekadenten Herkunftsland an. Es verließen nicht die privilegierten Türk*innen, Italienier*innen, Griech*innen ihre Heimat, um in Fabriken zu arbeiten. Die Notwendigkeit treibt Menschen von Orten weg, an denen ihre Familien leben, ihre Gebärden und Sprachen erlernt wurden, die alten Gerichte gegessen wurden. Italien bspw., ist eine europäische Wirtschaftsmacht mit kolonialer Vergangenheit. Es waren jedoch nie diejenigen mit einer Stimme, die mit Koffern in die Züge einstiegen, die sie nach Deutschland, Belgien oder in die Niederlanden brachten. In Christus kam nur bis Eboli beschreibt Carlo Levi seine Zeit im süditalienischen Exil, die dem gebürtigen Turineser Levi wie eine Welt der Magie, Mysterien und Prähistorizität erschien.[9]

Diese Grenzziehungen und Kategorien erkennt Semra Ertan als flexibel, anpassbar und subtil. Die Beschreibung der eigenen Situation, der Form von Marginalisierung, sind polymorph und unscharf. So ist das Leben der Diasporen nicht nur eins zwischen zwei Kulturen, Sprachen oder Ländern, sondern ein komplexes Geflecht zwischen sozialen Dynamiken innerhalb der Herkunftsländer selbst, an dessen Ende sich die Abwertung von Körpern und die Materialisierung von sozialer Klasse gegenseitig befruchten:

Mein Name ist Ausländer,
Ich arbeite hier,
Ich weiß, wie ich arbeite,
Ob die Deutschen es auch wissen?
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig.
Das gefällt mir nicht, sage ich.
„Wenn dir die Arbeit nicht gefällt,
geh in deine Heimat“, sagen sie.
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig,
Mein Lohn ist niedrig.
Auch ich zahle Steuern, sage ich.
Ich werde es immer wieder sagen,
Wenn ich immer wieder hören muss:
„Suche dir eine andere Arbeit.“
Aber die Schuld liegt nicht bei den Deutschen,
liegt nicht bei den Türken.
Die Türkei braucht Devisen,
Deutschland braucht Arbeitskräfte.
Mein Land hat uns nach Deutschland verkauft,
Wie Stiefkinder,
Wie unbrauchbare Menschen.
Aber dennoch braucht sie Devisen,
Braucht sie Ruhe.
Mein Land hat mich nach Deutschland verkauft.
Mein Name ist Ausländer.[10]

Audre Lordes berühmte Warnung, dass die Waffen der Unterdrücker ihr Haus niemals einreißen würden[11], verstehe ich vor allem als Appell, im Falle einer Privilegierung, diese nicht gegen andere auszuspielen. Das Werkzeug der Unterdrücker macht nur in diesem Gebilde Sinn, ihr Werkzeug kann sich nur schwer gegen sich selbst richten. Die Alternative wäre, es sich innerhalb des Hauses gemütlich zu machen und die erlebten kollektiven Traumata zu verdrängen. So internalisierten unter anderem italienische Migrant*innen sehr früh die Ressentiments gegen andere Gruppierungen, den gesellschaftlich anerkannten Sexismus und die Rolle als „überlegene Ausländer*innen“. Und so zeigt sich eine Tendenz auf, die sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA vollzogen hat: der Aufstieg des Ausländers, das weiß-werden in den Augen der Dominanzkultur, das Angebot vollends amerikanisch zu werden, indem die vorherrschenden Strukturen rigoros verinnerlicht werden.

So führte die Migration aus Italien zur Aufwertung des deutschen Arbeiters, das Arbeiterabkommen mit der Türkei zur Aufwertung der italienischen Arbeiter, usw., und letztlich zur essenzialistischen Fixierung von Deutschland als stärkste Wirtschaftsnation Europas als deutsche Erfolgsgeschichte. Die Aufwertung des Einen sorgte für die Abwertung des Anderen, die Normalisierung von Ausbeutung bleibt unangetastet und verändert bloß die Füllung der Platzhalter.


Fußnoten:

[1] https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/daniela-cavallo-gastarbeiter-tochter-wird-kronprinzessin-von-vw-betriebsratschef-osterloh/23773308.html?ticket=ST-3258153-sXZgn1rsx2WWU6qURCi5-cas01.example.org, letzter Zugriff: 30.10.2021, 19:32 Uhr.

[2] An dieser Stelle mag auch das Ende des genannten Artikels zitiert werden:

„2023 oder 2024 dürfte sich Osterloh zurückziehen. Und dann könnte Volkswagen mit einer Neuheit glänzen, die es bislang nirgendwo gibt – mit der ersten Frau an der Betriebsratsspitze eines großen deutschen Autokonzerns.“

[3] Der Artikel lässt Cavallo nur an einer einzigen Stelle zu Wort kommen:

„Cavallo ist in Wolfsburg geboren, hat aber italienische Eltern. Ihr Vater ist mit der ersten Welle von Gastarbeitern zu Volkswagen nach Niedersachsen gekommen. ‚Mein Vater sagte immer, VW ist der beste Arbeitgeber in der Region. Wenn du im Werk einen Ausbildungsplatz bekommst, hast du eine sichere Zukunft. Das tat ich’, erzählt sie selbst über diese Zeit. Sie sei in beiden Ländern zu Hause. Aber: ‚Wenn ich in Italien bin, freue ich mich, wieder nach Hause zu fahren, nämlich nach Wolfsburg.‘“

[4] Die aktuelle Version des Artikels: https://de.wikipedia.org/wiki/Italiener_in_Deutschland, letzter Zugriff: 30.10.2021, 21:28 Uhr.

[5] ebd.

[6] https://www.tagesschau.de/ausland/italien-gastarbeiter-deutschland-abkommen-101.html, letzter Zugang: 30.10.2021, 22:44 Uhr.

[7] vgl. Mohamed Amjahid, Der Weisse Fleck — Eine Anleitung zu antirassistischem Denken, München: 2021.

[8] Semra Ertan, 13.11.1979,  ohne Titel, aus: Mein Name ist Ausländer, Münster: 2020, S.116.

[9] vgl. Carlo Levi, Cristo si é fermato a Eboli, Turin: 1945.

[10] Semra Ertan, Mein Name ist Ausländer, in: Mein Name ist Ausländer, S.176.

[11] Audre Lorde, Die Werkzeuge der Herrschenden werden das Haus der Herrschenden niemals einreißen, in: Sister Outsider, USA: 1984 / München: 2021, S.10.


Quelle: Liana Maria Saccone, Narrative und Single Storys über „Gastarbeiter*innen“, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 21.01.2022, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=178

Die Grenze. Ein Versuch der Reflektion

Zuzanna Krysta (SoSe 2020)


1.     Einleitung

Wir sitzen in der Küche, es wird durcheinander diskutiert und Reis mit Maffé gegessen. Männer* aus Kamerun, Nigeria, Gambia, Senegal, Angola und ich, als weiße, deutsch-polnische Cis-Frau verbringen diesen Moment gemeinsam. Die Menschen um mich herum fangen an sich darüber auszutauschen, wieviel die jeweiligen Reisepässe `wert´ sind und in welchen Nationalstaaten des globalen Nordens sie ein Visum beantragen können. Ich bin mir meiner privilegierten Situation, eine deutsche Staatsbürgerschaft zu haben, bewusst und bin mir unsicher wie ich mich in diesem Gespräch klar positionieren soll. Meine Gesprächspartner machen mich bald darauf aufmerksam, dass der deutsche Reisepass einer der `besten´ der Welt ist. Ich bemerke, dass ich Argumente verwende, wie der Zufälligkeit in welchem Land man geboren ist oder der kolonialen Kontinuität der Reisepässe, jedoch kann ich zweiteres nicht konkret erläutern, um meinen Gesprächspartnern meine Haltung näher zu bringen.

Aufgrund dessen möchte ich in dem vorliegenden Essay, mit stetigen Einschüben meiner Gedanken bezüglich des Gelesenen, die Konstruktion der Grenzen und der damit einhergehenden Staatsbürgerschaften historisch, sowie theoretisch tiefer ergründen, um in zukünftigen Gesprächen bei dieser Thematik mich klarer positionieren zu können.  Ich werde betrachten, wie Grenzen in Europa entstanden sind (vgl. Tilly 1985)  und diese im kolonialen Kontext im globalen Süden aufgezwungen wurden und bis heute in neokolonialer Form andauern, dabei lege ich den Fokus auf den afrikanischen Kontext (vgl. Marx 2010). Anschließend betrachte ich die symbolische Konstruktion der Grenzen und wie diese auf unsere Gesellschaft wirken und sie in Privilegierte und Nicht-Privilegierte aufspaltet (vgl. Castro Varela 2018; Charim 2018), um abschließend einen Ausblick auf Möglichkeiten der Dekonstruktion von Grenzen zu geben. Im zweiten Teil des Essays werde ich meine persönlichen Erfahrungen mit Grenzen und Staatsangehörigkeit darstellen, dabei mein Privileg als deutsche Staatsbürgerin reflektieren und Handlungsmöglichkeiten erläutern, wie man als weiße Person damit umgehen kann (vgl. Ogette 2018; McIntosh 1992).

2.     Die Grenzen und ihre Konstruktion

Die Idee der Grenzen ist in unserer (westlichen[1]) Gesellschaft fest verankert und wirkt oft unumstößlich. Im öffentlich dominanten Diskurs wird weniger ihre Konstruiertheit diskutiert, sondern es wird, meiner Wahrnehmung nach, als `natürlich gegeben´ angesehen. Man hört oft das Argument, dass Nationalstaaten und Grenzen notwendig sind, um die politische Organisierung an eine angebbare Gruppe innerhalb eines Territoriums zu definieren und sie somit zu kontrollieren (vgl. Weber 2006).  Wenn man jedoch die Geschichte anschaut, bemerkt man, dass Grenzen keine Voraussetzungen sind und die Welt lange ohne nationalstaatliche Grenzen ausgekommen ist.

2.1 Die historische Konstruktion der Grenzen

Tilly (1985) beschreibt in seinem Artikel, wie am Ende des 18. Jahrhunderts die Anfänge der Bildung der Nationalstaaten in Europa, wie wir sie heute kennen, vonstattenging. „War makes state“ (ibid.: 170) ist der vielzitierte Satz, der die Nationalstaatenbildung in Europa zusammenfasst. Die Herausbildung der Staaten basiert auf Kriegen, in dem eine zentralisierte Macht ihre Herrschaftsansprüche in den lokalen Regionen ausgeweitet hat, sie eine staatliche Streitmacht aufgebaut haben, staatliche Institution gegründet haben, für die politische Organisierung und die Organisierung der Steuereinnahmen und bestimmte Elemente der Kultur symbolisch aufgeladen haben, damit die Bevölkerung sich zugehörig fühlt und sich gewissermaßen mit der `Nationalkultur´ identifizieren kann. In diesem Prozess ist ein wichtiger Aspekt die Entstehung der konkret gesetzten Grenzen, die in den Kriegen, ausgehandelt wurden (ibid.).

Anderen Teilen der Welt wurde dieses europäische Konzept im Zuge der Kolonialisierung aufgezwungen (vgl. Kolonialismus und heutige Staatenwelt 2012), in dem die europäischen Staaten die Welt unter sich aufteilten und diese mit Grenzen markierten. Vor der europäischen Kolonialisierung wurde die politische Organisation im afrikanischen Kontext weitgehend durch Personenverbände definiert und nicht aufgrund des Territoriums, somit gab es zum Beispiel Nomad*innengemeinschaften die sich auf ihre Gruppe bezogen und dabei ihren Lebensumfeld immer wieder wechselten. Die meisten Grenzen existieren nach der Entkolonialisierung weiter und bestehen bis heute fort. Im afrikanischen Kontext wurde 1963 in der Charta der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) entschieden, dass diese Grenzen unverrückbar sind. Das Weiterbestehen der kolonialen Grenzen beinhaltet einige Schwierigkeiten. Die `künstliche´ Grenzziehung durchtrennt Gemeinschaften und drängte afrikanische Länder nach der Entkolonialisierung dazu, Nationalstaaten im `europäischen Sinne´ zu errichten, was manche Nationalstaaten zu failed states werden ließ (Marx 2010). Außerdem wurden die staatlichen Institutionen im globalen Norden, welche Reisepässe und -beschränkungen etablierten, kurz nach der Beendigung des Sklav*innenhandels gegründet, um neue Formen der „legacy of slavery, apartheid, and diverse forms of  unfree labour“ (Anderson, Sharma, and Wright 2009, 6) zu bilden.

Meiner Ansicht nach belegt die europäische Kolonialgeschichte die Absurdität und Konstruiertheit der Grenzthematik, ohne sich auf kritische Weise damit auseinanderzusetzen; in der kollektiven Erinnerung unserer Gesellschaft wird das Thema nicht reflektiert. Ein Beispiel dafür ist die mangelnde Thematisierung von Kolonialgeschichte in deutschen Schulen – hier wird Schüler*innen die Chance genommen, Grenzen als Konstrukt in Frage zu stellen. Die Entscheidung, keine kritische Auseinandersetzung zu fördern, ist eine politische und dient dem Zweck, die Basis unseres politischen Systems zu stabilisieren. Jedoch wird die Gesellschaft somit daran gehindert, eigene Vorstellungen von Organisation zu entwickeln, die nicht auf Ein- und Ausgrenzung basieren. Auch stellt sich mir die Frage, inwieweit die Errichtung von staatlichen Institutionen in einem Kriegskontext dazu führt, dass Mechanismen und Strukturen auf Krieg ausgerichtet sind. Die Regierung `verkauft´ an uns als Gesellschaft die Idee von Sicherheit und treibt somit die Identifikation mit dem eigenen Nationalstaat voran, was zu nationalistischen Strömungen innerhalb der Gesellschaft führt.

Auf der anderen Seite sieht man im afrikanischen Kontext, dass das Fortbestehen der kolonialen Grenzen nach der Entkolonialisierung eine eindeutige Kontinuität des Kolonialismus beinhaltet und somit den Neokolonialismus des globalen Nordens stabilisiert. Durch die jahrelange und bis heute andauernde gewaltvolle Ausbeutung des globalen Südens durch den globalen Norden und das Nicht-Benennen dieser Geschichte und heutigen Situation, fällt es uns als Gesellschaft schwer, uns Utopien vorzustellen, in denen Menschen ihr Dasein in Würde leben und sich frei bewegen können, basierend auf ihren eigenen Entscheidungen.

2.2 Die symbolische Konstruktion der Grenzen

Grenzen sind keine objektiven Tatsachen, sondern sie „bestimmen die Wahrnehmung unserer Welt. Grenzen symbolisieren, begründen und stabilisieren Macht und sind daher Herrschaftsinstrumente. Es ist eine begrenzte Welt, die wir bewohnen“ (Castro Varela 2018, 23). Sie produzieren zwei unterschiedliche Subjektivitäten, in welchen jede*r sich auf verschiedene konstruierte Räume bezieht. Charim (2018) verwendet dafür die Begriffe des paradoxen Raumes und der Festung. Den paradoxen Raum bewohnen die Menschen, die das Privileg haben, einen Reisepass zu besitzen, der viel `wert´ ist, wie der deutsche Reisepass (vgl. Kaelin and Kochenov 2018). „Diese [sogenannten] Vernetzten leben nur mit symbolischen Grenzen, also gewissermaßen ohne Grenze. Für sie bedeutet das Überschreiten einer Grenze nur eine Anerkennung ihres Status“ (Charim 2018, 18–19). Hingegen bewohnen die Menschen, deren Reisepass weniger `wert´ ist, wie Migrant*innen des globalen Südens, die Festung. Sie haben nicht die Möglichkeit sich zwischen Ländergrenzen frei zu bewegen, sondern müssen sich entweder in einem komplizierten, oft auch erfolglosen Verfahren auf ein Visum bewerben oder illegalisiert reisen. Auch innerhalb der Grenzen, zum Beispiel im Schengen-Raum, sind für diesen Bevölkerungsteil Grenzen allgegenwärtig, in Form von Asylgesetzen, Verwehrung des Zugangs zum Arbeits- oder Wohnungsmarkt und vielen anderen neokolonialen Exklusionsmechanismen (ibd.). Dieser theoretische Ansatz verdeutlicht die stetige (Re-) Produktion der Konstruktion der Grenzen, die die Menschheit in zwei Gruppierungen teilt: Der eine Bevölkerungsteil, der bis zu einem sehr hohen Grade das Privileg der Bewegungsfreiheit genießen darf und der andere -teil nicht.

Diese Problematik lässt mich an Bruno Latour (vgl. 1993) denken, der in seiner Modernitätskritik aufzeigt, wie die sogenannte `Moderne´ die Welt immer stärker dichotomisiert und alles in Gegensätzen ordnet. Somit ist die politische und rechtliche Praktik der dichotomisierenden Grenzen existent, um die Vorherrschaft des globalen Nordens zu stabilisieren. Dieser Prozess, den Latour Work of Purification nennt, wird stetig vom globalen Norden aus versucht, aufrecht zu erhalten. Ich denke, dass es wichtig ist, die agency der jeweiligen Menschen in Betracht zu ziehen, die trotz der Schwierigkeiten und Beschränkungen ihr Recht auf Bewegungsfreiheit als Menschenrecht in Realität umsetzen, auch wenn ich mir bewusst bin, dass die Gründe unterschiedlich sind und manche Migrant*innen aufgrund von prekären Lebensverhältnissen fliehen.

In diesem Abschnitt möchte ich abschließend Bewegungen und Gedanken aufzeigen, die gegen Grenzen arbeiten und aufzeigen, dass eine andere Welt möglich ist. Die No-Border-Bewegung ist eine lose und heterogene Zusammensetzung von verschiedenen Organisationen und Einzelpersonen auf der ganzen Welt, die durch unterschiedliches und selbstorganisiertes Engagement versuchen, eine Welt ohne Grenzen für alle zu gestalten, sei es durch politische Arbeit und Widerstand gegen Abschiebungen, ärztliche Versorgung für illegalisierte Personen oder offene Küchen für alle (vgl. Anderson, Sharma, and Wright 2009). Die Ebene der konkreten Handlungen ist äußerst wichtig, doch erscheint es mir genauso notwendig, uns im Verstehen und Träumen zu üben, denn man muss die jetzige Situation erst verstehen, um sich Utopien vorzustellen. Vor ein paar Tagen las ich das Essay Nadie la tiene von Morales (1998, 97–109), in welchem sie das Konstrukt des privaten Eigentums von Land kritisiert. Privates Eigentum ist zwar eine andere Thematik, jedoch beinhaltet sie genauso Grenzen, inkludierende und exkludierende Mechanismen, sowie Menschen, die die Macht über ein Gebiet für sich beanspruchen. Morales beschreibt wie Land außerhalb dieser Grenzen lebt, sich darüber hinwegbewegt und seinen eigenen Regeln befolgt, zwar immer in Reziprozität mit den Bewohner*innen dieses Gebietes, jedoch ohne auf menschlich gemachte Grenzen achtend. Dies lies mich daran denken, dass Menschen immer migrieren werden, so wie sie es schon immer gemacht haben, egal ob bedingt durch Prekarität im Herkunftsland oder weil sie einfach in einem anderen Land leben möchten und Grenzen sind in der Realität nicht fähig, Migration zu verhindern und werden dies auch nicht mit den bestausgerüsteten Sicherheitstechnologien von Grenzstreitkräften tun. Aufgrund dessen sehe ich keine andere Möglichkeit, als Grenzen abzuschaffen, wenn wir in einer besseren Welt leben möchten.

3.      Meine persönliche Grenzerfahrungen

Mein Vater migrierte kurz vor dem Ende des Kalten Krieges aus Polen nach Deutschland. Die Geschichten, die er mir darüber erzählte, klingen für mich nach einer sehr schwierigen Realität, jedoch nahm ich sie als Kind wie Abenteuergeschichten aus einer fernen Zeit wahr, welche entkoppelt waren aus der Realität, in die ich hineingeboren wurde. Er erzählte von prekären Verhältnissen aus seiner Herkunftsstadt. Laut ihm war die Migration in das damalige Westdeutschland die einzige Möglichkeit Perspektiven für die Zukunft zu erlangen. Er reiste gegen Bezahlung illegalisiert nach Deutschland ein und bekam aufgrund der damaligen politischen Situation sehr bald den deutschen Aufenthaltsstatus. Einige Jahre später kam meine Mutter aufgrund der Heirat mit meinem Vater problemlos nach Deutschland. Beide lebten damals in prekären Verhältnissen in Köln. Als meine Schwester und ich geboren wurden, hatte sich die Situation jedoch verändert und wir konnten in einer gewissen Stabilität aufwachsen. Somit hat dieser Teil der Migration nie zu meiner Gegenwart dazugehört, sondern war stets ein Teil der Vergangenheit, dort wo ich herkam.

Als ich klein war, sind wir jeden Sommer nach Polen gefahren, um die dortigen Familienmitglieder zu besuchen. Ich erinnere mich an die stundenlangen Wartezeiten im Stau an der deutsch-polnischen Grenze, die prüfenden und unangenehmen Blicke der Grenzpolizist*innen, als wir am Grenzposten ankamen. Als im Jahr 2007 die Grenze zwischen Deutschland und Polen aufgrund des Schengen-Abkommens aufgelöst wurde, war es eine Erleichterung auf der langen Fahrt, nicht eine bewachte Grenze zu passieren. Als ich immer älter wurde, genoss ich die Reisefreiheit innerhalb Europas, die ich ausgiebig auskostete. Ich machte mir damals nicht viel Gedanken darüber, da es mir in meiner europäischen Welt normal erschien, mich frei bewegen zu können.

Das Privileg wurde mit erst bewusst, als ich nach Mexiko ging. Mein problemloses Einreisen in dieses Land und der späteren Möglichkeit des Erkaufens eines Touristenvisums, um mich dort `legalisiert´ zwei Jahre aufhalten zu können, standen im Kontrast zu dem sehr präsenten Thematik der Migrant*innen aus Lateinamerika, welche Mexiko durchreisten, um in die Vereinigten Staaten von Amerika einzureisen und dabei oft ihr Leben riskierten. Zur gleichen Zeit drangen die Nachrichten der sogenannten europäischen `Flüchtlingskrise´ zu mir durch, welche gezeichnet waren von inhumanen Reisekonditionen von Menschen, die den Wunsch hatten, nach Europa zu gelangen.

Auch wenn es viele BIPoC gibt, die zum Beispiel eine deutsche Staatsbürgerschaft haben oder weiße Menschen, die dieses Privileg nicht innehaben, denke ich, dass der `Wert´ eines Reisepasses stark mit rassistischen Strukturen verschränkt ist, und wie oben aufgezeigt, koloniale Kontinuität beinhaltet. Es wird oft angenommen, dass BIPoC aufgrund von Rassismus in vielen Bereichen benachteiligt werden, jedoch wird seltener darüber reflektiert, welche Vorteile eine weiße Person[2] aufgrund der Konstruktion und Ideologie rund um ihre Hautfarbe hat und dies wird dem weißen Bevölkerungsteil in seiner Sozialisation beigebracht (vgl. McIntosh 1992). Bis zu meiner Reise nach Mexiko war mir dies auch nicht bewusst. Erst durch die direkte Konfrontation bemerkte ich, was es bedeutet, einen deutschen Reisepass zu besitzen. Dies zeigt auf, dass eine weiße Person sich frei entscheiden kann, ob sie sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen will oder nicht (Ogette 2018, 60). Ich denke, es ist wichtig, in Gesprächen mit weißen Personen darauf hinzuweisen, was es bedeutet, in den Karibikurlaub für zwei Wochen zu fliegen oder entscheiden zu können, nach Madagaskar zu ziehen[3].

Die persönlichen Erfahrungen zu teilen und dem Gegenüber diese Thematik zur Reflektion zu überlassen. Auch denke ich, dass wir uns als weißer, im globalen Norden geborener Bevölkerungsteil im größeren Umfang mit unserer eigenen Geschichte auseinandersetzen müssen. Ich bin mir sicher, dass man in fast jeder Familie eine Migrationsgeschichte entdecken würde. Was bedeutet es, seinen Wohnort zu wechseln? Was für Gründe sind die Motivation dafür und wie waren die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zu der Zeit? Wenn wir diese Fragen in unserer eigenen Geschichte ergründen würden, würde es uns als Gesellschaft vielleicht leichter fallen, dieses Privileg anzuerkennen und dies für alle zu fordern.

Jedoch ist es in diesem beschriebenen Fall kein individueller Rassismus, den man einfach reflektieren kann, um seine Handlungsweise zu verändern, sondern ein institutioneller Rassismus, welchen man als Person aktiv kritisieren muss. Gleichermaßen ist es ein Privileg, seine politische Meinung frei äußern zu können, ohne dafür aufgrund seiner Hautfarbe verurteilt oder nicht ernstgenommen zu werden (McIntosh 1992, 32). Bewegungen wie die Black-Lives-Matter-Bewegung oder No-Border-Bewegungen können für weiße Personen eine Möglichkeit bieten, sich dem Widerstand gegen den institutionellen Rassismus anzuschließen, jedoch denke ich, dass es als weiße Person wichtig ist, keine öffentliche Rolle einzunehmen oder den Diskurs innerhalb der Gruppe zu leiten, sondern auf die Bedürfnisse der Gruppierung einzugehen und sie in den `hinteren Reihen´ zu unterstützen. Die Motivation des Engagements sollte nicht aus Altruismus resultieren, sondern

„[s]olidarity comes from the inability to tolerate the affront to our own integrity of passive or active collaboration in the oppresion of others (…). From the recognition that, like it or not, our liberation is bound up with that of every other beings on the planet, and that politically (…) we know anything else is unaffordable“

Levins Morales 1998, 125

Denn letztendlich sind alle unsere Leben miteinander verflochten und bedingen sich gegenseitig und für ein würdevolles Leben für alle sollten wir uns verbünden.


[1] Im darauffolgenden Text kann ich mich nur auf meine Wahrnehmungen der Gesellschaft beziehen, in der ich aufgewachsen bin, auch wenn es innerhalb dieser Gesellschaft auch subjektive Unterschiede gibt, die ich nicht alle wiedergeben kann. Bei diesem Beispiel bin ich mir sicher, dass es Gemeinschaften gibt, die in ihrem Lebensumfeld Grenzen weniger präsent haben wie wir, auch wenn heutzutage, global gesehen, alle Menschen in einem Nationalstaatensystem eingebunden sind.

[2] Mit einer Staatsbürgerschaft aus dem globalen Norden.

[3] Auch wenn dieses Thema mit der Diskriminierungsform des Klassismus verschränkt ist, auf welches ich in diesem Text nicht eingehen werde.


Quelle: Zuzanna Krysta, Die Grenze. Ein Versuch der Reflektion, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 22.04.2021, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2021/04/22/die-grenze-ein-versuch-der-reflektion/