Be_hinderung ist ein Konstrukt

Tomke Thielebein (SoSe 2022)

1. Warum ich darüber schreibe, worüber ich schreibe

Mein selbstgewählter Beginn meiner politischen Sozialisation und damit einhergehenden Sensibilisierungsprozess mit gesellschaftlichen Verhältnissen begann in den Jahren 2014/15, da in dieser Zeit PEGIDA und die AfD, geflüchtete Menschen verwendeten, um den Gesellschaftsdiskurs unangenehm dominant für ihre Zwecke zu nutzen. In dieser Zeit begann ich zu den Gegendemonstrationen der sog. ‚besorgten Bürger‘ – jeden Montag auf dem Europaplatz beim Hauptbahnhof – zu gehen. Hier kam ich das erste Mal intensiv in Berührung mit Kritik an gesellschaftlichen Strukturen. Die ersten Hauptthemen, die mich in eine tiefere Auseinandersetzung brachten, waren kapitalismuskritische Stimmen und eine antifaschistische Haltung. Darüber vertiefte ich mich weiter in (deutsche) linke[1] Inhalte. Hierbei geht es im Groben um Macht- und Unterdrückungsverhältnisse, die es zu verstehen und im besten Fall zu dekonstruieren gilt. Viel besprochene Themen in diesem Zusammenhang sind: Kapitalismus, Sexismus und Rassismus; auch Klassismus findet immer mehr reflexiven Raum in linken Kreisen. Auch im gesellschaftlichen Mainstream findet sich mittlerweile Literatur, die sich bspw. mit Rassismus auseinandersetzt und die diskriminierenden Dimensionen der dominant-deutschen Bevölkerung verdeutlichen und zur Auseinandersetzung anregen (bspw.: Sow, 2018; Ogette, 2022). Was meiner Erfahrung nach jedoch wenig Beachtung findet – sowohl in der linken Szene als auch im gesellschaftlichen Mainstream-Diskurs -, ist Ableismus und damit verbundene Strukturen.

Als ich anfing zu Ableismus zu recherchieren, hatte ich im Kopf über Ableismus und Sprache zu schreiben und hier auf sprachliche (De-) Konstruktionen einzugehen. Dabei wollte ich Verbindungen zur sprachlichen Veränderung bei gendernden Bezeichnungen ziehen. Jedoch habe ich zu Ableismus und Sprache wenig gefunden. Dabei findet sich Ableismus als Normalität ständig in der Sprache: „Auf dem rechten Auge blind sein“, „das war wirklich irre“, „ich glaub du bist verrückt“ usw. Das sind alles sprachliche Ausdrücke, die gesamtgesellschaftlich viel benutzt werden und wo bisher wenig Sensibilisierung stattgefunden hat. Literatur zu Machtverhältnissen und Sprache in Bereichen wie Sexismus und Rassismus findet sich hingegen sowohl in der wissenschaftlichen Fachliteratur einiges (bspw.: Hentges & Nottbohm, 2014; Arndt et al., 2018; Nduka-Agwu & Hornscheidt, 2013; Günthner, 2019; Elsen, 2020), als auch im gesellschaftlichen Mainstream[2] (bspw.: Sow, 2018; Ogette, 2022; Gümüşay, 2021). Jedoch bin ich bei der Recherche auf Kritik von be_hinderten Aktivist*innen gestoßen, die darauf aufmerksam machen, dass Ableismus ein wenig beachteter Teil von (linken) Diskursen ist und unreflektiert als Normalität oft stattfindet (vgl.: Ash, 2021 und TRAUMALEBEN, 2022).

Deshalb habe ich mich dazu entschieden in die Auseinandersetzung mit Ableismus zu gehen, um mich dahingehend zu sensibilisieren. Hierzu habe ich mich in die Dis_ability Studies hineingelesen und mich mit der Konstruktion Be_hinderung beschäftigt.

1.1 Warum ich so schreibe, wie ich schreibe

Ich schreibe Be_hinderung weil der Unterstrich in aktivistischen Kreisen benutzt wird, um klar zu machen: „Behindert ist man nicht – behindert wird man“ (Payk, 2019).  Dies unterstreicht einen Perspektivwechsel, der Be_hinderung als soziales Konstrukt versteht, welches durch gesellschaftliche Strukturen, Diskurse und Handlungen erwachsen ist. Die Umwelt wird als Problem artikuliert, statt die Be_hinderung (vgl.: ebd.).

Den Unterstrich benutze ich auch in der englischsprachigen Schreibweise: Dis_ability.Zum einen möchte ich auch hier auf die behindernden Strukturen aufmerksam machen und zum anderen ist es in der englischen Schreibweise möglich aufzuzeigen, dass ‚disabled‘ Menschen gleichzeitig ‚abled‘ sind (vgl.: ebd.).

Bezogen auf gendergerechte Sprache nutze ich den sog. Gender-Stern (*), um zum einen die soziale Konstruiertheit von Mann und Frau zu verdeutlichen und zum anderen, die Binarität aufzubrechen und Platz zu machen für weitere Genderidentitäten[3].

2. Das soziale Modell in den Dis_ability Studies

In unserer (deutschen, westlichen) Gesellschaft herrscht ein defizitorientierter Blick auf Menschen mit Be_hinderung vor, der die Annahme schafft, Be_hinderungen seien eine individuelle Tragödie, die Familien und Gesellschaft belaste. Dieser Blick wurde von dem individuell-medizinischen Modell von Be_hinderung geprägt. Dieses „fokussiert auf den Mangel an sensorischen, mentalen und physischen Fähigkeiten“ (Grochar, 2022). Grundlegend dafür ist die normative Konstruktion eines ‚gesunden‘ Körpers, der als Differenzschablone dient. Die Abweichung dieser körperlichen Norm kann zu einer Diagnose führen, die einen Menschen zu einem Menschen mit Be_hinderung macht (vgl.: Grochar, 2022).

Das soziale Modell kann als Gegenmodell zum individuell-medizinischen betrachtet werden und ist ein grundlegendes Modell der Dis_ability Studies. Es geht davon aus, dass es einen Unterschied zwischen diagnostizierbaren Beeinträchtigungen oder Schädigungen gibt – diese werden impairment genannt – und daraus folgenden sozialen Benachteiligungen/Diskriminierungen – die dis_ability genannt werden (vgl.: Anhorn, Bettinger, Schmidt-Semisch & Stehr, 2007, S. 114–115). Somit sind Menschen mit Be_hinderung nicht von Natur aus be_hindert, sondern werden durch soziale und gesellschaftliche wie auch materielle Strukturen von der Gesellschaft behindert und damit von einer gleichberechtigten Teilhabe abgehalten. Ein körperlicher Schaden oder normabweichendes Verhalten, welches als impairment festgestellt werden kann, muss nicht zwangsläufig zu dis_ability werden, jedoch tragen gesellschaftliche Strukturen dazu bei.

Um diese theoretischen Worte in eine anschaulichere Praxis zu übertragen: Eine Person, die bspw. durch einen Unfall nicht mehr laufen kann und auf einen Rollstuhl angewiesen ist, kann sich eigentlich gut selbstständig in der Welt fortbewegen, jedoch sind unsere Straßen, Gebäude und Bahnhöfe nur auf die körperliche Norm der ‚gesunden‘ Körper, die Laufen können ausgerichtet. Somit kann ein Bürger*innensteig, eine kleine Treppe vor einem Geschäft oder ein kaputter Fahrstuhl dazu führen, dass Menschen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden. Aus der normativen Perspektive wird hier als Problem meistens nicht die Stufe oder der fehlende gesenkte Bordstein benannt, sondern der Rollstuhl an sich als negativ und behindernd betitelt. Dies verdeutlicht z.B. Raul Kaufhausen, wenn er darauf aufmerksam macht, dass Floskeln fallen wie: „an den Rollstuhl gefesselt sein“. Dies ist eine Perspektive der Abhängigkeit und des Defizits, die meistens von Nichtbe_hinderten zu hören ist. Raul Kaufhausen betont, dass für ihn der Rollstuhl „Freiheit und nicht Einschränkung“ (Krauthausen, 2011) bedeutet und dass er sich freiwillig anschnallt und nicht daran fremdbestimmt „gefesselt“ wird (vgl.: ebd.).

Im weiteren Abschnitt möchte ich mich etwas genauer noch mit der normativen Konstruktion beschäftigen, die ich als grundlegend für das Soziale Modell beschreiben würde.

3.    Normativität

Die Dis_ability Studies und damit auch das Soziale Modell möchten die Konstruktion von Be_hinderung untersuchen. Es geht also um die Produktion, Konstruktion und Regulation von Be_hinderung durch die Dominanzgesellschaft; die Forschungsperspektive wird sozusagen umgekehrt und die Minderheit schaut auf die Mehrheit (vgl.: Raab, 2012, S. 70).  Vertreter*innen der Dis_ability Studies in den 1990er Jahren beschäftigten sich vorwiegend mit den institutionellen Herstellungen von Be_hinderung, wie oben bereits anhand der materiellen Barrieren wie Bordsteinen oder kaputten Fahrstühlen beschrieben wurden (vgl.: Waldschmidt, 2022, S. 361). An dieser Stelle möchte ich auch exkludierende Einrichtungen wie Werkstätte für Menschen mit Be_hinderung nennen, wo unterbezahlt Arbeit geleistet wird, Heime, wo stationäre Unterbringung außerhalb der Gesamtgesellschaft stattfindet oder Förder- bzw. Sonderschulen.   

Zu den 2000er Jahren hin, wird eine poststrukturalistische Perspektive auf Be_hinderung lauter, die mit Rückgriff auf Foucault die Trennung von impairment und dis_ability kritisiert, indem sie auf den konstruierenden Aspekt des gesellschaftlichen Diskurses aufmerksam machen und damit die Natürlichkeit von impairment[4] in Frage stellen (vgl.: ebd.).

3.1 Konstruktion von Normalität bzw. Normativität durch diskursive Praxis

Die Grundannahme ist, dass die Art und Weise, wie (von der Dominanzgesellschaft) über Menschen gesprochen wird, Normalität und Nichtnormalität hergestellt wird. In den Dis_ability Studies ist der Körper als Ausgangs- und Bezugspunkt relevant, da erst normative Zuschreibungen, die sich an Form und Zustand orientieren, diesen produzieren (vgl.: Raab, 2012, S. 69). Ein be_hinderter Körper resultiert als soziales Phänomen aus verdichteten diskursiven Strategien und Machtpraktiken (vgl.: Raab, 2012, S. 76–77). Wie ich noch etwas kleinteiliger beschreiben würde: Innerhalb dieses diskursiven Prozesses, der gesellschaftliche Normen, Werte usw. prägt, wird ‚gesund‘ als differenzgebende Kategorie für Be_hinderung geschaffen. Diese binäre Differenzierung wiederum ist grundlegend für weitere Ausdifferenzierungen, was nun in die Normkategorie und was in die abweichende Kategorie einzuteilen ist. Ein ‚klassisches‘ Beispiel, das in diesem Zusammenhang genannt werden kann, ist die Pathologisierung von Homosexualität. Durch den gesellschaftlichen Diskurs wurde die Pathologisierung geschaffen und im weiteren Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung dekonstruiert und 1992 aus dem ICD (International Classification of Diseases) gestrichen (vgl.: Zander, 2022, S. 12). 

In diesem gesellschaftlichen Diskurs wird nicht nur eine binäre Differenzierung aufgemacht, sondern es werden auch Wertigkeiten konstruiert. So sind bestehende Stereotype bezogen auf Menschen mit Be_hinderung oft negativ und äußern sich in Zuschreibungen wie: „schwach, unselbstständig, abhängig, nicht leistungsfähig, hilfebedürftig, unattraktiv“ (Köbsell, 2016, S. 92–93). Insgesamt also das negative Gegenbild der anzustrebenden Norm(alität). Diese Vorannahmen sind die Grundlage auf dem Mitleid entsteht und auch diskriminierendes Verhalten (vgl.: ebd.).

Eine anschauliche Erzählung bezogen auf den normativen Blick der Dominanzgesellschaft habe ich aus der Zeit des Arbeitsprozesses für diesen Text: Eine Lehrerin war in dieser Zeit bei mir zu Besuch und wollte wissen, worüber ich schreibe. Ich sagte ihr, dass ich überlege die Konstruktion von Normativität bzw. Normalität anhand von der Kategorie Be_hinderung zu diskutieren. Daraufhin meinte sie: „Ohh ja, es ist wirklich schlimm, dass ‚be_hindert‘ so oft als Schimpfwort benutzt wird. Meinen Schüler*innen sage ich immer, wenn sie sich gegenseitig so beleidigen: ‚seid froh, dass ihr nicht behindert seid!‘“. Damit hat sie ein perfektes Beispiel für die Konstruktion von der Normalität als ‚gesunde‘ Person gegeben und gleichzeitig die Annahme der negativen Konstruktion, die in der Zuschreibung ‚unerwünscht‘ mündet. Sie sagte das mit einer solchen Selbstverständlichkeit, die so wirkte, als meinte sie gerade ein antidiskriminierendes Statement abgegeben zu haben. Dies hat mir in intensiver Eindrücklichkeit die gesellschaftlich vorherrschende Sichtweise auf Normalitätsabweichung nochmals vor Augen geführt.

Raul Kaufhausen – den ich als nur eine Stimme von Aktivist*innen nennen möchte – zeigt genau auf dieses Phänomen, wenn er schreibt: „Auch ist die Annahme, dass ich an ‚Glasknochen leide‘, eine typische Sicht der Nichtbehinderten. Für viele Menschen mit Behinderung ist die Tatsache, behindert zu sein, einfach Fakt“ (Krauthausen, 2011).

Dieser Fakt sollte gesellschaftlich integriert werden.

4. Doing Dis_ablility und Doing Gender

Das soziale Modell von Be_hinderung mit der Trennung der individuellen und gesellschaftlichen Ebene erinnert an ähnliche Prozesse der Konstruktion im Bereich von Geschlecht, wo eine Trennung von Sex und Gender stattgefunden hat. So ist es nicht verwunderlich, dass es auch die Perspektive des Doing Dis_ability gibt.

Doing Gender ermöglicht die Konstruktionsprozesse von Gender, Genderrollen und Genderstereotypen zu analysieren (vgl.: Köbsell, 2016, S. 91). Gender ist nicht nur durch Sexismus und strukturelle Ungleichheiten konstruiert, sondern auch über Interaktionen im Alltag, die alltäglich Genderrollen und -stereotype (re-)produzieren und verfestigen (vgl.: ebd.). Dieser Prozess beginnt ab dem Moment, wo abgelesen wird, ob ein Kind „oh ein Junge!“ oder „oh ein Mädchen!“ wird. Doing Gender kann sowohl bewusst wie auch unbewusst stattfinden; der unbewusste Anteil geschieht viel über gesellschaftliche Erwartungen und Zuschreibungen, die unsere Sozialisation beeinflussen (vgl.: ebd.). Dieser Sozialisationsprozess bringt verschiedene Verhaltens- und Denkweisen mit sich, die durch eine sexistische, heteronormative Gesellschaft hierarchisch strukturiert sind und meist unbewusst und unreflektiert übernommen werden (vgl.: ebd.). Unsere Gesellschaft strukturiert nicht nur Geschlecht binär, sondern auch andere Kategorien, wie deutsch und fremd oder be_hindert und nichtbe_hindert und schafft auch in ihnen eine hierarchische Differenz, die durch reproduzierendes Handeln naturalisiert wird (vgl.: Köbsell, 2016, S. 91–92).

Wichtiger Teil der Konstruktion von Be_hinderung bzw. Doing Dis_ability ist ‚compulsory abledbodiedness‘ (vgl.: Köbsell, 2016, S. 94). Dies ist ein Konzept, das angelehnt an ‚compulsory heterosexuality‘ aufzeigt, dass alle gesellschaftlichen Bereiche sowohl an einer verpflichtenden Heterosexualität als auch an einer verpflichtenden ablebodiedness ausgerichtet sind und bspw. beides getrennt von Politik gesehen wird und als natürliche Art zu leben (vgl.: Köbsell, 2016, S. 94).

Doing Dis_ability findet auf der Ebene alltäglicher Interaktionen statt, welche bestimmte Handlungen und Fähigkeiten mit der Bedeutung be_hindert oder nichtbe_hindert versehen (vgl.: Köbsell, 2016, S. 92). Die Zuschreibungen, die beim Doing Dis_ability unreflektiert in Wahrnehmungen, Interaktionen und alltagspolitische Handlungen hineinfließen und Wirkung entfalten, sind meist negativ (wie oben auf Seite 7 bereits genannt). Diese negativen Zuschreibungen können sich zu herabwürdigendem und bevormundenden Verhalten entwickeln, wie z.B., dass Menschen mit Be_hinderung nicht als gleichwertige Gesprächspartner*innen gesehen werden oder automatisch zugeschrieben wird, Hilfe im Alltag zu brauchen (vgl.: ebd.). Diese Erwartungen und Zuschreibungen können internalisiert werden und als eigene Handlungsmaximen übernommen werden, so dass sich die Vorannahmen zu erfüllen scheinen (Stichwort: Selbsterfüllende Prophezeiung).

„So schreibt Fredi Saal ‚Ich bin nämlich ein gelernter Behinderter. Die Rede vom ‚gelernten’ Behinderten bitte ich wortwörtlich zu nehmen. Denn ich bin zwar mit einer spastischen Lähmung geboren worden, ich bin aber nicht mit dem Sozialstatus eines Behinderten auf die Welt gekommen. Mich als Behinderten anzusehen, habe ich gelernt – und zwar gründlich!‘ (1996, S. 87)“ (Köbsell, 2016, S. 93).

Fazit

Insgesamt hat mich die Auseinandersetzung mit den Dis_ability Studies dazu angeregt, mich aus erweiterten Perspektiven mit gesellschaftlichen Normalisierungsprozessen auseinanderzusetzten. Diese produzieren im gesellschaftlichen Zusammenleben verschiedenste Diskriminierungsformen. Eine Normalisierung von Nichtbe_hinderung bringt eine Naturalisierung von Be_hinderung als negativ konnotiert und eingeschränkt mit sich. Die Konstruktion von Gender und die Infragestellung von Heteronormativität ist im gesellschaftlichen Diskurs angekommen und es hat sich ein Sensibilisierungsprozess eingestellt. Obwohl das individuell-medizinische Modell bereits vom sozialen Modell abgelöst wurde, ist diese neue Perspektive scheinbar noch nicht in der Gesellschaft angekommen und Be_hinderung wird als ‚Naturphänomen‘ gesehen. Dies ist wegbereitend für Ableismus. Ein gesellschaftlicher Diskurs kann dazu beitragen, dass Be_hinderung gesamtgesellschaftlich als soziales Konstrukt gesehen wird und damit auch als gesamtgesellschaftliche Dekonstruktions-Aufgabe.

Abschließend möchte ich sagen, dass es aus meiner Sicht noch viel Bedarf gibt für Ableismus zu sensibilisieren, damit wir uns alle weiter von einer exkludierenden Gesellschaft wegbewegen, hin zu einer inkludierenden. Dies können nichtbe_hinderte Menschen tun, indem sie sich z.B. selbstständig informieren oder auch mit Geldspenden Einrichtungen, Organisationen usw. unterstützen, die sich gegen Ableismus einsetzen oder auch Beratungen und Fortbildungen anbieten – wie es bspw. der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. tut.

Literaturverzeichnis

Anhorn, R., Bettinger, F., Schmidt-Semisch, H. & Stehr, J. (Hrsg.). (2007). Foucaults Machtanalytik und soziale Arbeit. Eine kritische Einführung und Bestandsaufnahme (Lehrbuch, Bd. 1, 1. Aufl.). Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss. https://doi.org/10.1007/978-3-531-90710-9

Elsen, H. (2020). Gender – Sprache – Stereotype: Geschlechtersensibilität in Alltag und Unterricht (1. Aufl.). UTB GmbH.

Gümüşay, K. (2021). Sprache und Sein. btb Verlag.

Günthner, S. (2019). Sprachwissenschaft und Geschlechterforschung: Übermittelt unsere Sprache ein androzentrisches Weltbild?. In: Kortendiek, B., Riegraf, B., Sabisch, K. (eds) Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung. Geschlecht und Gesellschaft, vol 65. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-12496-0_126

Grochar, P. (2022, 12. August). Das Individuell-medizinische Modell von Behinderung | DISTA. Zugriff am 12.08.2022. Verfügbar unter: https://dista.uniability.org/glossar/das-individuell-medizinische-modell-von-behinderung/

Hentges, G. & Nottbohm, K. (2014). Sprache – Macht – Rassismus (1. Aufl.). Metropol-Verlag.

Köbsell, S. (2016). Doing Dis_ability: Wie Menschen mit Beeinträchtigungen zu „Behinderten“ werden. In K. Fereidooni & A. P. Zeoli (Hrsg.), Managing Diversity (S. 89–103). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-14047-2_6

Krauthausen, R. (2011, 7. November). Wenn Sprache behindert. Raul Krauthausen. Zugriff am 27.07.2022. Verfügbar unter: https://raul.de/wortsport/wenn-sprache-behindert/

N.N. (2022, 15. August). Gendergerechte Sprache • Diversity • Freie Universität Berlin. Zugriff am 15.08.2022. Verfügbar unter: https://www.fu-berlin.de/sites/diversity/antidiskriminierung/sprache/gender/index.html

Nduka-Agwu, A. & Hornscheidt, A. L. (2013). Rassismus auf gut Deutsch: Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen (wissen & praxis) (2., Auflage). Brandes & Apsel.

Ogette, T. (2022). exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen (9. Aufl.). Unrast Verlag.

Payk, K. (2019, 12. März). Hä? Was bedeutet be_hindert? – Missy Magazine. Missy Magazine, 01/19. Zugriff am 15.08.2022. Verfügbar unter: https://missy-magazine.de/blog/2019/03/12/hae-was-bedeutet-be_hindert/

Raab, H. (2012). Doing Feminism: Zum Bedeutungshorizont von Geschlecht und Heteronormativität in den Disability Studies. In K. Rathgeb (Hrsg.), Disability Studies (S. 69–89). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-18972-7_6

Sow, N. (2018). Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus (1. Aufl.). BoD – Books on Demand.

Waldschmidt, A. (2022). Handbuch Disability Studies. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-531-18925-3

Zander, M. (2022). Ist Behinderung eine soziale Konstruktion? Zur Kritik sozialkonstruktivistischer Auffassungen in den (deutschsprachigen) Disability Studies. https://doi.org/10.15203/ZDS_2022_1.04


[1] Gerne möchte ich anmerken, dass es DIE deutsche Linke nicht gibt, sondern innerhalb linker Kreise viele verschiedene Strömungen existieren. Insgesamt gibt es viele Diskussions- und Streitpunkte in linken Kreisen, jedoch würde ich meinen, dass es ein verbindendes Glied gibt: Die Auseinandersetzung mit Macht- und Unterdrückungsverhältnissen und damit zusammenhängend Diskriminierungsstrukturen in der Gesellschaft. Ein gemeinsames Ziel, wäre die Abschaffung dieser Unterdrückungsverhältnisse hin zu einer Vielfalt-integrierenden Gesellschaft. Wie das jedoch geht, wo begonnen wird usw. sind wiederum Streitpunkte.

[2] Mit ‚Mainstream‘ meine ich in diesem Zusammenhang Bücher, die nicht nur in einem Fachdiskurs gelesen werden, sondern auch in einer breiteren Gruppe der Gesellschaft.

[3] Wobei ich bei diesem Punkt länger überlegt habe, ob ich den Doppelpunkt verwenden möchte, da ich in einem Vortrag gehört habe, dass sehbehinderte oder eingeschränkte Menschen, die ein Lesegerät nutzen, den Doppelpunkt besser dechiffrieren können. Nun habe ich aber auf der Website der FU gelesen, dass der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. das Sternchen favorisiert, da dieses von den Geräten besser zu lesen sei (vgl.: N.N. (2022). Was ich mich in diesem Zusammenhang noch gefragt habe, ob der Unterstrich, den ich bei Be_hinderung nutze, von den Lesegeräten gelesen werden kann oder ob dieser den Lesefluss stören würde. Dazu habe ich leider nichts gefunden.

[4] Über die Konstruiertheit von impairment gibt es innerhalb der Disability Studies Kritik und unterschiedliche Ansichten. Dies zeigt bspw. ein Artikel in der Zeitschrift für Disability Studies in der Ausgabe vom Februar 2022 (vgl.: Zander (2022).


Quelle: Tomke Thielebein, Be_hinderung ist ein Konstrukt, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 01.11.2022, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=292

Die Rolle der Sprache im Alltagsrassismus

Lena Hackauf (SoSe 2022)

1. Einleitung

Im November 2020 sowie im Januar 2021 strahle der WDR eine Folge der Talkshow Die letzte Instanz aus.[1] Diskursthema der Show war es unter anderem, sich darüber auszutauschen, ob die Z-Soße[2] einen anderen Namen erhalten sollte. Hintergrund dafür war die jahrelange Beschwerde der Sinti und Roma, dass eben jene Bezeichnung eine Diskriminierung darstelle. Schlussendlich drang dies zu einem Hersteller durch, der die Soße schließlich in Paprikasauce ungarische Art umbenannte. Der WDR-Moderator Steffan Hallaschka und das Team der Show luden vier prominente weiße – und damit vier nicht betroffene – Menschen ein, um über die Frage zu debattieren. Die vier Gäste waren sich einig, dass es nicht diskriminierend sei, das Z-Wort oder auch das N-Wort zu verwenden.

Insbesondere nach der erneuten Ausstrahlung der Sendung im Januar 2021 war die Kritik an dem Thema, der inhaltlichen Debatte sowie an den Gästen groß (vgl. Dell 2021, Sterz & Haruna-Oelker 2021). Die Debatte in der Show macht deutlich, wie tief verwurzelt Rassismus in der deutschen Gesellschaft ist. Dabei wird ein bestimmter Bereich des Rassismus bedient, der sogenannte Alltagsrassismus. Diese Hausarbeit möchte sich im Bereich des Alltagsrassismus mit diskriminierender Sprache in Deutschland beschäftigen. Dafür soll zunächst einmal geklärt werden, was unter Rassismus sowie Alltagsrassismus verstanden werden kann. Anschließend soll spezifisch auf den Aspekt der rassistischen Sprache in Deutschland eingegangen werden.

2. Rassismus   

 Unter einer rassistischen Tat versteht die Mehrheit der Menschen einen gewalttätigen, mutwilligen und offensiven Akt der Diskriminierung. Hinzu kommt, dass es sich hierbei um seltene Ausnahmen handeln würde, nur eine rechte Minderheit würde beziehungsweise könne rassistisch handeln (vgl. Schramkowski & Ihring 2018, S. 279). Diese Auffassung von Rassismus stimmt jedoch nicht. Ganz im Gegenteil: Die offensive Form von Rassismus spiegelt nicht die ganze Bandbreite der Diskriminierung von Menschen etwa aufgrund ihrer Ethnie, Religion oder Hautfarbe dar. Rassismus ist eine Ideologie, die davon ausgeht, dass die Menschheit in verschieden „Rassen“ unterteilt werden könne (Koller 2015). Dadurch sei es möglich, anhand von willkürlichen Eigenschaften, wie zum Beispiel körperlichen Merkmalen, Menschen nicht nur zu unterscheiden, sondern auch den Gruppen Privilegien zu- oder abzuschreiben. Es geht also darum, sich selbst von anderen, von Fremden, abzugrenzen und gleichzeitig Machtverhältnisse herzustellen (vgl. Hergesell 1992, S. 748).  
Rassismus ist ein System, dessen Wurzeln bis in die Antike zu verfolgen sind (vgl. Rommelspacher 2009, S. 28). Auch das Gesellschaftssystem der Kasten in Indien sind ein Erzeugnis rassistischer Motive (vgl. Rommelspacher 2009, S. 28). Besonders zentral für das heutige Verständnis von Rassismus ist jedoch die Rassentheorie des 18. Jahrhunderts in Europa (vgl. Koller 2015). Diese Theorie soll(te) dazu dienen, Menschen zu kategorisieren und hierarchisch zu sortieren. Auf diese Weise rechtfertigten die Könige europäischer Länder wie beispielsweise Großbritannien, der Niederlande oder Deutschlands die Kolonialisierung auf dem afrikanischen, amerikanischen oder auch süd-ost-asiatischen Kontinent (vgl. Koller 2015).

Auch im 21. Jahrhundert haben die rassistischen Strukturen der Gesellschaft Auswirkungen auf „soziale, politische und wirtschaftliche Handlungen“ (Rommelspacher 2009, S. 25). Zum modernen Rassismus können Formen wie der Antisemitismus, Antiislamismus sowie der Antiziganismus gezählt werden (vgl. Rommelspacher 2009).

2.1 Die Alltäglichkeit von Rassismus

Rassismus zeigt sich vielseitig. Neben der offensiven Form von Rassismus, die sich beispielsweise durch offenkundige Beleidigungen oder physische Angriffe äußert, gibt es eine weitere Form, den sogenannten Alltagsrassismus. Dieser beginnt bei abfälligen Blicken, geht über Fragen nach der ‚wirklichen‘ Heimat und endet schlussendlich in strukturellen Benachteiligungen von BIPoC[3], zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Suche nach einer Wohnung.

Ein wesentlicher Punkt rassistischen Gedankenguts ist es, Menschen mit der Hilfe von Stigmatisierung und Verallgemeinerungen zu gruppieren. Auch mit vermeintlich wohlwollenden Aussagen sollen Menschen eingeordnet werden (Nguyen 2014). Eine solche, aufgrund von Herkunft, Name, Sprache, Religion und vielem weiteren basierten, Verallgemeinerungen wäre zum Beispiel eine Aussage wie ‚Alle Asiaten sind gut in Mathe.‘ Dabei ist es nicht wichtig, ob die Auffassung positiv oder negativ gemeint war. Mit solchen Verallgemeinerungen spricht man den Menschen ihre Individualität, ihr Können und ihre Fähigkeiten ab. Denn es wird gleichzeitig impliziert, dass jeder Mensch, der wie in dem angeführten Beispiel als Asiate gelesen wird, ohnehin gut mit Zahlen umgehen könne und es somit nichts Besonderes sei.

In der Regel werden solche Bemerkungen und Behandlungen von Nicht-Betroffenen nicht als rassistisch eingeordnet (vgl. Schramkowski & Ihring 2018, S. 280). Das hängt zum Teil damit zusammen, dass das Thema Rassismus in unserer Gesellschaft tabuisiert ist und sich die Mehrheitsbevölkerung in Deutschland nur ungern damit beschäftigt – ein Privileg. Denn wie bereits erwähnt, wird davon ausgegangen, dass Rassismus kaum vorkäme. Ein Hauptbestandteil des Alltagsrassismus ist damit die Banalität (vgl. Schramkowski & Ihring 2018, S. 281).

Doch auch BIPoC, also von Rassismus betroffene Menschen, können alltagsrassistische Handlungen und Bemerkungen übersehen (vgl. Nguyen 2014). Das liegt daran, dass auch BIPoC mit den Vorurteilen der hiesigen Gesellschaft aufwachsen und sozialisiert werden. Unter racial bias kann man die Stereotype zusammenfassen, die unterbewusst einen Einfluss auf unsere Handlungsweisen haben (vgl. Valla et al. 2018, S. 195-196). In der Studie von Valla et al. (2015) wird deutlich, dass es sowohl weißen als auch schwarzen Menschen leichter fällt, positive Eigenschaften weiß aussehenden Menschen zuzuordnen. Hingegen fällt es ebenfalls beiden Testgruppen leichter, schwarz gelesenen Menschen negative Attribute zuzuschreiben (vgl. Valla et al. 2015). Die Ergebnisse legen nahe, dass Alltagsrassismus einen Effekt darauf hat, wie BIPoC ihre Umwelt wahrnehmen und sie ebenfalls die rassistischen Stereotype, das „rassistische Wissen”, der Gesellschaft verinnerlichen (Nguyen 2014).

2.2 Diskriminierende Worte

Worte spielen eine elementare Rolle im Alltagsrassismus. Dabei können zwei Arten von Rassismuserfahrungen unterschieden werden (vgl. Çiçek et al. 2014, S. 311): Neben der primären Rassismuserfahrung, durch zum Beispiel offensive Hetze gegen Menschengruppen aufgrund ihrer Ethnie, Religion oder ähnlichem, gibt es auch sekundäre Rassismuserfahrungen. Letztere sind dem Alltagsrassismus zuzuordnen. Dazu zählen neben Kommentaren, den vermeintlichen Komplimenten, Zuschreibungen und vielem mehr ein Pool rassistischer Beleidigungen, auf englisch racial slurs. Die racial slurs sind geschichtlich bis in die Kolonialzeiten zurückzuführen – teilweise auch noch weiter zurück. Sie entstanden und wurden genutzt, um die damit zu bezeichnenden Menschen herabzusetzen. Zu den racial slurs zählen zum Beispiel das N- und M-Wort für schwarze Menschen sowie das Z-Wort für Sinti und Roma.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma (2015) schreibt dazu: Das Z-Wort „ist eine von Klischees überlagerte Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die von den meisten Angehörigen der Minderheit als diskriminierend abgelehnt wird.“ Denn egal ob man racial slurs mit oder ohne schlechte Intention verwendet, sie transportiert und reproduzieren die rassistische Vergangenheit, durch die sie geprägt sind (vgl. Çiçek et al. 2014, S. 313). Racial slurs wie das Z-Wort sind mit realen Gewaltakten direkt und unwiderruflich verbunden. Das Z-Wort ist beispielsweise bis in das 16. Jahrhundert in Deutschland zurückzuführen. In seiner etymologischen Entstehung steht es in einer engen Verbindung zu den Stereotypen über die Sinti und Roma (vgl. Zentralrat Deutscher Sinti und Roma 2014). Gewalttaten sowie die systematische Vernichtung der Sinti und Roma im Dritten Reich wurden mit eben jenen Stereotypen begründet und gerechtfertigt.

Die mit Schmerz und Leid verbundenen racial slurs sind noch immer im Alltag aufzufinden und transportieren und verkörpern eben jene Erfahrungen – seien es Straßennamen, Speisen und Süßigkeiten oder ältere Literatur, zu der auch Kinderbücher wie zum Beispiel Pippi Langstrumpf oder Die kleine Hexe zählen. Durch die alltäglich wiederholende Diskriminierung der racial slurs werden die rassistischen Prinzipien und Machtstrukturen gefestigt. Kourabas (2019, S. 20) fasst zusammen:

„Durch sprachliche Bezeichnungen, die an rassistische Bilder der Unterordnung und vermeintlicher Minderwertigkeit und Geschichtslosigkeit anknüpfen, werden Personen und Personengruppen herabgewürdigt, entmenschlicht, beschimpft, homogenisiert, exotisiert, infantilisiert und als Fremde und Andere in einem geschichtslosen Vakuum exkludiert.“

3. Sprache schafft Wirklichkeit

Sprache hat einen direkten Einfluss darauf, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Das belegt zum Beispiel die Studie des Linguisten Levinson (1997). In dieser Beschreibt Levinson, dass es der indigenen Sprache Guugu Yimithirr der Aborigines in Australien keine Begriffe für links, recht, vorne oder hinten gibt. Um zu beschreiben, dass hinter einer Person ein Unwetter aufzieht, nutzen die Menschen stattdessen die Himmelsrichtungen. Also zum Beispiel ‚Nördlich von dir zieht ein Unwetter heran.‘ Da die Menschen sich täglich orientieren müssen, um richtig kommunizieren zu können, haben sie einen ausgeprägten Orientierungssinn. Sogar in einem dunkeln Raum ohne Fenster können sie die Himmelsrichtigen korrekt bestimmen (vgl. Levinson 1997, S. 125).

Mit Sprache formen wir also unser Denken, unsere Realität und schließlich auch, wie wir handeln. Denn wer spricht, der handelt (vgl. Kourabas 2019, S. 19). Menschen können sich nur aktiv dazu entscheiden, zu sprechen. Der Sprechakt oder die Sprechhandlung ist also immer absichtlich. Hinzu kommt, dass Sprache eine performative Eigenschaft innehat (vgl. Kourabas 2019, S. 19). Das bedeutet, Menschen bezeichnen Dinge und Umstände. Neben der Beschreibung ihrer Umwelt reproduzieren sie die dazugehörigen Vorstellungen und geben diese an die Gesprächspartner*innen weiter (vgl. Kourabas 2019, S. 19). Menschen, die innerhalb einer Gesellschaft aufwachsen, lernen durch ihre Sozialisation die Bedeutungen, die hinter den Wörtern stehen. Dadurch ist es möglich, sich zu unterhalten. Gleichzeitig ist es nicht möglich, Wörter auszusprechen, ohne ihre durch die Gesellschaft bestimmten Bedeutungen zu transportieren.

Sprache ist also ein machtvolles Instrument. Mit der Hilfe der richtigen Wörter drücken Menschen nicht nur aus, was sie mit ihren Augen wahrnehmen oder mit ihrem Herzen fühlen, sondern vermitteln auch Machtstrukturen und Beziehungen (vgl. Kourabas 2019, S. 20). Deutlich wird das zum Beispiel auch beim Duzen und Siezen. Je nachdem, ob zwei Menschen untereinander ‚du‘ oder ‚sie‘ beziehungsweise nur einer von beiden duzt und die andere Person siezt, erkennt man, wie eng die Beziehung zwischen ihnen ist.

Auf der Grundlage dessen, dass Sprache ein performativer Akt ist und einen unwiderruflichen Einfluss darauf hat, wie Menschen ihre Umgebung wahrnehmen, sowie der Tatsache, dass die racial slurs noch immer im alltäglichen Sprachgebrauch ihren Platz haben, soll im Folgenden darauf eingegangen werden, welchen Einfluss rassistische Sprache auf Menschen haben kann.

4. Rassismus macht krank

Wenn Sprache handeln ist, dann können Worte zu Waffen werden. Rassistisch konnotierte Bezeichnungen und Bemerkungen sind somit ein Akt der Gewalt (vgl. Kourabas 2019, S. 21).

Anders als bei körperlicher Gewalt sind die Schäden weniger leicht zu greifen. Immerhin zeichnen sich keine blauen Flecken ab, wenn Personen durch Worte verletzt werden.

Neben der gesellschaftlichen Prägung des rassistischen Wissens hat ein alltägliches Differenzieren zwischen ‚wir ‘und ‚ihr‘, auch Othering genannt, durch Kommentare, Blicke und strukturelle Benachteiligungen einen Effekt auf Betroffene, der nicht zu unterschätzen ist (vgl. Nguyen 2014).

Rassismus hat Auswirkungen auf das körperliche Wohlbefinden der Betroffenen, sowie auf die Psyche (vgl. Schramkowski & Ihring 2018, S. 282). Insbesondere das Beobachten oder Erleben von Alltagsrassismus kann auf so eine Weise belastend sein, dass die Menschen Traumata entwickeln (vgl. Yeboah 2017, S. 147-148). Die Folgen davon können unter anderem Stress, Depressionen, Selbstverletzung oder Suizid sein (vgl. Yeboah 2017, S. 148, 150). In Deutschland geborene oder aufgewachsene BIPoC beschreiben zudem, dass sie, durch die alltäglichen Erfahrungen von Rassismus, nicht das Gefühl haben, zu der hiesigen Gesellschaft dazuzugehören (vgl. Schramkowski &Ihring 2018, S. 282). Gleichzeitig bekämen sie das Gefühl, ‚zu deutsch‘ für ihre zum Beispiel türkische oder vietnamesische Familienseite zu sein. Alltagsrassismus, inklusive der racial slurs, kann somit eine Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität auslösen. Hinzu kommt, dass Menschen, die rassistisch diskriminierende Worte erleiden, die kommunizierten Werte verinnerlichen und sich schlussendlich „selbst als ‚Andere‘ [beginnen] wahrzunehmen“ (Kourabas 2019, S. 21).

5. Fazit

Zusammenfassend zeigt die Debatte aus der WDR-Show Die letzte Instanz eindrücklich und beispielhaft, wie tief verwurzelt die rassistische Ideologie noch immer in der heutigen Gesellschaft ist. Bereits die Diskussionsfrage, ob die genannte rassistische Beleidigung diskriminierend sei, belegt dies. Die jeweilig betroffenen BIPoC äußerten sich bereits (mehrfach) dazu. Wie im Beispiel der Sinti und Roma sind racial slurs eindeutig diskriminierend und sollten nicht verwendet werden (vgl. Zentralrat Sinti und Roma 2015). Es gliedert sich in die rassistische Ideologie der ‚weißen Vorherrschaft‘ ein, dass weiße Menschen als die letzte und damit endgültig Instanz es besser wissen würden, um die Diskussionsfrage zu beantworten – ungeachtet dessen, dass keiner der Gäste Rassismus erfahren haben kann.

Rassismus besteht nicht nur aus offensiven Gewalttaten, sondern versteckt sich auch in alltäglichen Handlungen. Versteckt, weil es nicht immer leicht ist, die rassistische Äußerung zu erkennen, sowohl für Betroffene als auch für BIPoC. Alltagsrassismus äußert sich in Bemerkungen, ‚Witzen‘, vermeintlichen Komplimenten, (Fremd)Bezeichnungen sowie auch auf struktureller Ebene. Das bedeutet, aufgrund des alltäglichen Rassismus haben BIPoC schlechtere Chancen auf beispielweise dem Arbeitsplatz, im Gegensatz zu weißen Menschen.

Die rassistische Ideologie basiert zum größten Teil auf einem Konzept aus dem 18. Jahrhundert. Um die Menschen nicht nur physisch zu erniedrigen, sondern auch auf mentaler Ebene, wurden damals verschiedene racial slurs wie das Z- oder N-Wort eingeführt. Somit verkörpern auch die racial slurs das rassistische Gedankengut. Dieses wird bei der Verwendung der Wörter reproduziert. Damit sind racial slurs als Gewalttat zu betrachten. Wie auch bei anderen Formen der (sprachlichen) Gewalt, hinterlassen die Wörter Spuren und können psychisch krank machen.

Sprache ändert sich stetig – und das schon immer. Wir sprechen nicht mehr so wie vor 10, 50 oder 100 Jahren. Ohne den Wandel und das stetige neue Verständnis der Wörter gäbe es die deutsche Sprache, wie wir sie heute kennen, nicht. Tatsächlich kann die deutsche Sprache sogar anhand eines Sprachwandels definiert werden, nämlich der zweiten deutschen Lautverschiebung (vgl. Mohamed 2019). Dadurch wird recht deutlich, dass ein Wandel der Sprache nicht nur nicht vermeidbar ist, sondern, wenn man einen Schritt weitergeht, sogar unabdingbar. Und dennoch weigern sich viele Menschen dagegen, verschiedene Wörter nicht mehr zu benutzen, wie zu sehen und zu hören in Die letzte Instanz. Es fallen Sätze wie ‚Das haben wir schon immer gesagt‘, ‚Das ist doch gar nicht böse gemeint‘ oder ‚Stell dich mal nicht so an‘.

Dabei scheint die Lösung doch so simpel: Von Rassismus betroffene Menschen reden lassen und zuhören. Wie möchte mein Gegenüber bezeichnet werden und wie nicht? Mehr Bildung und Aufklärung ist nötig und vor allem müssen sich auch weiße Menschen mit Rassismus beschäftigen. Nicht nur weil es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt, sondern auch, weil weiße Menschen rassistische Denk- und Handlungsmuster ablegen müssen, um eine Veränderung zu erreichen.

Literaturverzeichnis

Çiçek, A., Heinemann, A., & Mecheril, P. (2014). Warum Rede, die direkt oder indirekt rassistische Unterscheidungen aufruft, verletzen kann. Sprache–Macht–Rassismus, 309-326.

Dell, M. (2021, 1. Februar). Ungenial daneben. Die Zeit. Abgerufen am 25. Juli 2022 von https://www.zeit.de/kultur/film/2021-01/wdr-sendung-letzte-instanz-thomas-gottschalk-rassismus-janine-kunze

Hergesell, B. (1992). Sie sind „faul “,„schwul” und „dumm “. Zum Alltagsrassismus im Betrieb. Gewerkschaftliche Monatshefte, 12, 745-754.

Kourabas, V. (2019). Sprache-Macht-Rassismus: Eine Einführung. Denkanstöße für eine rassismuskritische Perspektive auf kommunale Integrationsarbeit in den Kommunalen Integrationszentren–Ein Querschnittsthema.

Koller, C. (2015, 8. Dezember). Was ist Rassismus? Bundeszentrale für politische Bildung. Abgerufen am 26. Juli 2022 von https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/213678/was-ist-eigentlich-rassismus/

Levinson, S. C. (1997). Language and cognition: The cognitive consequences of spatial description in Guugu Yimithirr. Journal of linguistic anthropology7(1), 98-131.

Migrationsrat (2020, 2. April). BIPoC. Abgerufen am 26. Juli 2022 von https://www.migrationsrat.de/glossar/bipoc/

Mohamed, A. S. (2019). Die Ursprünge der deutschen Sprache-Die erste und zweite Lautverschiebung. Beni-Suef University International Journal of Humanities and Social Sciences, 1(1), 123-145.

Nguyen, T. Q. (2014, 6. November). „Offensichtlich und zugedeckt“ – Alltagsrassismus in Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung. Abgerufen am 26. Juli 2022 von https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/194569/offensichtlich-und-zugedeckt-alltagsrassismus-in-deutschland/

Schramkowski, B., Ihring, I. (2018). Alltagsrassismus. In: Blank, B., Gögercin, S., Sauer, K., Schramkowski, B. (eds) Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-19540-3_23

Sterz, C., & Haruna-Oelker, H. (2021, 1. Februar). „Ein Beispiel, das repräsentativ für andere steht“. Deutschlandfunk. Abgerufen am 25. Juli 2022 von https://www.deutschlandfunk.de/kritik-an-wdr-talkshow-letzte-instanz-ein-beispiel-das-100.html

Rommelspacher, B. (2009). Was ist eigentlich Rassismus. Rassismuskritik1, 25-38.

Valla, L. G., Bossi, F., Calì, R., Fox, V., Ali, S. I., & Rivolta, D. (2018). Not only whites: racial priming effect for black faces in black people. Basic and Applied Social Psychology, 40(4), 195-200.

Yeboah, A. (2017). Rassismus und psychische Gesundheit in Deutschland. In Rassismuskritik und Widerstandsformen (pp. 143-161). Springer VS, Wiesbaden.

Zentralrat Sinti und Roma (2015, 9. Oktober). Erläuterung zum Begriff „Zigeuner“. Stellungnahmen. Abgerufen am 25. Juli 2022 von https://zentralrat.sintiundroma.de/sinti-und-roma-zigeuner/

Ausschnitt Die letzten Instanz:

Ulirhein (2021, 1. Februar). „Das Ende der Zigeunersauce: Ist das ein notwendiger Schritt?“ aus „Die letzte Instanz – …“, WDR [Video] Abgerufen am 13. August 2022 von https://www.youtube.com/watch?v=v32zQTd7JwA&t=707s


[1] In der WDR-Mediathek ist die Folge nicht mehr zu finden. Auf YouTube ist der Beitrag noch anzuschauen, jedoch nicht auf dem offiziellen YouTube-Kanal der WDR oder der Letzten Instanz. 

[2] Der Buchstabe „Z“ steht an dieser Stelle stellvertretend für eine diskriminierende Bezeichnung für Sinti und Roma, die in dieser Hausarbeit nicht reproduziert werden soll.

[3] BIPoC = Black, Indigenous, and People of Color (vgl. Migrationsrat 2020)


Quelle: Lena Hackauf, Die Rolle der Sprache im Alltagsrassismus, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 01.11.2022, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=285