Geschlecht, Migration und Gesundheit in der Live-in-Betreuung

Nicholas Reinke (SoSe 2026)

1. Einleitung

In Deutschland sind etwa fünf Millionen Menschen pflegebedürftig. Rund 80 Prozent von ihnen werden zu Hause versorgt (Statistisches Bundesamt (Destatis), 2022). Ein Teil dieser Care-Arbeit wird von Angehörigen übernommen, wobei Frauen weiterhin einen überproportionalen Anteil der Sorgearbeit leisten. Ergänzend werden migrantische Betreuungskräfte beschäftigt, die häufig aus mittel- und osteuropäischen Ländern nach Deutschland kommen. Die Schätzungen zu ihrer Zahl reichen von 150.000 bis zu 600.000 Personen (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 2).

Die Beschäftigungsverhältnisse der Betreuungskräfte sind unterschiedlich organisiert. Dazu gehören die Entsendung durch Agenturen im Herkunftsland, die direkte Anstellung durch Privathaushalte, scheinbare Selbstständigkeit und informelle Beschäftigung. Nach Matuszczyk befinden sich lediglich 15 bis 20 Prozent der polnischen migrantischen Hausarbeiter*innen in einem formal legalen Arbeitsverhältnis; der überwiegende Teil arbeitet unter informellen oder rechtlich prekären Bedingungen (Matuszczyk, 2021, S. 95). Auch Hipp et al. beschreiben den deutschen Arbeitsmarkt für 24-Stunden-Live-in-Betreuung als weitgehend unreguliert (Hipp et al., 2024, S. 6).

Eine häufige Beschäftigungsform ist das sogenannte Posting-Modell. Dabei werden Betreuungskräfte von einer Agentur im Herkunftsland nach Deutschland entsandt. Andere Personen arbeiten selbstständig oder werden direkt durch einen Privathaushalt angestellt. Eine direkte Anstellung würde grundsätzlich den gesetzlichen Mindestlohn und weitere arbeitsrechtliche Standards voraussetzen. Da dies für Privathaushalte mit hohen Kosten verbunden ist, werden rechtliche Vorgaben in der Praxis jedoch häufig umgangen. In informellen Beschäftigungsverhältnissen bestehen meist weder ausreichende soziale Absicherung noch verlässliche Möglichkeiten, eigene Rechte durchzusetzen (Hipp et al., 2024, S. 6 f.).

Die Prekarität entsteht jedoch nicht allein durch das Vertragsmodell. Die Betreuung findet im Privathaushalt statt, also an einem Ort, der staatlicher Kontrolle nur begrenzt zugänglich ist. Zudem wohnen die Betreuungskräfte während ihres Einsatzes im Haushalt der pflegebedürftigen Person. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeitszeit, Bereitschaftszeit und Freizeit. Neben körperbezogener Pflege werden häufig Haushaltsarbeit, emotionale Unterstützung und nächtliche Verfügbarkeit erwartet. Durisova beschreibt diese Situation als örtliche, zeitliche und soziale Gebundenheit. Der Alltag der Betreuungskraft orientiert sich an den Bedürfnissen der pflegebedürftigen Person; dabei kann eine „Wer bezahlt, der schafft an“-Mentalität entstehen (Durisova, 2017, S. 61).

Diese Arbeitsorganisation kann erhebliche gesundheitliche Folgen haben. Zu den beschriebenen Belastungen gehören permanente Verfügbarkeit, fehlende Erholungszeiten, soziale Isolation, körperliche Überforderung, emotionale Beanspruchung und die Trennung von der eigenen Familie (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 2 f.). Die zentrale Forschungsfrage dieser Arbeit lautet daher:

Wie prägt die geschlechtsspezifische Organisation von Care-Arbeit die Arbeitsbedingungen und gesundheitlichen Belastungen migrantischer Betreuungskräfte in der Live-in-Betreuung?

Zur Beantwortung wird zunächst ein intersektionaler theoretischer Rahmen entwickelt. Anschließend werden die Arbeitsbedingungen, gesundheitlichen Belastungen und Handlungsmöglichkeiten der Betreuungskräfte analysiert. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die verwendeten Studien Geschlecht überwiegend binär erfassen und zwischen Frauen und Männern unterscheiden. Nichtbinäre, trans, intergeschlechtliche und weitere geschlechtliche Identitäten werden weitgehend nicht berücksichtigt. Die Ergebnisse können daher nicht als vollständige Darstellung aller geschlechtlichen Lebenslagen verstanden werden.

2. Theoretischer Rahmen

2.1 Intersektionalität

Der Begriff der Intersektionalität geht wesentlich auf Kimberlé Crenshaw zurück. Crenshaw kritisiert Analysen, die soziale Ungleichheit jeweils nur entlang einer Kategorie untersuchen. Eine Forschung, die allgemein von „Frauen“ spricht, kann beispielsweise die spezifischen Erfahrungen migrantischer oder rassifizierter Frauen unsichtbar machen. Umgekehrt können Analysen von Migration und Rassismus geschlechtsspezifische Unterschiede innerhalb migrantischer Gruppen übersehen (Crenshaw, 1991, S. 1241 ff.).

Für diese Arbeit bedeutet dies, migrantische Betreuungskräfte nicht lediglich als Frauen und auch nicht ausschließlich als Migrant*innen zu betrachten. Ihre Arbeits- und Lebenssituation wird durch das Zusammenwirken von Geschlecht, Migration, Klasse, nationaler Zugehörigkeit, Aufenthaltsstatus und Beschäftigungsform geprägt. Diese Kategorien wirken nicht unabhängig voneinander, sondern bringen eine spezifische soziale Position hervor. Die Gruppe der migrantischen Betreuungskräfte ist deshalb nicht homogen.

Ein intersektionaler Ansatz verhindert eine individualisierende Interpretation gesundheitlicher Belastungen. Wenn eine Betreuungskraft erschöpft, gestresst oder sozial isoliert ist, liegt dies nicht unbedingt an mangelnder individueller Belastbarkeit. Die gesundheitliche Situation kann vielmehr Ausdruck einer Arbeitsorganisation sein, in der weiblich konnotierte Sorgearbeit mit einem unsicheren Migrationsstatus, familiärer Trennung und geringen arbeitsrechtlichen Schutzmöglichkeiten verbunden wird. Geschlecht bezeichnet dabei nicht nur die Identität der Beschäftigten, sondern auch eine gesellschaftliche Ordnung, in der bestimmte Tätigkeiten als „weiblich“ gelten (Spitzer et al., 2023, S. 4).

Allerdings darf Intersektionalität nicht auf die bloße Aufzählung mehrerer Kategorien reduziert werden. Die ausgewerteten Studien ermöglichen keine gleich differenzierte Analyse von Geschlecht, Klasse, Aufenthaltsstatus und nationaler Zugehörigkeit. Präziser handelt es sich um eine geschlechter- und migrationsbezogene Analyse mit ergänzenden Bezügen zu Klasse und Beschäftigungsstatus.

2.2 Geschlechter-, Migrations- und Care-Regime

Lutz und Palenga-Möllenbeck verstehen transnationale Haus- und Pflegearbeit als Ergebnis des Zusammenspiels von Geschlechter-, Migrations- und Wohlfahrtsregimen. Das Geschlechterregime prägt die gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, wer Sorgearbeit leisten soll und welchen Wert diese Arbeit besitzt. Das Migrationsregime bestimmt, unter welchen rechtlichen Bedingungen Menschen einreisen, arbeiten und soziale Rechte in Anspruch nehmen können. Das Care-Regime bezeichnet schließlich die Verteilung von Pflege zwischen Staat, Familie, Markt und Privathaushalten (Lutz & Palenga-Möllenbeck, 2011, S. 350 f.).

Die Beschäftigung migrantischer Betreuungskräfte entsteht somit nicht zufällig. Sie steht im Zusammenhang mit einer Pflegeorganisation, die Versorgung im Privathaushalt ermöglicht, ohne die dafür notwendigen Kosten vollständig öffentlich zu übernehmen. Familien greifen auf migrantische Betreuungskräfte zurück, weil professionelle ambulante oder stationäre Angebote häufig teuer oder nicht ausreichend verfügbar sind. Die Betreuungskräfte übernehmen damit Aufgaben, die ansonsten von Angehörigen, professionellen Pflegekräften oder öffentlichen Einrichtungen geleistet werden müssten (Lutz & Palenga-Möllenbeck, 2011, S. 356).

Daraus lässt sich ableiten, dass die Prekarität nicht nur auf individuelle Vertragsverstöße zurückzuführen ist. Sie hängt auch mit einer strukturellen Verschiebung von Sorgearbeit in private Haushalte zusammen. Dort wird die Tätigkeit häufig als persönliche Hilfe oder familiäre Unterstützung dargestellt und nicht als qualifizierte Erwerbsarbeit anerkannt (Lutz & Palenga-Möllenbeck, 2011, S. 352). Die private Organisation kann daher zur Unsichtbarkeit der Arbeit beitragen.

2.3 Transnationale Care-Arbeit und Handlungsmacht

Migrantische Betreuungskräfte sind häufig in transnationale Sorgeketten eingebunden. Während sie in Deutschland die Versorgung einer älteren oder pflegebedürftigen Person übernehmen, bleiben ihre eigenen Kinder, Partner*innen oder andere Angehörige im Herkunftsland zurück. Die dort anfallende Sorgearbeit wird von anderen Personen übernommen (Palenga-Möllenbeck & Fiebig-Spindler, 2025, S. 553).

Schwiter et al. beschreiben die Handlungsmöglichkeiten migrantischer Live-in-Betreuungskräfte als „constrained agency“. Damit ist gemeint, dass die Beschäftigten durchaus handeln und Entscheidungen treffen, ihre Möglichkeiten jedoch durch rechtliche, ökonomische und institutionelle Bedingungen begrenzt sind (Schwiter et al., 2018, S. 462). Der Arbeitsplatz im Privathaushalt bietet nur geringe Möglichkeiten staatlicher Kontrolle und gewerkschaftlicher Interessenvertretung (Schwiter et al., 2018, S. 470).

Ergänzend lässt sich Albertis Konzept der „mobility power“ heranziehen. Alberti versteht Mobilität als mögliche Ressource prekär beschäftigter Migrant*innen. Die Möglichkeit, einen Arbeitsplatz, eine Agentur oder gegebenenfalls ein Land zu verlassen, kann Handlungsmacht erzeugen. Ein Wechsel kann dabei nicht nur als tatsächlicher Ausstieg, sondern auch als Drohung in einer Verhandlung eingesetzt werden (Alberti, 2014, S. 866, 869 f.). Diese Handlungsmacht bleibt jedoch von Alter, Geschlecht, Bildungsstatus, Vertragsform und sozialen Netzwerken abhängig (Alberti, 2014, S. 874).

3. Methodisches Vorgehen und empirische Quellen

Die Arbeit folgt einem sekundäranalytischen Vorgehen. Sie erhebt keine eigenen Daten, sondern analysiert Befunde bereits veröffentlichter qualitativer und quantitativer Studien. Da die Untersuchungen unterschiedliche Stichproben, Methoden und Kontexte verwenden, werden sie nicht als einheitlicher Datensatz behandelt. Sie dienen vielmehr dazu, verschiedene Dimensionen der gesundheitlichen Belastung und der Handlungsmacht zu rekonstruieren.

Die wichtigste empirische Grundlage bildet die qualitative Studie von Kriegsmann-Rabe et al. (2023). Untersucht wurden 15 migrantische Live-in-Betreuungskräfte in Deutschland, darunter 14 Frauen und ein Mann. Als Belastungen werden unter anderem Familientrennung, schwierige Beziehungen zu betreuten Personen und Angehörigen, die Abwertung der Arbeit, permanente Verfügbarkeit und fehlende Freizeit genannt (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 2 f.). Zu den Ressourcen zählen soziale Beziehungen, Selbstbestimmung, Berufserfahrung und intrinsische Motivation (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 9 f.).

Hipp et al. (2024) untersuchen polnische Live-in-Betreuungskräfte in Berlin und vergleichen unterschiedliche Beschäftigungsarrangements. Die Studie zeigt, dass rechtliche und organisatorische Beschäftigungsformen mit Einkommen, Arbeitszeit, Ruhe und Zufriedenheit zusammenhängen. Schilgen et al. (2020) ergänzen diese Perspektive durch qualitative Interviews zu arbeitsplatzbezogenen Belastungen und Ressourcen.

Die Rolle der Vermittlungsagenturen wird insbesondere durch Habel (2021) und Durisova (2017) untersucht. Habel zeigt, dass Agenturen nicht nur Arbeitskräfte und Haushalte zusammenbringen, sondern Vorstellungen über Arbeitszeit, Verfügbarkeit und Aufgaben der Betreuungskräfte mitprägen. Durisova beschreibt Agenturen als besonders einflussreiche Akteure in einem weitgehend unregulierten Arbeitsfeld. Matuszczyk (2021) ergänzt die Analyse durch die Untersuchung von Strategien polnischer migrantischer Hausarbeiter*innen im Umgang mit sozialer Absicherung und Altersvorsorge.

4. Analyse der gesundheitlichen Belastungen

4.1 Care-Arbeit zwischen Pflege, Haushalt und Emotionen

Die Tätigkeit der Live-in-Betreuungskräfte umfasst eine enge Verbindung von Pflege, Haushalt und emotionaler Unterstützung. Zu den Aufgaben gehören unter anderem Hilfe bei Körperpflege, Mobilität, Medikamenteneinnahme und Alltagsgestaltung. Häufig werden zusätzlich Haushaltsarbeiten und die emotionale Begleitung der betreuten Person erwartet (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 2). Eine Betreungsperson berichtet davon, wie sie Grenzen setzen muss: “I am the care worker here. [. . .] I am no cleaning lady, no cook, I can do that, but I do not have to” (D7, 356–357) and “I am the care worker for the person in need of care, but not for the whole family”(Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S.11).

Hier zeigt sich die geschlechtliche Prägung der Tätigkeit, die nicht nur im hohen Frauenanteil zu erkennen ist, sondern auch in den Erwartungen an Geduld, Empathie, persönlicher Verfügbarkeit und der Art der (Zusatz)-Tätigkeiten, die von den Betreuungspersonen erwartet werden. Diese Anforderungen können dazu beitragen, die Arbeit als vermeintlich natürliche Verlängerung weiblicher Fähigkeiten erscheinen zu lassen. Ihre fachlichen Anforderungen und gesundheitlichen Risiken geraten dadurch leichter aus dem Blick. Die zentrale Schlussfolgerung lautet daher: Die geschlechtliche Organisation von Care-Arbeit betrifft sowohl die Zusammensetzung der Belegschaft als auch die gesellschaftliche Bewertung und konkrete Ausgestaltung der Tätigkeit.

4.2 Permanente Verfügbarkeit und fehlende Erholung

Eine zentrale Belastung besteht in der permanenten Verfügbarkeit. Obwohl ein Vertrag möglicherweise eine begrenzte Arbeitszeit vorsieht, wird häufig erwartet, dass die Betreuungskraft auch außerhalb dieser Zeit ansprechbar bleibt. Die Betreuung kann nachts erwartet werden, auch freie Tage oder längere Erholungsphasen sind nicht immer gewährleistet. Kriegsmann-Rabe et al. nennen permanente Verfügbarkeit und fehlende Freizeit als zentrale Stressoren (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 2 f.).

Die Folgen betreffen zunächst die körperliche Erholung. Lange Arbeitszeiten und unterbrochene Ruhephasen können zu Erschöpfung führen. Hinzu kommen körperlich belastende Tätigkeiten, etwa beim Transfer oder bei der Unterstützung schwer pflegebedürftiger Personen. Die Betreuungskraft kann sich auch nicht ohne Weiteres zurückziehen, weil sie im Haushalt der betreuten Person lebt. Eine Betreuungskraft wird wie folgt zitiert: “The most [difficult] is, that you do not feel so free. That disturbs me the most. I cannot decide on my life, because everything, everything is planned for the person in need of care.“ (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S.8).

Damit fehlt eine wichtige Voraussetzung für Regeneration: die Möglichkeit, den Arbeitsplatz räumlich und mental zu verlassen. Die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben ist strukturell eingeschränkt (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 6 ff.).

Hipp et al. zeigen, dass verschiedene Beschäftigungsmodelle unterschiedliche Vor- und Nachteile haben. Beschäftigte außerhalb von Agenturverträgen können teilweise höhere Einkommen erzielen, berichten aber zugleich eher von weniger Zeit zum Ausruhen (Hipp et al., 2024, S. 6). Höhere Bezahlung bedeutet somit nicht automatisch bessere gesundheitliche Bedingungen. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Einkommen, Arbeitszeit, rechtlichem Schutz und tatsächlicher Verhandlungsmacht.

4.3 Familientrennung und psychische Belastung

Viele Betreuungskräfte arbeiten mehrere Wochen oder Monate in Deutschland und kehren anschließend in ihr Herkunftsland zurück. Während dieser Zeit sind sie von Kindern, Partner*innen, Eltern oder anderen Angehörigen getrennt. Kriegsmann-Rabe et al. nennen diese Familientrennung als wichtigen Stressor (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 7). “The worst thing for me was when I spoke to my children, and my child cried. (…) But the worst thing is, that my family is not there“, wird eine Betreuungskraft zitiert (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S.6).

4.4 Ressourcen und Mobilität

Trotz der Belastungen sind Betreuungskräfte nicht ausschließlich als passive Opfer zu verstehen. Kriegsmann-Rabe et al. identifizieren soziale Beziehungen, Berufserfahrung, Selbstbestimmung und intrinsische Motivation als Ressourcen. Telefonate mit Kindern oder Eltern im Herkunftsland können emotional stabilisieren. Auch ein respektvolles Verhältnis zur betreuten Person kann dazu beitragen, die Arbeit als sinnvoll zu erleben (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 9 f.).

Handlungsmacht zeigt sich außerdem in alltäglichen Aushandlungen. Betreuungskräfte versuchen, ihre Aufgaben abzugrenzen, freie Zeiten einzufordern oder zusätzliche Haushaltsarbeit zurückzuweisen. Mehrere der von Kriegsmann-Rabe et al. befragten Personen berichteten, dass sie eine Stelle gekündigt hatten, wenn die Anforderungen unzumutbar wurden. Eine Betreuungskraft beendete ihre Tätigkeit, nachdem von ihr erwartet worden war, einen sehr schweren Mann ohne ausreichende Unterstützung zu versorgen (Kriegsmann-Rabe et al., 2023, S. 10 f.).

An dieser Stelle lässt sich Albertis Konzept der „mobility power“ anwenden. Die Möglichkeit, einen Haushalt oder eine Agentur zu wechseln, kann eine Form von Gesundheitsschutz sein. Sie kann auch als Drohung in Verhandlungen eingesetzt werden. Alberti und Sacchetto verstehen Mobilität jedoch nicht als uneingeschränkte Freiheit, sondern als Ressource, die durch staatliche Regelungen, Agenturen und soziale Beziehungen strukturiert wird. Ein Arbeitsplatzwechsel setzt Informationen, finanzielle Rücklagen, Sprachkenntnisse und alternative Beschäftigungsmöglichkeiten voraus. Für Personen mit hoher ökonomischer Verantwortung gegenüber ihrer Familie kann ein Exit ein erhebliches Risiko darstellen. Mobilität kann daher Handlungsmacht, aber auch eine notwendige Anpassung an einen prekären Arbeitsmarkt sein (Alberti & Sacchetto, 2024, S. 181, 185, 189 f.).

5. Diskussion

Die Analyse zeigt, dass gesundheitliche Belastungen in der 24-Stunden-Live-in-Betreuung wesentlich durch die geschlechtsspezifische Organisation von Care-Arbeit geprägt sind. Care-Arbeit wird überwiegend Frauen zugeschrieben, in private Haushalte ausgelagert und dort häufig als persönliche oder familiäre Hilfe organisiert. Migrantische Betreuungskräfte übernehmen diese Arbeit unter Bedingungen, die durch geringe Regulierung, räumliche Isolation und unsichere Beschäftigungsformen gekennzeichnet sind.

Der intersektionale Ansatz nach Crenshaw macht deutlich, dass Geschlecht und Migration nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Geschlecht erklärt, warum bestimmte Tätigkeiten als weibliche Arbeit gelten. Migration erklärt, warum diese Arbeit grenzüberschreitend organisiert und häufig an Arbeitskräfte mit begrenzten sozialen Rechten ausgelagert wird. Klasse und Beschäftigungsstatus beeinflussen, wie groß die Möglichkeit ist, sich gegen schlechte Bedingungen zu wehren.

Gleichzeitig ist eine gender- und diversitysensible Perspektive erforderlich, die die Grenzen der bisherigen Forschung reflektiert. Die ausgewerteten Studien unterscheiden überwiegend zwischen Frauen und Männern. Nichtbinäre, trans- und intergeschlechtliche Betreuungskräfte werden nicht systematisch erfasst. Die vorhandenen Ergebnisse sind daher wichtige, aber begrenzte Aussagen über das Arbeitsfeld. Zukünftige Forschung sollte Geschlecht nicht ausschließlich binär erfassen und unterschiedliche geschlechtliche Identitäten sowie weitere Diversity-Dimensionen berücksichtigen.

6. Fazit

Die gesundheitlichen Belastungen migrantischer Betreuungskräfte in der 24-Stunden-Live-in-Betreuung hängen eng mit der geschlechtsspezifischen Organisation von Care-Arbeit zusammen. Die Tätigkeit wird überwiegend Frauen zugeschrieben, in private Haushalte ausgelagert und häufig unter Bedingungen permanenter Verfügbarkeit organisiert. Migration verstärkt diese Prekarität, weil Betreuungskräfte gleichzeitig transnationale Familienverantwortung tragen und ihre Arbeitsmöglichkeiten durch rechtliche, ökonomische und soziale Faktoren begrenzt werden.

Erschöpfung, psychischer Stress, soziale Isolation und fehlende Erholung sind daher nicht als individuelle Defizite zu interpretieren. Sie sind Folgen einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung, in der Sorgearbeit abgewertet, privatisiert und an migrantische Arbeitskräfte weitergegeben wird. Ein intersektionaler Zugang macht sichtbar, dass Geschlecht, Migration, Klasse und Beschäftigungsstatus gemeinsam die Arbeits- und Gesundheitsbedingungen strukturieren.

Gleichzeitig besitzen Betreuungskräfte Handlungsspielräume. Soziale Beziehungen, Berufserfahrung, Selbstbestimmung und die Möglichkeit, einen Haushalt oder eine Agentur zu wechseln, können Ressourcen darstellen. Diese Handlungsmacht bleibt jedoch begrenzt, solange die Arbeit nicht ausreichend reguliert wird. Eine nachhaltige Verbesserung der gesundheitlichen Situation erfordert daher strukturelle Veränderungen sowie eine Forschung, die die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten und Lebenslagen stärker berücksichtigt.

Literaturverzeichnis

Alberti, G. (2014). Mobility strategies, ‘mobility differentials’ and ‘transnational exit’: The experiences of precarious migrants in London’s hospitality jobs. Work, Employment and Society, 28(6), 865–881. https://doi.org/10.1177/0950017014528403

Alberti, G., & Sacchetto, D. (2024). The Politics of Migrant Labour: Exit, Voice, and Social Reproduction (1. Aufl.). Bristol University Press. https://doi.org/10.46692/9781529227765

Crenshaw, K. (1991). Mapping the margins: Intersectionality, identity politics, and violence against women of color. Stan. L. Rev., 43, 1241.

Durisova, S. (2017). Die Organisation der Ausbeutung. Soziale und arbeitsrechtliche Benachteiligung der Pflege- und Betreuungskräfte im Rahmen der 24-Stunden-Pflege, unter besonderer Berücksichtigung der Rolle von Vermittlungsagenturen. 1- 98.

Habel, S. (2021). Narratives on Working Hours: An Analysis of “Pioneer” Brokering Agencies for Live-in Care Work in Germany. Sociológia – Slovak Sociological Review, 53(5), 463–482. https://doi.org/10.31577/sociologia.2021.53.5.17

Hipp, L., Leumann, S., & Kohler, U. (2024). Employment arrangements and well-being of migrant live-in care workers: Evidence from a study of Polish live-ins in Berlin. Sozialpolitik.Ch, (1/2024). https://doi.org/10.18753/2297-8224-4435

Kriegsmann-Rabe, M., Maus, K., Hiebel, N., Klein, C., & Geiser, F. (2023). Live-in migrant home care workers in Germany: Stressors and resilience factors. PLOS ONE, 18(3), e0282744. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0282744

Lutz, H., & Palenga-Möllenbeck, E. (2011). Care, Gender and Migration: Towards a Theory of Transnational Domestic Work Migration in Europe. Journal of Contemporary European Studies, 19(3), 349–364. https://doi.org/10.1080/14782804.2011.610605

Matuszczyk, K. (2021). From lack of awareness to meticulous action. Strategies toward old-age pension insurance among Polish migrant domestic workers in Germany. Ubezpieczenia Społeczne. Teoria i Praktyka, 148(1), 1–22. https://doi.org/10.5604/01.3001.0015.0591

Palenga-Möllenbeck, E., & Fiebig-Spindler, R. (2025). Emerging home care markets in Central and Eastern Europe: Transformations of senior care, labour mobility, and housing in Poland and Germany. Berliner Journal Für Soziologie, 35(3–4), 549–564. https://doi.org/10.1007/s11609-025-00579-y

Schilgen, B., Savcenko, K., Nienhaus, A., & Mösko, M. (2020). Arbeitsplatzbezogene Belastungen und Ressourcen von ausländischen 24-Stunden-Betreuungskräften in deutschen Privathaushalten – eine qualitative Studie. Das Gesundheitswesen, 82(02), 196–201. https://doi.org/10.1055/a-1005-7024

Schwiter, K., Strauss, K., & England, K. (2018). At home with the boss: Migrant live‐in caregivers, social reproduction and constrained agency in the UK , Canada, Austria and Switzerland. Transactions of the Institute of British Geographers, 43(3), 462–476. https://doi.org/10.1111/tran.12235

Spitzer, D. L., Thambiah, S., Wong, Y. L., & Kaundan, M. K. (2023). Globalization and the health and well-being of migrant domestic workers in Malaysia. Globalization and Health, 19(1), 29. https://doi.org/10.1186/s12992-023-00925-w

Statistisches Bundesamt (Destatis) (2022). Pflegestatistik – Pflege im Rahmen der   Pflegeversicherung Deutschlandergebnisse. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/_inhalt.html zugriff am (7.7.2026).


Quelle: Nicholas Reinke, Geschlecht, Migration und Gesundheit in der Live-in-Betreuung, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 12.10.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2026/10/12/automatischer-entwurf/

Gadjé-Rassismus in der Polizei

Untersuchung der Diskriminierung von Roma* und Sinti* entlang der sozialen Kategorien „race“, „class“ und „gender“

Rosa Lemke (SoSe 2026)

„Die Institution der deutschen Polizei hat historisch eine zentrale Rolle bei der Stigmatisierung, Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung von Sinti:ze und Rom:nja gespielt. Nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus haben die Täter ihre Arbeit unmittelbar wieder aufgenommen und die Perspektive auf Sinti:ze und Rom:nja in der BRD geprägt. Bisher gibt es in den Ermittlungsansätzen der Polizei wie in der polizeilichen Praxis wenig Anzeichen dafür, dass mit dieser Perspektive entschieden gebrochen wurde.“

(Unabhängige Kommission Antiziganismus, 2021)[1]

Anmerkung: Ich zensiere in dieser Arbeit den Begriff „Z*******“, da dieser historisch von Menschen konstruiert wurde, die an der systematischen Stigmatisierung und Vernichtung der Sinti* und Roma* beteiligt waren. Z******* gilt als diskriminierende Fremdbezeichnung, die noch heute zum Schaden der Minderheit ausgespielt wird.

„Der Begriff ist über Jahrhunderte mit rassistischen Bedeutungen von Wanderlust, Kriminalität, Außenseiter*innentum, Schmutz und Exotik aufgeladen.“ (Randjelovic)[2].

Auch der Zentralrat deutscher Sinti und Roma unter Romani Rose spricht sich aus gleichem Grund gegen die Verwendung des Begriffes aus.[3]

In Originalzitaten zensiere ich die Bezeichnung ebenfalls, obgleich es umstritten ist, diskriminierende Fremdbezeichnungen aus Originalzitaten zu streichen, und somit unverfälscht historische Vorgänge wiederzugeben. Ich ersetze das Wort daher nicht vollständig durch einen Platzhalter wie „Z-Wort“, sondern zensiere es durch Sternchen, sodass die Wortstruktur sichtbar bleibt, ohne es auszuschreiben. Ich möchte weder eine rassistische Fremdbezeichnung reproduzieren, noch möchte ich gewaltvolle geschichtliche Vorgänge in Vergessenheit geraten lassen. Daher entscheide ich mich zur Zensur durch Zensursternchen.

Einleitung

Gadjé-Rassismus ist entlang der deutschen Geschichte allgegenwärtig. Die Stigmatisierung ist seit der ersten übermittelten Ankunft der Sinti* im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im 15. Jahrhundert existent[4], und zieht sich wie ein roter Faden durch die Epochen. Auch innerhalb gegenwärtiger Institutionen gehört Rassismus gegen Sinti* und Roma* nicht der Vergangenheit an.

Als Untersuchungsfeld fungiert in dieser Arbeit die Polizei, die gerade deshalb von besonderer Relevanz ist, da bereits im Kaiserreich erstellte Akten zur Überwachung von Roma* und Sinti*, die in Zeiten des Nationalsozialismus weiter ausgearbeitet und angewandt wurden, noch Bestand in der Bundesrepublik hatten[5]. Gadjé-Rassismus ist also seither mit der DNA der Polizei verflochten.

Entlang des Leitthemasbehandelt dieser Text primär die gegenwärtige Kriminalisierung der Sinti* und Roma*. Hierzu schildere ich vorab historische Hintergründe und die Entstehung rassistischer Konstruktionen, lege des Weiteren den Fokus auf polizeiliche Struktur sowie gegenwärtige Handlungsmuster und analysiere anhand der sozialen Kategorien „race“, „class“ und „gender“ vorliegende Diskriminierungsrealitäten.

Begriffliche und theoretische Grundlagen

Gadjé-Rassimus

Zunächst definiere ich den Begriff Gadjé-Rassismus. Das Wort Gadjé stammt aus dem Romanes, das als Sammelbegriff der von Sinti* und Roma* gesprochenen Sprachvarianten und Dialekte gilt. Über den Gadjé-Terminus gibt es laut Roxanna-Lorraine Witt jedoch einen weit verbreiteten Irrtum. Der Begriff wird häufig simpel als Nicht-Sinti*/Nicht-Roma* übersetzt. Witt zu Folge, sei diese Übersetzung jedoch nicht ganz korrekt. Vielmehr handle es sich um „[…] Angehörige jener Gruppen, denen ein Gewaltpotenzial gegen Rom*nja und Sinte*zze inhärent ist […].“[6]Dieses Gewaltpotenzial könne sich auch „lediglich“ aus Unwissenheit ergeben. Durch den in der Bezeichnung gelegten Fokus auf die Mehrheitsgesellschaft (also auf die Gadjé) anstelle auf die unterdrückte Gruppe (die Sinti* und Roma*) erfolgt laut Witt eine Emanzipation, indem Betroffene vom häufig beschriebenen Objekt zum beschreibenden Subjekt werden, wenn sie über ihre Unterdrückungserfahrungen sprechen.[7] Gadjé-Rassismus beschreibt in meiner Arbeit also die Stigmatisierung von Sinti* und Roma* von Seiten der Dominanzgesellschaft.

Anstelle des Gadjé-Rassismus wird meist der Begriff Antiziganismus verwendet. Diese zwei Termini fungieren mehr oder weniger synonym. Ich nutze den Begriff Gadjé-Rassismus, da dieser die auf die Minderheit ausgeübte Diskriminierung statt der Diskriminierung der Betroffenen zum Gegenstand macht. Diese Perspektive halte ich für am geeignetsten, da sich hierdurch leichter untersuchen lässt, inwiefern Institutionen wie die Polizei an der Fremdkonstruktion von Sinti* und Roma* beteiligt sind.

Sinti* und Roma* als gegenderte Form

Innerhalb der Communities ist das Gendern von „Sinti und Roma“ ein umstrittenes Thema. Während in einigen Kreisen, die Form Sinti*zze und Rom*nja genutzt wird, gilt diese Form für einen großen Teil als Fremdbezeichnung.[8] Der Zentralrat Deutscher Sinti & Roma äußert in einer Stellungnahme: „[Die] Einführung einer neuen Terminologie in den öffentlichen Diskurs hätte eines vorherigen Aushandlungsprozesses und der mehrheitlichen Zustimmung durch die Communities bedurft.“[9]Die Minderheitengruppe sei unzureichend in diese Debatte mit eingebunden worden und sehe sich als Folge davon abermals als exklusiv verhandeltes Beschreibungsobjekt. Zudem sei zumindest der Begriff „Sinti“ bereits gegendert, da er den Plural beschreibt, der bereits weibliche, männliche und nicht-binäre Identitäten miteinschließt. Die gegenderte Form würde rein grammatikalisch im Romanes keinen Sinn ergeben und wird daher auch als Anpassung an die Massengesellschaft gesehen.[10]

Obgleichin anderen Kreisen von Roma* und Sinti* für die gegenderte Form Sinti*zze und Rom*nja plädiert wird[11], halte ich es für falsch, über diesen Hinweis hinwegzuschauen. Als Empfehlung, um sich trotzdem inklusiv auszudrücken, nennt der Zentralrat die von mir verwendete Form Sinti* und Roma*. Da diese Form in Schriftsprache die gleiche Wirkung hat, werde ich dieser Empfehlung folgen.

Die historische Kriminalisierung von Roma* und Sinti* in Deutschland geprägt durch polizeiliche Praxis

Um die polizeiliche Verworrenheit in die kriminalisierte Konstruktion der Sinti* und Roma* nachvollziehen zu können, ist es wichtig, über gewisse historische Prozesse aufzuklären. Ab der ersten übermittelten Ankunft der Sinti* im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im 15. Jahrhundert begann die systematische Verfolgung der Minderheit.[12] 1493 schrieb der Geschichtsschreiber Aventin: „Zur derselben Zeit begann jenes sehr diebisches Volk (oder Menschengeschlecht), ein Gemisch und Auswurf verschiedener Völker, […] Ich habe durch Beweise erfahren, dass sie die venedische Sprache sprechen und Verräter und Auskundschafter sind.“[13]

Dieses Zitat belegt, dass Sinti* seit jeher kriminelles Handeln unterstellt wird und die systematische Konstruktion als „fremd“ bereits hier beginnt. Die Verfolgung zog sich weiter durch Mittelalter und Neuzeit. Mehrere Reichstage erklärten Sinti* für vogelfrei. Riesige Massenjagden vollzogen sich.[14]

Im frühen 18. Jahrhundert lässt sich der Begriff „Z*******“ erstmals als polizeiliche Arbeitskategorie belegen.[15] Nach Ende der Leibeigenschaften in Ost- und Südosteuropa im 19. Jahrhundert, trafen erstmals Roma* in Deutschland ein.[16] Ab spätestens Ende des 19. Jahrhunderts wurde nachweislich institutionell verankert innerhalb der Polizei das Konzept der „Z*******-Kriminalität“ angewandt. Markus End zufolge reichen die Nachweise für die Anwendung des Konzeptes bis in die frühen 2000er Jahre.

Ein großer Marker der Institutionalisierung war die Gründung des „Nachrichtendienstes für die Sicherheitspolizei in Bezug auf Z*******“ im Jahr 1899 in München. 1905 veröffentlichte Alfred Dillmann, der Leiter dieser Zentrale, das zum behördlichen Gebrauch bestimmte „Z*******buch“, das der Polizei dabei behilflich sein sollte „Z*******“ zu identifizieren. Es umschließt 3.350 Namen. 7.000 Exemplare wurden gedruckt und international an Polizeidienststellen verteilt.[17] Die für die Karteien benötigten Daten wurden durch regelmäßige Razzien und Überwachungskontrollen erhoben. Somit wurde auch öffentlich ausgedrückt, von der Minderheit gehe eine Gefahr aus.[18]

Das bayerische „Gesetz zur Bekämpfung von Z********, Landfahrern und Arbeitsscheuen“ galt ab 1926 und räumte der Polizei weitreichende Sonderbefugnisse sowie der Minderheit hohe Sanktionen ein.

In den Jahren bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten bildete sich durch systematische Fremdkonstruktion fortschreitend „[…] eine stabile Grundlage für den folgenden rassistisch motivierten Genozid […]“ (Randjelović)[19].

Die Münchner Zentrale wurde 1938 nach Berlin verlegt und als „Reichszentrale zur Bekämpfung des Z*******unwesens“ (RZBZ) in das Reichskriminalpolizeiamt eingegliedert.[20] Diese polizeiliche Erfassung diente als unmittelbare Entscheidungsgrundlage für die systematischen Deportationen in die Konzentrationslager, wie ab 1943 nach Auschwitz-Birkenau.[21] In dem „Z*******familienlager“ in Auschwitz-Birkenau waren etwa 23.000 Menschen zusammengesperrt. 20.078 der dort registrierten Sinti und Roma, und insgesamt 70 Prozent aller deutschen Sinti und Roma wurden ermordet. Zudem vollzogen sich unzählige Zwangssterilisationen.[22]

Der Völkermord an Sinti* und Roma* wird als „Porajmos“ bezeichnet (Romanes für „Das Verschlingen“).[23]

„Grundsätzlich hielten führende Kriminalisten es auch nach 1945 für völlig unstrittig, die ethnische Gruppe der Sinti und Roma durch möglichst vollständige Erfassung und spezifische Repressionen polizeilich kontrollieren zu müssen.”[24] (Stefan, 2011).

In der Polizei, wie auch im Justizwesen, übten viele der Täter*innen des Nationalsozialismus weiterhin ihre Ämter aus.[25] 1953 wurden die „Landfahrerzentralen“ und damit auch die „Landfahrerordnungen“ nach NS-Vorbild wieder eingeführt. Offiziere und „Z*******experten“, die Deportationen mitorganisiert hatten, leiteten nun wieder diese Zentralen.[26] Entschädigungsanträge wurden systematisch abgelehnt. 1956 urteilte der Bundesgerichtshof diesbezüglich: „Z******* [Zensur d. Verf.] neigen zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien. Es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremden Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist.“, und legitimierte somit die NS-Verfolgung, da diese aufgrund von Kriminalität anstelle der Minderheitenexistenz passiert sei und somit auch kein Anspruch auf Entschädigung bestehe. Erst 2016 wurde dieses Urteil aufgehoben.[27] 1967 veröffentlichte das Bundeskriminalamt einen „Leitfaden für Kriminalbeamte“. Hierin heißt es:

„Die Z******* [Zensur d. Verf.] haben weder einen festen Wohnsitz, noch gehen sie einer geregelten Berufstätigkeit nach. Der Hang zu einem ungebundenen Wanderleben und eine ausgeprägte Arbeitsscheu gehören zu den besonderen Merkmalen eines Z********. [Zensur d. Verf.]“[28]

Es wird deutlich, dass Gadjé-Rassismus auch an diesem Punkt längst nicht der Vergangenheit angehörte. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte erkämpften sich Sinti*und Roma* viele Rechte. Einige Strukturen haben aber bis heute Bestand.

Historisch entstand die Vorstellung Sinti* und Roma* seien der polizeilichen Kontrolle nötig. Die Polizei ist also in vielen Aspekten Archivar des negativ geprägten Bildes der Roma* und Sinti* und der Verknüpfung dieser Minderheit mit spezifischen äußeren Merkmalen.

„Um es drastisch zu formulieren: Falls die deutsche Polizei das Konzept „Z*******”  [Zensur d. Verf.] derzeit nicht als handlungsleitenden Ansatz verwenden sollte, wäre das ein Novum in der deutschen Geschichte“ (End, 2017)

Die Polizei ist für fast ein Viertel (fast 25 %) aller der „MIA“ („Melde- und Informationsstelle Antiziganismus“) zwischen 2022-2024 gemeldeten Fälle von extremer Gewalt verantwortlich.[29] Bei einem Drittel (59 Fälle) der direkt adressierten Vorfälle waren Kinder oder Jugendliche betroffen.[30] Zwischen 2016 und 2021 mündeten nur 1,3 % der Ermittlungsverfahren gegen Polizeikräfte in ein Straf- oder Bußgeldverfahren.[31]

„Race“ [32] als polizeiliche Differenzkategorie

Die sozialen Kategorien „Race“, „Class“ und „Gender“ lassen sich keineswegs klar voneinander abgrenzen. Vielmehr gehen sie Hand in Hand, beeinflussen sich gegenseitig und somit auch individuelle Erfahrungen. In einem intersektionalen Blick auf reale Diskriminierungen lassen sich die Kategorien kaum so klar trennen, wie ich das anschließend tun werde. Meine Einteilung gilt lediglich als Orientierungsrahmen.

Noch heute lässt sich die fortgesetzte polizeiliche Sondererfassung von Roma* und Sinti* feststellen. Hierfür gelten äußere Merkmale und vermeintliches Wissen darüber, was diese über eine Person aussagen als zentraler Ankerpunkt. Das wird bezeichnet als „Racial Profiling“.

„Unter Racial Profiling sind polizeiliche Maßnahmen wie Kontrollen, Überwachungen oder Ermittlungen zu verstehen, bei denen die Polizei den Fokus in unzulässiger Weise auf physische Merkmale wie Hautfarbe, Sprache, tatsächliche oder vermeintliche Herkunft oder Religionszugehörigkeit der Betroffenen richtet. Verboten ist es also, dass die Polizei Maßnahmen einleitet, die in Wirklichkeit auf einer tatsächlichen oder vermeintlichen Zugehörigkeit zu einer Minderheit beruhen. Insbesondere ist es verboten, dass die Polizei sich von rassistischen Vorurteilen leiten lässt, dass sie also von der tatsächlichen oder vermeintlichen Minderheitenzugehörigkeit auf eine Wahrscheinlichkeit schließt, dass eine Person oder Gruppe eine Straftat begangen hat oder begehen wird […]“ (Reuss).[33]

Eines der Hauptmerkmale des „Racial Profiling“ innerhalb der Polizeipraxis sind sogenannte „Anlassunabhängige Kontrollen“. Ein Beispiel hierfür ist ein der MIA gemeldeter Vorfall von 2023:

„Ein Sinto berichtet, dass er ständig grundlos von der Polizei kontrolliert wird. Alkohol am Steuer, Drogen, Kriminalität – nie ist er in irgendeiner Weise mit dem Gesetz in Berührung gekommen. Dennoch wurde er in den letzten 20 Jahren mindestens 50 Mal kontrolliert. Stets musste er aus dem Auto aussteigen, die Arme heben, wurde auch am ganzen Körper abgeklopft und kontrolliert – ohne dass jemals irgendetwas beanstandet werden konnte.“[34]

An Vorannahmen, wie: Sinti und Roma haben einen „dunkler Teint“, oder tragen „bunte Röcke“ ist zweifelsfrei zu erkennen, was die Grundlage für gezielte Kontrollen bildet.[35]

Ein weiterer Fall öffentlicher Aufmerksamkeit ist der des elfjährigen Sintos, der 2021 ohne Angabe eines Grundes von der Polizei festgenommen und in Handschellen aufs Polizeirevier gebracht wurde. Erst Stunden später durfte der Elfjährige das Revier verlassen. Auch nach der Freilassung des Jungen weigerte die Polizei sich, einen triftigen Grund für dessen Verhaftung anzugeben. Stattdessen wurden Angehörige der Familie eingeschüchtert, um diese abzuwimmeln.[36]

Deutlich wird, dass es sich hier nicht um Einzelfälle, sondern eine häufig beobachtbare Vorgehensweise handelt. Zwischen 2022 und 2024 wurden der MIA insgesamt 215 Fälle mit Polizeibezug gemeldet. Die Fallzahlen stiegen dabei stetig an: von 34 Vorfällen im Jahr 2022 auf 102 Vorfälle im Jahr 2024.[37] Die Dunkelziffern werden deutlich höher sein.

Polizeiinterne systematische Diskriminierung tragen zur Weiterführung unbegründeter Differenzierung bei.[38] Häufig wird die Minderheitenzugehörigkeit als kriminologische Kategorie behandelt. Innerhalb der Polizei existieren End zufolge „rassifizierte Wissensbestände“. End vermerkt hierzu folgendes:

„Der Begriff ‚Wissensbestände‘ soll deutlich machen, dass hier eine Produktion, Verfestigung und Verbreitung von Inhalten, Konzepten und Bildern, rund um den Begriff Z****** [Zensur d. Verf.] stattgefunden hat, die weit über das hinausgehen, was mit Begriffen beschrieben wird, die auf die Einzelperson Bezug nehmen – wie „Stereotyp“, Vorurteil“ oder „Ressentiment“.“

Es handelt sich also um polizeilich produziertes und überliefertes internes „Expertenwissen“ das Sinti* und Roma* eine kollektive Kriminalitätsneigung unterstellt.[39] So haben sich über Jahrhunderte vorurteilsbelastete „Daten“ verfestigt.

Die Polizei nutzt zudem weiterhin Kategorien wie „Häufig wechselnder Aufenthaltsort“ oder „mobile ethnische Minderheit“[40] als verdeckte Kodierungen zur spezifizierten Abspeicherung. So kann verdeckt rassistisch gearbeitet werden, denn durch die kodierten Umschreibungen anstelle offensichtlich rassistischer Einteilung, können rechtliche Maßnahmen umgangen werden.

In Sachsen waren beispielsweise Stand 2016, 2.254 Personen unter dem Hinweis „Wechselt häufig Aufenthaltsort“ abgespeichert.[41]

Diskriminierung anhand der Differenzkategorie „class“[42]

Charakteristisch für diese Ebene ist die Vorannahme, die Minderheit sei prinzipiell „arm“, „ungebildet“ und „unzivilisiert“ verbunden mit der Abwertung und Kriminalisierung jener Umstände. Laut NaDiRa-Studie assoziieren 70% der Bevölkerung Sinti* und Roma* pauschal mit Armut.[43] Den Stempel der „Armutskriminalität“ bekommt die Minderheit häufig aufgedrückt. Dies führt unter anderem polizeilich zur Einstufung bestimmter Wohnorte als „soziale Brennpunkte“.[44]

23 % der bei der MIA erfassten Fälle haben Bezug zum Wohnen, wie etwa Razzien in sogenannten „Problemimmobilien“. Wenn eine Immobilie schon im Vorhinein als Sinti*/Roma*-Ort markiert ist, werden oft massive Personalressourcen eingesetzt. 2023 beispielsweise durchsuchten 130 Polizist*innen ohne offengelegten Anlass sechs solcher „Problemimmobilien“, als dort gerade ein Workshop mit Sinti* und Roma* Jugendlichen stattfand.[45]

Auch die Zugehörigkeit zu einer großen Familie führt bei Roma* und Sinti* zu Stigmatisierung. Das Konzept der „Clankriminalität“ sei laut End eine in Bezug auf die Minderheit häufig angewandte Kategorie. Somit werden ethnische Zugehörigkeit und Großfamilienstrukturen häufig undifferenziert kriminalisiert. Hierbei werden kriminologisch irrelevante Merkmale wie eine „patriarchalisch-hierarchische Familienstruktur“ als Risikoindikatoren gewertet.[46]

Der Einfluss von „Gender“[47] auf Diskriminierungserfahrungen

Auch gegenwärtig werden weiblich gelesene Sinti* und Roma* oft über rassistisch-sexistische Stereotype (z. B. als „promiskuitiv“, „kriminelle Mannsweiber“ oder „schlechte Mütter“) markiert.[48] Weiblich präsentierenden Sinti* und Roma* wird zudem unterstellt, sie betrieben systematisch Trickbetrüge und Taschendiebstähle. 2013 veröffentlichte die Polizeiinspektion Lüneburg eine Pressemitteilung über einen Trickdiebstahl. Im Absatz „Hintergrundinformationen“ heißt es: „‚Budscho’ bedeutet in der Roma-Sprache ‚Beutel, Tasche, Bündel’ und bezeichnet einen Modus Operandi, den nahezu alle traditionell lebenden Roma-Frauen vom Ablauf her beherrschen.”[49] Hier passiert eine komplett unverschleierte Verallgemeinerung der „Roma-Frau“.[50]

Historisch zeigt sich: Die Polizei hat Macht, und diese hat das Potenzial ausgespielt und missbraucht zu werden.  Weiblich gelesene Sinti* und Roma* werden häufiger Opfer von rassistischen Übergriffen, männlich gelesene Mitglieder der Minderheit erleben jedoch häufiger polizeiliche Maßnahmen[51]. Berichtet wird auch von Fällen, in denen Mütter wegen geringfügiger Anschuldigungen vor den Augen ihrer Kinder körperlich angegangen werden. Das Muttersein scheint hier ein bedeutender Angriffspunkt zu sein.[52]

Inwiefern Sinti* und Roma* Identitäten außerhalb binärer Kategorien Einfluss auf polizeiliche und gesellschaftliche Diskriminierung haben, konnte ich aufgrund mangelnder Daten leider während meiner Recherche nicht herausfinden.

Fazit

Rund 33 % der in einer NaDiRa Forschung befragten Personen stimmen der Aussage „Sinti* und Roma* neigen zur Kriminalität“ zu; 37 %  stimmen zu die Minderheit würde sich nicht an Gesetze halten, Fast jede*r Vierte (23,4 %) empfindet sie als „weniger zivilisiert“[53].

Ich habe früher in eine Geflüchtetenunterkunft in der Kinderbetreuung gearbeitet. Dass Kolleg*innen „ungezogenes“ Verhalten, schmutzige Kleidung und Analphabetismus mit der Roma* Identität der Kinder begründet haben, war keine Seltenheit. Es war normalisiert, und nur wenige sagten etwas dagegen. Diese systematische Diskriminierung ist, wie ich in meiner Arbeit darlege, allgegenwärtig in fast allen Bereichen der Gesellschaft und wird dennoch so häufig übersehen.

Ich möchte nicht außenvornehmen, dass es bereits Projekte gibt, um dieser Problematik entgegenzuwirken. Beispielsweise gibt es teilweise Aufklärungsarbeit in Polizeibehörden, wie das „Aufbauseminar Sinti und Roma“ im Polizeipräsidium Frankfurt.[54] Derartige Projekte weiter auszuarbeiten, halte ich für erstrebenswert.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es viele Indizien dafür gibt, dass die aktuelle polizeiliche Praxis Sinti* und Roma* durch eine institutionell verankerte Misstrauenshaltung aus der Dominanzgesellschaft exkludiert, wobei rassistische Markierungen, Armutskriminalisierung und partriachal geprägte Stereotype einen zentralen Einfluss haben.

Literaturverzeichnis

Cramer, Alexander. „NICHTS ÜBER UNS OHNE UNS“ LAUTET DER ANSPRUCH: Rund 200 Teilnehmer*innen aus über 80 Verbänden und Selbstorganisationen beim zweiten „Forum Sinti und Roma“ in Berlin. In newess 2024. Schwerpunkt: Die Mordnacht und das Gedenken. Zentralrat deutscher Sinti und Roma (März 2026)

Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma. [https://www.sintiundroma.org/de/set/010226/]. zuletzt aufgerufen am: 27.08.2026

End, Markus. Antiziganismus in der Polizei: Analyse der Vorfälle von 2022–2024. Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA). [https://www.antiziganismus-melden.de/wp-content/uploads/2025/12/MIA_Polizeibericht.pdf]. (November 2025)

End, Markus. „Antiziganistische Ermittlungsansätze in Polizei- und Sicherheitsbehörden“. Kurzexpertise im Auftrag des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma Heidelberg (Oktober 2017)

Engbring-Romang, Udo. Ein unbekanntes Volk? Daten, Fakten und Zahlen: Zur Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Europa (bpd). [https://www.bpb.de/themen/europa/sinti-und-roma-in-europa/179536/ein-unbekanntes-volk-daten-fakten-und-zahlen/#footnote-target-15]. (Februar 2014)

Erläuterungen zum Begriff „Zigeuner“ | Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. (o. D.). https://zentralrat.sintiundroma.de/sinti-und-roma-zigeuner/

Fings, Karola. Sinti und Roma: Geschichte einer Minderheit (3.Aufl.). C.H. Beck. (2024)

Lagrene, Ilona et al. Die Polizei hat sich schuldig gemacht. Romaniphen [https://www.youtube.com/watch?v=VShf3i34QiU] (2021)

 Margalit, Gilad. Die deutsche Zigeunerpolitik nach 1945. In: . Bd. 45: VIERTELJAHRSHEFTE FÜR Zeitgeschichte (1997, Nr.4)

Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa). Antiziganismus als eigenständige Form des Rassismus gegenüber Sinti*zze und Rom*nja: Ergebnisse einer Pilotstudie zur mehrdimensionalen Erfassung antiziganistischer Einstellungen in der Mehrheitsgesellschaft. Berlin (August 2022)

Pickel, Susanne et al. Antiziganismus als eigenständige Form des Rassismus gegenüber Sinti*zze und Rom*nja: Ergebnisse einer Pilotstudie zur mehrdimensionalen Erfassung antiziganistischer Einstellungen in der Mehrheitsgesellschaft. NaDiRa Working Papers. Berlin (August 2022)

Randjelović, Isidora. „Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze“. Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e. V. (IDA) (2019)

Reuss, Anja. SINTI AND ROMA LIVES MATTER: Polizeigewalt gegen Sinti und Roma ist Alltag und endet mitunter tödlich. In newess 2021. Schwerpunkt Polizei und Antiziganismus. Zentralrat deutscher Sinti und Roma (Januar 2022)

Romaniphen. [https://www.romnja-power.de/about/ ]

Rose, Romani. ZWISCHEN KAMPF UND ANERKENNUNG: 40 Jahre Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und die Bürgerrechtsarbeit. In newess 2022: Kampf und Gedenken: 40 Jahre Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Zentralrat deutscher Sinti und Roma (2023)

Unabhängige Kommission Antiziganismus. (o. D.). Bericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus. (2021): S. 286. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/heimat-integration/BMI21028-bericht-unabhaengige-kommission-Antiziganismus.pdf?__blob=publicationFile&v=5

Witt, Roxanna-Lorraine. Gadjé-Rassismus, Ein analytischer Perspektivwechsel auf Kontinuitäten menschenfeindlicher Ideologien in weißer Kultur und Identität. In O. S. Nobrega, M. Quent & J. Zipf (Hg.), Rassismus. Macht. Vergessen. Von München über den NSU bis Hanau: Symbolische und materielle Kämpfe entlang rechten Terrors (2021). Transkript Verlag

Zentralrat Deutscher Sinti & Roma. Beschluss der Mitgliederversammlung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma – „Über die Kontroverse zum Gendern der Selbstbezeichnung Sinti und Roma“ (Oktober 2024)

Zentralrat Deutscher Sinti und Roma fordert Innenministerkonferenz (IMK) zum Erlass verbindlicher Regeln für die Polizei zum Schutz von Minderheiten auf. Pressemitteilung (August 2016)


[1] Unabhängige Kommission Antiziganismus. (o. D.). Bericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus. (2021): S. 286.https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/heimat-integration/BMI21028-bericht-unabhaengige-kommission-Antiziganismus.pdf?__blob=publicationFile&v=5

[2] Randjelović, Isidora. „Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze“. Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e. V. (IDA) (2019): S. 2

[3] Vgl. Erläuterungen zum Begriff „Zigeuner“ | Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. (o. D.). https://zentralrat.sintiundroma.de/sinti-und-roma-zigeuner/

[4] Vgl. Randjelović. (2019): S.6

[5] Vgl. End, Markus. „Antiziganistische Ermittlungsansätze in Polizei- und Sicherheitsbehörden“. Kurzexpertise im Auftrag des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma Heidelberg (Oktober 2017): S. 3-7

[6] Witt, Roxanna-Lorraine. Gadjé-Rassismus, Ein analytischer Perspektivwechsel auf Kontinuitäten menschenfeindlicher Ideologien in weißer Kultur und Identität. In O. S. Nobrega, M. Quent & J. Zipf (Hg.), Rassismus. Macht. Vergessen. Von München über den NSU bis Hanau: Symbolische und materielle Kämpfe entlang rechten Terrors (2021). Transkript Verlag: S.126

[7] Vgl. Witt. (2021): S.130

[8] Vgl. Zentralrat Deutscher Sinti & Roma. Beschluss der Mitgliederversammlung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma – „Über die Kontroverse zum Gendern der Selbstbezeichnung Sinti und Roma“ (Oktober 2024)

[9] Ebd., S. 3

[10] Vgl. Ebd., S. 4

[11] z.B. die feministische Selbstorganisation RomaniPhen und einige mehr

[12] Vgl. Randjelović. (2019): S.6

[13] Aventin 1493, zit. Nach Reemtsma 1996, und Randjelović (2019) S. 31

[14] Vgl. Randjelović.  S. 7

[15] Vgl. End, Markus. (Oktober 2017): S. 3

[16] Vgl. Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa). Antiziganismus als eigenständige Form des Rassismus gegenüber Sinti*zze und Rom*nja: Ergebnisse einer Pilotstudie zur mehrdimensionalen Erfassung antiziganistischer Einstellungen in der Mehrheitsgesellschaft. Berlin (August 2022): S. 3

[17] Vgl. Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma. https://www.sintiundroma.org/de/set/010226/

[18] Vgl. Fings, Karola. Sinti und Roma: Geschichte einer Minderheit (3.Aufl.). C.H. Beck. (2024): S. 57

[19] Randjelović. (2019): S. 8

[20] Vgl. End, Markus. (2017): S.4

[21] Vgl. End, Markus. Antiziganismus in der Polizei: Analyse der Vorfälle von 2022–2024. Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA). [https://www.antiziganismus-melden.de/wp-content/uploads/2025/12/MIA_Polizeibericht.pdf]. (November 2025): S. 21

[22] Vgl. Engbring-Romang, Udo. Ein unbekanntes Volk? Daten, Fakten und Zahlen: Zur Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Europa (bpd). [https://www.bpb.de/themen/europa/sinti-und-roma-in-europa/179536/ein-unbekanntes-volk-daten-fakten-und-zahlen/#footnote-target-15]. (Februar 2014)

[23] Vgl. Fings, Karola (2024): S. 69

[24] Stefan, Andrej 2011, zit. nach End 2017, S. 4

[25] Vgl. Fings (2024): S.97

[26] Vgl. Rose, Romani. ZWISCHEN KAMPF UND ANERKENNUNG: 40 Jahre Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und die Bürgerrechtsarbeit. In newess 2022: Kampf und Gedenken: 40 Jahre Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Zentralrat deutscher Sinti und Roma (2023): S. 8

[27] Lagrene, Ilona. Die Polizei hat sich schuldig gemacht. Romaniphen [https://www.youtube.com/watch?v=VShf3i34QiU] (2021): ca. Minuten 15-18

[28] End (2017): S. 5

[29] Vgl. End (MIA). (2025): S. 13

[30] Vgl. Ebd., S. 16

[31] Vgl. Ebd., S. 20

[32] „Race“ bezeichnet hier eine der Hauptgruppen, denen Menschen aufgrund von wahrgenommenen gemeinsamen körperlichen Merkmalen – wie etwa der Hautfarbe– zugeordnet werden, wobei diese Einteilung oft auf subjektiven Wahrnehmungen beruht. Ich meide bewusst den Begriff „Rasse“ mit Rücksicht auf die NS-Vergangenheit der Roma* und Sinti*. Es ist festzuhalten, dass es keine „menschlichen Rassen“ gibt.

[33] Reuss, Anja. SINTI AND ROMA LIVES MATTER: Polizeigewalt gegen Sinti und Roma ist Alltag und endet mitunter tödlich. In newess 2021. Schwerpunkt: Polizei und Antiziganismus. Zentralrat deutscher Sinti und Roma (Januar 2022): S.2

[34] End (MIA). (2025): S. 28

[35] Vgl. Ebd., S. 40

[36] Vgl. Cramer, Alexander. „NICHTS ÜBER UNS OHNE UNS“ LAUTET DER ANSPRUCH: Rund 200 Teilnehmer*innen aus über 80 Verbänden und Selbstorganisationen beim zweiten „Forum Sinti und Roma“ in Berlin. In newess 2024. Schwerpunkt: Die Mordnacht und das Gedenken. Zentralrat deutscher Sinti und Roma (März 2026): S. 45

[37] Vgl. End, Markus. (MIA). (2025): S. 9

[38] Vgl. Zentralrat Deutscher Sinti und Roma fordert Innenministerkonferenz (IMK) zum Erlass verbindlicher Regeln für die Polizei zum Schutz von Minderheiten auf. Pressemitteilung (August 2016)

[39] Vgl. End (MIA), (2025): S.6

[40] Vgl. End (2017): S. 8 ff.

[41] Vgl. Ebd., S.9

[42] „Class“ bzw. soziale Klasse  bezieht sich auf die soziale Kategorie, nach der Menschen aufgrund ihres ökonomischen Status, ihres Einkommens, ihres Bildungsgrades oder ihrer Wohnverhältnisse gruppiert und oftmals innerhalb einer gesellschaftlichen Hierarchie „bewertet“ werden. Es kann passieren, dass sozial schwächere Verhältnisse „ethnisiert“ also einer bestimmten Gruppierung pauschal zugeschrieben werden.

[43] Vgl. Pickel, Susanne et al. Antiziganismus als eigenständige Form des Rassismus gegenüber Sinti*zze und Rom*nja: Ergebnisse einer Pilotstudie zur mehrdimensionalen Erfassung antiziganistischer Einstellungen in der Mehrheitsgesellschaft. NaDiRa Working Papers. Berlin (August 2022): S. 23 ff.

[44] Vgl. End (2017): S.10

[45] Vgl. End (MIA). (2025): S. 26

[46] Vgl. Ebd., S. 38

[47] „Gender“ beschreibt das soziale Geschlecht, also nicht deine körperlichen Merkmale sondern, wie sich jemand identifiziert.

[48] Vgl. Randjelović. S. 18

[49] End (2017): S. 18

[50] Meine Recherche hat ergeben, dass es sich hierbei um weiblich gelesene Personen handeln soll

[51] Vgl. End (MIA). (2025): S.16

[52] Vgl. End (MIA). (2025): S. 29

[53] Vgl. Pickel (NaDiRa). (2022): S. 16 f.

[54] Vgl. Helwig, Heidrun. DEN „VERRUTSCHTEN BLICK“ WIEDER GERADERÜCKEN. Polizeipräsidium Frankfurt und Dokumentationszentrum kooperieren beim „Aufbauseminar Sinti und Roma“. In newess 2024. Schwerpunkt: Die Mordnacht und das Gedenken. Zentralrat deutscher Sinti und Roma (März 2026): S. 70 ff.


Quelle: Rosa Lemke, Gadjé-Rassismus in der Polizei – Untersuchung der Diskriminierung von Roma* und Sinti* entlang der sozialen Kategorien „race“, „class“ und „gender“, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 12.10.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2026/10/12/automatischer-entwurf/

Die „Male Loneliness Epidemic“

Zwischen Geschlechternormen, psychischer Gesundheit und gesellschaftlicher Instrumentalisierung

Aaran Mia Dehnel (SoSe 2026)

Der Begriff „Male Loneliness Epidemic“, auf Deutsch „männliche Einsamkeitsepidemie“, kursiert seit 2025, verstärkt im Jahr 2026, als vielbehandeltes Thema in den internationalen Medien und sozialen Netzwerken (Sladkus, para. 1). Die Beiträge reichen von Personen, die diese „Epidemie“ analysieren, die Verwendung des Begriffs kritisieren oder verstärkt darauf aufmerksam machen wollen. In diesem Essay soll Platz für alle drei Inhalte sein. Ich werde erörtern, was mit der männlichen Einsamkeitskrise gemeint ist, und im Zusammenhang damit darauf eingehen, inwiefern Geschlechternormen auf die mentale und psychische Gesundheit von Männern* einwirken. Zuletzt thematisiere ich mögliche Wege zur positiven Weiterentwicklung und schaue kritisch auf die Instrumentalisierung des Begriffs.

Welche Personen bei der Male Loneliness Epidemic als „Male“ gelten – Cis-Männer oder beispielsweise auch Trans-Männer – ist abhängig von dem Personenkreis, der den Begriff verwendet. Einige der Umfelder, in denen er als gängig und fest definiert benutzt wird, sind rechtspolitisch geprägt, also queerfeindlich und misogyn (Sladkus, para. 21). Hier meint male in der Regel Cis-Männer. Diese politische Dimension des Begriffs wird an anderer Stelle erneut aufgegriffen und analysiert. Studien zum Thema definieren Male bzw. „Mann“ dagegen unterschiedlich und beziehen Transmänner oft mit ein. Gleichzeitig kennzeichnen die Studien manchmal nicht, welche Definition sie verwenden, oder schließen Transmänner und Nonbinary Personen von der Studie aus. Beim Referenzieren wird im Folgenden auf Transparenz und sinngemäße Begriffsverwendung geachtet. Wenn im jeweiligen Werk keine Angaben dazu gemacht werden, wie der Begriff verwendet wird, werde ich von „Männern*“ sprechen und damit männlich gelesene Personen meinen. Dass diese Personen als männlich gelesen wurden, ist in diesem Fall der einzige Faktor, von dem ich ausgehen kann. Immer die vollständige Formulierung zu nennen, würde jedoch die Wortzahl der Arbeit überstrapazieren. An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass sich der Großteil der von mir auffindbaren Texte auf Nordamerika und Westeuropa konzentriert. Während sich die genauen Zahlen zwar unterscheiden, waren die beschriebenen Geschlechternormen, Kausalzusammenhänge und Tendenzen dieselben, weshalb ich die Analysen zusammenbringe und beide Regionen in meinem Artikel behandle.

1. Was bezeichnet der Begriff „Male Loneliness Epidemic”?

Naomi Sladkus stellt in ihrem Artikel zur Zukunft heterosexueller Beziehungen die Hypothese auf, dass der Begriff seinen Ursprung in der Warnung des US-amerikanischen Arztes Vivek Murphy hat. Dieser stellte 2023 eine weltweite „Epidemie der Einsamkeit und Isolation“ fest und sprach von einer Verstärkung derselben (Sladkus, para. 1). Während Murphy eine universelle, in ihrer Gesamtheit vom Geschlecht unabhängige Epidemie analysiert, bezeichnet der Begriff „Male Loneliness Epidemic“ ausschließlich eine gesellschaftliche Situation, innerhalb derer Männer* vermehrt unter fehlenden engen Kontakten und zunehmender Einsamkeit leiden (Kaiser, para. 1).

2. Der Faktencheck

Passend zur von Vivek Murphy erwähnten Warnung zeigen mehrere Analysen eine allgemeine Zunahme der Einsamkeit, insbesondere unter jungen Menschen (18 – 29 Jahre) (Chowdhury et al., 2). Eine Meta-Analyse von 2019 wies zudem eine statistische Ungleichheit zwischen Männern* und Frauen* aus (Nordin, 2). Diese Geschlechterunterschiede waren jedoch erstens gering und zweitens vom Alter der Probanden und dem Studienkontext abhängig. Eine ähnlich geringe Differenz zeigen auch andere Studien wie beispielsweise die von 2025 des Pew Research Centers in den USA. Hier gaben 16% der Männer* und 15% der Frauen* an, sich einsam zu fühlen (Goddard und Parker, 8); es konnte also nur ein Unterschied von 1% festgestellt werden. Studien dieser Art sind nur zu einem gewissen Teil repräsentativ, wie Chowdhury et al. in ihrer Forschungsarbeit herausstellen. Die Autor*innen weisen darauf hin, dass maskuline Geschlechternormen wie emotionaler Stoizismus und Unbehagen gegenüber Verletzlichkeit eventuell beeinflussen, inwieweit die befragten Männer* das tatsächliche Ausmaß ihrer Einsamkeit offenlegen (Chowdhury et al., 15). Aus diesen Gründen lässt sich die Frage, ob Männer* aktuell einsamer sind als andere, derzeit nicht eindeutig beantworten.

Chowdhury et al. beschreiben dann geschlechtsspezifische Unterschiede anderer Art: Cis-Frauen verfügen, anders als Cis-Männer, aufgrund anderer Sozialisierung eher über „gender-specific routes of loneliness“, die es ihnen ermöglichen, mit dem Zustand der Einsamkeit für sie und ihre Mitmenschen gesund und nachhaltig umzugehen (Chowdhury et al., 18). Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Einsamkeit verstärkt, in psychische Probleme übergeht und gegebenenfalls die allgemeine Sterblichkeit bedroht, ist laut quantitativer und qualitativer Forschung bei Männern* höher als bei Frauen* (Nordin, 2). Aber warum ist das so?

3. Gendernormen und die Gesundheit von Männern*

Weltweit gibt es eine große Zahl verschiedener Gesellschaftsformen und Traditionen, weshalb es nicht möglich ist, von Maskulinität als monolithischem Konstrukt zu sprechen (Nordin, 2). Verschiedene Kulturkreise zeigen unterschiedliche Geschlechterrollen und -bilder, die starke Kontraste aufweisen können, auch innerhalb desselben Landes (Nordin, 2). Einige international vorherrschende Normen lassen sich jedoch anhand der Conformity-to-Masculine-Norms-Inventare identifizieren. Diese Normen beinhalten häufig die Aufforderung, Emotionen und als „weiblich“ geltende Ausdrucksformen wie Empathie, Fürsorge und Verletzlichkeit zu unterdrücken, die vollständige Unabhängigkeit anzustreben und physischen und psychischen Schmerz zu ertragen, statt Hilfe zu suchen. (Nordin, 2). Innerhalb dieser maskulinen Normen und gesellschaftlichen Erwartungen werden soziale Beziehungen durch traditionell männliche Interessen wie Sport und beruflichen Erfolg ermöglicht (Nordin, 8). Solange den genannten Standards entsprochen wird, können innerhalb dieser Interessengebiete soziale Verbindungen geschlossen werden. Auch das Erfüllen der Rolle des Mannes* als Versorger der Familie fördert, laut Therese Nordin, soziale Verbundenheit (Nordin, 8).

Kann diese Rolle jedoch nicht mehr erfüllt werden oder können den Interessen, die insgesamt auf dem Ideal der maximalen Produktivität basieren, nicht mehr nachgegangen werden, fehlt die Verbundenheit schnell und wird durch soziale Isolation ersetzt (Nordin, 8). Innerhalb der Sportszene konnte beispielsweise festgestellt werden, dass ehemalige Spieler, die aufgrund von Verletzungen oder altersbedingt nicht mehr teilnehmen konnten, sich trotz physischer Anwesenheit sozial und psychisch abgehängt fühlten (Nordin, 8). Auch Männer*, die aufhören zu arbeiten, verlieren oftmals schnell soziale Kontakte und ein Identitätsgefühl, da ihre Sozialisierung diese mit Produktivität und Stärke gleichsetzt und sie diese mit ihrem Beruf nicht mehr erfüllen können (Nordin, 8).

Insgesamt diktieren aktuelle Männlichkeitsnormen Ideale und Definitionen von Stärke, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, die die Möglichkeiten von Männern*, soziale und emotionale Bindungen einzugehen, stark einschränken (Nordin, 9). Die Bindungen sind fragil, wie in den obigen Beispielen erläutert, und stellen schon von klein auf Unabhängigkeit über emotionale Nähe (Rosenthal, 8). Sie befriedigen zwar das menschliche Bedürfnis nach sozialen Interaktionen (Nordin, 1), führen aber häufig nicht oder nur begrenzt zu emotionaler Nähe, die Verletzlichkeit und „non-masculine traits“ zulässt – „close friendships“ gelten tendenziell als nicht männlich (Nordin, 9).

Zusätzlich zu den vergleichbar fragilen und eingeschränkten sozialen Kontakten sorgen die Normen, die von Samantha Rosenthal auch „RMNS“ genannt werden (kurz für Restrictive Masculinity Norms; Rosenthal, 2), dafür, dass Männer* bei psychischen und physischen Problemen oft vermeiden, nach Hilfe zu suchen, sei es bei Freunden oder bei entsprechenden professionellen Instanzen (Rosenthal, 8). Medizinische Vorsorge wird häufig vermieden oder hinausgezögert, was in höheren Raten vermeidbarer Erkrankungen und schlussendlich auch in höherer Sterblichkeit resultiert (Rosenthal, 8). Emotionale Hilfe wird tendenziell bei der Partnerin gesucht und weniger bei Personen wie der besten Freund*in oder einem Familienmitglied, das nicht die eigene Mutter oder Ehefrau ist (Pearson, para. 5). Frauen* müssen also an dieser Stelle vergleichsweise häufig die Aufgaben übernehmen, die bei ihnen selbst auf verschiedene Instanzen des persönlichen Lebens (Freundeskreis, Therapeut*in, Familie) aufgeteilt werden (Pearson, para. 6).

Innerhalb dieses Systems bleiben mentale Erkrankungen wie Depressionen bei Männern* häufig undiagnostiziert oder werden so lange unbehandelt ausgehalten, bis ein Krisenpunkt erreicht wird (Nordin, 9). Statt eines vielfältigen Auffangnetzwerks wird von vielen Männern* das von klein auf nahegelegte und internalisierte Ideal der Unabhängigkeit verfolgt und mit Unverletzbarkeit gleichgesetzt (Nordin, 9). Die Fassade der Unverletzbarkeit wird aufrechterhalten, indem Emotionen, die auf Schwäche, potenzielle mentale und/oder psychische Probleme hinweisen könnten, unterdrückt werden (Nordin, 9). Scheinbare und kurzfristige Hilfe beziehungsweise Linderung der Leiden wird dann zumeist in Bewältigungsmechanismen wie Risikoverhalten (zum Beispiel exzessiver Alkoholkonsum, Drogenkonsum, Rauchen) und physische Aggression umgesetzt (Rosenthal, 8). Diese Verhaltensweisen dienen auch oft dazu, dem Gefühl, internalisierten Männlichkeitsstandards nicht zu genügen, entgegenzuwirken (Rosenthal, 8).

Ich fasse hier zusammen: ein signifikanter Grund dafür, dass Einsamkeit bei Männern* häufiger und schneller zu Krisenpunkten und einer höheren Lebensbedrohlichkeit führt, liegt darin, dass die Ideale in internationalen Gesellschaften rund um den Mann* eine kontraproduktive und schädliche Umgangsweise mit Krankheit und negativen Gefühlen nahelegen. Jungen Männern* wird von klein auf oft nicht zureichend beigebracht, wie ein Soziales Netzwerk aufgebaut werden kann, das stabil ist und als Auffangnetzwerk in Problemsituationen funktionieren kann (Rosenthal, 8); stattdessen werden solcherlei Verbindungen abgelehnt oder auf Frauen* im Umfeld reduziert (Pearson, para. 1). Während Frauen* überwiegend dazu sozialisiert werden, soziale Interaktionen zu fördern und zu vertiefen – im Privaten und Beruflichen, von sich selbst und anderen –, verweist das männliche* Ideal darauf, ausschließlich durch Handlungen, die Stärke suggerieren, andere und sich zu unterstützen (Beruf, physische Arbeit) und negative Emotionen zu bewältigen (Walner, 4).

Die klare Rollenaufteilung führt auf verschiedenen Ebenen bei allen Geschlechtern zu signifikanten Problemen. Die fehlenden Fähigkeiten, die eigenen negativen Emotionen auf gesunde Weise zu verarbeiten sowie soziale Beziehungen nachhaltig zu pflegen, sorgen häufig dafür, dass Frauen* neben ihren eigenen Problemen auch die ihrer männlichen* Freunde und Partner bewältigen müssen (Pearson, para. 5). Sie werden auch physischer und psychischer Belastung ausgesetzt, wenn die Bewältigungsstrategie in Aggression umschlägt und sie beispielsweise Opfer häuslicher Gewalt werden (World Health Organisation, para. 21). Viele Analysen bringen die weit verbreitete, hohe emotionale Arbeit innerhalb heterosexueller Beziehungen, sowie das Risiko, Gewalt zu erleben, damit in Verbindung, dass immer mehr Frauen* keine Beziehungen mehr mit Männern* führen möchten, junge Menschen insgesamt weniger Sex haben und die Geburtsraten zurückgehen (Sladkus, para. 6, 10). Männer* erleben auf der anderen Seite die bereits geschilderten Folgen für ihre mentale und psychische Gesundheit. Im Jahr 2019 waren in den USA fast 80% der Suizidopfer Cis-Männer, und Suizid war die achthäufigste Todesursache bei Cis-Männern im Alter von ≥ 10 Jahren (Fowler et al., 1).

Wie lässt sich diese Situation ändern? Was kann getan werden, damit enge Bindungen, emotionale Verletzlichkeit und das Bitten um Hilfe bei Männern* eher positiv konnotiert und als integrale Bestandteile einer gesunden Lebensweise anerkannt werden?

Samantha Rosenthal betont, dass RMNS kein einheitliches Konzept haben. Sie werden von sich überschneidenden Aspekten der Identität beeinflusst, darunter Kultur, ethnische Zugehörigkeit, Sexualität und sozioökonomischer Status (Rosenthal, 9). Folglich sehen sich viele Männer* mit spezifischen Erwartungen und Herausforderungen konfrontiert, die durch diese Überschneidungen geprägt sind – wirksame Strategien müssen diese Komplexität berücksichtigen (Rosenthal, 9). Davon ausgehend schlägt sie frühe Bildung und Sozialisierung von Kindern sowie gemeindebasierte Programme vor (Rosenthal, 9). Die gemeinschaftsbasierten Maßnahmen sollten in der lokalen Kultur verankert sein und von vertrauenswürdigen Mitgliedern der Gemeinschaft geleitet werden (Rosenthal, 9). Erfolgreiche Beispiele für solche Initiativen sind unter anderem das „Men’s Story Project“ und das „Confess Project“ (Rosenthal, 9). Diese Programme bieten Männern* verschiedener Altersgruppen sichere Räume, um über ihre Erfahrungen zu reflektieren und sich auszutauschen, sich verletzlich zu zeigen und soziale Unterstützung aufzubauen (Rosenthal, 9). Des Weiteren sollten, laut Rosenthal, Medien Alternativen zu den RMNS repräsentieren, die über traditionelle Stereotypen hinausgehen und Männer* beispielsweise in verletzlichen Situationen oder mit traditionell weiblichen* Charakterzügen zeigen (Rosenthal, 9). Auch geschlechtsspezifische klinische Unterstützung muss eingeführt beziehungsweise gefördert werden und sollte das Hilfesuchen als Akt von Stärke demonstrieren (Rosenthal, 9).

Statt einen positiven Weg der Weiterentwicklung zu fördern, stechen aktuell jedoch andere Tendenzen hervor: Das Phänomen der „männlichen Einsamkeit“ wird aktiv dafür instrumentalisiert, um traditionelle Männlichkeitsbilder zu stärken und Misogynie weiterzuverbreiten, was ich im vorletzten Abschnitt näher erläutern werde.

4. Die Manosphere

Der Begriff Manosphere dient als Sammelbegriff für Blogs, Online-Communitys und Foren, in denen Benutzer*innen antifeministische und misogyne Ansichten verbreiten (Manosphere: Frauenhass, para. 3). „Die Themen reichen von Männlichkeitscoachings und Tipps zur Selbstoptimierung über Fantasien männlicher Vorherrschaft bis hin zu extremem Frauenhass“, schreibt der Deutschlandfunk. „Expertinnen und Experten unterscheiden verschiedene Gruppen, zum Beispiel Männlichkeitsinfluencer, misogyne Männerrechtsaktivisten, Pick-up-Artists und Incels, also unfreiwillig zölibatär lebende Männer.“ (Manosphere: Frauenhass, para. 3). Der DLF berichtet, dass Videos mit derartigen Inhalten Millionen erreichen und sich innerhalb der Manosphere ein allgemeiner Zuwachs beobachten lässt (Manosphere: Frauenhass, para. 7).

Für den Zuwachs gibt es einige Gründe, auf die hier nicht alle eingegangen werden können. Im Zusammenhang mit dem Thema Male Loneliness argumentiert James Bloodworth in seinem Vortrag für diesen zentralen Faktor: Sie bietet Männern*, die sich isoliert fühlen, eine Community und eine Verbindung zu anderen (Monetising Male Loneliness, para. 3). Das sei gerade, so Bloodworth weiter, in Zeiten der Deindustrialisierung besonders wirkungsvoll, da „third-spaces“, also Räume zum Zusammenkommen außerhalb des eigenen Zuhauses und der Arbeit wie Jugendzentren, Gewerkschaften und Vereine, weniger werden (Monetising Male Loneliness, para. 4). Genau das, was vorhin in den Änderungsvorschlägen erwähnt wurde, erlebt einen signifikanten Rückgang. Beate Thomsen verweist außerdem darauf, dass die derzeitigen, weltweiten multiplen Krisen junge Männer* verstärkt dazu bewegen, vermeintliche Sicherheit in „reaktionären Männlichkeitsvorstellungen“ zu suchen (Thomsen, para. 13).

James Bloodworth beschreibt die Manosphere nicht nur als soziale Bewegung, sondern als kommerzieller „sales funnel“, denn von dem Zuwachs wird auch von verschiedenen Instanzen, vor allem aber Influencern, finanzieller Profit geschlagen; die Coachings, Protein-Shakes und Ratgeber, die angepriesen werden – all das kostet und bringt Geld (Monetising Male Loneliness, para. 2). Die Manosphere nutzt die Einsamkeit von Männern* also direkt aus, um eine Branche zu fördern und zu etablieren. Zusätzlich wird die Einsamkeit als Phänomen instrumentalisiert: innerhalb der Sphäre werden vor allem Cis-Frauen und der Feminismus insgesamt für die Probleme von Cis-Männern, darunter auch die Einsamkeit, verantwortlich gemacht (Sladkus, para. 1).

5. Fazit

Eine Male Loneliness Epidemic als solche kann zusammenfassend nicht eindeutig belegt werden. Der medial kursierende Begriff suggeriert, dass ausschließlich Männer* aktuell zunehmende Einsamkeit erleben, und dazu zeigen Statistiken und Studien schwankende und kontextabhängige Zahlen. Viel klarer als „männliches Phänomen“ lässt sich betrachten, in welchem Ausmaß diese Einsamkeit Folgen hat. Historisch tief verankerte Männlichkeitsideale führen unter anderem dazu, dass Männer* vergleichsweise unzureichend ausgestattet sind, um negative Gefühle wie Einsamkeit für sich und ihre Mitmenschen gesund zu bewältigen und nachhaltige, stabile Beziehungen zu führen. Diese Art der Sozialisierung kann dazu führen, dass Männer* in Risikoverhalten wie Drogen, Gewalt oder Alkohol Wege zur Bewältigung finden und/oder mentale Krisenpunkte erreichen.

Passender als der aktuelle Begriff wäre also vielleicht „Male Coping Epidemic“, zu Deutsch männliche Bewältigungsepidemie – während die Einsamkeitskrise alle betrifft, ist das Phänomen, innerhalb dessen den Individuen Bewältigungsstrategien und Auffangnetzwerke fehlen, männlich* dominiert. Verschiedene Wege zur Änderung wurden bereits aufgezeigt, und es gibt noch einige weitere, die hier nicht aufgeführt werden konnten. Rechtsausgerichtete Communities, die diverse Bevölkerungsgruppen wie Cis-Frauen als Sündenböcke und Hassobjekte auswählen, sollten jedoch nicht als einer dieser Wege betrachtet werden. Diese scheinen zwar für manch einen kurzfristig als Ort des sozialen Zusammenhalts herhalten, führen aber langfristig zu einer Verstärkung traditioneller Männlichkeitsideale und damit zu den hier genannten Problemen.

Viel entscheidender als die Begrifflichkeit ist schlussendlich, meiner Meinung nach, wie und mit welchen Werten Kinder sozialisiert werden und welche Angebote Menschen jeden Geschlechts erhalten, um dem natürlichen Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Bindung nachkommen zu können. So fasst es Fikri Anıl Altıntaş zusammen:

„Diejenigen jungen Männer, die ein Gefühl von Zugehörigkeit und Kontrolle haben, die in ihren Sorgen und Ängsten wahrgenommen werden, die sind nicht wirklich anfällig für populistische Erzählungen – auch im Kontext von Männlichkeit.“ (Thomsen, para. 24).

Literaturverzeichnis

Chowdhury, D., et al. „Loneliness without an Epidemic: Gendered Pathways, Health Consequences, and Intervention Gaps among Men in the United States.“ Frontiers in Public Health, vol. 14, 2026, article 1817065. https://doi.org/10.3389/fpubh.2026.1817065.

Fowler, Katherine A et al. “Suicide Among Males Across the Lifespan: An Analysis of Differences by Known Mental Health Status.” American journal of Preventive Medicine vol. 63,3 (2022): 419-422.

Goddard, Isabel, and Kim Parker. Men, Women and Social Connections. Pew Research Center, 16 Jan. 2025, https://www.pewresearch.org/wp-content/uploads/sites/20/2025/01/ST_2024.1.16_social-connections_REPORT.pdf.

Kaiser, Nele. “#FactFriday: Male Loneliness Epidemic.” TU Dresden, 2025, https://tu-dresden.de/bu/der-bereich/chancengleichheit/fun/news/factfriday-male-loneliness-epidemic.

„Manosphere: Frauenhass als Social-Media-Trend.“ Deutschlandfunk Kultur, 24 Apr. 2026, https://www.deutschlandfunkkultur.de/toxische-maennlichkeit-antifeminismus-frauenfeindlichkeit-manosphere-100.html.

„Monetising Male Loneliness: The Truth about the Manosphere | James Bloodworth Receives Holyoake Medal.“ Humanists UK, 8 Dec. 2025, https://humanists.uk/2025/12/08/monetising-male-loneliness-the-truth-about-the-manosphere-james-bloodworth-receives-holyoake-medal/

Nordin, Therese., et al. “A Scoping Review of Masculinity Norms and Their Interplay With Loneliness and Social Connectedness Among Men in Western Societies.” American Journal of Men’s Health, vol. November-December 1–14, 2024. https://doi.org/10.1177/15579883231155096.

Pearson, Catherine. „Why ‚Mankeeping‘ Is Turning Women Off.“ The New York Times, 28 July 2025, https://www.nytimes.com/2025/07/28/well/family/mankeeping-definition.html.

Rosenthal, Samantha R. “Young Adult Male Health and Restrictive Masculinity Norms.” Rhode Island Medical Health Journal, June 2025. http://www.rimed.org/rimedicaljournal/2025/06/2025-06-07-riyas-rosenthal.pdf.

Sladkus, Naomi. “A New Era of Dating: What the ‘Male Loneliness Epidemic’ Discourse Signals About the Future of Heterosexual Romance – National Organization for Women.” National Organization for Women –, 7 Jan. 2026, https://now.org/blog/a-new-era-of-dating-what-the-male-loneliness-epidemic-discourse-signals-about-the-future-of-heterosexual-romance/.

Thomsen, Beate. „Der fragile Mann der Mitte.“ Deutschlandfunk, 13 July 2026, https://www.deutschlandfunk.de/fragile-maennlichkeit-mitte-wahlverhalten-populismus-100.html.

World Health Organization. „Violence against Women.“ World Health Organization, 18 June 2026, https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/violence-against-women.

Wallner, Claudia. Opfer, Gewinnerinnen oder Gestalterinnen ihrer Lebenswelt? Über die Auswirkungen weiblicher Sozialisation auf Mädchen und junge Frauen. Vortrag auf der Fachtagung „Mädchen schlagen zu!“ der Evangelischen Gesellschaft, 18 Oct. 2006, Forum 3, Stuttgart, https://www.claudia-wallner.de/wp-content/uploads/2016/02/Sozialisation-von-Maedchen.pdf.


Quelle: Aaran Mia Dehnel, Die „Male Loneliness Epidemic“: Zwischen Geschlechternormen, psychischer Gesundheit und gesellschaftlicher Instrumentalisierung, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 12.10.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2026/10/12/automatischer-entwurf/

Hegemoniale Männlichkeit und Depression: Eine vergleichende Analyse heterosexueller und nicht-heterosexueller Männer

Dunja Bogdanovska (WiSe 2025-26)

Einleitung

Depression zählt weltweit zu den drängendsten Problemen der öffentlichen Gesundheit. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist sie eine der Hauptursachen für Behinderungen und betrifft Millionen von Menschen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Regionen. Sie ist mit funktionellen Einschränkungen, Suizidgefahr und hohen sozialen und wirtschaftlichen Kosten verbunden.[1] Trotz der hohen Prävalenz von Depression bei Männern zeigen Studien, dass sie im Vergleich zu Frauen seltener Hilfe suchen. Männer meiden häufiger professionelle Hilfe, verzögern die Behandlung oder begehen Suizid.[2]

Dieses Paradoxon, dass Männer zwar niedrigere Depressionsraten, aber höhere Suizidraten aufweisen, zieht erhebliche wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich.

Ein häufig genutzter theoretischer Rahmen zum Verständnis der geschlechtsspezifischen Unterschiede im Umgang mit psychischer Gesundheit ist das Konzept der hegemonialen Männlichkeit. Ursprünglich von R. W. Connell entwickelt und später gemeinsam mit Messerschmidt weiter ausgearbeitet, beschreibt hegemoniale Männlichkeit die gesellschaftlich dominante Form von Männlichkeit, die die strukturelle Vorherrschaft von Männern über Frauen sowie über andere, untergeordnete Formen von Männlichkeit legitimiert.[3] Diese Form von Männlichkeit wird häufig mit Eigenschaften wie Härte, Kontrolle, Dominanz und emotionaler Zurückhaltung assoziiert.[4] Diese Normen beeinflussen wie Männer mit seelischer Belastung umgehen.[5]

Männlichkeit ist jedoch nicht einheitlich. Bestimmte Gruppen von Männern, wie beispielsweise nicht-heterosexuelle Männer, erleben dominante Männlichkeitsnormen auf andere Weise und entwickeln unterschiedliche Strategien im Umgang mit deren Annahme oder Ablehnung, da ihre Sexualität bereits als Abweichung von diesen Normen gilt.

Als Angehörige einer Minderheit sind sie zusätzlichen Stressoren ausgesetzt, die negative Erfahrungen verstärken und das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen.[6]

Daraus ergibt sich eine zentrale Fragestellung: Wie beeinflusst hegemoniale Männlichkeit den Umgang heterosexueller und nicht-heterosexueller Männer mit Depression auf unterschiedliche Weise?

Diese Arbeit argumentiert, dass hegemoniale Männlichkeit bei heterosexuellen Männern emotionalen Ausdruck entmutigt, indem sie psychische Belastungen mit Schwäche gleichsetzt, während nicht-heterosexuelle Männer mit einer komplexeren Dynamik konfrontiert sind. Sie sind zugleich durch männliche Normen eingeschränkt und gleichzeitig von ihnen ausgeschlossen, was zu unterschiedlichen Formen des Erlebens und Bewältigens von Depression führt.

Für die Zwecke dieser Arbeit beziehe ich mich ausschließlich auf die Dimension sexueller Orientierung innerhalb sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Andere Aspekte wie Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck oder nicht-binäre Identitäten werden nicht behandelt.

1.  Depression und Stigmatisierung

Depression wird klinisch als affektive Störung definiert, die durch anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessen- und Freudverlust, Hoffnungslosigkeit, Veränderungen von Schlaf und Appetit sowie eine beeinträchtigte Funktionsfähigkeit gekennzeichnet ist. Zu den spezifischen Kriterien für Depression gehören das Vorliegen von Symptomen über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen, erhebliches Leiden und eine Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit.[7] Abgesehen von ihrer klinischen Definition wird die Depression auch durch ihre kulturellen Bedeutungen geprägt.

Stigmatisierung spielt eine große Rolle in der Wahrnehmung psychischer Erkrankungen. Sie wird definiert als tiefe soziale Missbilligung und Ausgrenzung aufgrund einer Andersartigkeit, wie beispielsweise einer psychischen Erkrankung. Menschen mit Depression sind nicht nur mit Stigmatisierung durch ihr Umfeld, sondern auch mit Selbststigmatisierung konfrontiert. Öffentliche Stigmatisierung bezeichnet Diskriminierung und negative Stereotypen gegenüber Menschen mit Depression, wie etwa die Annahme, sie seien schwach, instabil oder unfähig. Selbststigmatisierung entsteht, wenn Betroffene diese äußeren Vorstellungen verinnerlichen, was zu einem negativen Selbstbild und Schamgefühlen führt. Dies ist besonders schädlich, da Menschen mit Depression ohnehin schon mit Selbstzweifeln zu kämpfen haben, die durch die zusätzliche Stigmatisierung noch verstärkt werden.[8]

Bei Männern ist das Stigmatisierung rund um Depression oft mit Geschlechternormen verknüpft, die emotionale Verletzlichkeit mit Schwäche gleichsetzen. Sie interpretieren ihre Symptome möglicherweise nicht als Anzeichen einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung, sondern als persönliches Versagen als Männer. Diese Wahrnehmung verstärkt die Selbststigmatisierung und die Vermeidung professioneller Hilfe. Daher ist Stigmatisierung nicht nur eine äußere, sondern auch eine psychologische Barriere, die eng mit Männlichkeitsidealen verknüpft ist.[9]

2.  Hegemoniale Männlichkeit

Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit wurde von R. W. Connell entwickelt, um die kulturell dominante Form von Männlichkeit zu beschreiben, die hypermaskuline Eigenschaften privilegiert und Weiblichkeit sowie alternative Männlichkeitsformen unterordnet. Hegemoniale Männlichkeit ist nicht zwingend die am weitesten verbreitete Form, sondern jene, die gesellschaftlich am meisten anerkannt und institutionell gestützt wird.[10]

Zu den Kernmerkmalen hegemonialer Männlichkeit zählen emotionale Zurückhaltung, Dominanz, Stoizismus, Selbstständigkeit, Heterosexualität sowie die Ablehnung von Männlichkeitsbildern, die diesen Idealen nicht entsprechen. Von Männern wird erwartet, dass sie ihre Probleme allein bewältigen und Verletzlichkeit unterdrücken, um sich nicht selbst zu entmannen. Sie werden so sozialisiert, dass sie diese Normen als Richtlinien betrachten, denen sie folgen müssen, um „echte Männer“ zu sein. Jegliche Sentimentalität disqualifiziert sie somit von der männlichen Erfahrung. Daher gilt emotionaler Ausdruck, insbesondere von Traurigkeit oder Angst, der als weibliche Eigenschaft angesehen wird, als unvereinbar mit „echter Männlichkeit“.[11]

Diese Normen spiegeln sich auch im Gesundheitsverhalten wider. Studien zeigen, dass eine starke Orientierung an traditionellen Männlichkeitsnormen mit geringerer Inanspruchnahme von Hilfe und einem erhöhten Risiko schädlicher Bewältigungsstrategien, etwa Substanzmissbrauch, einhergeht.[12] Depression, als Krankheit, die Gefühle der Hilflosigkeit hervorruft, widerspricht direkt der Vorstellung, dass Männer stets stark und souverän sein müssen.

Infolgedessen ignorieren Männer, die sich stark mit hegemonialen Männlichkeitsnormen identifizieren, oft ihre Symptome oder bemühen sich nach Kräften, sie zu verbergen.[13]

3.  Minority-Stress-Theorie

Die Minority-Stress-Theorie bietet eine zusätzliche Perspektive auf den Umgang nicht-heterosexueller Männer mit Depression. Sie wurde vom Psychologen I. H. Meyer entwickelt und besagt, dass Angehörige stigmatisierter sozialer Gruppen chronischem Stress ausgesetzt sind, der aus Diskriminierung, sozialer Ausgrenzung und Vorurteilen resultiert.

Für nicht-heterosexuelle Männer umfasst dies äußere Stressoren wie Belästigung, Gewalt und strukturelle Diskriminierung sowie innere Stressoren wie internalisierte Homophobie, Unterdrückung der eigenen sexuellen Identität oder Angst vor Zurückweisung. Die kumulative Wirkung dieser Belastungen erhöht langfristig die Anfälligkeit für psychische Erkrankungen, einschließlich Depression.[14]

4.  Vergleich

4.1 Heterosexuelle Männer und hegemoniale Männlichkeit

Für heterosexuelle Männer stellt hegemoniale Männlichkeit oft ein normatives Ideal dar, dem sie nacheifern sollen. Die Unterdrückung von Gefühlen wird zu einer Schlüsselstrategie, um glaubwürdige Männlichkeit aufrechtzuerhalten.

Da depressive Symptome den Erwartungen an Stoizismus direkt widersprechen, versuchen viele Männer, ihre Symptome so umzudeuten, dass ihr männliches Image gewahrt bleibt. Anstatt ihre Traurigkeit anzuerkennen und auszudrücken, externalisieren sie ihre Gefühle in Form von Wutausbrüchen oder übermäßiger Arbeit. Obwohl ihnen diese Verhaltensweisen ermöglichen, ihr Bild von Härte und Kontrolle aufrechtzuerhalten, können sie Diagnose und Behandlung erheblich verzögern. Auch die Vermeidung professioneller Hilfe dient dem Erhalt hegemonialer Männlichkeit. Therapie wird mitunter als Eingeständnis von Schwäche und mangelnder Selbstständigkeit wahrgenommen. Die Angst vor sozialer Bewertung führt zu einer geringeren Nutzung psychotherapeutischer Angebote.[15]

Darüber hinaus haben heterosexuelle Männer in ihrem Umfeld möglicherweise weniger Gelegenheiten, sich offen verletzlich zu zeigen, da Männer häufig davon abgehalten werden, intime Freundschaften untereinander zu pflegen, da dies ihre sexuelle Orientierung in Frage stellen würde. Dies bedeutet, dass Männer weniger Räume haben, in denen sie sich wohlfühlen und ihre Probleme äußern können, was zu Isolation führt, die depressive Symptome verstärkt.[16]

Daher beeinflusst die hegemoniale Männlichkeit Depression bei heterosexuellen Männern vor allem durch verinnerlichte Erwartungen an Stoizismus und Unabhängigkeit, die die Anerkennung emotionalen Schmerzes und die Inanspruchnahme formeller Hilfe verhindern.

4.2 Nicht-heterosexuelle Männer und hegemoniale Männlichkeit

Nicht-heterosexuelle Männer befinden sich in einer komplexeren Position. Einerseits unterliegen sie als Männer hegemonialen Normen, andererseits werden sie aufgrund ihrer Sexualität von diesen ausgeschlossen. Da hegemoniale Männlichkeit eng mit Heterosexualität verbunden ist, gilt nicht-heterosexuelle Orientierung als abweichend. Somit wären sie einem doppelten Stigma ausgesetzt: einem Stigma aufgrund einer psychischen Erkrankung und einem Stigma aufgrund ihrer nicht-heterosexuellen Identität.

Minority Stress erhöht das Depressionsrisiko deutlich. Diskriminierung, Zurückweisung und internalisierte Homophobie erzeugen chronische Belastung und Isolation.

In diesem Sinne sind nicht-heterosexuelle Männer Stressfaktoren ausgesetzt, denen heterosexuelle Männer nicht ausgesetzt sind.[17]

Gleichzeitig ist das Verhältnis nicht-heterosexueller Männer zur hegemonialen Männlichkeit nicht einheitlich und kann sich auf vielfältige Weise äußern. Da sie von den dominanten Männlichkeitsidealen ohnehin ausgeschlossen sind, verspüren manche nicht-heterosexuelle Männer möglicherweise keinen Druck, sich Normen anzupassen, die von Männern ständige Stärke und Stoizismus fordern. Dies ermöglicht die Entwicklung offener und verletzlichkeitsfreundlicher Formen von Männlichkeit.[18]

Andererseits verinnerlichen viele nicht-heterosexuelle Männer nach wie vor traditionelle Männlichkeitsnormen und schämen sich für ihre sexuelle Orientierung sowie für ihre psychischen Erkrankungen. Der Druck, ihre Männlichkeit beweisen zu müssen, wird durch ihre Queerness noch verstärkt. Die Tatsache, dass ein wesentlicher Teil ihrer Identität – ihre Sexualität – bereits als unmännlich gilt, führt dazu, dass sie noch mehr Energie in die Verbergung ihrer Identität und die Anpassung an das traditionelle Bild eines Mannes investieren müssen. Dieser Wunsch, als „echter Mann“ wahrgenommen zu werden, stellt eine zusätzliche Belastung für ihr psychisches Wohlbefinden dar.[19] Darüber hinaus können Rasse, Klasse und andere sich überschneidende Identitäten diese Problematik verkomplizieren, da verschiedene Kulturgruppen unterschiedliche Werte in Bezug auf Männlichkeit haben und aufgrund ihres Minderheitenstatus unterschiedlich stark von Marginalisierung betroffen sind.[20]

Anders als heterosexuelle Männer, deren Haupthindernis die Anpassung an männliche Normen ist, erleben nicht-heterosexuelle Männer sowohl Ausgrenzung als auch das Streben nach hegemonialer Männlichkeit. Diese ambivalente Situation prägt unterschiedliche Bewältigungsstrategien für Depression, darunter eine erhöhte Verletzlichkeit und in manchen Fällen eine größere Offenheit für professionelle Hilfe.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Ausmaß des Leids, dem die jeweiligen Gruppen ausgesetzt sind, sondern in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen sie sich befinden und die maßgeblich den Umgang mit diesem Leid beeinflussen. Die Vermeidungstaktik heterosexueller Männer ist primär durch die Konformität mit dominanten Idealen bedingt, während die Erfahrungen nicht-heterosexuelle Männer durch eine Kombination aus Ausgrenzung von diesen Idealen und Belastungen aufgrund ihres Minderheitenstatus geprägt sind.

5.  Diskussion

Hegemoniale Männlichkeit scheint allen Männern zu schaden, indem sie psychische Erkrankungen als Schwäche darstellt und Verletzlichkeit sowie die Suche nach Hilfe unterbindet. Das stoische Ideal schafft ein Umfeld, in dem das Eingeständnis von Problemen ein persönliches Versagen in der eigenen sozialen Rolle bedeutet. In diesem Sinne stellt hegemoniale Männlichkeit einen Risikofaktor für die öffentliche Gesundheit dar.

Der Einfluss von Stigmatisierung variiert jedoch je nach sexueller Orientierung. Sie verstärkt oft Konformität und hemmt die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen, während sie nicht-heterosexuelle Männer benachteiligt und zusätzliche Stigmatisierung und Minderheitenstress verursacht. Heterosexuelle Männer kämpfen vor allem mit Selbststigmatisierung aufgrund von Schwächeängsten. Nicht-heterosexuelle Männer kämpfen mit Selbststigmatisierung, die oft mit internalisierter Homophobie zusammenhängt, sowie mit öffentlicher Stigmatisierung aufgrund struktureller Diskriminierung.

Gesundheitssysteme selbst können hegemoniale Normen stillschweigend verstärken. Kampagnen zur Aufklärung über psychische Gesundheit stellen häufig professionelle Hilfe in den Vordergrund, ignorieren aber bewusst schädliche Verhaltensweisen bei Männern, die auf Selbststigmatisierung und der Anpassung an Geschlechternormen beruhen.[21]

Wirksame Präventions- und Behandlungsstrategien sollten daher direkt auf Probleme im Zusammenhang mit Männlichkeit eingehen. Kampagnen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sollten die Gleichsetzung von Verletzlichkeit mit Schwäche hinterfragen und alternative Männlichkeitsbilder gleichermaßen unterstützen.

Für heterosexuelle Männer könnte eine Therapie, die Verletzlichkeit als Zeichen von Stärke und Selbstbestimmung normalisiert, Barrieren abbauen.

Für nicht-heterosexuelle Männer sollte die Behandlung den zusätzlichen Minderheitenstress durch die Förderung inklusiver Richtlinien, LGBTQ-freundlicher psychologischer Beratungsangebote und Antidiskriminierungsrichtlinien berücksichtigen.

Fazit

Die Untersuchung von Depression aus der Perspektive hegemonialer Männlichkeit zeigt, dass die psychische Gesundheit von Männern untrennbar mit umfassenderen Systemen geschlechtsspezifischer Machtverhältnisse verbunden ist. Dominante Männlichkeitsideale diktieren nicht nur, welche Eigenschaften Männer haben sollten, sondern auch, wie Depression bei Männern zum Ausdruck kommen und wahrgenommen werden. Für heterosexuelle Männer stellen hegemoniale Ideale einen verinnerlichten Standard dar, den sie an sich selbst und anderen Männern messen. Die Bestätigung, die sie für die Einhaltung dieser Normen erhalten, kann emotionale Verletzlichkeit als soziales Risiko erscheinen lassen. Daher wird stilles Leiden als Preis für die Aufrechterhaltung der männlichen Fassade angesehen, und Depression werden als nicht Bestandteil akzeptierter Männlichkeitsbilder betrachtet.

Die Perspektive nicht-heterosexueller Männer offenbart eine weitere Ebene: Hegemoniale Männlichkeit marginalisiert sie gleichzeitig und übt Konformitätsdruck aus. Ihre Erfahrungen zeigen, dass Männlichkeit nicht nur von denen gestärkt wird, die sie verkörpern, sondern auch von denen, die außerhalb dieser Vorstellung stehen. Manche Männer begegnen dieser Marginalisierung, indem sie sich selbst noch mehr unter Druck setzen, der dominanten Form von Männlichkeit zu entsprechen, was ihrem psychischen Wohlbefinden schadet. Andere hingegen pflegen alternative Formen von Männlichkeit, die die Unterstützung der queeren Community und eine positive Einstellung zur Therapie einschließen. Dies verdeutlicht, dass Männlichkeit weder festgelegt noch einheitlich ist, genauso wenig wie der Umgang von Männern mit Depression.

Um weitreichende Veränderungen zu erzielen, reicht es nicht aus, die individuelle Inanspruchnahme von Hilfe zu fördern. Vielmehr muss ein kultureller Wandel in der Wahrnehmung von Verletzlichkeit und Emotionalität im Zusammenhang mit Männlichkeit bewirkt werden. Wenn die Verbindung zwischen Emotionen und Schwäche aufgehoben und verschiedene Ausdrucksformen von Männlichkeit akzeptiert werden, kann Depression früher und offener behandelt werden. Letztlich erfordert die Transformation männlicher Normen nicht die Abwertung von Männern, sondern die Erweiterung des Spektrums an Ausdrucksmöglichkeiten, die Männer haben können, ohne dabei tabuisiert zu werden.

Literaturverzeichnis

Carbonaro, William. „Deep Secrets: Boys’ Friendships and the Crisis of Connection.“ (2014): 1485-1487.

Connell, Robert W., and James W. Messerschmidt. „Hegemonic masculinity: Rethinking the concept.“ Gender & society 19, no. 6 (2005): 829-859.

Courtenay, Will H. „Constructions of masculinity and their influence on men’s well-being: a theory of gender and health.“ Social science & medicine 50, no. 10 (2000): 1385-1401.

Latalova, Klara, Dana Kamaradova, and Jan Prasko. „Perspectives on perceived stigma and self-stigma in adult male patients with depression.“ Neuropsychiatric disease and treatment (2014): 1399-1405.

Levant, Ronald F., K. Bryant Smalley, Maryse Aupont, A. Tanner House, Katherine Richmond, and Delilah Noronha. „Initial validation of the male role norms inventory-revised (MRNI-R).“ The Journal of men’s Studies 15, no. 1 (2007): 83-100.

Mahalik, James R., and Aaron B. Rochlen. „Men’s likely responses to clinical depression: What are they and do masculinity norms predict them?.“ Sex roles 55, no. 9 (2006): 659-667.

Meyer, Ilan H. „Minority stress and mental health in gay men.“ Journal of health and social behavior (1995): 38-56.

National Institute of Mental Health, “Major Depression,” Health Statistics, accessed February 23, 2026, https://www.nimh.nih.gov/health/statistics/major-depression

Wilson, Bianca DM, Gary W. Harper, Marco A. Hidalgo, Omar B. Jamil, Rodrigo Sebastián Torres, M. Isabel Fernandez, and Adolescent Medicine Trials Network for HIV/AIDS Interventions. „Negotiating dominant masculinity ideology: Strategies used by gay, bisexual and questioning male adolescents.“ American journal of community psychology 45, no. 1 (2010): 169-185.

World Health Organization. “Depression.” Fact sheet. accessed February 23, 2026. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression


[1] World Health Organization. “Depression.” Fact sheet. Accessed February 23, 2026. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression

[2] Mahalik, James R., and Aaron B. Rochlen. „Men’s likely responses to clinical depression: What are they and do masculinity norms predict them?.“ Sex roles 55, no. 9 (2006). S.  660.

[3] Connell, Robert W., and James W. Messerschmidt. „Hegemonic masculinity: Rethinking the concept.“ Gender & society 19, no. 6 (2005): S. 832.

[4] Courtenay, Will H. „Constructions of masculinity and their influence on men’s well-being: a theory of gender and health.“ Social science & medicine 50, no. 10 (2000): S. 1389.

[5] Connell and Messerschmidt 2005, S. 834.

[6] Meyer, Ilan H. „Minority stress and mental health in gay men.“ Journal of health and social behavior (1995): S. 38-39.

[7] National Institute of Mental Health, “Major Depression,” Health Statistics, accessed February 23, 2026, https://www.nimh.nih.gov/health/statistics/major-depression

[8] Latalova et al. 2014, S.1399

[9] Mahalik and Rochlen 2006, S. 660.

[10] Connell and Messerschmidt 2005, S. 832

[11] Levant, Ronald F., K. Bryant Smalley, Maryse Aupont, A. Tanner House, Katherine Richmond, and Delilah Noronha. „Initial validation of the male role norms inventory-revised (MRNI-R).“ The Journal of men’s Studies 15, no. 1 (2007): S. 84.

[12] Mahalik and Rochlen 2006, S. 665.

[13] Courtenay 2014, S. 1389.

[14] Meyer 1995, S. 39-41.

[15] Courtenay 2014, S.1389.

[16] Carbonaro, William. „Deep Secrets: Boys’ Friendships and the Crisis of Connection.“ (2014): 1485-1486.

[17] Meyer 1995, S. 40-41

[18] Wilson, Bianca DM, Gary W. Harper, Marco A. Hidalgo, Omar B. Jamil, Rodrigo Sebastián Torres, M. Isabel Fernandez, and Adolescent Medicine Trials Network for HIV/AIDS Interventions. „Negotiating dominant masculinity ideology: Strategies used by gay, bisexual and questioning male adolescents.“ American journal of community psychology 45, no. 1 (2010): S. 181.

[19] Courtenay, 2014, S. 1391.

[20] Meyer 1995, S. 40.

[21] Courtenay 2014, S. 1394.


Quelle: Dunja Bogdanovska, Hegemoniale Männlichkeit und Depression: Eine vergleichende Analyse heterosexueller und nicht-heterosexueller Männer, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 01.07.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=569

Beobachtungen zu weiblich gelesenem Schmerz am Beispiel Endometriose im Gesundheitswesen

Sophie Tannenberg (WiSe 2025-26)

1. Einleitung

„Das ist doch nichts weiter“, „nimm einfach eine Ibu und dann geht das schon“ oder „so schlimm ist es doch nicht“ sind Ausdrücke, die sich viele Personen mit Gebärmutter mindestens ein Mal in ihrem Leben anhören müssen. Gemeint sind hierbei natürlich die Menstruationsschmerzen, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark auftreten. Häufig wird versucht, einfach „die Zähne zusammenzubeißen“ und den Alltag weiter zu bestreiten, dann aber unter einem hohen Leidensdruck, den viele jedoch gut zu kaschieren wissen, denn: es wird nicht, und vor allem nicht gerne, darüber gesprochen. Früher habe ich mich immer geschämt, wenn ich eine Binde aus meinem Schulrucksack nehmen musste. Ich habe sie schnell wie eine illegale Droge in meiner Hosentasche versteckt, damit niemand sieht, dass ich meine Periode habe, das Wort „Periode“ wurde allerhöchstens flüsternd kommuniziert. Dieser weiblich gelesene Schmerz wird also oft versteckt und tabuisiert. Allerdings gibt es nicht den „einen“ Schmerz, sondern verschiedene Ausprägungen und Stärken. Damit kann sogar mehr verbunden sein als nur die Menstruation. Laut Prof. Dr. Sylvia Mechsner erkranken jedes Jahr circa 52.000 weibliche gelesene Personen neu an Endometriose.[1] Damit ist jede zehnte Person mit Gebärmutter betroffen.[2] Diese chronische Krankheit ist noch weitgehend unbekannt. Ich selbst erfuhr erst vor ein bis zwei Jahren davon, als eine Freundin begann, sehr stark darunter zu leiden. Müdigkeit, Kopfschmerz, ungewöhnlich heftige Unterleibschmerzen, Schwächung der Gliedmaßen und Schwindel, um nur ein paar ihrer Symptome zu nennen. Jedoch kann sie nicht behaupten, damit diagnostiziert worden zu sein, denn dies ist ein langwieriger und komplexer Prozess, dem sich nicht alle Betroffenen stellen. Somit kann von einer relativ großen Dunkelziffer ausgegangen werden, da viele Menschen, so wie auch ich, gar nicht von der Krankheit in Kenntnis gesetzt sind und somit womöglich gar nicht wissen, dass sie darunter leiden. Zusätzlich ist ein Gang zum*zur Gynäkolog*in mit weiteren Hürden verbunden, denen sich Patient*innen stellen müssen – vorausgesetzt, sie nehmen diese Behandlungen auf sich. So musste meine Freundin, die regelmäßig gezwungen ist, Ärzt*innen aufzusuchen, schon zahlreiche schlechte Erfahrungen über sich ergehen lassen: von unsensiblen Frauenärzt*innen bis hin zu fragwürdigen Schlussfolgerungen, woraufhin sie die Pille verschrieben bekam, da Hormone ihr als einzige Möglichkeit dargestellt wurden, die Krankheit zu therapieren. Allerdings ist sie auch auf viele verständnisvolle Ärzt*innen gestoßen, die sie beraten und in mögliche Behandlungsoptionen eingeführt haben.

Mit dieser Hausarbeit setze ich mir das Ziel, die These: „eine Normalisierung von weiblich gelesenem Schmerz zeigt sich in der medizinischen Behandlung von Betroffenen mit Endometriose“ näher auszuleuchten. Dabei werde ich auf vorhandene Studien, Stimmen von Betroffenen sowie von medizinischem Personal eingehen. Es werden dabei Hürden von Betroffenen dieser Krankheit offengelegt, aber auch Schwierigkeiten, die seitens des Gesundheitssystems herrschen, wenn es um die Diagnose und Behandlung von Endometriose geht.

Anmerkung: Zum Unterstreichen des Genderaspekts nutze ich hauptsächlich die Bezeichnungen „weiblich oder männlich gelesen“ beziehungsweise „Menschen mit oder ohne Gebärmutter“. Aus Gründen des Umfangs ist es mir nicht möglich, alle weiteren Geschlechter und Geschlechtsausprägungen hinsichtlich jeglicher Aspekte zu betrachten. Jedoch ist wohl offensichtlich, dass beispielsweise Trans- oder Intermenschen zusätzlich Diskriminierung und Pathologisierung im Gesundheitswesen erfahren müssen.

2. Begriffserklärungen

Eng verknüpft ist die Bezeichnung des weiblich gelesenen Schmerzes mit dem des Gender Pain Gaps, welcher ein Phänomen in der medizinischen Behandlung darstellt, bei welchem Ungleichheiten bei eben dieser medizinischen Versorgung zwischen männlich und weiblich gelesenen Personen herrschen. Zugrunde liegt hier unter anderem ein systematisches Unterschätzen weiblich gelesener Menschen und deren Schmerzen.[3] Somit ist das Konzept des Gender Pain Gaps zentral für das Diskutieren der vorliegenden Problematik.

Eine geschlechterdifferenzierte Betrachtung ruft den Begriff der Female Specific Pains hervor. Laut der National Library of Medicine versteht man darunter genauer Gebärmuttermyome, Menstruationsschmerzen im Allgemeinen, Schmerzen während der Schwangerschaft und der Geburt, Menopause und natürlich Endometriose. Häufig fallen darunter aber auch mehr „alltägliche“ Schmerzen, die auf den ersten Blick keine geschlechterspezifische Veranlagung haben, etwa Kopfschmerzen, Migräne oder Muskelschmerzen.[4]

Verbunden sind diese Begrifflichkeiten mit dem des Gender Exaggeration Bias, welcher sich auf die stereotypische Annahme bezieht, dass biologische Unterschiede von männlich und weiblich gelesenen Personen eine Unterscheidung in ihrer Gefühlswahrnehmung zulassen. Somit wird oftmals angenommen, weiblich gelesene Menschen würden ihren Schmerz dramatisieren und eigentlich weniger empfinden, als sie aussagen.[5]

Besonderes Augenmerk wird in dieser Ausarbeitung auf die Thematik der Endometriose gelegt. Diese ist eine chronische Erkrankung der Gebärmutter, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt und auch Endometrium genannt wird, außerhalb der Gebärmutter wächst. Zysten und Entzündungen können sich beispielsweise an den Eierstöcken, im Bauch- und Beckenraum, aber auch an der Lunge bilden. Theoretisch kann das Endometrium überall im gesamten Körper wachsen, das häufigste Vorkommen ist allerdings im Bauchraum. Wichtig ist hierbei die Unterscheidung zum Menstruationszyklus. Dabei wird die Gebärmutterschleimhaut auf- und wieder abgebaut. So passiert das auch bei dem Endometrium, bei diesem kann aber die Blutung im Gegensatz zur Menstruation den Körper nicht verlassen, woraufhin sich erst so genannte Endometrioseherde und schließlich Endmoetriosezysten bilden. Die genauen Entstehungsursachen für Endometriose sind allerdings noch unbekannt. Die Symptome sind unterschiedlich und individuell, können lokal oder im gesamten Körper auftreten – oder sich gar nicht äußern. Häufig sind jedoch starke Unterleibschmerzen während und unabhängig von der Menstruation gegeben, außerdem Rücken- und Gliederschmerzen während der Periode, starke oder unregelmäßige Monatsblutung, Schmerzen während und nach dem Geschlechtsverkehr und Unfruchtbarkeit, um nur ein paar zu nennen. Damit einhergehend sind psychische Belastungen wie Depressionen, aber auch physische Lasten wie Müdigkeitserscheinungen oder eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte während der Menstruation.[6]

3. Analyse & Argumentation

Allgemeine Beobachtungen lassen erkennen, dass aufgrund von jahrhundertealten Ansichten innerhalb der medizinischen Forschung der männlich gelesene Körper als „Goldstandard“ betrachtet wurde und teilweise immer noch wird. Alles von dieser besagten Norm Abweichende galt als „atypisch“ oder „anormal“.[7] Für die heutige Zeit bedeutet das, dass klinische Studien laut der Ärztekammer Berlin weitestgehend an männlich gelesenen Probant*innen durchgeführt werden. Als Grund können dafür die hormonellen Unterschiede zu weiblich gelesenen Personen angeführt werden, da diese anders auf Medikamente reagieren können. Zwar erfolgte im Jahr 2003 die Gründung des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin und geschlechterspezifische Lehrinhalte sind Teil des Studiums an der Charité, jedoch kommen Geschlechterverschiedenheiten, zum Beispiel bei Krankheiten und Behandlungsweisen, nur in 70,4% aller Medizinischen Fakultäten in Deutschland vor.[8] Andersherum bedeutet dies natürlich aber auch eine deutliche Benachteiligung männlich gelesener Menschen, die wiederum erst spät mit stereotypisch „weiblichen“ Krankheiten diagnostiziert werden, darunter zählen zum Beispiel unter anderem Depression, Brustkrebs oder Osteoporose.[9] Aufgrund dieser langen Fokussierung auf den männlich gelesenen Körper ist es somit nicht verwunderlich, dass der weiblich gelesene Körper und somit auch Female Specific Pains nicht ausreichend erforscht sein können. Der zentrale Begriff hierfür ist der sogenannte Gender-Data-Gap.[10] Ein Fortschritt dieser Problematik zeigt sich jedoch in der sogenannten Gendermedizin, welche bemüht ist, Gender sowie Sex (Geschlecht) in der medizinischen Versorgung zu berücksichtigen.[11]

Nichtsdestotrotz wird weiblich gelesener Schmerz oftmals als emotionales Konstrukt betrachtet. Gestützt wird diese doch noch recht häufige Annahme durch das Vorurteil, Frauen seien hysterisch und emotional, würden übertreiben und somit über ihre Schmerzen in gewisser Weise lügen.[12] Aus diesen Annahmen über die „irrationale“ Gefühlswelt von weiblich gelesenen Personen ergab sich eine Studie, die zeigte, dass Teilnehmer*innen von männlich gelesenen Personen erwarten, weniger Schmerz zu artikulieren als sie tatsächlich fühlen und von weiblich gelesenen Personen, dass diese mehr Schmerz artikulieren als sie fühlen.[13] Somit kann hier der sogenannte Gender-Pain Exaggeration Bias belegt werden. Dieser wiederum kann als Argument dafür dienen, dass weiblich gelesene Personen mit Schmerzen, die auf Endometriose hindeuten, vom Personal im Gesundheitssystem weniger Beachtung finden.

Aus dem oben genannten Argument und dem Gender-Pain Exaggeration Bias ergibt sich zwangsläufig eine Verharmlosung weiblich gelesenen Schmerzes durch medizinisches Personal. Wie eingangs bereits erwähnt, wird der Schmerz weiblich gelesener Personen im Gesundheitssystem häufig unterschätzt oder gar belächelt.[14] Die Folge daraus kann eine Fehldiagnose oder ein falsches oder unzureichendes Rezept sein, was bei den Patient*innen wiederum Frustration oder eine Akzeptanz ihrer Schmerzen auslöst, welche schnell gefährlich werden kann. Ein allgemeineres Beispiel für die offensichtliche Unterscheidung und Benachteiligung weiblich gelesener Menschen im Gesundheitswesen ist die 29% längere Wartezeit, die weiblich gelesene Patient*innen im Gegensatz zu männlich gelesenen Patient*innen in der Notaufnahme mit Brustschmerzen haben. Die Behandlung dieser Personen fiel deutlich unzureichender aus.[15] Speziell für von Endometriose Betroffene bedeutet dieses weniger ernst genommen werden, starke Unterleibschmerzen oftmals der Menstruation zugeschrieben zu bekommen. Eine britische Studie aus dem Jahr 2021 fand heraus, dass sich 84% der Teilnehmenden beziehungsweise Menschen aus ihrem Umfeld vom Personal des Gesundheitswesens nicht gesehen oder in ihren Anliegen gehört gefühlt haben. Das Augenmerk lag hier nicht spezifisch auf Endometriose, sondern ist eine allgemeine Feststellung. Jedoch wird in dieser Studie ein*e Teilnehmer*in zitiert, welche von einer Verharmlosung ihrer Schmerzen spricht, welche als „normale Periodenschmerzen“ abgetan werden, sie würde übertreiben und sich das Ausmaß der Schmerzen lediglich einbilden. Schlussendlich litt die Betroffene unter Endometriose.[16] Hier liegt also eindeutig wieder der Gender Pain Exaggeration Bias vor, da unter anderem angenommen wird, weiblich gelesene Menschen würden ihre Schmerzen „überdramatisieren“. Eine weitere, gezielt auf Endometriose konzentrierte Umfrage zum Diagnoseverfahren aus Großbritannien, berichtet von 78% der Endometriosebetroffenen, welche von einem oder mehreren Vorfällen berichten können, bei denen ihnen Ärzt*innen sagten, sie würden „viel Lärm um nichts“ machen oder ähnliches. Diese Prozentzahl hat sich seit 2020 erhöht, damals waren es 69%.[17] Zu den körperlichen Belastungen kommen häufig psychische Beschwerden, unter denen Betroffene von Endometriose leiden. Diese können verschiedene Ursprünge haben, so beispielsweise alltägliche Einschränkungen durch die körperlichen Schmerzen, durch welche sich die allgemeine Lebensqualität hinsichtlich Beruf, Privatleben und sozialer Teilhaber zusehends verschlechtern kann.[18]

Eine Normalisierung weiblich gelesenen Schmerzes zeigt sich in der medizinischen Behandlung besonders im langwierigen Diagnoseverfahren von Endometriose. Eine Diagnose zur Endometriose beträgt nicht selten sechs bis zehn Jahre.[19] Oft löst dieses lange Warten auf einen Termin oder ein Ergebnis psychischen Stress aus, der zu einer zusätzlichen mentalen Belastung führt.[20] Dieser lange Weg zu einer finalen Diagnose hat allerdings vielfältige Gründe, die nicht alle auf ein exklusives Gesundheitssystem zurückzuführen sind. So zeichnet sich Endometriose durch ein uneindeutiges Krankheitsbild ab, welches viele verschiedenartige Symptome beinhaltet, welche bereits oben erwähnt wurden. Dieses breite Spektrum an Symptomen lässt keine schnelle und eindeutige Entscheidung zu, es müssen mehrere verschiedenen Verfahren zum Tragen kommen, zum Beispiel Anamnesegespräche, Tastuntersuchungen, Ultraschall oder eine Darmspiegelung. Daraus ergeben sich die jahrelangen Gänge zu Ärzt*innen, die Betroffene unternehmen müssen. Um eine vollständige Diagnose zu erhalten, braucht es jedoch einen operativen Eingriff.[21] Durch diesen können zentrale Endometrioseherde gezielt entfernt werden.[22] Eine eindeutige Diagnose ist von großer Bedeutung, da aufgrund dieser eine Therapie angepasst werden kann. Oftmals wird Endometriose durch Linderung der Symptome therapiert, am häufigsten sind hierbei Operationen und Hormonbehandlungen.[23]

Prof. Dr. med. Sylvia Mechsner, Professorin für Endometrioseforschung an der Charité Berlin, legte in einem Interview offen, dass Frauenärzt*innen keine spezielle Schulung in Bezug auf Schmerz-Anamnesen haben. Das bedeutet, dass Gynäkolog*innen gezwungen sein können, eine schnelle Lösung zu finden, welche, wie bereits erwähnt, häufig aus einer Hormontherapie besteht.[24] Hier können allerdings weitere psychische Belastungen als Nebenwirkungen, beispielsweise durch das Einnehmen der Pille, entstehen und depressive Verstimmungen auslösen.[25] Um eine differenzierte Entscheidung zu fällen, welche Menstruationsschmerzen tatsächlich normal sind und welche nicht, muss ein ausführliches Anamnesegespräch stattfinden, auf welches Frauenärzt*innen nicht ausreichend trainiert sind, da diese Schmerzen auch weiterhin ein nebensächliches Thema selbst in der Ausbildung von medizinischem Personal zu sein scheinen.[26]

Eine zusätzliche Schwierigkeit stellen ökonomische Mängel beziehungsweise Vorbehalte dar. Laut der Endometriose-Vereinigung wurde am 28.05.2025 eine Erhöhung der Forschungsgelder von 8,5 Millionen Euro verkündet.[27] Bis 2023 wurden nur 500 000 Euro in die Erforschung dieser Krankheit gesteckt, ab 2023 waren es dann 5 Millionen Euro.[28] Diese Entwicklungen zeigen, dass sich die Thematik allmählich Gehör verschafft und Anklang auch in der Politik findet, allerdings wird dadurch ebenfalls deutlich, dass die Krankheit eben unter anderem aus finanziellen Gründen bislang großflächig unerforscht blieb beziehungsweise nicht genügend untersucht wurde. Die nötigen finanziellen Mittel waren einfach nicht ausreichend gegeben.

Die langwierigen Therapien erzwingen außerdem hohe Kosten für das Gesundheitssystem.[29] So betragen die direkten sowie indirekten Kosten der Behandlung von Endometriose 4.137.992 Euro,[30] wobei sich die direkten Kosten auf ambulante und stationäre ärztliche Pflege sowie den Medikamentenverbrauch beziehen. Bei diesen direkten Kosten ergibt sich der Großteil, nämlich 31%, aus der stationären Behandlung (zumindest im Jahr 2017, aus welchem diese Arbeit und somit die Quelle stammt). Am eindrücklichsten stechen hier die Zahlen der indirekten Kosten heraus, in denen Arbeitsausfall, Erwerbsminderung und Arbeitszeitreduzierung die Unterteilungen bilden. Der Arbeitsausfall mit 2.766 Euro stellt dabei den größten Anteil dar. Dieses Beispiel demonstriert einmal mehr die alltäglichen und sozialen Einschränkungen, denen sich Betroffene mit Endometriose ausgesetzt sehen. Diese können bis hin zu einer temporären Unfähigkeit, den eigenen Beruf auszuüben, reichen.

4. Fazit und Ausblick

Abschließend lässt sich festhalten, dass weiblich gelesener Schmerz immer weiter ins Licht der Beachtung der Gesellschaft rückt, diese Entwicklung allerdings immer noch sehr langsam vonstatten geht. Die Recherche und Erstellung dieser Arbeit haben deutlich gemacht, dass die These „eine Normalisierung von weiblich gelesenem Schmerz zeigt sich in der medizinischen Behandlung von Betroffenen mit Endometriose“ kein Schwarz-Weiß-Denken erlaubt, da diese Problemstellung sehr vielschichtig ist und dieser viele Argumente zugrunde liegen. Allen voran der Gender Pain Gap, der als grundlegendes Problem anzuerkennen ist. Viele Studien zeigen klar, dass weiblich gelesener Schmerz in der Gesellschaft und somit auch im medizinischen Bereich oftmals nicht ernst genommen oder gar verharmlost wird. Jedoch wird der Gender Pain Gap bereits teilweise bekämpft. So zum Beispiel durch schrittweises Aufbrechen bisheriger Muster und Anschauungen. Der gendermedizinische Ansatz findet zwar immer noch einen recht kleinen Platz im Medizinstudium, allerdings fordern beispielsweise die Ärztekammer Berlin eine feste Verankerung von Gendermedizin im Studium. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der nicht unterschätzt werden sollte, ist die Finanzierung von Forschungen. Hier wird seit einigen Jahren die Endometrioseforschung durch erhöhte Forschungsinvestitionen, aktuell in Höhe von 8,5 Millionen Euro[31], vorangetrieben. Doch zeigen die bisherigen Erkenntnisse, vor allem was die Entstehung und zielführende Bekämpfung der Krankheit angeht, dass diese noch unzureichend erforscht ist und der Behandlung hohe Kosten zugrunde liegen. Prof. Dr. Mechsner des Endometriosezentrums der Charité Berlin plädiert für mehr Gründungen solcher Zentren als spezielle Orte, an denen Patient*innen ohne Vorurteile behandelt werden können und eine Tabuisierung der Thematik ausgeschlossen ist. Dies könnte zu einer erhöhten Sichtbarkeit und mehr Respekt bezüglich weiblich gelesenen Schmerzes führen. Dass die Krankheit ernster genommen werden muss, hat sich während der Recherche immer wieder ergeben. Besonders das medizinische Personal sollte dahingehend ausführlicher geschult werden, das Gesundheitssystem durch eine bessere Finanzierung versuchen, größere Kapazitäten für Gynäkolog*innen einzuräumen, um Betroffenen einen langen und kraftzehrenden Leidensweg zu ersparen oder diesen zumindest zu vereinfachen. Im Hinblick auf meine anfangs herrschende Unwissenheit wäre ein sinnvoller Schritt, die Krankheit Endometriose in der Gesellschaft sichtbarer zu machen und über die Thematik aufzuklären. Es sollte die Möglichkeit geben, sich darüber zu informieren und zu ermutigen, sich der Tabuisierung und den Vorurteilen entgegenzustellen.

5. Literaturverzeichnis

Ärztekammer Berlin. (06. März, 2025). Gendermedizin im Medizinstudium verankern! [Pressemeldung]. https://www.aekb.de/aktuelles/detail/gendermedizin-im-medizinstudium-verankern. Stand: 23.02.26.

Basiswissen Endometriose. Hg. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. 2020. https://www.uniklinik-duesseldorf.de/fileadmin/Fuer-Patienten-und-Besucher/Kliniken-Zentren-Institute/Kliniken/Klinik_fuer_Frauenheilkunde_und_Geburtshilfe/Unsere%20Zentren/Endometriose/Homepage_Neu/EVD_Broschuere_Basiswissen_Endometriose_Webseite.pdf. Stand: 27.02.26.

Department for Health and Social Care: Call for evidence outcome: results oft he ‚women’s Health – Let’s talk about it‘ survey. 2021, 2022.

„Dismisses, ignored and belittled“ in: The long road to endometriosois diagnosis in the UK. März 2024.

Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. https://www.endometriose-vereinigung.de/endometriose-forschung/. Stand: 23.02.26.

5 Millionen für Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. https://www.endometriose-vereinigung.de/blog/5-millionen-fuer-endometrioseforschung/. Stand: 23.02.26.

Erbas, Deniz. Volkswirtschaftliche Bedeutung. in: Dissertation: Die ambulante Behandlung von Endometriosepatientinnen unter klinischen und gesundheitsökonomischen Aspekten in einer Einzelpraxis für Gynäkologie und Geburtshilfe, 27. 2017.

Gao X et al. Economic burden of endometriosis. Fertil Steril. 2006. 86(6):1561-72.

Gender Pain Gap: Warum weibliche und männliche Schmerzen nicht gleichbehandelt werden. Medi-Kariere. 2026. https://www.medi-karriere.de/magazin/gender-pain-gap/. Stand: 23.02.26.

Laughey et al. In: Pain in women: bridging the gender pain gap, National Center for Biotechnology Information. 2025. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12094398/. Stand: 23.02.26.

Lloyd et al. Women exaggerate, men downplay: Gendered endorsement of emotionale dramatization stereotypes contributes to gender bias in pain expectations. Hg. Department Of Health & Human Sercives USA. 2023. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10688448/. Stand: 24.02.26.

Marts, Sherry a. u. Keitt, Sarah. „Principles of Sex-based Differences in Physiology: Foreword: a historical overview of advocacy for research in sex based biology“, in: Advances in Molecular and Cell Biology. 2004.  34, 1-333.

Meier zu Biesen, Caroline: Abstract zu: Endo-Werden und -Nicht-Werden Eine geschlechtersensible Perspektive auf das Leben mit Endometriose. in: Curare Gender und Medizin. 47. Ausgabe. 2024.

Oertelt-Prigione, Sabine. „Die Entstehung der geschlechtersensiblen Medizin – von der Frauengesundheitsbewegung zum Gender-Data-Gap“ in: Geschlechtersensible Medizin. Bundesstiftung Gleichstellung. 2024. https://www.bundesstiftung-gleichstellung.de/wissen/themenfelder/geschlechtersensible-medizin/#entstehung-der-geschlechtersensiblen-medizin. Stand: 24.02.26.

Oertelt-Prigione, Sabine. „Definitionen – geschlechtersensible Medizin, Gendermedizin, Frauengesundheit oder doch etwas anderes?“ Bundesstiftung Gleichstellung. 2024. https://www.bundesstiftung-gleichstellung.de/wissen/themenfelder/geschlechtersensible-medizin/#entstehung-der-geschlechtersensiblen-medizin. Stand: 24.02.26.

Paganini et al. Women exaggerate, men downplay: Gendered endorsement of emotionale dramatization stereotypes contributes to gender bias in pain expectations. Hg. Department Of Health & Human Sercives USA. 2023. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10688448/. Stand: 24.02.26.

Priess, Sabine. Das kommt schon an Geburtsschmerzen heran. rbb24. https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2024/03/endometriose-zentrum-charite-berlin-sylvia-mechsner-interview.html. 10. März 2024. Stand: 23.02.26.

Pronina, I., 6 Rule, N.O. Including bias modulates sensitivity to nonverbal cues of other’s pain. European Journal of Pain. 2014. 18(10), 1452-1457.

Schäfer, S. D. & Kiesel, L. Diagnostik und Therapie der Endometriose nach der S2k-

Leitlinie. Der Gynäkologe. 2018. 51 (1), 49–60.

Serbent, Ulrike in: Endometriose: Die unsichtbare Krankheit. AOK Presse und Politik. 29.07.2024. https://www.aok.de/pp/gg/versorgung/interview-endometriose-mechsner-charite/. Stand: 23.02.26.

Sex and Race Differences in the Evaluation and Treatment of Young Adults Presenting to the Emergency Department With Chest Pain. In: Journal of the American Heart Assosiation. Band 11, Nummer 10. 2022. https://www.ahajournals.org/doi/10.1161/JAHA.121.024199?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori:rid:crossref.org&rfr_dat=cr_pub%20%200pubmed. Stand: 25.02.26.

The LanCet. Endometriosis: Addressing the roots of slow progress. Band 404, Ausgabe 10460:1279. 2024. https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(24)02179-2/fulltext. Stand: 22.02.26.

Von Korff M, Simon G. The relationship between pain and depression. Br J Psychiatry Suppl. (30):101-8. PMID: 8864155. Juni 1996.

Wischmann, T. Psychologische Aspekte bei Endometriose und Kinderwunsch –

einige kritische Anmerkungen. Geburtshilfe und Frauenheilkunde. 2008. 68 (3), 231–235.


[1] Serbent, Ulrike. Endometriose: Die unsichtbare Krankheit. AOK, Presse und Politik.

[2] The LanCet. Endometriosis: Addressing the Roots of slow Progress.

[3] Gender Pain Gap: Warum weibliche und männliche Schmerzen nicht gleichbehandelt werden. Medi-Karriere.

[4] Laughey et al. In: Pain in women: bridging the gender pain gap. National Center for Biotechnology Information.

[5] Paganini et al. Women exaggerate, men downplay.

[6] Basiswissen Endometriose. Hg. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

[7] Marts, Sherry a. u. Keitt, Sarah (2004). „Principles of Sex-based Differences in Physiology“.

[8] Ärztekammer Berlin. (06. März, 2025). Gendermedizin im Medizinstudium verankern! [Pressemeldung].

[9]ebd.

[10] Oertelt-Prigione, Sabine. „Die Entstehung der geschlechtersensiblen Medizin – von der Frauengesundheitsbewegung zum Gender-Data-Gap“. Bundesstiftung Gleichstellung.

[11] Oertelt-Prigione, Sabine. „Definitionen – geschlechtersensible Medizin, Gendermedizin, Frauengesundheit oder doch etwas anderes?“ Bundesstiftung Gleichstellung.

[12]Lloyd et al. Women exaggerate, men downplay. Hg. Department Of Health & Human Sercives USA.

[13]Paganini et al. „Study 1: Discussion“. In: Women exaggerate, men downplay. Hg. Department Of Health & Human Sercives USA.

[14]Pronina, I., 6 Rule, N.O. (2014). Including bias modulates sensitivity to nonverbal cues of other’s pain. European Journal of Pain.

[15] Sex and Race Differences in the Evaluation and Treatment of Young Adults Presenting to the Emergency Department With Chest Pain. In: Journal of the American Heart Assosiation.

[16]Department for Health and Social Care: Call for evidence outcome: results oft he ‚women’s Health – Let’s talk about it‘ survey.

[17] „Dismisses, ignored and belittled“ in: The long road to endometriosois diagnosis in the UK.

[18]von Korff, M. & Simon, G. The relationship between pain and depression. British Journal of Psychiatry.

[19] Meier zu Biesen, Caroline: Endo-Werden und -Nicht-Werden Eine geschlechtersensible Perspektive auf das Leben mit Endometriose. in: Curare Gender und Medizin.

[20]Wischmann, T. Psychologische Aspekte bei Endometriose und Kinderwunsch – einige kritische Anmerkungen.

[21] Basiswissen Endometriose. Hg. Endemetriose-Vereinigung Deutschland e.V. 2024.

[22] Erbas, Deniz. Operative Therapie. in: Dissertation: Die ambulante Behandlung von Endometriosepatientinnen unter klinischen und gesundheitsökonomischen Aspekten in einer Einzelpraxis für Gynäkologie und Geburtshilfe.

[23] Serbent, Ulrike in: Endometriose: Die unsichtbare Krankheit. AOK Presse und Politik.

[24] Priess, Sabine. Das kommt schon an Geburtsschmerzen heran. rbb24.

[25]Schäfer, S. D. & Kiesel, L. Diagnostik und Therapie der Endometriose nach der S2k-Leitlinie. Der Gynäkologe.

[26] Priess, Sabine. Das kommt schon an Geburtsschmerzen heran.

[27]Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

[28]5 Millionen für Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

[29] Gao X et al. Economic burden of endometriosis. Fertil Steril.

[30]Erbas, Deniz. Volkswirtschaftliche Bedeutung. in: Dissertation: Die ambulante Behandlung von Endometriosepatientinnen unter klinischen und gesundheitsökonomischen Aspekten in einer Einzelpraxis für Gynäkologie und Geburtshilfe.

[31] Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.


Quelle: Sophie Tannenberg, Beobachtungen zu weiblich gelesenem Schmerz am Beispiel Endometriose im Gesundheitswesen, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 01.07.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=566

„Frauenkrankheiten“: Die Rechtfertigung von Wissenslücken und Trivialisierung von Leid am Beispiel von Endometriose

Nadja Isabel Dörner (WiSe 2025-26)

1.  Endometriose und die Gender Data Gap

Laut der World Health Organisation[1] (n.d.) definiert sich Endometriose durch das pathologische Wachsen von Gebärmutterschleimhaut-ähnlichem Gewebe an jeglichen anderen Orten im Körper. Weltweit sind nach Schätzungen der WHO rund 10% aller menstruierenden Personen[2] – etwa 190 Millionen – betroffen.

Häufige Symptome sind etwa chronische Schmerzen, starke Blutungen während der Periode und Müdigkeit. In Wechselwirkung mit physischen Beschwerden sind auch psychologische und soziale Beeinträchtigungen typisch: Die WHO zählt mitunter auf ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Angststörungen sowie soziale Isolation auf.

Das Forschungsteam um As-Sanie (2019) weist darauf hin, dass rund 95% aller Betroffenen mindestens eine komorbide somatische Krankheit wie ME/CFS oder psychische Störung wie eine Angststörung haben.

Eine Konsequenz des Zusammenspiels aus Prävalenz und ausgeprägten Einflusses auf die Lebensqualität von Endometriose ist ein objektiv negativer ökonomischer Effekt (WHO, n.d.). Meiner persönlichen Schlussfolgerung nach handelt es sich aus diesen Gründen um eine ernstzunehmende Krankheit, deren Erforschung von gesamtgesellschaftlichem Interesse und Nutzen wären. Jedoch klingt bereits auf der offiziellen Website der WHO ein dazu im Kontrast stehendes Ausmaß an Nicht-Wissen von Ätiologie bis zu effektiver Behandlung an: „The causes of endometriosis are unknown. […] There are no existing treatments that definitively cure the disease“ (Paragraph 3; Paragraph 5).

Ein Bericht der Zeitschrift The Cardiffian (2025) thematisiert in einem Artikel zum EndoMarch – einer jährlichen Demonstration mit dem Ziel, Aufmerksamkeit auf Endometriose zu lenken – die von Endometriose-Patient*innen empfundene Unverhältnismäßigkeit dieser Wissenslücken. Teilnehmerin der Demonstration und Mitglied des walisischen Parlaments Jenny Rathbone beschreibt die aktuelle Situation als inakzeptabel. Es sei ihrer Meinung nach notwendig, die Regierung aktiv unter Druck zu setzen, die Versorgungslage zu verbessern.

Der auch im Artikel gemachte Vergleich zwischen der Erforschung von Endometriose und männlicher Kahlköpfigkeit ist im Internet weit verbreitet. Es gibt regelmäßig Posts in verschiedenen sozialen Medien mit Tausenden von Likes [3], die damit Defizite unter anderem in der Endometriose-Forschung ansprechen.

Zur Erklärung dieser Defizite kann mitunter das Konstrukt der Gender Data Gap herangezogen werden, welches die Bundesstiftung Gleichstellung (n.d.) als „[…] Lücke im Wissen zur geschlechterspezifischen Wirksamkeit von Medikamenten und Behandlung von Krankheiten […]“ (Paragraph 6) definiert.

Darauf basierend wird sich diese Hausarbeit zunächst mit der systematischen Unterforschung von Endometriose und den zugrundeliegenden Faktoren auseinandersetzen. Sich an den Begriffen „Frauenkrankheit“ und undone science orientierend werde ich den geschichtlichen Hintergrund und mögliche Einflussfaktoren thematisieren. Darauf folgt meine kurze persönliche Kritik am aktuellen Fokus der Endometriose-Forschung am Beispiel von zwei in den 2010ern veröffentlichten Studien. Anschließend werde ich unter den Leit-Themen Ignoranz und Trivialisierung auf Basis von mehreren Studien zu Erfahrungsberichten von Endometriose-Patient*innen auf Diagnoseverzögerungen, den Mangel an Behandlungsmöglichkeiten und mögliche Auswirkungen auf die mentale Gesundheit eingehen.

Zuletzt folgt eine kurze Reflexion vom Einfluss patriarchaler Strukturen auf Gesundheit, spezifisch in Bezug auf Menstruations-Gesundheit.

Insgesamt sind alle teilnehmenden Personen in den verwendeten Studien dem Anschein nach cis-Frauen, oder identifizierten sich zum Zeitpunkt der Durchführung zumindest als solche. Die offizielle WHO-Website weist darauf hin, dass auch trans* Männer und nicht-binäre Personen an Endometriose erkranken können, verwendet jedoch im weiteren Verlauf mehrmals „Frauen“ als Austauschwort für Patient*innen oder Betroffene. Nicht nur ist der Artikel damit in sich inkonsistent, sondern auch dieser einmaligen Anmerkung unterliegt eine binäre Sicht des biologischen Geschlechts, was inter* Personen weiterhin von der Konversation ausschließt. Vor diesem Hintergrund werde ich geschlechtsneutrale Begriffe verwenden, außer in direktem Bezug auf Zitate von Studienteilnehmerinnen, die in den jeweiligen Studien als weiblich erfasst wurden.

2.  „Frauenkrankheiten“ und das Phänomen der ungeschehenen Wissenschaft

Die Online-Website des Duden (n.d.) definiert Patriarchat im soziologischen Kontext als „Gesellschaftsordnung, bei der der Mann eine bevorzugte Stellung in Staat und Familie innehat und bei der in Erbfolge und sozialer Stellung die männliche Linie ausschlaggebend ist“.

Im Umkehrschluss folgt daraus in patriarchalen Gesellschaften die systematische Unterordnung jeglicher Personen, die nicht-männlich sind beziehungsweise wahrgenommen werden.

2.1.  Ein Einblick in die Geschichte

In einem wissenschaftlichen Artikel schreibt Nicky Hudson (2021) die erste Verwendung des Begriffs „Endometriose“ dem Gynäkologen John Sampson zu, der 1921 erstmals eine Theorie über Ätiologie und biologischen Verlauf der Krankheit aufstellte.

Allerdings existierten Beschreibungen ähnlicher Symptombilder bereits davor: Die frühsten heute bekannten stammen aus der Antike (Hudson, 2021). Historisch können diese Symptom-Cluster mit seit ICD-11 offiziell nicht mehr verwendeten und nicht empirisch belegten Diagnose der Hysterie in Zusammenhang gestellt werden. Beispielsweise werden Betroffene als psychisch instabil und nicht in der Lage, patriarchale Ideale zu erfüllen, dargestellt.

Hudson (2021) stellt die Hypothese auf, dass die somatische Krankheit Endometriose eventuell flächendeckend falsch als psychische Störung, die ausschließlich Frauen betreffen kann, diagnostiziert wurde. Auch heute berichten Endometriose-Patient*innen davon, in ärztlicher Behandlung gesagt zu bekommen, ihre Symptome seien „nur im Kopf“ (Petterson & Berterö, 2020).

2.2.  Die aktive Produktion von Forschungslücken

In demselben Paper erklärt Nicky Hudson (2021): „[Illnesses] common to women are systematically ignored or misattributed as evidence of mental illness, deviant behavior or a lack of self-care“ (S.22).

Endometriose ist eine der somatischen Krankheiten, bei denen dieses nachweislich falsche Verständnis der Ätiologie eingesetzt wird um deren Unterforschung zu rechtfertigen. Werden Ursachen vermeintlich klar kausal auf Psyche und Verhalten der Erkrankten zurückgeleitet, so wird die weitere Erforschung dadurch als unnötig und unwichtig dargestellt.

Unterstützend dient auch die Etikettierung mit dem in diesem Kontext negativ konnotierten Begriff „Frauenkrankheit“. Im Zusammenhang mit der Gender Data Gap, welche indirekt auf die Ansicht des cis-männlichen Körpers als Standard hinweist, werden davon abweichende Körper und damit in Verbindung stehende Symptome, Krankheitsverläufe und gesamte Krankheiten in den Hintergrund gestellt. Ebenfalls relevant in diesem Kontext ist Intersektionalität, da diese Standardisierung von bestimmten Körpern auf mehreren Ebenen von soziodemografischen Merkmalen stattfindet. Das Akronym WEIRD – kurz für White, Educated, Indurstrialized, Rich, Democratic – beschreibt die bis heute anhaltende Selektivität vieler Stichproben von medizinischen und psychologischen Studien (Henrich et al., 2010).

Hudson (2021) beschreibt sogenannte „undone science“ als mehr als nur das passive Vorhandensein von Nicht-Wissen: es gäbe eine aktive Entscheidung, Lücken in einem Forschungsfeld zu akzeptieren. Endometriose beispielsweise werde als mysteriös dargestellt und deshalb die Annahme getroffen, die Krankheit besser zu verstehen sei nicht möglich. Bereits auf rein deskriptiver Ebene wird bei der Klassifikation verschiedener Unterformen von konkreten Aussagen abgesehen: „The scientific concensus is that there is no consensus“ (S.24).

Eine weitere Konsequenz ist die chronische Unterfinanzierung von Endometriose-Forschung. In den USA beispielsweise war Endometriose am unteren Ende der insgesamt 285 Krankheiten, für die der Staat 2018 Fördergelder verlieh (As-Sanie et al., 2019, S.91).

2.3.  Die Zentrierung von cis-Männern in der Endometriose-Forschung

Vor dem Hintergrund der mangelhaften Finanzierung und den Lücken im Verständnis von Ätiologie bis zu Behandlung von Endometriose fielen mir Studien wie die von Vercellini et al. (2013) – mittlerweile revidiert – über den Einfluss von Endometriose auf von Männern wahrgenommene Attraktivität oder die von Culley et al. (2017) über die negativen mentalen Konsequenzen der Krankheit für männliche Partner von Patient*innen besonders auf. Meiner Auffassung nach stellen cis-Männer und deren Erfahrungen in den Fokus einer Erkrankung, die sie nur indirekt betrifft.

Ich sehe durchaus die Wichtigkeit der Erforschung der Belastung, die Krankheiten auch für Angehörige sein können. Allerdings gibt es meiner persönlichen Meinung nach auch potentielle Probleme mit Zitaten wie: „[Male] partners and their needs appear to be marginalized at several levels: healthcare, information, and support, within relationships and within wider society and social life“ (Culley et al., 2017, S.1672).

An Endometriose Erkrankte leben täglich mit somatischen und psychischen Beschwerden, die auch heute nicht immer mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandelt werden. Davon zu sprechen, dass cis-Männer bei einer Krankheit, die sie nicht selbst haben nicht genug zentriert werden, erscheint mir persönlich als Symptom einer Gesellschaft, in der männliche Überordnung Standard ist und eine Abweichung der Priorisierung von Männern von diesen als belastend und unfair wahrgenommen wird.

Anstatt bessere Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten für Personen mit Endometriose, die physisch und mental täglich an dieser Krankheit leiden, zu entwickeln, werden die Erkrankten meiner Meinung nach teilweise auf ihre Funktionen in einer patriarchalen Gesellschaft reduziert: Das Eingehen einer heterosexuellen Beziehung und die damit verbundene unbezahlte Care-Arbeit. Ich bekam das Gefühl, dass diese Studien Endometriose eher im Kontext der potenziellen Gefährdung der Erfüllung von patriarchalen Idealen und Rollenbildern Wichtigkeit zusprachen. Auch wenn dies nicht die Intention der Forschenden widerspiegelt, weist es dennoch meiner Meinung nach auf ein tiefer verankertes gesellschaftliches Problem hin.

Zudem stellte ich während meiner Recherche fest, dass der Einbezug gelebter Erfahrungen von Endometriose-Patient*innen in qualitativen Studien wie etwa der von Grogan et al. (2018) als besonders wichtig und in der Vergangenheit nicht immer gegeben dargestellt wurde. Es erschien mir, als wäre die Kluft zwischen Forschung und Lebensalltag ein weiteres Phänomen einer patriarchalen Gesellschaft: Es wird mehr Forschung über Erkrankte als mit ihnen betrieben. Meiner

Meinung nach könnte hier auch eine Verbindung dazu bestehen, dass Patient*innen die Glaubhaftigkeit ihrer eigenen Erfahrungen von historisch männlich dominierten Forschungskreisen abgesprochen wird.

3.  Ignoranz und Trivialisierung in Diagnostik und Behandlung

3.1.  Diagnostik

Eine an Endometriose erkrankte Studienteilnehmerin namens Olena berichtet: „It’s going to sound insane but first feeling was relief! That after 10 years I was not ‚imagining‘ this pain! Then fear, then anger as to why it took so long to get diagnosed“ (Grogan et al., 2018, S.1370).

Bei diesem Gefühl der Erleichterung handelt es sich um keinen Einzelfall, wie eine Meta-Analyse bestätigt (Pettersson & Berterö, 2020).

Eine Studie von As-Sanie et al. (2019) thematisiert das Fehlen flächendeckend eingesetzter, nicht oder weniger invasiver Methoden zur Endometriose-Diagnose, welches laut der Forschenden vor allem bei jungen Patient*innen von Seiten der Behandelnden, Eltern und auch Betroffenen selbst zu Zögern und damit einer Verspätung in der Diagnostizierung führen könne. Außerdem wurden für aktuelle invasive Diagnose-Maße in neueren Studien niedrige Zusammenhänge mit SymptomSchwere und Einfluss auf die Lebensqualität gefunden. Während also nach einer laparoskopischen Operation, bei der pathologisches Gewebe gefunden und entfernt wird (WHO, n.d.), eine kategoriale Aussage zur Diagnose gemacht werden kann, können Fragen zu tatsächlichen Auswirkungen der Krankheit auf einer dimensionalen Ebene nicht unbedingt beantwortet werden.

Es gibt weitere Barrieren in der Diagnostik. Geschriebene Berichte von Patient*innen aus einer in Großbritannien durchgeführten Online-Studie von Grogan et al. (2018) enthalten Beschreibungen vom Diagnose-Prozess als Kampf, verbunden mit mehrmaligem Aufsuchen von Gesundheitsdienstleister*innen und Beharrlichkeit, teils über mehrere Jahre. Eine teilnehmende Person schreibt retrospektiv über die mentalen Auswirkungen: „[I] had lost faith in health professionals and felt ‚let down‘ by the health care system in general“ (Grogan et al., 2018, S.1369). Eine Meta-Analyse von Pettersson und Berterö (2020) kompilierte wiederkehrende Themen bei den Erfahrungen von Endometriose-Patient*innen mit dem Gesundheitssystem und fand mehrere Einflussfaktoren auf die Diagnose-Verzögerung: Neben zu wenig Wissen von Seiten der Behandelnden wird ebenso die Normalisierung von erfahrenen Beschwerden erwähnt. Chronische Schmerzen wurden als nicht-pathologisches Nebenprodukt von Menstruation etikettiert – den Erkrankten wurde vorgeworfen, diese „normalen“ Schmerzen einfach nicht aushalten zu können – und weitere begleitende Symptome nicht beachtet.

Ein weiterer Faktor könnte die sogenannte Menstruations-Etiquette sein. Kate Seear (2009) stellt die Theorie auf, dass menstruierende Personen aufgrund von bereits erfahrenen oder befürchteten Sanktionen im Privat- und Berufsleben, zum Beispiel Ausgrenzung oder Kritik, Menstruationsprobleme gar nicht erst ansprechen würden. Das Ansehen von Menstruation als „highly stigmatising event“ (Seear, 2009, S.1226) könnte meiner Schlussfolgerung nach potentiell an Endometriose erkrankte Personen auf einen unbestimmten Zeitraum von Gesundheitsdienstleister*innen fernhalten. Die Diagnose-Verzögerung würde damit bereits vor dem ersten Besuch einer ärztlichen Praxis beginnen.

3.2.  Behandlung

Aufgrund des fehlenden Wissens um die Ätiologie von Endometriose liegt der Behandlungs-Fokus auf der Verminderung der körperlichen Symptom-Beschwerden, wobei beide der gängigsten spezifischen Interventionen schwerwiegende Nachteile haben.

Laut dem Forschungsteam um As-Sanie (2019) müssen sich Erkrankte bei hormonellen Therapien zwischen Schmerzlinderung und einer Schwangerschaft entscheiden. Eine laparoskopische Operation zur Entfernung von pathologischem Gewebe garantiert keine Verbesserung der Symptome und kann ein Rezidiv nicht ausschließen.

Auch wegen der Barrieren zur Diagnose werden viele Patient*innen, wie eine Meta-Analyse von Pettersson & Berterö (2020) zeigt, zuerst oder nur über unspezifische Behandlungsmöglichkeiten informiert, zum Beispiel Sport oder Schmerzmittel (NSAR wie Ibuprofen). Die beiden Forschenden heben ebenfalls hervor, dass einige Ärzt*innen eine Schwangerschaft vorschlugen, was nicht nur eine temporäre „Lösung“ darstellt, sondern in einigen Fällen in Widerspruch mit den aktuellen Lebensumständen der Betroffenen stand, von denen einige unfruchtbar waren oder keinen Kinderwunsch hatten.

Aufgrund dieser als mangelhaft oder insensitiv wahrgenommenen professionellen Beratung und Unterstützung beschrieben mehrere Teilnehmende in einer Studie von Grogan et al. (2018), sie hätten selbst – vor allem über das Internet – Endometriose-Expertise erlangen müssen. Jedoch wäre der Versuch, Erfahrungsberichte anderer Personen mit ähnlichen Symptomen einzubringen, auf genervte Reaktionen von Gesundheitsdienstleister*innen gestoßen (Pettersson & Berterö, 2020).

Zum Umgang mit Symptomen verwenden Patient*innen im Alltag verschiedene Bewältigungsstrategien, wie eine Studie von Grogan, Turley und Cole (2018) zeigt. Ein Beispiel ist self-pacing: Das Vermeiden von sozialen Aktivitäten im Privat- und Berufsleben zur Konservierung von Energie. Auswirkungen beinhalten unter anderem das Verlieren von interpersonellen Beziehungen und Gefühle von Schuld und Isolation.

Studien-Teilnehmende berichteten, ihre Beschwerden im Privat- sowie Berufsleben zu verbergen. Sie beschrieben Sorge, die eventuell von ärztlichem Personal bereits erfahrene Trivialisierung von anderen Personen widergespiegelt zu bekommen und nicht mit Verständnis oder Empathie behandelt zu werden (Grogan et al., 2018; Pettersson & Berterö, 2020).

Auf solchen Wegen kann Endometriose auch die mentale Gesundheit beeinflussen.

4.  Patriarchale Strukturen und Menstruations-Gesundheit

Während der Recherche für diese Arbeit habe ich meine eigene festsitzende patriarchale Konditionierung gespürt. Menstruations-Etiquette, Angst vor sozialen Sanktionen und dem nicht ernst genommen werden und Erleichterung beim Erhalten einer Diagnose – denn immerhin war es eben nicht nur „in meinem Kopf“. Das alles sind mir bekannte Phänomene, auch wenn ich ihnen vorher keine Namen geben konnte und mir wenige Gedanken über deren Zusammenhänge im Rahmen einer patriarchalen Gesellschaft gemacht hatte.

Auch die Gedanken zu Scham als patriarchales Machtinstrument von Zayane Heitz (2025) haben mich nachhaltig beeinflusst: Ich möchte nicht mehr zu einem System beitragen, welches meine kontinuierliche Leistung annimmt und sich Scham zum Instrument macht, um mich nach im Kern unerreichbaren Idealen streben zu lassen.

Ein System, welches beispielsweise bei Dysmenorrhö „Funktionieren“ über das Wohlbefinden von Betroffenen stellt. Auch ich habe vielfach meine Schmerzen wegen befürchteten sozialen Sanktionen mit zusammengebissenen Zähnen und nicht-verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln selbst behandelt und nicht darüber gesprochen.

Die Erfahrungsberichte von Endometriose-Patient*innen haben mich traurig für die Betroffenen und wütend auf das patriarchale Gesundheits-System. Aber gleichzeitig habe ich zum Beispiel in Online-Foren[4] die Solidarität zwischen Erkrankten gespürt; ich habe den Mut und die unbändige Kraft, trotz aller dieser Barrieren eine angemessene Diagnose und Behandlung zu verlangen, gesehen. Im Angesicht dessen fühle ich mich inspiriert, selbst meinen Teil im Kampf um die Verbesserung der Forschungs- und Versorgungslage beizutragen, sei es durch Recherche oder das offene Sprechen über Menstruations-Irregularitäten oder -Schmerzen.

5.  Literaturverzeichnis

As-Sanie, S., …, & Nebel, R.A. (2019). Assessing research gaps and unmet needs in endometriosis. American Journal of Obstetrics & Gynecology, 86-94, https://doi.org/10.1016/j.ajog.2019.02.033

Culley, L., Law, C., Hudson, N., Mitchell, H., Denny, E., & Raine-Fenning, N. (2017). A qualitative study on the impact of endometriosis on male partners. Human Reproduction, 32(8), 1667-1673. https://doi.org/10.1093/humrep/dex221

Duden. Patriarchat. Retrieved on January 30, 2026, from https://www.duden.de/rechtschreibung/Patriarchat.

Grogan, S., Turley, E., & Cole, J. (2018). ‘So many women suffer in silence’: a thematic analysis of women’s written accounts of coping with endometriosis. Psychology & Health, 33(11), 13641378, https://doi.org/10.1080/08870446.2018.1496252

Heitz, Z. (2025, April 2). “Wie kann ich nur?” Scham als unsichtbare Gewalt. theartofintervention. https://artofintervention.ch/wie-kann-ich-nur-scham-als-unsichtbare-gewalt/

Henrich, J., Heine, S.J., & Norenzayan, A. (2010). The weirdest people in the world? Behavioral and Brain Sciences, 33, S.61-135, https://doi.org/10.1017/S0140525X0999152X

Hudson, N. (2021). The missed disease? Endometriosis as an example of ‘undone science’. Reproductive BioMedicine and Society Online, 14, 20-27. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8517707/

Overweg, C. & Weiland, A. Gender Health Gap. Bundesstiftung Gleichstellung. Retrieved January 23, 2026, from https://www.bundesstiftung-gleichstellung.de/gleichstellungsindikatoren-und-gender-gaps-wiekoennen-wir-gleichstellung-messen/gender-health-gap/

Petterson, A., & Berterö, C.M. (2020). How Women with Endometriosis Experience Health Care Encounters. Women’s Health Reports, 1(1), 529-542. https://doi.org/10.1089/whr.2020.0099

Ratcliffe, G. (2025, March 25). ‘More research into male baldness than incurable endometriosis’ despite 10 years of Endomarch. The Cardiffian.  https://cardiffjournalism.co.uk/thecardiffian/2025/03/25/more-research-into-male-baldnessthan-incurable-endometriosis-despite-10-years-of-endomarch/

Reddit. r/endometriosis. Retrieved February 28, 2026, from https://www.reddit.com/r/endometriosis/

Seear, K. (2009). The etiquette of endometriosis: Stigmatisation, menstrual concealment and the diagnostic delay. Social Science & Medicine, 69, 1220-1227, https://doi.org/10.1016/j.socscimed.2009.07.023.

Vercellini, P., Buggio, L., Somigliana, E., Barbara, G., Viganò, P., & Fedele, L. (2013). Attractiveness of women with rectovaginal endometriosis: a case-control study. Fertility and Sterility, 99(1), http://dx.doi.org/10.1016/j.fertnstert.2012.08.039.

World Health Organization. Endometriosis. Retrieved January 23, 2026, from https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/endometriosis. X. Posts. Retrieved February 28, 2026, from  https://x.com/robpatt___/status/1997559665648148929?s=20 ; https://x.com/cessonmute/status/2018113648162693464?s=20


[1] Im Folgenden als WHO abgekürzt.

[2] Auf der Website der WHO ist hier ausschließlich von Frauen die Rede, jedoch wird im weiteren Verlauf darauf hingewiesen, dass auch trans-männliche und nicht-binäre – sprich bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesene – Personen von Endometriose betroffen sein können.

[3] Beispiele: https://x.com/robpatt___/status/1997559665648148929?s=20 ; https://x.com/cessonmute/status/2018113648162693464?s=20

[4] Zum Beispiel r/endometriosis auf Reddit: https://www.reddit.com/r/endometriosis/


Quelle: Nadja Isabel Dörner, „Frauenkrankheiten“: Die Rechtfertigung von Wissenslücken und Trivialisierung von Leid am Beispiel von Endometriose, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 01.07.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2026/07/01/frauenkrankheiten-die-rechtfertigung-von-wissenslucken-und-trivialisierung-von-leid-am-beispiel-von-endometriose/

Afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften zwischen westlich-zentrierter Berichterstattung und postkolonialen Machtstrukturen

Laila Lehming (WiSe 2025.26)

1. Persönliche Positionierung und Einleitung

Als eine in Deutschland aufgewachsene Studentin im Fach Politikwissenschaft reflektiere ich über globale Sportmedien aus einer westlich sowie weiblich geprägten Perspektive. Meine Wahrnehmung ist dabei stark durch deutsch- und englischsprachige Medien geprägt. Beide galten für mich lange als selbstverständliche Referenz.
Seit dem Vize-Europameisterschafts-Erfolg der deutschen Frauenfußballnationalmannschaft bei der EM im Sommer 2022 verfolge ich den Sport und die Berichterstattung darüber intensiv. Seit der EM 2022 sowie der darauffolgenden WM 2023 ist die mediale Berichterstattung über diesen Sport enorm gestiegen. Dabei ist vor allem bei der WM 2023 aufgefallen, dass afrikanische Mannschaften medial eine andere Aufmerksamkeit erlangen als europäische Teams.
 
Während die englischen „Lionesses” in den Medien stets als „kämpferisch” (Schicklinski 2025) beschrieben werden, die spanische Nationalmannschaft als extrem technisch versiert und bei den Französinnen ihre Schnelligkeit hervorgehoben wird, werden afrikanische Mannschaften] meistens relativ ähnlich beschrieben. Und das trotz ihrer vorhandenen Differenzen. Oft werden deren Spielstile im Vergleich zu europäischen Teams auf ihre „Physis” oder eine (oft in westlichen Vereinen spielende) einzelne Spielerin beschränkt. Diese wiederkehrende Zuschreibung erzeugt ein homogenisiertes Bild afrikanischer Mannschaften, welches ihre sportliche Vielfalt und taktische Unterschiedlichkeit kaum abbildet. Medial werden sie dadurch nicht als gleichwertige Konkurrentinnen in internationalen Wettbewerben dargestellt, sondern als eine Abweichung von westlichen Normen. Hinzu kommt, dass unabhängig von ihren letzten Erfolgen afrikanische Teams im Vergleich zu europäischen Teams konstant als „Underdog” gesehen werden.
 
Diese Unterschiede in der Berichterstattung sind dabei mehr als zufällige Beobachtungen, sondern weisen auf tief verankerte strukturelle Machtverhältnisse innerhalb globaler Sportmedien hin. Besonders deutlich wird hierbei, dass sich die geschlechtsspezifische Benachteiligung im Frauenfußball mit rassistischen und postkolonialen Zuschreibungen überlagert, wodurch afrikanische Spielerinnen mehrfach marginalisiert werden.
 
Diese Problematik gewinnt insbesondere im Hinblick auf die Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2027 in Brasilien an Relevanz. Vor dem Hintergrund anhaltender geschlechtlicher und rassistischer Diskriminierungsstrukturen stellt sich die Frage, inwiefern zukünftige mediale Berichterstattung bestehende Machtverhältnisse reproduzieren oder potenziell aufbrechen kann. Eine kritische Untersuchung dieser Dynamiken erscheint daher von zentraler Bedeutung.

2. Kontextualisierung

2.1 Frauenfußball im afrikanischen Kontext

Entgegen weit verbreiteter Annahmen stellt der Frauenfußball in afrikanischen Kontexten kein randständiges oder qualitativ unterlegenes Phänomen dar, sondern ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil internationaler Wettbewerbe. Afrikanische Frauennationalmannschaften nehmen regelmäßig an Turnieren wie den Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften teil. Im CAF Africa’s Women’s Cup of Nations ist die Qualität der Mannschaften stark zusammengerückt. Der „afrikanische Fußball der Frauen macht Quantensprünge in Sachen Qualitätsdichte und das seit mehreren Jahren” (Emrich 2025). Trotz sportlicher Erfolge und wachsender Professionalisierung, wie z.B. die Gründung eines „High-Performance-Centre“ an der Universität Pretoria, das gezielt Fußballspielerinnen fördern soll, ist der Frauenfußball in den afrikanischen Ländern „massiv unterfinanziert” (ntv.de 2023). Begrenzte finanzielle Mittel, mangelhafte Trainingsbedingungen, fehlende institutionelle Unterstützung sowie die Nichtzahlung von Prämien prägen die strukturellen Rahmenbedingungen. Hinzu kommen schwerwiegende Vorwürfe sexualisierter Gewalt innerhalb einzelner Verbände, die auf tiefgreifende Machtungleichgewichte hinweisen. Die Trainingskonditionen sind oft „einfach nur schlecht” (ntv.de 2023). Die Aussage der ehemaligen Kapitänin der südafrikanischen Nationalmannschaft Janine van Wyk, „die Kluft zwischen [den Bedingungen] im afrikanischen Fußball und dem Rest der Welt ist riesig“ (ntv.de 2023), verdeutlicht, dass sportlicher Erfolg bislang nicht mit gleichwertigen strukturellen Voraussetzungen einhergeht.
 
Trotz dieser strukturellen Missstände befindet sich der Frauenfußball in Afrika in einer Phase des deutlichen Aufschwungs. Die erstmalige Qualifikation von vier afrikanischen Teams für die Weltmeisterschaft 2023 markiert einen historischen Moment und führte in vielen Ländern zu gesteigerter öffentlicher Aufmerksamkeit. Diese sportliche Entwicklung steht jedoch in einem Spannungsverhältnis zur weiterhin marginalen medialen Repräsentation auf globaler Ebene.

2.2  Mediale Sichtbarkeiten afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften

 Trotz der beschriebenen sportlichen Entwicklung und wachsenden Professionalisierung afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften spiegelt sich dieser Fortschritt bislang nur wenig in ihrer medialen Repräsentation wider.
 
Der Frauenfußball im Allgemeinen erlebt global einen rasanten Aufschwung an Popularität. Er ist der am stärksten wachsende und stetig populärer werdende Teamsport der Welt (vgl. Staab 2017, S.56). Nationale Ligen sowie internationale Turniere knacken regelmäßig Publikumsrekorde (vgl. DPA, 2022). Trotzdem bleibt seine mediale Behandlung von strukturellen Ungleichheiten geprägt. Dies zeigte sich unter anderem in der verzögerten Sicherung der Übertragungsrechte der Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2023 in Deutschland, die erst kurz vor Turnierbeginn finalisiert wurde (vgl. deutschlandfunk 2023). Die lange Unsicherheit verdeutlicht, dass selbst auf nationaler Ebene Frauenfußball medial noch immer nicht als selbstverständlicher Bestandteil sportlicher Berichterstattung gilt. Sowohl in Europa als auch in Südamerika ist Fußball noch immer eine reine „Männerdomäne” (Dunning 2003, S.473).

Erklärt werden kann dies dadurch, dass sozial und kulturell vermittelt wird, dass die „wahre Männlichkeit” der Anreiz des Sportes insgesamt ist (vgl. Sülze 2011, S.303). So stellen Fußball und die Fußballfankultur einen wichtigen Ort gesellschaftlich wirkmächtiger Konstruktionen von Männlichkeit dar, in dem die Anwesenheit von Frauen* ausgeblendet wird (vgl. Küppers 2018, S.87f). Dennoch ist es erschreckend, dass der Fußball trotz der Tatsache, dass er immer wieder versucht, den Anschein der Diversität zu vermitteln, explizit die Kategorie „Geschlecht” auslässt.
Allgemein lässt sich sagen, dass die globale Sportberichterstattung maßgeblich von Medienhäusern im globalen Norden geprägt ist. Diese entscheiden darüber, welche Teams, Spielerinnen und Narrative als berichtenswert gelten. Sichtbarkeit im internationalen Sport ist somit nicht ausschließlich an sportliche Leistung geknüpft, sondern auch an ökonomische Interessen und bestehende Machtverhältnisse.
 
Vor diesem Hintergrund erfahren afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften eine doppelte Marginalisierung medialer Präsenz. Zum einen sind sie Teil eines generell benachteiligten Frauenfußballs, zum anderen sind Mannschaften aus dem globalen Süden von medialen Selektionsmechanismen besonders betroffen. Die sportlichen Leistungen von Frauennationalmannschaften aus Afrika werden häufig durch eurozentrierte Deutungsmuster gefiltert. Über Teams aus dem globalen Süden wird in den internationalen Medien nur sehr begrenzt berichtet. Und wenn, dann nur zu internationalen Turnieren, mit der Beteiligung westlicher Mannschaften. Das zeigt sich daran, dass innerkontinentale Turniere wie der Women’s Africa Cup of Nations kaum mediale Aufmerksamkeit bekommen (vgl. Letura 2024) und die Spiele in keinem etablierten internationalen Sender zu sehen sind. Es sind kaum Informationen über Spielerinnen, Spielstile, Mannschaftsentwicklung und Statistiken verfügbar. Das fehlende Wissen verhindert, dass diese Informationen auch weitergegeben werden können, weder an Fans noch an die Fachöffentlichkeit. Dieser Effekt wird durch postkoloniale Machtverhältnisse verstärkt, da sich globale Sportmedien primär an Zielgruppen aus dem globalen Norden orientieren. Vor allem die langfristige Begleitung von Teams aus dem globalen Süden fehlt, da sportliche Erfolge häufig nur als überraschende Ausnahmeereignisse thematisiert werden.

3. Zwischenfazit: Intersektionale Perspektive auf Diskriminierung im Frauenfußball

Die zuvor beschriebenen Mechanismen zeigen auf, dass die Benachteiligung afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften nicht eindimensional ist. Frauen* sind im Sport allgemein strukturell benachteiligt, etwa durch geringere mediale Präsenz oder niedrigere finanzielle Ressourcen. Für afrikanische Spielerinnen kommt die Marginalisierung durch eurozentrierte Medienlogiken und postkoloniale Deutungsmuster hinzu, die ihre Professionalität, taktische Qualität und Kontinuität systematisch unterbewerten. Intersektional betrachtet sind die Spielerinnen sowohl Opfer geschlechtsspezifischer Diskriminierung als auch von postkolonial ungleich verteilten Machtstrukturen. Die Folgen zeigen sich in fehlender langfristiger medialer Begleitung, mangelndem internationalen Ansehen und eingeschränkten Karrierechancen. Die Probleme werden durch die globale Medienstruktur reproduziert.

4. Kritische Reflexion

Die mediale Marginalisierung afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis struktureller, eurozentrierter und postkolonialer Machtverhältnisse und wird aktuell nur selten aufgebrochen. Als eine in Deutschland aufgewachsene, in Berlin studierende Politikwissenschafts-Studentin bin ich selbst Teil der medialen und akademischen Wissenshierarchie. Diese bestimmen mit, welche sportlichen Leistungen sichtbar werden und welche unbeachtet bleiben.
 
Durch mein ausgeprägtes Interesse am Frauenfußball beschäftige ich mich im Allgemeinen intensiver mit diesem Themenfeld als andere Medienkonsument*innen. Hinzu kommt, dass ich als politikwissenschaftlich geprägte, weibliche Studentin eine erhöhte Sensibilität für Fragen von Geschlechtergerechtigkeit und struktureller Ungleichheit mitbringe. Trotzdem hat mir die Auseinandersetzung mit medialen Repräsentationen afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften gezeigt, dass auch mein eigenes Wissen von eurozentrierten Medienstrukturen geprägt ist.  
 
Meiner Erfahrung nach existiert in wissenschaftlicher Literatur, insbesondere in explizit auf Frauenfußball fokussierten Arbeiten wie auch in Universitäts-Seminaren eine differenzierte Auseinandersetzung mit afrikanischen Teams und ihren Entwicklungen. Dieses Wissen ist aber aktuell weitgehend auf spezialisierte Diskurse beschränkt und findet nur selten Platz in der breiten medialen Öffentlichkeit. Auch meine eigene Wahrnehmung afrikanischer Nationalmannschaften entstand primär im Kontext internationaler Turniere und häufig erst in Spielen gegen mir bekanntere, meist westliche Teams.  
 
Auch wurden einzelne Spielerinnen mir zudem oftmals erst dann nähergebracht, wenn sie bereits in westlichen Ligen aktiv waren und dort mediale Aufmerksamkeit erhielten. Diese eigene Reflexion verdeutlicht mir, wie stark ich mich, auch trotz bewusster Auseinandersetzung mit dem Thema, auf westliche Medien als primäre Wissensquelle verlasse.  
In meiner Analyse spreche ich von „Afrika“ als Kontinent, da gemeinsame koloniale Erfahrungen und die Art und Weise, wie Teams international medial behandelt werden, bestimmte strukturelle Parallelen erkennen lassen. Es ist mir aber bewusst, dass diese Pauschalisierung problematisch ist, da sie die große kulturelle, politische und sportliche Vielfalt der einzelnen Länder verschleiert und wichtige lokale Unterschiede unsichtbar macht.

5. Handlungsperspektiven

Meine Analyse und eigene Reflexion verdeutlichen, dass strukturelle Ungleichheiten nicht auf individueller Ebene aufgelöst werden können. Um diese Diskriminierung erfolgreich und langfristig aufzubrechen, bedarf es gezielter Intervention auf medialer, institutioneller und gesellschaftlicher Ebene.
 
Die zentrale Rolle bei der Reproduktion und dadurch auch bei einer möglichen Reduktion struktureller Ungleichheiten spielen Sportmedien. Um die Sichtbarkeit afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften zu erhöhen, bedarf es einer kontinuierlichen und kontextualisierten Berichterstattung. Diese kann an den medialen Erfolg eines internationalen Turniers geknüpft sein, muss aber darüber hinausgehen. Auch darf diese Thematisierung nicht ausschließlich im Vergleich mit westlichen Mannschaften geschehen. Diese sollte eine langfristige Entwicklung, taktische Konzepte sowie individuelle Spielerinnenbiografien in den Fokus rücken. Für die langfristige Berichterstattung bedarf es unbedingt auch der Übertragung oder wenigstens der Ergebnisverkündung von afrikanischen interkontinentalen Turnieren. Ich sehe darin eine besondere Bedeutung, da sie eurozentrierte Deutungsmuster aufbricht und afrikanischen Frauenfußball als eigenständigen, konkurrenzfähigen und nicht von westlicher Anerkennung abhängigen Sport sichtbar macht. 
 
Darüber hinaus ist eine kritische Reflexion eurozentrierter Bewertungsmaßstäbe im Sportjournalismus notwendig. Eine dekoloniale Medienpraxis würde bedeuten, sportliche Qualität nicht ausschließlich anhand westlicher Normen und Ligen zu messen, sondern lokale Kontexte, Ressourcenunterschiede und strukturelle Rahmenbedingungen stärker zu berücksichtigen.
 
Neben den Medien tragen in jedem Fall auch internationale und kontinentale Sportorganisationen Verantwortung für die Sichtbarkeit afrikanischer Frauenfußballteams. Institutionen wie die FIFA oder die CAF müssten durch gezielte Förderprogramme und Investitionen in Infrastruktur und Trainingsbedingungen zur Professionalisierung beitragen. 
Darüber hinaus sollten internationale und kontinentale Sportorganisationen sicherstellen, dass Turnier- und Leistungsprämien tatsächlich bei den Spielerinnen ankommen. Eine transparente und möglichst direkte Auszahlung der Prämien, und das unabhängig von nationalen Verbänden, könnte dazu beitragen, finanzielle Ungleichheiten zu reduzieren und die Autonomie der Spielerinnen zu stärken. Dies liegt nicht zuletzt im Interesse der Organisationen selbst, da faire finanzielle Rahmenbedingungen langfristig zu einem ausgeglicheneren Wettbewerb und einer nachhaltigen Professionalisierung des internationalen Frauenfußballs beitragen. Es sollten sich gleichzeitig mediale Mindeststandards für internationale Turniere etablieren, um eine gleichwertige Berichterstattung sicherzustellen. 
 
Es ist wichtig, bei der Förderung von Frauenfußball den intersektionalen Aspekt nicht außen vor zu lassen. Maßnahmen, die Geschlechtergerechtigkeit adressieren, sollten immer auch rassistische und postkoloniale Machtverhältnisse berücksichtigen. Sonst besteht die Gefahr, bestehende Ungleichheiten unbeabsichtigt zu reproduzieren.
 
Auch auf gesellschaftlicher Ebene sind Veränderungen notwendig. Konkret muss eine Sensibilisierung für die Rolle von Medien in der Wissensproduktion geschehen. Es muss sichtbar werden, dass das „Angebot-und-Nachfrage”-Konzept der Medien oft sehr hinterherhinkt. Die Annahme, Frauenfußball generiere zu wenig Publikum, erweist sich immer wieder als gesellschaftlich (und medial) erzeugte Verzerrung. Übertragungen zu regulären Sendezeiten erzielen nachweislich hohe bis sehr hohe Reichweiten. Deshalb kann nicht einfach angenommen werden, dass Teams aus dem globalen Süden medial kein Publikum erreichen würden.
 
Im Sinne einer dekolonialen Wissensproduktion wäre es wichtig, Stimmen aus dem globalen Süden stärker einzubeziehen und nicht nur über afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften zu sprechen, sondern ihnen selbst eine Stimme und Raum zu geben.
 
Letztlich sind ergänzend zu den medialen und institutionellen Handlungsebenen auch alternative Formen der Wissensproduktion wichtig. Soziale Medien, unabhängiger Sportjournalismus und wissenschaftliche Auseinandersetzungen können dazu beitragen, bestehende mediale Leerstellen zu füllen und so Wissen über afrikanische Frauenfußballteams jenseits etablierter westlich-zentrierter Medienlogiken zu verbreiten.  Vor allem in den Bereichen, wo klassische Sportmedien ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, hat diese Art der Medien eine hohe Relevanz.

6. Fazit

Die geringe Sichtbarkeit von afrikanischen Frauenfußballnationalmannschaften fällt strukturell auf. Sie ist weniger auf sportliche Leistungen zurückzuführen als auf strukturelle, postkoloniale-, geschlechter- und machtpolitische Ungleichheiten. Diese prägen die Medienlandschaft bis heute. Die Reflexion darüber hat auch meine eigene Wahrnehmung und Wissensproduktion kritisch infrage gestellt.
 
Diese Arbeit hat verdeutlicht, dass Frauenfußball insgesamt strukturell benachteiligt ist und afrikanische Nationalmannschaften dabei einer doppelten Marginalisierung unterliegen. Intersektional betrachtet sind afrikanische Teams Teil eines weiterhin unterrepräsentierten Frauensports, gleichzeitig werden sie als Teams aus dem globalen Süden in internationalen Medien seltener kontinuierlich begleitet. Ihre sportlichen Leistungen werden häufig nur im Kontext internationaler Großturniere wie WM oder Olympia beleuchtet und dann oft nur in Begegnung oder Vergleich mit westlichen Mannschaften. Dabei werden sie oftmals als überraschende Ausnahmeereignisse gerahmt. Langfristige Entwicklungen, taktische Konzepte und individuelle Spielerinnenbiografien bleiben oft außen vor.
 
Auch wurde deutlich, dass Medien nicht lediglich gesellschaftliches Interesse widerspiegeln, sondern diese aktiv mitgestalten. Die verbreitete Annahme, insbesondere der Frauenfußball aus dem globalen Süden generiere zu wenig Publikum, ist eine mediale Verzerrung. Wo Übertragungen stattfinden und redaktionelle Begleitung gewährleistet ist, zeigen sich stabile Reichweiten und wachsendes Interesse. Die ungleiche Sichtbarkeit afrikanischer Frauenfußballteams ist nicht naturgegeben. Sie ist das Ergebnis selektiver Berichterstattung und westlich-zentrierter Bewertungsmaßstäbe. 
 
Dieses Phänomen darf nicht losgelöst von den strukturellen Bedingungen betrachtet werden, unter denen viele afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften agieren. Diskriminierung ist materiell und körperlich. Das wird in schlechten Trainingsbedingungen, ausbleibenden Prämienzahlungen sowie schwerwiegenden Vorwürfen sexualisierter Gewalt innerhalb nationaler Verbände deutlich. Besonders problematisch ist es, dass internationale Organisationen wie die FIFA trotz ihrer Verantwortung als Turnierausrichter häufig nicht konsequent eingreifen. Dass Trainer mit gravierenden Vorwürfen sexualisierter Gewalt weiterhin Teams bei Weltmeisterschaften betreuen dürfen oder Föderationen bekannte Prämien vorenthalten, ist ein institutionelles Versagen. Auch hier tragen internationale Verbände Verantwortung. Zu dieser Verantwortung gehört es, nicht nur sportliche Wettbewerbe zu organisieren, sondern Mindeststandards für Schutz, Transparenz und Gleichberechtigung durchzusetzen und Verstöße öffentlich zu thematisieren.   

In meiner kritischen Reflexion wurde mir deutlich, dass auch mein eigenes Wissen über afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften maßgeblich durch westliche Medien geprägt ist. Selbst als Frau mit ausgeprägtem Interesse am Frauenfußball habe ich viele Teams und Spielerinnen erst im Rahmen internationaler Turniere oder über ihre Präsenz in westlichen Ligen wahrgenommen. Für mich hat das unterstrichen, wie wirkmächtig mediale Strukturen sind. Auch zeigt es, wie begrenzt alternative Perspektiven bislang sind.

Eine gerechte Repräsentation afrikanischer Frauenfußballnationalmannschaften kann nur durch ein Zusammenspiel medialer, institutioneller und gesellschaftlicher Veränderungen erreicht werden. Das bedarf einer dekolonialen Medienpraxis, einer kontinuierlichen Berichterstattung, der Einbindung lokaler Kontexte und der Stärkung von Stimmen aus dem globalen Süden. Sichtbarkeit im Sport ist nicht nur eine Frage der Aufmerksamkeit. Sport ist in vielen Aspekten ein Spiegel der Gesellschaft. Die faire Berichterstattung über afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften ist es eine Frage von Anerkennung, Teilhabe und globaler Gerechtigkeit. 

7. Quellenverzeichnis
 

DPA 2022: Frauen-Bundesliga knackt Zuschauer-Rekord. Sportschau [https://www.sportschau.de/newsticker/dpa-frauen-bundesliga-knackt-zuschauer-rekord-100.html.] Abruf am 01.02.2026.

Dunning, Eric 2003: Sport als Männerdomäne. Anmerkungen zu den sozialen männlichen Identität und deren Transformation, in: Elias, Norbert/ Dunning, Eric: Sport und Spannung im Prozeß der Zivilisation, 473-502, Frankfurt am Main, Deutschland: Suhrkamp.

Emrich, Jonas 2025: Wie der afrikanische Frauenfußball immer besser wird:
Aufpassen, Nigeria!. 11 Freunde. [https://www.11freunde.de/international/wie-der-afrikanische-frauenfussball-immer-besser-wird-aufpassen-nigeria-a-dfdc8947-f3a2-4b8e-87bb-775594736def] Abruf am 31.01.2026.

Gerstenberger, Olivia; Sturmberg, Jessica 2023: FIFA Frauen-WM 2023: Poker um TV-Rechte. deutschlandfunk. [https://www.deutschlandfunk.de/tv-rechte-fussball-wm-frauen-faeser-australien-neuseeland-100.html#Warum] Abruf 01.02.2026.

Küppers, Carolin. 2018: Die mediale Konstruktion von Männlichkeit und Heteronormativität zur Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. In Sexismus und Homophobie im Sport: interdisziplinäre Perspektiven auf ein vernachlässigtes Forschungsfeld, 85-104. Wiesbaden, Deutschland: Springer (VS).

Letura, Tuka 2024: WAFCON 2024: African Women’s Football Deserves Better Broadcast Coverage. Afrocritik [https://afrocritik.com/wafcon-2024-african-women-football-deserves-better-broadcast-coverage/] Abruf 01.02.2026.

Schicklinski, Johann 2025: EM-Finalistinnen im Vergleich
Spanien ist besser besetzt als England, aber. sportschau. [https://www.sportschau.de/fussball/frauen-em/england-gegen-spanien-die-spielerinnen-im-direktvergleich,england-gegen-spanien-spielerinnen-im-direktvergleich-100.html] Abruf am 30.01.2026.

Staab, Monika 2017: Erlebte Geschichte: Die Anfänge des Frauenfußballs nach 1970. In Sobiech, Gabriele/ Günter, Sandra (Hrsg.): Sport & Gender – (inter)nationale sportsoziologische Geschlechterforschung – Theoretische Ansätze, Praktiken und Perspektiven, 49- 58, Wiesbaden, Deutschland: Springer Fachmedien.

Sülzle, Almut 2011: Fußball, Frauen, Männlichkeiten. Eine ethnographische Studie im Fanblock, Frankfurt am Main, Deutschland: Campus Verlag. 
Übergriffe, Beleidigungen, Häme: Der schwierige Weg für Afrikas Fußballerinnen. 2023. ntv.de. [https://www.n-tv.de/sport/fussball/Der-schwierige-Weg-fuer-Afrikas-Fussballerinnen-article24240735.html] Abruf am 31.01.2026.


Quelle: Laila Lehring, Afrikanische Frauenfußballnationalmannschaften zwischen westlich-zentrierter Berichterstattung und postkolonialen Machtstrukturen, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 18.03.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=560

Coming Out – Between Self-Empowerment and Heteronormative Conformity

Hanna Marie Pölchen (WiSe 2025-26)

1. Introduction

1.1 Coming out as a seemingly self-evident practice

“The closet implies a literal, physical boundary dividing one’s life before publicly declaring queerness, and after. It’s a threshold impossible to recross, two distinct places to live: in the darkness, or in the light of one’s self-truth. It doesn’t promise stepping into the light will be easy, but it does imply a fundamentally altered human experience.” (Perry 2021, p. 80)

I chose this quote because, to me, it perfectly depicts the weight that the process of coming out (of the closet) holds: this lifted weight, that will change your experience forever.

This definition also implies that coming out is seen as a necessary process in the life of a queer person today. It frames coming out not as a choice but as a requirement for authenticity.

Whether it’s ‘Heartstopper’, ‘Atypical’, ‘Young Royals’, or even ‘Stranger Things’, even in mainstream media, a queer person’s journey inevitably crosses the path of a (public) coming out. No matter where you look, coming out is presented as the step, and the only step, toward self-fulfilment and empowerment. This is something I wish to discuss in this essay.

Additionally, this essay focuses on the ambivalence that the coming out process holds. There is this self-empowerment and freedom that comes with coming out. But does coming out not also enforce the differences between queer and straight people? Does it not also risk conformity to the heteronormative society that forces you to speak out your truth of difference or otherness and to put a label on yourself?

After considering this ambivalence, I will also investigate possibilities of the future. Are there alternatives to coming out and do we even need them? What can be done to rid the practice of coming out from its normative influences?

1.2 My positionality

To give a scope of my insight on this topic and to take accountability for my positions, I must first talk about my positionality.

As a cis bisexual white woman in a lesbian relationship, I have come out multiple times with varying outcomes. I do recognize that as a white middle class woman, I have a lot of privileges that have protected me from harm, which influences me and my positionality greatly. Therefore, my opinions and perspectives require critical examination.

Nonetheless, I have experienced various reactions ranging from pleasant surprise and indifference to negative responses mixed with denial. These experiences have shaped my understanding of coming out as a practice and allow me a nuanced insight on the ambivalence of coming out.

2. Coming out – visibility and self-empowerment

2.2 The history of coming out

First, to better understand the ambivalence of coming out, we must take a quick look at the history behind it. At this point I must also mention, that this essay focuses exclusively on coming out in relation to sexual orientation and does not address coming out in terms of gender identity. That is because expanding the discussion to include gender identity would significantly broaden the scope for this discussion. Moreover, I feel that as a cis woman, I am not able to judge and comment on this fully.

Grace Perry (2021) writes in her aforementioned novel, that ‘coming out’ was not a reference to leaving your self-repression and escaping the darkness of hiding your true self. Instead, the term ‘coming out’ was used to as an analogy to come out into gay society, much like aristocratic women came out into society. Therefore, coming out was originally meant as acknowledgement of your sexual orientation for yourself and others who were part of the LGBTQ+ community, not the broad public.

Only through the Stonewall Rebellion in 1969, openly and proudly talking about your identity to the world was popularised and connected to the term ‘coming out’. Other instances, like Harvey Milk’s campaign in 1978 or activists in the 1980s demanding people to declare their sexuality to the public, made coming out a much more official and public process (Saguy, 2020).                                         

For example, Milk’s campaign against the ban of gay teachers was led with his mantra to ‘Come out, Come out, Wherever you are’ to encourage people to come out to their social surroundings. This was meant to make queer people more visible to the broader public and to make people realise that queer people are not just a distant minority but in fact, all around. This same mantra was then later used by activists in the 1980s to achieve this same goal (Saguy, 2020).

We can see that throughout the past six decades, coming out has experienced a shift from being something personal and intimate to something radical that expresses political resistance. But what impact does coming out still have today?

2.2 Coming out as a practice of self-empowerment

Kazeem and Schaffer (2012) describe bell hooks’ understanding of self-empowerment (of People of Color) as the act of taking or reclaiming agency by talking back. In doing this, you are fighting against the outside definition of others and instead get the chance to control the discourse about you.

Connecting this concept to coming out, the self can be empowered by talking back and declaring their sexuality publicly to reject outside definition. Even if it is only a coming out to yourself, you are being truthful about your own feelings and shutting out definitions of others about you. However, this act of talking back still happens within the dominant discourse and with terms legible to the dominant society.

So, in what ways can the process of coming out empower you?                                    When speaking about your own identity, besides refusing outside definition, you moreover become visible, both to others and to yourself. Coming out can make your experiences and feelings more real and make you feel more connected to yourself. You won’t have to suppress any feelings anymore or doubt yourself as much. It can create a sense of clarity over who you are, what you want and feel (Allsorts Youth Project, 2020).

Additionally, it pushes you to surround yourself with people that are good for you and accepting of you, as you inevitably face rejection and/or acceptance. You realize who supports you no matter what and likes you for who you actually are. You also realize who only liked you because of their own definition of you.

This also opens the possibility to find other like-minded people, that have experienced similar things and feelings as you. Thus, making you feel less alone and realizing that your feelings are valid and completely normal. Through this you build yourself a support system, that helps you overcome hardships and stands by your side. These people will furthermore help you find the courage to fight back (or rather talk back) when facing discrimination or unfairness.

A poem that shows this solidarity and support well, is the poem “An Invitation To A Brave Space” by Mickey Scottbey Jones (2020), which we have already discussed in our seminar. Especially the lines: “In this space / We seek to turn down the volume of the outside world. / We amplify voices that fight to be heard elsewhere, / We call each other to more truth and love / […]” (Jones, ll. 5-8), as well as the following “It will be our brave space together, / And / We will work on it side by side” (italic by Jones (2020), ll. 14-16), demonstrate this.

Coming out can also lift a heavy weight off your shoulders as you don’t have to hide a big part of your identity from others anymore. There is no more fear that you might be ‘found out’, that you are discovered in your hiding place. You don’t have to overthink your words, your actions, your body language or other subtle hints to your sexuality anymore but can freely express your thoughts and feelings. This is a huge relief that can be felt every day in lots of different situations (Allsorts Youth Project, 2020).                               

What I describe here was also summarized by Belle Ragins (2004) as following: “Concealing a stigmatized identity has been found in some studies to lead to psychological stress and depression [..] and concealment may also prevent the establishment of close and authentic relationships at work [..].” In this text, Ragins (2004) focuses on sexual identity in the workplace, but this is just as applicable in everyday situations.

Personally, I always felt relieved whenever I came out, no matter the reaction of the other person. Of course, I experienced feelings such as anger, self-doubt and fear when the other person reacts negatively, but at least the weight of feeling like I had to tell the other person vanished.

3. Coming out as a compulsory visibility and the burden of disclosure

The easiest way to understand the ambivalence of coming out is by looking at ‘heteronormativity’. According to the European Union Agency for Fundamental Rights (2009), “heteronormativity is what makes heterosexuality seem coherent, natural and privileged. It involves the assumption that everyone is ‘naturally’ heterosexual, and that heterosexuality is an ideal, superior to [other sexualities].” Meaning, straight people do not have to come out, since being straight is seen as the ‘default sexuality’ by the dominant society. Meanwhile every other identity is seen as an anomaly, as atypical. Therefore, in openly declaring your sexuality, you also declare to be different and conform to the heteronormative notion that you are an anomaly.

Another problem with coming out is this certain necessity to label yourself. Some people feel content with just stating that they’re queer, while others feel that they need to have a label figured out before they can talk about their sexuality openly, me included.      

The latter can be defined by the term ‘compulsory visibility’, which means that “marginalized people feel like they must prove their group membership […] by making their identities legible through personal and autobiographical expression.” (Kotler, 2024)

Mosley (2025), a professor of human relations, describes the reasoning behind these two different approaches in his article. Here he is talking about mental health labels, however this is just as applicable when it comes to sexuality. Those like me, who feel or felt a necessity to label themselves, do so because giving your feelings a name can feel like clarity and like you finally have a place to belong to. Those who reject labels do so because they feel a certain freedom attached to it, since they can’t be reduced to a stereotype or be put in a box.

This stereotyped thinking is also something we discussed in one of our first seminars. Per definition, stereotypes are “widely held fixed thoughts and beliefs adopted by common members of a group, that represent a particular group of individuals or behaviours as a whole” (Stebbins, 2020). These deeply influence the way others perceive you and what expectations they have of you. Being put into boxes and viewed through a lens of stereotypes is something that happens to everyone, and that happens often. However, when stereotypes are combined with a structural power, they become a tool for discrimination, as we also discussed in our seminar.

But not only does this stereotyping affect other people’s behaviour, it also affects the person that is coming out. The term ‘Queer Impostor Syndrome’ coins one of these effects quite well. It describes the feeling of not feeling ‘queer enough’, of self-doubt and inadequacy (Mclaren, n.d.). There are so many stereotypes about being queer in general and about particular queer identities, such as bi-, pan- or asexual identities. This results in a kind of pressure to fit these stereotypes at least to an extent.

Moreover, labels create this notion that something is fixed and stable. If you give your identity a name, it is assumed that your identity will remain unchanged. What is often overlooked however is that sexual orientation can, for some, change over time. Even more importantly, if you come out even though you are still unsure about your sexual orientation, and later realize that you were wrong, it makes your sexual orientation seem illegitimate to some. The best example for this – even though I am excluding coming out about gender identity in this essay – is when a person comes out as trans and later realises, they were wrong. Though that is only the case for a very small percentage of trans people, many will take this as an example for why being queer is “just a phase” and as validation for their trans- or queerphobia.

4. The ambivalence of coming out and the possibility of alternatives?

But what can you do if you want to live out your identity freely without coming out? The goal, in my eyes, is to someday not be treated differently simply because of your sexual orientation and more importantly, for sexual orientation to not matter as much. Ideally, we would one day live in a world where no one must come out, but people just figure out their preferences on their own terms without pressure. If someone wants to put a label on it and wants to come out, they can, but there wouldn’t be this necessity to do so anymore.

Therefore, I propose, alongside others, to not disclose your sexual orientation through coming out, especially if you are in supportive environment. Instead, you might simply introduce your partner without labeling yourself. For those who are not interested in romantic relationships, this could mean casually expressing that disinterest without disclosing a label. Either way, the most important thing is to be safe and to protect yourself from serious harm.

At the same time, I recognize that this proposal emerges from my own relatively safe social environment. I am also aware that this might not be possible to those facing greater structural risk, intersectional discrimination or material dependence.

Moreover, this approach is not without its limitations. Avoiding disclosure reduces the pressure to conform but it might risk leaving heteronormative notions and assumptions unchallenged. Therefore, it’s important, that queer identities don’t become invisible again. However, refusing to come out does not entail political silence. You can still speak out about discrimination and support the LGBTQ+ community firstly through actions and secondly through words.

Perry (2021, p.80) finds fitting words to conclude this message:

“In hindsight, I was totally incorrect in thinking the only options at this time were ‘in or out of the closet.’ I didn’t know if I was gay or bi or pan or queer or what. I shouldn’t have had to declare anything conclusively. I was eighteen! Experimentation is good and fun and healthy and something everyone should do at some point. Why not take the time and space and energy to figure out what you really want and need sexually?”

Sources

Allsorts Youth Project. (2020) ‘Allsorts of coming out: A coming out resource for young people’. Available at: https://www.stonewall.org.uk/young-futures/lgbtq-support/coming-out#:~:text=The%20term%20%27coming%20out%27%20is,simply%20sharing%20who%20they%20are. (Last accessed: 13.02.2026, 12:57pm)

European Union Agency for Fundamental Rights − FRA (2009) ‘Homophobia and Discrimination on Grounds of Sexual Orientation and Gender Identity in the EU Member States: Part II – The Social Situation’. Available at: https://eige.europa.eu/publications-resources/thesaurus/terms/1384?language_content_entity=en (Last accessed: 07.02.2026, 1:04pm)

Jones, M. (2020) ‘An Invitation to Brave Spaces’. Available at: https://rhfoerger.wordpress.com/2021/09/17/invitation-to-brave-space/ (Last accessed: 30.01.2026, 4pm)

Kazeem, B. and Schaffer, J. (2012) ‘Talking back. bell hooks und Schwarze feministische Ermächtigung’. In Reuter, J. and Karentzos, A. (eds.) Schlüsselwerke der Postcolonial Studies. Wiesbaden: Springer VS, pp. 177-188

Kotler, M. (2024) ‘Queer Impersonality: Compulsory Visibility and the Politics of Form in Modernist Women’s Life Writing’. CUNY Academic Works. Available at:
https://academicworks.cuny.edu/gc_etds/5723 (Last accessed: 08.02.2026, 1:15pm)

Mclaren, L. (n.d.) ‘Queer Imposter Syndrome and What To Do About it’. Available at: https://www.beyondpsychologycenter.com/blog/queer-imposter-syndrome (Last accessed: 06.02. 5:30pm)

Mosley, S. (2025) ‘When Labels Hurt, and When They Heal. Why denying or overusing mental health labels can both lead us astray’. Available at: https://www.psychologytoday.com/us/blog/deeper-empathy-lasting-change/202508/when-labels-hurt-and-when-they-heal (Last accessed: 08.02.2026, 12:48pm)

Perry, G. (2021) ‘The 2000s Made Me Gay: Essays on Pop Culture’. New York: Flatiron Books

Ragins, B. R. (2004) ‘Sexual Orientation In The Workplace: The Unique Work And Career Experiences Of Gay, Lesbian And Bisexual Workers’. In Smith, J. ‘Research in Personnel and Human Resources Management’. Emerald Group Publishing Limited, Vol. 23, pp. 35-120

Saguy, A. (2020) ‘The history of ‘coming out,’ from secret gay code to popular political protest’. UCLA-Magazine. Available at: https://newsroom.ucla.edu/stories/the-history-of-coming-out-from-secret-gay-code-to-popular-political-protest (Last accessed: 08.02.2026, 4:15pm).

Stebbins, L., Lashley, L. K., Golden, C. J. (2020) ‘Stereotype Thinking. Essays in Developmental Psychology’. Available at: https://nsuworks.nova.edu/cps_facbooks/737 (Last accessed: 08.02.2026, 8:14pm)


Quelle: Hanna Marie Pölchen, Coming Out – Between Self-Empowerment and Heteronormative Conformity, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 24.02.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2026/02/24/coming-out-between-self-empowerment-and-heteronormative-conformity/

Decolonize! Art as Colonial Resistance

French Colonialism in Indochina

Thi Trang Ha Nguyen (SoSe 2025)

Illustration 1. Art as Colonial Resistance

1.   Introduction

Through this essay and my collage, I seek to tell a part of my country’s colonial history—a history you may not have encountered before, or that might echo experiences of other colonized nations. Yet, as a Vietnamese, I feel compelled to narrate this story myself, from the perspective of a generation that still lives close to those memories. My great-grandparents and grandparents lived through French colonial rule and fought for independence; my parents grew up under its lingering influence while also resisting those cultural impositions. My generation has been described as the last that will have direct access to war veterans and witnesses of that period, people whose stories still bridge the past and present.

This project is also an intervention in what Chimamanda Ngozi Adichie has described as “the danger of a single story”—the risk of reducing complex histories to simplified narratives of domination and passivity.[1] Colonial archives and French accounts of Indochina have long presented such one-sided versions of Vietnamese history. In contrast, my collage seeks to recover and reframe voices, images, and symbols that speak of resilience, resistance, and cultural transformation, situating Vietnamese identity within a broader conversation on colonialism and its legacies.

The collage “Art as Colonial Resistance” (Illutration 1) is not just a collection of visual elements but a deliberate presentation of a view. It presents a combination of Vietnamese artworks by Lê Phổ, Mai Trung Thứ, and Lê Thị Lựu, along with colonial-era images, newspaper clippings, and fragments from French Indochina. The visual composition enables me to examine how art evolved into an understated form of rebellion alongside cultural preservation tools and colonial resistance mechanisms.

2.   Visual Layers of Resistance: Reading the Collage

To analyze the visual and symbolic elements of my collage, ‚Art as Colonial Resistance,‚ Stuart Hall’s idea of representation provides a strong theoretical framework for understanding the visual elements used in the collage. In his view, “representation is not a passive reflection of reality, but an active process that constructs meaning within a social and political context”. Meaning is produced through language, images, and cultural codes, and is shaped by who holds power over that production. In colonial contexts, representation becomes a tool of domination: the colonizer defines the colonized subject, culture, and history in ways that sustain colonial rule. Hall believes that resistance is possible by disrupting these representations, reappropriating symbols, and creating new meaning. This is especially relevant to the field of visual art, where images both reflect and shape ideologies.  Applied to colonial Vietnam, this means that while French art institutions encoded European techniques, Vietnamese artists re-decoded them by painting traditional themes on silk, giving new meaning to borrowed forms.

I will analyze the collage from top to bottom, from left to right. The top portion of the collage displays a French newspaper headline that announces „Indochine“. At the same time, this term consolidated Vietnam with Cambodia and Laos under a single colonial name that erased their unique cultural identities.[2] The term „Annam“ appears above the Saigon Central Post Office – designed by Gustave Eiffel, which is located below the headline „Indochine“ – started as a reference to Vietnam, and colonial authorities used it to label Vietnamese individuals as „Annamites“ while keeping racist and hierarchical elements intact. To call someone Annamite was not just to refer to their origin but to locate them within a hierarchy that justified colonial domination and racial inferiority.

A Vietnamese soldier appears in the left section wearing both a nón lá hat[3] and a French military uniform as a member of the French colonial army’s lính tập[4] conscripted force. Most of these soldiers originated from rural regions before being forced to serve in the position of enforcing French colonial control over their fellow Vietnamese citizens while being treated as second-class subjects by their French superiors. The dual nature of colonial identity becomes visible through this representation because resistance and cooperation frequently coexisted.

The right side of the collage features a portrait of Emperor Hàm Nghi, one of the last sovereigns of the Vietnamese Nguyễn dynasty before French domination, who refused to submit to French control. French authorities took him into captivity before deporting him to Algeria, where he spent 56 years in exile, not allowing him to return to Vietnam even after his death. Despite his exile, Hàm Nghi never relinquished his identity—he continued to wear traditional Vietnamese garments, braided his hair in the old style, and raised his children to speak Vietnamese and cherish the customs of a country they would never see. The inclusion of both the soldier and the emperor demonstrates how colonialism fragmented the Vietnamese identity, which expressed both forced submission and active resistance through personal actions.

2.1. Colonial Gaze vs. Vietnamese Self-Representation

Continues to the middle section of the collage features Haiphong[5] (Illustration 2), a painting by French artist Gaston Roullet. The scene Gaston Roullet painted depicts a jungle landscape with figures dressed in áo dài[6], mostly women, casually drinking tea or chatting under the trees. What seems idyllic at first glance becomes more troubling on closer inspection: a male figure in tribal clothing stands off to the side, gazing outward beyond the frame, and, though not visible in my collage, a naked boy playing on the ground in the foreground of the painting. The man in tribal garb, with his bare legs, woven sash, and bare chest, adds to the imagined „wildness“ of the Indochinese environment. A further noticeable presence is the background or the scenery of the painting. All the figures are gathered and placed in the middle of a jungle, next to a river or a lake, and not in the garden of a house, or even a community yard. Though the scenery might truly be from a rural village, the French colonial perspective, as depicted in this artwork, is typical of Orientalist stereotypes, presents Vietnam as an inactive and exotic territory, reinforcing the colonial narrative of European superiority and the ‚otherness‘ (footnote about Bhabha’s theory) of non-Western cultures: wildest, uncivilised and dynamic.

Illustration 2. Gaston Roullet, Haiphong, source: Saigoneer.

Gaston Roullet’s artwork contrasts with that of Mai Trung Thứ,[7] a Vietnamese artist who studied at the École des Beaux-Arts de l’Indochine (the Indochina College of Fine Arts). The artist Mai Trung Thứ employed European artistic methods to portray Vietnamese people with both respect and a deep personal connection. With the same context of enjoying tea and chatting between women, Mai Trung Thứ’s female figures in the painting The tea time (Illustration 3) are depicted in a close-up view facing one another. Their facial features are also more visible and vibrant than those in Haiphong.  The female figures both wear the traditional áo dài, both in pastel colors – one pink and the other blue – and are resting, leaning on gối trái dựa[8] cushion while enjoying tea. In this artwork, it is clear that the artist demonstrates both cultural continuity and national pride. Besides these two figures, there are three female figures, drawn from separate paintings of the same woman by Mai Trung Thứ (Illustration 4-6), depicting women wearing áo dài, accompanied by khăn voan[9] and khăn vấn[10]headscarves, which represent the femininity of women from the upper class of the Red River Delta region. While their poses and every placement of gestures, clothing, and scenery recreate the frontal symmetry of the famous Mona Lisa, their attire is distinctly Vietnamese in style. Their eyebrows are finely arched, and their eyes are almond-shaped, capturing a Vietnamese ideal of beauty that differs from European portrait norms. While Gaston Roulette’s depiction is filtered through a colonial gaze, rendering women as decorative ethnographic objects within an exoticized landscape, Mai Trung Thứ female figures exude an inner aura and dignified calmness that can only be seen in high-class women. They dressed in elegant áo dài with high-quality headwear, surrounded by gentle scenes featuring traditional motifs often found in classical East Asian scroll paintings, which emphasized harmony and serenity.

Below these figures is a painting by Lê Phổ[11], titled The Present from Mother (Illustration 7), in which he reimagined the Madonna and Child composition by integrating Christian symbols into Vietnamese clothing and cultural aspects, while maintaining local cultural expressions. The mother figure wears a simple black áo tứ thân[12] and brown áo dài with a white khăn vấn wrapped in layers. In contrast, her child wears a yếm (a traditional baby vest). The mother’s gentle posture, hand on the child’s back, and slightly leaning forward express Vietnamese maternal tenderness — subtle but deeply emotional. This reinterpretation not only domesticated the foreign iconography but also rooted it back into Vietnamese familial values and aesthetics. Through these artworks, I explore how Vietnamese artists, particularly Mai Trung Thứ and Lê Phổ, challenged the colonial image of „Annam“ not through violent resistance but through aesthetic subversion. They accepted the tools of European art rather than transforming them, but only to use them as a tool to visualise “annamites” beauty, tradition, and culture. In their hands, brushstrokes, the use of colours, highlights, and shadows became a reclamation of beauty, of identity, of dignity. By dressing their figures in fabrics, scarves, and silhouettes rooted in Vietnamese history, they offered viewers a counterimage: one that did not need validation from the colonial gaze.

Illustration 3. Mai Trung Thu, The tea time, Ink and gouache on silk laid onto cardboard, source: Sotheby’s Hong Kong.

Illustration 7. Le Pho, The present from mother, ink and colour on silk, 50,5 x 63,5 cm, ca. 1935-1945, source: V.artview.

2.2. Cultural Memory and Continuity Through Art

The Impressionist painting by Lê Phổ, located in the lower left corner, is another depiction of a woman wearing an áo tứ thân as she sits in contemplation, and is titled „The Beauty in a Sunshine Shirt“ (Illustration 8). Lê Phổ’s use of light and texture – impressionistic yet restrained – seems to preserve an intimate memory of Vietnam, untouched by colonial spectacle: soft and dreamlike. The brushwork does not impose narrative; it allows for emotion and cultural interiority. The pattern of the flower vase and the fruit plate is a traditional Vietnamese motif commonly found on ceramic and porcelain wares, especially those rendered in blue ink on a white porcelain base. Common motifs include mythical animals, such as the dragon, phoenix, or carp, as well as floral arrangements. Lê Phổ applied modernist artistic methods to preserve emotional and cultural heritage rather than conforming to colonial tastes.

Illustration 8. Le Pho, The beauty in a ‘sunshine’ shirt, source: hanoitimes

Further up on the Saigon Central Post Office is a circular frame in the center-right section of the collage, which showcases the artwork of Lê Thị Lựu, who became one of the leading female painters of her generation. Her painting Nhị kiều (Illustration 9) depicted female characters from Truyện Kiều[13]. The subjects embody Confucian virtues and national literary themes through their modern áo dài attire and makeup, as well as their body language and facial expressions. Thúy Kiều wears a purple áo dài, while Thúy Vân wears one in ash gray. The two sisters possess a unique blend of Chinese-Vietnamese beauty, characterized by slightly slanted almond-shaped eyes and an oval face. Their hair is styled in a bare coiled bun, revealing elegant, long necks reminiscent of Hà Nội’s beauties in the 1930s–1940s. The rounded framing, resembling a medallion or memory locket, reinforces their symbolic status as protectors of cultural identity. This circular motif also overlaps with the Saigon Central Post Office, a colonial architectural landmark. In doing so, it visually suggests that even within colonial structures – both physical and ideological – Vietnamese culture persists, encoded in literature, art, and feminine imagery.

Illustration 9. Le Thi Luu, Nhị Kiều, silk mounted on paper, 41,5 x 33,4 cm, 1954, source: tapchimythuat

2.3. Women as Keepers of Cultural Identity

Picture 1. Photograph of a bridge across Hoàn Kiếm Lake to Ngọc Sơn Temple in Hanoi. Source: Dannaud, J. P., L’Indochine Profonde, 1954.

In the collage, near the left edge and as the background of Lê Phổ’s painting, is a sepia-toned colonial photograph of Hanoi (Picture 1), depicting, at first glance, it appears like a typical street scene – but a closer look reveals the men wearing Western attire and sporting European hairstyles as they demonstrate their assimilation into colonial culture. In contrast, the women retain traditional áo dài, wear their hair long and parted or wrapped in scarves, and move with a grace that seems untouched by the colonial world growing around them. This gendered visual dichotomy is no coincidence — it reflects a broader cultural tension that ran through colonized Vietnam. The French colonial regime targeted Vietnamese men through the education system, political co-optation, and economic roles. They were expected to assimilate into French modernity: to speak the language, adopt the style, and embody the „civilizing mission“ on the surface. Meanwhile, women were often left out of this assimilation project — either deliberately excluded or silently resisting — and thus became the carriers of tradition in both public image and private life. This is why so many Vietnamese artists of the colonial period chose to depict women and children.

These depictions should not be misunderstood as passive or apolitical. They represent a quiet, visual form of resistance. At a time when the colonial state was reshaping the identity of Vietnamese men, these images of women stood as emblems of cultural continuity. They were not merely aesthetic subjects — they were symbols of national memory, protectors of the intangible customs being threatened with erasure. By drawing attention to these gendered dynamics, my collage highlights how resistance can manifest in various forms — not just in protests or armed struggle but also in choices about what to paint, how to dress, and which memories to preserve. In the face of violent change, Vietnamese women — and the artists who painted them — offered the country something quietly powerful: the reassurance of something deeply familiar.

2.4. Words as Weapons: Print Culture and the Politics of Language

In the collage lie two critical fragments from the historical newspaper La Lutte and Dân Chúng. The clipping of La Lute is in the lower right of the collage, and the clipping of Dân Chúng is in the upper right corner. Though small in size, their symbolic weight is immense. They speak to a war fought not only with weapons but with words, language, and the right to speak freely.

La Lutte, meaning „The Struggle,“ was a revolutionary French-language newspaper published during the 1930s. At first glance, the use of the colonizer’s language might seem paradoxical. However, its existence highlights the complexity of colonial domination and resistance. Under French rule, Vietnamese students were forbidden to learn Han-Nôm, the traditional writing system that had long been used in Vietnam’s court and literary culture. Instead, French language and culture were imposed through schools, street signs, administrative documents, and even the names of cities and public squares. La Lutte was written in French, but using the very language that sought to erase Vietnamese identity to denounce injustice and call for independence: adopting the colonial voice not to assimilate but to undermine it.

Alongside this sits a fragment from the Vietnamese-language newspaper Dân Chúng („The People“), which published calls for democratic freedoms and labor rights. The visible headline in the collage reads: “Lúc này … Hơn lúc nào hết!” („Now or never!“) and “TỰ-DO BÁO-CHÍ” – a bold declaration for the freedom of the press, of speech, of thought. This is not merely a cry for abstract ideals; it is a historical demand, shouted under the surveillance of colonial censorship. Crucially, it is written in quốc ngữ, the modern Vietnamese writing system developed in the 17th century by missionaries but later transformed by Vietnamese intellectuals into a powerful tool of communication and national awakening.

By layering these newspaper pieces into my collage, I wanted to honor this history of resistance through literacy. These were not just publications; they were lifelines. They show us that colonialism was not only resisted on battlefields but also in classrooms, on street corners, in art and painting, and inside the cramped printing presses of underground journalists. In a world where every Vietnamese word was policed, every publication was an act of courage.

3.   Conclusion

In reflecting on this essay and the collage I created, I have come to see how deeply colonial histories are woven into everyday life—even when they remain invisible or unacknowledged. While working on our group presentation in the Decolonize! seminar about the Ermelerhaus, the Friedrichsgracht, and the Deutsches Kolonialhaus, I was surprised by how much evidence of colonial history surrounds us in Berlin, yet so little information about these legacies is publicly available. This realization made me more attentive to how colonial traces endure not only in archives but also in urban landscapes, architecture, and cultural memory.

The Vietnamese case that my collage engages with demonstrates a similar persistence. The French-built École des Beaux-Arts de l’Indochine was originally an attempt to colonize Vietnamese art and culture, imposing European techniques and aesthetic values. Yet, artists such as Lê Phổ, Mai Trung Thứ, and Lê Thị Lựu appropriated those techniques to paint Vietnamese textures, themes, and cultural life, thereby transforming a colonial tool into a site of resistance and hybridity. This process mirrors Stuart Hall’s idea that cultural identity is not fixed but is constantly being negotiated and re-articulated through history, power, and representation.

Beyond the realm of art, the presence of colonial architecture remains visible in Hanoi and Ho Chi Minh City, where Indochine buildings and interior design have become a distinctive part of Vietnamese identity. What was once a colonial imposition has been reimagined, re-appropriated, and integrated into cultural expression—demonstrating again how colonial legacies can be subverted and given new meaning.

Through the seminar, the collage, and this writing process, I have realized that decolonial work is less about “erasing” colonial traces than about critically engaging with them: uncovering silenced histories, making their structures visible, and recognizing how marginalized voices transform them into acts of resilience and creativity. This essay has therefore been both an academic and a personal journey, linking my own heritage and memories of Vietnam to broader questions of how colonialism continues to shape—and be challenged in—our everyday lives.

Bibliography

Bhabha, Homi K. 1994. The Location of Culture. London: Routledge.

Brettell, Caroline B. 1945. “French Indo-China: Demographic Imbalance and Colonial Policy.” Population Index 11, no. 2 (1945): 68–81. https://doi.org/10.2307/2730333.

Hall, Stuart. 1997. “The Work of Representation” in REPRESENTATION: Cultural Representations and Signifying Practices. SAGE Publisher. https://eclass.aueb.gr/modules/document/file.php/OIK260/S.Hall%2C%20The%20work%20of%20Representation.pdf.

Said, Edward W. 1993. Culture and Imperialism. New York: Vintage.


[1] Chimamanda Ngozi Adichie, The Danger of a Single Story, TED Talk, 2009, https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg.

[2] The French had three different pronouns to indicate Vietnam|s territories: Tonkin China as Northen Vietnam, Annam as Central Vietnam, and Cochin China as Southern Vietnam, but the term “Annam” was later on widely used to indicate Vietnam. Besides these three ‘countries’ that the French administered in the French Indochina, there were also Combodia and Laos. (“French Indo-China”, p. 68-69)

[3] Is a traditional Vietnamese conical hat made of palm leaves. It serves as both a practical item, protecting the wearer from sun and rain, and a cultural symbol of Vietnam.

[4] were soldiers of several regiments of local ethnic Indochinese infantry organized as Tirailleurs by the French colonial authorities (“Tirailleurs indochinois”,  Wikipedia, last modified June 20, 2025, https://en.wikipedia.org/wiki/Tirailleurs_indochinois)

[5] Name of a port city and industrial center in north Vietnam during the French Colonize. Nowadays, Hai Phong still holding the same important position in Vietnam’s economic and trade.

[6] Vietnamese traditional and national garment

[7] He was one of the four most important painters of Vietnamese modern art that worked and lived in Europe – the Phổ-Thứ-Lựu-Đàm. He was one of the graduates of the first class of the École des Beaux-Arts de l’Indochine. He is famous for his silk painting with gouache about Vietnames women, children, scenery, and architecture. (Mai Trung Thứ, Wikipedia, last modifined June 20, 2025, https://vi.wikipedia.org/wiki/Mai_Trung_Th%E1%BB%A9)

[8] Leaning pillows (also known as gối xếp or gối tựa) is a traditional Vietnamese cushion made of 4–5 stacked pillow layers, used for back, arm, or head support when sitting on the floor. Popular among royals and scholars in the past, it was essential during activities like reading, reciting poetry, drinking tea, or relaxing. The cover is made of luxurious brocade with imperial motifs, while the firm, box-shaped inner pillows are tightly stuffed for stability and comfort.

[9] Means veil

[10] Vấn tóc refers to a traditional Vietnamese hairstyle in which the hair is neatly twisted and coiled into a bun using a piece of fabric. It looks like hairband or headband. It was commonly worn by women in northern and central Vietnam, especially during the 1930s–1940s, symbolizing elegance and refinement. (Tóc vấn trần, Vietnamese Encyclopedia, last modifined June 20, 2025, https://bktt.vn/T%C3%B3c_v%E1%BA%A5n_tr%E1%BA%A7n)

[11] Lê Phổ was a Vietnamese and internationally renowned master painter known for his romantic style and many highly valued works. Often called the „Vietnamese Master Painter in France,“ he is regarded as a towering figure in Vietnamese art. Lê Phổ is also recognized as one of the „Four Masters in Europe“ of modern Vietnamese painting, alongside Mai Trung Thứ, Lê Thị Lựu, and Vũ Cao Đàm. (Lê Phổ, Wikipedia, last modifined June 20, 2025, https://vi.wikipedia.org/wiki/L%C3%AA_Ph%E1%BB%95)

[12] A traditional dress that was worn widely by women in Nothern Vietnam before the áo dài. Its name means four-pieced shirt with long flowing outer tunic, reaching almost to the floor. It is open at the front, like a jacket. At the waist the tunic splits into two flaps: a full flap in the back (made up of two flaps sewn together) and the two flaps in the front which are not sewn together but can be tied together or left dangling.

[13] Truyện Kiều (The Tale of Kiều) is a Vietnamese epic poem written by Nguyễn Du  in the early 19th century. Comprising over 3,200 verses in lục bát (six-eight) meter, it tells the tragic love story of Thúy Kiều, a talented and virtuous young woman who sacrifices herself to save her family, enduring hardship and injustice. The work is celebrated for its poetic beauty, emotional depth, and philosophical reflections on fate, morality, and resilience. Nguyễn Du is considered one of Vietnam’s greatest literary figures, and Truyện Kiều a masterpiece of Vietnamese literature. (Truyện Kiều, Wikipedia, last modified June 20, 2025, https://en.wikipedia.org/wiki/The_Tale_of_Kieu)


Quelle: Thi Trang Ha Nguyen, Decolonize! Art as Colonial Resistance – French Colonialism in Indochina, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 10.12.2025, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=527

Sexroboter und Feminismus: Können Sex-Roboter feministisch sein?

Lotte Oberpichler, Stella Ankermann, Sveva Osterkorn und Patricia Manhice (SoSe 2025)

Teaser: 

Im ersten Moment wirkt das Thema ungewöhnlich: Sexroboter und Feminismus. In dieser Folge werfen wir einen kritischen Blick auf die Entfaltung künstlicher Intimität: Welche technologischen Entwicklungen gibt es? Welche gesellschaftlichen Vorstellungen und Machtstrukturen spiegeln sich in der Gestaltung der Sexroboter wider? Und können feministische Ideen von Selbstbestimmung, Lust und Sexualität mit dem Konzept der Sexroboter vereint werden? Mit unserem Podcast möchten wir neue Denkanstöße geben.
Triggerwarnung: 

Bevor wir anfangen, möchten wir euch darauf hinweisen, dass dieser Podcast sensible Themen behandelt. In dieser Folge sprechen wir über Themen wie Sexualität,Machtverhältnisse und sexuelle Gewalt. Manche Inhalte können belastend sein. Bitte hör dir diese Folge nur an, wenn du dich wohl und sicher damit fühlst oder in Gesellschaft.Weiterführende Links zu Beratungsstellen und professionellen Hilfsangeboten findest du weiter unten in der Beschreibung.

Quellen

https://www.derstandard.de/story/2000096837176/forscherin-sexbots-sind-ein-zeichen-deshasses-gegen-frauen (03.07.2025).

https://www.tu.berlin/zifg/sts-gender/forschung/forschungsprojekte-1/neomaterialistischeperspektiven-auf-sexroboter (03.07.2025).

https://krautreporter.de/geld-und-wirtschaft/2222-warum-es-wichtig-ist-wie-roboter-aussehen (03.07.2025)

Bendel, O. (2017). Sex robots from the perspective of machine ethics. In Lecture
Notes in Computer Science (S. 17–26). Springer International Publishing.

Kubes, T. (2019). Bypassing the uncanny valley: Sex robots and robot sex beyond
mimicry. In Techno:Phil – Aktuelle Herausforderungen der Technikphilosophie (S.59–73). J.B. Metzler.

Graf, P., Maibaum, A., & Compagna, D. (2020). Pflege-, Therapie- oder Sexroboter?:
Ergebnisse einer Szenario-Studie zum Einsatz sozialer Robotik. TATuP – Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis, 29(2), 52–57.
https://doi.org/10.14512/tatup.29.2.52

D. Paulina Matyjas. (2022). Sexroboter. Empirische Befunde zu Gegenwart und Zukunft einerpolarisiernden Technologie. Psychosozial-Verlag. https://www.nomoselibrary. de/10.30820/9783837978797.pdf (03.07.2025).


Professionelle Hilfe und Beratungsstellen

https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/startseite
https://lara-berlin.de/home
https://www.bafza.de/rat-und-hilfe/hilfetelefon-gewalt-gegen-frauen


Über Podcast Werkstatt: Gender und Diversity in den Techno-Sciences: Von Sexrobotern, Dating Apps und KI 

Wie wollen wir in einer Welt leben, die durch Technik geprägt ist? Inwiefern beeinflussen soziale Ungleichheiten technologische Entwicklungen? Welche Rolle kann Technik spielen, um unsere Welt gerechter zu gestalten und sozialen Ungleichheiten entgegen zu wirken?

In der von Dr. Tanja Kubes geleiteten Podcast-Werkstatt werden aktuelle soziotechnische Themen wie Künstliche Intelligenz, Dating Apps, Social Media, etc. aufgegriffen und deren feministisches Potenzial beleuchten. Dabei wird von den Studierenden Technik nicht nur kritisch analysiert, sondern auch selbst aktiv angewendet und Podcasts produziert.