Wissenschaft – Politik – Akteur*innen: Die Open-Access-Transformation nachhaltig gestalten

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26. Oktober 2022, 14h00

Die Wissenschaftspolitik spielt eine wichtige Rolle für das erfolgreiche Gelingen einer Open-Access-Transformation. Neben der Verabschiedung von Open-Access-Strategien auf Landesebene ist die Einrichtung von landesspezifischen Open-Access-Initiativen ein vielversprechender Ansatz. Diese Initiativen unterstützen die jeweilige Wissenschaftslandschaft und insbesondere die Hochschulen der Länder mit Expertise, Impulsen und Infrastrukturen. Die Vernetzungsstellen können als Intermediär zielorientiert auf agile Entwicklungen reagieren und eine Open-Access-Praxis ermöglichen, die alle Interessen ausgewogen berücksichtigt. 

Die Bundesländer Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen verfolgen gerade diesen Weg. In der Veranstaltung werden die Motivation, die Konzepte und die Aktivitäten der jeweiligen Initiativen präsentiert. Anschließend diskutieren wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Best-Practices und Desiderate vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Initiativen und der Teilnehmenden.

Dies ist eine gemeinsame Veranstaltung der Landesinitiative openaccess.nrw, dem Open-Access-Büro Berlin (OABB) und der Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg (VuK) im Rahmen der Internationalen Open Access Woche 2022. Den Zugangslink erhalten Sie nach einer Registrierung über Webex.

Open Access in Deutschland. Stakeholder Workshop mit Bund und Ländern

Im Mittelpunkt des dritten Stakeholder-Workshops des Projektes Open4DE standen die Herausforderungen und Chancen der Umsetzung von Open Access aus Perspektive der Landesregierungen und des Bundes.

Am 26. Juni 2022 fand in den Räumen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) in Berlin ein Workshop statt, in dem Vertreter*innen der 16 Bundesländer eingeladen waren, sich mit Vertreter*innen des BMBF über gemeinsame Standpunkte zu Open Access auszutauschen. Treffen dieser Art sind nicht neu; bereits seit 2019 findet ein Austausch in dieser Runde statt. Dieses Jahr konnte das Projekt Open4DE gemeinsam mit dem BMBF diesen Workshop in Präsenz organisieren und die Diskussion zum Status Quo in Deutschland mit ersten Projektergebnissen anreichern.

In zwei Vorträgen stellten Projektmitarbeiter*innen Forschungsergebnisse vor. Der Fokus lag dabei auf der Frage, was Deutschland in Hinblick auf eine nationale Open-Access-Strategie von anderen Ländern lernen kann und darauf, welcher Handlungsbedarf sich konkret auf Landes- und Bundesebene erkennen lässt. Am Nachmittag wurden gezielt gemeinsame Standpunkte diskutiert. Dazu wurden in zwei weiteren Impulsvorträgen die “Empfehlungen zur Transformation des wissenschaftlichen Publizierens zu Open Access” vom Wissenschaftsrat und das DFG Positionspapier “Wissenschaftliches Publizieren als Grundlage und Gestaltungsfeld der Wissenschaftsbewertung” vorgestellt.

Was kann Deutschland von anderen Ländern lernen?

Die Forschungsergebnisse basieren auf Interviews, die von Januar bis Mai 2022 zu Policy-Prozessen in acht verschiedenen Ländern mit Expert*innen durchgeführt wurden. Dabei wurden Fragen zum gesamten Policy-Prozess gestellt, angefangen von den Rahmenbedingungen über die institutionelle Verankerung, Kooperationen und Konflikte zwischen den Akteursgruppen bis hin zur Strategieentwicklung selbst, die mit Fragen zu Beteiligungsprozessen und der Funktionsweise von Arbeitsgruppen zur Entwicklung von Open Access Policies näher beleuchtet wurde. Bei der Auswahl der Länder (Finnland, Schweden, Litauen, Irland, Niederlande, Großbritannien, Frankreich, Österreich) wurde auf das Vorhandensein strategischer Abläufe geachtet, entweder in Form von nationalen Strategien oder in Form bestehender Diskussionen über eine nationale Strategie. Aus den Interviews ließen sich übergeordnete Themen extrahieren: Vorteile nationaler Strategien, Erkenntnisse zur Steuerung von Strategieprozessen und schließlich Herausforderungen und Zukunftsthemen.

Die Vorteile einer nationalen Strategie sind vielseitig und zeigen sich je nach Kontext auf unterschiedliche Weise. Für das föderal aufgestellte Deutschland stellt sich deshalb zurecht die Frage, welche Rolle eine nationale Strategie hier spielen kann. Am Beispiel anderer Länder sehen wir allerdings, dass unabhängig von den Rahmenbedingungen das Agenda-Setting bereits weitreichende Impulse gibt, die nicht nur auf Ebene der Institutionen, sondern auch bei Wissenschaftler*innen Aufmerksamkeit erregen. Zudem können mit einer nationalen Strategie Aktivitäten, die zahlreich, aber auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sind, synchronisiert werden. Neben der Aufwertung des Themas wird auch die internationale Sichtbarkeit und Zusammenarbeit durch eine nationale Strategie gestärkt. Wichtig ist hierbei, dass die Wirksamkeit einer solchen Strategie immer nur im Zusammenwirken mit entsprechenden Maßnahmen Legitimation erfährt. In Bezug auf die nationale Strategieentwicklung in Frankreich erwähnte Pierre Mounier im Interview:

„Viele Jahre lang war Open Access eine Sache des persönlichen Engagements von Einzelpersonen innerhalb von Institutionen. Persönliches Engagement auf der Grundlage politischer Werte. Wenn man das tut, funktioniert es lokal, aber irgendwann erreicht man eine gläserne Decke. Man bekommt keine allgemeine Bewegung, weil es nur eine Sache von Einzelpersonen ist. Das hat sich in Frankreich wirklich geändert.“

Pierre Mounier, Deputy Director of OpenEdition; OPERAS; Member of the Open Science Committee at the French Ministry of Research, Frankreich

In Frankreich, das bereits den zweiten nationalen Open Science Plan veröffentlicht hat, ist die Steuerung dieser Prozesse am Ministerium für Wissenschaft und Forschung angegliedert. Dies ist jedoch nicht in allen Ländern der Fall. Dort, wo es nationale Infrastrukturen gibt, werden diese auch genutzt: In Irland wurde beispielsweise ein National Open Research Forum (NORF) gegründet, dessen Koordinator am Digital Repository of Irland angesiedelt ist und in Schweden sitzt das Lenkungsgremium an der Nationalbibliothek. Finnland stellt wiederum einen interessanten Sonderfall dar, denn dort wurde die nationale Steuerung von Open Science and Research (OScAR) vom Ministerium an die Federation of Finnish Learned Societies übertragen, was die Legitimität der Maßnahmen und Empfehlungen zunehmend erhöht hat.

Es lässt sich zusammenfassen, dass insbesondere die Herausforderung, möglichst Viele am Steuerungsprozess zu beteiligen, vielfältige Lösungsansätze benötigt. Ob durch offene Foren und Arbeitsgruppen, offene Phasen der Konsultation, über Anreizsysteme oder eine Konsultation über die Fachvertretungen: sowohl die große Heterogenität der Fächer und Fachkulturen als auch die Stärken und Schwächen unterschiedlicher Akteur*innen beim Thema Open Access bergen das Risiko in sich, dass ein nationaler Prozess ins Stocken gerät oder parallel laufende Entwicklungen auseinanderdriften. Deshalb gilt es aus einem Kreislauf herauszukommen, in dem die Verantwortung für den notwendigen Kulturwandel zugunsten der Open-Access-Transformation immer wieder bei den Wissenschaftler*innen gesucht wird, ohne einen nationalen Prozess der Teilhabe zu entwickeln, der eine politische Steuerung eben dieses Kulturwandels ermöglicht. Dabei sind es insbesondere Themen wie die Erweiterung von Open Access zu Open Science, offene Forschungsdaten und die Reform der Forschungsbewertung, die nur durch einen breit angelegten Prozess der Konsultation zielführend bearbeitet werden können.

Wo besteht Handlungsbedarf innerhalb der Open-Access-Landschaft in Deutschland?

Nationale Strategien sind also effektiv, erleichtern das Agenda-Setting und den internationalen Vergleich, bilden einen starken Bezugspunkt und ein Mandat für Maßnahmen auf Einrichtungsebene und erleichtern die internationale Zusammenarbeit. Was können Interessenvertretungen wie Bund und Länder zum Prozess der Entwicklung einer nationalen Strategie beitragen und was haben sie bereits beigetragen? Auch diese Frage wurde im Projekt Open4DE untersucht. Die Ergebnisse basieren auf einer Auswertung von Strategien und Policies von Einrichtungen, Wissenschaftsorganisationen, Landesregierungen und Fachgesellschaften sowie auf der Auswertung des Open Access Atlas Deutschland (2022), der im Projekt open-access.network am Open-Access-Büro Berlin entstanden ist. Dabei wurde für diesen Workshop der Fokus auf die Landesregierung als Akteurin in der Open-Access-Transformation gelegt und auf die Verantwortung, die dieser in den Dokumenten zugeschrieben wird.

Der Open Access Atlas Deustchland (2022) verzeichnet die Open-Access-Aktivitäten auf Bundes- und Länderebene. Es lässt sich feststellen, dass Open Access je nach Bundesland einen unterschiedlichen Entwicklungsstand erreicht hat. Bund und einige Länder haben Strategien verabschiedet oder planen diese, andere unterstützen Open Access durch Instrumente der Hochschulsteuerung wie in Wissenschafts- bzw. Hochschulentwicklungsplänen oder sie benennen Open Access als Handlungsfeld innerhalb von Digitalstrategien. Gezielte Maßnahmen reichen dabei von eigenen Landeseinrichtungen zur Vernetzung und Kommunikation über die Finanzierung von Publikationsfonds bis hin zu spezifischen Förderlinien. Hierbei zeigt sich nicht nur eine große Vielfalt, sondern es stellt sich auch die Frage, wie der “langfristige[…] Betrieb von Diensten über Bundesländergrenzen hinweg” gestaltet werden kann (DFG. 2018. Förderung von Informationsinfrastrukturen für die Wissenschaft). Diskutiert wurde die Frage auch im Workshop, denn zentrale Lösungen für bestimmte Herausforderungen zu finden, kann für eine breit aufgestellte und divers ausgerichtete Open-Access-Transformation von Vorteil sein.

Konkrete Aufgabe der Länder ist es, die Rahmenbedingungen für eine Open-Access-Transformation mitzugestalten. Zu diesen Rahmenbedingungen können unterschiedliche Maßnahmen gezählt werden. Im Projekt Open4DE konnten neben Infrastruktur, rechtlichen Rahmenbedingungen und Forschungsförderung sechs weitere Felder identifiziert werden.

  • Dazu gehört einmal die Verantwortung der Ministerien, selbst eine Open-Access-Praxis vorzuleben, denn häufig werden von Ministerien herausgegebene Dokumente ohne persistente Identifikatoren wie DOIs oder stabile URLs publiziert. Das Handlungsfeld offener Verwaltungsdaten (open (government) data) ist viel diskutiert, dabei sollte das Open-Access-Publizieren von Eigenpublikationen ebenso auf die Agenda gesetzt werden, sofern rechtliche Rahmenbedingungen dies zulassen.
  • Zum zweiten liegt die Verantwortung, den Mehrwert von Open Access für die Gesellschaft zu kommunizieren, auch im Bereich der Landeseinrichtungen. Häufig werden die Vorteile, die durch Open Access erzielt werden, auf Wettbewerbsfähigkeit und Innovation beschränkt, insbesondere wenn ein Mehrwert im Austausch mit der Wirtschaft gesucht wird. Dabei gilt es den Blick für Gerechtigkeitsfragen zu weiten und diese auch im globalen Zusammenhang zu verorten. Gerechtigkeitsfragen können im Bedeutungsfeld Open Access bspw. über einen demokratisierten Informationszugriff adressiert werden, der einen Mehrwert für die Gesamtgesellschaft generiert.
  • Drittens ist die Gestaltung der Teilhabe an wissenschaftspolitischen Prozessen eine der Aufgaben, an der Landeseinrichtungen maßgeblich mitwirken können. Die Zugänglichkeit von Forschung wird häufig auf Institutionen und deren Angehörige beschränkt, sollte aber für alle möglich sein, d.h. für Autor*innen und alle lesenden Personen. Zudem ist die Repräsentation von Wissenschaftler*innen ein Problem im Prozess der Konsolidierung von übergeordneten Strategien, d.h. es wird häufig für die wissenschaftliche Community gesprochen, aber diese ist kaum in Strategieprozessen repräsentiert.
  • Das Umsetzen von Empfehlungen ist dabei eine der Hauptaufgaben, denen Landeseinrichtungen nachkommen, bspw. indem Strategien und Policies auf Länderebene veröffentlicht werden. Diese Dokumente sind Ergebnisse eines zeitgebundenen Diskurses und bedürfen damit einer Aktualisierung. Policy-Prozesse sollten zu Ergebnissen führen, die dauerhafte Möglichkeiten der Beteiligung und Konsolidierung eröffnen.
  • Ein wichtiges Instrument, um den Erfolg von Open Access zu messen, sind die Berichtsstrukturen. Monitoring findet in einigen Ländern auf Länderebene statt, auf nationaler Ebene durch den Open Access Monitor (OAM) und an einzelnen Einrichtungen. Ziel ist es, das Publikationsaufkommen vollständig zu erheben. Das Problem ist hier allerdings häufig eine Verengung auf wissenschaftliche Artikel in Open-Access-Zeitschriften, die wiederum zu einer Verzerrung des Feldes führt. Eine Diversifizierung der Berichtsstrukturen auf verschiedene Publikationsformate und -praktiken bedarf weiterer Entwicklung und Implementierung.
  • Zuletzt liegt auch der Kulturwandel zugunsten von Open Access teilweise im Aufgabenfeld der Landeseinrichtungen, denn die Reputationsökonomie ist wichtiger Bestandteil dieses Kulturwandels und eine Veränderung bedarf einer systemischen Reform. Wie zuletzt durch das DFG-Positionspapier zu wissenschaftlichem Publizieren erläutert, geht es dabei um eine Veränderung der Qualitätssicherung, die nicht bloß auf einer Quantifizierung beruhen kann. Um qualitative Indikatoren für die Reputationsmessung zu stärken, kann ein Kriterienkatalog für die Bewertung von Forschungsarbeiten und Forscher*innen entwickelt werden, der vielfältig, objektivierbar und offen zugänglich ist und explizit Aspekte offener Wissenschaft einbezieht. Dieser muss zwar innerhalb der Wissenschaft entwickelt werden, eine Unterstützung dieses Kulturwandels muss jedoch auch durch Policy-Prozesse auf Landesebene geschehen. Hierzu gibt es bereits reichlich Empfehlungen, die auf eine Umsetzung warten, zuletzt die “Council conclusions on research assessment and implementation of open science” vom Rat der Europäischen Union (Juni 2022), das „Agreement on Reforming Research Assessment“ (Juli 2022) von der European University Alliance (EUA), Science Europe und der Europäischen Kommission sowie der zuvor publizierte “Paris Call on Research Assessment” vom French Open Science Committee (Februar 2022).

Ausblick: Eine nationale Open-Access-Strategie für Deutschland

Eine Diskussion über diese Themenfelder wurde bereits in den vorherigen Austauschrunden zwischen Bund und Ländern zu Open Access geführt. Dieser Workshop konnte dazu beitragen, die Rollen und Handlungsfelder der Stakeholder in diesem Prozess zu reflektieren und die Open-Access-Landschaft in Deutschland in ein internationales Verhältnis zu setzen. Das Projekt Open4DE plant für Dezember 2022 einen Multi-Stakeholder-Workshop, in dessen Rahmen die Projektergebnisse in Form von Empfehlungen und einer Roadmap für eine nationale Strategie vorgeschlagen und diskutiert werden. Dabei geht es in erster Linie um eine gemeinsame Perspektive für den weiteren Strategieprozess, an dem auch die Vertreter*innen der Landeseinrichtungen und des Bundes beteiligt sein werden.

Empfehlung für eine Landesinitiative Open Research Berlin

Hintergrund: In ihrer Sitzung vom 8. Dezember 2020 begrüßte die AG Open-Access-Strategie Berlin unter der Leitung des damaligen Staatssekretärs für Wissenschaft und Forschung Steffen Krach und des leitenden Direktors der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin Dr. Andreas Brandtner, zeitnah die Entwicklung einer Berliner Landesinitiative für Open Research aufzunehmen. Diese soll auf der derzeit geltenden erfolgreichen Open-Access-Strategie für Berlin aus dem Jahr 2015 aufbauen und aus mehreren Komponenten bestehen. Die von der AG empfohlenen Komponenten fassen wir in diesem Blogpost zusammen. Wir greifen zusätzlich einige neue Entwicklungen auf.

Von der Open-Access-Strategie zu einer Landesinitiative Open Research

Die Zahl der Berliner wissenschaftlichen und kulturellen Landeseinrichtungen mit einer Open Access Policy hat seit der Verabschiedung der Berliner Open-Access-Strategie im Jahr 2015 stark zugenommen. Inzwischen haben beispielsweise zehn von vierzehn Berliner Hochschulen eine Open Access Policy verabschiedet und bieten entsprechende Infrastruktur- und Unterstützungsangebote an bzw. bauen diese auf. An den drei Universitäten wird außerdem das Forschungsdatenmanagement in Form von Policies adressiert. Diese Einrichtungen haben auch entsprechende Services und Abteilungen für das Forschungsdatenmanagement aufgebaut.

Policies, die eine offene Wissenschaft mit Bezug zum gesamten Forschungsprozess und zu den verschiedenen Handlungsfeldern von Open Science bzw. Open Research adressieren, gibt es ebenfalls bereits an Berliner Einrichtungen. Zuletzt hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine Open-Science-Erklärung verabschiedet. Beispiele für bereits veröffentlichte Policies an Berliner Einrichtungen sind:

Eine Übersicht zu Open Access Policies und weiteren Aktivitäten von Einrichtungen in Verantwortung des Landes Berlin hat das OABB hier zusammengestellt.

An allen Berliner wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen bestehen bereits Initiativen und Projekte offener Wissenschaft. Der Forschungsverbund der Berlin University Alliance, der das Ziel verfolgt, eine Forschungskultur geprägt von Qualität, Offenheit und Transparenz zu etablieren, unterstützt dieses Ziel durch verschiedene Maßnahmen und Projekte. Zu den Aktionsfeldern gehört beispielsweise die OpenX-Initiative und die Förderung von Projekten in den Themenfeldern Open Access und Forschungsdaten in Objective 5 sowie Open Science in Objective 3.

Der Ansatz der empfohlenen Landesinitiative Open Research Berlin ist nun, die offene Wissenschaft an den Wissenschafts- und Kultureinrichtungen des Landes Berlin zu stärken. Die Landesinitiative ist langfristig angelegt und soll die bestehenden Aktivitäten und Maßnahmen im Kontext von Open Research an den Berliner Einrichtungen aufnehmen, sichtbar machen und weiterentwickeln sowie die Berliner wissenschaftlichen und kulturellen Landeseinrichtungen bei den kommenden Herausforderungen unterstützen.  

Was ist Open Research?

Die Bezeichnungen Open Research und Open Science beschreiben im Sinne der Landesinitiative verschiedene Konzepte und Praktiken der wissenschaftlichen Kommunikation und Arbeitsweise, um einen offenen und nachhaltigen Zugang zu Publikationen, Forschungsdaten einschließlich Kulturdaten, wissenschaftlicher Software, Bildungsmaterialien und weiteren Forschungsergebnissen und -quellen zu erreichen. Open Research verfolgt das Ziel, öffentlich geförderte Wissenschaft, Forschung und Lehre aller Disziplinen für eine breite Öffentlichkeit finanziell, rechtlich und technisch uneingeschränkt zugänglich und nachnutzbar zu machen, die Teilhabe zu ermöglichen sowie die Transparenz der Wissenschaft und damit ihre Qualität zu verbessern. Das schließt u.a. die offene Bereitstellung der Forschungsmethoden und Workflows (Open Methodology) sowie Forschungsinformationen und offene Begutachtungsformen (Open Peer Review) ein. Um die Nachnutzbarkeit von Daten zu ermöglichen sollten die FAIR Guiding Principles for scientific data management and stewardship berücksichtigt werden.

Die Empfehlung verwendet die Bezeichnung Open Research, weil mit Open Science häufig eher naturwissenschaftliche Disziplinen verbunden werden. Eine Landesinitiative sollte aber explizit auf offene wissenschaftliche Kommunikation und Arbeitsweisen in allen Wissenschaftsdisziplinen, im Bereich von Kunst und Kultur, aber auch in wirtschaftlichen Einrichtungen (Open Innovation) ebenso wie gemeinnützigen Initiativen ausgerichtet sein.

Ziele für das Land Berlin

Für das Land Berlin sind mit einer Stärkung und Weiterentwicklung von offener Wissenschaft und Kultur die folgenden Zielstellungen verknüpft:

Offene Wissenschaft ist die Wissenschaft der Zukunft. Die drängende Notwendigkeit der effizienten Bewältigung globaler Krisen wie der COVID- 19-Pandemie, des Klimawandels und anderer aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen, macht den Bedarf an einer in jeder Hinsicht offenen Wissenschaft deutlicher als jemals zuvor. Eine solche Wissenschaft ist auf offenen Informationsaustausch und Förderung des Transfers der Ergebnisse in die Gesellschaft ausgerichtet. Ihre Prinzipien sind Transparenz, Partizipation, Fairness und die Anerkennung von Diversität. Die Wissenschaftspolitik ist jetzt gefordert, die Weichen in Richtung einer zügigen Entwicklung von Open Research zu stellen: regional, national und international.

Offene Wissenschaft stärkt den Wissenschaftsstandort Berlin. Die Berliner Wissenschafts- und Forschungslandschaft besticht durch eine große Vielfalt. Ihre gleichzeitige Heterogenität und Exzellenz bilden eine ideale Ausgangslage zur Entwicklung einer Open-Research-Strategie, die eine Open-Research-Infrastruktur einrichten muss, die den Wissenschaftsstandort Berlin langfristig und nachhaltig stärkt und die Anschlussfähigkeit an internationale Entwicklungen sichert.

Die Landesinitiative Open Research Berlin forciert die langfristige Kooperation. Sie ist als gemeinsame Initiative des Landes Berlin für die in der in Verantwortung des Landes stehenden Wissenschafts- und Kultureinrichtungen, der Berlin University Alliance und des Verbunds der Berlin Research 50 für die außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie die Bundeseinrichtungen und die Einrichtungen des kulturellen Erbes angelegt. Die Landesinitiative folgt damit dem Leitgedanken: Open Research für mehr Transparenz, Forschungsqualität und Partizipation.

Empfehlungen der AG Open-Access-Strategie Berlin

– Rahmenbedingungen

Open-Research-Strategie 2022–2026: Für das Land Berlin sollte eine Open-Research-Strategie für die Jahre 2022–2026 entwickelt werden. Die Verständigung über den Begriff, die Handlungsfelder, Grundprinzipien und Werte sollte im Zuge des partizipativen und transparenten Entwicklungsprozesses der Strategie im Dialog mit den Forschenden an den Berliner wissenschaftlichen und kulturellen Landeseinrichtungen stattfinden.

Verankerung von Open Research im BerlHG (bereits umgesetzt): In das BerlHG sollte Open Research als Zielstellung und darüber hinaus in Form von Unterstützungsangebote, wie z.B. eine Incentivierung von Open-Research-Aktivitäten insbesondere in Berufungsverfahren, Repositorien, Open-Access-Publikationsfonds und Beratungsangebote für die Open-Research- Handlungsfelder, aufgenommen werden.

– Infrastruktur, Beratung und Servives

Dezentrale Beratungsservices: An den Hochschulen sollten bezogen auf die Handlungsfelder von Open Research dezentrale Beratungsservices einschließlich der Maßnahmen zum Kompetenzaufbau in der Lehre und Weiterbildung durch die Hochschulen sowie Qualifizierungsmaßnahmen für Forschende, Lehrende, Verwaltung und Serviceeinrichtungen auf- und ausgebaut werden.

Zentrale Clearing-Stelle für die Rechtsberatung: Es sollte eine zentrale Clearing-Stelle für die Rechtsberatung bei der öffentlichen Dokumentation und Verbreitung wissenschaftlicher Arbeitsschritte und Forschungs(teil)ergebnisse im internationalen Kontext (insbesondere urheberrechtliche, datenschutzrechtliche und informationsethische Beratung) aufgebaut werden. Wichtige Voraussetzungen für die Etablierung einer solchen Clearing-Stelle sind die dauerhafte Finanzierung und die Abstimmung
u.a. mit dem im Rahmen der Berlin University Alliance aufzubauenden Center for Open and Responsible Research (CORe).

Landesmaßnahme Forschungsdatenmanagement: In Anlehnung an Initiativen anderer Bundesländer sollte eine zentrale langfristige Dateninfrastruktur und -servicelösung für die Speicherung und Verfügbarmachung von Forschungsdaten und weiteren Forschungsmaterialien im Rahmen einer Landesmaßnahme zum Forschungsdatenmanagement entwickelt werden. Wie bereits in der Open-Access-Strategie von 2015 dargestellt wurde, befinden sich die Konzepte für eine Langzeitarchivierung in einer dynamischen Entwicklung und der Betrieb entsprechender Infrastrukturen übersteigt die Kapazitäten der einzelnen Institutionen, so dass hier zentrale oder kooperativ betriebene Services sinnvoll sind.

– Finanzierung im Rahmen der Hochschulverträge

Koordinierungsstelle Open Research Berlin als Weiterentwicklung des Open-Access-Büro Berlin: Das Land Berlin sollte eine langfristig angelegte Koordinierungsstelle Open Research aufbauen, die aus dem bestehenden Open-Access-Büro Berlin weiterentwickelt wird. Diese Koordinierungsstelle sollte auf eine enge Kooperation mit den Open-Research-Maßnahmen der Berlin University Alliance und dem Verbund Berlin Research 50 angelegt sein.

Zielvereinbarung und Finanzausstattung in den Hochschulverträgen: Umfassende Maßnahmen und Unterstützungsangebote zu Open Access und Open Research an den Hochschulen sowie die Koordinierungsstelle Open Research Berlin sollten jenseits von Tarif-, Besoldungs- und sonstigen Kostensteigerungen als echte Zusatzfinanzierung in die Hochschulverträge aufgenommen werden.

Bereitstellung von Mitteln für die Open-Access-Transformation: Es sollten sowohl Mittel für die Finanzierung der Transformation von subskriptions- auf publikationsbasierte Modelle als auch Mittel für die Finanzierung von alternativen Modellen und Publikationsformaten (z.B. konsortiale Modelle, scholarled publishing) bereitgestellt werden.

Bereitstellung von Mitteln für die Open-Research-Transformation: Um neben Text-Publikationen weitere Handlungsfelder von Open Research zu unterstützen, sollten z.B. Fördermaßnahmen auf Wettbewerbsbasis zur Transformation vorhandener Wissenschaftspraxen und Entwicklung neuer Open-Research-Praxen (Bereitstellung von Open Research Data, Werkzeuge, Labs, Methoden, Kommunikationsmittel) auf Basis von Open-Source-Infrastruktur und in Kooperation mit not-for-profit-Organisationen entwickelt werden. Die offene Bereitstellung von Bildungsmaterialien (nach der Definition von Open Educational Resources, OER) an den Berliner Hochschulen könnte als ein weiteres Handlungsfeld von Open Research unterstützt werden.

Fortsetzung der Digitalisierung von Objekten des kulturellen Erbes im
Kultur- und Wissenschaftsbereich
: In der Berliner Open-Access-Strategie von 2015 wurde angeregt, dass über die Digitalisierung kultureller Objekte und Sammlungen hinaus auch für die Digitalisierung alter, wertvoller und wissenschaftsrelevanter Archiv- und Literaturbestände der Berliner wissenschaftlichen Einrichtungen, Bibliotheken und Archive ressortübergreifend zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt werden sollten.

Die Mittel, die für den Kulturbereich im Rahmen der Fördermaßnahme Digitalisierung von Objekten des kulturellen Erbes durch den Senat für Kultur und Europa bereitgestellt werden, sind im Jahr 2018 verstetigt worden. In gleichem Maße sollten basierend auf wettbewerblicher Förderung von Projekten und zentraler Koordinierung und Unterstützung durch das Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung (digiS) Mittel für die Digitalisierung von Objekten wissenschaftlicher Sammlungen durch den Senat für Wissenschaft und Forschung (jetzt: Senat für Gesundheit, Wissenschaft, Pflege und Gleichstellung) bereitgestellt werden. Maßgabe für Digitalisierungsprojekte sollten die Grundprinzipien von Open Research sein.

Das Begleitprojekt Berlin Open Research and Culture

Die Empfehlung wird durch das von der Berlin University Alliance finanzierte Projekt Berlin Open Research and Culture des Open-Access-Büros begleitet. In Rahmen dieses Projekts wurden in 2020 eine Befragung unter Berliner Forscher*innen und im Open-Research-Umfeld aktiven Menschen durchgeführt. Die Konsultation hat wissenschaftliche und kulturelle Landeseinrichtungen in Berlin zu wichtigen Handlungsfeldern, zu bestehenden und geplanten Aktivitäten und zu den Werten und Prinzipien von Offenheit in der Wissenschaft befragt. In einer anschließenden Interviewstudie in 2021 wurden ausgewählte Berliner Kulturerbeinstitutionen zu strategischen Positionen sowie zu Maßnahmen und ihren Bedarfen hinsichtlich Open Access und Open Research befragt. Die Ergebnisse der Gespräche werden im Rahmen des Workshops Berlin Open GLAM: Open-Access-Praktiken in Berlins Kulturerbeinstitutionen am 26. April 2022 geteilt.

Kontakt

Für Rückfragen steht das Open-Access-Büro Berlin gerne zur Verfügung.

Referenzen

Kindling, Neufend, Stiller, Trkulja, Kobialka, Wenninger (2021) Open-Access-Landesstrategien und der Weg zur offenen Wissenschaft – Möglichkeiten und Herausforderungen am Beispiel Berlin. DOI: https://doi.org/10.5281/zenodo.5535754

Kindling, Neufend, Stiller, Trkulja (2021) Ergebnisbericht Online-Konsultation Berlin Open Research. DOI: https://doi.org/10.5281/zenodo.4558710

Mit Volldampf voraus in Richtung „Openness“: Kompetenzen und Infrastrukturen mit Perspektiven

Podiumsdiskussion

Freitag, 25. März 2022, 14-15.30

Anmeldung

Eine Veranstaltung in der Reihe: Quo vadis offene Wissenschaft? Eine virtuelle Open Access Woche für Berlin-Brandenburg.

Wissenschaftspolitische Strategien auf nationaler und europäischer Ebene fordern seit Jahren, das „Prinzip Offenheit“ in der Wissenschaft zu verankern. In diesem Prozess braucht es nicht nur die oft geforderten digitalen Infrastrukturen und angepassten Governance- und Finanzierungsmodelle. Auch die Kompetenzprofile des wissenschaftsunterstützenden Personals – fachliche, methodische wie soziale Kompetenzen – müssen sich verändern. Dies gilt besonders für Bibliotheken und ist für diese Herausforderung und Chance zugleich. Ob Digital Humanities oder neue Publikationsformate wie „ausführbare“ Publikationen, digitale Langzeitarchivierung oder die Umsetzung der FAIR-Prinzipien, die Unterstützung der Arbeit mit Forschungsdaten und -software oder der Einsatz von Forschungsinformationssystemen, in allen diesen Themenfeldern sind Aspekte der offenen Wissenschaft (Open Research) präsent. Zugleich erheben Bibliotheken aufgrund ihres Selbstverständnisses den Anspruch, hier als Partnerin aufzutreten und die Diskurse entscheidend mitzuprägen. Dies erscheint auch vor dem Hintergrund bedeutsam, dass kommerzielle Akteur*innen in diesen Feldern neue Märkte für sich erschließen.

Für das Personal selbst bieten sich damit vielfältige Entwicklungsoptionen, etwa in den Bereichen Datenkompetenz (data literacy), Projektmanagement oder Strategieentwicklung. Somit erscheinen Bibliotheken zunehmend als spannende Stationen in der beruflichen Qualifizierung, auch für den Quereinstieg.

Der Raum Berlin/Brandenburg mit seinen beiden wissenschaftlichen Ausbildungseinrichtungen – dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI) der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Fachbereich Informationswissenschaft der Fachhochschule Potsdam – und einer Vielzahl verschiedenster Bibliotheken als Ausbildungs- wie auch Beschäftigungsorte spielt für die Entwicklung des bibliothekarischen und informationswissenschaftlichen Personals eine zentrale Rolle.  

Wir möchten auf diesem Podium mit Vertreter*innen der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Lehre, von Bibliotheken und der Wissenschaftspolitik folgende Aspekte diskutieren:

  • Sind Ausbildungs- und Studiengangs-Curricula ausreichend darauf angelegt, dem Wissensstand stetig und sogar vorausschauend angepasst werden zu können?
  • Bieten die institutionellen Rahmenbedingungen genug Flexibilität für die rasche Entwicklung neuer Tätigkeitsfelder?
  • Sind die Bibliotheken in der Lage, im Bereich Personal- und Organisationsentwicklung notwendige Maßnahmen umzusetzen?
  • Wie können sich Bibliotheken aufstellen, um ihre Rolle als Mittlerin zwischen Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen zu stärken, etwa durch Engagement in den Feldern Citizen Science, OpenGLAM oder kollaborativer Wissensgenerierung und -verknüpfung (z.B. Wikidata)?
  • Wie kann die Hochschulpolitik den Wandel praktisch unterstützen und dabei für gute Arbeitsbedingungen sorgen?

Diese und andere Fragen diskutieren gemeinsam

Elisa Herrmann

Abteilungsleitung Informationsbeschaffung und Informationsmanagement

Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Biodiversität

Prof. Dr. Ariane Jeßulat

Erste Vizepräsidentin der Universität der Künste

Prof. Dr. Antje Michel

Professorin für Informationsdidaktik und Wissenstransfer an der Fachhochschule Potsdam

Prof. Vivien Petras, PhD

Professorin für Information Retrieval an der Humboldt-Universität zu Berlin

Dr. Jan-Hauke Plaßmann

Referent in der Abteilung Wissenschaft und Forschung des Brandenburgischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung

Moderiert wird die Veranstaltung von

Dr. Frank Seeliger

Hochschulbibliothek der TH Wildau

Um eine Anmeldung zur Veranstaltung wird gebeten.