Berlin Open GLAM – Quo Vadis Landesinitiative?

Der Online-Workshop Berlin Open GLAM: Open-Access-Praktiken in Berlins Kulturerbeinstitutionen brachte Vertreter*innen von Berliner Kulturerbeeinrichtungen und Professionelle aus dem überregionalem Open GLAM-Bereich zusammen. Der Workshop wurde in Kooperation mit dem Open-Access-Büro Berlin und dem Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin (digiS) ausgerichtet, um die Ergebnisse einer Interviewstudie vorzustellen und zu diskutieren. Im Rahmen des von der Berlin University Alliance (BUA) geförderten Projektes „Berlin Open Research and Culture (2020-2022)“ befragten die Kolleginnen Violeta Trkulja und Juliane Stiller von You, We & Digital im Herbst 2021 ausgewählte Berliner Kulturerbeeinrichtungen zu ihren Open-Access-Praktiken. Die Ergebnisse präsentierten sie zu Beginn des Workshops. Der gemeinsam mit dem Open-Access-Büro Berlin erstellte Bericht zu den Ergebnissen wurde nun veröffentlicht und ist hier nachzulesen.

Im Jahr 2020 brachte die AG Open-Access-Strategie Berlin die Empfehlung einer Landesinitiative Open Research Berlin auf den Weg. Im Workshop hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit ihre Kooperationsbedarfe und -potentiale zum Bereich Open Research einzubringen. Orientiert an den Schwerpunkten der Studie fand ein Austausch an virtuellen Gruppentischen zu den Themen Rechtsfragen, Nachhaltigkeit, Kooperation und Standardisierung statt. Eigene Erfahrungen, formulierte Ziele der Einrichtungen oder die daraus resultierenden Herausforderungen wurden gemeinsam adressiert.
Nachfolgend werden die wichtigsten Takeaways aus den einzelnen Diskussionsgruppen vorgestellt.  

Rechtsfragen

Neben den zentralen Herausforderungen insbesondere zur Wahl angemessener Creative-Commons-Lizenzen für Objektdigitalisate traten die Teilnehmenden in eine wissenschaftsethische Auseinandersetzung über die Formen und Grenzen wissenschaftlicher Arbeit und der Objektdigitalisierung ein. Wo Dokumente personenbezogene Daten und Kontextualisierungen sichtbar machen oder personenbezogene Zeugnisse bestehen, ist zu beleuchten, inwieweit Elemente ihrer Biografie ohne eine ausdrückliche entsprechende Zustimmung unter entsprechenden freien Lizenzen für eine Nachnutzung bereitgestellt werden können und sollten.
Neben dem formalisierten Rechtsrahmen wirken bei Kulturgütern oft Anforderungen, die weniger formaljuristisch als wissenschaftsethisch zu adressieren wären. Bereits die Kontextualisierung in den analogen Sammlungen und Ausstellungen sei häufig eine Herausforderung. Zur Offenheit müsse daher, so eine Perspektive, wenigstens die Bedingung in Form einer kompletten transparenten Dokumentation der Provenienzlinien, der Objektgeschichte sowie der digitalen Objektifizierungsprozesse erfüllt sein.
Es bleibt zu hinterfragen, inwieweit gerade westliche und postkoloniale Wissenspraxen auf die kulturellen Anforderungen und Besonderheiten der entsprechenden Kulturen Rücksicht nähmen und im Zweifel einen Forschungsverzicht akzeptieren müssten. Eine Orientierung können die sogenannten CARE Principles for Indigenous Data Governance bieten, die als Ergänzung zu den FAIR Guiding Principles for scientific data management and stewardship dienen. Ob sie in allen Anwendungskontexten wirklich zu Lösungen führen können, bleibt offen. Die Anerkennung kultureller Spezifität steht einer Schematisierung und Verallgemeinerung entgegen. Im Zweifel bleibe die individuelle Bewertung des jeweiligen Kontextes, Objektes und eine entsprechende Abschätzung möglicher Folgen einer Bereitstellung zentral.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit von Beginn an mitdenken – so lautete das Credo der Diskussionsgruppe. Der Projektcharakter vieler Aktivitäten im GLAM-Bereich bringt entsprechende Herausforderungen mit sich. Dazu gehört, dass der langfristige Kompetenzaufbau an den Einrichtungen erschwert wird und viel Wert auf Wissensmanagement und -transfer gelegt werden muss, um in Projekten aufgebautes Wissen nachhaltig zu sichern – insbesondere wenn viel Personalwechsel stattfindet oder Projekte abgeschlossen werden. Sowohl Wissensmanagement als auch Strategien zum nachhaltigen Aufbau von Services und Infrastruktur sowie langfristige Verfügbarkeit sind zentrale Aspekte, die von Projektbeginn an mitgedacht werden sollten. Diese Punkte sollten auch in einer Landesinitiative Berücksichtigung finden. Eine zentrale Lösung für die Langzeitarchivierung von Forschungsdaten gerade für kleinere Einrichtungen ohne eigene Angebote wird in der Empfehlung bereits adressiert und sollte für Objekte aus den Kulturerebeeinrichtungen spezifiziert werden. Darüber hinaus besteht der Wunsch nach einer Erfassung bereits vorhandener Initiativen und Projekte insbesondere im Berliner Raum, um vorhandene Lösungen nachnutzen zu können bzw. darauf aufzubauen. Ein solches „Open GLAM Mapping“ könnte auch im Rahmen einer Landesinitiative aufgenommen werden. Konkret wurde in diesem Zusammenhang auch über eine Form der transparenten und offen verfügbaren Projektdokumentation diskutiert.  

Kooperation

Die Auswertung der Interviewstudie zeigt den Bedarf nach mehr Kooperation in verschiedenen Bereichen, die auch nochmal von den Diskutant*innen in der Break-out-Session genannt wurden: technische Infrastruktur(en), Rechtsexpertise, Informationsmanagement. Wichtig seien nicht nur “shared resources” in vielen einzelnen Teilbereichen, sondern auch gemeinsame Nutzung von Strukturen und der Austausch von Good-Practice-Beispielen. Besondere Relevanz wurde einem gemeinsamen Pool an Ansprechpersonen zugesprochen, mit denen man sich vernetzen kann und die bei Fragen weiterhelfen und vermitteln können.
Inwiefern kann jedoch ein kooperatives Handeln zwischen Universitäten/Hochschulen und OpenGLAM-Einrichtungen ausgestaltet werden? Hier wurde der Wunsch nach einem gemeinsamen Verständnis von Open Access genannt, das man erarbeiten sollte. Nützlich dafür ist der Ausbau eines Netzwerks, Fortbildungsangebote zum Thema oder eine gemeinsam genutzte Arbeitsgrundlage, bspw. in Form eines Wiki. Weiterhin könnten in Kooperationen zwischen Hochschulen und OpenGLAM-Einrichtungen Studierende und andere Hochschulangehörige mehr über die Bestände und das berufliche Umfeld im Museen lernen. Museen wiederum könnten vom Train-the-Trainer Ansatz, der in Bezug auf Open Access an Universitäten große Bedeutung hat, profitieren und somit Open Access weiter in ihre Einrichtungen tragen.

Standardisierung

Welcher Standardisierung bedarf es, um offene Kulturdaten zur Verfügung zu stellen? Diese Frage wurde von den Diskutant*innen auf zweierlei Weise beantwortet: Einerseits bedarf es der Verwendung von Standard-Datenformaten wie LIDO, EDM, EAD, Marc, RDF, und andererseits aber auch den Standards, die die Auszeichnung von Inhalten unterstützen – wie GND, ULAN, AAT oder WikiData. Damit eine Verwendung gewährleistet werden kann, sollten kontrollierte Vokabulare (z.B. Thesauri) stets auch öffentlich zugänglich sein. Bei der Frage, welche Hürden einer Standardisierung von offenen Kulturdaten entgegenstehen wurde explizit das Hinzufügen neuer Normdaten in der GND genannt.
Des Weiteren stehen der Standardisierung offener Kulturdaten auch fehlende Schnittschnellen entgegen. Hier wurden insbesondere Exportschnittstellen in Katalogsystemen und anderen Datenbanken diskutiert, die zur „einfachen“ Übergabe von Metadaten an Portale erforderlich sind. Eine weitere Hürde stellt die Infrastruktur für die Bereitstellung von Daten dar. Die lokale Verortung von Datenbanksystemen in einigen Einrichtungen als auch die knappen Personalressourcen stehen einer dezentralen On-Demand-Lösung entgegen. Aber auch für die digitale Objektpräsentation braucht es mehr Personalressourcen. Wenn die digitale Erfassung tägliche Praxis in den Museen ist, werden für die Bereitstellung und Nutzbarmachung der digitalen Objekte (Informationen, Bilder, Audio- und Videodateien) weitere finanzielle als auch personelle Ressourcen benötigt. Dieser Aspekt sollte in einer Landesinitiative ebenfalls Berücksichtigung finden.

Quo vadis Landesinititative?

Der Workshop zeigte, dass sich die Berliner Kulturerbeeinrichtungen bereits auf dem Weg zu mehr Openness befinden. Gleichzeitig besteht ein starker Wunsch nach Austausch. Eine Landesinitiative Open Research Berlin kann den Wissenstransfer zwischen allen Berliner wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen stärken. Die Etablierung eines entsprechenden Netzwerks könnte die Einrichtungen mit Fortbildungsangeboten unterstützen und Raum für den direkten Austausch ermöglichen.

Ausgehend von den CARE-Prinzipien wurde deutlich, dass neben rechtlichen auch ethische Fragen der Objektdigitalisierung in einer nachhaltigen OpenGLAM-Strategieentwicklung mitbedacht werden müssen. Eine Beratung komplementär oder ergänzend zu einer rechtlichen Clearingstelle wäre hier denkbar.

Knappe Ressourcen und unterschiedlich gelagerte Herausforderungen zeigen die gewünschten Unterstützungsangebote seitens des Landes auf, die sich auf die Punkte Kooperation, Unterstützung bei rechtlichen und ethischen Aspekten sowie Nachhaltigkeit konzentrieren. Eine Landesinitiative Open Research Berlin wird von allen Teilnehmenden begrüßt.

5 von 5: Mit Volldampf voraus in Richtung „Openness“: Kompetenzen und Infrastrukturen mit Perspektiven

Die Aufzeichnung der Veranstaltung ist bald über das TIB AV Portal verfügbar.

Von Anita Eppelin und Ben Kaden

Bericht zur Veranstaltung #5 in der Reihe: Quo vadis offene Wissenschaft? Eine virtuelle Open Access Woche für Berlin-Brandenburg.

Für das Gelingen offener Wissenschaft spielen wissenschaftsunterstützende Einrichtungen und dabei insbesondere Bibliotheken naturgemäß eine große Rolle. Wenig überraschend sind entsprechende Transformationsprozesse in diesen Einrichtungen im vollen Gange. Die Veränderungen sind grundlegend und betreffen Organisationsstrukturen ebenso wie die technische Infrastrukturen, die informellen Netzwerke gleichermaßen wie die formalen Rahmenbedingungen. 

Welche Kompetenzen brauchen also die Menschen, die in wissenschaftlichen Bibliotheken tätig sind oder sein werden? Was müssen sie wissen und können, um die im Zuge der Transformation auftretenden Veränderungen optimal und aktiv zu steuern und zu gestalten, und zwar idealerweise im Sinne von Offenheit, Transparenz und einer zunehmenden Durchlässigkeit zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik? Und was bedeutet dies für die entsprechenden Infrastrukturen?

Über diese Fragestellung diskutierten am 25.3.2022 fünf Expert*innen aus unterschiedlichen Kontexten: Elisa Herrmann vom Museum für Naturkunde Berlin, Ariane Jeßulat von der Universität der Künste Berlin, Antje Michel von der Fachhochschule Potsdam, Vivien Petras von der Humboldt-Universität zu Berlin und Jan Hauke Plaßmann vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Brandenburg. Die Veranstaltung bildete den Abschluss der fünfteiligen Reihe “Quo vadis offene Wissenschaft”. Die Moderation der virtuellen und mit 100 Teilnehmenden gut besuchten Veranstaltung übernahm diesmal Frank Seeliger von der Technischen Hochschule Wildau. Nachfolgend fassen wir einige der diskutierten Themen zusammen. 

Die Perspektive eines Forschungsmuseums

Als Leiterin der Abteilung Informationsbeschaffung und Informationsmanagement und damit auch der Bibliothek am Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung (MfN) hat Elisa Herrmann Personalverantwortung für ein circa 15-köpfiges Team. Sie betonte, dass das MfN als eines von acht Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft schon länger die Prinzipien der Offenen Wissenschaft vertritt. 

Passend zur Rolle und zum thematischem Zuschnitt des Museums liegt dabei ein zentraler Fokus auf der gesellschaftlichen Verantwortung der wissenschaftlichen Community. Das Haus trägt dem sowohl über ein starkes Engagement im Bereich Citizen Science als auch über eine erst unlängst aktualisierte Open-Access-Policy Rechnung. Um die Wirkung der Policy zu verstärken, wurde eine Koordinierungsstelle für wissenschaftliches Publizieren an der Bibliothek eingerichtet, die Wissenschaftler*innen insbesondere beim Open-Access-Publizieren unterstützt. Weiterhin gibt das MfN drei eigene Open-Access-Zeitschriften heraus. 

Besonders interessant aus der Perspektive der Kompetenzentwicklung ist, dass das MfN bei Stellenbesetzungen Wert auf Erfahrungen und Kenntnisse zu Praktiken der offenen Wissenschaft legt, und zwar durchweg für alle Stellen in dieser Abteilung. Offenheit ist hier also nicht mehr ein separat zu bearbeitendes Thema, sondern eine Querschnittsaufgabe des gesamten Teams. 

Laut Elisa Herrmann strebt das MfN an, seine Sammlungen so offen wie möglich digital und vernetzt bereitzustellen. Erst eine solche Datengrundlage ermöglicht wirklich innovative Nachnutzungen. Auch die eigene Forschung im Haus wird durch die umfassende Digitalisierung maßgeblich unterstützt. 

In Hinblick auf die allgemeine, außerakademische Öffentlichkeit nutzt das MfN seine Datenbestände und Digitalisierungsaktivitäten, um ein Bewusstsein über die Arbeitsweisen der Wissenschaft zu erzeugen und um Diskurse zur Zukunft des Planeten anzustoßen. Dabei zeigen sich themenspezifisch auch Grenzen der Offenheit, etwa bei Objekten aus kolonialen Kontexten oder im Hinblick auf den Artenschutz. Erstere brauchen Sensibilität und Einordnung, zweitere müssen so beschaffen sein, dass sie zwar informieren, aber keine negativen Effekte beispielsweise durch die Offenlegung von Geodaten besonders schützenswerter Habitate und Fundstellen herbeiführen. Hier ist ein, wenn man so will, informationsethisches Austarieren zwischen größtmöglicher Offenheit und dem verantwortungsvollen Umgang mit diesen schützenswerten Interessen vonnöten. Die Richtlinie des Museums zur Massendigitalisierung orientiert sich daher am Nagoya-Protokoll

Die Perspektive der Kunst

Die erste Vizepräsidentin und Open-Access-Beauftragte der Universität der Künste (UdK), Ariane Jeßulat, betonte die Bedeutung von offener Wissenschaft für die Künste und die künstlerische Lehre. An der UdK sind sich Hochschulleitung und Bibliothek dahingehend einig. Für die Community in den Künsten entstehen durch Offenheit und Open Access bedeutende neue Möglichkeiten. Zugleich muss die Transformation zu Open Access jedoch gut kommuniziert werden. So ist nicht allen bewusst, dass Open Access kein “nice to have”, sondern einen grundlegenden Paradigmenwechsel darstellt. 

Hinsichtlich der Kompetenzanforderungen kommt es auf eine entsprechende Vermittlungsfähigkeit zwischen den unterschiedlichen Akteur*innen an, also auf eine hohe Kommunikationskompetenz. Dazu gehört im Fall der UdK auch ein besonderes Verständnis für das Material, dessen Komplexität sich oft von den klassischen wissenschaftlichen Publikationen anderer Disziplinen durch eine Verknüpfung von Material mit unterschiedlichem Schutzstatus und hoher Verknüpfung und Multimodalität auszeichnet. Die rechtlichen Fragen sind daher eine zentrale Herausforderung. Entsprechend sind urheber- und medienrechtliche Kompetenzen sehr nachgefragt. 

Für die UdK stechen zwei Infrastrukturpartnerschaften heraus: NFDI4Culture – Konsortium für Forschungsdaten materieller und immaterieller Kulturgüter, das die Fachcommunity im Umgang mit digitalen und offenen Kulturdaten sehr voranbringt, sowie das Open-Access-Büro Berlin als zentrale Anlaufstelle für Fragen zu Open Access und Open Science in der Hauptstadt. 

Der neue Absatz 3 des § 41 des Berlin Hochschulgesetzes, dem zufolge die “Veröffentlichung von Forschungsergebnissen durch die Mitglieder der Hochschulen […] vorrangig unter freien Lizenzen mit dem Ziel der Nachnutzbarkeit erfolgen (Open Access) [sollte]”, wird an der UdK als sehr hilfreich für die Etablierung von Open Access empfunden. Ein wissenschaftspolitischer Rahmen ist folglich ähnlich bedeutsam wie die Veränderung der Einstellungen in den Fachcommunities. Als dritte Stakeholder-Gruppe erwähnte Ariane Jeßulat die Verlage, die für die Kunst und künstlerische Forschung nicht nur eine informationsvermittelnde, sondern auch ein zentrale diskursbildende Rolle übernehmen.  

Die Perspektive der Ausbildung an der Fachhochschule Potsdam

Auch Antje Michel, Professorin für Informationsdidaktik und Wissenstransfer an der Fachhochschule Potsdam, hob die Bedeutung von Openness als zentrales Transformationsthema in der Wissenschaft hervor. Es ist offensichtlich, dass die wissenschaftliche Informationsversorgung heute vom Digitalen und dem Openness-Prinzip aus gedacht werden muss. Denn die Wissenschaftspraxis selbst befindet sich in diesem Wandel. Dies wirkt notwendigerweise transformativ auf die wissenschaftsunterstützenden Einrichtungen wie Bibliotheken aus.  

Antje Michel forscht selbst zu den, wie sie formuliert, “Gelingensbedingungen transdisziplinärer Forschung”. Die Perspektive reicht, wie für Fachhochschulen durchaus üblich, über die Grenzen der Wissenschaft hinaus in andere Funktionsbereiche der Gesellschaft hinein. In ihrem Fall geht es um den Wissenstransfer an der Schnittstelle zwischen Forschung, Kommunen und Unternehmen auf regionaler Ebene, was auch die Idee der Openness noch einmal anders interpretiert. Je nach Bereich unterscheiden sich die Wahrnehmungen. Neben der Transformation spielen also auch der Transfer und damit auch die wechselseitige Verständigung nicht zuletzt über die divergierende Interessen eine wichtige Rolle. So existiert beispielsweise beim Thema Open Data ein Spannungsverhältnis zwischen Idealismus und Verwertungsmodellen.

Dass nicht eine Lösung alles erfasst, gilt auch für die Wissenschaft an sich, denn diese ist fachkulturell sehr heterogen und in ihren Karrierestrukturen durch individuelle Profilierungsansprüche geprägt. Openness muss diese Rahmenbedingungen berücksichtigen.

Studiengänge wie die der Bibliotheks- und Informationswissenschaft sollten daher neben einer generellen Handlungskompetenz zur Förderung von Openness und den dafür nötigen digitalen Kompetenzen auch ein Verständnis für diese Rahmenbedingungen schaffen. Diese im Prinzip wissenschaftssoziologische Vertiefung ist jedoch für grundständige Bachelorprogramme eine Herausforderung. 

Auffangen lässt sich das möglicherweise ein Stück weit, indem man als Ausbildungseinrichtung selbst Offenheit möglichst selbstverständlich lebt. Die Fachhochschule Potsdam hat sich beispielsweise, so Antje Michel, zu einem “Soziotop für Openness” entwickelt. Neben dem Fachbereich Informationswissenschaften mit seinen Forschungs- und Lehraktivitäten finden sich dort auch Openness-Initiativen wie die Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg und die Landesfachstelle für Bibliotheken und Archive, die sich ebenfalls sehr stark in Richtung digitale Offenheit entwickelt. Zu ergänzen wäre sicher noch der ausdrücklich auf Open Access, Open Data und Open Science ausgerichtete Lehrstuhl von Ellen Euler. 

Die Perspektive der Berliner Bibliotheks- und Informationswissenschaft

Das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin,  in direkter Nachbarschaft  des Hauses Unter den Linden der Staatsbibliothek zu Berlin, konnte ab 2006 mit Peter Schirmbacher als Professor für Informationsmanagement einen zentralen Akteur im Bereich digitaler Forschungsinfrastrukturen und Open Access in Deutschland mit einem entsprechenden Schwerpunkt für Forschung und Lehre gewinnen. Diese Prägung wirkt heute fort und differenziert sich weiter aus, wie im Gesprächsbeitrag von Vivien Petras, Professorin und bis vor kurzem Direktorin des Instituts, deutlich wurde. Sie verwies darauf, dass sich auch ein wesentlicher Teil der aktuellen Forschungsschwerpunkte des Instituts (Infrastrukturen und Kulturerbe sowie Open Data, Open Science, Open Access) mit dem Themenfeld Offene Wissenschaft deckt. So hat sich eine bundeslandübergreifende Partnerschaft mit der Fachhochschule Potsdam im Rahmen des weiterbildenden Studiengangs “Digitales Datenmanagement” entwickelt. Dieser richtet sich an Menschen aus Einrichtungen der wissenschaftlichen Infrastruktur sowie Bibliotheken, Archive, Kommunen und die Wirtschaft. Die von Antje Michel betonte Schnittstellenkompetenz findet hier also direkt eine curriculare Entsprechung.

In der Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist Konsens, dass Openness eine wissenschaftsimmanente Frage und ein zentrales Transformationsthema ist. Als ein Fach, das in gewisser Weise aus der Perspektive einer Wissenschaftsforschung die Kommunikationsprozesse wissenschaftlicher Disziplinen beforscht, sieht die Bibliotheks- und Informationswissenschaft Openness als wichtiges Forschungsthema. 

Auch Vivien Petras betonte, dass je nach Wissenschaftsdomäne oder auch nach Datenobjekt große Differenzen hinsichtlich Open Data bestehen. Eine Forschungsaufgabe des Faches und damit des Institutes läge also darin, Möglichkeiten, Grenzen und Lösungen für offene Daten mit dem jeweiligen analytischen Zuschnitt für die Wissenschaftspraxis zu identifizieren. 

Die Ausbildung kann ein entsprechendes Bewusstsein schaffen und methodisches Wissen vermitteln. Zugleich wies Vivien Petras darauf hin, dass ein dynamisches und komplexes Themenfeld wie Open Access und mehr noch Open Science nicht erschöpfend nach einer Kurslogik vermittelt werden kann, sondern eine berufsbegleitende Kompetenzentwicklung erfordert. Zu dynamisch ist die Transformation, und zu spezifisch sind die Anwendungsfälle. Wichtig sind daher Angebote zur Fort- und Weiterbildung.

Die Perspektive der Hochschulpolitik

Dass eine kontinuierliche Kompetenzentwicklung der Schlüssel für eine optimale Gestaltung der Open-Access-Transformation ist, ist auch im Potsdamer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg (MWFK) bekannt. Aus guten Gründen ging der Einrichtung der vom Ministerium finanzierten Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg ein Projekt zur Ermittlung entsprechender Bedarfe bei den Mitarbeitenden in den Brandenburger Hochschulen voraus. 

Darauf ging Jan Hauke Plaßmann, Leiter des zuständigen  Referats 23 beim Ministerium allerdings weniger ein. Für ihn war es wichtig, noch einmal generell herauszustellen, dass die Hochschul- und Wissenschaftspolitik im Land Brandenburg Openness, Open Access und Open Science als Schlüsselentwicklungen für Wissenschaft, Forschung und Hochschulen ansieht. In der 2019 veröffentlichten Open-Access-Strategie des Landes bekam diese Einstellung eine konkrete Form. Das Ministerium bekennt sich mit diesem Dokument ausdrücklich zur Förderung von Openness. Dies manifestiert sich in den in der Strategie beschriebenen und in der Umsetzung befindlichen Maßnahmen. Besonders greifbar wird dies anhand der Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg.

Wichtig ist bei diesen Prozessen, dass Wissenschaft und Kultur nicht getrennt betrachtet werden. Hier würde sich auch eine Gemeinsamkeit zu den Open-Access-Aktivitäten auf Landesebene in Berlin zeigen, die ebenfalls Akteure des Kulturbereichs einbeziehen. Generell besteht in Bezug auf Open Access eine enge und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Berlin und Brandenburg. 

Das Ziel des der Aktivitäten im Bereich Openness ist für das Ministerium in Übereinstimmung mit dem Grundanspruch von Open Access, die Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung auch so weit wie möglich öffentlich verfügbar zu machen. Folglich geht es nicht nur um Open Access als innerwissenschaftliches Phänomen, sondern ausdrücklich um den Austausch zwischen den Domänen Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Öffentlichkeit und öffentliche Diskurse sollen auf diesem Weg fundierter und teilhabeorientiert, also inklusiv gestaltet werden. 

Aus Sicht der Kompetenzentwicklung würde dies eine Erweiterung der Rolle einer Vermittlung aus der Domäne der wissenschaftlichen Infrastrukturen heraus auf andere gesellschaftliche Teilbereiche bedeuten. 

Diskussion

Diese bemerkenswerte Erweiterung wurde in der anschließenden Diskussion nicht stärker vertieft. Der Fokus verschob sich noch einmal auf die Frage nach den infrastrukturellen Aspekten sowie weitere Fragen aus dem Orbit der Openness.

Ausgehend von Lücke zwischen dem ideellen Anspruch und der tatsächlichen Umsetzung von Openness eröffnete Vivien Petras eine bisher wenig systematisch adressierte Spannung, die sich aus der sehr interessengeleiteten Perspektive des kommerziellen Sektors auf digitale Daten- und Kommunikationsstrukturen ergibt. 

Insbesondere große Digitalunternehmen wie Google, Facebook, Amazon oder Netflix sind in der datengetriebenen Forschung (z.B. im Bereich Information Retrieval) sehr aktiv. Die Forderung nach Offenlegung von Daten und Algorithmen und nach Replizierbarkeit von Forschungsergebnissen greife hier aber nicht. Kommerzielle Akteure können naturgemäß nicht zu Openness verpflichtet werden und argumentierten häufig mit dem Wettbewerbsgeheimnis. 

Dies könne auf Einstellungsmuster von Forschenden zurückwirken. In jedem Fall vertieft sich die Asymmetrie zwischen öffentlicher Forschung und der der Industrie. Zugleich ist die Trennung keineswegs scharf, denn auch kommerzielle Akteure werben in großem Umfang öffentliche Fördergelder ein. Die damit finanzierte Forschung und Entwicklung fließt auch direkt in die Produktentwicklung ein. Im Rahmen des künstlerisch-kreativen Bereichs spielten laut Ariane Jeßulat wiederum andere Faktoren eine Rolle. Kokreationsprojekte mit Unternehmen seien hier von großer Bedeutung, jedoch durch die formalen Rahmenbedingungen an den öffentlichen Einrichtungen häufig erschwert.

Anschließend ging es um die Frage, ob sich der Diskurs zur Offenen Wissenschaft von der Auffindbarkeit von Forschungsinhalten zu deren Zurechenbarkeit und also der datenanalytischen und maschinenlesbaren Vernetzung verschiebt. Bibliotheken streben Interoperabilität und Verknüpfbarkeit von Metadaten laut Vivien Petras bereits seit langem an. Ariane Jeßulat wies darauf hin, dass es problematisch sein könne, wenn bibliometrische Daten als Grundlage für budgetrelevante Entscheidungen dienen. Dies gilt umso mehr dort, wo Leistungen schwer quantitativ erfassbar sind. Bibliometrische Analysen müssten daher laut Vivien Petras von den Akteur*innen verantwortungsvoll verarbeitet werden. Diesbezüglich kann das Leiden Manifesto als wichtige Orientierung dienen. 

Ausblick – Quo Vadis Openness?

Abschließend wurden die Wünsche der Diskutierenden für die weitere Entwicklung von Offener Wissenschaft zusammengetragen. Elisa Herrmann verbindet mit Offener Wissenschaft allgemein den Wunsch nach einer Stärkung des gesellschaftlichen Verständnisses für die Komplexität der Welt. 

Vivien Petras wünscht sich, dass das derzeit noch stark an Budgetlinien und individueller Profilierung ausgerichtete Evaluations- und Qualitätsbewertungssystem in der Wissenschaft, gemäß dem Anspruch und der Vision von offener Wissenschaft verändert wird. Zudem kann eine Offene Wissenschaft in der passenden Umsetzung dazu beitragen, Ungleichheiten auch zwischen Wissenschaftsregionen wie dem globalen Süden und dem globalen Norden zu reduzieren. 

Dass die Lücke zwischen dem Bewusstsein für Openness und entsprechenden Richtlinien kleiner werde, wünscht sich Antje Michel. Dafür sind ausreichende Ressourcen notwendig, da die Kompetenzen und Möglichkeiten für die Umsetzung im System nicht selbstverständlich vorhanden sind. Sie sieht Openness weniger als Selbstzweck, sondern als Strategie, um die Wissenschaft und die mit ihr in Beziehung stehenden Systeme durchlässiger zu machen. 

Ariane Jeßulat wünscht sich, dass der Transformation Zeit gegeben wird und dass das Bewusstsein für die Auseinandersetzung mit komplexen Autor*innenschaften und Kreativrechten bei künstlerischen Werken als Bedingung für das Gelingen von Offener Wissenschaft gestärkt wird. Es gibt in den Künsten historische gewachsene strukturelle Herausforderung, die zu bewältigen seien. Das gelingt nicht über Nacht.  

Für die Wissenschaftspolitik benannte Jan Hauke Plaßmann den Wunsch, dass mit den begonnenen Transformationsschritten perspektivisch erreicht wird, dass öffentlich finanzierte Forschungsergebnisse tatsächlich umfassend frei verfügbar und nachnutzbar sind. Es bewegt sich zwar viel, jedoch nicht alles, wie man es sich erhofft. Mit Transformationsvereinbarungen mit großen Verlagen wie etwa im Rahmen von Projekt DEAL werde deren Marktposition unter dem Label Open Access zusätzlich gestärkt. Daher ist eine Diversifizierung und Stärkung verschiedener, auch wissenschaftsgetragener Publikationsmodelle wichtig, um Effekte wie etwa die Doppelfinanzierung des Zugriffs auf wissenschaftliche Ergebnisse und kostenfreier Arbeitsleistung von Wissenschaftler*innen für kommerziell ausgerichtete Unternehmen zu reduzieren. Bei solchen Ansätzen könnte öffentliches Geld tatsächlich primär in die Erzeugung von Forschungsergebnissen und deren freie Zugänglichmachung fließen.

Fazit und Takeaways

Für die zwei Schwerpunkte Kompetenzen und Infrastrukturen lassen sich jeweils einige Aspekte für weiterführende Diskussionen mitnehmen. Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Transformation zwar einen digitaltechnischen Rahmen hat, die eigentliche Verschiebung aber weniger technische Innovation bedeutet, sondern Kulturwandel. Das deckt sich mit der mittlerweile jahrzehntealten Grundidee von Open Access. Dass wir bereits 20 und mehr Jahre diese Idee reflektieren, unterstreicht noch einmal die Bedeutung des Faktors “Zeit”. Die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts ist eine andere als die der Evolution der Einstellungen, Interessen und auch Kompetenzen. Mit den Studiengängen der Bibliotheks- und Informationswissenschaften zum Beispiel in Berlin und Potsdam gibt es zugleich Kompetenzzentren, die Fachkräfte für das, wenn man so will, Komplexitäts- und Transformationsmanagement zur Openness gezielt qualifizieren. Bibliotheken und, wie das MfN zeigt, auch Museen benötigen Mitarbeitende genau mit diesen Qualifikationsprofilen.

Zudem lassen sich Openness, Open Science und Open Access nicht mit einem Weg erreichen. Die Kunst und die Universität der Künste sind ein perfektes Fallbeispiel für eine Domäne, die zwar hochmotiviert Openness verfolgen möchte, für die aber viele Lösungen zum Beispiel aus der Preprint-Kultur der Naturwissenschaften nicht passen. Openness rückt Wissens- und Kreationskulturen zusammen, muss aber zugleich deren jeweilige Logik und Besonderheiten berücksichtigen. Dies gilt nicht nur für die Fachkulturen, sondern auch für informationsethische Aspekte wie die Teilhabemöglichkeiten, die nicht nur den lesenden Zugang sondern auch das Sichtbarmachen des eigenen Forschungsoutputs, also den Zugang zu Publikationsmöglichkeiten betreffen. Eine Diversität ist daher auch bei den Publikations- und Bereitsstellungsmodellen zu fördern. Die Wissenschafts- und Hochschulpolitik in Brandenburg und auch anderer Stelle weiß das und setzt entsprechende Impulse.

Berlin Open GLAM: Open-Access-Praktiken in Berlins Kulturerbeinstitutionen

Workshop, 26.4.2022, 9.30-12 Uhr

Um Berliner Initiativen und Projekten Sichtbarkeit zu verleihen und die Stärkung von Open Research in Berlin voranzutreiben, hat das Open-Access-Büro Berlin im Herbst 2020 gemeinsam mit You, We & Digital und mit Unterstützung der Berlin University Alliance (BUA) das Projekt „Berlin Open Research and Culture“ gestartet. Zum Projekt gehört die Online-Konsultation, die wissenschaftliche und kulturelle Landeseinrichtungen in Berlin zu wichtigen Handlungsfeldern, zu bestehenden und geplanten Aktivitäten und zu den Werten und Prinzipien von Offenheit in der Wissenschaft befragt.

An die Konsultation haben wir im Herbst 2021 eine Interviewstudie angeschlossen, in der ausgewählte Berliner Kulturerbeinstitutionen zu strategischen Positionen sowie zu Maßnahmen und ihren Bedarfen hinsichtlich Open Access und Open Research befragt wurden. Hierzu haben wir Interviews mit Einrichtungen geführt, welche die Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and the Humanities bereits unterzeichnet haben, eine eigene Openness-Strategie besitzen oder sich im Bereich der offenen Kulturdaten engagieren.

In Gesprächen ist erörtert worden, welche Berührungspunkte zwischen den Handlungsfeldern von Open Access und den Bemühungen bei der offenen Bereitstellung digitaler Objekte vorliegen. Die Ergebnisse der Studie möchten wir in einem Workshop vorstellen und mit unseren Gesprächspartner*innen und diskutieren.

Wir richten diesen Workshop gemeinsam mit dem Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin (digiS) aus. Dabei interessiert uns, wie eine engere Verzahnung einer landesweiten Initiative für Open Research mit den Zielen von Kulturerbeinstitutionen in Einklang gebracht werden kann und welche Kooperationsbedarfe und -potentiale insbesondere mit den Universitäten und Hochschulen gesehen werden.

Agenda

  • 9.30-9.45 | Begrüßung
  • 9.45-10.15 | Input #1: You, We & Digital: Vorstellung der Interview-Studie „Berlin Open Research and Culture“
  • 10.15-10.45 | Diskussion
  • 10.45-11.00 | Kaffee / Tee Pause
  • 11.00-11.15 | Input #2: Open-Access-Büro Berlin: Stand der Landesinitiative und Blick auf den Strategie-Prozess für Berlin
  • 11.15-11.45 | Diskussion in Kleingruppen: Was können konkrete Maßnahmen für eine Strategieempfehlung sein?
  • 11.45-12.00 | Ausblick: Was folgt nach diesem Workshop

Open4DE: Emfpehlungen für eine Open-Access-Strategie für Deutschland entwickeln

Open Access ist inzwischen ein selbstverständlicher Bestandteil der wissenschaftlichen Kommunikations- und Publikationskultur in Deutschland. Etwa jeder zweite Forschungsartikel ist bereits frei zugänglich. Zwischen Anspruch und Realität besteht jedoch weiterhin eine erhebliche Lücke: Forschungsförderorganisationen und wissenschaftliche Institutionen proklamieren das Ziel einer vollständigen Transformation hin zu Open Access, während die praktische Umsetzung in unterschiedlichen Geschwindigkeiten voranschreitet.   

Das zum 1. Februar 2021 gestartete BMBF-geförderte Projekt “Open4DE – Stand und Perspektiven von Open Access am Standort Deutschland” zielt daher auf eine Erhebung des Status Quo der Verankerung von Open Access auf unterschiedlichen Ebenen ab:

  • Universitäten und Hochschulen
  • Forschungsorganisationen
  • Bundesländerebene
  • nationale Ebene
  • fachwissenschaftliche Perspektive

Vor dem Hintergrund der Öffnung der Wissenschaft, einschließlich ihrer Prozesse (Open Science), lässt sich zudem das Themenfeld Open Access kontextualisieren und neu positionieren – als ein Schritt im Zyklus des verantwortungsvollen und transparenten wissenschaftlichen Arbeitens und Kommunizierens. Zentraler Gegenstand des Projekts ist dabei die Analyse der gegenwärtig angewandten internationalen Strategien und Leitlinien mit dem Ziel, sowohl Zusammenhänge explizit zu machen als auch Perspektiven für die Weiterentwicklung aufzuzeigen. Unter Einbeziehung internationaler Entwicklungen sollen zudem in enger Zusammenarbeit mit den sich bereits engagierenden Institutionen und Interessengruppen eine nationale Open-Access-Strategie und -Roadmap für Deutschland entworfen werden.   

Das Projekt Open4DE leistet somit einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Open-Access-Ökosystems und beleuchtet gleichzeitig Schnittstellen und Überschneidungen mit Prozessen der Öffnung der Wissenschaft (Open Science). 

Team

Eine Beschreibung des Projekts auf Englisch finden Sie auf der Webseite von open-access.network.

Zeitraum: 01.02.2021 – 31.01.2023

Was bedeutet Open Science für das künftige Geschäftsmodell von Bibliotheken?

Vorträge und Diskussion

Donnerstag, 17. Februar 2022, 14-15.30 Uhr

Anmeldung

Eine Veranstaltung in der Reihe: Quo vadis offene Wissenschaft? Eine virtuelle Open Access Woche für Berlin-Brandenburg.

Open Science hat weitreichende Auswirkungen auf das tradierte Geschäftsmodell von Bibliotheken und eröffnet zugleich Perspektiven für völlig neue Serviceangebote.

Unter einem Paradigma völliger „Offenheit“ wissenschaftlicher Inhalte wäre beispielsweise fraglich, welche Rolle Bibliotheken in Bezug auf die Bereitstellung wissenschaftlicher Informationsressourcen künftig noch spielen. Es geht dann möglicherweise nicht mehr primär um die Auswahl und Erwerbung – mit begrenzten Mitteln – kostenpflichtiger Ressourcen, sondern eher um inhaltsgetriebene Kuratierungs-, Vernetzungs-  und Vermittlungsleistungen in Bezug auf die unüberschaubare Menge frei verfügbarer Inhalte oder auch um die Sicherstellung von deren Langzeitverfügbarkeit. Gleichzeitig müssen Mittel für publikationsbasierte Open-Access-Kosten verwaltet und ggf. eingeworben werden, oder es gilt, Infrastrukturen für die Bereitstellung „offener“ Inhalte zu betreiben und/oder zu finanzieren. Auch müssen nachhaltige, möglichst kosteneffiziente Lösungen für die Verfügbarmachung von Forschungsdaten z.B. nach den FAIR-Prinzipien entwickelt werden. Mit Blick auf diese und viele andere Services gibt es zudem Beratungsbedarfe der wissenschaftlich Tätigen, nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit komplexen rechtlichen Fragen.

Die Veranstaltung beleuchtet die eben skizzierten Entwicklungen aus der Perspektive von drei sehr unterschiedlichen Bibliotheken: des Bereichs „Wissenschaftliche Information“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Dabei soll es um die folgenden Fragen gehen:

  • Welche Services bieten die Einrichtungen an, um Forschende bei der Umsetzung der Prinzipien von Open Science zu unterstützen?
  • Wie entwickelt sich – z.B. in Bezug auf die eingesetzten Sachmittel und Personalressourcen – das Verhältnis zwischen Services, die fokussiert sind auf die Bereitstellung und ggf. Bewahrung kostenpflichtiger Informationsressourcen, und Services z.B. im Zusammenhang mit Open Access für Publikationen oder offenen (Forschungs-)Daten? Können Ressourcen ggf. auch dadurch gewonnen werden, dass bestehende Services kritisch hinterfragt werden?
  • Inwiefern müssen infolge von mehr „Openness“ Werkzeuge wie z.B. Bibliotheksmanagementsysteme an neue Anforderungen angepasst werden?
  • Welche Auswirkungen hat ein sich sukzessive in Richtung Open Science weiterentwickelndes Service-Portfolio in Bezug auf die notwendige Qualifikation der Mitarbeitenden?
  • Welche Rolle spielt Open Science mittel- und langfristig bei der strategischen Weiterentwicklung der Einrichtungen?

Vorträge von und Diskussion mit

Reinhard Altenhöner

Ständiger Vertreter des Generaldirektors der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Mathis Fräßdorf (Ph.D.)

Leiter Abteilung Wissenschaftliche Information am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Prof. Dr. Klaus Tochtermann

Direktor ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft

Moderiert wird die Veranstaltung von Prof. Dr. Ellen Euler

Bibliothekswissenschaft, Professur für Open Access/ Open Data, FH Potsdam

Performing Open Access – Ein Workshop für und mit den Darstellenden Künsten

Von Friederike Kramer und Linda Martin

Performing Open Access – der Titel wurde Programm, als sich am 13. Dezember Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiter*innen gemeinsam mit Infrastrukturanbietenden über Bedarfe, die Umsetzung von und Angeboten zu Open Access ausgetauscht haben. Im Rahmen des Projektes open-access.network richteten das Open-Access-Büro Berlin und die Universitätsbibliothek der Universität der Künste einen interaktiven Workshop aus, der die Darstellenden Künste adressierte. Die 25 Teilnehmenden nutzten die Möglichkeiten des Gather.town-Raumes zum Austausch und zur Vernetzung.

Workshop „Performing Open Access“ am 13.12.2021

Zum Einstieg nahm Jason Corff (Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz) die Anwesenden mit auf eine Gedankenreise, die ihnen seine zwischen Kartographie und Choreographie angesiedelte Arbeit näher brachte. Open Access ist nicht gleich Open Access – wo die Wissenschaften verschiedene Anforderungen an die Verfügbarmachung von Wissen stellen, bringen die künstlerischen Inhalte andere Publikationsformate – wie Videomitschnitte oder enhanced publication – und auch ein gesondertes Verständnis gegenüber des eigenen Wirkens hervor. Corff wies auf die Herausforderungen hin, die ihm während seiner Forschungen begegnen. So sei ein „access to research“ bereits bei der Suche nach Publikationen durch ein fehlendes Vokabular stark erschwert.

Von den Einblicken in die Praxis ging es zu einem Blick auf die Praxis und die rechtlichen Aspekte. Dr. Paul Klimpel (irights.law) verwies auf den performativen Moment des Schaffens, das Werk, dass in der Aufführung bzw. in dem Moment des Ausübens bestehe. Vervielfältigungen hätten somit in den Darstellenden Künsten eine etwas anders gelagerte Stellung. Eine Aufzeichnung des Geschaffenen sei eher zweitrangig gelagert und ginge einher mit einer Form des Kontrollverlustes, welches sich häufig in Form der Vergabe einer CC-BY-NC-ND-Lizenz äußere. Dahinter stünden die Sorgen einer unerwünschten Weiterverwendung, einer Nichtnennung des*der Urheber*in bzw. einer starken Veränderung des eigenen Werkes. Ein wichtiger Fokus wurde auch auf die Vielzahl der zu bedenkenden rechtlichen Aspekte gelegt, die mit dem Urheberrecht beginnen und sich von Persönlichkeitsrechten bis hin zu Aufführungsrechten in einem weiten Spektrum bewegen.

Warum es aber dennoch wichtig sei, sich für eine barrierefreie Veröffentlichung der eigenen Werke stark zu machen, betonte schon zuvor Dr. Anna Luise Kiss, Rektorin der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Sie betonte die den Darstellenden Künsten immanente Hinwendung zur Openness auf vielerlei Ebenen:
Die digitale Dokumentation diene als Resonanzboden außerhalb der eigenen Community und ermögliche dabei eine Rückwirkung auf die Kunst. So seien Open-Access-Publikationen, wie im Journal of Artistic Research ein „Instrument der Öffnung“, welches eine Auseinandersetzung mit dem Kreierten und eine Vernetzung voranbringe. Die öffentliche Genese der Darstellenden Künste, das per se Präsentieren wollen, sieht sie zudem als beste Ausgangsposition für Open Access.

In einem Block, der sich den Themen Veröffentlichungen und Support widmete, stellte Casper Schipper die Publikationsplattform Research Catalogue vor. Neben einer europaweiten institutionellen Anbindung hat der*die Autor*in die Möglichkeit quasi im „Selbstverlag“ Dateien, Forschungsdaten und Beschreibungen des eigenen Schaffens als „exposition“ abzulegen. Die Plattform ist auf die Bedarfe der Künste ausgerichtet und bietet eine (soweit möglich) all-in-one Präsentation des eigenen Schaffens. Im Vergleich zu anderen Repositorien ist der Research Catalogue nicht nur eine Veröffentlichungsplattform, sondern eine Ausstellung künstlerisch-wissenschaftlichen Schaffens.
Im Anschluss stellte Peggy Große (Fachinformationsdienst arthistoricum.net) Services und Angebote – darunter Guidelines und das Repositorienangebot „Radar4Culture“ – des NFDI4Culture vor. Die Arbeit des Konsortiums lebt von der Beteiligung, in Form von Foren, Plenaries, oder auch der #CultureHours.
An zwei virtuellen Thementischen hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, ihre Frage an die Vorredner*innen zu adressieren und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Auf Chancen und Herausforderungen von Open Access in den Darstellenden Künsten gingen die Referent*innen und Diskutant*innen des Nachmittags ein.
So zeigten die Ergebnisse einer Umfrage des Fachinformationsdienstes Darstellende Kunst zum Thema „Veröffentlichung von Forschungsdaten“, präsentiert von Franziska Voß und Julia Beck, dass die Proband*innen Schwierigkeiten bei der Auffindbarkeit bzw. Nachnutzung von Daten haben, andererseits jedoch nur zu einem geringen Prozentwert selbst offene Forschungsdaten publizieren. Der FID ermöglicht den Wissenschaftler*innen qua Freikauf einen Zugriff auf Open-Access-Literatur.
PD Dr. Dr. Grischka Petri (Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur Karlsruhe) griff Fragestellungen und Sorgen rund um Urheberrecht und Lizenzvergabe auf. Er ist einer der Betreuenden des Legal Helpdesk von NFDI4Culture. Er verwies auf die besonderen Herausforderungen einhergehend mit den „Wahrnehmungsformaten“ in den Darstellenden Künsten. So stünden bspw. Aufführung, Senderechte, Skripte parallel – Aber wie verhalten sich Schutzrechte zueinander?

Ein Vortrag von Till Ansgar Baumhauer (Hochschule für Bildende Künste Dresden), beleuchtete abschließend das EU-geförderte Projekt EU4Art. Er betonte, dass der Prozess des Schaffens immer wichtiger werde und somit „Zwischendaten“ eine wichtige Rolle spielten. Die Verpflichtung zu einer Bereitstellung der Arbeitsinhalte im Open Access stellt das internationale Projekt vor Fragen um Datenquellen und die Kuratierung von Datenmengen.

Den Abschluss des Tages bildete ein interaktiver Erfahrungsaustausch frei nach dem Motto „Bring your own problem“. Im Dialog gingen die Teilnehmenden auf die Fragestellungen ihres Gegenübers ein. Themen waren unter anderem die Rechte eines Theaterverlags an einem Werk, welche aus der Übersetzungsleistung dessen hervorging (der Urheber war bereits 70 Jahre verstorben) oder aber die Rechteklärung im Falle einer Zweitveröffentlichung, sollte ein Verlag nicht mehr bestehen. Die wiederkehrende Diskussion um das Betreiben einer Plattform und die Bereitstellung verschiedener medialer Inhalte offenbarte ein Desiderat in den künstlerischen Fächern: So mangelt es bisher an einer öffentlich finanzierten Möglichkeit multimediale Inhalte, unter Einhaltung der FAIR-Prinzipien, abzulegen. Es bleibt eine Herausforderung für die künstlerischen Hochschulen, ihre Expertise als Grundstein für ein zukünftiges Angebot einzubringen.

Der eintägige Workshop konnte nicht nur erstmals Beauftragte, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus dem Gebiet der Darstellenden Künste versammeln, sondern wies Richtung Zukunft. So brauche es neben der staatlichen Förderung einer rechtssicheren Publikationsplattform auch eine Vernetzung innerhalb der Community. Eine Vermittlung von Kenntnissen zu Open Access während des Studiums ist ebenso wichtig wie eine Sammlung bereits bestehender Angebote. Um den „access to research“, nach den Worten von Jason Corff, zu erleichtern, bräuchte es ein gemeinsam verwendetes Vokabular. Trotz vieler Aufgabenfelder haben sich die Darstellenden Künste auf den Weg gemacht, ihr Schaffen und ihr Wissen zu teilen.