Hegemoniale Männlichkeit und Depression: Eine vergleichende Analyse heterosexueller und nicht-heterosexueller Männer

Dunja Bogdanovska (WiSe 2025-26)

Einleitung

Depression zählt weltweit zu den drängendsten Problemen der öffentlichen Gesundheit. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist sie eine der Hauptursachen für Behinderungen und betrifft Millionen von Menschen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Regionen. Sie ist mit funktionellen Einschränkungen, Suizidgefahr und hohen sozialen und wirtschaftlichen Kosten verbunden.[1] Trotz der hohen Prävalenz von Depression bei Männern zeigen Studien, dass sie im Vergleich zu Frauen seltener Hilfe suchen. Männer meiden häufiger professionelle Hilfe, verzögern die Behandlung oder begehen Suizid.[2]

Dieses Paradoxon, dass Männer zwar niedrigere Depressionsraten, aber höhere Suizidraten aufweisen, zieht erhebliche wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich.

Ein häufig genutzter theoretischer Rahmen zum Verständnis der geschlechtsspezifischen Unterschiede im Umgang mit psychischer Gesundheit ist das Konzept der hegemonialen Männlichkeit. Ursprünglich von R. W. Connell entwickelt und später gemeinsam mit Messerschmidt weiter ausgearbeitet, beschreibt hegemoniale Männlichkeit die gesellschaftlich dominante Form von Männlichkeit, die die strukturelle Vorherrschaft von Männern über Frauen sowie über andere, untergeordnete Formen von Männlichkeit legitimiert.[3] Diese Form von Männlichkeit wird häufig mit Eigenschaften wie Härte, Kontrolle, Dominanz und emotionaler Zurückhaltung assoziiert.[4] Diese Normen beeinflussen wie Männer mit seelischer Belastung umgehen.[5]

Männlichkeit ist jedoch nicht einheitlich. Bestimmte Gruppen von Männern, wie beispielsweise nicht-heterosexuelle Männer, erleben dominante Männlichkeitsnormen auf andere Weise und entwickeln unterschiedliche Strategien im Umgang mit deren Annahme oder Ablehnung, da ihre Sexualität bereits als Abweichung von diesen Normen gilt.

Als Angehörige einer Minderheit sind sie zusätzlichen Stressoren ausgesetzt, die negative Erfahrungen verstärken und das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen.[6]

Daraus ergibt sich eine zentrale Fragestellung: Wie beeinflusst hegemoniale Männlichkeit den Umgang heterosexueller und nicht-heterosexueller Männer mit Depression auf unterschiedliche Weise?

Diese Arbeit argumentiert, dass hegemoniale Männlichkeit bei heterosexuellen Männern emotionalen Ausdruck entmutigt, indem sie psychische Belastungen mit Schwäche gleichsetzt, während nicht-heterosexuelle Männer mit einer komplexeren Dynamik konfrontiert sind. Sie sind zugleich durch männliche Normen eingeschränkt und gleichzeitig von ihnen ausgeschlossen, was zu unterschiedlichen Formen des Erlebens und Bewältigens von Depression führt.

Für die Zwecke dieser Arbeit beziehe ich mich ausschließlich auf die Dimension sexueller Orientierung innerhalb sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Andere Aspekte wie Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck oder nicht-binäre Identitäten werden nicht behandelt.

1.  Depression und Stigmatisierung

Depression wird klinisch als affektive Störung definiert, die durch anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessen- und Freudverlust, Hoffnungslosigkeit, Veränderungen von Schlaf und Appetit sowie eine beeinträchtigte Funktionsfähigkeit gekennzeichnet ist. Zu den spezifischen Kriterien für Depression gehören das Vorliegen von Symptomen über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen, erhebliches Leiden und eine Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit.[7] Abgesehen von ihrer klinischen Definition wird die Depression auch durch ihre kulturellen Bedeutungen geprägt.

Stigmatisierung spielt eine große Rolle in der Wahrnehmung psychischer Erkrankungen. Sie wird definiert als tiefe soziale Missbilligung und Ausgrenzung aufgrund einer Andersartigkeit, wie beispielsweise einer psychischen Erkrankung. Menschen mit Depression sind nicht nur mit Stigmatisierung durch ihr Umfeld, sondern auch mit Selbststigmatisierung konfrontiert. Öffentliche Stigmatisierung bezeichnet Diskriminierung und negative Stereotypen gegenüber Menschen mit Depression, wie etwa die Annahme, sie seien schwach, instabil oder unfähig. Selbststigmatisierung entsteht, wenn Betroffene diese äußeren Vorstellungen verinnerlichen, was zu einem negativen Selbstbild und Schamgefühlen führt. Dies ist besonders schädlich, da Menschen mit Depression ohnehin schon mit Selbstzweifeln zu kämpfen haben, die durch die zusätzliche Stigmatisierung noch verstärkt werden.[8]

Bei Männern ist das Stigmatisierung rund um Depression oft mit Geschlechternormen verknüpft, die emotionale Verletzlichkeit mit Schwäche gleichsetzen. Sie interpretieren ihre Symptome möglicherweise nicht als Anzeichen einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung, sondern als persönliches Versagen als Männer. Diese Wahrnehmung verstärkt die Selbststigmatisierung und die Vermeidung professioneller Hilfe. Daher ist Stigmatisierung nicht nur eine äußere, sondern auch eine psychologische Barriere, die eng mit Männlichkeitsidealen verknüpft ist.[9]

2.  Hegemoniale Männlichkeit

Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit wurde von R. W. Connell entwickelt, um die kulturell dominante Form von Männlichkeit zu beschreiben, die hypermaskuline Eigenschaften privilegiert und Weiblichkeit sowie alternative Männlichkeitsformen unterordnet. Hegemoniale Männlichkeit ist nicht zwingend die am weitesten verbreitete Form, sondern jene, die gesellschaftlich am meisten anerkannt und institutionell gestützt wird.[10]

Zu den Kernmerkmalen hegemonialer Männlichkeit zählen emotionale Zurückhaltung, Dominanz, Stoizismus, Selbstständigkeit, Heterosexualität sowie die Ablehnung von Männlichkeitsbildern, die diesen Idealen nicht entsprechen. Von Männern wird erwartet, dass sie ihre Probleme allein bewältigen und Verletzlichkeit unterdrücken, um sich nicht selbst zu entmannen. Sie werden so sozialisiert, dass sie diese Normen als Richtlinien betrachten, denen sie folgen müssen, um „echte Männer“ zu sein. Jegliche Sentimentalität disqualifiziert sie somit von der männlichen Erfahrung. Daher gilt emotionaler Ausdruck, insbesondere von Traurigkeit oder Angst, der als weibliche Eigenschaft angesehen wird, als unvereinbar mit „echter Männlichkeit“.[11]

Diese Normen spiegeln sich auch im Gesundheitsverhalten wider. Studien zeigen, dass eine starke Orientierung an traditionellen Männlichkeitsnormen mit geringerer Inanspruchnahme von Hilfe und einem erhöhten Risiko schädlicher Bewältigungsstrategien, etwa Substanzmissbrauch, einhergeht.[12] Depression, als Krankheit, die Gefühle der Hilflosigkeit hervorruft, widerspricht direkt der Vorstellung, dass Männer stets stark und souverän sein müssen.

Infolgedessen ignorieren Männer, die sich stark mit hegemonialen Männlichkeitsnormen identifizieren, oft ihre Symptome oder bemühen sich nach Kräften, sie zu verbergen.[13]

3.  Minority-Stress-Theorie

Die Minority-Stress-Theorie bietet eine zusätzliche Perspektive auf den Umgang nicht-heterosexueller Männer mit Depression. Sie wurde vom Psychologen I. H. Meyer entwickelt und besagt, dass Angehörige stigmatisierter sozialer Gruppen chronischem Stress ausgesetzt sind, der aus Diskriminierung, sozialer Ausgrenzung und Vorurteilen resultiert.

Für nicht-heterosexuelle Männer umfasst dies äußere Stressoren wie Belästigung, Gewalt und strukturelle Diskriminierung sowie innere Stressoren wie internalisierte Homophobie, Unterdrückung der eigenen sexuellen Identität oder Angst vor Zurückweisung. Die kumulative Wirkung dieser Belastungen erhöht langfristig die Anfälligkeit für psychische Erkrankungen, einschließlich Depression.[14]

4.  Vergleich

4.1 Heterosexuelle Männer und hegemoniale Männlichkeit

Für heterosexuelle Männer stellt hegemoniale Männlichkeit oft ein normatives Ideal dar, dem sie nacheifern sollen. Die Unterdrückung von Gefühlen wird zu einer Schlüsselstrategie, um glaubwürdige Männlichkeit aufrechtzuerhalten.

Da depressive Symptome den Erwartungen an Stoizismus direkt widersprechen, versuchen viele Männer, ihre Symptome so umzudeuten, dass ihr männliches Image gewahrt bleibt. Anstatt ihre Traurigkeit anzuerkennen und auszudrücken, externalisieren sie ihre Gefühle in Form von Wutausbrüchen oder übermäßiger Arbeit. Obwohl ihnen diese Verhaltensweisen ermöglichen, ihr Bild von Härte und Kontrolle aufrechtzuerhalten, können sie Diagnose und Behandlung erheblich verzögern. Auch die Vermeidung professioneller Hilfe dient dem Erhalt hegemonialer Männlichkeit. Therapie wird mitunter als Eingeständnis von Schwäche und mangelnder Selbstständigkeit wahrgenommen. Die Angst vor sozialer Bewertung führt zu einer geringeren Nutzung psychotherapeutischer Angebote.[15]

Darüber hinaus haben heterosexuelle Männer in ihrem Umfeld möglicherweise weniger Gelegenheiten, sich offen verletzlich zu zeigen, da Männer häufig davon abgehalten werden, intime Freundschaften untereinander zu pflegen, da dies ihre sexuelle Orientierung in Frage stellen würde. Dies bedeutet, dass Männer weniger Räume haben, in denen sie sich wohlfühlen und ihre Probleme äußern können, was zu Isolation führt, die depressive Symptome verstärkt.[16]

Daher beeinflusst die hegemoniale Männlichkeit Depression bei heterosexuellen Männern vor allem durch verinnerlichte Erwartungen an Stoizismus und Unabhängigkeit, die die Anerkennung emotionalen Schmerzes und die Inanspruchnahme formeller Hilfe verhindern.

4.2 Nicht-heterosexuelle Männer und hegemoniale Männlichkeit

Nicht-heterosexuelle Männer befinden sich in einer komplexeren Position. Einerseits unterliegen sie als Männer hegemonialen Normen, andererseits werden sie aufgrund ihrer Sexualität von diesen ausgeschlossen. Da hegemoniale Männlichkeit eng mit Heterosexualität verbunden ist, gilt nicht-heterosexuelle Orientierung als abweichend. Somit wären sie einem doppelten Stigma ausgesetzt: einem Stigma aufgrund einer psychischen Erkrankung und einem Stigma aufgrund ihrer nicht-heterosexuellen Identität.

Minority Stress erhöht das Depressionsrisiko deutlich. Diskriminierung, Zurückweisung und internalisierte Homophobie erzeugen chronische Belastung und Isolation.

In diesem Sinne sind nicht-heterosexuelle Männer Stressfaktoren ausgesetzt, denen heterosexuelle Männer nicht ausgesetzt sind.[17]

Gleichzeitig ist das Verhältnis nicht-heterosexueller Männer zur hegemonialen Männlichkeit nicht einheitlich und kann sich auf vielfältige Weise äußern. Da sie von den dominanten Männlichkeitsidealen ohnehin ausgeschlossen sind, verspüren manche nicht-heterosexuelle Männer möglicherweise keinen Druck, sich Normen anzupassen, die von Männern ständige Stärke und Stoizismus fordern. Dies ermöglicht die Entwicklung offener und verletzlichkeitsfreundlicher Formen von Männlichkeit.[18]

Andererseits verinnerlichen viele nicht-heterosexuelle Männer nach wie vor traditionelle Männlichkeitsnormen und schämen sich für ihre sexuelle Orientierung sowie für ihre psychischen Erkrankungen. Der Druck, ihre Männlichkeit beweisen zu müssen, wird durch ihre Queerness noch verstärkt. Die Tatsache, dass ein wesentlicher Teil ihrer Identität – ihre Sexualität – bereits als unmännlich gilt, führt dazu, dass sie noch mehr Energie in die Verbergung ihrer Identität und die Anpassung an das traditionelle Bild eines Mannes investieren müssen. Dieser Wunsch, als „echter Mann“ wahrgenommen zu werden, stellt eine zusätzliche Belastung für ihr psychisches Wohlbefinden dar.[19] Darüber hinaus können Rasse, Klasse und andere sich überschneidende Identitäten diese Problematik verkomplizieren, da verschiedene Kulturgruppen unterschiedliche Werte in Bezug auf Männlichkeit haben und aufgrund ihres Minderheitenstatus unterschiedlich stark von Marginalisierung betroffen sind.[20]

Anders als heterosexuelle Männer, deren Haupthindernis die Anpassung an männliche Normen ist, erleben nicht-heterosexuelle Männer sowohl Ausgrenzung als auch das Streben nach hegemonialer Männlichkeit. Diese ambivalente Situation prägt unterschiedliche Bewältigungsstrategien für Depression, darunter eine erhöhte Verletzlichkeit und in manchen Fällen eine größere Offenheit für professionelle Hilfe.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Ausmaß des Leids, dem die jeweiligen Gruppen ausgesetzt sind, sondern in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen sie sich befinden und die maßgeblich den Umgang mit diesem Leid beeinflussen. Die Vermeidungstaktik heterosexueller Männer ist primär durch die Konformität mit dominanten Idealen bedingt, während die Erfahrungen nicht-heterosexuelle Männer durch eine Kombination aus Ausgrenzung von diesen Idealen und Belastungen aufgrund ihres Minderheitenstatus geprägt sind.

5.  Diskussion

Hegemoniale Männlichkeit scheint allen Männern zu schaden, indem sie psychische Erkrankungen als Schwäche darstellt und Verletzlichkeit sowie die Suche nach Hilfe unterbindet. Das stoische Ideal schafft ein Umfeld, in dem das Eingeständnis von Problemen ein persönliches Versagen in der eigenen sozialen Rolle bedeutet. In diesem Sinne stellt hegemoniale Männlichkeit einen Risikofaktor für die öffentliche Gesundheit dar.

Der Einfluss von Stigmatisierung variiert jedoch je nach sexueller Orientierung. Sie verstärkt oft Konformität und hemmt die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen, während sie nicht-heterosexuelle Männer benachteiligt und zusätzliche Stigmatisierung und Minderheitenstress verursacht. Heterosexuelle Männer kämpfen vor allem mit Selbststigmatisierung aufgrund von Schwächeängsten. Nicht-heterosexuelle Männer kämpfen mit Selbststigmatisierung, die oft mit internalisierter Homophobie zusammenhängt, sowie mit öffentlicher Stigmatisierung aufgrund struktureller Diskriminierung.

Gesundheitssysteme selbst können hegemoniale Normen stillschweigend verstärken. Kampagnen zur Aufklärung über psychische Gesundheit stellen häufig professionelle Hilfe in den Vordergrund, ignorieren aber bewusst schädliche Verhaltensweisen bei Männern, die auf Selbststigmatisierung und der Anpassung an Geschlechternormen beruhen.[21]

Wirksame Präventions- und Behandlungsstrategien sollten daher direkt auf Probleme im Zusammenhang mit Männlichkeit eingehen. Kampagnen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sollten die Gleichsetzung von Verletzlichkeit mit Schwäche hinterfragen und alternative Männlichkeitsbilder gleichermaßen unterstützen.

Für heterosexuelle Männer könnte eine Therapie, die Verletzlichkeit als Zeichen von Stärke und Selbstbestimmung normalisiert, Barrieren abbauen.

Für nicht-heterosexuelle Männer sollte die Behandlung den zusätzlichen Minderheitenstress durch die Förderung inklusiver Richtlinien, LGBTQ-freundlicher psychologischer Beratungsangebote und Antidiskriminierungsrichtlinien berücksichtigen.

Fazit

Die Untersuchung von Depression aus der Perspektive hegemonialer Männlichkeit zeigt, dass die psychische Gesundheit von Männern untrennbar mit umfassenderen Systemen geschlechtsspezifischer Machtverhältnisse verbunden ist. Dominante Männlichkeitsideale diktieren nicht nur, welche Eigenschaften Männer haben sollten, sondern auch, wie Depression bei Männern zum Ausdruck kommen und wahrgenommen werden. Für heterosexuelle Männer stellen hegemoniale Ideale einen verinnerlichten Standard dar, den sie an sich selbst und anderen Männern messen. Die Bestätigung, die sie für die Einhaltung dieser Normen erhalten, kann emotionale Verletzlichkeit als soziales Risiko erscheinen lassen. Daher wird stilles Leiden als Preis für die Aufrechterhaltung der männlichen Fassade angesehen, und Depression werden als nicht Bestandteil akzeptierter Männlichkeitsbilder betrachtet.

Die Perspektive nicht-heterosexueller Männer offenbart eine weitere Ebene: Hegemoniale Männlichkeit marginalisiert sie gleichzeitig und übt Konformitätsdruck aus. Ihre Erfahrungen zeigen, dass Männlichkeit nicht nur von denen gestärkt wird, die sie verkörpern, sondern auch von denen, die außerhalb dieser Vorstellung stehen. Manche Männer begegnen dieser Marginalisierung, indem sie sich selbst noch mehr unter Druck setzen, der dominanten Form von Männlichkeit zu entsprechen, was ihrem psychischen Wohlbefinden schadet. Andere hingegen pflegen alternative Formen von Männlichkeit, die die Unterstützung der queeren Community und eine positive Einstellung zur Therapie einschließen. Dies verdeutlicht, dass Männlichkeit weder festgelegt noch einheitlich ist, genauso wenig wie der Umgang von Männern mit Depression.

Um weitreichende Veränderungen zu erzielen, reicht es nicht aus, die individuelle Inanspruchnahme von Hilfe zu fördern. Vielmehr muss ein kultureller Wandel in der Wahrnehmung von Verletzlichkeit und Emotionalität im Zusammenhang mit Männlichkeit bewirkt werden. Wenn die Verbindung zwischen Emotionen und Schwäche aufgehoben und verschiedene Ausdrucksformen von Männlichkeit akzeptiert werden, kann Depression früher und offener behandelt werden. Letztlich erfordert die Transformation männlicher Normen nicht die Abwertung von Männern, sondern die Erweiterung des Spektrums an Ausdrucksmöglichkeiten, die Männer haben können, ohne dabei tabuisiert zu werden.

Literaturverzeichnis

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World Health Organization. “Depression.” Fact sheet. accessed February 23, 2026. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression


[1] World Health Organization. “Depression.” Fact sheet. Accessed February 23, 2026. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression

[2] Mahalik, James R., and Aaron B. Rochlen. „Men’s likely responses to clinical depression: What are they and do masculinity norms predict them?.“ Sex roles 55, no. 9 (2006). S.  660.

[3] Connell, Robert W., and James W. Messerschmidt. „Hegemonic masculinity: Rethinking the concept.“ Gender & society 19, no. 6 (2005): S. 832.

[4] Courtenay, Will H. „Constructions of masculinity and their influence on men’s well-being: a theory of gender and health.“ Social science & medicine 50, no. 10 (2000): S. 1389.

[5] Connell and Messerschmidt 2005, S. 834.

[6] Meyer, Ilan H. „Minority stress and mental health in gay men.“ Journal of health and social behavior (1995): S. 38-39.

[7] National Institute of Mental Health, “Major Depression,” Health Statistics, accessed February 23, 2026, https://www.nimh.nih.gov/health/statistics/major-depression

[8] Latalova et al. 2014, S.1399

[9] Mahalik and Rochlen 2006, S. 660.

[10] Connell and Messerschmidt 2005, S. 832

[11] Levant, Ronald F., K. Bryant Smalley, Maryse Aupont, A. Tanner House, Katherine Richmond, and Delilah Noronha. „Initial validation of the male role norms inventory-revised (MRNI-R).“ The Journal of men’s Studies 15, no. 1 (2007): S. 84.

[12] Mahalik and Rochlen 2006, S. 665.

[13] Courtenay 2014, S. 1389.

[14] Meyer 1995, S. 39-41.

[15] Courtenay 2014, S.1389.

[16] Carbonaro, William. „Deep Secrets: Boys’ Friendships and the Crisis of Connection.“ (2014): 1485-1486.

[17] Meyer 1995, S. 40-41

[18] Wilson, Bianca DM, Gary W. Harper, Marco A. Hidalgo, Omar B. Jamil, Rodrigo Sebastián Torres, M. Isabel Fernandez, and Adolescent Medicine Trials Network for HIV/AIDS Interventions. „Negotiating dominant masculinity ideology: Strategies used by gay, bisexual and questioning male adolescents.“ American journal of community psychology 45, no. 1 (2010): S. 181.

[19] Courtenay, 2014, S. 1391.

[20] Meyer 1995, S. 40.

[21] Courtenay 2014, S. 1394.


Quelle: Dunja Bogdanovska, Hegemoniale Männlichkeit und Depression: Eine vergleichende Analyse heterosexueller und nicht-heterosexueller Männer, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 01.07.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=569

Beobachtungen zu weiblich gelesenem Schmerz am Beispiel Endometriose im Gesundheitswesen

Sophie Tannenberg (WiSe 2025-26)

1. Einleitung

„Das ist doch nichts weiter“, „nimm einfach eine Ibu und dann geht das schon“ oder „so schlimm ist es doch nicht“ sind Ausdrücke, die sich viele Personen mit Gebärmutter mindestens ein Mal in ihrem Leben anhören müssen. Gemeint sind hierbei natürlich die Menstruationsschmerzen, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark auftreten. Häufig wird versucht, einfach „die Zähne zusammenzubeißen“ und den Alltag weiter zu bestreiten, dann aber unter einem hohen Leidensdruck, den viele jedoch gut zu kaschieren wissen, denn: es wird nicht, und vor allem nicht gerne, darüber gesprochen. Früher habe ich mich immer geschämt, wenn ich eine Binde aus meinem Schulrucksack nehmen musste. Ich habe sie schnell wie eine illegale Droge in meiner Hosentasche versteckt, damit niemand sieht, dass ich meine Periode habe, das Wort „Periode“ wurde allerhöchstens flüsternd kommuniziert. Dieser weiblich gelesene Schmerz wird also oft versteckt und tabuisiert. Allerdings gibt es nicht den „einen“ Schmerz, sondern verschiedene Ausprägungen und Stärken. Damit kann sogar mehr verbunden sein als nur die Menstruation. Laut Prof. Dr. Sylvia Mechsner erkranken jedes Jahr circa 52.000 weibliche gelesene Personen neu an Endometriose.[1] Damit ist jede zehnte Person mit Gebärmutter betroffen.[2] Diese chronische Krankheit ist noch weitgehend unbekannt. Ich selbst erfuhr erst vor ein bis zwei Jahren davon, als eine Freundin begann, sehr stark darunter zu leiden. Müdigkeit, Kopfschmerz, ungewöhnlich heftige Unterleibschmerzen, Schwächung der Gliedmaßen und Schwindel, um nur ein paar ihrer Symptome zu nennen. Jedoch kann sie nicht behaupten, damit diagnostiziert worden zu sein, denn dies ist ein langwieriger und komplexer Prozess, dem sich nicht alle Betroffenen stellen. Somit kann von einer relativ großen Dunkelziffer ausgegangen werden, da viele Menschen, so wie auch ich, gar nicht von der Krankheit in Kenntnis gesetzt sind und somit womöglich gar nicht wissen, dass sie darunter leiden. Zusätzlich ist ein Gang zum*zur Gynäkolog*in mit weiteren Hürden verbunden, denen sich Patient*innen stellen müssen – vorausgesetzt, sie nehmen diese Behandlungen auf sich. So musste meine Freundin, die regelmäßig gezwungen ist, Ärzt*innen aufzusuchen, schon zahlreiche schlechte Erfahrungen über sich ergehen lassen: von unsensiblen Frauenärzt*innen bis hin zu fragwürdigen Schlussfolgerungen, woraufhin sie die Pille verschrieben bekam, da Hormone ihr als einzige Möglichkeit dargestellt wurden, die Krankheit zu therapieren. Allerdings ist sie auch auf viele verständnisvolle Ärzt*innen gestoßen, die sie beraten und in mögliche Behandlungsoptionen eingeführt haben.

Mit dieser Hausarbeit setze ich mir das Ziel, die These: „eine Normalisierung von weiblich gelesenem Schmerz zeigt sich in der medizinischen Behandlung von Betroffenen mit Endometriose“ näher auszuleuchten. Dabei werde ich auf vorhandene Studien, Stimmen von Betroffenen sowie von medizinischem Personal eingehen. Es werden dabei Hürden von Betroffenen dieser Krankheit offengelegt, aber auch Schwierigkeiten, die seitens des Gesundheitssystems herrschen, wenn es um die Diagnose und Behandlung von Endometriose geht.

Anmerkung: Zum Unterstreichen des Genderaspekts nutze ich hauptsächlich die Bezeichnungen „weiblich oder männlich gelesen“ beziehungsweise „Menschen mit oder ohne Gebärmutter“. Aus Gründen des Umfangs ist es mir nicht möglich, alle weiteren Geschlechter und Geschlechtsausprägungen hinsichtlich jeglicher Aspekte zu betrachten. Jedoch ist wohl offensichtlich, dass beispielsweise Trans- oder Intermenschen zusätzlich Diskriminierung und Pathologisierung im Gesundheitswesen erfahren müssen.

2. Begriffserklärungen

Eng verknüpft ist die Bezeichnung des weiblich gelesenen Schmerzes mit dem des Gender Pain Gaps, welcher ein Phänomen in der medizinischen Behandlung darstellt, bei welchem Ungleichheiten bei eben dieser medizinischen Versorgung zwischen männlich und weiblich gelesenen Personen herrschen. Zugrunde liegt hier unter anderem ein systematisches Unterschätzen weiblich gelesener Menschen und deren Schmerzen.[3] Somit ist das Konzept des Gender Pain Gaps zentral für das Diskutieren der vorliegenden Problematik.

Eine geschlechterdifferenzierte Betrachtung ruft den Begriff der Female Specific Pains hervor. Laut der National Library of Medicine versteht man darunter genauer Gebärmuttermyome, Menstruationsschmerzen im Allgemeinen, Schmerzen während der Schwangerschaft und der Geburt, Menopause und natürlich Endometriose. Häufig fallen darunter aber auch mehr „alltägliche“ Schmerzen, die auf den ersten Blick keine geschlechterspezifische Veranlagung haben, etwa Kopfschmerzen, Migräne oder Muskelschmerzen.[4]

Verbunden sind diese Begrifflichkeiten mit dem des Gender Exaggeration Bias, welcher sich auf die stereotypische Annahme bezieht, dass biologische Unterschiede von männlich und weiblich gelesenen Personen eine Unterscheidung in ihrer Gefühlswahrnehmung zulassen. Somit wird oftmals angenommen, weiblich gelesene Menschen würden ihren Schmerz dramatisieren und eigentlich weniger empfinden, als sie aussagen.[5]

Besonderes Augenmerk wird in dieser Ausarbeitung auf die Thematik der Endometriose gelegt. Diese ist eine chronische Erkrankung der Gebärmutter, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt und auch Endometrium genannt wird, außerhalb der Gebärmutter wächst. Zysten und Entzündungen können sich beispielsweise an den Eierstöcken, im Bauch- und Beckenraum, aber auch an der Lunge bilden. Theoretisch kann das Endometrium überall im gesamten Körper wachsen, das häufigste Vorkommen ist allerdings im Bauchraum. Wichtig ist hierbei die Unterscheidung zum Menstruationszyklus. Dabei wird die Gebärmutterschleimhaut auf- und wieder abgebaut. So passiert das auch bei dem Endometrium, bei diesem kann aber die Blutung im Gegensatz zur Menstruation den Körper nicht verlassen, woraufhin sich erst so genannte Endometrioseherde und schließlich Endmoetriosezysten bilden. Die genauen Entstehungsursachen für Endometriose sind allerdings noch unbekannt. Die Symptome sind unterschiedlich und individuell, können lokal oder im gesamten Körper auftreten – oder sich gar nicht äußern. Häufig sind jedoch starke Unterleibschmerzen während und unabhängig von der Menstruation gegeben, außerdem Rücken- und Gliederschmerzen während der Periode, starke oder unregelmäßige Monatsblutung, Schmerzen während und nach dem Geschlechtsverkehr und Unfruchtbarkeit, um nur ein paar zu nennen. Damit einhergehend sind psychische Belastungen wie Depressionen, aber auch physische Lasten wie Müdigkeitserscheinungen oder eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte während der Menstruation.[6]

3. Analyse & Argumentation

Allgemeine Beobachtungen lassen erkennen, dass aufgrund von jahrhundertealten Ansichten innerhalb der medizinischen Forschung der männlich gelesene Körper als „Goldstandard“ betrachtet wurde und teilweise immer noch wird. Alles von dieser besagten Norm Abweichende galt als „atypisch“ oder „anormal“.[7] Für die heutige Zeit bedeutet das, dass klinische Studien laut der Ärztekammer Berlin weitestgehend an männlich gelesenen Probant*innen durchgeführt werden. Als Grund können dafür die hormonellen Unterschiede zu weiblich gelesenen Personen angeführt werden, da diese anders auf Medikamente reagieren können. Zwar erfolgte im Jahr 2003 die Gründung des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin und geschlechterspezifische Lehrinhalte sind Teil des Studiums an der Charité, jedoch kommen Geschlechterverschiedenheiten, zum Beispiel bei Krankheiten und Behandlungsweisen, nur in 70,4% aller Medizinischen Fakultäten in Deutschland vor.[8] Andersherum bedeutet dies natürlich aber auch eine deutliche Benachteiligung männlich gelesener Menschen, die wiederum erst spät mit stereotypisch „weiblichen“ Krankheiten diagnostiziert werden, darunter zählen zum Beispiel unter anderem Depression, Brustkrebs oder Osteoporose.[9] Aufgrund dieser langen Fokussierung auf den männlich gelesenen Körper ist es somit nicht verwunderlich, dass der weiblich gelesene Körper und somit auch Female Specific Pains nicht ausreichend erforscht sein können. Der zentrale Begriff hierfür ist der sogenannte Gender-Data-Gap.[10] Ein Fortschritt dieser Problematik zeigt sich jedoch in der sogenannten Gendermedizin, welche bemüht ist, Gender sowie Sex (Geschlecht) in der medizinischen Versorgung zu berücksichtigen.[11]

Nichtsdestotrotz wird weiblich gelesener Schmerz oftmals als emotionales Konstrukt betrachtet. Gestützt wird diese doch noch recht häufige Annahme durch das Vorurteil, Frauen seien hysterisch und emotional, würden übertreiben und somit über ihre Schmerzen in gewisser Weise lügen.[12] Aus diesen Annahmen über die „irrationale“ Gefühlswelt von weiblich gelesenen Personen ergab sich eine Studie, die zeigte, dass Teilnehmer*innen von männlich gelesenen Personen erwarten, weniger Schmerz zu artikulieren als sie tatsächlich fühlen und von weiblich gelesenen Personen, dass diese mehr Schmerz artikulieren als sie fühlen.[13] Somit kann hier der sogenannte Gender-Pain Exaggeration Bias belegt werden. Dieser wiederum kann als Argument dafür dienen, dass weiblich gelesene Personen mit Schmerzen, die auf Endometriose hindeuten, vom Personal im Gesundheitssystem weniger Beachtung finden.

Aus dem oben genannten Argument und dem Gender-Pain Exaggeration Bias ergibt sich zwangsläufig eine Verharmlosung weiblich gelesenen Schmerzes durch medizinisches Personal. Wie eingangs bereits erwähnt, wird der Schmerz weiblich gelesener Personen im Gesundheitssystem häufig unterschätzt oder gar belächelt.[14] Die Folge daraus kann eine Fehldiagnose oder ein falsches oder unzureichendes Rezept sein, was bei den Patient*innen wiederum Frustration oder eine Akzeptanz ihrer Schmerzen auslöst, welche schnell gefährlich werden kann. Ein allgemeineres Beispiel für die offensichtliche Unterscheidung und Benachteiligung weiblich gelesener Menschen im Gesundheitswesen ist die 29% längere Wartezeit, die weiblich gelesene Patient*innen im Gegensatz zu männlich gelesenen Patient*innen in der Notaufnahme mit Brustschmerzen haben. Die Behandlung dieser Personen fiel deutlich unzureichender aus.[15] Speziell für von Endometriose Betroffene bedeutet dieses weniger ernst genommen werden, starke Unterleibschmerzen oftmals der Menstruation zugeschrieben zu bekommen. Eine britische Studie aus dem Jahr 2021 fand heraus, dass sich 84% der Teilnehmenden beziehungsweise Menschen aus ihrem Umfeld vom Personal des Gesundheitswesens nicht gesehen oder in ihren Anliegen gehört gefühlt haben. Das Augenmerk lag hier nicht spezifisch auf Endometriose, sondern ist eine allgemeine Feststellung. Jedoch wird in dieser Studie ein*e Teilnehmer*in zitiert, welche von einer Verharmlosung ihrer Schmerzen spricht, welche als „normale Periodenschmerzen“ abgetan werden, sie würde übertreiben und sich das Ausmaß der Schmerzen lediglich einbilden. Schlussendlich litt die Betroffene unter Endometriose.[16] Hier liegt also eindeutig wieder der Gender Pain Exaggeration Bias vor, da unter anderem angenommen wird, weiblich gelesene Menschen würden ihre Schmerzen „überdramatisieren“. Eine weitere, gezielt auf Endometriose konzentrierte Umfrage zum Diagnoseverfahren aus Großbritannien, berichtet von 78% der Endometriosebetroffenen, welche von einem oder mehreren Vorfällen berichten können, bei denen ihnen Ärzt*innen sagten, sie würden „viel Lärm um nichts“ machen oder ähnliches. Diese Prozentzahl hat sich seit 2020 erhöht, damals waren es 69%.[17] Zu den körperlichen Belastungen kommen häufig psychische Beschwerden, unter denen Betroffene von Endometriose leiden. Diese können verschiedene Ursprünge haben, so beispielsweise alltägliche Einschränkungen durch die körperlichen Schmerzen, durch welche sich die allgemeine Lebensqualität hinsichtlich Beruf, Privatleben und sozialer Teilhaber zusehends verschlechtern kann.[18]

Eine Normalisierung weiblich gelesenen Schmerzes zeigt sich in der medizinischen Behandlung besonders im langwierigen Diagnoseverfahren von Endometriose. Eine Diagnose zur Endometriose beträgt nicht selten sechs bis zehn Jahre.[19] Oft löst dieses lange Warten auf einen Termin oder ein Ergebnis psychischen Stress aus, der zu einer zusätzlichen mentalen Belastung führt.[20] Dieser lange Weg zu einer finalen Diagnose hat allerdings vielfältige Gründe, die nicht alle auf ein exklusives Gesundheitssystem zurückzuführen sind. So zeichnet sich Endometriose durch ein uneindeutiges Krankheitsbild ab, welches viele verschiedenartige Symptome beinhaltet, welche bereits oben erwähnt wurden. Dieses breite Spektrum an Symptomen lässt keine schnelle und eindeutige Entscheidung zu, es müssen mehrere verschiedenen Verfahren zum Tragen kommen, zum Beispiel Anamnesegespräche, Tastuntersuchungen, Ultraschall oder eine Darmspiegelung. Daraus ergeben sich die jahrelangen Gänge zu Ärzt*innen, die Betroffene unternehmen müssen. Um eine vollständige Diagnose zu erhalten, braucht es jedoch einen operativen Eingriff.[21] Durch diesen können zentrale Endometrioseherde gezielt entfernt werden.[22] Eine eindeutige Diagnose ist von großer Bedeutung, da aufgrund dieser eine Therapie angepasst werden kann. Oftmals wird Endometriose durch Linderung der Symptome therapiert, am häufigsten sind hierbei Operationen und Hormonbehandlungen.[23]

Prof. Dr. med. Sylvia Mechsner, Professorin für Endometrioseforschung an der Charité Berlin, legte in einem Interview offen, dass Frauenärzt*innen keine spezielle Schulung in Bezug auf Schmerz-Anamnesen haben. Das bedeutet, dass Gynäkolog*innen gezwungen sein können, eine schnelle Lösung zu finden, welche, wie bereits erwähnt, häufig aus einer Hormontherapie besteht.[24] Hier können allerdings weitere psychische Belastungen als Nebenwirkungen, beispielsweise durch das Einnehmen der Pille, entstehen und depressive Verstimmungen auslösen.[25] Um eine differenzierte Entscheidung zu fällen, welche Menstruationsschmerzen tatsächlich normal sind und welche nicht, muss ein ausführliches Anamnesegespräch stattfinden, auf welches Frauenärzt*innen nicht ausreichend trainiert sind, da diese Schmerzen auch weiterhin ein nebensächliches Thema selbst in der Ausbildung von medizinischem Personal zu sein scheinen.[26]

Eine zusätzliche Schwierigkeit stellen ökonomische Mängel beziehungsweise Vorbehalte dar. Laut der Endometriose-Vereinigung wurde am 28.05.2025 eine Erhöhung der Forschungsgelder von 8,5 Millionen Euro verkündet.[27] Bis 2023 wurden nur 500 000 Euro in die Erforschung dieser Krankheit gesteckt, ab 2023 waren es dann 5 Millionen Euro.[28] Diese Entwicklungen zeigen, dass sich die Thematik allmählich Gehör verschafft und Anklang auch in der Politik findet, allerdings wird dadurch ebenfalls deutlich, dass die Krankheit eben unter anderem aus finanziellen Gründen bislang großflächig unerforscht blieb beziehungsweise nicht genügend untersucht wurde. Die nötigen finanziellen Mittel waren einfach nicht ausreichend gegeben.

Die langwierigen Therapien erzwingen außerdem hohe Kosten für das Gesundheitssystem.[29] So betragen die direkten sowie indirekten Kosten der Behandlung von Endometriose 4.137.992 Euro,[30] wobei sich die direkten Kosten auf ambulante und stationäre ärztliche Pflege sowie den Medikamentenverbrauch beziehen. Bei diesen direkten Kosten ergibt sich der Großteil, nämlich 31%, aus der stationären Behandlung (zumindest im Jahr 2017, aus welchem diese Arbeit und somit die Quelle stammt). Am eindrücklichsten stechen hier die Zahlen der indirekten Kosten heraus, in denen Arbeitsausfall, Erwerbsminderung und Arbeitszeitreduzierung die Unterteilungen bilden. Der Arbeitsausfall mit 2.766 Euro stellt dabei den größten Anteil dar. Dieses Beispiel demonstriert einmal mehr die alltäglichen und sozialen Einschränkungen, denen sich Betroffene mit Endometriose ausgesetzt sehen. Diese können bis hin zu einer temporären Unfähigkeit, den eigenen Beruf auszuüben, reichen.

4. Fazit und Ausblick

Abschließend lässt sich festhalten, dass weiblich gelesener Schmerz immer weiter ins Licht der Beachtung der Gesellschaft rückt, diese Entwicklung allerdings immer noch sehr langsam vonstatten geht. Die Recherche und Erstellung dieser Arbeit haben deutlich gemacht, dass die These „eine Normalisierung von weiblich gelesenem Schmerz zeigt sich in der medizinischen Behandlung von Betroffenen mit Endometriose“ kein Schwarz-Weiß-Denken erlaubt, da diese Problemstellung sehr vielschichtig ist und dieser viele Argumente zugrunde liegen. Allen voran der Gender Pain Gap, der als grundlegendes Problem anzuerkennen ist. Viele Studien zeigen klar, dass weiblich gelesener Schmerz in der Gesellschaft und somit auch im medizinischen Bereich oftmals nicht ernst genommen oder gar verharmlost wird. Jedoch wird der Gender Pain Gap bereits teilweise bekämpft. So zum Beispiel durch schrittweises Aufbrechen bisheriger Muster und Anschauungen. Der gendermedizinische Ansatz findet zwar immer noch einen recht kleinen Platz im Medizinstudium, allerdings fordern beispielsweise die Ärztekammer Berlin eine feste Verankerung von Gendermedizin im Studium. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der nicht unterschätzt werden sollte, ist die Finanzierung von Forschungen. Hier wird seit einigen Jahren die Endometrioseforschung durch erhöhte Forschungsinvestitionen, aktuell in Höhe von 8,5 Millionen Euro[31], vorangetrieben. Doch zeigen die bisherigen Erkenntnisse, vor allem was die Entstehung und zielführende Bekämpfung der Krankheit angeht, dass diese noch unzureichend erforscht ist und der Behandlung hohe Kosten zugrunde liegen. Prof. Dr. Mechsner des Endometriosezentrums der Charité Berlin plädiert für mehr Gründungen solcher Zentren als spezielle Orte, an denen Patient*innen ohne Vorurteile behandelt werden können und eine Tabuisierung der Thematik ausgeschlossen ist. Dies könnte zu einer erhöhten Sichtbarkeit und mehr Respekt bezüglich weiblich gelesenen Schmerzes führen. Dass die Krankheit ernster genommen werden muss, hat sich während der Recherche immer wieder ergeben. Besonders das medizinische Personal sollte dahingehend ausführlicher geschult werden, das Gesundheitssystem durch eine bessere Finanzierung versuchen, größere Kapazitäten für Gynäkolog*innen einzuräumen, um Betroffenen einen langen und kraftzehrenden Leidensweg zu ersparen oder diesen zumindest zu vereinfachen. Im Hinblick auf meine anfangs herrschende Unwissenheit wäre ein sinnvoller Schritt, die Krankheit Endometriose in der Gesellschaft sichtbarer zu machen und über die Thematik aufzuklären. Es sollte die Möglichkeit geben, sich darüber zu informieren und zu ermutigen, sich der Tabuisierung und den Vorurteilen entgegenzustellen.

5. Literaturverzeichnis

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[1] Serbent, Ulrike. Endometriose: Die unsichtbare Krankheit. AOK, Presse und Politik.

[2] The LanCet. Endometriosis: Addressing the Roots of slow Progress.

[3] Gender Pain Gap: Warum weibliche und männliche Schmerzen nicht gleichbehandelt werden. Medi-Karriere.

[4] Laughey et al. In: Pain in women: bridging the gender pain gap. National Center for Biotechnology Information.

[5] Paganini et al. Women exaggerate, men downplay.

[6] Basiswissen Endometriose. Hg. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

[7] Marts, Sherry a. u. Keitt, Sarah (2004). „Principles of Sex-based Differences in Physiology“.

[8] Ärztekammer Berlin. (06. März, 2025). Gendermedizin im Medizinstudium verankern! [Pressemeldung].

[9]ebd.

[10] Oertelt-Prigione, Sabine. „Die Entstehung der geschlechtersensiblen Medizin – von der Frauengesundheitsbewegung zum Gender-Data-Gap“. Bundesstiftung Gleichstellung.

[11] Oertelt-Prigione, Sabine. „Definitionen – geschlechtersensible Medizin, Gendermedizin, Frauengesundheit oder doch etwas anderes?“ Bundesstiftung Gleichstellung.

[12]Lloyd et al. Women exaggerate, men downplay. Hg. Department Of Health & Human Sercives USA.

[13]Paganini et al. „Study 1: Discussion“. In: Women exaggerate, men downplay. Hg. Department Of Health & Human Sercives USA.

[14]Pronina, I., 6 Rule, N.O. (2014). Including bias modulates sensitivity to nonverbal cues of other’s pain. European Journal of Pain.

[15] Sex and Race Differences in the Evaluation and Treatment of Young Adults Presenting to the Emergency Department With Chest Pain. In: Journal of the American Heart Assosiation.

[16]Department for Health and Social Care: Call for evidence outcome: results oft he ‚women’s Health – Let’s talk about it‘ survey.

[17] „Dismisses, ignored and belittled“ in: The long road to endometriosois diagnosis in the UK.

[18]von Korff, M. & Simon, G. The relationship between pain and depression. British Journal of Psychiatry.

[19] Meier zu Biesen, Caroline: Endo-Werden und -Nicht-Werden Eine geschlechtersensible Perspektive auf das Leben mit Endometriose. in: Curare Gender und Medizin.

[20]Wischmann, T. Psychologische Aspekte bei Endometriose und Kinderwunsch – einige kritische Anmerkungen.

[21] Basiswissen Endometriose. Hg. Endemetriose-Vereinigung Deutschland e.V. 2024.

[22] Erbas, Deniz. Operative Therapie. in: Dissertation: Die ambulante Behandlung von Endometriosepatientinnen unter klinischen und gesundheitsökonomischen Aspekten in einer Einzelpraxis für Gynäkologie und Geburtshilfe.

[23] Serbent, Ulrike in: Endometriose: Die unsichtbare Krankheit. AOK Presse und Politik.

[24] Priess, Sabine. Das kommt schon an Geburtsschmerzen heran. rbb24.

[25]Schäfer, S. D. & Kiesel, L. Diagnostik und Therapie der Endometriose nach der S2k-Leitlinie. Der Gynäkologe.

[26] Priess, Sabine. Das kommt schon an Geburtsschmerzen heran.

[27]Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

[28]5 Millionen für Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

[29] Gao X et al. Economic burden of endometriosis. Fertil Steril.

[30]Erbas, Deniz. Volkswirtschaftliche Bedeutung. in: Dissertation: Die ambulante Behandlung von Endometriosepatientinnen unter klinischen und gesundheitsökonomischen Aspekten in einer Einzelpraxis für Gynäkologie und Geburtshilfe.

[31] Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.


Quelle: Sophie Tannenberg, Beobachtungen zu weiblich gelesenem Schmerz am Beispiel Endometriose im Gesundheitswesen, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 01.07.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=566

„Frauenkrankheiten“: Die Rechtfertigung von Wissenslücken und Trivialisierung von Leid am Beispiel von Endometriose

Nadja Isabel Dörner (WiSe 2025-26)

1.  Endometriose und die Gender Data Gap

Laut der World Health Organisation[1] (n.d.) definiert sich Endometriose durch das pathologische Wachsen von Gebärmutterschleimhaut-ähnlichem Gewebe an jeglichen anderen Orten im Körper. Weltweit sind nach Schätzungen der WHO rund 10% aller menstruierenden Personen[2] – etwa 190 Millionen – betroffen.

Häufige Symptome sind etwa chronische Schmerzen, starke Blutungen während der Periode und Müdigkeit. In Wechselwirkung mit physischen Beschwerden sind auch psychologische und soziale Beeinträchtigungen typisch: Die WHO zählt mitunter auf ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Angststörungen sowie soziale Isolation auf.

Das Forschungsteam um As-Sanie (2019) weist darauf hin, dass rund 95% aller Betroffenen mindestens eine komorbide somatische Krankheit wie ME/CFS oder psychische Störung wie eine Angststörung haben.

Eine Konsequenz des Zusammenspiels aus Prävalenz und ausgeprägten Einflusses auf die Lebensqualität von Endometriose ist ein objektiv negativer ökonomischer Effekt (WHO, n.d.). Meiner persönlichen Schlussfolgerung nach handelt es sich aus diesen Gründen um eine ernstzunehmende Krankheit, deren Erforschung von gesamtgesellschaftlichem Interesse und Nutzen wären. Jedoch klingt bereits auf der offiziellen Website der WHO ein dazu im Kontrast stehendes Ausmaß an Nicht-Wissen von Ätiologie bis zu effektiver Behandlung an: „The causes of endometriosis are unknown. […] There are no existing treatments that definitively cure the disease“ (Paragraph 3; Paragraph 5).

Ein Bericht der Zeitschrift The Cardiffian (2025) thematisiert in einem Artikel zum EndoMarch – einer jährlichen Demonstration mit dem Ziel, Aufmerksamkeit auf Endometriose zu lenken – die von Endometriose-Patient*innen empfundene Unverhältnismäßigkeit dieser Wissenslücken. Teilnehmerin der Demonstration und Mitglied des walisischen Parlaments Jenny Rathbone beschreibt die aktuelle Situation als inakzeptabel. Es sei ihrer Meinung nach notwendig, die Regierung aktiv unter Druck zu setzen, die Versorgungslage zu verbessern.

Der auch im Artikel gemachte Vergleich zwischen der Erforschung von Endometriose und männlicher Kahlköpfigkeit ist im Internet weit verbreitet. Es gibt regelmäßig Posts in verschiedenen sozialen Medien mit Tausenden von Likes [3], die damit Defizite unter anderem in der Endometriose-Forschung ansprechen.

Zur Erklärung dieser Defizite kann mitunter das Konstrukt der Gender Data Gap herangezogen werden, welches die Bundesstiftung Gleichstellung (n.d.) als „[…] Lücke im Wissen zur geschlechterspezifischen Wirksamkeit von Medikamenten und Behandlung von Krankheiten […]“ (Paragraph 6) definiert.

Darauf basierend wird sich diese Hausarbeit zunächst mit der systematischen Unterforschung von Endometriose und den zugrundeliegenden Faktoren auseinandersetzen. Sich an den Begriffen „Frauenkrankheit“ und undone science orientierend werde ich den geschichtlichen Hintergrund und mögliche Einflussfaktoren thematisieren. Darauf folgt meine kurze persönliche Kritik am aktuellen Fokus der Endometriose-Forschung am Beispiel von zwei in den 2010ern veröffentlichten Studien. Anschließend werde ich unter den Leit-Themen Ignoranz und Trivialisierung auf Basis von mehreren Studien zu Erfahrungsberichten von Endometriose-Patient*innen auf Diagnoseverzögerungen, den Mangel an Behandlungsmöglichkeiten und mögliche Auswirkungen auf die mentale Gesundheit eingehen.

Zuletzt folgt eine kurze Reflexion vom Einfluss patriarchaler Strukturen auf Gesundheit, spezifisch in Bezug auf Menstruations-Gesundheit.

Insgesamt sind alle teilnehmenden Personen in den verwendeten Studien dem Anschein nach cis-Frauen, oder identifizierten sich zum Zeitpunkt der Durchführung zumindest als solche. Die offizielle WHO-Website weist darauf hin, dass auch trans* Männer und nicht-binäre Personen an Endometriose erkranken können, verwendet jedoch im weiteren Verlauf mehrmals „Frauen“ als Austauschwort für Patient*innen oder Betroffene. Nicht nur ist der Artikel damit in sich inkonsistent, sondern auch dieser einmaligen Anmerkung unterliegt eine binäre Sicht des biologischen Geschlechts, was inter* Personen weiterhin von der Konversation ausschließt. Vor diesem Hintergrund werde ich geschlechtsneutrale Begriffe verwenden, außer in direktem Bezug auf Zitate von Studienteilnehmerinnen, die in den jeweiligen Studien als weiblich erfasst wurden.

2.  „Frauenkrankheiten“ und das Phänomen der ungeschehenen Wissenschaft

Die Online-Website des Duden (n.d.) definiert Patriarchat im soziologischen Kontext als „Gesellschaftsordnung, bei der der Mann eine bevorzugte Stellung in Staat und Familie innehat und bei der in Erbfolge und sozialer Stellung die männliche Linie ausschlaggebend ist“.

Im Umkehrschluss folgt daraus in patriarchalen Gesellschaften die systematische Unterordnung jeglicher Personen, die nicht-männlich sind beziehungsweise wahrgenommen werden.

2.1.  Ein Einblick in die Geschichte

In einem wissenschaftlichen Artikel schreibt Nicky Hudson (2021) die erste Verwendung des Begriffs „Endometriose“ dem Gynäkologen John Sampson zu, der 1921 erstmals eine Theorie über Ätiologie und biologischen Verlauf der Krankheit aufstellte.

Allerdings existierten Beschreibungen ähnlicher Symptombilder bereits davor: Die frühsten heute bekannten stammen aus der Antike (Hudson, 2021). Historisch können diese Symptom-Cluster mit seit ICD-11 offiziell nicht mehr verwendeten und nicht empirisch belegten Diagnose der Hysterie in Zusammenhang gestellt werden. Beispielsweise werden Betroffene als psychisch instabil und nicht in der Lage, patriarchale Ideale zu erfüllen, dargestellt.

Hudson (2021) stellt die Hypothese auf, dass die somatische Krankheit Endometriose eventuell flächendeckend falsch als psychische Störung, die ausschließlich Frauen betreffen kann, diagnostiziert wurde. Auch heute berichten Endometriose-Patient*innen davon, in ärztlicher Behandlung gesagt zu bekommen, ihre Symptome seien „nur im Kopf“ (Petterson & Berterö, 2020).

2.2.  Die aktive Produktion von Forschungslücken

In demselben Paper erklärt Nicky Hudson (2021): „[Illnesses] common to women are systematically ignored or misattributed as evidence of mental illness, deviant behavior or a lack of self-care“ (S.22).

Endometriose ist eine der somatischen Krankheiten, bei denen dieses nachweislich falsche Verständnis der Ätiologie eingesetzt wird um deren Unterforschung zu rechtfertigen. Werden Ursachen vermeintlich klar kausal auf Psyche und Verhalten der Erkrankten zurückgeleitet, so wird die weitere Erforschung dadurch als unnötig und unwichtig dargestellt.

Unterstützend dient auch die Etikettierung mit dem in diesem Kontext negativ konnotierten Begriff „Frauenkrankheit“. Im Zusammenhang mit der Gender Data Gap, welche indirekt auf die Ansicht des cis-männlichen Körpers als Standard hinweist, werden davon abweichende Körper und damit in Verbindung stehende Symptome, Krankheitsverläufe und gesamte Krankheiten in den Hintergrund gestellt. Ebenfalls relevant in diesem Kontext ist Intersektionalität, da diese Standardisierung von bestimmten Körpern auf mehreren Ebenen von soziodemografischen Merkmalen stattfindet. Das Akronym WEIRD – kurz für White, Educated, Indurstrialized, Rich, Democratic – beschreibt die bis heute anhaltende Selektivität vieler Stichproben von medizinischen und psychologischen Studien (Henrich et al., 2010).

Hudson (2021) beschreibt sogenannte „undone science“ als mehr als nur das passive Vorhandensein von Nicht-Wissen: es gäbe eine aktive Entscheidung, Lücken in einem Forschungsfeld zu akzeptieren. Endometriose beispielsweise werde als mysteriös dargestellt und deshalb die Annahme getroffen, die Krankheit besser zu verstehen sei nicht möglich. Bereits auf rein deskriptiver Ebene wird bei der Klassifikation verschiedener Unterformen von konkreten Aussagen abgesehen: „The scientific concensus is that there is no consensus“ (S.24).

Eine weitere Konsequenz ist die chronische Unterfinanzierung von Endometriose-Forschung. In den USA beispielsweise war Endometriose am unteren Ende der insgesamt 285 Krankheiten, für die der Staat 2018 Fördergelder verlieh (As-Sanie et al., 2019, S.91).

2.3.  Die Zentrierung von cis-Männern in der Endometriose-Forschung

Vor dem Hintergrund der mangelhaften Finanzierung und den Lücken im Verständnis von Ätiologie bis zu Behandlung von Endometriose fielen mir Studien wie die von Vercellini et al. (2013) – mittlerweile revidiert – über den Einfluss von Endometriose auf von Männern wahrgenommene Attraktivität oder die von Culley et al. (2017) über die negativen mentalen Konsequenzen der Krankheit für männliche Partner von Patient*innen besonders auf. Meiner Auffassung nach stellen cis-Männer und deren Erfahrungen in den Fokus einer Erkrankung, die sie nur indirekt betrifft.

Ich sehe durchaus die Wichtigkeit der Erforschung der Belastung, die Krankheiten auch für Angehörige sein können. Allerdings gibt es meiner persönlichen Meinung nach auch potentielle Probleme mit Zitaten wie: „[Male] partners and their needs appear to be marginalized at several levels: healthcare, information, and support, within relationships and within wider society and social life“ (Culley et al., 2017, S.1672).

An Endometriose Erkrankte leben täglich mit somatischen und psychischen Beschwerden, die auch heute nicht immer mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandelt werden. Davon zu sprechen, dass cis-Männer bei einer Krankheit, die sie nicht selbst haben nicht genug zentriert werden, erscheint mir persönlich als Symptom einer Gesellschaft, in der männliche Überordnung Standard ist und eine Abweichung der Priorisierung von Männern von diesen als belastend und unfair wahrgenommen wird.

Anstatt bessere Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten für Personen mit Endometriose, die physisch und mental täglich an dieser Krankheit leiden, zu entwickeln, werden die Erkrankten meiner Meinung nach teilweise auf ihre Funktionen in einer patriarchalen Gesellschaft reduziert: Das Eingehen einer heterosexuellen Beziehung und die damit verbundene unbezahlte Care-Arbeit. Ich bekam das Gefühl, dass diese Studien Endometriose eher im Kontext der potenziellen Gefährdung der Erfüllung von patriarchalen Idealen und Rollenbildern Wichtigkeit zusprachen. Auch wenn dies nicht die Intention der Forschenden widerspiegelt, weist es dennoch meiner Meinung nach auf ein tiefer verankertes gesellschaftliches Problem hin.

Zudem stellte ich während meiner Recherche fest, dass der Einbezug gelebter Erfahrungen von Endometriose-Patient*innen in qualitativen Studien wie etwa der von Grogan et al. (2018) als besonders wichtig und in der Vergangenheit nicht immer gegeben dargestellt wurde. Es erschien mir, als wäre die Kluft zwischen Forschung und Lebensalltag ein weiteres Phänomen einer patriarchalen Gesellschaft: Es wird mehr Forschung über Erkrankte als mit ihnen betrieben. Meiner

Meinung nach könnte hier auch eine Verbindung dazu bestehen, dass Patient*innen die Glaubhaftigkeit ihrer eigenen Erfahrungen von historisch männlich dominierten Forschungskreisen abgesprochen wird.

3.  Ignoranz und Trivialisierung in Diagnostik und Behandlung

3.1.  Diagnostik

Eine an Endometriose erkrankte Studienteilnehmerin namens Olena berichtet: „It’s going to sound insane but first feeling was relief! That after 10 years I was not ‚imagining‘ this pain! Then fear, then anger as to why it took so long to get diagnosed“ (Grogan et al., 2018, S.1370).

Bei diesem Gefühl der Erleichterung handelt es sich um keinen Einzelfall, wie eine Meta-Analyse bestätigt (Pettersson & Berterö, 2020).

Eine Studie von As-Sanie et al. (2019) thematisiert das Fehlen flächendeckend eingesetzter, nicht oder weniger invasiver Methoden zur Endometriose-Diagnose, welches laut der Forschenden vor allem bei jungen Patient*innen von Seiten der Behandelnden, Eltern und auch Betroffenen selbst zu Zögern und damit einer Verspätung in der Diagnostizierung führen könne. Außerdem wurden für aktuelle invasive Diagnose-Maße in neueren Studien niedrige Zusammenhänge mit SymptomSchwere und Einfluss auf die Lebensqualität gefunden. Während also nach einer laparoskopischen Operation, bei der pathologisches Gewebe gefunden und entfernt wird (WHO, n.d.), eine kategoriale Aussage zur Diagnose gemacht werden kann, können Fragen zu tatsächlichen Auswirkungen der Krankheit auf einer dimensionalen Ebene nicht unbedingt beantwortet werden.

Es gibt weitere Barrieren in der Diagnostik. Geschriebene Berichte von Patient*innen aus einer in Großbritannien durchgeführten Online-Studie von Grogan et al. (2018) enthalten Beschreibungen vom Diagnose-Prozess als Kampf, verbunden mit mehrmaligem Aufsuchen von Gesundheitsdienstleister*innen und Beharrlichkeit, teils über mehrere Jahre. Eine teilnehmende Person schreibt retrospektiv über die mentalen Auswirkungen: „[I] had lost faith in health professionals and felt ‚let down‘ by the health care system in general“ (Grogan et al., 2018, S.1369). Eine Meta-Analyse von Pettersson und Berterö (2020) kompilierte wiederkehrende Themen bei den Erfahrungen von Endometriose-Patient*innen mit dem Gesundheitssystem und fand mehrere Einflussfaktoren auf die Diagnose-Verzögerung: Neben zu wenig Wissen von Seiten der Behandelnden wird ebenso die Normalisierung von erfahrenen Beschwerden erwähnt. Chronische Schmerzen wurden als nicht-pathologisches Nebenprodukt von Menstruation etikettiert – den Erkrankten wurde vorgeworfen, diese „normalen“ Schmerzen einfach nicht aushalten zu können – und weitere begleitende Symptome nicht beachtet.

Ein weiterer Faktor könnte die sogenannte Menstruations-Etiquette sein. Kate Seear (2009) stellt die Theorie auf, dass menstruierende Personen aufgrund von bereits erfahrenen oder befürchteten Sanktionen im Privat- und Berufsleben, zum Beispiel Ausgrenzung oder Kritik, Menstruationsprobleme gar nicht erst ansprechen würden. Das Ansehen von Menstruation als „highly stigmatising event“ (Seear, 2009, S.1226) könnte meiner Schlussfolgerung nach potentiell an Endometriose erkrankte Personen auf einen unbestimmten Zeitraum von Gesundheitsdienstleister*innen fernhalten. Die Diagnose-Verzögerung würde damit bereits vor dem ersten Besuch einer ärztlichen Praxis beginnen.

3.2.  Behandlung

Aufgrund des fehlenden Wissens um die Ätiologie von Endometriose liegt der Behandlungs-Fokus auf der Verminderung der körperlichen Symptom-Beschwerden, wobei beide der gängigsten spezifischen Interventionen schwerwiegende Nachteile haben.

Laut dem Forschungsteam um As-Sanie (2019) müssen sich Erkrankte bei hormonellen Therapien zwischen Schmerzlinderung und einer Schwangerschaft entscheiden. Eine laparoskopische Operation zur Entfernung von pathologischem Gewebe garantiert keine Verbesserung der Symptome und kann ein Rezidiv nicht ausschließen.

Auch wegen der Barrieren zur Diagnose werden viele Patient*innen, wie eine Meta-Analyse von Pettersson & Berterö (2020) zeigt, zuerst oder nur über unspezifische Behandlungsmöglichkeiten informiert, zum Beispiel Sport oder Schmerzmittel (NSAR wie Ibuprofen). Die beiden Forschenden heben ebenfalls hervor, dass einige Ärzt*innen eine Schwangerschaft vorschlugen, was nicht nur eine temporäre „Lösung“ darstellt, sondern in einigen Fällen in Widerspruch mit den aktuellen Lebensumständen der Betroffenen stand, von denen einige unfruchtbar waren oder keinen Kinderwunsch hatten.

Aufgrund dieser als mangelhaft oder insensitiv wahrgenommenen professionellen Beratung und Unterstützung beschrieben mehrere Teilnehmende in einer Studie von Grogan et al. (2018), sie hätten selbst – vor allem über das Internet – Endometriose-Expertise erlangen müssen. Jedoch wäre der Versuch, Erfahrungsberichte anderer Personen mit ähnlichen Symptomen einzubringen, auf genervte Reaktionen von Gesundheitsdienstleister*innen gestoßen (Pettersson & Berterö, 2020).

Zum Umgang mit Symptomen verwenden Patient*innen im Alltag verschiedene Bewältigungsstrategien, wie eine Studie von Grogan, Turley und Cole (2018) zeigt. Ein Beispiel ist self-pacing: Das Vermeiden von sozialen Aktivitäten im Privat- und Berufsleben zur Konservierung von Energie. Auswirkungen beinhalten unter anderem das Verlieren von interpersonellen Beziehungen und Gefühle von Schuld und Isolation.

Studien-Teilnehmende berichteten, ihre Beschwerden im Privat- sowie Berufsleben zu verbergen. Sie beschrieben Sorge, die eventuell von ärztlichem Personal bereits erfahrene Trivialisierung von anderen Personen widergespiegelt zu bekommen und nicht mit Verständnis oder Empathie behandelt zu werden (Grogan et al., 2018; Pettersson & Berterö, 2020).

Auf solchen Wegen kann Endometriose auch die mentale Gesundheit beeinflussen.

4.  Patriarchale Strukturen und Menstruations-Gesundheit

Während der Recherche für diese Arbeit habe ich meine eigene festsitzende patriarchale Konditionierung gespürt. Menstruations-Etiquette, Angst vor sozialen Sanktionen und dem nicht ernst genommen werden und Erleichterung beim Erhalten einer Diagnose – denn immerhin war es eben nicht nur „in meinem Kopf“. Das alles sind mir bekannte Phänomene, auch wenn ich ihnen vorher keine Namen geben konnte und mir wenige Gedanken über deren Zusammenhänge im Rahmen einer patriarchalen Gesellschaft gemacht hatte.

Auch die Gedanken zu Scham als patriarchales Machtinstrument von Zayane Heitz (2025) haben mich nachhaltig beeinflusst: Ich möchte nicht mehr zu einem System beitragen, welches meine kontinuierliche Leistung annimmt und sich Scham zum Instrument macht, um mich nach im Kern unerreichbaren Idealen streben zu lassen.

Ein System, welches beispielsweise bei Dysmenorrhö „Funktionieren“ über das Wohlbefinden von Betroffenen stellt. Auch ich habe vielfach meine Schmerzen wegen befürchteten sozialen Sanktionen mit zusammengebissenen Zähnen und nicht-verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln selbst behandelt und nicht darüber gesprochen.

Die Erfahrungsberichte von Endometriose-Patient*innen haben mich traurig für die Betroffenen und wütend auf das patriarchale Gesundheits-System. Aber gleichzeitig habe ich zum Beispiel in Online-Foren[4] die Solidarität zwischen Erkrankten gespürt; ich habe den Mut und die unbändige Kraft, trotz aller dieser Barrieren eine angemessene Diagnose und Behandlung zu verlangen, gesehen. Im Angesicht dessen fühle ich mich inspiriert, selbst meinen Teil im Kampf um die Verbesserung der Forschungs- und Versorgungslage beizutragen, sei es durch Recherche oder das offene Sprechen über Menstruations-Irregularitäten oder -Schmerzen.

5.  Literaturverzeichnis

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[1] Im Folgenden als WHO abgekürzt.

[2] Auf der Website der WHO ist hier ausschließlich von Frauen die Rede, jedoch wird im weiteren Verlauf darauf hingewiesen, dass auch trans-männliche und nicht-binäre – sprich bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesene – Personen von Endometriose betroffen sein können.

[3] Beispiele: https://x.com/robpatt___/status/1997559665648148929?s=20 ; https://x.com/cessonmute/status/2018113648162693464?s=20

[4] Zum Beispiel r/endometriosis auf Reddit: https://www.reddit.com/r/endometriosis/


Quelle: Nadja Isabel Dörner, „Frauenkrankheiten“: Die Rechtfertigung von Wissenslücken und Trivialisierung von Leid am Beispiel von Endometriose, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 01.07.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2026/07/01/frauenkrankheiten-die-rechtfertigung-von-wissenslucken-und-trivialisierung-von-leid-am-beispiel-von-endometriose/