Zwischen Geschlechternormen, psychischer Gesundheit und gesellschaftlicher Instrumentalisierung
Aaran Mia Dehnel (SoSe 2026)
Der Begriff „Male Loneliness Epidemic“, auf Deutsch „männliche Einsamkeitsepidemie“, kursiert seit 2025, verstärkt im Jahr 2026, als vielbehandeltes Thema in den internationalen Medien und sozialen Netzwerken (Sladkus, para. 1). Die Beiträge reichen von Personen, die diese „Epidemie“ analysieren, die Verwendung des Begriffs kritisieren oder verstärkt darauf aufmerksam machen wollen. In diesem Essay soll Platz für alle drei Inhalte sein. Ich werde erörtern, was mit der männlichen Einsamkeitskrise gemeint ist, und im Zusammenhang damit darauf eingehen, inwiefern Geschlechternormen auf die mentale und psychische Gesundheit von Männern* einwirken. Zuletzt thematisiere ich mögliche Wege zur positiven Weiterentwicklung und schaue kritisch auf die Instrumentalisierung des Begriffs.
Welche Personen bei der Male Loneliness Epidemic als „Male“ gelten – Cis-Männer oder beispielsweise auch Trans-Männer – ist abhängig von dem Personenkreis, der den Begriff verwendet. Einige der Umfelder, in denen er als gängig und fest definiert benutzt wird, sind rechtspolitisch geprägt, also queerfeindlich und misogyn (Sladkus, para. 21). Hier meint male in der Regel Cis-Männer. Diese politische Dimension des Begriffs wird an anderer Stelle erneut aufgegriffen und analysiert. Studien zum Thema definieren Male bzw. „Mann“ dagegen unterschiedlich und beziehen Transmänner oft mit ein. Gleichzeitig kennzeichnen die Studien manchmal nicht, welche Definition sie verwenden, oder schließen Transmänner und Nonbinary Personen von der Studie aus. Beim Referenzieren wird im Folgenden auf Transparenz und sinngemäße Begriffsverwendung geachtet. Wenn im jeweiligen Werk keine Angaben dazu gemacht werden, wie der Begriff verwendet wird, werde ich von „Männern*“ sprechen und damit männlich gelesene Personen meinen. Dass diese Personen als männlich gelesen wurden, ist in diesem Fall der einzige Faktor, von dem ich ausgehen kann. Immer die vollständige Formulierung zu nennen, würde jedoch die Wortzahl der Arbeit überstrapazieren. An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass sich der Großteil der von mir auffindbaren Texte auf Nordamerika und Westeuropa konzentriert. Während sich die genauen Zahlen zwar unterscheiden, waren die beschriebenen Geschlechternormen, Kausalzusammenhänge und Tendenzen dieselben, weshalb ich die Analysen zusammenbringe und beide Regionen in meinem Artikel behandle.
1. Was bezeichnet der Begriff „Male Loneliness Epidemic”?
Naomi Sladkus stellt in ihrem Artikel zur Zukunft heterosexueller Beziehungen die Hypothese auf, dass der Begriff seinen Ursprung in der Warnung des US-amerikanischen Arztes Vivek Murphy hat. Dieser stellte 2023 eine weltweite „Epidemie der Einsamkeit und Isolation“ fest und sprach von einer Verstärkung derselben (Sladkus, para. 1). Während Murphy eine universelle, in ihrer Gesamtheit vom Geschlecht unabhängige Epidemie analysiert, bezeichnet der Begriff „Male Loneliness Epidemic“ ausschließlich eine gesellschaftliche Situation, innerhalb derer Männer* vermehrt unter fehlenden engen Kontakten und zunehmender Einsamkeit leiden (Kaiser, para. 1).
2. Der Faktencheck
Passend zur von Vivek Murphy erwähnten Warnung zeigen mehrere Analysen eine allgemeine Zunahme der Einsamkeit, insbesondere unter jungen Menschen (18 – 29 Jahre) (Chowdhury et al., 2). Eine Meta-Analyse von 2019 wies zudem eine statistische Ungleichheit zwischen Männern* und Frauen* aus (Nordin, 2). Diese Geschlechterunterschiede waren jedoch erstens gering und zweitens vom Alter der Probanden und dem Studienkontext abhängig. Eine ähnlich geringe Differenz zeigen auch andere Studien wie beispielsweise die von 2025 des Pew Research Centers in den USA. Hier gaben 16% der Männer* und 15% der Frauen* an, sich einsam zu fühlen (Goddard und Parker, 8); es konnte also nur ein Unterschied von 1% festgestellt werden. Studien dieser Art sind nur zu einem gewissen Teil repräsentativ, wie Chowdhury et al. in ihrer Forschungsarbeit herausstellen. Die Autor*innen weisen darauf hin, dass maskuline Geschlechternormen wie emotionaler Stoizismus und Unbehagen gegenüber Verletzlichkeit eventuell beeinflussen, inwieweit die befragten Männer* das tatsächliche Ausmaß ihrer Einsamkeit offenlegen (Chowdhury et al., 15). Aus diesen Gründen lässt sich die Frage, ob Männer* aktuell einsamer sind als andere, derzeit nicht eindeutig beantworten.
Chowdhury et al. beschreiben dann geschlechtsspezifische Unterschiede anderer Art: Cis-Frauen verfügen, anders als Cis-Männer, aufgrund anderer Sozialisierung eher über „gender-specific routes of loneliness“, die es ihnen ermöglichen, mit dem Zustand der Einsamkeit für sie und ihre Mitmenschen gesund und nachhaltig umzugehen (Chowdhury et al., 18). Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Einsamkeit verstärkt, in psychische Probleme übergeht und gegebenenfalls die allgemeine Sterblichkeit bedroht, ist laut quantitativer und qualitativer Forschung bei Männern* höher als bei Frauen* (Nordin, 2). Aber warum ist das so?
3. Gendernormen und die Gesundheit von Männern*
Weltweit gibt es eine große Zahl verschiedener Gesellschaftsformen und Traditionen, weshalb es nicht möglich ist, von Maskulinität als monolithischem Konstrukt zu sprechen (Nordin, 2). Verschiedene Kulturkreise zeigen unterschiedliche Geschlechterrollen und -bilder, die starke Kontraste aufweisen können, auch innerhalb desselben Landes (Nordin, 2). Einige international vorherrschende Normen lassen sich jedoch anhand der Conformity-to-Masculine-Norms-Inventare identifizieren. Diese Normen beinhalten häufig die Aufforderung, Emotionen und als „weiblich“ geltende Ausdrucksformen wie Empathie, Fürsorge und Verletzlichkeit zu unterdrücken, die vollständige Unabhängigkeit anzustreben und physischen und psychischen Schmerz zu ertragen, statt Hilfe zu suchen. (Nordin, 2). Innerhalb dieser maskulinen Normen und gesellschaftlichen Erwartungen werden soziale Beziehungen durch traditionell männliche Interessen wie Sport und beruflichen Erfolg ermöglicht (Nordin, 8). Solange den genannten Standards entsprochen wird, können innerhalb dieser Interessengebiete soziale Verbindungen geschlossen werden. Auch das Erfüllen der Rolle des Mannes* als Versorger der Familie fördert, laut Therese Nordin, soziale Verbundenheit (Nordin, 8).
Kann diese Rolle jedoch nicht mehr erfüllt werden oder können den Interessen, die insgesamt auf dem Ideal der maximalen Produktivität basieren, nicht mehr nachgegangen werden, fehlt die Verbundenheit schnell und wird durch soziale Isolation ersetzt (Nordin, 8). Innerhalb der Sportszene konnte beispielsweise festgestellt werden, dass ehemalige Spieler, die aufgrund von Verletzungen oder altersbedingt nicht mehr teilnehmen konnten, sich trotz physischer Anwesenheit sozial und psychisch abgehängt fühlten (Nordin, 8). Auch Männer*, die aufhören zu arbeiten, verlieren oftmals schnell soziale Kontakte und ein Identitätsgefühl, da ihre Sozialisierung diese mit Produktivität und Stärke gleichsetzt und sie diese mit ihrem Beruf nicht mehr erfüllen können (Nordin, 8).
Insgesamt diktieren aktuelle Männlichkeitsnormen Ideale und Definitionen von Stärke, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, die die Möglichkeiten von Männern*, soziale und emotionale Bindungen einzugehen, stark einschränken (Nordin, 9). Die Bindungen sind fragil, wie in den obigen Beispielen erläutert, und stellen schon von klein auf Unabhängigkeit über emotionale Nähe (Rosenthal, 8). Sie befriedigen zwar das menschliche Bedürfnis nach sozialen Interaktionen (Nordin, 1), führen aber häufig nicht oder nur begrenzt zu emotionaler Nähe, die Verletzlichkeit und „non-masculine traits“ zulässt – „close friendships“ gelten tendenziell als nicht männlich (Nordin, 9).
Zusätzlich zu den vergleichbar fragilen und eingeschränkten sozialen Kontakten sorgen die Normen, die von Samantha Rosenthal auch „RMNS“ genannt werden (kurz für Restrictive Masculinity Norms; Rosenthal, 2), dafür, dass Männer* bei psychischen und physischen Problemen oft vermeiden, nach Hilfe zu suchen, sei es bei Freunden oder bei entsprechenden professionellen Instanzen (Rosenthal, 8). Medizinische Vorsorge wird häufig vermieden oder hinausgezögert, was in höheren Raten vermeidbarer Erkrankungen und schlussendlich auch in höherer Sterblichkeit resultiert (Rosenthal, 8). Emotionale Hilfe wird tendenziell bei der Partnerin gesucht und weniger bei Personen wie der besten Freund*in oder einem Familienmitglied, das nicht die eigene Mutter oder Ehefrau ist (Pearson, para. 5). Frauen* müssen also an dieser Stelle vergleichsweise häufig die Aufgaben übernehmen, die bei ihnen selbst auf verschiedene Instanzen des persönlichen Lebens (Freundeskreis, Therapeut*in, Familie) aufgeteilt werden (Pearson, para. 6).
Innerhalb dieses Systems bleiben mentale Erkrankungen wie Depressionen bei Männern* häufig undiagnostiziert oder werden so lange unbehandelt ausgehalten, bis ein Krisenpunkt erreicht wird (Nordin, 9). Statt eines vielfältigen Auffangnetzwerks wird von vielen Männern* das von klein auf nahegelegte und internalisierte Ideal der Unabhängigkeit verfolgt und mit Unverletzbarkeit gleichgesetzt (Nordin, 9). Die Fassade der Unverletzbarkeit wird aufrechterhalten, indem Emotionen, die auf Schwäche, potenzielle mentale und/oder psychische Probleme hinweisen könnten, unterdrückt werden (Nordin, 9). Scheinbare und kurzfristige Hilfe beziehungsweise Linderung der Leiden wird dann zumeist in Bewältigungsmechanismen wie Risikoverhalten (zum Beispiel exzessiver Alkoholkonsum, Drogenkonsum, Rauchen) und physische Aggression umgesetzt (Rosenthal, 8). Diese Verhaltensweisen dienen auch oft dazu, dem Gefühl, internalisierten Männlichkeitsstandards nicht zu genügen, entgegenzuwirken (Rosenthal, 8).
Ich fasse hier zusammen: ein signifikanter Grund dafür, dass Einsamkeit bei Männern* häufiger und schneller zu Krisenpunkten und einer höheren Lebensbedrohlichkeit führt, liegt darin, dass die Ideale in internationalen Gesellschaften rund um den Mann* eine kontraproduktive und schädliche Umgangsweise mit Krankheit und negativen Gefühlen nahelegen. Jungen Männern* wird von klein auf oft nicht zureichend beigebracht, wie ein Soziales Netzwerk aufgebaut werden kann, das stabil ist und als Auffangnetzwerk in Problemsituationen funktionieren kann (Rosenthal, 8); stattdessen werden solcherlei Verbindungen abgelehnt oder auf Frauen* im Umfeld reduziert (Pearson, para. 1). Während Frauen* überwiegend dazu sozialisiert werden, soziale Interaktionen zu fördern und zu vertiefen – im Privaten und Beruflichen, von sich selbst und anderen –, verweist das männliche* Ideal darauf, ausschließlich durch Handlungen, die Stärke suggerieren, andere und sich zu unterstützen (Beruf, physische Arbeit) und negative Emotionen zu bewältigen (Walner, 4).
Die klare Rollenaufteilung führt auf verschiedenen Ebenen bei allen Geschlechtern zu signifikanten Problemen. Die fehlenden Fähigkeiten, die eigenen negativen Emotionen auf gesunde Weise zu verarbeiten sowie soziale Beziehungen nachhaltig zu pflegen, sorgen häufig dafür, dass Frauen* neben ihren eigenen Problemen auch die ihrer männlichen* Freunde und Partner bewältigen müssen (Pearson, para. 5). Sie werden auch physischer und psychischer Belastung ausgesetzt, wenn die Bewältigungsstrategie in Aggression umschlägt und sie beispielsweise Opfer häuslicher Gewalt werden (World Health Organisation, para. 21). Viele Analysen bringen die weit verbreitete, hohe emotionale Arbeit innerhalb heterosexueller Beziehungen, sowie das Risiko, Gewalt zu erleben, damit in Verbindung, dass immer mehr Frauen* keine Beziehungen mehr mit Männern* führen möchten, junge Menschen insgesamt weniger Sex haben und die Geburtsraten zurückgehen (Sladkus, para. 6, 10). Männer* erleben auf der anderen Seite die bereits geschilderten Folgen für ihre mentale und psychische Gesundheit. Im Jahr 2019 waren in den USA fast 80% der Suizidopfer Cis-Männer, und Suizid war die achthäufigste Todesursache bei Cis-Männern im Alter von ≥ 10 Jahren (Fowler et al., 1).
Wie lässt sich diese Situation ändern? Was kann getan werden, damit enge Bindungen, emotionale Verletzlichkeit und das Bitten um Hilfe bei Männern* eher positiv konnotiert und als integrale Bestandteile einer gesunden Lebensweise anerkannt werden?
Samantha Rosenthal betont, dass RMNS kein einheitliches Konzept haben. Sie werden von sich überschneidenden Aspekten der Identität beeinflusst, darunter Kultur, ethnische Zugehörigkeit, Sexualität und sozioökonomischer Status (Rosenthal, 9). Folglich sehen sich viele Männer* mit spezifischen Erwartungen und Herausforderungen konfrontiert, die durch diese Überschneidungen geprägt sind – wirksame Strategien müssen diese Komplexität berücksichtigen (Rosenthal, 9). Davon ausgehend schlägt sie frühe Bildung und Sozialisierung von Kindern sowie gemeindebasierte Programme vor (Rosenthal, 9). Die gemeinschaftsbasierten Maßnahmen sollten in der lokalen Kultur verankert sein und von vertrauenswürdigen Mitgliedern der Gemeinschaft geleitet werden (Rosenthal, 9). Erfolgreiche Beispiele für solche Initiativen sind unter anderem das „Men’s Story Project“ und das „Confess Project“ (Rosenthal, 9). Diese Programme bieten Männern* verschiedener Altersgruppen sichere Räume, um über ihre Erfahrungen zu reflektieren und sich auszutauschen, sich verletzlich zu zeigen und soziale Unterstützung aufzubauen (Rosenthal, 9). Des Weiteren sollten, laut Rosenthal, Medien Alternativen zu den RMNS repräsentieren, die über traditionelle Stereotypen hinausgehen und Männer* beispielsweise in verletzlichen Situationen oder mit traditionell weiblichen* Charakterzügen zeigen (Rosenthal, 9). Auch geschlechtsspezifische klinische Unterstützung muss eingeführt beziehungsweise gefördert werden und sollte das Hilfesuchen als Akt von Stärke demonstrieren (Rosenthal, 9).
Statt einen positiven Weg der Weiterentwicklung zu fördern, stechen aktuell jedoch andere Tendenzen hervor: Das Phänomen der „männlichen Einsamkeit“ wird aktiv dafür instrumentalisiert, um traditionelle Männlichkeitsbilder zu stärken und Misogynie weiterzuverbreiten, was ich im vorletzten Abschnitt näher erläutern werde.
4. Die Manosphere
Der Begriff Manosphere dient als Sammelbegriff für Blogs, Online-Communitys und Foren, in denen Benutzer*innen antifeministische und misogyne Ansichten verbreiten (Manosphere: Frauenhass, para. 3). „Die Themen reichen von Männlichkeitscoachings und Tipps zur Selbstoptimierung über Fantasien männlicher Vorherrschaft bis hin zu extremem Frauenhass“, schreibt der Deutschlandfunk. „Expertinnen und Experten unterscheiden verschiedene Gruppen, zum Beispiel Männlichkeitsinfluencer, misogyne Männerrechtsaktivisten, Pick-up-Artists und Incels, also unfreiwillig zölibatär lebende Männer.“ (Manosphere: Frauenhass, para. 3). Der DLF berichtet, dass Videos mit derartigen Inhalten Millionen erreichen und sich innerhalb der Manosphere ein allgemeiner Zuwachs beobachten lässt (Manosphere: Frauenhass, para. 7).
Für den Zuwachs gibt es einige Gründe, auf die hier nicht alle eingegangen werden können. Im Zusammenhang mit dem Thema Male Loneliness argumentiert James Bloodworth in seinem Vortrag für diesen zentralen Faktor: Sie bietet Männern*, die sich isoliert fühlen, eine Community und eine Verbindung zu anderen (Monetising Male Loneliness, para. 3). Das sei gerade, so Bloodworth weiter, in Zeiten der Deindustrialisierung besonders wirkungsvoll, da „third-spaces“, also Räume zum Zusammenkommen außerhalb des eigenen Zuhauses und der Arbeit wie Jugendzentren, Gewerkschaften und Vereine, weniger werden (Monetising Male Loneliness, para. 4). Genau das, was vorhin in den Änderungsvorschlägen erwähnt wurde, erlebt einen signifikanten Rückgang. Beate Thomsen verweist außerdem darauf, dass die derzeitigen, weltweiten multiplen Krisen junge Männer* verstärkt dazu bewegen, vermeintliche Sicherheit in „reaktionären Männlichkeitsvorstellungen“ zu suchen (Thomsen, para. 13).
James Bloodworth beschreibt die Manosphere nicht nur als soziale Bewegung, sondern als kommerzieller „sales funnel“, denn von dem Zuwachs wird auch von verschiedenen Instanzen, vor allem aber Influencern, finanzieller Profit geschlagen; die Coachings, Protein-Shakes und Ratgeber, die angepriesen werden – all das kostet und bringt Geld (Monetising Male Loneliness, para. 2). Die Manosphere nutzt die Einsamkeit von Männern* also direkt aus, um eine Branche zu fördern und zu etablieren. Zusätzlich wird die Einsamkeit als Phänomen instrumentalisiert: innerhalb der Sphäre werden vor allem Cis-Frauen und der Feminismus insgesamt für die Probleme von Cis-Männern, darunter auch die Einsamkeit, verantwortlich gemacht (Sladkus, para. 1).
5. Fazit
Eine Male Loneliness Epidemic als solche kann zusammenfassend nicht eindeutig belegt werden. Der medial kursierende Begriff suggeriert, dass ausschließlich Männer* aktuell zunehmende Einsamkeit erleben, und dazu zeigen Statistiken und Studien schwankende und kontextabhängige Zahlen. Viel klarer als „männliches Phänomen“ lässt sich betrachten, in welchem Ausmaß diese Einsamkeit Folgen hat. Historisch tief verankerte Männlichkeitsideale führen unter anderem dazu, dass Männer* vergleichsweise unzureichend ausgestattet sind, um negative Gefühle wie Einsamkeit für sich und ihre Mitmenschen gesund zu bewältigen und nachhaltige, stabile Beziehungen zu führen. Diese Art der Sozialisierung kann dazu führen, dass Männer* in Risikoverhalten wie Drogen, Gewalt oder Alkohol Wege zur Bewältigung finden und/oder mentale Krisenpunkte erreichen.
Passender als der aktuelle Begriff wäre also vielleicht „Male Coping Epidemic“, zu Deutsch männliche Bewältigungsepidemie – während die Einsamkeitskrise alle betrifft, ist das Phänomen, innerhalb dessen den Individuen Bewältigungsstrategien und Auffangnetzwerke fehlen, männlich* dominiert. Verschiedene Wege zur Änderung wurden bereits aufgezeigt, und es gibt noch einige weitere, die hier nicht aufgeführt werden konnten. Rechtsausgerichtete Communities, die diverse Bevölkerungsgruppen wie Cis-Frauen als Sündenböcke und Hassobjekte auswählen, sollten jedoch nicht als einer dieser Wege betrachtet werden. Diese scheinen zwar für manch einen kurzfristig als Ort des sozialen Zusammenhalts herhalten, führen aber langfristig zu einer Verstärkung traditioneller Männlichkeitsideale und damit zu den hier genannten Problemen.
Viel entscheidender als die Begrifflichkeit ist schlussendlich, meiner Meinung nach, wie und mit welchen Werten Kinder sozialisiert werden und welche Angebote Menschen jeden Geschlechts erhalten, um dem natürlichen Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Bindung nachkommen zu können. So fasst es Fikri Anıl Altıntaş zusammen:
„Diejenigen jungen Männer, die ein Gefühl von Zugehörigkeit und Kontrolle haben, die in ihren Sorgen und Ängsten wahrgenommen werden, die sind nicht wirklich anfällig für populistische Erzählungen – auch im Kontext von Männlichkeit.“ (Thomsen, para. 24).
Literaturverzeichnis
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Quelle: Aaran Mia Dehnel, Die „Male Loneliness Epidemic“: Zwischen Geschlechternormen, psychischer Gesundheit und gesellschaftlicher Instrumentalisierung, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 12.10.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2026/10/12/automatischer-entwurf/