Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Was wir teilen | Wat wij delen – 4

Flandern und die Niederlande sind gemeinsam die diesjährigen Ehrengäste der 68. Frankfurter Buchmesse.
Wir stellen unsere Favoriten vor.

 

Reynaerts historie | Reynaerts historie (zwischen 1373 und 1470)
Unbekannt, in der Übersetzung von Rita Schlusemann u. Paul Wackers

 

VitrineSpiegelschiff (2)

Was wir teilen – Wat wij delen Ausstellung Philologische Bibliothek

Seit vielen Jahrhunderten fasziniert Erwachsene wie Kinder Goethes Geschichte vom listigen, heuchlerischen und wortgewandten Fuchs. Goethes Reineke Fuchs bildet die Grundlage für zahlreiche Theaterinszenierungen, so in diesem Jahr in Dresden und Tübingen. Aber nicht nur Goethes Werk, sondern die ganze europäische Überlieferung des Tierepos vom 15. Jahrhundert bis heute geht über den Lübecker Druck Reynke de Vos (1498) direkt auf die niederländische Tradition zurück: auf Reynaerts historie.
Das in Südflandern geschriebene Werk (ca. 8000 Verse) erzählt die Geschichte von einer Gerichtsverhandlung am Hof des Löwenkönigs. Verschiedene Tiere wie der Wolf oder der Kater beschuldigen den Fuchs Reynaert zahlreicher Verbrechen. Reynaert aber kann sich durch geschicktes Reden und Handeln aus allen brenzligen Situationen befreien, indem er mit Sprache die Wirklichkeit so manipuliert, dass niemand mehr Wahrheit von Lüge unterscheiden kann. Er besiegt den Wolf als stärksten Widersacher in einem Zweikampf und erhält am Ende vom König die ranghohe Position eines Landvogts.
Schon 1479 druckte Gheraert Leeu in Gouda, als einen der ersten weltlichen Erzähltexte, diese bis heute ebenso lebendige wie faszinierende Geschichte, von der seitdem viele Neuerzählungen, Übersetzungen, Theaterstücke, Hörbücher und sogar Rapversionen in vielen Sprachen entstehen.

Rita Schlusemann

Waffeln für Wissen – die Auflösung

Elf Fragen – elf Herausforderungen. Wer kennt sich gut aus mit Geschichte und Kultur des niederländischsprachigen Raums?
Hier kommt die Auflösung unseres Quizspiels „Waffeln für Wissen„, das unser Publikum bei der Langen Nacht der Wissenschaften am 11. Juni zu bestehen hatte, um sich eine frisch gebackene Waffel zu erspielen. Als Belohnung für’s Mitmachen gibt es nun zumindest eine virtuelle Waffel.

Guten Appetit! (cipher, CC-BY-SA-2.0)

 

Holland ist…

Was Deutsche sagen, wenn sie die Niederlande meinen

X Eine Grafschaft im Königreich der Niederlande

X Der ehemalige Name New Yorks

Holland war eine mittelalterliche Grafschaft. Das Königreich gibt es erst seit 1815.

 

Mijnheer Peeperkorn ist…

X Ein Gewürzwarenhändler aus Suriname

Eine Romanfigur aus dem Zauberberg

X Das Pseudonym von Gerhart Hauptmann

Mijnheer Peeperkorn ist eine dem Alkohol, dem Geld und dem Schwadronieren zugeneigte Romanfigur aus dem Zauberberg, die Gerhard Hauptmann nachempfunden, aber mit einer niederländischen Herkunft versehen wurde. Hauptmann beschwerte sich darüber sogar bei Manns Verleger.

 

Willem van Oranje, sog. Vater des Vaterlandes, wurde geboren in…

Hessen

X Willemstad

X Oranjestad

Er kam 1533 auf Schloss Dillenburg in Hessen als Graf von Nassau-Dillenburg zur Welt. Er war also ‚van Duytschen bloet‘ (‚von deutschem Blut‘), wie es im Wilhelmus, der späteren Nationalhymne heißt. Sie wird heute immer noch gesungen, um diesen Vater der niederländischen Freiheit im Kampf gegen die spanische Fremdherrschaft zu ehren.

 

Vertreibung aus der Hölle ist ein Roman von Robert Menasse. Wohin floh Rabbi Manasseh, als er aus der portugiesischen Hölle vertrieben wurde?

X Nach Niederländisch-Brasilien

X Nach Antwerpen

Nach Amsterdam

Wie viele Juden floh er vor dem Grauen der Inquisition nach Amsterdam, das noch heute den aus dem Jiddischen abgeleiteten Kosenamen „Mokum“ trägt.

 

Was stimmt nicht?

X In Belgien wird Deutsch gesprochen

X Belgien hat 3 Amtssprachen

Flämisch ist die Sprache einer belgischen Minderheit

 

Noordwijk war der bevorzugte Badeort von…

X Helmut Kohl

Thomas Mann

X Rex Gildo

 

In belgischen Seebad Ostende verkehrten…

X Joseph Roth und seine Brüder

Stefan Zweig und Irmgard Keun

X Franz Kafka und Milena

Nach Ostende reisten viele Schriftsteller, darunter Stefan Zweig, Joseph Roth und Irmgard Keun, die beiden letzteren sogar als Liebespaar. Beschrieben wird das alles in Volker Weidemanns Bestseller Ostende 1936, Sommer der Freundschaft.

 

Was stimmt nicht? Der Abfall der Niederlande…

landet bei Alba

X wurde von Alba ausgelöst

X ist der Titel eines Werks von Friedrich Schiller

Im Jahre 1567 wurde der spanische Feldherr Don Fernando Álvarez de Toledo y Pimentel, Herzog von Alba, vom spanischen König in die Niederlande entsandt, um die protestierenden Niederländer mit Gewalt zur Unterwerfung zu zwingen, was letztlich den niederländischen Aufstand auslöste.

Die historischen Vorgänge beschrieb Friedrich Schiller in seiner Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung. Es stimmt also nicht: Der Abfall der Niederlande landet bei Alba.

 

In welcher Sprache verfasste Anne Frank ihr berühmtes Tagebuch?

X Deutsch

Niederländisch

X Jiddisch

Auf Niederländisch – schließlich war sie erst vier Jahre alt, als ihre Eltern von Frankfurt am Main in die Niederlande emigrierten. Sie besuchte dort zunächst auch die Schule.

 

Die Schlagersänger Adamo und Rocco Granata begannen ihre Karriere in

X Apulien

X Friesland

Belgien

Die Eltern von Salvatore Adamo und Rocco Granata kamen rund 1950 als Gastarbeiter nach Belgien. So wuchs ersterer im frankophonen Wallonien auf, der andere im niederländischsprachigen Flandern.

 

Cees Nooteboom 2008 bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde (Foto: FU Berlin)

Welche/r niederländische Schriftsteller/in erhielt die Ehrendoktorwürde der FU Berlin?

X Hugo Claus

X Hella Haasse

Cees Nooteboom

Cees Nooteboom, der nach einem hymnischen Lob des Kritikers Marcel Reich-Ranicki für seinen Roman Die folgende Geschichte im  Literarischen Quartett  vor allem in Deutschland große Erfolge erlebte. Nootebooms Werk umfasst Reiseberichte, Essays, Lyrik und Romane. Entdecken Sie es in der Philologischen Bibliothek!

 


 

And the winnaar is…
Maja R. aus Gent

und

Georg H. aus Köln.

Wir gratulieren und wünschen veel leesplezier!

Was wir teilen | Wat wij delen – 3

Flandern und die Niederlande sind gemeinsam die diesjährigen Ehrengäste der 68. Frankfurter Buchmesse.
Wir stellen unsere Favoriten vor.

 

Die folgende Geschichte | Het volgende verhaal (1991)
Cees Nooteboom, aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen

VitrineNooteboom (3)

Vitrine zu Nooteboom in unserer Ausstellung.

Die folgende Geschichte ist eine Reise. Durch die Welt und durch die Literatur. Von Europa über den Atlantik in die neue Welt. Von der Antike, von Sokrates und Ovid, in die Moderne, zu Pessoa und Slauerhoff.

Es ist die Reise des Lehrers Anton Mussert, der sich eines Morgens in einem Zimmer in Portugal wiederfindet und, auf der Schwelle zum Jenseits, beginnt über sein Leben nachzudenken. Langsam wandert er, wandern wir durch die Vergangenheit. Wir treffen seine Schülerin Lisa d‘India, verbringen die Abende mit den griechischen Tragödien und lernen Maria Zeinstra kennen. Maria, die der fantastischen Vielfalt der Mythologie, die kühle Rationalität der Naturwissenschaften entgegensetzt. Maria, in die Mussert sich verliebt mit Emotionen, die sich – wie sollte es anders sein – nur durch die fantastischen Metaphern der Sagenwelt ausdrücken lassen.
Die folgende Geschichte ist eine Erinnerung an all dies. Ein Gewebe aus Symbolen, Texten und Begebenheiten. Eine Erzählung zwischen den Welten, voller Poesie, die immerzu nach Schönheit strebt und stets vom Tod begleitet wird.

Philipp-Sebastian Schmidt

Popularisierung bis es qualmt (mit Gewinnspiel!)

Am vergangenen Wochenende war die FU-Niederlandistik wieder vertreten bei der Langen Nacht der Wissenschaften. Alle Berliner Universitäten und Forschungseinrichtungen präsentierten sich bis spät in die Nacht hinein der interessierten Öffentlichkeit und zeigten, was sie können und was sie taugen.

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Fließige Ratende und ihre Belohnung.

Unser Beitrag ging quer durch die niederländischsprachige Welt: Beim Niederländisch-Crashkurs konnten die Besucher/innen erleben, dass die Nachbarsprache gar nicht so schwer zu verstehen ist und trotzdem ihre Tücken hat (mit dem ui hatten alle so ihre Mühen). Ein Vortrag über Gender im Niederländischen und Deutschen öffnete vielen die Augen, was in geschlechtergerechter Sprache alles möglich ist – und was nicht. Mit Präsentationen zur Literatur aus Suriname und zur belgischen Kolonialzeit im Kongo kam auch die historische Dimension und das Niederländische außerhalb Europas nicht zu kurz. Einen Überblick über die niederländische Sprache in der Welt verschaffte eine Poster-Ausstellung.

Für die meisten Besucher war der Höhepunkt und das Lockmittel sicher unser Quiz mit dem Titel „Waffeln für Wissen“. Elf Fragen zum niederländischen Sprach- und Kulturraum, zur Geschichte und Literatur waren zu beantworten. Als Belohnung für richtige Lösungen (oder fleißiges Raten) gab es frisch gebackene Waffeln. Der Duft zog durch die Flure und sorgte für motiviertes Publikum. Derselbe Duft zog allerdings auch in die Rauchmelder und sorgte kurzzeitig für viel Bewegung im Gebäude.

Wer sein Wissen testen will, kann sich nun selbst an unserem Quiz versuchen. Frische Waffeln können wir leider per Internet nicht bieten, aber dafür gibt es spannenden Lesestoff zu gewinnen:

Kopieren Sie die Fragen in eine E-Mail mit dem Betreff „Waffeln für Wissen“, markieren Sie die richtigen Antworten, und senden Sie diese bis spätestens 20. Juni 2016 an niederlandistikfuberlin@gmail.com.

Unter allen richtigen Einsendungen verlosen wir einen niederländischen Roman aus unserem großen Bestand antiquarischer Bücher, je nach Wunsch des/der Gewinners/in als deutsche Übersetzung oder in Originalsprache.

Einfach gründlich überlegen, recherchieren oder drauflosraten und die Antworten notieren. Die Auflösung gibt es am 21. Juni. Viel Spaß!

WaffelnFuerWissen

 

Holland ist

o Was Deutsche sagen, wenn sie die Niederlande meinen

o Eine Grafschaft im Königreich der Niederlande

o Der ehemalige Name New Yorks

 

Mijnheer Peeperkorn ist

o Ein Gewürzwarenhändler aus Suriname

o Eine Romanfigur aus dem Zauberberg

o Das Pseudonym von Gerhart Hauptmann

 

Willem van Oranje, sog. Vater des Vaterlandes, wurde geboren in

o Hessen

o Willemstad

o Oranjestad

 

Vertreibung aus der Hölle ist ein Roman von Robert Menasse. Wohin floh dessen Protagonist Rabbi Manasseh, als er aus der portugiesischen Hölle vertrieben wurde?

o Nach Niederländisch-Brasilien

o Nach Antwerpen

o Nach Amsterdam

 

Was stimmt nicht?

o In Belgien wird Deutsch gesprochen

o Belgien hat 3 Amtssprachen

o Flämisch ist die Sprache einer belgischen Minderheit

 

Noordwijk war der bevorzugte Badeort von

o Helmut Kohl

o Thomas Mann

o Rex Gildo

 

Im belgischen Seebad Ostende verkehrten

o Joseph Roth und seine Brüder

o Stefan Zweig und Irmgard Keun

o Franz Kafka und Milena

 

Was stimmt nicht? Der Abfall der Niederlande …

o landet bei Alba

o wurde von Alba ausgelöst

o ist der Titel eines Werks von Friedrich Schiller

 

In welcher Sprache verfasste Anne Frank ihr berühmtes Tagebuch?

o Deutsch

o Niederländisch

o Jiddisch

 

Die Schlagersänger Adamo und Rocco Granata begannen ihre Karriere in

o Apulien

o Friesland

o Belgien

 

Welche/r niederländische Schriftsteller/in erhielt die Ehrendoktorwürde der FU Berlin?

o Hugo Claus

o Hella Haasse

o Cees Nooteboom

Hoe oud is Amsterdam eigenlijk?

De oudste vermelding van Amsterdam is in een document van 27 oktober 1275. Maar niet iedereen ziet dat als de geboorte van de stad Amsterdam.

De werkelijke Eerste Dag in de geschiedenis van de stad, de Gouden Dag, is 13 juni 1306. Toen verleende de bisschop van Utrecht, Guy (Gwijde) van Avesnes Amsterdam haar stadsrechten.

Eigenlijk wordt Amsterdam dus vandaag 710 jaar oud – een puber in vergelijking met andere wereldsteden. Berlijn vierde in 1987, zowel in Oost als in West, het 750-jarig bestaan.

Maar in 1975 werd het Amsterdamse eeuwfeest groots gevierd, kan ik me herinneren! Volgens deze telling zou Amsterdam dus in oktober 741 jaar oud worden. Van rond 1975 is ook het lied van Johnny Kraaykamp. De tekst (evenals de spelling) is niet je dát (nicht das Wahre), niet helemaal logisch, maar er zitten een paar mooie uitdrukkingen in en daarom hier toch: Er is een Amsterdammer doodgegaan (zo rond het 700-jarig bestaan).

Tante Sjaan (verbastering van Jeanne) ligt voor pampus (hängt in den Seilen) in haar ledikant (Bett). Pampus is de naam van een zand­bank in het IJs­sel­meer ten oos­ten van Am­ster­dam waar schepen, toen het IJsselmeer nog Zuiderzee was, een gunstiger tij moesten afwachten om de havenstad te bereiken.
De orgelman, die van haar nog een biertje heeft gehad,
geeft – hupsakee (hoppla) – de pijp aan Maarten. De GGD (Gemeentelijk Geneeskundige Dienst) kan niet meer helpen: hij gaat dood, hij sterft, want zijn rikketik (Herz) blijft staan, begeeft het (versagt). De orgelman die zijn hondje op de Wallen (Rotlichtviertel) liet plassen en die zo vrolijk „Bij ons in de Jordaan“ zong, hij was naar de haaien (flöten).

In zijn zak vindt men kaartjes voor Toon Hermans (een Limburger die tot boven de grote rivieren bekendheid genoot) in Carré. En tante Sjaan is de enige die hem een beetje mist. Ocharm…

Het pierement gaat door de straat… maar een is er niet meer bij!
Je kunt er niet omheen, je moet er even stil bij staan (nachdenken) … en allemaal zo rond het 700 jaar bestaan.

Woonerff

Woorden op reis – herinnert u zich dat we op zoek gingen naar Nederlandse woorden die het gemaakt hebben in het buitenland? Ik wist al dat ook woonerf zo een woord was maar het is toch extra leuk het als je dat woord in het wild ziet. Dat gebeurde vorige week in Banff, een bergdorp in de Canadese Rocky Mountains.

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De Berenstraat is een woonerf. Banff, Alberta, Canada. Mei 2016 (foto: TDW)

Het woord ziet er anders uit dan in het Nederlands, het heeft een dubbele f gekregen. Dat is, zo kan je op het bord lezen, omdat

in Banff, we have a thing for words with two fs in them.

Wie er de Oxford dictionary bijhaalt, merkt dat er zelfs twee uitspraakmogelijkheden zijn, een Brits-Engelse en een Amerikaans-Engelse, /ˈvuːnəːf/ en /ˈvo͞onərf/. De uitspraak die ze in Banff voorstellen houdt vast aan oorspronkelijke lettergreepscheiding (die weg is in het woordenboek, dat woo-nerf voorstelt) maar sluit verder aan bij de Amerikaanse uitspraak. Maar met een knipoog, je kan het uitspreken

Any way you like. Technically it’s VONE-erf, but however you say it, we’ll know what you’re talking about.

Ik wilde wel even weten wat de Banffenaren verkiezen. De serveerster viel uit de lucht: het verkeersbord had ze nog nooit gezien, en het woord was haar helemaal onbekend… Leuk vond ze het wel, een straat waar ze veiliger kon fietsen.

P.S. Ook in het wild gespot in Canada: het Duitse woord Wanderlust. En een zwarte beer, maar dat is geen taalkundig verhaal.

 

P.S. Ook Onze Taal is al in Banff geweest.
In het Canadese Banff hebben ze een ‘woonerff’: pic.twitter.com/y5mg0E5tUJ — Onze Taal (@onzetaal) 25. August 2015

Was wir teilen | Wat wij delen – 2

Flandern und die Niederlande sind gemeinsam die diesjährigen Ehrengäste der 68. Frankfurter Buchmesse.
Wir stellen unsere Favoriten vor.


Herbst des Mittelalters
| Herfsttij der Middeleeuwen (1919)
Johan Huizinga, Deutsche Fassung, unter Benutzung der älteren Übertragung von T. Wolff-Mönckeberg, von Kurt Köster

 

Philipp der Gute von Burgund (1396-1467), einer der Helden Huizingas (CC-PD-Mark)

Als ich 1987 mein Studium der Geschichte an der Universität Leipzig begann, erwähnten meine Professoren einen niederländischen Gelehrten, der ein eminent wichtiges Buch über das späte Mittelalter verfasst habe. Der Name hörte sich für mich damals an wie „Heusinger“. Es brauchte eine kleine Weile, bis der Irrtum aufgeklärt werden konnte. Seither gehört Johan Huizinga zu den von mir bevorzugten Historikern.

Ja damals (o goldene Jugendzeit!) hatten wir Geschichtsstudenten drei Lieblingsbücher, in die wir uns immer wieder vertieften: Huizingas Herbst des Mittelalters, Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit und Stefan Zweigs Die Welt von gestern. Wenn ich heute darüber nachdenke, kommt mir diese Kombination ganz folgerichtig vor. Handelt es sich doch um die Werke großer Europäer, die nach dem Schock des 1. Weltkrieges die Merkmale der europäischen Kulturgeschichte aufspüren, ihre Einzigartigkeit herausstellen und das Schützenswerte europäischer Geistigkeit verteidigen wollten.

So auch Johan Huizinga, dessen viel besprochenes und viel kritisiertes Buch die burgundisch-französische Hofkultur des 14. und 15. Jahrhunderts in all ihrer farbigen und brutalen Schönheit wiedererstehen lässt.

Sein klassischer Anfangssatz: „Als die Welt noch ein halbes Jahrtausend jünger war, hatten alle Geschehnisse im Leben der Menschen viel schärfer umrissene äußere Formen als heute“, rührt mich noch immer. Seit ich ihn zum ersten Male las, liebe ich das Mittelalter, diese junge, leidenschaftliche, ganz und gar nicht herbstliche Welt!

Bettina Noak

Stilstaan

B. Brouwer (CC-PD-Mark)

Stilstaan – de stilstand

Wie verwacht er nog iets? Niemand toch!?
Stilstand is achteruitgang: Stillstand ist Rückschritt. Een stilstand in de groei is ein Wachstumsstillstand.

Maar er is hoop…
Als Nederlandstaligen stilstaan bij iets, denken ze over iets na of ze vinden het de moeite waard om nog eens over iets te praten – over wat ze is overkomen, over een maatschappelijk (gesellschaftlich) probleem bijvoorbeeld: laten we daar nog even bij stilstaan (nachdenken, sprechen)…

O, daar heb ik niet bij stilgestaan: daran habe ich nicht gedacht!

Onze koning stond onlangs in zijn toespraak voor het Europees Parlement uitvoerig stil bij de zorgen van gewone burgers over Europa: „Sommigen zien Brussel eerder als boeman en bemoeial dan als bondgenoot“, aldus Willem-Alexander (een bemoeial is iemand die zijn neus in allerlei zaken steekt, die hem geen barst (einen feuchten Dreck) aangaan).
„Europa begint aan de keukentafel“.
Zo is dát! Of babbelt u soms aan de keukentafel over koetjes en kalfjes?

Hij vervolgde:

Het Europese boeket is niet compleet zonder de Spaanse anjer, de Franse fleur-de-lys, de Griekse acanthus, de Deense margriet, de Duitse korenbloem, de Oostenrijkse edelweiss, de Kroatische iris en de Nederlandse en Hongaarse tulpen. En niet zonder de English rose. Bron

Zeg zelf – is er een mooier boeket denkbaar?
Even stilstaan dus.

Niederländerschaft vs. Deutschtum

Ob man nach Deutschland oder Österreich schaut, in die Schweiz, nach Belgien oder in die Niederlande – die Debatten drehen sich in immer schnellerem Tempo um die Frage des „Wir“. Wer sind „wir“, und wer müssen „die anderen“ sein, damit wir „uns“ erkennen?

Dieser Nabelschau (nl. navelstaren) setzt die NRC-Redaktion einen gemeinsamen Kommentar entgegen, der vielleicht etwas glatt geraten ist, aber eine interessante sprachliche Frage aufwirft. Die Redaktion schreibt:

Nederlanderschap is een levende identiteit.

Deutschsprachige stellt das wieder einmal vor die Frage: het oder de Nederlanderschap? Im Deutschen sind Substantive auf –schaft immer feminin, im Niederländischen dagegen gibt es je nach Substantiv mal das eine und mal das andere Genus: het landschap aber de boodschap. Die etymologische und grammatische Entwicklung von -schap ist verwickelt und war bei den Wasserschaften schon einmal Thema. Het Nederlanderschap ist jedenfalls Neutrum, wie man auch am Rijkswet op het Nederlanderschap sehen kann. Das Gesetz legt fest, wer unter welchen Umständen die niederländische Staatsbürgerschaft erhalten kann.

Beweis juristischer Nederlanderschap. (Blagomeni, CC-BY-SA-3.0)

Nederlanderschap bezeichnet im Rahmen des Gesetzes einen rechtlichen Zustand: Man ist Bürger/in der Niederlanden, oder eben nicht. Niemand kann ein bisschen die Staatsbürgerschaft haben, oder nur phasenweise (wohl aber noch eine Zweite zugleich – was aber die niederländische Staatsbürgerschaft nicht reduziert, sie bleibt trotzdem vollständig). Die NRC-Redaktion schreibt dagegen, „Nederlanderschap is geen ingeperkt gegeven.“ Hier ist nicht die Rede von einer rechtlichen Kategorie, sondern von einer Gruppenzugehörigkeit, einer Selbstzuschreibung, einer (Teil-)Identität. Wie sehr sich jemand niederländisch fühlt, kann also graduell sein und sich verändern. Bei einer deutschen Übersetzung stellt uns das vor Probleme. Man kann sich mit das Niederländisch-Sein oder das sich-Niederländisch-Fühlen mit holprig nominalisierten Phrasen behelfen, die einigermaßen die Bedeutung von Nederlanderschap wiedergeben. Weniger komplizierte Ableitungen mit Suffixen erscheinen alle irgendwie künstlich: Niederländischheit oder –keit, Niederländerschaft, Niederländischtum… alles keine besonders glücklichen Lösungen.

Auf Niederländisch lässt sich diese zweite Bedeutung ‚das Gefühl, Niederländer/in zu sein‘ wahrscheinlich mit Nederlanderschap ausdrücken, weil die erste Bedeutung ‚niederländische Staatsbürgerschaft‘ schon geläufig ist. Im Deutschen ist beides ungewohnt. In Deutschland gibt es zum Beispiel ein Staatsangehörigkeitsgesetz, in dem die Komponente deutsch nicht genannt ist. Auch Österreich verzichtet auf Wortbildung mit dem Landesnamen in seinem Bundesgesetz über die österreichische Staatsbürgerschaft und die Schweiz spricht vom Schweizer Bürgerrecht. Wie würde man in einem entsprechenden Artikel die selbst gewählte oder gefühlte Zugehörigkeit auf Deutsch ausdrücken? Deutschschaft, Deutschheit oder Deutschhaftigkeit wirken ungeschliffen. Völlig inakzeptabel wäre das Deutschtum, das längst ideologisch und historisch verbraucht ist. Der Begriff ist schließlich verbunden mit Vorstellungen, die ein Zusammenspiel von verschiedenen Identitäten oder Zugehörigkeiten völlig ausschließt und absolute, exklusive Loyalität zu genau einem Nationalitätskonstrukt verlangt. Das Problem liegt darin, dass die Nachsilbe –schaft oder auch –tum sowohl Eigenschaften (das So-Sein) oder auch ein Kollektiv von Menschen (die alle so sind) ausdrücken kann. Im Begriff Deutschtum verschmelzen diese beiden Bedeutungen völlig: Nur wer so ist wie alle anderen und sich nicht unterscheidet, kann auch Teil des Kollektivs sein.

Vlaams schaap i.p.v. Vlaamsschap. (Stevenja, CC-BY-SA-3.0)

Ein wichtiger Unterschied zwischen Niederländisch und Deutsch scheint darin zu liegen, dass das Niederländische solche Nominalisierungen auf Basis der bereits abgeleiteten Personenbezeichnung bildet, also mit Nederlander und nicht mit Nederlands. Damit wird es naheliegender, diese Vorstellung als individuell, personenbezogen zu verstehen. Die Endung –er ist dabei offenbar ein wichtiges Kriterium. Johanna Ridderbeekx half mir mit ihrem muttersprachlichen Gefühl weiter und war kategorisch: IJslanderschap funktioniert, *Noorschap dagegen nicht. Auf Deutsch können wir von einer Personenbezeichnung wie Deutscher keine weitere Ableitung bilden: *Deutscherschaft, *Deutscherheit oder gar *Deutschertum ist eindeutig ungrammatisch. Damit liegt bei Deutschtum die Interpretation kollektiver Eigenschaften anstelle eines individuellen Gefühls viel näher. Und die Schweizerschaft als Gemeinschaft aller Schweizer findet sich nur in alten Quellen, weil der Begriff inzwischen lieber als praktische Verkürzung von Schweizer Meisterschaft in verschiedenen Sportarten benutzt wird.

Offenbar kann man übrigens Nederlanderschap durchaus mit Surinamerschap verbinden, jedenfalls sprachlich und auch identitär. (Juristisch mag es Einschränkungen bei der doppelten Staatsbürgerschaft geben, dazu fehlt mir das Fachwissen.) In Suriname gibt es parallel zu den Niederlanden ein Wet tot regeling van het Surinamerschap. Eine Google-Suche nach Vlaamsschap liefert nur Bilder von Vlaamse schapen, nicht aber Resultate über das Gefühl, Flämisch zu sein. Vlamingschap trifft man im Woordenboek der Nederlandsche Taal an, sonst aber im gegenwärtigen Sprachgebrauch recht selten. Vielleicht deshalb, weil übertrieben betonte Vlamingschap einem sogleich den Vorwurf einbringt, Flamingant zu sein. Nur Jacques Brel war der Meinung: „Nederlands spreken is geen bewijs van Vlamingschap.“ Kein Zweifel: Es könnte auch ein Zeichen von Nederlanderschap oder Surinamerschap sein. Wer sich gleich ganz belgisch fühlen möchte, greift dazu eher auf die französische Belgitude zurück. Auf Deutsch funktioniert es jedenfalls grammatisch nicht besonders flüssig, dass jemand Deutschheit mit Türkischheit vereint und daraus ein ganz eigenes Selbstbild bastelt. Wie es scheint, machen wir es den Menschen auch sprachstrukturell nicht gerade leicht, sich dazugehörig zu fühlen.

Was wir teilen | Wat wij delen – 1

Flandern und die Niederlande sind gemeinsam die diesjährigen Ehrengäste der 68. Frankfurter Buchmesse. Trotz aller Unterschiede, die zwischen der flämischen und der niederländischen Gesellschaft bestehen, teilen die beiden nicht nur eine Sprache miteinander, wie Bart Moeyaert, Künstlerischer Leiter des Ehrengastauftritts, in seinem Programm für die Buchmesse im kommenden Herbst betont. Unter dem Motto „Dit is wat we delen” (Dies ist, was wir teilen) spürt er den Elementen nach, die Flandern und die Niederlande noch immer verbinden: ihre Lage zur Nordsee, ihr Verhältnis zum Wasser, die gemeinsame Geschichte, eine lange Tradition des Buchdruckgewerbes und natürlich ihre reiche, zusammenhängende literarische Landschaft.

WatWijDelen

Die Vitrine in der Philologischen Bibliothek (Hauptgang im Erdgeschoss, hinten links neben der Info-Theke).

In der Philologischen Bibliothek der FU haben wir entsprechend dem Konzept unserer Studentin Anne-Marie Zabel eine kleine Ausstellung eingerichtet mit Büchern im niederländischen Original und in deutscher Übersetzung. Die ausgestellten Bücher aus dem Bestand sind ganz persönliche Lektüreempfehlungen, die Lehrende des Instituts für Deutsche und Niederländische Philologie mit den Besucherinnen und Besuchern der Bibliothek teilen möchten. Dabei geht es nicht darum, ein einheitliches (oder gar vollständiges) Bild dieser Region zu zeichnen oder einen literarischen Kanon vorzustellen. Im besten Fall macht es neugierig und lädt dazu ein, unsere Nachbarn westlich der Ems und der Eifel, wo der Rhein in die Nordsee mündet und wo „zee” Meer und „meer” See bedeutet, besser, anders oder neu kennenzulernen.

Wir werden diese Lektüreempfehlungen nach und nach in unserem Blog veröffentlichen.