Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Deutsland vür Nederländers – 2

Weiter geht es mit den Beobachtungen zur summer school von De Wereld Draait Door über Deutschland.

06:08 – „Heel veel mensen in Duitsland vragen zich … af: Zijn er meer mensen zoals hij?” Hätte Wollaars fast das af vergessen? Er zögert auffällig, bevor er es nachschiebt. „Viele Menschen in Deutschland fragen sich [ab].“ War da etwa jemand schon zu lang in Deutschland?

06:37 – „…haar eerste keer wirschaffendas“. Interessante Konstruktion. Klingt ein bisschen wie „ihr erstes Mal Fallschirmspringen“. Vielleicht ist das Substantiv wirschaffendas ja ein nominalisiertes Verb?

06:54 – Wurzbürg? Immer wieder Wurzbürg, diese unterfränkische Stadt des Vokalsalats.

Die Festung Marienberg, Wahrzeichen von Wurzbürg. (C. Horvat, PD-self)

07:33 – Die Untertitel übersetzen „Wir schaffen das“ mit „Het gaat ons lukken.“ Die Untertitel sind in diesem Fall für alle da, die kein Deutsch verstehen. Irgendeine Übersetzung muss man also hinschreiben. Wie überall sonst das weithin bekannte „Wir schaffen das“ auch unübersetzt zu lassen, das geht an dieser Stelle nicht.

08:06 – „Een land waar nog altijd miljoenen mensen achter wirschaffendas staan“. Braucht noch jemand einen Beleg für die Worterklärung im künftigen Van-Dale-Eintrag?

08:45 – Wollaars präsentiert einen selbstgemachten Reclameclip für Deutschland. Es spielen mit: Die Allianz-Arena in München mit der deutschen Nationalmannschaft, Schloss Neuschwanstein und die Alpen, das Oktoberfest. Danach Berlin, Dresden, Volkswagen, Windräder, Berlin, Berlin, Berlin. Oder anders ausgedrückt: Viel Bayern, viel Hauptstadt, ein bisschen anonyme Provinz. Es soll eine summer school sein, in der die Zuschauer etwas Neues erfahren. „Wir glauben Deutschland so gut zu kennen, aber so richtig kennen wir es eigentlich nicht“, das redet Wollaars den Zuschauern immer wieder ein. Dass das niederländische Publikum ausgerechnet die immergleichen Deutschlandklischees als Neuentdeckung empfinden wird, daran darf man zweifeln.

10:53Aufarbeiten ist ein sehr deutsches Schlagwort. (Man könnte bösartig sagen: ein bundesdeutsches, deutlich weniger ein österreichisches). Für Niederländer bedarf es einer Erläuterung. Kein so selbstverständliches Lehnwort wie wirschaffendas. Für eine Übersetzung aber mindestens ebenso anspruchsvoll.

11:17 – Neuer Einspieler, neues Übersetzungsangebot: „We hebben zoveel klaargespeeld, we kunnen het.“ Für klaarspelen schlägt der Van Dale vor: hindeichseln, hinbiegen. Klingt ein bisschen unehrlich, aber zugleich vor allem provisorisch. Eine Komponente, die angesichts der bürokratischen Schwierigkeiten und der Mängel in Flüchtlingsunterkünften nicht abwegig ist. Ansonsten immer wieder: „We kunnen het“. Nicht zufriedenstellend.

Soweit für heute. Im nächsten Teil lernen wir, wo Kreuzberg liegt und wo die Niederlande ihr Sklavereidenkmal hinstellen sollten.

Manno, Menno!

Mein Ich ist, wie auch mein Schreiben, eine Form der Polemik

Menno ter Braak (1902–1940)Kommt Ihnen das Bild auf dem Buchdeckel links bekannt vor?
Dann trinken Sie bestimmt gelegentlich einen Kaffee im Literaturhaus in der Fasanenstraße.
An der Wand – wenn Se reinkommen, jleich rechts – hängt dieses Bild vom Mann mit der Brille, ein Kunstwerk von dem Künstler El Bocho.

Das ist der niederländische Autor und Essayist Menno ter Braak.

Marlene Müller-Haas übersetzte die Biografie ter Braaks von Léon Hanssen: Menno ter Braak, (1902–1940) Leben und Werk eines Querdenkers, 2011, Niederlande-Studien, Band 51.

Menno ter Braak kannte und schätzte die deutsche Literaturlandschaft wie kaum ein anderer. Er begleitete die politischen Entwicklungen in den Niederlanden, in Deutschland kritisch. Als die Deutschen im Mai 1940 die Niederlande überfielen, wählte er den Freitod.

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie schmerzlich nahe mir der Tod der beiden* holländischen Schriftsteller, vor allem das Ende unseres Freundes ter Braak, gegangen ist. Es war ein erschütternder Schlag für mich, denn ich habe diesen Mann, der auch für meine Arbeit Schönes und Rührendes getan hat, wahrhaft gern gehabt. Ich glaube, daß die geistvolle Besprechung von »Lotte in Weimar«, die er wenige Tage vor dem Nazi-Einbruch in Het Vaderland veröffentlichte, das letzte gewesen ist, was er geschrieben hat. Quelle

Das schrieb Thomas Mann an Albert Vigoleis Thelen am 5. Oktober 1941.


*Am selben Tag wie Menno ter Braak, am 14 Mai 1940, starb Edgar du Perron an einem Herzinfarkt. Wenige Tage später, am 21. Mai, ging das Schiff, auf dem Hendrik Marsman nach England unterwegs war, unter. Du Perron und Marsman waren sowohl mit Thomas Mann wie mit Albert Vigoleis Thelen bekannt.

Deutsland vür Nederländers – 1

Viele hatten sich dieses Jahr wieder auf ein tiefes Sommerloch gefreut, auf eine saftige Sauregurkenzeit (nl. komkommertijd – Kandidat für eine mysteriöse Entstehungs- und Entlehnungsgeschichte). In Deutschland kamen dem Sommerloch leider sehr tragische Ereignisse dazwischen, in München, in Würzburg, in Ansbach. Trotzdem ist eine ordentliche Sommerlochgeschichte immer noch machbar. Sehr beliebt zum Beispiel: Fernsehen und darüber schreiben. Nichts ist sommerlochiger. Also schaue ich die summer school von De Wereld Draait Door über Deutschland, auch über München, Würzburg und Ansbach.

NOS-Korrespondent Jeroen Wollaars moderiert die „summer school“. (J. Wollaars & E. Nekeman, CC-BY-3.0)

Der Auftrag an mich selbst: nicht nur hinhören, was über Deutschland gesagt wird, sondern vor allem, wie es gesagt wird. Was wird dem niederländischen Publikum erklärt, welche deutschen Schlagwörter und Ereignisse brauchen eine Übersetzung oder Umschreibung, welche kennen die Zuschauer schon? Wie werden deutsche Besonderheiten dargestellt? Ein Beobachtungsprotokoll in fünf Teilen.

00:15 – Wie ich darauf überhaupt komme? Es ist, nach Aussage von Moderator Matthijs van Nieuwkerk eine Sendung over wirschaffendas, gestaltet von NOS-Deutschlandkorrespondent Jeroen Wollaars. Also mal schauen, wie er mit dem Satz und der Thematik rundherum umgehen wird.

01:20 – Das Dreieck auf dem Studioboden ist rot oder rosa und soll wohl so etwas wie „das ist alles total wichtig, was sich da vorne abspielt“ ausdrücken. Zum Glück steht es aus Zuschauerperspektive auf dem Kopf, trotzdem weckt es andere Assoziationen, wenn innerhalb der ersten Sekunden der Sendung der Zweite Weltkrieg angesprochen wird.

02:23 – Deutschland, het land van Beethoven. Gar nicht so absurd, den Komponisten mal [be:jthovǝ] auszusprechen, schließlich ist der Name eigentlich niederländisch. Andererseits, die Familie hatte einen flämischen Hintergrund. Vielleicht dafür also doch ein bisschen zu viel holländischer Diphthong.

02:57 – Wollaars paraphrasiert Deutschlands Erfolge der letzten Jahre: „Wir schaffen alles.“ Ein wirklich guter Slogan ist erst einer, wenn man auch seine Abwandlungen, seine Übertragungen oder Parodien versteht.

03:41 – Ein Ausschnitt aus dem NOS-Journaal über den Amoklauf in München: „Een 18-jarige Iraans-Duitse tiener schoot lukraak om zich heen en doodde hij negen mensen en verwondde hij tientallen anderen.“ Auch ein erfahrener Fernsehmoderator ist vor einem doppelten tantebetje nicht gefeit. Wie kommt man auf so eine Satzstruktur in einer Äußerung, die vermutlich nicht völlig spontansprachlich ist? Wie auch Wollaars später erläutern wird, waren die Schüsse so lukraak (dt. wahllos, auf gut Glück) doch nicht.

03:58 – Noch ein Nachrichtenausschnitt. Reutlingen mit deutschem eu und einem intakten –en, Stuttgart beginnt mit [ʃt]. Hingegen:

04:28 – Wollaars spricht über Wurzbürg. Wurzbürg? Wer hätte gedacht, dass die kurze Abfolge von [u] und [y] so anspruchsvoll ist. Beides schließlich keine unbekannten Vokale im Niederländischen.

Zeit für eine Pause. In ein paar Tagen geht es weiter mit Teil 2, unter anderem mit einem geschichtsträchtigen deutschen Verb, neuen Übersetzungen von Wir schaffen das, und natürlich mit Wurzbürg.

Kein A und O

Ständig begegnen uns Dinge im Alltag, die wir eigentlich unbedingt tun sollten, aber aus Bequemlichkeit oder irgendwelchen Ängsten heraus dann doch sein lassen. Dazu gehört zum Beispiel die Steuererklärung, dazu gehört der regelmäßige Zahnarztbesuch oder auch die Blutspende. Das Finanzamt kann uns zu der unangenehmen Aufgabe zwingen und die Steuererklärung anmahnen – bei der Blutspende gibt es so ein Druckmittel nicht. Da hilft nur viel Publicity und ein Appell an das gute Gewissen.

So versucht es im Moment auch das Belgische Rote Kreuz mit einer pfiffigen Kampagne. Weil es allerorten an Blutspenden fehlt, streichen das Rote Kreuz und seine Partner auf Webseiten, Plakaten oder Publikationen überall die Buchstaben A, B und O. Die drei Zeichen stehen für die Bezeichnungen der verschiedenen Blutgruppen. In Deutschland würde das nur halb so gut funktionieren: Bei uns heißt die Blutgruppe bekanntlich null und nicht Oh. Wer typographisch sehr gewissenhaft ist, sieht zwischen der Ziffer 0 und dem Buchstaben O auch optisch einen Unterschied. Aber die Benennung der beiden Zeichen fließt gelegentlich ineinander über, besonders bekannt etwa im Englischen, wo etwa bei Telefonnummern auch „oh“ statt „zero“ gesagt wird.

Im niederländischsprachigen Raum scheinen beide Bezeichnungen nebeneinander zu bestehen, hier ist mal von bloedgroep nul und mal von bloedgroep O die Rede. Wikipedia behauptet: „In Vlaanderen wordt dit bijna altijd als letter uitgesproken.” Einen Beleg bekommen wir dafür leider nicht – vielleicht haben unsere Leser/innen in den Nachbarländern hier eigene Eindrücke und Erfahrungen von ihren Arztbesuchen?

Allerorten findet man die Information, dass das O (also das „oh“) ursprünglich aus dem Deutschen stammen soll, nämlich abgeleitet von ohne. Wie der österreichische Mediziner Karl Landsteiner beschrieb, sind in der entsprechenden Blutgruppe keine Antigene enthalten, die Transfusionen für Patienten mit den anderen Blutgruppen verhindern. Die Abwesenheit dieser Antigene kann man natürlich genauso gut mit null beschreiben. Egal ob oh oder null – es läuft auf dasselbe hinaus. Warum sich ausgerechnet im Deutschen das oh von ohne nicht gehalten hat, im Niederländischen dagegen schon (obwohl zonder nicht mit o anfängt), das bleibt rätselhaft.

In Österreich war der Biologe Karl Landsteiner mal viel Geld wert. (ÖNB, PD)

Wenig rätselhaft ist dagegen die Tatsache, warum es das Belgische Rote Kreuz dreimal gibt. Es hat einen flämischen Flügel, der sich Rode Kruis-Vlaanderen nennt. Außerdem hat es einen französischsprachigen Flügel, der weiterhin den Namen Croix-Rouge de Belgique trägt und bei Bedarf den Zusatz communauté française nennt. Und natürlich gibt es auch das Belgische Rote Kreuz der deutschsprachigen Gemeinschaft. Ganz unblutig hat sich die Hilfsorganisation in den 1970er Jahren aufgeteilt, und in Flandern hat man ganz konsequent auch gleich Belgien aus dem Namen gestrichen. Bei der Streichung der drei wichtigen Buchstaben arbeiten das R_de Kruis-Vl__nderen und das Cr_ix R_uge de Belgique nun zum Glück friedlich zusammen.

Wir v_n der Niederländischen Phil_l_gie _n der FU _itten jedenf_lls dringend: Gehen Sie _lut spenden!

Alumnis laus! – 4

Flandern und die Niederlande sind gemeinsam die diesjährigen Ehrengäste der 68. Frankfurter Buchmesse.
Wir stellen Übersetzerinnen und Übersetzer mit FU-Vergangenheit vor.

 

Gerd Busse hat überwiegend vor meiner Zeit an der FU Niederländisch studiert.
Er hat u.a. den belgischen Autor Willem Elsschot und den Niederländer Karel van het Reve übersetzt. Letzterem verdankt er sein Motto: ‘Man muss übersetzen, was dort steht (und nicht, was man glaubt, das dort stehen sollte).’ Und Gerd Busse muss – wie ich auch – ein großer Fan von J.J. Voskuils Das Büro sein. Wer würde sich sonst an die Übersetzung dieses einmaligen Werkes, das mehr als 5000 Seiten umfasst, wagen?

 

VitrineSpiegelschiff (2)

 

Ira Wilhelm habe ich erst nach ihrem Studium in München kennengelernt. Sie hat aber an der FU promoviert. Nebst Oscar van den Boogaard, Erwin Mortier und Midas Dekkers hat sie den wunderbaren Roman Oorlog en terpentijn / Der Himmel meines Großvaters von Stefan Hertmans übersetzt. Hertmans Großvater – wie gerne wäre er Maler geworden – kämpfte im Ersten Weltkrieg in den Schützengräben an der IJzer.
Meiner Ansicht nach gebührt Ira Wilhelm für die Übersetzung dieses Romans der Else-Otten-Preis 2016.

Wenn nicht NAOC, dann COA oder NOC*NSF

Gendersternchen? Nein, mit Geschlechtergerechtigkeit hat das NOC*NSF nicht viel zu tun, jedenfalls nicht hauptberuflich. Sicher wird man sich beim NOC*NSF hinter zentrale Werte wie die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Anerkennung von Diversität stellen, daran besteht gar kein Zweifel. Aber wer oder was in aller Welt ist das NOC*NSF? Oder der oder die?
Das Kürzel steht für Nederlands Olympisch Comité * Nederlandse Sport Federatie. Und damit hat der Name gleich drei Merkwürdigkeiten in sich vereint. Zum Einen das seltsame Sternchen – was es zu bedeutet hat, dafür lässt sich auch auf der Website des NOC*NSF so leicht keine Erklärung auftreiben. Man erklärt zwar ausführlich, was man mit dem Logo der Olympischen Spiele, des Komitees und so ziemlich allen anderen Begriffen, Grafiken oder Slogans nicht tun darf (Vorsicht: selbst die Worte Rio 2016 können in eine Copyrightfalle führen). Klar, wegen der olympischen Werte und weil der Sport geschützt werden muss. Oder damit die Lizenzgebühren weiter schön fließen können, aber das sagt man lieber nur zwischen den Zeilen.

Warum da nun ein Sternchen im Kürzel auftaucht, auch in sämtlichen Texten, das dürfen wir uns wohl selbst ausdenken. Vielleicht multiplizieren sich die Kräfte von NOC und NSF zur sportpolitischen Superpower. Oder wir sollen irgendwo eine Fußnote suchen, in der das mit dem Copyright nochmal ganz genau erläutert wird. Oder aber das Sternchen bedeutet, dass die Sache mit dem Sport einfach nur supertoll und total klasse ist. Vermutlich ist es vor allem Marketing – und es funktioniert: Wir haben jetzt schon minutenlang darüber nachgedacht. Und vergessen, dass es wie oben erwähnt noch zwei weitere Merkwürdigkeiten gibt. Nämlich die Frage, warum die Sport Federatie getrennt geschrieben wird (vielleicht eher etwas für kommaneukers). Und die Frage, warum das NOC*NSF im Niederländischen keinen Artikel bekommt, zum Beispiel unter den veel gestelde vragen auf der Website:

Der Sprinter Churandy Martina aus Curaçao startete früher für das NAOC, heute gezwungenermaßen für das NOC*NSF. (E.v.Leeuwen, CC-BY-SA-3.0)

Hoe kan ik lid worden van NOC*NSF?

Hoeveel leden heeft NOC*NSF?

Offenbar ist das Kürzel so sehr zum Markenzeichen geworden, dass das C nicht mehr unmittelbar auf het comité zurückgeführt wird, sondern der Verband seinen Namen einfach nur noch als eine Ansammlung von Buchstaben sieht.

Abgelenkt hat uns das alles außerdem von der Frage, was denn neben dem NOC*NSF nun das COA oder das NAOC tun. Letzteres tut gar nichts mehr. Das NAOC war das Nederlands Antilliaans Olympisch Comité, also der olympische Sportverband der Niederländischen Antillen. Mit deren Auflösung vor sechs Jahren musste auch das Olympische Komitee der Inseln die Arbeit einstellen. Aruba hatte sich glücklicherweise schon früher losgesagt und hat seitdem sein eigenes Olympisches Komitee, nämlich das COA, mit papiamentischem Namen: Comité Olímpico Arubano. Dummerweise hat das Internationale Olympische Komitee (das kennen wir alle: das IOC) vor einiger Zeit die Regeln geändert und es dürfen nur noch wirklich unabhängige Länder neue Komitees gründen. Die alten bestehen weiter, Aruba kann seins behalten, weil es das schon vor der Regeländerung gab. Curaçao und Sint Maarten dürfen aber nun als neue autonome Länder des Königreichs keine neuen gründen. Das hat ziemlich doofe Folgen für Sportlerinnen und Sportler dieser Inseln, wie die NOS-Redaktion aufschlüsselt.

In der öffentlichen Wirkung bedeutet das, dass wir in der Eröffnungsfeier nicht die Fahnen der Inseln sehen konnten und dass Sint Maarten und Curaçao nicht im Medaillenspiegel auftauchen. Sprachlich bringt es uns um das schöne Kürzel KOK, denn ein Komité Olímpiko di Kòrsou dürfte es auf absehbare Zeit nicht geben. Die curaçaischen Athletinnen und Athleten müssen sich nun einiges gefallen lassen: Nicht nur fehlt ihnen bis heute ein vernünftiges deutsches Adjektiv (Curaçaoisch? Curaçanisch? Curassesisch?), sondern sie müssen das Komitee der Nachbarinsel auch noch in der ‚falschen‘ Rechtschreibung ertragen. Das Komitee von Aruba trägt nämlich seinen Namen selbstverständlich in der Papiamento-Variante wie sie dort geschrieben wird und nicht in der Orthographie, die Curaçao benutzt.

Mit am Start sind in Brasilien auch ein paar Sportler*innen aus dem nördlichen Nachbarland, die das Surinaams Olympisch Comité schickt, sowie die Auserwählten des Belgisch Olympisch en Interfederaal Comité (BOIC), oder auf Französisch wie immer verkehrtherum: Comité olympique et interfédéral belge (COIB). Anders als das NOC*NSF rechtfertigt sich das BOIC auf seiner Internetseite durchaus für die seltsame Benennung:

Het BOIC is een „interfederale“ vzw. Het Comité overkoepelt de nationale sportbonden die gewoonlijk uit twee of zelfs drie communautaire liga’s bestaan.

Den Athletinnen und Athleten aus dem niederländischsprachigen Raum wünschen wir jedenfalls weiter viel Erfolg in Rio. Also… dem von 2016. Mit © und so.

Alumnis laus! – 3

Flandern und die Niederlande sind gemeinsam die diesjährigen Ehrengäste der 68. Frankfurter Buchmesse.
Wir stellen Übersetzerinnen und Übersetzer mit FU-Vergangenheit vor.

 

VitrineMulischReybrouck (2)Waltraud Hüsmert hat an der FU und an der Rijksuniversiteit Leiden Niederlandistik und Germanistik studiert.

Als studentische Hilfskraft – das ist schon etwas länger her – hat sie am Aufbau unserer wissenschaftlichen Bibliothek mitgewirkt. Sie ist eine sehr erfolreiche, vielfach ausgezeichnete Übersetzerin.

David Van Reybroucks Kongo-Buch haben wir Ihnen schon vorgestellt.

Für die (Neu-)Übersetzung des magnum opus von Hugo Claus Het verdriet van Belgie / Der Kummer von Belgien erhielt Waltraud Hüsmert 2008 den Else-Otten-Preis.

Hugo Claus (M.Hendryckx, CC-BY-SA-4.0)

Dieser Roman, der vom Belgien während der deutschen Besatzungszeit und der Zeit danach handelt – das alles vor dem Hintergrund des angespannten Verhältnisses von Flandern und Belgien – wurde schon früher unter dem Titel Der Kummer von Flandern [sic] übersetzt. Da hatte sich der deutsche Verlag oder der Übersetzer Johannes Piron wahrscheinlich gedacht, Flandern verkaufe sich besser als Belgien… Hugo Claus hat darüber gelacht, erinnere ich mich, aber entschieden betont: hartstikke fout! (falsch)
Wenn Sie mal einen Roman lesen möchten, in dem sich alles um flämisch-belgischer Geschichte dreht: Hugo Claus: Het verdriet van Belgie / Der Kummer von Belgien, Stuttgart 2008. Großartig! (auch in der deutschen Übersetzung)

Von Waltraud Hüsmerts Übersetzungen will ich noch Willem Frederik Hermans: Die Dunkelkammer des Damokles, Leipzig 2001 erwähnen, einen sehr spannenden, wichtigen Roman, der während der deutschen Besatzungszeit spielt, und in Henri Osewoudt einen Mann präsentiert, der sich als Held wähnt und in Schuld verstrickt.

Regenwulp (P. Dalous, CC-BY-SA-3.0)

Und vielleicht auch einen frühen Roman Maarten ’t Harts: Een vlucht regenwulpen / Ein Schwarm Regenbrachvögel, Frankfurt am Main 1988. Waltraud Hüsmert studierte noch, als sie zusammen mit einigen anderen Studierenden zu mir nach Hause kam, um über Übersetzungen zu diskutieren. Damals schon grübelte sie bezüglich der veronderstelde wedergeboorte / der vorausgesetzten Wiedergeburt… Maarten ’t Hart halt.

Für ihr Gesamtwerk erhielt Waltraud Hüsmert 2004 den renommierten Martinus-Nijhoff-Preis für Übersetzung.

Der Roman Die Zwillinge von Tessa de Loo wird in diesem Jahr neu aufgelegt. Ebenfalls Knabenzeit von Andreas Burnier. Übersetzt von Waltraud Hüsmert – also greifen Sie zu!

Wij krijgen dat voor elkaar

Het kanselierschap van Angela Merkel heeft allang een motto gevonden. Zij mag dan volgend jaar herkozen worden en doorregeren, iedereen weet nu al dat er ooit een biografie moet verschijnen met als titel “Wir schaffen das”. Deze emblematische zin is in Duitsland inmiddels een slogan voor ongebroken merkelianisme in het vluchtelingenbeleid: we hebben alles onder controle, we hebben de middelen en de mogelijkheden om mensen te helpen die hulp nodig hebben.

Ook in de Nederlandstalige pers wordt deze slogan steeds vaker overgenomen, en vooral zonder vertaling. De journalisten veronderstellen dat Nederlanders en Vlamingen het zinnetje zonder meer begrijpen. Dat is niet evident want “wir schaffen das” heeft geen onmiddellijk equivalent in het Nederlands. Het werkwoord scheppen met dezelfde etymologische wortel betekent iets anders. In het Duits drukken we dat met erschaffen of schöpfen uit. In De Morgen omschrijft een artikel de slogan daarom met een andere Nederlandse uitdrukking:

Het zal niet makkelijk zijn, maar jawel, ‚Wir schaffen das‘. Zoals wij dat hier zeggen: moeilijk gaat ook.

Merkel zou dat niet gezegd hebben. Zij heeft genoeg ervaring in politieke communicatie om te weten dat je in zo’n samenhang het woord moeilijk juist niet in de mond moet nemen.

Merkel: „Wir schaffen das!“ Rutte: „Hoe schrijf je dat?“ (Foto: M. Rutte, CC-BY-2.0)

Als het moest, hoe zou je Wir schaffen das kunnen vertalen? Het vermeend alternatief Wij halen het is er geen. Het veronderstelt een gevaar of een bedreiging. Een dergelijke retorica is verspreid in de Duitse politiek, maar Merkel wil dit soort metaforische samenhang vermijden.

De NRC biedt een wat vrijere vertaling aan:

Duitsland kan het aan.

Ineens ontbreekt er het inclusieve aspect dat Merkel wil beklemtonen als wij zomaar vervangen wordt door Duitsland. Het project vluchtelingen is niet alleen een taak voor de anonieme staat maar voor iedereen – wij gaan het samen oplossen. Misschien is kunnen ook te zwak in deze context. De zin van Merkel stelt gewoon vast dat wij het zullen schaffen.

Verder in de tekst is er nog een ander voorstel. De NRC vertaalt een lang citaat van Merkel – de slogan blijft weer in het Duits staan – en voegt er een uitdrukking toe die misschien het dichtst bij het origineel ligt:

Ik heb elf maanden geleden niet gezegd dat het een eenvoudige zaak zou zijn […] Maar ik ben er nu net als toen van overtuigd dat wij het voor elkaar krijgen om aan onze historische opgave, en dit is een historische test in tijden van globalisering, recht te doen. Wir schaffen das, en we hebben voor het overige in de afgelopen elf maanden al zeer, zeer veel voor elkaar gekregen.

Voor elkaar krijgen dus. Waarom niet? In het Duits bestaat er ook de mogelijkheid om te zeggen Wir kriegen das hin. Maar dat heeft Merkel niet gezegd. Zij zegt schaffen, niet hinkriegen.

ScreenshotDeMorgen29juli2016

Screenshot van De Morgen.

De redactie van De Morgen gaat zelfs nog verder en maakt van Wir schaffen das een categorie-titelregel. Rode kleur, geen aanhalingstekens, geen uitleg, geen vertaling. De titel van het artikel duidt een conflict tussen Merkel en de CSU aan, en de kopregel over de titel helpt de lezers om het nieuws in een context te plaatsen: dit artikel maakt deel uit van het thema “Wir schaffen das”. Op deze manier blijft het motto van Merkel niet slechts een slogan maar wordt het een synoniem voor “het vluchtelingenbeleid van Merkel”. We zouden het bijna als één naamwoord kunnen beschouwen. De journalisten vormen samenstellingen (haar roemruchte ‘Wir schaffen das’-uitspraak) en zetten er voorzetsels of possessieven bij (een aangepaste versie van ‘Wir schaffen das’; haar ‘Wir schaffen das’).

Misschien haalt deze uitdrukking uitendelijk nog de Van Dale: wirschaffendas, het, zelfstandig naamwoord – woordverklaring: “politiek beginsel van openheid, kalmte en vertrouwen t.a.v. immigratie en vluchtelingen”. Als de kranten maar consequent doorgaan met hun ontlening, dan kriegen wir das hin.


Zin in nog meer wirschaffendas? Kijk dan vooral naar de summer school van De Wereld Draait Door met de NOS-correspondent in Duitsland Jeroen Wollaars. (En lees de komende weken ons observatieprotocol van de uitzending.)

Alumnis laus! – 2

Flandern und die Niederlande sind gemeinsam die diesjährigen Ehrengäste der 68. Frankfurter Buchmesse.
Wir stellen Übersetzerinnen und Übersetzer mit FU-Vergangenheit vor.


Aus der Schule geplaudert…
(uit de school geklapt)

Ein Lob den Alumnae und Alumni der Niederländischen Philologie der FU Berlin, die sich um die Übersetzung niederländischsprachiger Bücher verdient gemacht haben und verdient machen. Zwar kann ich nicht behaupten, dass sie bei mir die ersten niederländischen Worte gestammelt haben, aber ich habe sie alle in meinen Sprachkursen gehabt.
Hier in alphabetischer Reihenfolge:

VitrineStadtschiff (3)

Vitrine: Philologische Bibliothek

Birgit Erdmann habe ich zum Studium an der FU geraten, obwohl sie mit Frankfurt a.M. liebäugelte. Ich glaube nicht, dass sie diese Entscheidung bereut hat. Die FAZ lobt Die Sauerdropse, vergisst aber – wie das leider allzu häufig der Fall ist – den Namen der Übersetzerin zu nennen. Für Magali Heissler ist Die Seeräuber von Ukval oder Wie Ose und Knorre die Suppe auslöffeln von Rien Broere eine verrückte Geschichte, und die Übersetzerin hat sich deutlich von Broeres Spielfreude anstecken lassen und vermittelt das Vergnügen wunderbar. Mittlerweile hat Birgit Erdmann eine ganze Reihe niederländische Bücher aus verschiedenen Genres ins Deutsche übertragen.

Aus Bonn, wo er das Grundstudium absolviert hatte, kam Rolf Erdorf zu uns. Er hat 2005 für seine Übersetzungen von Kinder- und Jugendliteratur den renommierten Martinus-Nijhoff-Preis bekommen. Hervorheben möchte ich Dolf Verroens Slaaf kindje slaaf. Das Buch erhielt 2006 in der Übersetzung von Rolf Erdorf Wie schön weiß bin ich u.a. den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher.
Auch Werke der „erwachsenen“ Autoren Helga Ruebsamen, Ronald Giphart und des unlängst verstorbenen Joost Zwagermann hat er ins Deutsche übertragen.

Monika Götze hat sich ebenfalls mit Kinder- und Jugendliteratur befasst. Doch 2013 erschien ihre Übersetzung von Ouwehoeren. Verhalen uit de peeskamer – ein Erlebnisbericht der Zwillingsschwestern Louise und Martine Fokkens, die als Prostituierte im Amsterdamer Rotlichtviertel (de Wallen) tätig waren. Das Buch hat den deutschen Titel „Guckt ihr nur“. Nicht schlecht; wie sollte man sonst das Verb ouwehoeren (schwatzen), das gleichzeitig die Konnotation alte Huren transportiert, übersetzen?

Bärbel Jänicke übersetzt überwiegend Sachbücher. Darunter Bücher des Neurobiologen Dick Swaab und des Chirurgen Arnold van de Laar. Neben Medizin und Psychologie ist vor allem Philosophie ihr Steckenpferd. Zuletzt erschien in ihrer Übersetzung Das Sokrates-Prinzip von Jos Kessels.

Rainer Kersten hat sich mit der Übersetzung von den belgischen Autoren Tom Lanoye und Dimitri Verhulst sowie des Niederländers Arnon Grunberg einen Namen gemacht. Für die Übersetzung des Romans Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau (den Namen des Übersetzers suchen Sie in dieser Ankündigung von Random House wieder vergeblich) von Dimitri Verhulst erhielt er den Else-Otten-Übersetzerpreis 2014.
Ganz frisch ist die Übersetzung von Frans Kellendonks Letter en geest: Buchstabe und Geist. Eine Spukgeschichte. 


Sie alle beherrschen die niederländische Sprache. Was sie aber vor allem auszeichnet, ist die Souveränität, die Kreativität, mit der sie sich in ihrer Muttersprache auszudrücken vermögen.
Und das haben sie weiß Gott niet bei mich geleerd.


 

Omchen Schmidt und die rosa Dame

Belgien hat ein Damenproblem. Immer mehr Apfelliebhaber in Europa greifen zur Apfelsorte Pink Lady, wie de Standaard kürzlich berichtete. Kein besonders ökologisches Konsumentenverhalten, denn die rosane Dame wächst vor allem in wärmeren Gegenden, gerne auf der Südhalbkugel, und hat deshalb eine lange Anreise.

Die rosane Dame? Ja, wenn man die deutsche Flexionsmorphologie strikt anwenden möchte. Und wenn man Sprachpuristen ärgern will, die nämlich der Meinung sind, dass man rosa und lila keinesfalls flektieren darf (tatsächlich: darf, nicht etwa kann oder zumindest sollte – aber eine offizielle Flexionsverbotskontrolle gibt es zum Glück nicht). Das Niederländische ist an dieser Stelle etwas versöhnlicher. Attribute vor Substantiven werden zwar tatsächlich noch flektiert: het groene huis, de grote auto. Aber roze hat schon ein –e und die Flexion fällt bei de roze dame dadurch nicht weiter auf. Problem gelöst, mal unabhängig davon, dass man die Pink Lady sowieso nicht übersetzen muss.

Die ältere Großtante der rosanen Dame ist Granny Smith, die ebenfalls einmal auf dem Weg war, den europäischen Apfelmarkt an sich zu reißen. Aber die politischen Haltungen standen dem entgegen. Granny Smith wurde häufig in Südafrika oder Chile angebaut. Viele Verbraucher wollten das Apartheidsregime und die Pinochet-Diktatur nicht durch ihren Obsteinkauf unterstützen. Der Siegeszug des grünen Apfels wurde durch die Gewalt der Weißen gegen die Schwarzen gebremst.

Viele der erfolgreichsten Apfelsorten der Gegenwart tragen englische Namen. Wenig verwunderlich, denn der Markt ist umkämpft und die besten Chancen haben starke Marken. Neben den schon etwas älteren Damen oder dem bekannten Golden Delicious geht der Trend zu fancy (oder: fancygen?) Bezeichnungen neuer Züchtungen, etwa Gala Galaxy oder Scifresh.

Das bedeutet aber nicht, dass das Niederländische in der Welt der Apfelsorten völlig verloren ist. Einer der Klassiker ist noch immer der Boskoop. Das Städtchen in Süd-Holland, das seit Langem von der Pflanzenzucht lebt und heute zu Alphen aan den Rijn gehört, gab dem weltbekannten Apfel seinen Namen. In der nicht ganz offiziellen Stadthymne heißt es darum ganz naheliegend:

Jede Menge Bosköppe. (Zyance, CC-BY-SA-2.5)

Open grenzen zij ons streven,

Voor het kweekersfabrikaat,

Dan alleen kan Boskoop leven,

Als de wereld open staat.

Die Welt stand für den Namen allerdings nur bedingt offen, denn das doppelte o ist unterwegs öfter zur Hälfte verloren gegangen. Man liest also häufig Boskop, was für niederländische Ohren wie eine etwas hölzerne Beschimpfung klingen dürfte. Mit vollem Namen heißen diese Äpfel Schöne aus Boskoop bzw. schone van Boskoop (nicht etwa: mooie). Das vereinfacht zumindest die Pluralbildung, damit keine missverständlichen Formen wie *boskopen, *boskoppen oder gar *Bosköppe dabei herauskommen. Hinter dem genauso verbreiteten Elstar verbirgt sich auch eine niederländische Herkunft, nämlich aus Elst in der Betuwe. Sogar unter den neueren Schöpfungen sind niederländische Namen noch präsent. Die beliebte griechische Alkmene hat die Mutanten Cevaal in den Niederlanden und de Coster in Belgien hervorgebracht. Aristokratisch kommt der Karmijn de Sonnaville daher. Den wiederum flektiert man nicht. Niemand berichtet, sein Lieblingsapfel sei de Karmijne van Sonnaville. Beim Karminroten von Sonnaville kann man das Farbadjektiv wohl flektieren, man darf es wahrscheinlich auch. Bloß werden im deutschen Sprachraum sowieso nur Wenige erkennen, was karmijn eigentlich heißt. Genauso wie bei den Appeltjes van Oranje, die man den Sprachschützern zufolge auch nicht orangene Äpfelchen nennen darf.