Toolbox-Newsletter Nr. 7 – WiSe 2020/21

Wir alle starten in das zweite Semester mit weitgehend digitalen Lehrveranstaltungen. Viele Aspekte gender- und diversitätsbewusster Didaktik lassen sich von der Präsenzlehre auf die digitale Lehre übertragen. Dennoch gibt es einige Besonderheiten, wie die Vor- und Nachteile von asynchroner und synchroner Lehre, sowie zusätzliche Herausforderungen durch die Pandemiebedingungen. Deshalb haben wir eine Sammlung erstellt, die Ihnen die gender- und diversitätsbewusste Planung und Durchführung von digitalen Lehrveranstaltungen erleichtern soll. Sie finden dort:

  • wichtige Angebote und Regelungen der Freien Universität Berlin wie den Code of Conduct für die digitale Lehre oder die Option zur Namensänderung für Studierende in Webex und Blackboard
  • Handreichungen für die digitale Lehre, z.B. zur Förderung respektvoller Kommunikation oder Barrierefreiheit
  • online verfügbare Materialien (Open Educational Resources) und Texte für die Lehre

Die Toolbox-Website wurde außerdem um eine Seite zu Gender Sensitivity in English erweitert. Das Englische wird häufig als genderneutrale Sprache wahrgenommen, obwohl es z.B. bei der Verwendung von Berufsbezeichnungen, Titeln und Pronomen zu Ausschlüssen und Stereotypisierung kommen kann. Informieren Sie sich, wie Sie auch auf Englisch genderbewusst kommunizieren können.

Für Lehrende der Freien Universität bieten wir regelmäßig Workshops zur Erweiterung ihrer Gender- und Diversitykompetenz an. Am 24.11.20 findet in Kooperation mit SUPPORT für die Lehre eine Halbtagsworkshop „(Digitale) Lehre gender- und diversitätsbewusst gestalten“ statt. Wenn Sie einen Eindruck von unseren Angeboten bekommen möchten, lesen Sie den Beitrag einer Teilnehmerin „Nichts ist neutral!“ im Online-Magazin campus.leben. Außerdem wird im laufenden Semester ein Tagesworkshop zu „Rassismuskritischer Hochschullehre“ stattfinden. Der genaue Termin wird noch festgelegt.  Wenn Sie uns eine E-Mail schreiben, informieren wir Sie gerne, sobald der Termin feststeht. Darüber hinaus führen wir Workshops und Präsentationen auch auf Anfragen durch, z.B. für Tutor*innen, Arbeitsbereiche oder Kollegs. Kontaktieren Sie uns gerne!

NEIN heißt NEIN! Am 25. November wird jährlich der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen begangen. Aus diesem Anlass findet in diesem Jahr zum zweiten Mal der FU-weite Beratungstag statt, der von der Geschäftsstelle der AG Gegen Sexualisierte Belästigung, Diskriminierung und Gewalt organisiert wird. Wir beteiligen uns an diesem wichtigen Angebot und beraten insbesondere zu Anliegen aus dem Bereich Lehre.

Save the date

15.12.20, 16-17.30 Uhr: Podiumsdiskussion „(Anti-)Rassismus an Hochschulen“

Die Veranstaltung wird von Melanie Bittner (Toolbox Gender und Diversity in der Lehre) und Heike Pantelmann (Margherita-von-Brentano-Zentrum) organisiert.

Kommen Sie gut durch die nächsten Monate!

Die ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‘ verschickt pro Semester 1-2 Newsletter per E-Mail. Die Newsletter informieren beispielsweise über neue Inhalte auf der Homepage der Toolbox und über anstehende Termine.
Wenn Sie Interesse am Newsletter der Toolbox haben, schicken Sie uns bitte eine E-Mail an  kontakt@genderdiversitylehre.fu-berlin.de. Wir speichern Ihren Namen, Ihre E-Mail-Adresse und ggf. ihren Arbeitsbereich an der FU in einer Excel-Datei und nutzen Ihre Daten ausschließlich für die Verschickung des Newsletters.
Sie können den Newsletter jederzeit per E-Mail abbestellen.

Ansprache von Studierenden: Richtiges „Gendern“ in der digitalen Kommunikation

Genderbewusste Sprache ist ein zentrales und schnell umsetzbares Element gender- und diversitätsbewusster Lehre. Dazu gehört auch, Studierende richtig anzusprechen. Seit Einführung der „dritten Option“ ist das Bewusstsein gewachsen, dass nicht alle Menschen mit „Herr“ oder „Frau“ angesprochen werden wollen, weil sich nicht alle als männlich oder weiblich identifizieren. Darüber hinaus macht die Einführung des Personenstands „divers“ noch deutlicher, dass nicht auf Grundlage des Vornamens oder Aussehens einer Person geschlossen werden kann, wie diese adressiert werden möchte. Gerade im Hochschulalltag machen wir das leider noch besonders häufig, weil das Siezen und die Ansprache mit „Herr/Frau (Nachname)“ sehr üblich ist. Auf der Toolbox-Seite zu Sprache gehen wir nun auch ausführlicher auf genderinklusive Sprache und richtiges „Gendern“ von Personen ein.

Wir haben einige Tipps für die digitale Lehre zusammengestellt, wie Sie eine Diskriminierung bei der Ansprache von Studierenden vermeiden können:

  1. Direkte Ansprache
    Sprechen Sie einzelne Student*innen mit Vornamen oder mit Vor- und Nachnamen an. So vermeiden Sie „Herr/Frau (Nachname) und damit eine geschlechtliche Zuschreibung. Sie können die Studierenden dennoch siezen. Erklären Sie zu Beginn der Lehrveranstaltung oder in virtuellen Sprechstunden, warum Sie sich für diese Regelung entschieden haben. Nehmen Sie diese Information auch in die grundlegenden schriflichen Informationen zu Ihrer Lehrveranstaltung auf, z.B. in Blackboard.
  2. Indirekte Ansprache
    Verwenden Sie auch Vornamen oder Vor- und Nachnamen, wenn Sie über einzelne Student*innen sprechen. So vermeiden Sie sowohl „Herr/Frau (Nachname)“ als auch „er/sie“.
    Beispiel: wie Martin Stokowski in der Präsentation erläutert hat
  3. E-Mail-Signatur
    Ergänzen Sie in Ihre E-Mail-Signatur um eine Information zur Ansprache. So können Sie diese wichtige Information unkompliziert mitteilen und signaliseren, dass Ihnen respektvolle Kommunikation wichtig ist.
    Beispiel: Die Geschlechtsidentität von Menschen ist weder aus dem Aussehen noch aus dem Namen verlässlich abzuleiten. Gerne können Sie mir mitteilen, wie ich Sie ansprechen soll. Wenn Sie mich ansprechen, verwenden Sie bitte das Pronomen sie/ihr.
  4. Systemeinstellungen
    Wenn Sie synchrone digitale Veranstaltungen durchführen, informieren Sie die Studierenden zusammen mit den Zugriffsdaten zur Plattform über die Möglichkeit, den später im System angezeigten Namen zu ändern. Nicht bei allen Studierenden ist der eingetragene Name auch der Name, mit dem sie angesprochen werden möchten – dieser ist aber für die Kommunikation in der Lehre meistens der relevante Name, denn eine Prüfung der Identität ist nur selten notwendig.
    Beispiel: Bei Webex ist die Änderung des angezeigten Namens über das Zedat-Portal möglich.
  5. Selbstbestimmung und Antidiskriminierung
    Akzeptieren Sie unbedingt, wenn eine Person Ihnen mitteilt, wie sie angesprochen werden möchte und halten Sie sich konsequent daran. Wenn Sie die Person bislang anders angesprochen haben, ist eine Umgewöhnung nicht immer leicht. Versuchen Sie anfangs, sich beim Sprechen besonders zu konzentrieren oder „üben“ Sie für sich. Entschuldigen Sie sich kurz und ohne Umschweife oder Rechtfertigung, wenn Sie die Person aus Versehen falsch angesprochen haben. Informieren Sie nie Dritte ohne dringende Notwendigkeit und Rücksprache mit der betroffenen Person über einen nicht mehr genutzten Vornamen  – das ist diskriminierend und unter Umständen rechtlich explizit verboten (Offenbarungsverbot nach § 5 TSG). Hier stellt die digitale Lehre ein größeres Risiko dar, weil verstärkt auf Daten aus dem System zurückgegriffen wird, z.B. bei Webex.

Haben Sie weitere Tipps zur Umsetzung nicht-diskriminierender Ansprache von Studierenden? Sind Ihnen in der digitalen Lehre weitere Hürden oder Probleme des Datenschutzes begegnet? Teilen Sie uns gerne Ihre Erfahrungen mit. Auch Fragen beantworten wir gerne per E-Mail.

Im Starter-Kit der Toolbox finden Sie mehr Informationen zu gender- und diversitätsbewusster Sprache. Die Seite wurde im Mai 2020 aktualisiert und enthält nun u.a. mehr Informationen zur Dritten Option und genderinklusiver Sprache.

Empfehlenswerte Leitfäden zu genderbewusster Sprache

Sprache ist vielfältig – Leitfaden der HU für geschlechtergerechte Sprache (Humboldt-Universität zu Berlin, 2019)
ÜberzeuGENDERe Sprache. Leitfaden für eine geschlechtersensible Sprache (Universität zu Köln, 2020)
Empfehlungen für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache (Stadt Hannover, 2019)
Geschlechtersensible Sprache – Ein Leitfaden (Technische Universität Berlin, 2020)

 

Weitere Informationen

Arbeitsgemeinschaft trans*emanzipatorische Hochschulpolitik, Deutsche Gesellschaft für Transidentität undIntersexualität e.V. (Hg.). 2018. Inter* und Trans*an der Hochschule. Informationen zum kompetenten Umgang mit Inter*- und Trans*studierenden für Entscheidungsträger*innen an Hochschulen.

Akademie der bildenden Künste Wien (Hg.). 2019. trans. inter*. nicht-binär. Lehr- und Lernräume an Hochschulen geschlechterreflektiert gestalten. Wien

Soziale Herkunft an Hochschulen: Interview mit Hannah Rindler von ArbeiterKind.de

"Also es ist ja durchaus auch eine Kompetenz, in zwei Welten zuhause zu sein, eine besondere Leistungsanstrengung hinter sich gebracht zu haben und bestimmte Hürden genommen zu haben, die andere nicht nehmen mussten." (Hannah Rindler)

Welche Rolle spielt soziale Herkunft, also der Bildungshintergrund von Studierenden, aktuell an der Hochschule? Welche Erfahrungen machen Studierende, die als Erste in ihrer Familie studieren, im Unterscheid zu  Studierenden mit akademischem Familienhintergrund?

„Studierende der ersten Generation“, „first generation academics“ oder „working class academics“ – so bezeichnen sich Personen, die als Erste in ihrer Familie ein Studium begonnen haben. Bei diesen Selbstbezeichnungen handelt es sich um neutrale, beschreibende Formulierungen oder um die positive Betonung einer Vorreiter*innenrolle. Damit stehen die Begriffe im Gegensatz zu der häufig zu findenden Fremdbezeichung „bildungsferne Studierende“, die eine Distanz zur Norm, eine Abweichung, betont.

In diesem Good-Practice-Beispiel möchten wir eine Organisation vorstellen, die ebenfalls die Position als Vorreiter*in ins Zentrum stellt. Die gemeinnützige Organisation ArbeiterKind.de hat das Motto „für alle, die als erste in ihrer Familie studieren“. Motiviert durch ihre eigenen Erfahrungen als Studentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin gründete Katja Urbatsch 2008 ArbeiterKind.de. Was als ehrenamtliches Projekt begann, ist mittlerweile eine mehrfach ausgezeichnete Organisation mit mehr als 30 Mitarbeiter*innen in ganz Deutschland.

Mehr zu dem Good-Practice-Beispiel im Toolbox-Beitrag:

  • Soziale Herkunft als folgenreiche Diversitätsdimension
  • Videointerview mit Hannah Rindler, Bundeslandkoordinatorin Berlin von ArbeiterKind.de
  • Literaturhinweise

Black History Month: 8 Podcasts über Schwarze Geschichte und Kultur

Februar ist „Black History Month„! Anfang des Monats haben wir zu diesem Anlass bereits einige Bücher von Schwarzen¹ Autor*innen empfohlen. Doch auch über andere Medien können Interessierte etwas über Schwarze Geschichte und Kultur (dazu)lernen. So gibt es mittlerweile eine große Auswahl an Podcasts, in denen Schwarze Menschen über ihre Perspektiven auf Politik und Gesellschaft sprechen. Mal wissenschaftlich, mal eher persönlich, mal journalistisch – und manchmal eine Mischung aus all diesen Dingen. Auf jeden Fall aber: kritisch. Hier stellen wir 8 Podcasts vor und empfehlen jeweils eine Folge zum Einstieg:

„Afropod: Kompromisslos schwarz“, Folge: „Schwarze Menschen, Deutschland und die Konstruktion von Rasse“
Maciré Bakayoko und Fatou Sillah sind Aktivistinnen aus Bremen. In ihrem „Afropod“ bieten sie gesellschaftliche Analysen aus dezidiert Schwarzer Perspektive. In der ersten Folge geht es darum, wie Schwarze Menschen in der deutschen Gesellschaft unsichtbar gemacht wurden und werden. Sie nehmen außerdem die deutsche Kolonialgeschichte in den Blick, wie das Deutsche Reich vom transatlantischen Sklavenhandel profitierte und wie es dazu beitrug, Rassismus pseudowissenschaftlich zu institutionalisieren.

„Black and Breakfast“, Folge: „Impostor Syndrome“
Jaide und Joana sind „zwei Berlinerinnen, denen die Stimmen von Women of Colour in Deutschland gefehlt haben“. In der Folge zum „Impostor Syndrome“ geht es um das Phänomen, das auftritt, wenn sich Personen ihre Erfolge nicht selbst zuschreiben, sondern sich als Hochstapler fühlen: „Das war nur Glück“, „Die Klausur war so leicht“. Dass diese Denkmuster vor allem bei marginalisierten Bevölkerungsgruppen auftreten, ist dabei kein Zufall.

„Code Switch“, Folge: „The Birth of a ‚New Negro'“
„Code Switch“ ist ein aufwändig produziertes Storytelling-Format von People of Colour. Der Podcast stammt vom US-amerikanischen „National Public Radio“ (NPR). In der Folge „The Birth of a ‚New Negro'“ geht es um Alain Locke. Der afroamerikanische, schwule Philosoph wird häufig als „Vater der Harlem Renaissance“ bezeichnet, der wichtigsten künstlerischen und sozialen Bewegung von Afroamerikaner*innen im frühen 20. Jahrhundert. Er studierte an der Universität Berlin, dem Vorläufer der späteren Humboldt-Universität, und prägte die afrodeutsche Szene entscheidend mit.

„Die kleine schwarze Chaospraxis“, Folge: „akademia“
Die Poetry-Slammerin Ninia la Grande und die Schauspielerin und Sängerin Denise M’baye sprechen in der „Kleinen schwarzen Chaospraxis“ humorvoll über Alltägliches, Feminismus und Inklusion – „im perfekten Imperfektionismus“, wie sie selbst sagen. In dieser Folge nehmen sie den Wissenschaftsbetrieb und vor allem dessen Sprache in den Blick: Wen schließt sie ein, wen schließt sie aus? Von diesen Analysen bleibt in der Episode auch die Freie Universität Berlin nicht verschont.

„Essay und Diskurs“, siebenteilige Reihe zu „Identitäten“, Folge: „Farbe bekennen“
Die Sendung „Essay und Diskurs“ läuft im Deutschlandfunk und veröffentlichte zum Jahreswechsel eine Reihe mit dem Titel „Identitäten“. Darin widmen sich Schwarze Künstler*innen und Kulturschaffende verschiedenen Themen: In der Folge „Farbe bekennen“ beschäftigt die Kuratorin und Autorin Mahret Ifeoma Kupka sich kritisch mit Büchern afrodeutscher Autor*innen: Mit welchen Rassismusbegriffen sie operieren, ob sie die weißen Leser*innen herausfordern – oder diese eher beschwichtigen.

„Feuer und Brot“, Folge: „White Saviorism“
Maxi Häcke und Alice Hasters sind seit ihrer Kindheit beste Freundinnen. Als „Feuer und Brot“ widmen sie sich Themen aus Politik und Popkultur. Alice Hasters hat zudem kürzlich ein Buch mit dem Titel „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber hören sollten“ veröffentlicht. In der empfohlenen Folge geht es um weiße Menschen, die etwa in Form von Freiwilligendiensten nicht-weiße Menschen „retten“ wollen – und dabei oft mehr Schaden anrichten als helfen.

„The Nod“, Folge: „Nobody Looks Like Me“
Im US-amerikanischen Podcast „The Nod“ sprechen Brittany Luse und Eric Eddings über ernstere und unterhaltsamere Aspekte Schwarzer Kultur. In der vorgestellten Folge geht es um ein besonderes historisches Ereignis: 1961, als Schulen in den USA noch überwiegend segregiert waren, waren die „Memphis 13“ – gerade einmal Erstklässler – die ersten Schulkinder, die Schulen besuchten, die vormals ausschließlich weißen Kindern vorbehalten waren. In „Nobody Looks Like Me“ sprechen die Moderator*innen mit dem Vater eines der „Memphis 13“.

„Tupodcast“, Folge: „Wie wir zu uns selbst kommen“
Tupoka Ogette ist vor allem für ihre antirassistische Bildungsarbeit bekannt. Ihr Buch „exit Racism“ gehört zu den Standardwerken in diesem Bereich. Im „Tupodcast“ spricht sie mit anderen Schwarzen Frauen über Diskriminierung und Widerstand, Inspiration und Empowerment. In der Folge „Wie wir zu uns selbst kommen“ spricht sie mit Pascale Virginie Rotter, Projektkoordinatorin für „Empowerment, Sensibilisierung und antirassistische Öffnung“ an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.

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¹Der Begriff „Schwarz“ wird in diesem Beitrag bewusst groß geschrieben. Damit soll darauf hingewiesen werden, dass es sich dabei nicht um biologische Eigenschaften oder lediglich die Hautfarbe, sondern um eine Strukturkategorie in einem globalen Machtgefüge handelt. Für weiße Menschen hat sich die kursive, kleingeschriebene Variante etabliert. Mehr Informationen dazu gibt es hier.

Brettspiel „Identitätenlotto“ zu Gender, Vielfalt und Diskriminierung kann bei der Toolbox ausgeliehen werden

Gendertheorien praktisch und erfahrungsorientiert zu vermitteln – dieser in der Lehre erlebte Bedarf stand am Anfang der Entwicklung des Identitätenlottos. Juliette Wedl hat sich gemeinsam mit einigen Kolleg*innen am Braunschweiger Zentrum für Gender Studies an die Arbeit gemacht und ein Lehr-Lernspiel zu Gender, Vielfalt und Diskriminierung entworfen, getestet und weiterentwickelt. Jetzt ist das Brettspiel erschienen.

Mit einer zufällig gezogenen Spielidentität durchlaufen die Spieler*innen verschiedene Lebensthemen wie Alltag in Deutschland, Selbstbild und Familie. Gemeinsam werden Wissens- und Ereigniskarten sowie Entscheidungen auf Grundlage der Spielidentität diskutiert.

Mehr zum Ablauf und Einsatz des Brettspiels sowie Hinweise zur Reflektion finden Interessierte in dem Artikel „Identitätenlotto – Ein Spiel quer durchs Leben“ von Juliette Wedl, der als eines der Good-Practice-Beispiele in der ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‚ veröffentlicht wurde.

Weitere Informationen zum Spiel gibt es unter https://identitaetenlotto.de/. Dort kann das Spiel auch bestellt werden. Es kostet 50 Euro.

Mitarbeiter*innen und Studierende der Freien Universität Berlin können ein Exemplar des Spiels gegen Vorlage eines Lichtbildausweises beim Toolbox-Team am Arbeitsbereich Zentrale Frauenbeauftragte ausleihen. Schicken Sie uns bei Interesse einfach ein E-Mail.

 

Studentische Perspektiven auf Diversität in Studium und Lehre

Angehende Mentor_innen diskutieren über die Möglichkeiten und Grenzen des Supports unter Studierenden

Namen der Mentor_innen von der Redaktion geändert

Es ist noch früh am Morgen, doch die Temperaturen kratzen bereits an der 30-Grad-Marke. Trotz des hochsommerlichen Wetters haben sich um die 15 Studierende in der vorlesungsfreien Zeit entschlossen, an die FU zu fahren und an einem mehrtägigen Workshop teilzunehmen. Im kommenden Semester sollen sie als angehende Mentor_innen den „Erstis“ den Einstieg in den Studienalltag erleichtern. Neben der Orientierung am Fachbereich und der Hilfe bei der Studienplanung sind sie auch Ansprechpersonen bei allen möglichen Herausforderungen, die ein Studium mit sich bringen kann.

Um einen Eindruck zu vermitteln, wie unterschiedlich die Lebensrealitäten von Studierenden an der Universität sein können, stelle ich als Studentische Mitarbeiterin im Rahmen der Mentor_innen-Workshops die ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‘ vor. Die Toolbox ist eine Website, die über die vielfältige Studierendenschaft informiert und Lehrenden die Möglichkeit bietet, sich z.B. über Methoden und Praxisbeispiele zum Thema Gender und Diversity in der Lehre zu informieren.

Wir starten mit einer kurzen Vorstellungsrunde. Als Studentische Mitarbeiterin kann ich mich gut in den Studienalltag der Studierenden hineinversetzen. Ich merke aber auch, dass sich dieser nicht immer gleicht. Denn so unterschiedlich wie die Studiengänge der Teilnehmenden im Mentor_innen-Workshop sind, so unterschiedlich sind auch die Erfahrungen, die sie während ihrer bisherigen Studienlaufbahn gemacht haben.

„Studentische Perspektiven auf Diversität in Studium und Lehre“ weiterlesen

Einen guter Start ins Semester fördern: gender- und diversitätsbewusste Gestaltung der ersten Sitzung einer Lehrveranstaltung

Was sollte in der ersten Sitzung einer Lehrveranstaltung passieren, um Studierende in ihrer Vielfalt zu adressieren und Diskriminierung abzubauen? Wie können Sie eine Grundlage für eine gute Lernatmosphäre während des Semesters legen? Wir schlagen acht Punkte für die erste Sitzung jeder Lehrveranstaltung vor:

1. Inhalte motivierend darstellen: In der ersten Sitzung sollten die Studierenden eine Vorstellung von den Inhalten und dem Ablauf der Lehrveranstaltung gewinnen, deren roten Faden nachvollziehen können. Dabei ist es wichtig, die Studierenden neugierig auf das Thema zu machen und sie für die Lehrveranstaltung zu motivieren. Versuchen Sie zu vermitteln, warum Sie selbst das Thema so spannend finden oder erzählen Sie von Ihrem eigenen Forschungs- und Lernprozess. Die Kolleg*innen von hochschuldidaktik online empfehlen in ihrem Blog, sich nicht gleich zu Beginn der Sitzung in die (wichtigen, aber manchmal ermüdenden) organisatorischen Details zu stürzen, sondern die Methode des Storytelling zu nutzen, um Studierende zu motivieren.
Stellen Sie, wenn möglich, die Bedeutung der Gender- und Diversitätsforschung für das Thema der Lehrveranstaltung dar. Sie können ggf. auch auf die Auswahl der Literatur eingehen und Ihre Kriterien transparent machen. Selbst wenn die Autor*innen wenig Diversität repräsentieren, kann das eine wissenschaftskritische Perspektive auf den Lehrinhalt ermöglichen.

2. Kennenlernen: Es ist gut für die Lernatmosphäre, wenn sich die Teilnehmenden ein bisschen kennen und so Sicherheit gewinnen. Der Vorteil vieler Kennenlernmethoden ist zudem, dass Sie durch eine Verknüpfung mit den Themen der Lehrveranstaltung selbst etwas über die Interessen, Bedürfnisse und Kenntnisstände der Studierenden erfahren und diese in Ihre weitere Planung einbeziehen können. Hierfür eignen sich viele Vorschläge aus der Toolbox zur Aktivierung von Studierenden. Ich selbst nutze sehr gerne Aufstellungen im Raum zu verschiedenen Thesen oder ein Speeddating zu Beginn einer Lehrveranstaltung. Für große Gruppen sind digitale Tools, insbesondere Online-Response-Systeme, sehr gut geeignet.

3. Studierende respektvoll ansprechen: Zu einer guten Diskussionsatmosphäre trägt auch bei, wenn sich alle mit Namen adressieren können. Namensschilder in den ersten Sitzungen oder auch während des gesamten Semesters sind deshalb sehr hilfreich. Sie können den Studierenden auch anbieten, das Personalpronomen, mit dem sie adressiert werden möchten, auf dem Namensschild zu notieren, oder (bei bis zu 25 Personen) eine Pronomenrunde (S. 379) durchführen. Um eine unzutreffende Geschlechtszuschreibung durch die Adressierung als Herr/Frau + Nachname zu vermeiden, können Sie die Vornamen der Studierenden verwenden und sie dennoch siezen („Hamburger Sie“). Das ist auch praktisch für die Studierenden, die sich untereinander mit Vornamen ansprechen.
Hinweise zu gender- und diversitätsbewusster Sprache im Allgemeinen finden Sie in unserem Starter-Kit.

4. Datenschutz beachten: Verwenden Sie zur Erstellung der Teilnehmendenliste besser nicht die Namensliste aus dem Campusmanagement, sondern eine Blanko-Liste oder ‑Tabelle, die Sie herumgeben. Nicht alle Studierenden wollen mit dem Namen adressiert werden, mit dem sie offiziell eingeschrieben sind, z. B. wenn sie trans* sind. Wenn Sie den „alten“ Namen durch Herumgeben einer Liste oder durch das Aufrufen auf Grundlage der Liste verwenden, „outen“ Sie diese Studierenden unter Umständen. Dies kann zu Diskriminierungen und hohen Belastungen führen, die nicht nur leicht vermeidbar sind, sondern auch dem gesetzlichen Offenbarungs-Verbot („Outing-Verbot“) zuwiderlaufen. Achten Sie auch bei der Sammlung oder Veröffentlichung auf Anforderungen des Datenschutzes.

5. Positive Gesprächskultur fördern: Für das Gelingen einer Lehrveranstaltung sind alle Beteiligten verantwortlich. Als Lehrende*r sind Sie dafür zuständig, möglichst gute Voraussetzungen für eine konstruktive Gesprächskultur zu schaffen. Gerade bei der Thematisierung von Gender und Diversity gibt es oft lebhafte Diskussionen, sehr unterschiedliche Grade der Sensibilisierung und leider auch Verletzungen.
Um eine gute Diskussionsatmosphäre zu fördern, ist es sinnvoll, von Anfang an Regeln für den Umgang miteinander in Form einer Seminarvereinbarung zu formulieren. Dies dient der Transparenz und gibt Sicherheit, weil im Zweifel im Laufe des Semesters auf die Vereinbarungen verwiesen werden kann. Dabei können einerseits Sie als Lehrende*r bestimmte Grundsätze einführen, die enthalten, was Sie sich wünschen (z. B. wertschätzende Kommunikation oder Beteiligung möglichst vieler Studierender) oder welches Verhalten Sie nicht dulden (z. B. Beleidigungen, sexualisierte Belästigung). Eine höhere Akzeptanz von Vereinbarungen entsteht, wenn Sie diese demokratisch zusammen mit den Studierenden erarbeiten oder zumindest gemeinsam als „Seminarvereinbarung“ beschließen, was sich vor allem in kleineren Lehrveranstaltungen anbietet.
Sehr empfehlenswert ist es auch, das Konzept der Fehlerfreundlichkeit einzuführen, das bewusst berücksichtigt, dass Hochschullehre kein machtfreier Raum ist, und versucht, mit dem Spannungsverhältnis zwischen Lernraum und Schutzraum konstruktiv umzugehen.

6. Formale Aspekte kommunizieren: Die Studierenden müssen nach der ersten Sitzung wissen, welche Materialien sie brauchen und wie sie diese bekommen. Die Leistungsanforderungen sowie formale Teilnahmebedingungen wie Fristen etc. sollten ebenfalls bekannt und transparent gemacht werden. Es empfiehlt sich, solche Unterlagen schriftlich zur Verfügung zu stellen, am besten als Handout und digital. Tipps zur Erstellung von barrierefreien pdf-Dokumenten finden Sie z. B. bei der Bundesfachstelle Barrierefreiheit.

7. Erreichbarkeit der Lehrenden thematisieren: Die Studierenden sollten wissen, wie Sie als Lehrende*r bei Fragen oder Problemen zu erreichen sind. Geben Sie einige Beispiele, mit welchen Anliegen Studierende ggf. in Ihre Sprechstunde kommen können. Dies kann eine große Erleichterung für Studierende sein, die noch nicht über solches informelles Wissen der Hochschulkultur verfügen, wie z. B. Arbeiterkinder insbesondere zu Beginn des Studiums. Signalisieren Sie, dass sich Studierende gerne an Sie wenden können, wenn Sie Probleme oder spezifische Bedürfnisse haben, die Sie als Lehrende*r berücksichtigen sollten, seien es Ersatzleistungen bei unvermeidbarer Abwesenheit, Bedarfe zur Barrierefreiheit, der Wunsch auf eine bestimmte Weise adressiert zu werden etc. Studierende mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen haben zur Förderung der Chancengleichheit einen Anspruch auf Nachteilsausgleich. Dieser lässt sich erfahrungsgemäß am besten umsetzen, wenn die Beantragung und Planung mit ausreichend Vorlauf geschieht.

8. Beratungsstellen bekannt machen: Nutzen Sie die erste Sitzung auch, um auf Beratungsstellen an der Freien Universität zu verweisen, an die sich die Studierenden z.B. zu Themen wie Vereinbarkeit, Nachteilsausgleich, Finanzierung des Studiums oder Diskriminierungserfahrungen wenden können. Damit machen Sie nicht nur die verschiedenen Einrichtungen und Stellen bekannter, Sie signalisieren auch, dass Ihnen verschiedene Lebenssituationen und Bedarfslagen bewusst sind. Viele Studierende nehmen Beratung nicht oder sehr spät in Anspruch, weil sie Angst vor Stigmatisierung haben. Wenn Sie die Einrichtungen an Ihrer Universität kennen und regelmäßig darauf verweisen, können Sie zur Enttabuisierung beitragen.

Wir wünschen Ihnen allen einen guten Semesterstart!

Wenn Sie sich kurzfristig zur gender- und diversitätsbewussten Gestaltung der ersten Sitzung einer Lehrveranstaltung austauschen möchten, können Sie an unserem Webinar am 09.10.19 von 14 bis 15 Uhr teilnehmen.

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