Rassismuskritisch lehren und lernen – Workshop mit Ayla Satilmis am 19.03.21

Rassismus ist allgegenwärtig und als ein institutionelles Problem im Bildungssystem vielerorts vorzufinden. So gibt es auch im Wissenschaftsbetrieb institutionellen Rassismus, der sich beispielsweise in der mangelnden Diversität von Lehrenden und an eurozentrischen Wissenschafts- und Forschungsperspektiven zeigt sowie bei Lehrinhalten und -materialien zum Vorschein kommt. 

In diesem Workshop geht es darum, die Hochschule aus einer rassismuskritischen Perspektive zu betrachten und ein Bewusstsein für Antidiskriminierung im Lehr-Lern-Alltag zu entwickeln. Zentral befassen wir uns mit der Frage: Wie kann rassismuskritisches Lehren und Lernen aussehen? 

In einer Kombination von Theorie, anwendungsorientierten Inputs und Reflexion gehen wir dieser Frage nach und werden uns dabei mit verschiedenen Facetten von Rassismus im Hochschulkontext auseinandersetzen, intersektionale Herausforderungen diskutieren und kritisches Weiß-Sein im Lehr-Lern-Setting reflektieren. Der Workshop bietet Raum für Austausch und Denkanstöße für rassismuskritische, diversitätsbewusste Lehr-Lern-Bedingungen. Vermittelt werden konkrete Ideen zur Gestaltung (digitaler) Lehre und Beratung im Lichte der Antidiskriminierung, die mit zentralen Prinzipien guter Lehre verknüpft werden. 

Bitte beachten:

  • Der Workshop beinhaltet eine Vorbereitungsaufgabe, die Sie eine Woche vorher zugeschickt bekommen und für deren Bearbeitung Sie 60 Minuten einplanen sollten.  

Ziele: 

  • Auseinandersetzung mit rassismuskritischen und intersektionalen Perspektiven im Hochschul- und Wissenschaftskontext 
  • Vermittlung rassismuskritischer Handlungskompetenzen in der Lehrgestaltung und Beratung 
  • Reflexion und Erarbeitung rassismuskritischer, diversitätssensibler Lehr- und Lernszenarien 

Trainerin:

Ayla Satilmis, Politikwissenschaftlerin mit langjährigen Lehr- und Forschungserfahrungen an der Universität Bremen sowie freiberufliche Referentin mit den Schwerpunkten Antidiskriminierung, Rassismuskritik, Demokratisierung des Wissenschaftsbetriebs sowie diversitätssensible und partizipative Lehr-Lern-Formate; Kontakt: satilmis@uni-bremen.de

Anmeldung:

Bitte mit Angabe des Fachs, in dem Sie an der Freien Universität Berlin lehren, unter kontakt@genderdiversitylehre.fu-berlin.de

Zeit & Ort

19.03.2021 | 09:00 – 15:00

Online-Workshop

„Gleichstellung ist…“ – Twitter-Aktion zum 8. März

„Lassen wir uns nicht schrecken durch die Ungunst äußerer Umstände, haben wir für alle Schwierigkeiten nur eine Antwort: Erst recht!“ 

Clara Zetkin (1857-1933), Frauenrechtlerin , Kommunistin und Wegbereiterin des Frauentags in Deutschland

Dass Frauen wählen und die politische Zukunft ihres Landes mitbestimmen können: Anfang des 20. Jahrhunderts war das die zentrale Forderung sozialistischer Feministinnen in Europa. Ein Frauentag sollte bei der Propagierung dieses Ziels helfen. In vielen Ländern wurde dies 1918 zumindest teilweise erreicht. Doch die Ungleichbehandlung endete nicht an der Wahlurne: Frauenrechtlerinnen kämpften auch für das Recht auf freie Berufswahl, Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohneinbußen, Schulspeisungen für Kinder oder legale Schwangerschaftsabbrüche.

Während etwa das Wahlrecht für Frauen mittlerweile selbstverständlich scheint, kommen einige der mindestens 100 Jahre alten Forderungen erstaunlich aktuell daher. Die Mehrfachbelastung von Frauen durch Sorge- und Lohnarbeit, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und Gleichberechtigung am Arbeitsplatz sind noch heute Thema. Fakt ist: Ausschlussmechanismen auf Basis des Geschlechts wirken fort. Weil dies für die ganze Gesellschaft gilt, sind auch Hochschulen nicht frei von diesen strukturellen Barrieren.

An deren Abbau arbeiten Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte seit den 1990er Jahren . Anlässlich des 8. März möchten wir ihre Tätigkeiten, Positionen und Angebote in dieser Woche sichtbarer machen. Deshalb übernimmt der Bereich der Zentralen Frauenbeauftragten diese Woche unseren Twitter-Account und organisiert dort eine besondere Aktion: Jeden Tag vervollständigen (dezentrale) Frauenbeauftragte unterschiedlicher Fachbereiche sowie andere gleichstellungpolitische Akteur*innen der FU den Satz „Gleichstellung bedeutet…“. Dabei setzen sie ihre eigenen Schwerpunkte, machen auf intersektionale Verschränkungen oder gesellschaftliche Verantwortlichkeiten aufmerksam. Zu den Aussagen gesellen sich im Laufe der Woche Zitate inspirierender, feministischer, mit der FU verbundener Persönlichkeiten wie Margherita von Brentano und Audre Lorde.

Die Beschäftigung mit Diskriminierung, gesellschaftlichen Ausschlüssen und institutionellen Hindernissen kann deprimieren . Sie kann aber auch mutig, sogar kämpferisch stimmen, und an Clara Zetkin erinnern: „Erst recht!“

Erzählen Sie uns: Wie würden Sie „Gleichstellung bedeutet…“ vervollständigen? Wir freuen uns über Likes, Retweets, Kommentare auf Twitter oder hier im Blog, und wünschen einen inspirierenden 8. März!

Quiz: Institutionalisierung Gender & Diversity

Update: Quizfragen lassen sich auch in Blackboard einbinden! Sie eignen sich hervorragend als dynamischer Einstieg für die Lehrveranstaltung, als Auflockerung nach Input-Phasen oder als Impulsgeber für Diskussionen.

Wie es geht, können Sie in dieser bebilderten Anleitung nachlesen.
Auf Ihrer Webseite können Sie die Inhalte mit dem „Embed“-Button per iFrame einbinden. Verzerrungen in der Darstellung sind möglich, überprüfen Sie die Nutzbarkeit deshalb bitte vor der Verbreitung.

Dass Frauen wählen und promovieren dürfen, dass es diverse Anlaufstellen für geschlechterbezogene, rassistische oder behindertenfeindliche Diskriminierung gibt – all das mag im Jahr 2021 selbstverständlich erscheinen. Oft ist es aber noch gar nicht so lange her, dass diese Grundrechte in Deutschland gesetzlich verankert wurden, und es bleibt viel zu tun. In unserem Quiz, „Institutionalisierung Gender und Diversity“, das wir Ihnen heute in aktualisierter und überarbeiteter Form vorstellen, können Sie Ihr vorhandenes Wissen testen und neues erwerben. Eine englischsprachige Version und ein weiteres Quiz folgen bald.

Viel Erfolg!

Version Februar 2021. Soweit nicht anders gekennzeichnet, ist dieses Werk unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz lizensiert.

Maximalpräsenz in Homeoffice und Kinderzimmer – eine studierende Mutter berichtet.

Wie sieht der Alltag studierender und berufstätiger Eltern unter Corona-Bedingungen aus? Ein Erfahrungsbericht von Anna Helfer, ehemalige Mitarbeiterin im Team Zentrale Frauenbeauftragte und Doktorandin am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie der Freien Universität Berlin. Dieser Beitrag erschien zuerst im Wissenschaftlerinnen-Rundbrief.

Angesichts der veränderten Arbeitsbedingungen durch die Corona-Pandemie forderte die Landeskonferenz der Frauenbeauftragten an Berliner Hochschulen (LaKoF) Anfang April eine Entlastung, insbesondere für Familien, durch Arbeitgeber*innen. In der Stellungnahme heißt es, dass sich Familien mit der bundesweiten Kita- und Schulschließung von einem auf den anderen Tag mit einer extremen Mehrfachbelastung konfrontiert sahen: der Betreuung von Kita-Kindern und dem Homeschooling von Schulkindern bei gleichzeitiger Lohnarbeit, die auch in nicht-systemrelevanten Berufen vor täglichen Anforderungen und Deadlines nicht Halt macht.

Die Maßnahmen der Berliner Senatsverwaltung sahen in erster Linie individuelle Lösungen vor

Diese umfassten beispielsweise die Nutzung von mobilem Arbeiten, Ausgleich von Überstunden, Regel- oder Erholungsurlaub. Erst wenn diese Maßnahmen ausgeschöpft seien, bestehe ein Anspruch auf eine 10-tägige Freistellung gemäß § 29 Absatz TV-L. Aber auch die zu diesem Zeitpunkt veranlassten Regelungen stellten keine langfristigen Lösungen dar, die der ungewissen Dauer der neuen Arbeitssituation durch COVID-19 Rechnung trugen. In ihrer Stellungnahme forderten die LaKoF und Berliner Frauenverbände daher Unternehmens-, Hochschul- und Behördenleitungen auf, „die Beschäftigten im Homeoffice mit Familienverpflichtungen soweit wie möglich zu unterstützen und die geltenden Regelungen großzügig auszulegen und anzuwenden“. Dass es sich hierbei lediglich um eine Empfehlung handelt, wird spätestens dann jeder Familie – und besonders berufstätigen Alleinerziehenden – bewusst, wenn man vor der Aufgabe steht, aus dem Stand Lösungen für die Bewältigung von Beruf und gleichzeitiger Kinderbetreuung zu finden.

Als Mutter von zwei Kleinkindern, Studierende, studentische Mitarbeiterin und direkt Betroffene von der Schließung der Kitas fragte ich mich, wie wir als Familie in Absprache mit unseren Arbeitgeber*innen die Stellungnahme in konkrete Empfehlungen umsetzen können. Wie genau sieht ein Alltag zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung aus, wie können Eltern den Anforderungen beider Bereiche gerecht werden? Inwieweit kann man auf die Unterstützung von Arbeitgeber*in, Vorgesetzten und Kolleg*innen zählen?

Plötzlich brach nicht nur die Kitabetreuung, sondern auch unser soziales Netzwerk weg

Wie viele andere Familien auch, mussten mein Partner und ich unseren Alltag in kürzester Zeit umstrukturieren und überlegen, wie wir Arbeit und Kinderbetreuung miteinander vereinen können. Unsere Kinder waren bei Beginn des Lockdowns und der Kitaschließung ein und drei Jahre alt. Zuvor wurden sie dort von Montag bis Freitag von 8:30 bis 15 Uhr betreut. Mein Partner ist mit 40 Stunden in der freien Wirtschaft (Film) fest angestellt. Ich war zu diesem Zeitpunkt Vollzeitstudentin und zudem als studentische Mitarbeiterin mit 10 Wochenstunden an der Freien Universität beschäftigt.

Das Abholen der Kinder aus der Kita und die Nachmittagsbetreuung teilten wir uns für gewöhnlich mit Unterstützung aus unserem Familien- und Bekanntenkreis auf. Mit dem Ausbruch von Corona brach daher nicht nur plötzlich die Kitabetreuung, sondern auch unser Familien-Freund*innen-Netzwerk weg.

Die von der Bundes- und Landesregierung veranlassten Maßnahmen und Empfehlungen, soziale Kontakte zu minimieren, bedeuteten für uns im Konkreten, dass die Großmutter, die einmal in der Woche die Enkelkinder von der Kita abholt und auch öfters in Krankheitsfällen einspringt, unerwartet ausfiel – ebenso wie die Babysitterin oder Freund*innen.

Wie also sollten wir es schaffen, unsere 30- bis 40-Arbeitsstundenwoche und Vollzeitkinderbetreuung ohne Unterstützung zu organisieren?

Die LaKoF argumentiert zu Recht, dass diese Anforderungen kaum zu bewältigen sind und daher Eltern mit Sorgepflicht entlastet werden müssen. Aber wie? In unserer Familie musste mein Partner und Vater der Kinder weiterhin an drei Tagen in der Woche zur Arbeit gehen, an denen ich mich folglich um die Kinder kümmern musste. An zwei Tagen der Woche arbeitete er im 8 Homeoffice und betreute die Kinder vormittags. Diese zwei Tage Homeoffice, inklusive der freigestellten Zeit für die Kinderbetreuung (8 Stunden/Woche), war Ergebnis eines Gespräches meines Partners mit seinen Vorgesetzten, das er von sich aus anstoßen musste. Trotz der zeitlichen Freistellung blieben für ihn der Arbeitsdruck und die zeitlichen Deadlines weiterhin bestehen – auch in der Zeit, in der er die Kinder betreute. So stand er des Öfteren vor der Herausforderung, E-Mails schreiben und Telefonate führen zu müssen, während die Kinder um ihn herumsprangen. Spätestens hier zeigte sich für uns auch die falsch verstandene Idee von Homeoffice.

Nicht immer sieht das Leben mit Kindern so harmonisch aus – schon gar nicht bei einer Mehrfachbelastung der Eltern. (Foto: A. Helfer)

Wenn die Landes- und die Bundesregierung die Vereinbarkeit von beruflicher Tätigkeit sowie Betreuungs- und Sorgepflicht mit dem mobilen und flexiblen Arbeiten erfüllt sehen, dann haben sie vergessen, wie ein Alltag mit kleinen Kindern tatsächlich aussieht und wie wenig „flexibel“ Kinder sind: Aufstehen, Frühstück, Windelwechseln, Anziehen, Zähneputzen – und weil kleine Kinder schnell ungeduldig werden, ist es gut, oft und regelmäßig das Haus zu verlassen für Spaziergänge mit Laufrad und Kinderwagen durch den Park und Kiez – Spielplätze waren geschlossen; danach Mittagessen vorbereiten, essen, Mittagsschlaf inklusive Vorsingen und Vorlesen. Durchatmen. Ein bisschen arbeiten. Dann entweder spielen, basteln, malen oder rausgehen, Abendessen vorbereiten, Zähneputzen, Schlafanzug anziehen und ins Bett bringen mit Gutenachtgeschichte vorlesen. Durchatmen und dann arbeiten? Wenn ich mich nicht gerade selbst um 20 Uhr nach 12 Stunden Betreuungs- und Haushaltsarbeit in den Schlaf gesungen habe, dann hatte ich bestimmt keine Energie oder Kapazitäten mehr, auch nur irgendetwas zu machen, außer auszuruhen. Wann und wieviel Zeit bleibt also an so einem Tag für die berufliche Arbeit?

Unsere Familiensituation zeigt, wie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung vor allem mich als Frau traf

Ein konzentriertes Arbeiten gelang mir meist nur in den frühen Morgenstunden zwischen 5 und 7 Uhr, wenn die Kinder noch schliefen. Allein der Versuch, mich während des Tages kurz an meinen Laptop zu begeben, löste bei den Kindern Protest aus, der es mir unmöglich machte, meiner Arbeit mit voller Aufmerksamkeit nachzugehen. Die Male, die ich notgedrungen gemeinsam mit meinen Kindern an einer Videokonferenz teilnahm, waren für mich unmöglich zu handhaben. Die Kinder forderten meine Aufmerksamkeit: Sie sind auf mir herumgeklettert, haben am Laptop die Tasten gedrückt, irgendwann wollten sie nicht mehr und fingen an zu quengeln. Die Unmöglichkeit zu arbeiten, fing ich in den ersten Wochen damit auf, dass ich Erholungsurlaub und die von der Freien Universität gewährte 10-tägige Freistellung in Anspruch nahm. An die Arbeit für das Studium setzte ich mich frühmorgens an den zwei Vormittagen in der Woche, an denen mein Partner die Kinder betreute, und am Wochenende. Dennoch, es war zu wenig Zeit, um Studium und Job gerecht zu werden. In unserem Fall lag das auch daran, dass ich sehr viel mehr Betreuungsverantwortung übernehmen musste als mein Partner.

Wie auch in der LaKoF-Stellungnahme formuliert, zeigt sich an unserem Familienbeispiel, wie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung vor allem mich als Frau traf. Zwar bemühte sich der Arbeitgeber meines Partners um eine familiengerechte Lösung, die allerdings in der Praxis aufgrund der fortdauernden Arbeit und der durch Corona erhöhten Furcht vor finanziellen Einbußen bzw. dem Arbeitsplatzverlust nicht ausreichend funktionierte.

Gesellschaftliche Probleme, individuelle Lösungen

Im Gegensatz zu dem Plädoyer der LaKoF, dass Sorgeverpflichtung keine ausschließlich private Angelegenheit sein darf, sahen wir uns letztendlich mit einem Problem konfrontiert, welches wir individuell lösen mussten. Dank der Unterstützung meiner Kolleginnen empfand ich in meinem Arbeitszusammenhang nicht den gleichen Arbeitsdruck wie mein Partner. Sie bestärkten mich darin, nur so viel und so flexibel zu arbeiten, wie es mir unter den aktuellen Umständen möglich war. Dennoch plagte mich in der Zeit das schlechte Gewissen. Zudem hatte ich das Gefühl, dass wir die Arbeitssituation meines Partners auf dem Rücken meiner Arbeitskolleginnen austrugen.

Ich war grundsätzlich sehr verunsichert darüber, wie ich die Aussagen meiner Kolleginnen und auch die Stellungnahme der LaKoF für mich begreifen und umsetzen könnte. Ich arbeitete daher sehr flexibel und holte angesammelte Unterstunden am Wochenende, an Feiertagen, im Sommerurlaub und nach dem Ende der Kitaschließzeit nach. Das war in einigen Wochen mal mehr und mal weniger, bot mir jedoch die Möglichkeit, die Situation handhaben und der Fürsorgepflicht meinen Kindern gegenüber weiterhin verantwortungsvoll gerecht werden zu können.

Was bei der Diskussion um die Vereinbarkeit von Arbeit und Betreuung in Corona-Zeiten zu kurz kommt, ist das Wohl der Kinder und die Rolle, die Kitas und Erzieher*innen dafür spielen. Für unsere Kinder war die Situation sehr ungewohnt und auch schwierig. Als Eltern war es uns daher wichtig, unseren Kindern weiterhin einen an die Kita angelehnten strukturierten Alltag zu ermöglichen.

Wie systemrelevant ist die Beaufsichtigung, Erziehung und Förderung von Kindern?

Für uns beinhaltete das folglich, auch die Funktion der Kita in der neuen Situation zu übernehmen. Genauer bedeutete dies, die Kinder nicht einfach nur zu beaufsichtigen, sondern sie im Sinne der frühkindlichen Bildung (Sprachentwicklung, Motorik/Bewegung, Kreativität, Sozialverhalten) zu betreuen und zu fördern. Für uns zeigte sich an der allgemeinen Diskussion um Homeoffice und Kinderbetreuung auch die fehlende Wertschätzung für Kita-Betreuung und Erziehung. Diese steht offensichtlich in keinem Verhältnis zu ihrer gesellschaftlichen – und systemrelevanten – Bedeutung für Kindererziehung. Ich bin daher zu dem Schluss gekommen, dass die Parallelität von Homeoffice und Kinderbetreuung nicht funktioniert, weder Beruf noch Kindern gerecht werden kann. Mit der Unterstützung meiner Kolleginnen konnte ich meinen Kindern jedoch einen halbwegs kindgerechten Alltag ermöglichen, wofür ich sehr dankbar bin.

„Abwehrkräfte gegen Antifeminismus“ – Neuer Wissenschaftlerinnen-Rundbrief erschienen!

Die Pandemie trifft alle, aber sie trifft nicht alle gleich. Gerade Familien mit kleinen Kindern, Betroffene von häuslicher Gewalt oder Pflegekräfte erlebten zuletzt oft enorme zusätzliche Belastungen – nicht nur in Deutschland. Ohne einen feministischen Blick auf die Krise blieben solche Perspektiven oft außen vor. Auch deshalb haben unsere Kolleg*innen im Bereich der Zentralen Frauenbeauftragten diesem Thema einen Schwerpunkt im aktuellen „Wissenschaftlerinnenrundbrief“ gewidmet.

Dieser erschien im Dezember als Doppelausgabe und trägt den Titel „Abwehrkräfte gegen Antifeminismus“. Wo das Coronavirus viele bereits bestehende gesellschaftliche Probleme weiter verstärkt hat – etwa den Pflegenotstand und den Care-Gap – sind andere Ausschlussmechanismen in den Hintergrund geraten. Das neue Heft nimmt sich in einem zweiten Schwerpunkt deshalb dem Thema „Antifeminismus von rechts“ an. Wie legitimiert er sich, wie funktioniert er an der Hochschule und was lässt sich ihm entgegensetzen? Diese und weitere Fragen diskutieren renommierte Autor*innen auf fast 30 Seiten.

Die aktuelle und ältere Ausgaben zu spannenden Themen wie „Klimawandel und Geschlechterverhältnisse“ oder „Geschlechterverhältnisse in der Mathematik“ kann auf der Seite der Zentralen Frauenbeauftragten kostenlos heruntergeladen werden. Einzelne Beiträge werden außerdem gesondert auf diesem Blog veröffentlicht.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

Online-Podiumsdiskussion zu „(Anti-)Rassismus an Hochschulen“ am 15.12.2020

Welche Rolle spielen Hochschulen im aktuellen Diskurs über Rassismus? Wie wirkt institutioneller Rassismus an Hochschulen? Welche antirassistischen Forderungen und Initiativen gibt es?

Das Margherita-von-Brentano-Zentrum und die ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‘ laden alle Mitglieder der Freien Universität Berlin sowie weitere interessierte Personen zu einer Podiumsdiskussion ein, bei der diese Fragen thematisiert werden. Sie soll der Auftakt für eine Veranstaltungsreihe zu (Anti-)Rassismus an Hochschulen im Sommersemester 2021 sein. Mit diesem Angebot möchten wir zur dringend notwendigen Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen im Hochschulkontext beitragen und Räume schaffen, in denen Wege zur Stärkung von Antidiskriminierung an der Freien Universität entwickelt werden können. 

Die Podiumsdiskussion ist Teil der Aktivitäten zum Wissenschaftstag #4Gender Studies, der nun zum vierten Mal deutschlandweit rund um den 18. Dezember stattfindet. Er verfolgt das Anliegen, die Bandbreite der Themen, Forschungsergebnisse und Akteur*innen der Gender Studies sichtbarer zu machen. Dieses Jahr beschäftigen sich die Angebote in Berlin mit dem Themenschwerpunkt „Institutioneller Rassismus“. Weitere Informationen dazu finden sich hier.

Es diskutieren:

  • AStA Referat für Schwarze Studierende und Studierende of Color, vertreten durch Naledi Maskia Mmoledi (Politikwissenschaft), Santiago Velez Vargas (Politikwissenschaft) und Nataly Castillo Bennett (Lateinamerikastudien)
  • Mohamed Amjahid (Politikwissenschaftler, Journalist und Autor)
  • Dr. Denise Bergold-Caldwell (Bildungs- und Erziehungswissenschaftlerin, wissenschaftliche Geschäftsführerin des Zentrums für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung an der Philipps-Universität Marburg)
  • Dr. Doris Liebscher (Juristin, Leiterin der Ombudsstelle der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung)
  • Saboura Naqshband (Politikwissenschaftler*in, Sozial- und Kulturanthropolog*in, Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung) 

Veranstalterinnen:

Melanie Bittner (Toolbox Gender und Diversity in der Lehre) und Dr. Heike Pantelmann (Margherita-von-Brentano-Zentrum)

Organisatorische Informationen:

Die Podiumsdiskussion findet in Webex-Events statt. Sie können sich über einen moderierten Chat an der Diskussion beteiligen. Bitte melden Sie sich bis zum 13.12. über das Anmeldeformular für die Veranstaltung an. Den Webex-Link erhalten Sie dann wenige Tage vor der Podiumsdiskussion.

Toolbox-Newsletter Nr. 7 – WiSe 2020/21

Wir alle starten in das zweite Semester mit weitgehend digitalen Lehrveranstaltungen. Viele Aspekte gender- und diversitätsbewusster Didaktik lassen sich von der Präsenzlehre auf die digitale Lehre übertragen. Dennoch gibt es einige Besonderheiten, wie die Vor- und Nachteile von asynchroner und synchroner Lehre, sowie zusätzliche Herausforderungen durch die Pandemiebedingungen. Deshalb haben wir eine Sammlung erstellt, die Ihnen die gender- und diversitätsbewusste Planung und Durchführung von digitalen Lehrveranstaltungen erleichtern soll. Sie finden dort:

  • wichtige Angebote und Regelungen der Freien Universität Berlin wie den Code of Conduct für die digitale Lehre oder die Option zur Namensänderung für Studierende in Webex und Blackboard
  • Handreichungen für die digitale Lehre, z.B. zur Förderung respektvoller Kommunikation oder Barrierefreiheit
  • online verfügbare Materialien (Open Educational Resources) und Texte für die Lehre

Die Toolbox-Website wurde außerdem um eine Seite zu Gender Sensitivity in English erweitert. Das Englische wird häufig als genderneutrale Sprache wahrgenommen, obwohl es z.B. bei der Verwendung von Berufsbezeichnungen, Titeln und Pronomen zu Ausschlüssen und Stereotypisierung kommen kann. Informieren Sie sich, wie Sie auch auf Englisch genderbewusst kommunizieren können.

Für Lehrende der Freien Universität bieten wir regelmäßig Workshops zur Erweiterung ihrer Gender- und Diversitykompetenz an. Am 24.11.20 findet in Kooperation mit SUPPORT für die Lehre eine Halbtagsworkshop „(Digitale) Lehre gender- und diversitätsbewusst gestalten“ statt. Wenn Sie einen Eindruck von unseren Angeboten bekommen möchten, lesen Sie den Beitrag einer Teilnehmerin „Nichts ist neutral!“ im Online-Magazin campus.leben. Außerdem wird im laufenden Semester ein Tagesworkshop zu „Rassismuskritischer Hochschullehre“ stattfinden. Der genaue Termin wird noch festgelegt.  Wenn Sie uns eine E-Mail schreiben, informieren wir Sie gerne, sobald der Termin feststeht. Darüber hinaus führen wir Workshops und Präsentationen auch auf Anfragen durch, z.B. für Tutor*innen, Arbeitsbereiche oder Kollegs. Kontaktieren Sie uns gerne!

NEIN heißt NEIN! Am 25. November wird jährlich der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen begangen. Aus diesem Anlass findet in diesem Jahr zum zweiten Mal der FU-weite Beratungstag statt, der von der Geschäftsstelle der AG Gegen Sexualisierte Belästigung, Diskriminierung und Gewalt organisiert wird. Wir beteiligen uns an diesem wichtigen Angebot und beraten insbesondere zu Anliegen aus dem Bereich Lehre.

Save the date

15.12.20, 16-17.30 Uhr: Podiumsdiskussion „(Anti-)Rassismus an Hochschulen“

Die Veranstaltung wird von Melanie Bittner (Toolbox Gender und Diversity in der Lehre) und Heike Pantelmann (Margherita-von-Brentano-Zentrum) organisiert.

Kommen Sie gut durch die nächsten Monate!

Die ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‘ verschickt pro Semester 1-2 Newsletter per E-Mail. Die Newsletter informieren beispielsweise über neue Inhalte auf der Homepage der Toolbox und über anstehende Termine.
Wenn Sie Interesse am Newsletter der Toolbox haben, schicken Sie uns bitte eine E-Mail an  kontakt@genderdiversitylehre.fu-berlin.de. Wir speichern Ihren Namen, Ihre E-Mail-Adresse und ggf. ihren Arbeitsbereich an der FU in einer Excel-Datei und nutzen Ihre Daten ausschließlich für die Verschickung des Newsletters.
Sie können den Newsletter jederzeit per E-Mail abbestellen.

Die Rhetorik der Universität entzaubern: Interview mit Angie Martiens vom Lehrprojekt „Understanding University“

"Wir wollen mit 'Understanding University' die Möglichkeit schaffen, kritisch reflektiert über die Universität nachzudenken und über diese intensive Auseinandersetzung mit der Universität die Möglichkeit für Empowerment schaffen." (Angie Martiens)

An der Universität kommt es nicht nur darauf an, was wir sagen, sondern auch, wie wir es tun. Die universitäre Rhetorik umfasst viele subtile Regeln und Codes. Für Studierende zeigt sich das z.B. in folgenden Situationen: Wann ist in einer Vorlesung ein guter Zeitpunkt, um eine Frage zu stellen? Was mache ich, wenn ich Fachbegriffe oder Fremdwörter nicht verstehe? Wie schreibe ich eine gelungene Mail an eine Professorin? Ein bildungssprachlicher Duktus prägt das Sprechen an Universitäten. Je nach Disziplin sind unterschiedliche Ausdrucksweisen und Fachbegriffe nötig, um Inhalte zu kommunizieren. Zudem haben sich spezifische Formen entwickelt, wie etwa wissenschaftliche Debatten geführt werden oder wie Diskussionen in Lehrveranstaltungen ablaufen. Wie leicht oder schwierig die Gewöhnung an die universitäre Rhetorik für Studierende ist, hängt oft nicht von ihren Fähigkeiten und ihrem Fachwissen, sondern anderen Faktoren ab: Ob sie aus einem akademischen Elternhaus kommen, in dem eine universitätsnahe Sprechweise zum Alltag gehört, oder ob sie als Erste in der Familie studieren und ihnen ein solcher Rückhalt fehlt.

Sprechen über ungeschriebene Regeln – Diversität und akademische Rhetorik

Solche Unterschiede und Voraussetzungen werden in universitären Lehrveranstaltungen bisher wenig thematisiert. In diesem Good-Practice-Bespiel stellen wir ein Lehrprojekt vor, das diesen Umstand ändern möchte: „Understanding University – The Rhetoric(s) of German Academia“ ging aus einem Projekt der Romanistikprofessorin Anita Traninger und ihren wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen Angie MartiensIsabelle Fellner und Oliver Gent im Sonderforschungsbereich 980 „Episteme in Bewegung“ hervor. 2017 erhielt es den Zentralen Lehrpreis der Freien Universität Berlin. In dem Jahr wurden explizit Veranstaltungen mit Diversity-Bezug ausgezeichnet, die aktuelle Forschung innovativ in die Lehre umsetzen.

Mehr zu dem Good-Practice-Beispiel im Toolbox-Beitrag:

  • Vorstellung des Lehrkonzepts
  • Links zu verwendeten Materialien
  • Einfluss von Fachkulturen
  • Videointerview mit Angie Martiens, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Understanding University“
  • Literaturhinweise

Gender Sensitivity in English

Gender-sensitive language is a part of inclusive language — one that avoids words or expressions that promote prejudices, stereotypes, or discriminatory views. Inclusive language helps individuals feel like they belong and offers a way to reflect on the diverse nature of society. People experience discrimination based on different characteristics, such as race and ethnicity, gender, sexuality, age, disability, socioeconomic status, personal appearance, level of language acquisition, etc. When thinking about strategies for inclusive language, it is important to consider several general questions:

● Is it necessary to refer to gender or any other characteristics when talking about a group of people or a single person?

● Is it certain that the notion is not disempowering people or reinforcing a stereotype?

● If you are referring to a group, does the statement reflect its diversity?

All of these questions also apply to the use of gender-sensitive language.

Strategies for gender sensitivity exist in many languages: in some, like in Swedish, it has become a norm that can be found in the dictionary, in German, some aspects are slowly gaining more acceptance, and in others, like in Russian, it is a practice brought into larger public spheres by marginalized groups and it is not yet widely spread. English as the third most widely spoken language in the world and arguably the most used language in academia on an international level is of particular interest in the case of gender sensitivity.

General Guidelines on Non-Discriminatory and Gender-Sensitive Language
The SAGE Handbook of Sociolinguistics Guidelines for Non-Discriminatory Language Use (2011)
Guidelines for Gender-Inclusive Language in English (United Nations)
Handout on Gender-Inclusive Language (The Writing Center, University of North Carolina at Chapel Hill)

1. Is English Gender-Neutral?

English is sometimes called a gender-neutral language as if it were a completely safe terrain in terms of inclusivity and sensibility for the issues of gender and sexuality. It’s true that in comparison to German or other gendered languages such as Spanish or Russian, English doesn’t require so many changes to be gender-neutral, but given that gender, as a category is not absent from English grammar, gender-neutrality is not something that comes with the language itself.  

Most cases of gender-marking in English happen through words that refer to people — nouns and personal pronouns. Unlike German, in English, inanimate objects – words like tablecoffee, or book – are not gendered. There are exceptions, such as the “metaphorical” gender, with words like shipcar, or bus that are sometimes referred to by feminine pronouns, but it is quite a shortlist that presents rather a peculiarity on a linguistic level than a stepping stone for societal change through language. 

2. Do’s and Dont’s of Gender-Marking in Nouns

Several issues occur in gender-marked nouns. Among the words that refer to occupations there are some that can either enforce an already existing stereotype or bring a diminishing connotation to the meaning. General recommendation in this case would be to avoid gender-marking and only use it symmetrically when gender is relevant to the topic. Another problem that gender-marked nouns create is the gender binary, which doesn’t reflect the breadth and complexity of gender identities that go beyond female and male. This issue is also relevant for the way people are addressed, as in ladies and gentlemen or Dear Sir/Madam. Many family-related terms exclude non-heterosexual relationships and can be replaced with a neutral equivalent.

You can find more information on all the mentioned issues with examples of gender-neutral wording as well as literature on our webpage Gender Sensitivity in English.

Öfter mal eine Autorin lesen

Von Anne-Sophie Schmidt

Der Artikel ist zuerst im Online-Magazin campus.leben der Freien Universität Berlin erschienen.

Angeregt durch ein Seminar am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie führten Studentinnen der Freien Universität eine Umfrage zu Sexismus im Literaturbetrieb durch

In ihrem Studium der deutschen Philologie liest Chantal Bossdorf überwiegend Werke von Goethe, E.T.A. Hoffmann oder Thomas Mann. Autorinnen finden sich immer noch selten auf Klassiker-Leselisten; erst seit einigen Jahren werden vermehrt Schriftstellerinnen aus vergangenen Epochen in kanonischen Übersichten geführt.

Durch ein Seminar im gerade zu Ende gegangenen Sommersemester wurde Chantal Bossdorf bewusst, wie diese Auswahl eine jahrhundertelange Ungleichbehandlung von Männern und Frauen im Literaturbetrieb widerspiegelt. Als Reaktion darauf führte die Studentin mit vier Kommilitoninnen eine Umfrage zum Thema „Sexismus in der Literaturbranche“ durch.

#MeToo und Literaturbetrieb

Im Rahmen des Bachelorseminars „#MeToo und Literaturbetrieb“ bei Professorin Anne Fleig befragte die Gruppe Angehörige des Literaturbetriebs nach ihren Erfahrungen mit Sexismus. „Die Umfrage hat uns einen kleinen Einblick vermittelt“, sagt Vivien Rachow, die auf Lehramt Sonderpädagogik und Deutsch im Bachelor studiert und an der Umfrage beteiligt war. „Viele unserer Annahmen und Vermutungen wurden leider bestätigt. Ein Großteil der Befragten ist sich der vorherrschenden Diskriminierung bewusst, viele haben selbst Erfahrungen mit Sexismus gemacht.“

Die Umfrage fand, wie das ganze Seminar, online statt. „Wegen des digitalen Semesters gab es ganz neue Formen und Formate – und auch mehr Freiheit als sonst“, sagt Seminarleiterin Anne Fleig. „Ich finde es toll, dass diese Freiheit auch genutzt wurde. Die Studentinnen haben die Umfrage auf eigene Initiative gestartet und sind zu bemerkenswerten Ergebnissen gekommen.“

An der Umfrage beteiligten sich 125 Personen aus der Literaturbranche

Die Gruppe koordinierte sich ausschließlich über Messenger-Dienste, über Soziale Medien machte sie die Umfrage publik und schrieb Vertreterinnen und Vertreter der Literaturbranche an. Am Ende nahmen 125 Menschen teil, darunter 98 Frauen: Autorinnen und Autoren, Lektorinnen und Lektoren, Übersetzerinnen und Übersetzer sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Verlagen.

Vor dem Seminar konnten sich die 21-jährige Chantal und die 24-jährige Vivien wenig unter dem Thema vorstellen. Chantal hatte von der #MeToo-Debatte, ausgelöst durch den Skandal wegen hundertfacher sexueller Übergriffe des US-Filmproduzenten Harvey Weinstein, bis dahin nur im Fernsehen gehört. Sie hatte das Thema auch deswegen ausschließlich mit Film- und Fernsehstars verbunden. „Dass es ähnliche Vorfälle auch in der Literaturbranche gibt, wurde mir erst im Seminar bewusst.“ Damit war sie nicht allein, viele hörten in der Lehrveranstaltung zum ersten Mal davon.

Gemeinsam diskutierten die Studierenden über Machtverhältnisse in der Literaturbranche, lernten, welchen Einfluss Literaturpreise und Bestenlisten wie die Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises haben, und lasen den Roman Hippocampus von Gertraud Klemm. Darin nimmt die Autorin den Literaturbetrieb aufs Korn und beschreibt diskriminierende und sexistische Strukturen der Branche.

Ungewollte Berührungen von männlichen Kollegen, unangemessene Kommentare zum äußeren Erscheinungsbild, stereotype Berichterstattung, das Vorurteil, als Autorin nur für bestimmte Themenbereiche geeignet zu sein, schlechtere Bezahlung bis hin zu sexuellen Übergriffen – die Antworten der Teilnehmenden zu ihren Erfahrungen sind reichhaltig.

Austausch über das Thema ist wichtig

Dass die Umfrageergebnisse nicht repräsentativ sind, ist den Studentinnen klar – dennoch seien die gewonnenen Erkenntnisse zu Machtstrukturen und -missbrauch im Literaturbetrieb für sie erhellend. Und noch etwas ist ihnen deutlich geworden: „Ich habe gemerkt, dass man bei einer Umfrage sprachlich sensibel sein muss,“ sagt Vivien Rachow. „Manchen sind schlimme Dinge passiert. Deshalb hätte ich einige Fragen im Nachhinein vorsichtiger formuliert. Man weiß nie, was Menschen erlebt haben.“

Rachow meint aber auch, dass wichtige Fragen gestellt werden müssten, und auch viele Befragte gaben an, dass sie Betroffenen von Sexismus empfehlen würden, sich mit anderen auszutauschen und Vorfälle öffentlich zu machen.

Überrascht war die Gruppe, dass viele an der Umfrage Beteiligte als Lösung für das Problem der Geschlechterungleichheit Quotenregelungen vorschlugen. „Diese Regeln haben oftmals einen unangenehmen Beigeschmack“, sagt Rachow. „Viele sagen, eine Quote passe nicht in den kulturell-künstlerischen Bereich, weil dort Freiheit wichtig sei. Aber manchmal braucht es solche Regeln, zumindest am Anfang, um langfristig gleichberechtigten Zugang herzustellen.“

Andere Befragte wünschten sich gleiche Bezahlung, mehr Transparenz in der Preisvergabe, diverser besetzte Jurys und Entscheidungspositionen sowie mehr Rücksicht auf Berufstätige mit Familie.

Was kann Kunst bewirken?

Inspiriert durch Gertraud Klemms Roman, in dem die Protagonistin Statuen berühmter Männer mit Perücken oder einer Vulva schmückt, fragten die Studentinnen auch, wie wirksam künstlerische Aktionen bei der Durchsetzung von Gleichberechtigung sein können. In ihren Antworten zeigten sich viele der Befragten zustimmend, warnten aber auch vor kurzlebigen Trends, die zwar Aufmerksamkeit erzeugten, aber nichts an systembedingter Ungerechtigkeit änderten.

Vivien Rachow wurde durch die Beschäftigung mit dem Thema Sexismus in der Literaturbranche letztlich auch bewusst, welche Macht sie als Konsumentin und welches Gewicht ihre Kaufentscheidung auf dem Buchmarkt hat. „Ich werde vielleicht in Zukunft aktiver auch nach Autorinnen suchen. Man greift ja doch oft zu Bestseller-Empfehlungen. Die stammen aber oft von Autoren, weil Männer häufig Männer veröffentlichen und unterstützen.“

Auch Chantal Bossdorf hat durch die Umfrage einen anderen Blick gewonnen. „Ich werde in Zukunft bewusster Bücher von Autorinnen zur Hand nehmen, von einer nicht-weißen Frau oder von LGBTQI*. Es ist schön zu wissen, dass ich Einfluss darauf nehmen kann, dass mehr Leute darauf achten, was sie lesen.“ Vielleicht wird dann auch der Literaturkanon zukünftiger Germanistik-Studentinnen diverser – und zu E.T.A. Hoffmann und Thomas Mann gesellt sich eine Autorin wie etwa Gertraud Klemm.