„Porn in the USA“ – ein Seminarbesuch

Wissenschaftliche Neugier schlägt Shitstorm: Madita Oeming forscht zu Geschichte, Ästhetik, Produktion, Konsum und kultureller Funktion von Pornographie

„Feminism is not a dirty word“ – weiße Schrift auf schwarzem Stoff. Diese  Worte auf Madita Oemings T-Shirt springen mir sofort ins Auge, als sie, flankiert von zwei Sicherheitsangestellten, mich und ihre Studierenden vor dem Seminarraum 201 des John-F.-Kennedy-Instituts für Nordamerikastudien empfängt. Es herrschen strengere Einlasskontrollen als im legendären Berliner Club Berghain, denn es werden nur Studierende eingelassen, die sich für den Kurs eingeschrieben haben und nachweislich volljährig sind. Enttäuschte Gesichter bei denjenigen, die diese Kriterien nicht erfüllen. Sogar ein Vertreter des Präsidiums der Freien Universität ist vor Ort, um sicher zu gehen, dass alles seine Ordnung hat. Was war geschehen?

Die Amerikanistin und Doktorandin der Universität Paderborn gibt im Wintersemester 2019/20 ein B.A.-Seminar zum Thema „Porn in the USA“ an der Freien Universität. Bereits die Ankündigung ihres Seminars auf Twitter sorgte für große öffentlich Resonanz bis hin zum Shitstorm in den sozialen Medien. „Als Kolleg*innen und Wissenschaftler*innen des Kennedy-Instituts waren wir geschockt, von massiven sexistischen Anfeindungen, antisemitischer Hetze und Todesdrohungen, denen Madita Oeming in den sozialen Medien ausgesetzt war“, sagt Dr. David Bosold, Studiendekan des John-F.-Kennedy-Instituts ( JFKI) und verweist neben all dieser Aufregung um Oemings Seminar darauf: „Forschung und Lehre sind nach Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes frei – hierunter fallen selbstverständlich auch kontroverse Themen wie das in diesem Semester unterrichtete Seminar ‘Porn in the USA‘.“

Ein Interview, das Madita Oeming Spiegel Online gab, erhielt unzählige Aufrufe, und auch in den USA hat sie an Bekanntheit gewonnen. Aber was genau steht nun hinter dem Forschungsthema dieser Wissenschaftlerin, die in der VICE Germany schreibt, dass sie den „Traum eines Teenagers“ lebt – sich „für’s Porno-Gucken bezahlen“ lässt.

Auch ich bin neugierig geworden. Deshalb befinde ich mich an diesem Donnerstagnachmittag zwischen 30 erwartungsvollen B.A.-Studierenden. Oeming stellt klar, dass sie nicht die Sextherapeutin ihrer Studierenden sei. Vielmehr sollen die Studierenden die unterschiedlichen Genres der Pornografie in den USA kennenlernen und ein analytisches Verständnis ihrer Geschichte, Ästhetik, Produktion, Konsum und kulturellen Funktion erlangen. Hierzu werden einzelne Filmszenen genauer betrachtet und analysiert; Pornofilme werden behandelt wie Romane in den Literaturwissenschaften. Die erste Hausaufgabe besteht darin, den PorYes Feminist Porn Award oder das Berlin Pornfilmfestival zu besuchen, die Eindrücke aufzunehmen und ein zweiseitiges response paper zu schreiben.

„Es gibt“, so sagt Professor Frank Kelleter, Leiter der Abteilung Kultur am JFKI, „in Deutschland aktuell nur wenige Wissenschaftler*innen, die sich ernsthaft und historisch verlässlich mit Pornografie und der Geschichte ihrer Bewertung auseinandersetzen“. Kelleter kennt und schätzt Madita Oemings Arbeiten und ihr feministisches Engagement u.a. von ihrer Beteiligung an der DFG-Forschergruppe „Populäre Serialität“, in der sie als wissenschaftliche Hilfskraft tätig war. „Später, auf der internationalen Abschlusskonferenz“, erinnert sich Kelleter, habe Oeming einen der besten und meistbeachteten Vorträge gehalten: zur Frage des Seriellen in der Pornografie.

Bildquelle: privat

Verena Specht ist dezentrale Frauenbeauftragte und Fremdsprachensekretärin am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien. Seit vier Jahren widmet sie sich mit viel Freude und Enthusiasmus der Gleichstellungsarbeit und der Verbesserung der Vereinbarung von Familie und Beruf am JFK-I.

Kontakt: verena.specht@fu-berlin.de

Dieser Text ist eine leicht geänderte Version eines Beitrags im gerade erschienenen Wissenschaftlerinnen-Rundbriefs Nr. 2/2019 zum Schwerpunkt „Klima und Geschlechterverhältnisse“, der von der Zentralen Frauenbeauftragten der Freien Universität Berlin herausgegeben wird.

Toolbox-Newsletter Nr. 5 – WiSe 2019/20

Liebe Kolleg*innen und Toolbox-Interessierte,

in diesem Newsletter erhalten Sie Informationen über aktuelle Veranstaltungen, zu denen Sie sich anmelden können, über neue und geplante Beiträge im Toolbox-Blog sowie den Link zu unserem neuen Methodenblatt zu ungleicher Beteiligung von Studierenden auf Deutsch und Englisch.

#4GenderStudies: Genderkompetenz für die Lehre
Webinar am 18.12.19 von 14-15.30 Uhr
Sie haben sich bislang erst wenig oder noch nicht mit Genderaspekten in der Forschung und Genderkompetenz in der Lehre beschäftigt? Sie wünschen sich einen Einstieg ins Thema und die Möglichkeit der Selbstreflexion? Sie möchten wissen, wie Sie Gender in Ihren Lehrveranstaltungen mitdenken und berücksichtigen können?
In diesem Webinar bekommen Sie einen ersten Einblick in das Thema und erweitern Ihre Genderkompetenz.

Folgende Inhalte sind geplant:

  • Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Diskriminierung und Privilegierung
  • Gender als Lehr- und Forschungsinhalt
  • Gendertheoretische Ansätze als Ressource für die Reflexion und Planung von Lehrmethoden

Über Gender zu sprechen ist nicht immer einfach. Oft treffen dabei sehr unterschiedliche Erfahrungen, Verletzlichkeiten, Annahmen und Befürchtungen aufeinander. Um mit diesen Spannungen umzugehen, arbeiten wir mit dem Konzept der Fehlerfreundlichkeit.
Anlass des Webinars ist der Wissenschaftstag #4GenderStudies, der am 18. Dezember dieses Jahres bereits zum dritten Mal im gesamten deutschsprachigen Raum stattfindet. In Online- und Offline- Formaten geben Wissenschaftler*innen und andere Hochschulangehörige Einblicke in ihr Forschungsfeld.
Das Webinar wird von Melanie Bittner (Toolbox Gender und Diversity in der Lehre) und Heike Pantelmann (Margherita-von-Brentano-Zentrum) angeboten. Hier finden Sie Informationen zur Technik und zur Anmeldung.

Getting to know the “Toolbox Gender and Diversity in Teaching”
Webinar on 2020/15/01, 2-3 p.m.
This webinar is an introduction to gender and diversity conscious teaching. We will use the materials on the toolbox-website to learn about different aspects of teaching like using non-discriminating language and images, choosing methods that engage all students and how to broach the issue of gender and diversity within different subjects. There will be time for a Q&A. You can find information concerning registration and technical aspects here.

Kamingespräch Gender und Diversity in Prüfungen
22.01.20 von 18-21 Uhr am Berliner Zentrum für Hochschullehre (BZHL)
Prüfungen zu konzipieren, durchzuführen und zu bewerten ist eine ungeliebte Aufgabe vieler Lehrender – nicht zuletzt, weil sie unterschiedlichen Anforderungen und Ansprüchen genügen wollen. Dazu gehört, der Vielfalt von Studierenden gerecht zu werden. Doch wie kann das funktionieren?
Mehr Informationen zum Inhalt, dem Format des Kamingesprächs und zur Anmeldung hier.

Lehre gender- und diversitätsbewusst gestalten
Support-Aufbaumodul am 05.05.20 von 9.00-17.00 Uhr
Die Diversität von Studierenden gehört zur Realität des Hochschulalltags. Teilnehmende in Lehrveranstaltungen bringen unterschiedliche Lebensrealitäten mit und haben unterschiedliche Perspektiven auf die Themen und Rahmenbedingungen ihres Studiums. Das hängt auch mit Erfahrungen von Diskriminierung und Privilegierung in gesellschaftlichen Ungleichheitsstrukturen zusammen. Gender- und diversitätsbewusste Lehre berücksichtigt die Vielfalt der Studierenden und ermöglicht allen gutes Lernen. „Toolbox-Newsletter Nr. 5 – WiSe 2019/20“ weiterlesen

Sichtbarkeit queerer Geschichte(n) im Geschichtsunterricht

Das queerhistoryLab. – Ein Lehr-Lern-Labor zur Geschlechter- und Sexualitätsgeschichte

Schule ist kein geschlechtsneutraler Raum. Durch schulische Curricula, Lernmaterialien bzw. -methoden sowie Interaktionen zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen werden hierarchisch-heteronormative Strukturen und eine binäre Geschlechtervorstellung im Schullalltag stetig reproduziert. Nach unseren demokratischen Grundsätzen haben alle Menschen, unabhängig ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, ihres Alters oder ihrer sexuellen Orientierung oder sexuellen Identität dieselben Rechte. Als zentrale Bildungsinstitution unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung sollte die Schule diese Grundsätze fokussieren und zu einem reflektierten Umgang mit Ungleichheiten, geschlechtsspezifischen Zuweisungen und Hierarchisierungen beitragen. Zwar ist bereits im Kontext Schule ein verstärktes Bewusstsein über den Umgang mit Heterogenität vorhanden, dies zeigt sich jedoch lediglich in der individuellen Förderung von Schüler*innen und lässt dabei Ungleichheits- und Machtkonstellationen völlig außer Acht. Mit der Implementierung neuer Forschungserkenntnisse aus den Gender- und Queer Studies kann im Rahmen der Kompetenzorientierung angehender Lehrpersonen die Entwicklung einer gendersensiblen Haltung mit einer intersektionalen Perspektive gefördert werden.

An der Freien Universität sind seit Jahren die Gender- und Diversitykompetenz für Studierende als integraler Bestandteil der Allgemeinen Berufsvorbereitung in den Studienordnungen theoretisch festgelegt. Geschlechtsspezifische Inhalte sollen demnach im Studienangebot mehr Berücksichtigung finden. Auch im Hochschulvertrag für die Jahre 2018-2022 zwischen der Universität und dem Land Berlin wird die Relevanz von Geschlechtergerechtigkeit und Diversity im Kontext Hochschule hervorgehoben. So wurden auf verschiedenen Ebenen der Universität wie Forschung, Lehre und Verwaltung genderzentrierte Aspekte implementiert. Seit Ende 2016 bietet beispielsweise die Internetplattform ‚Toolbox Gender und Diversity in Lehre‚ den Lehrenden Informationen und Methoden für die Gestaltung einer gender- und diversitätssensible Lehrveranstaltung. Trotz dieser positiven Entwicklung fehlen aber gerade bei der Ausbildung von angehenden Lehrpersonen in den Fachdidaktiken die allgemeinen Voraussetzungen zur Entwicklung eines professionellen Umgangs mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt.

Gender in der Geschichtsdidaktik

Unter den Geschichtsfachdidaktiker*innen, die sich aktiv mit Geschlecht im Geschichtsunterricht befassen, besteht ein allgemeiner Konsens darüber, dass Geschlecht eine Strukturkategorie für vergangene und gegenwärtige Gesellschaften ist. Dieser Umstand wird in Diskursen über theoretische Konzeptionen und Modelle aber zumeist unterschwellig behandelt. In konkreten Auseinandersetzungen wird sich wiederum nur auf eine binäre Geschlechterordnung bezogen, die den dichotomen Konstruktionsmodus von Geschlecht und auch die Existenz anderer Geschlechter völlig ausblendet.

Das queerhistoryLab.-Seminar setzt daher den Schwerpunkt auf die Förderung von gendersensiblen Kompetenzen bei Lehramtsstudent*innen im Fach Geschichte. „Sichtbarkeit queerer Geschichte(n) im Geschichtsunterricht“ weiterlesen

Holen Sie sich ein Zwischenfeedback der Studierenden – auch zur Umsetzung gender- und diversitätsbewusster Lehre

Der Dezember ist ein guter Zeitpunkt, um nach etwa der Hälfte des Wintersemesters eine Zwischenevaluation durchzuführen. Sie ist ein hervorragendes Instrument zur Verbesserung der Lehre, denn wenn Sie nicht bis zum Semesterende warten, um sich ein Feedback von Studierenden zu holen, können Sie Kritik und Anregungen direkt umsetzen.

Das bedeutet nicht, dass Sie Ihren bisherigen Plan über Bord werfen müssen. Auch kleinere Modifikationen können den Lernprozess verbessern. Sie nehmen die Studierenden dadurch ernst und oft erhöht sich die allgemeine Zufriedenheit bereits dadurch deutlich. Unter Umständen kann so auch unkommentiertes Fernbleiben von Studierenden verhindert werden. Beispielsweise ermöglicht eine Zwischenevaluation, zu prüfen, ob der Vorbereitungsaufwand und das Lernniveau angemessen sind oder ob Studierende unter- oder überfordert sind.

Eine Zwischenevaluation können Sie mündlich und/oder schriftlich durchführen, wobei verschiedene Grade der Freiwilligkeit und Anonymität möglich sind. Die Evaluation sollte sich sowohl auf Lernerfolge als auch auf Lernprozesse beziehen. Praktische Hinweise zur Formulierung von Fragen und die methodische Durchführung finden Sie in der Feedback-Methodenbar der Universität Duisburg-Essen. Die Kolleg*innen stellen knapp und anschaulich elf Methoden vor, die Sie an Ihre Bedarfe anpassen können.

Nutzen Sie die die Zwischenevaluation auch, um Ihre Studierenden zu fragen, wie gender- und diversitätsbewusst sie Ihre Lehrveranstaltung bislang wahrgenommen haben. Wenn Sie eine Rückmeldung zu Gender- und Diversityaspekten bekommen möchten, können Sie entweder direkt oder indirekt nachfragen.

Beispielfragen zu Sprache und Interaktion

  • direkte Frage: „Verwendete die Lehrperson gender- und diversitätsbewusste Sprache?“
  • indirekte Frage: „Konnten Sie sich an der Lehrveranstaltung aktiv beteiligen? Konnten Sie sich in Diskussionen, Übungen, Gruppenarbeiten etc. in angemessener Weise einbringen? Wenn nicht, warum?“

Beispielfragen zu Lehr- und Studieninhalten

  • direkte Frage: „Nahm die Lehrperson Bezug auf Theorien oder Daten der Gender- und Diversityforschung?“
  • indirekte Frage: „Fand eine Auseinandersetzung mit dem Kanon Ihres Fachs statt?“

Entscheiden Sie je nach Fachkultur und abhängig von Ihrer Einschätzung der Studierenden, was für Ihre Lehrveranstaltung passend ist. Weitere Vorschläge für Evaluationsfragen zu Lehrmethoden, Lehr- und Studieninhalten sowie Sprache und Interaktion finden Sie in der Toolbox auf der Seite „Von der Planung bis zum Abschluss„.

Wie bei der Abschlussevaluation können Sie natürlich auch die Ergebnisse der Zwischenevaluation sowie mögliche Schlussfolgerungen in der folgenden Sitzung mit den Studierenden diskutieren.

 

 

 

Die Toolbox wird drei: Happy Birthday!

Vom 24.-26.11.2016, also vor genau drei Jahren, veranstalteten wir die Konferenz „Gender und Diversity in die Lehre! Strategien – Praxen – Widerstände“, zu der mehr als 200 Personen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz anreisten und auf Panels, in Workshops und Arbeitsgruppen diskutierten. Kurz davor ging die Toolbox-Website online – zuerst ganz still und leise. Schließlich war es unglaublich aufregend, all die Inhalte, die wir so lange diskutiert hatten, nun online zu wissen. Bei der Konferenzeröffnung hatte die Toolbox dann allerdings ihren öffentlichen Auftritt.

Öffentlichkeitsarbeit und Weiterbildungen

Die Website ist der Kern des Projekts. Unser Ziel aber ist eine Veränderung der Lehrpraxis, denn gute Lehre ist gender- und diversitätsbewusste Lehre! Um die ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‘ bekannt zu machen, wurden alleine an der Freien Universität etwa 35 Präsentationen, neun Kurzworkshops, ein Tagesworkshop, ein Webinar und zwei Online-Kurzberatungen in Kooperation mit dem Career Service durchgeführt. Auch bei verschiedenen Tagungen hatten wir Gelegenheit, die Toolbox vorzustellen und Workshops anzubieten.

Seit Juli 2018 gibt es außerdem den Toolbox-Newsletter, von dem bislang vier Ausgaben erschienen sind. Im Sommer 2019 kamen der Toolbox-Blog und ein Twitter-Account dazu. Beide ermöglichen aktuellere, zu unterschiedlichen Phase des Semesterrhythmus passende Informationen und mehr Vernetzung.

Ein besonderes Anliegen der Toolbox ist, alle Online-Inhalte und Webinare nicht nur Mitgliedern der Freien Universität zur Verfügung zu stellen, sondern dank eines Open-Acess-Ansatzes alle Interessierten zur Nutzung einzuladen. Wir verwenden außerdem Creative Commons Linzenzen, die es zu festgelegten Bedingungen erlauben, die Inhalte aufzugreifen, bei Bedarf zu verändern und neu zu veröffentlichen. Wir freuen uns, dass diese Möglichkeit bereits genutzt wurde, so dass Gender und Diversity in der Lehre nachhaltiger umgesetzt werden kann.

Erweiterung der Website

Seit dem Launch vor zwei Jahren ist die Website mit zwei neuen Unterseiten noch ein bisschen umfangreicher geworden: Unter Good Practice stellen wir besonders gelungene Beispiele für Gender und Diversity in der Lehre sowie die Gestaltung gender- und diversitätsbewusster Rahmenbedingungen vor. Sie wurden an verschiedenen Fachbereichen der Freien Universität Berlin und an anderen Hochschulen konzipiert und erprobt. Die Sammlung wird laufend ergänzt und wir freuen uns über Vorschläge von Lehrenden, die Konzepte oder Methoden als Open Educational Ressource (OER) zur Verfügung stellen möchten. Außerdem wurde in Kooperation mit Memucho ein interaktives Quiz eingefügt. Interessiert können dort ihr Wissen zu Diversität an Hochschulen sowie zur Institutionalisierung von Gender und Diversity testen und werden auf einschlägige Quellen verwiesen.

Neu hinzugekommen sind außerdem Methodenblätter zum Download:

Dankeschön statt Wunschliste

Wir möchten unseren Geburtstag nutzen, uns bei allen zu bedanken, die uns eingeladen und Feedback gegeben haben, mit uns kooperiert und mit uns diskutiert haben. Außerdem nutzen wird die Gelegenheit Inga Nuethen, Pia Garske, Kathleen Heft sowie Jamina Diehl, Lian Hüntelmann und Ellen Fischer, den bisherigen Mitarbeiter*innen bzw. studentischen Mitarbeiter*innen des Toolbox-Projekts zu danken.

Es ist schön, dass das Interesse an der ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‘ nicht kleiner zu werden scheint, sondern dass wir von ganz unterschiedlichen Fachbereichen spannnende Anfragen erhalten. Wir haben noch viele Ideen, was wir gerne anstoßen und umsetzen möchten. Happy Birthday, Toolbox!

 

 

 

Was tun bei sexualisierter Gewalt an Hochschulen? Beratungstag am 25.11.19

Am 25. November findet der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ statt. Damit möchten die Vereinten Nationen auf die vielen Arten von Gewalt aufmerksam machen, denen Frauen täglich ausgesetzt sind. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass rund 35% Prozent der Frauen mindestens einmal in ihrem Leben von sexualisierter bzw. körperlicher Gewalt betroffen sind, wobei der Großteil dieser Taten von (Ex-)Partnern verübt wird. Doch auch die Universität ist eine von Hierarchien durchzogene Institution, in der sexualisierte Belästigung, Diskriminierung und Gewalt vorkommen.

Für betroffene Student*innen und Beschäftigte ist oft unklar, welche Beratungsstellen für sie zuständig sind und wo ihr Anliegen vertraulich behandelt wird. Dieser Umstand wiegt in einer ohnehin stark belastenden Situation besonders schwer. Am 25. November 2019 veranstaltet die AG „Sexualisierte Belästigung, Diskriminierung und Gewalt“ an der Freien Universität Berlin deshalb einen Beratungstag. Interessierte können von 9 bis 16 Uhr an unterschiedlichen Fachbereichen der Freien Universität Berlin kostenlose Informationen einholen oder Beratung in Anspruch nehmen. Der Hochschulsport veranstaltet für Studentinnen und Mitarbeiterinnen zudem einen Selbstbehauptungs-Workshop. „Was tun bei sexualisierter Gewalt an Hochschulen? Beratungstag am 25.11.19“ weiterlesen

Konferenz, Webinar und Preisverleihung – Was Papayas mit aktuellen Terminen an der FU zu tun haben

Heute möchten wir auf drei Termine hinweisen, die nächste Woche an der Freien Universität Berlin stattfinden:

1. The Politics of Intersectionality (13.-15.11.2019)

Zur Feier des Starts des Masterstudiengangs „Gender, Intersektionalität und Politik“ im Wintersemester 2019/20 veranstaltet Prof. Dr. Gülay Çağlar eine internationale Konferenz mit dem Titel „The Politics of Intersectionality“.

Keynotes
  • Akwugu Emejulu (University of Warwick): Against Institutionalising Intersectionality
  • Sirma Bilge (Université de Montréal): “Minority Knowledges” in Neoliberal Academy: The Case of Intersectionality
Weitere Themenschwerpunkte
  • Intersectionality in Political Science
  • Methodologies and Methods
  • Intersectionality in the German Context
  • Roundtable „Teaching Intersectionality – Changing the Institution?“

Zur Konferenzwebsite mit Programm und Anmeldung

2. Webinar zur gender- und diversitätsbewussten Auswahl und Modifikation von Lehrmethoden (14.11.2019, 14.30-15.00 Uhr)

Im Webinar wird ein Instrument zur Methodenplanung und -auswertung aus der ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‘ vorgestellt. Anhand von konkreten Beispielen lernen Sie fünf Leitfragen kennen, mit denen Sie z.B. reflektieren können, ob eine Methode problematische Gruppendynamiken oder gesellschaftliche Ausschlüsse reproduziert. Wir überlegen auch, wie sich Methoden durch Modifikationen für unterschiedliche Kontexte anpassen und verbessern lassen.

Alle Interessierten können ohne Anmeldung an der Veranstaltung teilnehmen. Hier geht es direkt zum Online-Raum. Es ist keine Installation eines speziellen Programms nötig. Melden Sie sich bitte einfach im Online-Raum mit Ihrem Namen an. Für eine bessere Tonqualität für Sie und alle anderen Teilnehmer*innen empfiehlt sich ein einfaches Headset.

Die Veranstaltung findet als „Online-Kurzberatung“ in Kooperation mit der Qualifizierung für Mentoring und Tutoring des Career Service statt.

3. Verleihung des Margherita-von-Brentano-Preises an die Medical Students for Choice Berlin (15.11.2019, 18 Uhr)

Der Margherita-von-Brentano-Preis ist nach der ersten Frau benannt, die an der Freien Universität Berlin das Amt der Vizepräsidentin innehatte. Er wird alle zwei Jahre für herausragende Leistungen im Bereich der Frauenförderung und/oder Geschlechterforschung vergeben und ist mit 15.000 Euro dotiert.

Dieses Jahr erhält die studentische Inititative Medical Students for Choice Berlin den Margherita-von-Brentano-Preis. Die aus einer Ärztin und mehreren Studentinnen bestehende Gruppe setzt sich seit 2015 für eine umfassende und ganzheitliche Thematisierung des Schwangerschaftsabbruchs im Studium der Humanmedizin ein. In der Begründung des Präsidiums der FU Berlin heißt es, gewürdigt werde das herausragende Engagement „für die strukturierte Verbesserung der humanmedizinischen Lehre im Feld der Gendermedizin“ und das Eintreten für die „bessere Verankerung des Themas Schwangerschaftsabbruch in der ärztlichen Ausbildung“. Hervorgehoben wird zudem die Konzeption von innovativen sogenannten Papaya-Workshops (!) zu Methoden des Schwangerschaftsabbruchs und Informationsveranstaltungen für Medizinstudierende. Das Thema ist inzwischen dank der Aktivitäten der „Medical Students for Choice“ in die Lehrpläne des Medizinstudiums an der Charité – Universitätsmedizin Berlin integriert worden.

Das Toolbox-Team freut sich sehr, dass am 15.11.19 eine studentische Inititative ausgezeichnet wird, die sich für die Verbesserung der Hochschullehre und das so grundlegende wie umkämpfte Recht auf sexuelle Selbstbestimmung einsetzt!

 

 

Brettspiel „Identitätenlotto“ zu Gender, Vielfalt und Diskriminierung kann bei der Toolbox ausgeliehen werden

Gendertheorien praktisch und erfahrungsorientiert zu vermitteln – dieser in der Lehre erlebte Bedarf stand am Anfang der Entwicklung des Identitätenlottos. Juliette Wedl hat sich gemeinsam mit einigen Kolleg*innen am Braunschweiger Zentrum für Gender Studies an die Arbeit gemacht und ein Lehr-Lernspiel zu Gender, Vielfalt und Diskriminierung entworfen, getestet und weiterentwickelt. Jetzt ist das Brettspiel erschienen.

Mit einer zufällig gezogenen Spielidentität durchlaufen die Spieler*innen verschiedene Lebensthemen wie Alltag in Deutschland, Selbstbild und Familie. Gemeinsam werden Wissens- und Ereigniskarten sowie Entscheidungen auf Grundlage der Spielidentität diskutiert.

Mehr zum Ablauf und Einsatz des Brettspiels sowie Hinweise zur Reflektion finden Interessierte in dem Artikel „Identitätenlotto – Ein Spiel quer durchs Leben“ von Juliette Wedl, der als eines der Good-Practice-Beispiele in der ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‚ veröffentlicht wurde.

Weitere Informationen zum Spiel gibt es unter https://identitaetenlotto.de/. Dort kann das Spiel auch bestellt werden. Es kostet 50 Euro.

Mitarbeiter*innen und Studierende der Freien Universität Berlin können ein Exemplar des Spiels gegen Vorlage eines Lichtbildausweises beim Toolbox-Team am Arbeitsbereich Zentrale Frauenbeauftragte ausleihen. Schicken Sie uns bei Interesse einfach ein E-Mail.

 

Studentische Perspektiven auf Diversität in Studium und Lehre

Angehende Mentor_innen diskutieren über die Möglichkeiten und Grenzen des Supports unter Studierenden

Namen der Mentor_innen von der Redaktion geändert

Es ist noch früh am Morgen, doch die Temperaturen kratzen bereits an der 30-Grad-Marke. Trotz des hochsommerlichen Wetters haben sich um die 15 Studierende in der vorlesungsfreien Zeit entschlossen, an die FU zu fahren und an einem mehrtägigen Workshop teilzunehmen. Im kommenden Semester sollen sie als angehende Mentor_innen den „Erstis“ den Einstieg in den Studienalltag erleichtern. Neben der Orientierung am Fachbereich und der Hilfe bei der Studienplanung sind sie auch Ansprechpersonen bei allen möglichen Herausforderungen, die ein Studium mit sich bringen kann.

Um einen Eindruck zu vermitteln, wie unterschiedlich die Lebensrealitäten von Studierenden an der Universität sein können, stelle ich als Studentische Mitarbeiterin im Rahmen der Mentor_innen-Workshops die ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‘ vor. Die Toolbox ist eine Website, die über die vielfältige Studierendenschaft informiert und Lehrenden die Möglichkeit bietet, sich z.B. über Methoden und Praxisbeispiele zum Thema Gender und Diversity in der Lehre zu informieren.

Wir starten mit einer kurzen Vorstellungsrunde. Als Studentische Mitarbeiterin kann ich mich gut in den Studienalltag der Studierenden hineinversetzen. Ich merke aber auch, dass sich dieser nicht immer gleicht. Denn so unterschiedlich wie die Studiengänge der Teilnehmenden im Mentor_innen-Workshop sind, so unterschiedlich sind auch die Erfahrungen, die sie während ihrer bisherigen Studienlaufbahn gemacht haben.

„Studentische Perspektiven auf Diversität in Studium und Lehre“ weiterlesen

Es reden immer die Gleichen? 17 Anregungen für Lehrende

Es ist eine Situation, die die meisten Lehrenden kennen: Fragen und Wortbeiträge kommen immer von den gleichen Studierenden, viele Teilnehmende schweigen. Das macht Diskussionen manchmal zäh und oft einseitig.

Dazu kommt, dass es nicht ganz zufällig ist, wer häufiger und länger und möglicherweise auch mit mehr Fachbegriffen und Selbstbewusstsein spricht. Denn solche Verhaltensmuster entsprechen eher dem erlernten Verhalten von männlichen Personen. Traditionell wird ein solches Kommunikationsverhalten bei ihnen auch positiv bewertet, während Frauen eher negativ wahrgenommen werden, wenn sie sich in Gesprächen zu dominant verhalten und mehr Raum einnehmen. Das heißt auch, dass in Diskussionen nicht nur quantitativ Perspektiven fehlen, sondern tendenziell auch qualitativ unterschiedliche Perspektiven.

Unterscheidungen statt Unterschiede – doing gender

Hilfreich zum Verständnis von Differenzen und Geschlecht ist der Begriff des doing gender. Dieses Konzept wurde in der Ethnomethodologie, einer Forschungsrichtung der Soziologie, entwickelt. Geschlecht ist demzufolge nicht etwas, das wir haben, sondern etwas, das wir tun:

„Doing Gender betrifft zum einen Handlungsformen, mithilfe derer Akteur*innen signalisieren, dass sie einem Geschlecht angehören (z.B. Weisen der Gesprächsführung, des Gehens und Sitzens, des Verhaltens zum eigenen Körper und zu dem anderer, etwa wer wen wann, wie und wie lange anschaut). Darüber hinaus interessiert, wie sie sich zu dieser Mitgliedschaft verhalten (bspw. affirmativ, ritualistisch, ironisch, kritisch oder subversiv). Zuletzt verweist Doing Gender auf das praktische Wissen, das nötig ist, um diese Signale zu verstehen und sich zum Geschlechtshandeln anderer in Beziehung zu setzen, etwa zu bewerten, ob dieses Handeln angemessen ist, deplatziert, abwegig oder unverständlich.“ (Westheuser 2018)

Wie wir Handlungen wahrnehmen und bewerten hängt zudem nicht nur von der Kategorie Geschlecht ab, sondern beispielsweise auch von Alter oder sozialer Herkunft. In diesem Beitrag zur Beteiligung in Lehrveranstaltungen wird vor allem deshalb Gender in den Fokus genommen, weil in Veranstaltungen des Toolbox-Projekts am häufigsten danach gefragt wird.

Doing gender ist ein Ansatz des Sozialkonstruktivismus, der Geschlecht und auch die Norm der Zweigeschlechtlichkeit nicht als gegeben betrachtet. Diese Perspektive ist daher auch nützlich bei der Beobachtung von vergeschlechtlichten Verhaltensmustern in Lehrveranstaltungen. Es kann verunsichernd sein, solche Differenzen wahrzunehmen, weil wir eigentlich Studierende individuell wahrnehmen wollen und auch Unterschiede eher auflösen als festschreiben wollen. Umfangreiche oder zurückhaltende Beteiligung können mit Hilfe des interaktionstheoretischen Ansatzes als Varianten von doing masculinity oder doing femininity gedeutet werden. Geschlecht wird damit weder naturalisiert noch unabhängig von anderen Diversitätsdimensionen konzipiert. Damit lässt es sich nicht nur theoriegeleitet analysieren, sondern ist auch durch Interaktion veränderbar.

Beteiligung aller fördern – Praxisanregungen

Konkrete Anregungen, wie Sie mit ungleichem Beteiligungs- und Gesprächsverhalten in der Lehre umgehen können, finden Sie im neuen Methodenblatt „Es reden immer die Gleichen? 17 Anregungen für Lehrende“ zum Download in der Toolbox. Die Vorschläge reichen von methodischen Ansätzen, über die Gestaltung der Gesprächs- und Lernkultur oder die explizite Thematisierung von ungleichem Redeverhalten bis hin zu Fragen zur Selbstreflektion.

Welche Erfahrungen haben Sie mit ungleichem Redeverhalten in Lehrveranstaltungen gemacht? Kennen Sie noch andere Strategien für Lehrende, damit umzugehen? Teilen Sie gerne mit uns und den anderen Leser*innen ihre Überlegungen und Vorschläge in den Kommentaren.

Literatur

Westheuser, Linus (2018). Doing Gender. In Gender Glossar / Gender Glossary (5 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de