Es reden immer die Gleichen? 17 Anregungen für Lehrende

Es ist eine Situation, die die meisten Lehrenden kennen: Fragen und Wortbeiträge kommen immer von den gleichen Studierenden, viele Teilnehmende schweigen. Das macht Diskussionen manchmal zäh und oft einseitig.

Dazu kommt, dass es nicht ganz zufällig ist, wer häufiger und länger und möglicherweise auch mit mehr Fachbegriffen und Selbstbewusstsein spricht. Denn solche Verhaltensmuster entsprechen eher dem erlernten Verhalten von männlichen Personen. Traditionell wird ein solches Kommunikationsverhalten bei ihnen auch positiv bewertet, während Frauen eher negativ wahrgenommen werden, wenn sie sich in Gesprächen zu dominant verhalten und mehr Raum einnehmen. Das heißt auch, dass in Diskussionen nicht nur quantitativ Perspektiven fehlen, sondern tendenziell auch qualitativ unterschiedliche Perspektiven.

Unterscheidungen statt Unterschiede – doing gender

Hilfreich zum Verständnis von Differenzen und Geschlecht ist der Begriff des doing gender. Dieses Konzept wurde in der Ethnomethodologie, einer Forschungsrichtung der Soziologie, entwickelt. Geschlecht ist demzufolge nicht etwas, das wir haben, sondern etwas, das wir tun:

„Doing Gender betrifft zum einen Handlungsformen, mithilfe derer Akteur*innen signalisieren, dass sie einem Geschlecht angehören (z.B. Weisen der Gesprächsführung, des Gehens und Sitzens, des Verhaltens zum eigenen Körper und zu dem anderer, etwa wer wen wann, wie und wie lange anschaut). Darüber hinaus interessiert, wie sie sich zu dieser Mitgliedschaft verhalten (bspw. affirmativ, ritualistisch, ironisch, kritisch oder subversiv). Zuletzt verweist Doing Gender auf das praktische Wissen, das nötig ist, um diese Signale zu verstehen und sich zum Geschlechtshandeln anderer in Beziehung zu setzen, etwa zu bewerten, ob dieses Handeln angemessen ist, deplatziert, abwegig oder unverständlich.“ (Westheuser 2018)

Wie wir Handlungen wahrnehmen und bewerten hängt zudem nicht nur von der Kategorie Geschlecht ab, sondern beispielsweise auch von Alter oder sozialer Herkunft. In diesem Beitrag zur Beteiligung in Lehrveranstaltungen wird vor allem deshalb Gender in den Fokus genommen, weil in Veranstaltungen des Toolbox-Projekts am häufigsten danach gefragt wird.

Doing gender ist ein Ansatz des Sozialkonstruktivismus, der Geschlecht und auch die Norm der Zweigeschlechtlichkeit nicht als gegeben betrachtet. Diese Perspektive ist daher auch nützlich bei der Beobachtung von vergeschlechtlichten Verhaltensmustern in Lehrveranstaltungen. Es kann verunsichernd sein, solche Differenzen wahrzunehmen, weil wir eigentlich Studierende individuell wahrnehmen wollen und auch Unterschiede eher auflösen als festschreiben wollen. Umfangreiche oder zurückhaltende Beteiligung können mit Hilfe des interaktionstheoretischen Ansatzes als Varianten von doing masculinity oder doing femininity gedeutet werden. Geschlecht wird damit weder naturalisiert noch unabhängig von anderen Diversitätsdimensionen konzipiert. Damit lässt es sich nicht nur theoriegeleitet analysieren, sondern ist auch durch Interaktion veränderbar.

Beteiligung aller fördern – Praxisanregungen

Konkrete Anregungen, wie Sie mit ungleichem Beteiligungs- und Gesprächsverhalten in der Lehre umgehen können, finden Sie im neuen Methodenblatt „Es reden immer die Gleichen? 17 Anregungen für Lehrende“ zum Download in der Toolbox. Die Vorschläge reichen von methodischen Ansätzen, über die Gestaltung der Gesprächs- und Lernkultur oder die explizite Thematisierung von ungleichem Redeverhalten bis hin zu Fragen zur Selbstreflektion.

Welche Erfahrungen haben Sie mit ungleichem Redeverhalten in Lehrveranstaltungen gemacht? Kennen Sie noch andere Strategien für Lehrende, damit umzugehen? Teilen Sie gerne mit uns und den anderen Leser*innen ihre Überlegungen und Vorschläge in den Kommentaren.

Literatur

Westheuser, Linus (2018). Doing Gender. In Gender Glossar / Gender Glossary (5 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

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