#Twitterview mit Prof. Dr. Andrea Geier: Das ganze Gespräch zum Nachlesen

Auf dem Twitter-Account der Toolbox ging gestern ein neues Format an den Start: Das #Twitterview! Wir stellten der Germanistin und Geschlechterforscherin Prof. Dr. Andrea Geier 10 Fragen zu gendersensibler Lehre, digitalen Tools und Wissenschaftskommunikation. Heraus kam ein langes und intensives Gespräch, und wir stellten fest: So schön es ist, ein Interview häppchenweise und live zu verfolgen, so praktisch ist es, den zusammenhängenden Text in Ruhe nachzulesen. Verändert haben wir ihn  kaum, schließlich ist das Gespräch auf Twitter entstanden und so soll es auch aussehen: Da ersetzt ein „&“ mal ein „und“, eine „1“ einen unbestimmten Artikel, da werden Texte verlinkt und Accounts von anderen Nutzer*innen erwähnt.

Uns hat es großen Spaß gemacht, weitere Gespräche sollen folgen. Sagen Sie uns gern: Wie gefällt Ihnen das Format? Mit wem würden Sie gern ein #Twitterview lesen?

Hier nun die komplette Unterhaltung:

Prof. Dr. Andrea Geier: Auf Twitter habe ich mir das Etikett „Komplexitätsdienstleisterin“ gegeben –😎 –  im sogenannten Real Life bin ich seit 2009 Professorin an der Uni Trier für Germanistik und Gender Studies. Für @realsci_DE habe ich mal meinen wissenschaftlichen Weg so beschrieben als Antwort auf die Frage: Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Toolbox: Sehr aufschlussreich! Aber auf Twitter schwindet die Aufmerksamkeit schnell, deswegen: Welches GIF beschreibt Ihr Forschungsgebiet am besten?

Prof. Dr. Andrea Geier: Spontan dachte ich an ‚irgendwas mit Büchern‘, aber habe schlauerweise erstmal auf Twitter gefragt. Mein Favorit aus den Antworten ist

T: Kooperation schätzen wir immer! Damit Einsteiger*innen erst gar nicht auf die Idee kommen, Ihr Fach zu unterschätzen: Welches Buch oder Video würden Sie ihnen empfehlen?

A.G.: Da ich mehr als 1 wissenschaftlichen Hut aufhabe, müsste ich Beispiele für Literaturwissenschaft & Gender Studies nennen. In beiden Fällen sage ich Studierenden, dass sie unbedingt vergleichen sollen. Schon der Blick in verschiedene Inhaltsverzeichnisse ist aufschlussreich! Es ist wichtig, dass man gleich anfangs 1 Eindruck von interdisziplinärer Arbeit an & mit Theorien & Themen bekommt, & zugleich Einblicke in disziplinenspezifische Zugänge & Forschungstraditionen. Konkret: Ich empfehle zB die Einführung in die Gender Studies meiner Trierer Kollegin Franziska Schößler sowie das Handbuch der Gender-Theorien „Gender@Wissen“ & „Gender Studien. Eine Einführung“, beide herausgegeben von Christina von Braun & Inge Stephan.

Vielen Dank für die Tipps! Nun würden wir behaupten, dass etwa die Gender Studies nicht nur Forschungs- und Lehrinhalt sind, sondern auch die Durchführung von Forschung und Lehrveranstaltungen beeinflussen. Deshalb: Was bedeutet gender- und diversitysensible Lehre für Sie?

Auch als Geschlechterforscherin muss man sich klar machen, dass gender- & diversitysensible Lehre nicht automatisch durch die Themen mit ‚abgedeckt‘ ist. Das gibt es schon auch: Wenn ich z.B. über Kanon spreche ->  Kanonkritik -> Gelegenheit, über Lehrmaterial zu reden. Also: Wie organisiere ich Lehrmaterial, welche Forscher:innen & Künstler:innen mache ich sichtbar? Es betrifft die Organisation von Inhalten genauso wie die Kommunikation im Seminarraum (schön auf Zoom z.B. dass Studierende neben dem Namen Pronomina eintragen können). Allerdings gehören auch Rahmenbedingungen dazu, die man nicht als Einzelne*r in der Hand hat. Für 1 möglichst inklusives, barrierefreies Studium braucht es 1 Konzept der Uni zu Infrastruktur etc. Es sind also viele kleine & große Fragen von Anrede bis Ausstattung.

Spannender Hinweis: Ohne strukturelle Bemühungen geht es also nicht. Zur notwendigen Infrastruktur, von der Sie sprechen, gehören seit spätestens einem Jahr auch digitale Kanäle. Für Sie ist das schon lange Alltag. Welche digitalen Tools nutzen Sie für Ihre Arbeit am liebsten?

In der Lehre sind Vorgaben zu beachten & es gibt (immer noch/immer wieder) offene datenschutzrechtliche Fragen, auch deshalb bin ich da nicht sehr fancy unterwegs. Ich setze Zoom & Tools unserer Lernplattform ein. Alles jenseits davon ist nicht verpflichtend für Studierende. Twitter ist für mich auch 1 Tool in der Lehre, & ich ermuntere Studierende seit den digitalen Semestern konsequent, digital was auszuprobieren: Mal statt 1 Text zu schreiben 1 Podcast machen & ihn in die Lernplattform stellen oder wie ich ‚rausgehen‘ & zeigen, was man macht. Im 1. digitalen Semester waren Studierende eher zögerlich, im 2. wurden Arbeitsaufgaben auch auf Twitter & Insta erledigt. Es klappt besonders gut, wenn Studierende das auf Plattformen machen, auf denen sie sowieso unterwegs sind. Da haben sie 1 Community & bekommen Feedback.

Das sind viele tolle Hinweise für Lehrende! Und apropos Feedback: Was würden Sie solchen raten, die sich in ihren Veranstaltungen noch nicht mit Gender & Diversity beschäftigt haben, sich vielleicht noch nicht trauen, aber gern damit anfangen würden? (Für mehr Inspiration, wie insbesondere Twitter für Lehrveranstaltungen genutzt werden kann, empfehlen wir unser Gespräch mit Dr. Levke Harders.)

Wenn 1 Person soweit ist, dass sie anfangen möchte, hat sie beste Voraussetzungen: 1 Interesse & sicher auch 1 Idee, wo sie ansetzen möchte: Geht es um Forschung? Oder um die Organisation der eigenen Lehre? Wie für viele andere Fragen ist hier Teamteaching 1 tolles Tool! In der Forschung fängt man am besten mit Fragen an, die im eigenen Forschungsfeld schon bearbeitet wurden, & unterhält sich mit Expert:innen. Gastvorträge sind dafür 1 sehr niedrigschwelliger & guter Zugang. Meine Empfehlung ist, auf jeden Fall das Gespräch mit anderen Lehrenden über 1 gender- & diversitätssensible Gestaltung von Lehre zu suchen & den Austausch auch an der eigenen Uni/im eigenen Fach zu suchen & selbst mitzugestalten.

An Mitgestaltung sind Sie auch außerhalb des Fachs und Ihrer Uni interessiert, etwa in Interviews für  den Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur oder in Beiträgen für 54books. Oft geht es dabei um die viel beschworene „Cancel Culture“ und um Identitätspolitik. Warum polarisieren diese Themen so?

An diese Begriffe binden sich mittlerweile grundsätzliche Gesellschaftsdiagnosen der Gegenwart. Dabei geht es eigentlich um wichtige Werte, aber die Prämissen von #CancelCulture oder das Verständnis von Identitätspolitik sind teilweise stark verkürzt bis falsch. Haben sich falsche Problembeschreibungen & Kampfbegriffe – #CancelCulture – einmal etabliert, haben solche Debatten 1 Tendenz sich zu verselbstständigen. Man muss immer wieder versuchen, Ruhe reinzubringen & dazu auffordern sich anzusehen, worum es tatsächlich gehen sollte.

Auffällig ist, dass Personen wie Sie, die sich um eine differenzierte Debatte bemühen, dabei aber die Gender Studies klar verteidigen, immer wieder mit Häme und Hass konfrontiert werden. Wie kann sich das aus Ihrer Sicht ändern? (Für alle Mitlesenden: Die Debatten um #CancelCulture oder Identitätspolitik lassen sich natürlich nicht in zwei Tweets abhandeln. Aber keine Sorge, ausführliche Beiträge von Andrea Geier dazu verlinken wir am Schluss)

Es braucht 1 Bündel von verschiedenen Aktionen: Wichtig wäre, dass es mehr institutionelle Unterstützung gäbe: Ressourcen, Anerkennung, & natürlich auch Schutz bei Angriffen. Gerade wer #wisskomm auf Social Media macht, wird von Unis noch selten angemessen unterstützt. Diffamierende Fremdbilder darf man nicht zu sehr an sich ranlassen. Wer dich hasst nur weil du Geschlechterforscher:in bist, hat garantiert nichts von dir gelesen & ist auch einfach nicht dein Zielpublikum. #wisskomm soll zugänglich sein, aber immer mit Selbstschutz! Geschlechterforscher:innen müssen öffentlich viel zu oft aus 1 Verteidigungshaltung heraus agieren. Das kann 1 Person nicht ändern. Aber man kann sich sichtbar machen. Dafür öffnet insbesondere Social Media neue Wege. Das kann gute Anschlusskommunikationen erzeugen!

Wie bei der Lehre gilt also: Ein starker institutioneller Rahmen ist gefragt. Auch beim Stichwort „Sich sichtbar machen“ sind wir neugierig auf Ihre Expertise: Wie sieht gelungene Wissenschaftskommunikation (#wisskomm) für Sie aus, gerade in den Gender Studies?

Möglichst viele verschiedene Geschlechterforscher:innen sollten öffentlich präsent sein & ihre Expertise, auch disziplinär spezifisch, sichtbar machen! Interdisziplinarität zeichnet die Gender Studies aus, ist aber öffentlich auch 1 Kommunikationsproblem, denn: Gender Studies werden oft als homogen wahrgenommen. Daher wäre mehr disziplinäre Vielfalt zu sehen gut & – auch wenn das paradox klingt – mehr wissenschaftliche Kontroverse. Mehr Raum für den Austausch von Argumenten vor interessiertem Publikum, das täte gut. Dazu braucht es auch 1 Wissenschaftsjournalismus, der die öffentliche Auseinandersetzung über Gender Studies informiert zum Thema macht. & wir brauchen allgemeiner Räume, in dem wir nicht aus 1 Defensive heraus sprechen müssen. Das ist in Interviews oft der Fall.

Die schauen wir uns alle an! Dann bleibt uns nur noch zu sagen: Vielen, vielen Dank  @geierandrea2017 für Ihre Zeit und Ihr Wissen, es war uns ein Fest!

🙏

Wie versprochen folgen jetzt die Links zu weiteren Ressourcen. Allen, die mehr von Andrea Geier lesen, hören, lernen wollen, sei etwa dieses Interview ans Herz gelegt, außerdem ihr YouTube-Kanal mit Vorlesungsmitschnitten und Vorträgen zu Wissenschaftskommunikation oder dieser ihr Open-Access-Artikel „Logik und Funktion von Misogynie. Probleme und Perspektiven“ in der Fachzeitschrift „Ethik und Gesellschaft“.

 

„Gleichstellung ist…“ – Twitter-Aktion zum 8. März

„Lassen wir uns nicht schrecken durch die Ungunst äußerer Umstände, haben wir für alle Schwierigkeiten nur eine Antwort: Erst recht!“ 

Clara Zetkin (1857-1933), Frauenrechtlerin , Kommunistin und Wegbereiterin des Frauentags in Deutschland

Dass Frauen wählen und die politische Zukunft ihres Landes mitbestimmen können: Anfang des 20. Jahrhunderts war das die zentrale Forderung sozialistischer Feministinnen in Europa. Ein Frauentag sollte bei der Propagierung dieses Ziels helfen. In vielen Ländern wurde dies 1918 zumindest teilweise erreicht. Doch die Ungleichbehandlung endete nicht an der Wahlurne: Frauenrechtlerinnen kämpften auch für das Recht auf freie Berufswahl, Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohneinbußen, Schulspeisungen für Kinder oder legale Schwangerschaftsabbrüche.

Während etwa das Wahlrecht für Frauen mittlerweile selbstverständlich scheint, kommen einige der mindestens 100 Jahre alten Forderungen erstaunlich aktuell daher. Die Mehrfachbelastung von Frauen durch Sorge- und Lohnarbeit, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und Gleichberechtigung am Arbeitsplatz sind noch heute Thema. Fakt ist: Ausschlussmechanismen auf Basis des Geschlechts wirken fort. Weil dies für die ganze Gesellschaft gilt, sind auch Hochschulen nicht frei von diesen strukturellen Barrieren.

An deren Abbau arbeiten Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte seit den 1990er Jahren . Anlässlich des 8. März möchten wir ihre Tätigkeiten, Positionen und Angebote in dieser Woche sichtbarer machen. Deshalb übernimmt der Bereich der Zentralen Frauenbeauftragten diese Woche unseren Twitter-Account und organisiert dort eine besondere Aktion: Jeden Tag vervollständigen (dezentrale) Frauenbeauftragte unterschiedlicher Fachbereiche sowie andere gleichstellungpolitische Akteur*innen der FU den Satz „Gleichstellung bedeutet…“. Dabei setzen sie ihre eigenen Schwerpunkte, machen auf intersektionale Verschränkungen oder gesellschaftliche Verantwortlichkeiten aufmerksam. Zu den Aussagen gesellen sich im Laufe der Woche Zitate inspirierender, feministischer, mit der FU verbundener Persönlichkeiten wie Margherita von Brentano und Audre Lorde.

Die Beschäftigung mit Diskriminierung, gesellschaftlichen Ausschlüssen und institutionellen Hindernissen kann deprimieren . Sie kann aber auch mutig, sogar kämpferisch stimmen, und an Clara Zetkin erinnern: „Erst recht!“

Erzählen Sie uns: Wie würden Sie „Gleichstellung bedeutet…“ vervollständigen? Wir freuen uns über Likes, Retweets, Kommentare auf Twitter oder hier im Blog, und wünschen einen inspirierenden 8. März!

Maximalpräsenz in Homeoffice und Kinderzimmer – eine studierende Mutter berichtet.

Wie sieht der Alltag studierender und berufstätiger Eltern unter Corona-Bedingungen aus? Ein Erfahrungsbericht von Anna Helfer, ehemalige Mitarbeiterin im Team Zentrale Frauenbeauftragte und Doktorandin am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie der Freien Universität Berlin. Dieser Beitrag erschien zuerst im Wissenschaftlerinnen-Rundbrief.

Angesichts der veränderten Arbeitsbedingungen durch die Corona-Pandemie forderte die Landeskonferenz der Frauenbeauftragten an Berliner Hochschulen (LaKoF) Anfang April eine Entlastung, insbesondere für Familien, durch Arbeitgeber*innen. In der Stellungnahme heißt es, dass sich Familien mit der bundesweiten Kita- und Schulschließung von einem auf den anderen Tag mit einer extremen Mehrfachbelastung konfrontiert sahen: der Betreuung von Kita-Kindern und dem Homeschooling von Schulkindern bei gleichzeitiger Lohnarbeit, die auch in nicht-systemrelevanten Berufen vor täglichen Anforderungen und Deadlines nicht Halt macht.

Die Maßnahmen der Berliner Senatsverwaltung sahen in erster Linie individuelle Lösungen vor

Diese umfassten beispielsweise die Nutzung von mobilem Arbeiten, Ausgleich von Überstunden, Regel- oder Erholungsurlaub. Erst wenn diese Maßnahmen ausgeschöpft seien, bestehe ein Anspruch auf eine 10-tägige Freistellung gemäß § 29 Absatz TV-L. Aber auch die zu diesem Zeitpunkt veranlassten Regelungen stellten keine langfristigen Lösungen dar, die der ungewissen Dauer der neuen Arbeitssituation durch COVID-19 Rechnung trugen. In ihrer Stellungnahme forderten die LaKoF und Berliner Frauenverbände daher Unternehmens-, Hochschul- und Behördenleitungen auf, „die Beschäftigten im Homeoffice mit Familienverpflichtungen soweit wie möglich zu unterstützen und die geltenden Regelungen großzügig auszulegen und anzuwenden“. Dass es sich hierbei lediglich um eine Empfehlung handelt, wird spätestens dann jeder Familie – und besonders berufstätigen Alleinerziehenden – bewusst, wenn man vor der Aufgabe steht, aus dem Stand Lösungen für die Bewältigung von Beruf und gleichzeitiger Kinderbetreuung zu finden.

Als Mutter von zwei Kleinkindern, Studierende, studentische Mitarbeiterin und direkt Betroffene von der Schließung der Kitas fragte ich mich, wie wir als Familie in Absprache mit unseren Arbeitgeber*innen die Stellungnahme in konkrete Empfehlungen umsetzen können. Wie genau sieht ein Alltag zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung aus, wie können Eltern den Anforderungen beider Bereiche gerecht werden? Inwieweit kann man auf die Unterstützung von Arbeitgeber*in, Vorgesetzten und Kolleg*innen zählen?

Plötzlich brach nicht nur die Kitabetreuung, sondern auch unser soziales Netzwerk weg

Wie viele andere Familien auch, mussten mein Partner und ich unseren Alltag in kürzester Zeit umstrukturieren und überlegen, wie wir Arbeit und Kinderbetreuung miteinander vereinen können. Unsere Kinder waren bei Beginn des Lockdowns und der Kitaschließung ein und drei Jahre alt. Zuvor wurden sie dort von Montag bis Freitag von 8:30 bis 15 Uhr betreut. Mein Partner ist mit 40 Stunden in der freien Wirtschaft (Film) fest angestellt. Ich war zu diesem Zeitpunkt Vollzeitstudentin und zudem als studentische Mitarbeiterin mit 10 Wochenstunden an der Freien Universität beschäftigt.

Das Abholen der Kinder aus der Kita und die Nachmittagsbetreuung teilten wir uns für gewöhnlich mit Unterstützung aus unserem Familien- und Bekanntenkreis auf. Mit dem Ausbruch von Corona brach daher nicht nur plötzlich die Kitabetreuung, sondern auch unser Familien-Freund*innen-Netzwerk weg.

Die von der Bundes- und Landesregierung veranlassten Maßnahmen und Empfehlungen, soziale Kontakte zu minimieren, bedeuteten für uns im Konkreten, dass die Großmutter, die einmal in der Woche die Enkelkinder von der Kita abholt und auch öfters in Krankheitsfällen einspringt, unerwartet ausfiel – ebenso wie die Babysitterin oder Freund*innen.

Wie also sollten wir es schaffen, unsere 30- bis 40-Arbeitsstundenwoche und Vollzeitkinderbetreuung ohne Unterstützung zu organisieren?

Die LaKoF argumentiert zu Recht, dass diese Anforderungen kaum zu bewältigen sind und daher Eltern mit Sorgepflicht entlastet werden müssen. Aber wie? In unserer Familie musste mein Partner und Vater der Kinder weiterhin an drei Tagen in der Woche zur Arbeit gehen, an denen ich mich folglich um die Kinder kümmern musste. An zwei Tagen der Woche arbeitete er im 8 Homeoffice und betreute die Kinder vormittags. Diese zwei Tage Homeoffice, inklusive der freigestellten Zeit für die Kinderbetreuung (8 Stunden/Woche), war Ergebnis eines Gespräches meines Partners mit seinen Vorgesetzten, das er von sich aus anstoßen musste. Trotz der zeitlichen Freistellung blieben für ihn der Arbeitsdruck und die zeitlichen Deadlines weiterhin bestehen – auch in der Zeit, in der er die Kinder betreute. So stand er des Öfteren vor der Herausforderung, E-Mails schreiben und Telefonate führen zu müssen, während die Kinder um ihn herumsprangen. Spätestens hier zeigte sich für uns auch die falsch verstandene Idee von Homeoffice.

Nicht immer sieht das Leben mit Kindern so harmonisch aus – schon gar nicht bei einer Mehrfachbelastung der Eltern. (Foto: A. Helfer)

Wenn die Landes- und die Bundesregierung die Vereinbarkeit von beruflicher Tätigkeit sowie Betreuungs- und Sorgepflicht mit dem mobilen und flexiblen Arbeiten erfüllt sehen, dann haben sie vergessen, wie ein Alltag mit kleinen Kindern tatsächlich aussieht und wie wenig „flexibel“ Kinder sind: Aufstehen, Frühstück, Windelwechseln, Anziehen, Zähneputzen – und weil kleine Kinder schnell ungeduldig werden, ist es gut, oft und regelmäßig das Haus zu verlassen für Spaziergänge mit Laufrad und Kinderwagen durch den Park und Kiez – Spielplätze waren geschlossen; danach Mittagessen vorbereiten, essen, Mittagsschlaf inklusive Vorsingen und Vorlesen. Durchatmen. Ein bisschen arbeiten. Dann entweder spielen, basteln, malen oder rausgehen, Abendessen vorbereiten, Zähneputzen, Schlafanzug anziehen und ins Bett bringen mit Gutenachtgeschichte vorlesen. Durchatmen und dann arbeiten? Wenn ich mich nicht gerade selbst um 20 Uhr nach 12 Stunden Betreuungs- und Haushaltsarbeit in den Schlaf gesungen habe, dann hatte ich bestimmt keine Energie oder Kapazitäten mehr, auch nur irgendetwas zu machen, außer auszuruhen. Wann und wieviel Zeit bleibt also an so einem Tag für die berufliche Arbeit?

Unsere Familiensituation zeigt, wie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung vor allem mich als Frau traf

Ein konzentriertes Arbeiten gelang mir meist nur in den frühen Morgenstunden zwischen 5 und 7 Uhr, wenn die Kinder noch schliefen. Allein der Versuch, mich während des Tages kurz an meinen Laptop zu begeben, löste bei den Kindern Protest aus, der es mir unmöglich machte, meiner Arbeit mit voller Aufmerksamkeit nachzugehen. Die Male, die ich notgedrungen gemeinsam mit meinen Kindern an einer Videokonferenz teilnahm, waren für mich unmöglich zu handhaben. Die Kinder forderten meine Aufmerksamkeit: Sie sind auf mir herumgeklettert, haben am Laptop die Tasten gedrückt, irgendwann wollten sie nicht mehr und fingen an zu quengeln. Die Unmöglichkeit zu arbeiten, fing ich in den ersten Wochen damit auf, dass ich Erholungsurlaub und die von der Freien Universität gewährte 10-tägige Freistellung in Anspruch nahm. An die Arbeit für das Studium setzte ich mich frühmorgens an den zwei Vormittagen in der Woche, an denen mein Partner die Kinder betreute, und am Wochenende. Dennoch, es war zu wenig Zeit, um Studium und Job gerecht zu werden. In unserem Fall lag das auch daran, dass ich sehr viel mehr Betreuungsverantwortung übernehmen musste als mein Partner.

Wie auch in der LaKoF-Stellungnahme formuliert, zeigt sich an unserem Familienbeispiel, wie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung vor allem mich als Frau traf. Zwar bemühte sich der Arbeitgeber meines Partners um eine familiengerechte Lösung, die allerdings in der Praxis aufgrund der fortdauernden Arbeit und der durch Corona erhöhten Furcht vor finanziellen Einbußen bzw. dem Arbeitsplatzverlust nicht ausreichend funktionierte.

Gesellschaftliche Probleme, individuelle Lösungen

Im Gegensatz zu dem Plädoyer der LaKoF, dass Sorgeverpflichtung keine ausschließlich private Angelegenheit sein darf, sahen wir uns letztendlich mit einem Problem konfrontiert, welches wir individuell lösen mussten. Dank der Unterstützung meiner Kolleginnen empfand ich in meinem Arbeitszusammenhang nicht den gleichen Arbeitsdruck wie mein Partner. Sie bestärkten mich darin, nur so viel und so flexibel zu arbeiten, wie es mir unter den aktuellen Umständen möglich war. Dennoch plagte mich in der Zeit das schlechte Gewissen. Zudem hatte ich das Gefühl, dass wir die Arbeitssituation meines Partners auf dem Rücken meiner Arbeitskolleginnen austrugen.

Ich war grundsätzlich sehr verunsichert darüber, wie ich die Aussagen meiner Kolleginnen und auch die Stellungnahme der LaKoF für mich begreifen und umsetzen könnte. Ich arbeitete daher sehr flexibel und holte angesammelte Unterstunden am Wochenende, an Feiertagen, im Sommerurlaub und nach dem Ende der Kitaschließzeit nach. Das war in einigen Wochen mal mehr und mal weniger, bot mir jedoch die Möglichkeit, die Situation handhaben und der Fürsorgepflicht meinen Kindern gegenüber weiterhin verantwortungsvoll gerecht werden zu können.

Was bei der Diskussion um die Vereinbarkeit von Arbeit und Betreuung in Corona-Zeiten zu kurz kommt, ist das Wohl der Kinder und die Rolle, die Kitas und Erzieher*innen dafür spielen. Für unsere Kinder war die Situation sehr ungewohnt und auch schwierig. Als Eltern war es uns daher wichtig, unseren Kindern weiterhin einen an die Kita angelehnten strukturierten Alltag zu ermöglichen.

Wie systemrelevant ist die Beaufsichtigung, Erziehung und Förderung von Kindern?

Für uns beinhaltete das folglich, auch die Funktion der Kita in der neuen Situation zu übernehmen. Genauer bedeutete dies, die Kinder nicht einfach nur zu beaufsichtigen, sondern sie im Sinne der frühkindlichen Bildung (Sprachentwicklung, Motorik/Bewegung, Kreativität, Sozialverhalten) zu betreuen und zu fördern. Für uns zeigte sich an der allgemeinen Diskussion um Homeoffice und Kinderbetreuung auch die fehlende Wertschätzung für Kita-Betreuung und Erziehung. Diese steht offensichtlich in keinem Verhältnis zu ihrer gesellschaftlichen – und systemrelevanten – Bedeutung für Kindererziehung. Ich bin daher zu dem Schluss gekommen, dass die Parallelität von Homeoffice und Kinderbetreuung nicht funktioniert, weder Beruf noch Kindern gerecht werden kann. Mit der Unterstützung meiner Kolleginnen konnte ich meinen Kindern jedoch einen halbwegs kindgerechten Alltag ermöglichen, wofür ich sehr dankbar bin.

„Abwehrkräfte gegen Antifeminismus“ – Neuer Wissenschaftlerinnen-Rundbrief erschienen!

Die Pandemie trifft alle, aber sie trifft nicht alle gleich. Gerade Familien mit kleinen Kindern, Betroffene von häuslicher Gewalt oder Pflegekräfte erlebten zuletzt oft enorme zusätzliche Belastungen – nicht nur in Deutschland. Ohne einen feministischen Blick auf die Krise blieben solche Perspektiven oft außen vor. Auch deshalb haben unsere Kolleg*innen im Bereich der Zentralen Frauenbeauftragten diesem Thema einen Schwerpunkt im aktuellen „Wissenschaftlerinnenrundbrief“ gewidmet.

Dieser erschien im Dezember als Doppelausgabe und trägt den Titel „Abwehrkräfte gegen Antifeminismus“. Wo das Coronavirus viele bereits bestehende gesellschaftliche Probleme weiter verstärkt hat – etwa den Pflegenotstand und den Care-Gap – sind andere Ausschlussmechanismen in den Hintergrund geraten. Das neue Heft nimmt sich in einem zweiten Schwerpunkt deshalb dem Thema „Antifeminismus von rechts“ an. Wie legitimiert er sich, wie funktioniert er an der Hochschule und was lässt sich ihm entgegensetzen? Diese und weitere Fragen diskutieren renommierte Autor*innen auf fast 30 Seiten.

Die aktuelle und ältere Ausgaben zu spannenden Themen wie „Klimawandel und Geschlechterverhältnisse“ oder „Geschlechterverhältnisse in der Mathematik“ kann auf der Seite der Zentralen Frauenbeauftragten kostenlos heruntergeladen werden. Einzelne Beiträge werden außerdem gesondert auf diesem Blog veröffentlicht.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

Online-Podiumsdiskussion zu „(Anti-)Rassismus an Hochschulen“ am 15.12.2020

Welche Rolle spielen Hochschulen im aktuellen Diskurs über Rassismus? Wie wirkt institutioneller Rassismus an Hochschulen? Welche antirassistischen Forderungen und Initiativen gibt es?

Das Margherita-von-Brentano-Zentrum und die ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‘ laden alle Mitglieder der Freien Universität Berlin sowie weitere interessierte Personen zu einer Podiumsdiskussion ein, bei der diese Fragen thematisiert werden. Sie soll der Auftakt für eine Veranstaltungsreihe zu (Anti-)Rassismus an Hochschulen im Sommersemester 2021 sein. Mit diesem Angebot möchten wir zur dringend notwendigen Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen im Hochschulkontext beitragen und Räume schaffen, in denen Wege zur Stärkung von Antidiskriminierung an der Freien Universität entwickelt werden können. 

Die Podiumsdiskussion ist Teil der Aktivitäten zum Wissenschaftstag #4Gender Studies, der nun zum vierten Mal deutschlandweit rund um den 18. Dezember stattfindet. Er verfolgt das Anliegen, die Bandbreite der Themen, Forschungsergebnisse und Akteur*innen der Gender Studies sichtbarer zu machen. Dieses Jahr beschäftigen sich die Angebote in Berlin mit dem Themenschwerpunkt „Institutioneller Rassismus“. Weitere Informationen dazu finden sich hier.

Es diskutieren:

  • AStA Referat für Schwarze Studierende und Studierende of Color, vertreten durch Naledi Maskia Mmoledi (Politikwissenschaft), Santiago Velez Vargas (Politikwissenschaft) und Nataly Castillo Bennett (Lateinamerikastudien)
  • Mohamed Amjahid (Politikwissenschaftler, Journalist und Autor)
  • Dr. Denise Bergold-Caldwell (Bildungs- und Erziehungswissenschaftlerin, wissenschaftliche Geschäftsführerin des Zentrums für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung an der Philipps-Universität Marburg)
  • Dr. Doris Liebscher (Juristin, Leiterin der Ombudsstelle der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung)
  • Saboura Naqshband (Politikwissenschaftler*in, Sozial- und Kulturanthropolog*in, Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung) 

Veranstalterinnen:

Melanie Bittner (Toolbox Gender und Diversity in der Lehre) und Dr. Heike Pantelmann (Margherita-von-Brentano-Zentrum)

Organisatorische Informationen:

Die Podiumsdiskussion findet in Webex-Events statt. Sie können sich über einen moderierten Chat an der Diskussion beteiligen. Bitte melden Sie sich bis zum 13.12. über das Anmeldeformular für die Veranstaltung an. Den Webex-Link erhalten Sie dann wenige Tage vor der Podiumsdiskussion.

Die Rhetorik der Universität entzaubern: Interview mit Angie Martiens vom Lehrprojekt „Understanding University“

"Wir wollen mit 'Understanding University' die Möglichkeit schaffen, kritisch reflektiert über die Universität nachzudenken und über diese intensive Auseinandersetzung mit der Universität die Möglichkeit für Empowerment schaffen." (Angie Martiens)

An der Universität kommt es nicht nur darauf an, was wir sagen, sondern auch, wie wir es tun. Die universitäre Rhetorik umfasst viele subtile Regeln und Codes. Für Studierende zeigt sich das z.B. in folgenden Situationen: Wann ist in einer Vorlesung ein guter Zeitpunkt, um eine Frage zu stellen? Was mache ich, wenn ich Fachbegriffe oder Fremdwörter nicht verstehe? Wie schreibe ich eine gelungene Mail an eine Professorin? Ein bildungssprachlicher Duktus prägt das Sprechen an Universitäten. Je nach Disziplin sind unterschiedliche Ausdrucksweisen und Fachbegriffe nötig, um Inhalte zu kommunizieren. Zudem haben sich spezifische Formen entwickelt, wie etwa wissenschaftliche Debatten geführt werden oder wie Diskussionen in Lehrveranstaltungen ablaufen. Wie leicht oder schwierig die Gewöhnung an die universitäre Rhetorik für Studierende ist, hängt oft nicht von ihren Fähigkeiten und ihrem Fachwissen, sondern anderen Faktoren ab: Ob sie aus einem akademischen Elternhaus kommen, in dem eine universitätsnahe Sprechweise zum Alltag gehört, oder ob sie als Erste in der Familie studieren und ihnen ein solcher Rückhalt fehlt.

Sprechen über ungeschriebene Regeln – Diversität und akademische Rhetorik

Solche Unterschiede und Voraussetzungen werden in universitären Lehrveranstaltungen bisher wenig thematisiert. In diesem Good-Practice-Bespiel stellen wir ein Lehrprojekt vor, das diesen Umstand ändern möchte: „Understanding University – The Rhetoric(s) of German Academia“ ging aus einem Projekt der Romanistikprofessorin Anita Traninger und ihren wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen Angie MartiensIsabelle Fellner und Oliver Gent im Sonderforschungsbereich 980 „Episteme in Bewegung“ hervor. 2017 erhielt es den Zentralen Lehrpreis der Freien Universität Berlin. In dem Jahr wurden explizit Veranstaltungen mit Diversity-Bezug ausgezeichnet, die aktuelle Forschung innovativ in die Lehre umsetzen.

Mehr zu dem Good-Practice-Beispiel im Toolbox-Beitrag:

  • Vorstellung des Lehrkonzepts
  • Links zu verwendeten Materialien
  • Einfluss von Fachkulturen
  • Videointerview mit Angie Martiens, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Understanding University“
  • Literaturhinweise

Black History Month: 8 Podcasts über Schwarze Geschichte und Kultur

Februar ist „Black History Month„! Anfang des Monats haben wir zu diesem Anlass bereits einige Bücher von Schwarzen¹ Autor*innen empfohlen. Doch auch über andere Medien können Interessierte etwas über Schwarze Geschichte und Kultur (dazu)lernen. So gibt es mittlerweile eine große Auswahl an Podcasts, in denen Schwarze Menschen über ihre Perspektiven auf Politik und Gesellschaft sprechen. Mal wissenschaftlich, mal eher persönlich, mal journalistisch – und manchmal eine Mischung aus all diesen Dingen. Auf jeden Fall aber: kritisch. Hier stellen wir 8 Podcasts vor und empfehlen jeweils eine Folge zum Einstieg:

„Afropod: Kompromisslos schwarz“, Folge: „Schwarze Menschen, Deutschland und die Konstruktion von Rasse“
Maciré Bakayoko und Fatou Sillah sind Aktivistinnen aus Bremen. In ihrem „Afropod“ bieten sie gesellschaftliche Analysen aus dezidiert Schwarzer Perspektive. In der ersten Folge geht es darum, wie Schwarze Menschen in der deutschen Gesellschaft unsichtbar gemacht wurden und werden. Sie nehmen außerdem die deutsche Kolonialgeschichte in den Blick, wie das Deutsche Reich vom transatlantischen Sklavenhandel profitierte und wie es dazu beitrug, Rassismus pseudowissenschaftlich zu institutionalisieren.

„Black and Breakfast“, Folge: „Impostor Syndrome“
Jaide und Joana sind „zwei Berlinerinnen, denen die Stimmen von Women of Colour in Deutschland gefehlt haben“. In der Folge zum „Impostor Syndrome“ geht es um das Phänomen, das auftritt, wenn sich Personen ihre Erfolge nicht selbst zuschreiben, sondern sich als Hochstapler fühlen: „Das war nur Glück“, „Die Klausur war so leicht“. Dass diese Denkmuster vor allem bei marginalisierten Bevölkerungsgruppen auftreten, ist dabei kein Zufall.

„Code Switch“, Folge: „The Birth of a ‚New Negro'“
„Code Switch“ ist ein aufwändig produziertes Storytelling-Format von People of Colour. Der Podcast stammt vom US-amerikanischen „National Public Radio“ (NPR). In der Folge „The Birth of a ‚New Negro'“ geht es um Alain Locke. Der afroamerikanische, schwule Philosoph wird häufig als „Vater der Harlem Renaissance“ bezeichnet, der wichtigsten künstlerischen und sozialen Bewegung von Afroamerikaner*innen im frühen 20. Jahrhundert. Er studierte an der Universität Berlin, dem Vorläufer der späteren Humboldt-Universität, und prägte die afrodeutsche Szene entscheidend mit.

„Die kleine schwarze Chaospraxis“, Folge: „akademia“
Die Poetry-Slammerin Ninia la Grande und die Schauspielerin und Sängerin Denise M’baye sprechen in der „Kleinen schwarzen Chaospraxis“ humorvoll über Alltägliches, Feminismus und Inklusion – „im perfekten Imperfektionismus“, wie sie selbst sagen. In dieser Folge nehmen sie den Wissenschaftsbetrieb und vor allem dessen Sprache in den Blick: Wen schließt sie ein, wen schließt sie aus? Von diesen Analysen bleibt in der Episode auch die Freie Universität Berlin nicht verschont.

„Essay und Diskurs“, siebenteilige Reihe zu „Identitäten“, Folge: „Farbe bekennen“
Die Sendung „Essay und Diskurs“ läuft im Deutschlandfunk und veröffentlichte zum Jahreswechsel eine Reihe mit dem Titel „Identitäten“. Darin widmen sich Schwarze Künstler*innen und Kulturschaffende verschiedenen Themen: In der Folge „Farbe bekennen“ beschäftigt die Kuratorin und Autorin Mahret Ifeoma Kupka sich kritisch mit Büchern afrodeutscher Autor*innen: Mit welchen Rassismusbegriffen sie operieren, ob sie die weißen Leser*innen herausfordern – oder diese eher beschwichtigen.

„Feuer und Brot“, Folge: „White Saviorism“
Maxi Häcke und Alice Hasters sind seit ihrer Kindheit beste Freundinnen. Als „Feuer und Brot“ widmen sie sich Themen aus Politik und Popkultur. Alice Hasters hat zudem kürzlich ein Buch mit dem Titel „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber hören sollten“ veröffentlicht. In der empfohlenen Folge geht es um weiße Menschen, die etwa in Form von Freiwilligendiensten nicht-weiße Menschen „retten“ wollen – und dabei oft mehr Schaden anrichten als helfen.

„The Nod“, Folge: „Nobody Looks Like Me“
Im US-amerikanischen Podcast „The Nod“ sprechen Brittany Luse und Eric Eddings über ernstere und unterhaltsamere Aspekte Schwarzer Kultur. In der vorgestellten Folge geht es um ein besonderes historisches Ereignis: 1961, als Schulen in den USA noch überwiegend segregiert waren, waren die „Memphis 13“ – gerade einmal Erstklässler – die ersten Schulkinder, die Schulen besuchten, die vormals ausschließlich weißen Kindern vorbehalten waren. In „Nobody Looks Like Me“ sprechen die Moderator*innen mit dem Vater eines der „Memphis 13“.

„Tupodcast“, Folge: „Wie wir zu uns selbst kommen“
Tupoka Ogette ist vor allem für ihre antirassistische Bildungsarbeit bekannt. Ihr Buch „exit Racism“ gehört zu den Standardwerken in diesem Bereich. Im „Tupodcast“ spricht sie mit anderen Schwarzen Frauen über Diskriminierung und Widerstand, Inspiration und Empowerment. In der Folge „Wie wir zu uns selbst kommen“ spricht sie mit Pascale Virginie Rotter, Projektkoordinatorin für „Empowerment, Sensibilisierung und antirassistische Öffnung“ an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.

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¹Der Begriff „Schwarz“ wird in diesem Beitrag bewusst groß geschrieben. Damit soll darauf hingewiesen werden, dass es sich dabei nicht um biologische Eigenschaften oder lediglich die Hautfarbe, sondern um eine Strukturkategorie in einem globalen Machtgefüge handelt. Für weiße Menschen hat sich die kursive, kleingeschriebene Variante etabliert. Mehr Informationen dazu gibt es hier.

Black History Month: 11 Bücher von Schwarzen Autor*innen

Seit den 1970ern wird in den USA im Februar der „Black History Month“ gefeiert. Die Idee dafür gab es schon in den frühen 1920ern, als der Historiker Carter G. Woodson gemeinsam mit afroamerikanischen Organisationen zunächst nur eine Woche lang auf die Geschichte, Kultur und Errungenschaften Schwarzer¹ Menschen aufmerksam machte.

Mittlerweile gibt es den „Black History Month“ auch in vielen anderen Ländern, unter anderem in Deutschland. Auch hier erleben Schwarze Menschen nach wie vor Rassismus und sind in Schlüsselpositionen in Politik, Kultur und Wirtschaft unterrepräsentiert. Der „Black History Month“ ist eine gute Gelegenheit, sich mit ihren vielfältigen Stimmen, ihrem kritischen Blick auf die Gesellschaft und ihrem künstlerischen Wirken vertraut zu machen. Wir empfehlen dazu 11 Bücher von Schwarzen Autor*innen. Sofern sie (oder bei deutschsprachigen Titeln auch die englischsprachige Ausgaben) im Bibliotheksportal Primo der Freien Universität verfügbar sind, sind die Titel verlinkt:

Chinua Achebe – Things Fall Apart
„Things Fall Apart“ wurde 1958 veröffentlicht und ist bis heute das meistgelesene Buch eines afrikanischen Autors. Es beschreibt die sozialen Strukturen eines nigerianischen Igbo-Dorfes, die durch das Eindringen christlicher Missionare und britischer Kolonialherren zerstört werden. Es gilt als eines der einflussreichsten Werke postkolonialer Literatur.

Susan Arndt, Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche (Hg.): Mythen, Masken und Subjekte
Der Sammelband „Mythen, Masken und Subjekte“ ist ein Grundlagenwerk der „Critical Whiteness“-Studies in Deutschland. Er betrachtet „Weißsein“ nicht als unhinterfragbare Norm, sondern präsentiert Schwarze Perspektiven auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Die Beiträge thematisieren Rassismus, Feminismus, Postkolonialität – und hinterfragen, wessen Stimmen den wissenschaftlichen Diskurs auf Kosten anderer bestimmen.

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Infoveranstaltung zum Masterstudiengang „Gender, Intersektionalität und Politik“ am 12.2.20

Am 12. Februar 2020 lädt der Arbeitsbereich Gender und Diversity am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft zu einer Infoveranstaltung ein. Dort wird der Masterstudiengang Gender, Intersektionalität und Politk vorgestellt, der im Wintersemester 2020/21 zum zweiten Mal angeboten wird. Obwohl es in Berlin schon einige Studienangebote im Bereich der Gender Studies gibt, war die Konkurrenz unter den Bewerber*innen für den ersten Jahrgang groß: Auf 21 Plätze bewarben sich rund 150 Interessierte.

Der Studiengang soll theoretische und methodische Kenntnisse vermitteln, „um die geschlechtsspezifische Dimension von politischen Machtverhältnissen zu verstehen und ihre Verwobenheit mit anderen Differenzkategorien herausarbeiten zu können“, erklärte Prof. Dr. Gülay Çağlar, Initiatorin und Leiterin des Studiengangs, dem Tagesspiegel in einem Interview.

Diese Verwobenheit drückt sich im Konzept der Intersektionalität aus. Es wurde von US-amerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw geprägt und bezeichnet die Überschneidung und gegenseitige Beeinflussung unterschiedlicher Diskriminierungsformen.

Die Informationsveranstaltung findet um 10:30 Uhr am Otto-Suhr-Institut in der Garystr. 55, Raum 301, statt.

„Porn in the USA“ – ein Seminarbesuch

Wissenschaftliche Neugier schlägt Shitstorm: Madita Oeming forscht zu Geschichte, Ästhetik, Produktion, Konsum und kultureller Funktion von Pornographie

„Feminism is not a dirty word“ – weiße Schrift auf schwarzem Stoff. Diese  Worte auf Madita Oemings T-Shirt springen mir sofort ins Auge, als sie, flankiert von zwei Sicherheitsangestellten, mich und ihre Studierenden vor dem Seminarraum 201 des John-F.-Kennedy-Instituts für Nordamerikastudien empfängt. Es herrschen strengere Einlasskontrollen als im legendären Berliner Club Berghain, denn es werden nur Studierende eingelassen, die sich für den Kurs eingeschrieben haben und nachweislich volljährig sind. Enttäuschte Gesichter bei denjenigen, die diese Kriterien nicht erfüllen. Sogar ein Vertreter des Präsidiums der Freien Universität ist vor Ort, um sicher zu gehen, dass alles seine Ordnung hat. Was war geschehen?

Die Amerikanistin und Doktorandin der Universität Paderborn gibt im Wintersemester 2019/20 ein B.A.-Seminar zum Thema „Porn in the USA“ an der Freien Universität. Bereits die Ankündigung ihres Seminars auf Twitter sorgte für große öffentlich Resonanz bis hin zum Shitstorm in den sozialen Medien. „Als Kolleg*innen und Wissenschaftler*innen des Kennedy-Instituts waren wir geschockt, von massiven sexistischen Anfeindungen, antisemitischer Hetze und Todesdrohungen, denen Madita Oeming in den sozialen Medien ausgesetzt war“, sagt Dr. David Bosold, Studiendekan des John-F.-Kennedy-Instituts ( JFKI) und verweist neben all dieser Aufregung um Oemings Seminar darauf: „Forschung und Lehre sind nach Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes frei – hierunter fallen selbstverständlich auch kontroverse Themen wie das in diesem Semester unterrichtete Seminar ‘Porn in the USA‘.“

Ein Interview, das Madita Oeming Spiegel Online gab, erhielt unzählige Aufrufe, und auch in den USA hat sie an Bekanntheit gewonnen. Aber was genau steht nun hinter dem Forschungsthema dieser Wissenschaftlerin, die in der VICE Germany schreibt, dass sie den „Traum eines Teenagers“ lebt – sich „für’s Porno-Gucken bezahlen“ lässt.

Auch ich bin neugierig geworden. Deshalb befinde ich mich an diesem Donnerstagnachmittag zwischen 30 erwartungsvollen B.A.-Studierenden. Oeming stellt klar, dass sie nicht die Sextherapeutin ihrer Studierenden sei. Vielmehr sollen die Studierenden die unterschiedlichen Genres der Pornografie in den USA kennenlernen und ein analytisches Verständnis ihrer Geschichte, Ästhetik, Produktion, Konsum und kulturellen Funktion erlangen. Hierzu werden einzelne Filmszenen genauer betrachtet und analysiert; Pornofilme werden behandelt wie Romane in den Literaturwissenschaften. Die erste Hausaufgabe besteht darin, den PorYes Feminist Porn Award oder das Berlin Pornfilmfestival zu besuchen, die Eindrücke aufzunehmen und ein zweiseitiges response paper zu schreiben.

„Es gibt“, so sagt Professor Frank Kelleter, Leiter der Abteilung Kultur am JFKI, „in Deutschland aktuell nur wenige Wissenschaftler*innen, die sich ernsthaft und historisch verlässlich mit Pornografie und der Geschichte ihrer Bewertung auseinandersetzen“. Kelleter kennt und schätzt Madita Oemings Arbeiten und ihr feministisches Engagement u.a. von ihrer Beteiligung an der DFG-Forschergruppe „Populäre Serialität“, in der sie als wissenschaftliche Hilfskraft tätig war. „Später, auf der internationalen Abschlusskonferenz“, erinnert sich Kelleter, habe Oeming einen der besten und meistbeachteten Vorträge gehalten: zur Frage des Seriellen in der Pornografie.

Bildquelle: privat

Verena Specht ist dezentrale Frauenbeauftragte und Fremdsprachensekretärin am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien. Seit vier Jahren widmet sie sich mit viel Freude und Enthusiasmus der Gleichstellungsarbeit und der Verbesserung der Vereinbarung von Familie und Beruf am JFK-I.

Kontakt: verena.specht@fu-berlin.de

Dieser Text ist eine leicht geänderte Version eines Beitrags im gerade erschienenen Wissenschaftlerinnen-Rundbriefs Nr. 2/2019 zum Schwerpunkt „Klima und Geschlechterverhältnisse“, der von der Zentralen Frauenbeauftragten der Freien Universität Berlin herausgegeben wird.