„Wir dürfen Betroffene nicht allein lassen“

Die diesjährigen Aktionstage gegen Gewalt gegen Frauen vom 21. bis 29. November an der Freien Universität standen unter dem Motto „Aufstehen gegen sexualisierte Gewalt!“. Ein Gespräch mit Wendy Stollberg, zentrale Ansprechperson bei sexualisierter Belästigung, Diskriminierung und Gewalt, über die spezifischen Herausforderungen an Hochschulen und den notwendigen Mentalitätswandel in der Gesellschaft.

Wendy Stollberg ist im Team Zentrale Frauenbeauftragte Ansprechperson für die Erstberatung bei sexualisierter Belästigung, Diskriminierung und Gewalt (SBDG), bei Mobbing und Stalking. Mit ihr sprach Dennis Yücel.

Frau Stollberg, welchen Hintergrund haben die Aktionstage gegen Gewalt gegen Frauen an der Freien Universität?

Gewalt gegen Frauen ist weltweit stark verbreitet. Auch in Deutschland haben Frauen ein hohes Risiko, Gewalt zu erleben. Um sich dem entgegenzustellen, wird jedes Jahr am 25. November der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen begangen.
An der Freien Universität bieten wir anlässlich dieses Solidaritäts- und Gedenktages seit 2019 ein eigenes Programm an, das über die Jahre beständig gewachsen ist. Im Rahmen der diesjährigen Aktionstage haben wir ein vielfältiges Programm mit etlichen Workshops veranstaltet, insbesondere für Studierende. Dabei wurde sexualisierte Gewalt in ihren vielfältigen Ausprägungen thematisiert – angefangen von Herabwürdigungen und verbalen Beleidigungen, über visuelle und körperliche Belästigungen bis hin zu Vergewaltigungen und Feminiziden.


Was konnten Studierende in den Workshops lernen?

Unser Ziel war es, dass Studierende durch das Programm ihre bisherigen Erfahrungen reflektieren und neue Perspektiven gewinnen können. Angeboten wurden zum Beispiel Workshops zu geschlechtsspezifischer Gewalt im Internet, zu „mackerfreiem“ Flirtverhalten und zu kritischer Männlichkeit. Es wurden insbesondere auch Männer eingeladen, sich mit ihren Vorstellungen von Männlichkeit auseinanderzusetzen.
Außerdem haben wir Selbstverteidigungs-Workshops für Frauen angeboten. Dabei ging es sowohl um verbale als auch um tatsächlich physische Selbstverteidigung. Die Studierenden haben die Kurse positiv angenommen, die allermeisten Veranstaltungen waren sehr gut besucht. Besonders gefreut hat mich, dass sich auch Lehrende gemeldet haben. Auch dort besteht Bedarf und der Wunsch nach Weiterbildung in dem Bereich.

Worin bestehen die Herausforderungen geschlechtsspezifischer Gewalt an Hochschulen?

Zunächst einmal muss man mit dem Vorurteil aufräumen, dass es an Hochschulen keine Diskriminierung und Gewalt gebe, weil es Orte der Wissenschaft, des kritischen Diskurses sind. Sexualisierte Belästigung und andere Formen der Gewalt passen da für viele nicht ins Bild.
Aber Universitäten sind gleichzeitig von Machtstrukturen und Ungleichheiten geprägte Orte. Zwischen Professorinnen und Professoren sowie ihren Mitarbeitenden und Studierenden besteht eine Hierarchie. Einkommen, Jobsicherheit und gesellschaftlicher Status sind ungleich verteilt. Überall dort, wo wir derartige Ungleichheiten finden, herrscht ein erhöhtes Risiko für Gewalt. Und davor sind auch Hochschulen nicht gefeit.
Hinzu kommt, dass es an Universitäten oft an klaren Strukturen und Umgangsformen mit Fällen von sexualisierter Gewalt fehlt. Betroffene, Zeug*innen, aber auch Vorgesetzte wissen oft nicht, wie sie handeln sollen und an wen sie sich wenden können. Solche Stellen werden nun zwar zunehmend geschaffen, sie müssen aber noch bekannter werden.

Wie ist die Situation an der Freien Universität?

Wir haben jeweils an den Fachbereichen und auf zentraler Ebene Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte. Dazu sind wir nach dem Berliner Hochschulgesetz verpflichtet. Die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten sind Ansprechpersonen für Hilfesuchende. Qua Amt sind sie zur Verschwiegenheit verpflichtet. Ratsuchende können sich gern an mich als zentrale Ansprechperson wenden und sich zu möglichen weiteren Schritten beraten lassen. Darüber hinaus gibt es weitere Stellen, bei denen Betroffene eine vertrauliche Erstberatung erhalten. Eine zentrales Konflikt- und Beschwerdemanagement bei Diskriminierung an der Freien Universität Berlin befindet sich im Aufbau. Dazu hat die an der Universität neugegründete Stabsstelle Diversity und Antidiskriminierung die Arbeit aufgenommen. Hier ist gerade viel in Bewegung.

Wo besteht aus Ihrer Sicht für die Zukunft besonderer Handlungsbedarf?

Wir müssen vor allem weiter Aufklärungsarbeit leisten, damit ein Mentalitätswandel stattfindet. Es geht einerseits darum, ein Bewusstsein für die enormen Folgen zu schaffen, mit denen Betroffene von sexualisierter Gewalt zu kämpfen haben. Es geht um Traumata, die Menschen über Jahrzehnte begleiten können. Menschen, die an Hochschulen sexualisierte Gewalt erleben, können möglicherweise ihr Studium oder ihre Arbeit nicht fortsetzen und leiden für den Rest ihres Lebens unter den Auswirkungen.
Außerdem müssen wir dafür sensibilisieren, welch starke Rolle das Umfeld spielt. Es geht nicht nur um Täter*innen und Betroffene, sondern um das Klima in der Gesellschaft, um die Kultur des Umgangs in Studierendengruppen, Vorlesungen und Seminaren. Vorgesetzte stehen hier in der besonderen Verantwortung, aber es kommt auf jeden Einzelnen an. Alle sind gefragt, einzuschreiten und Hilfe anzubieten, wenn sie etwas beobachten. Wir dürfen Betroffene nicht aus Unsicherheit oder Unwissenheit alleine lassen – es gilt getreu dem Motto der Aktionstage: Aufstehen gegen sexualisierte Gewalt!

Das Interview ist am 18. Dezember 2023 im Online-Magazin campus.leben erschienen.

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