Leaky Pipeline im Exzellenzcluster MATH+?

Ein Blick auf Auswertungen amtlicher Hochschuldaten zeigt für Deutschland Folgendes: kaum Veränderungen des Anteils von Professorinnen in der Mathematik in den letzten mehr als 25 Jahren – und dies obwohl sich sehr wohl immer mehr Frauen auf den vorgelagerten Karrierestufen befinden, vor allem unter Studierenden und Promovierenden.

Auf der Professur allerdings sind Frauen im deutschen Hochschulsystem insgesamt nach wie vor, und mit weniger als 20% besonders stark in den MINT-Disziplinen, wie der Mathematik, unterrepräsentiert (GWK 2021, 8/87). Und dies obwohl die Förderung von Frauen in Wissenschaft und Forschung in den MINT-Fächern seit mittlerweile einigen Jahrzehnten ausdrückliches politisches Ziel ist.

Das Potential von weiblichen Mathematikerinnen wird nicht ausgeschöpft

Die Forschung zeigt, dass diese Unterrepräsentanz durch Geschlechterbiases in der Berufungspraxis (Gläserne Decke) entsteht, aber auch auf die sogenannte Leaky Pipeline (Berryman 1983) zurückzuführen ist, das überproportionale Ausscheiden von Frauen mit jeder höheren Karrierestufe. Dieses häufigere Ausscheiden und die Unterrepräsentanz von Frauen auf der Professur stellen sich nicht nur aus gerechtigkeitstheoretischer Sicht, sondern auch aus wettbewerbsökonomischer Perspektive als äußerst problematisch dar – das Potential von weiblichen Forscherinnen wird bisher nicht (annähernd) ausgeschöpft.

Das Ziel des Projekts „MATH+ as a Research Object” ist es, die Reproduktionsmechanismen dieser Geschlechterunterschiede zu untersuchen, die möglichweise selbst in einer exzellenten Arbeitsumgebung wie dem Exzellenzcluster MATH+ (noch) wirken. Vor dem Hintergrund bisheriger Forschung wird im Projekt davon ausgegangen, dass es vor allem das Wechselspiel von strukturellen Barrieren, deren biographische Verarbeitung und Einfluss auf individuelles Karriereverhalten der jungen Wissenschaftler*innen ist, worauf ein genauer Blick gelegt werden muss.

In der ersten quantitativen Befragungswelle aller Nachwuchswissenschaftler*innen (Master-, PhD-Studierende und Postdocs) wurde deshalb der Fokus auf die folgenden vier Aspekte gelegt: Karriereabsichten- und ziele (d.h. was wollen junge WissenschaftlerInnen beruflich erreichen), Karriereeinstellungen (d.h. was ist ihnen dabei wichtig), Karrierewissen (d.h. welche Vorstellungen/Einschätzungen haben sie davon, was für eine wissenschaftliche Karriere von Bedeutung ist/sein könnte) und Karrierehandeln (d.h. was tun sie mit Blick auf eine wissenschaftliche Karriere). Die bisher interessantesten Ergebnisse, die uns als Ausgangspunkt für tiefergehende Forschung dienen, möchte ich hier schlaglichtartig vorstellen. Für einen vollständigeren Überblick, inklusive erster Erkenntnisse aus den qualitativen Interviews mit Leitungspersonen des Clusters, empfehle ich unbedingt einen Blick in unseren ersten Projektbericht.

Kompetenzen – Karrierewunsch – Karriereziel

Schaut man auf die Karriereziele der jungen Wissenschaftler*innen, zeigt sich zunächst, dass eine Mehrzahl von ihnen, Männer und Frauen, eine Karriere in der Wissenschaft anstreben. Interessant ist, dass dieser grundsätzliche Karrierewunsch allerdings unter Frauen nicht automatisch mit dem Karriereziel der Professur einhergeht – anders als es bei den Männern der Fall ist. Die Frauen des Clusters streben signifikant seltener die Professur an als ihre männlichen Kommilitonen und Kollegen. Ein genauerer Blick hierauf lässt erkennen, dass Frauen dieses Karriereziel nicht unbedingt häufiger ablehnen, sondern sich diesbezüglich schlicht unsicherer sind. Frauen zeigen sich häufiger unentschlossen und unsicher darüber, ob die Professur wirklich ihr Karriereziel ist.

Auf der Suche nach Gründen für diese größere Unsicherheit unter Frauen fällt vor allem ein Aspekt auf: Die Frauen des Clusters geben „unzureichende eigene Kompetenzen“ signifikant häufiger als Grund an, der gegen eine wissenschaftliche Karriere spricht. Und dies obwohl sich hinsichtlich der meisten Leistungsindikatoren kaum tatsächliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern erkennen lassen. Fragt man sich, woher diese Unterschiede in der Selbsteinschätzung eigener Kompetenzen rühren, ist es vor allem die Kombination aus zwei verschiedenen Ergebnissen, die hier erwähnenswert scheint. Zum einen zeigt sich in Bezug auf das Karrierewissen der Nachwuchswissenschaftler*innen, dass es Frauen sind, die die „Anzahl eigener Publikationen“ öfter als Männer als sehr wichtigen Faktor für eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere einschätzen. Zum anderen sind es jedoch ebenso die Frauen des Clusters, die, unter Berücksichtigung ihrer Karrierestufe, bisher de facto weniger publiziert haben. Die Gründe dafür können allein mit den Daten der ersten Befragungswelle nicht geklärt werden. Allerdings sollten aus Unterschieden im Publikationsoutput nicht vorschnell Kompetenzunterschiede abgeleitet werden. Gründe dafür können beispielsweise auch in Unterschieden bei der Ermutigung und Unterstützung beim Verfassen von Artikeln, in Teamstrukturen oder thematischen Schwerpunktsetzungen liegen. Dies wird Gegenstand zukünftiger Untersuchungen des Projekts sein. Was diese beiden Ergebnisse allerdings deutlich machen, ist Folgendes: Unter Frauen herrscht eine größere Diskrepanz zwischen dem, was sie denken, was von ihnen erwartet wird und dem was sie in dieser Hinsicht als eigene Kompetenz mitbringen. Dass dies verunsichernd wirken kann, liegt sehr nahe. Kausalanalysen sind jedoch erst nach zukünftigen Befragungswellen möglich.

Frauen scheinen weniger in den informellen Austausch mit Kolleg*innen eingebunden zu sein als Männer

Abschließen möchte ich mit einem Ergebnis, das vor dem skizzierten Hintergrund durchaus erwähnenswert scheint. Die Daten offenbaren deutliche Unterschiede in den Ansprechpersonen für Karriere- und Fachfragen. Frauen scheinen insgesamt weniger in den informellen Austausch mit Personen aus ihrem Arbeitskontext eingebunden zu sein als Männer. Und zwar gilt dies sowohl in Bezug auf Karriere- und Fachfragen als auch in Bezug auf die unterschiedlichen Gruppen von Ansprechpersonen. Sowohl mit Personen der gleichen als auch der höheren Hierarchieebene sind Frauen weniger im Austausch als Männer. Dies ist durchaus bedenklich, da die berufliche Umgebung nicht nur eine wichtige Quelle für karriererelevantes Wissen und Unterstützung ist, sondern der Austausch auch als erster Schritt der Vernetzung innerhalb der Scientific Community interpretiert werden kann. Was es ist, das Frauen häufiger als Männer davon abhält sich mit Kolleg*innen und Professor*innen auszutauschen, wird Gegenstand weiterer Untersuchungen sein.

Die skizzierten Befunde der Unentschiedenheit, nicht aber der Ablehnung eine wissenschaftliche Karriere zu verfolgen, zeigen Potentiale des Exzellenzclusters auf, die Leaky Pipeline, den überproportionalen Drop-Out von weiblichen Wissenschaftlerinnen, zu verhindern. Es gilt demzufolge seitens des Clusters Bedingungen zu schaffen, um diese größere Unentschlossenheit positiv hin zu einem zielgerichteten Karriereweg auf eine Professur zu beeinflussen und Barrieren abzubauen, die zu einer Ablehnung dieses Karriereziels führen könnten. Mit weiteren Analysen zu den Ursachen dieser Unsicherheit unter den Frauen und dazu, wie sich diese verringern lassen, wird „MATH+ as a Research Object“ dem Cluster weiter unterstützend zur Seite stehen.

Allen Leser*innen, die selbst Nachwuchswissenschaftler*innen in MATH+ sind, möchten wir unseren herzlichen Dank für die Teilnahme an der aktuell laufenden zweiten Befragungswelle aussprechen.

Sophie Hofmeister, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Mitarbeiterin im Projekt „MATH+ as a Research Object“, einer Kooperation mit der Arbeitsgruppe Gender Studies in der Mathematik der FU


Literatur

GWK (2021): Chancengleichheit in Wissenschaft und Forschung. 25. Fortschreibung des Datenmaterials (2019/2020) zu Frauen in Hochschulen und außer-hochschulischen Forschungseinrichtungen. Bonn.

Berryman, Sue E. (1983): Who Will Do Science? Trends, and Their Causes in Minority and Female Representation among Holders of Advanced Degrees in Science and Mathematics. A Special Report. Hg. v. The Rockefeller Foundation. New York.


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