Wie weiblich ist MINT an der FU?

Frauen sind in MINT-Fächern noch immer unterrepräsentiert, doch zeigen sich zwischen den einzelnen Fächern große Unterschiede. Besonders Informatik und Physik sind männlich dominiert. Die FU hingegen hat in diesen Fächern Studentinnen hinzugewinnen können und schneidet auch im Bundesvergleich gut ab. Komplexer ist die Bilanz für die unbefristeten Professuren.

Geschlechterstereotype spielen eine bedeutende Rolle bei der Studien- und Berufswahl von jungen Erwachsenen. Ob Fähigkeiten in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik (MINT) oder ein entsprechendes Studium, beides wird nach wie vor eher Jungen und Männern[1, s.u.] zugetraut und die entsprechenden Berufe werden mehrheitlich von diesen ausgeübt. Frauen dagegen sind unter den Studierenden in den MINT-Fächern unterrepräsentiert, während sie z.B. in pädagogischen und geisteswissenschaftlichen Fächern überproportional vertreten sind. Deutschlandweit nähert sich in einigen MINT-Fächern die Geschlechterverteilung der Studierenden (sehr) langsam einem ausgewogenen Verhältnis, wie aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts deutlich machen. Doch welche Entwicklungen zeigen sich an der Freien Universität? Wie sieht die Geschlechterverteilung bei Studierenden in den MINT-Fächern aus? Wie hoch ist der Frauenanteil an MINT-Wissenschaftler*innen?

Wer studiert was?

Zunächst zur Situation von Studierenden an der FU: Das MINT-Studienangebot der FU umfasst Biologie, Chemie, Pharmazie, Geowissenschaften, Mathematik, Informatik und Physik.  Eine Unterrepräsentanz von Frauen weisen vorrangig die vier letztgenannten Fächer auf, wie die Grafik weiter unten veranschaulicht. Dabei ist zu berücksichtigen, dass technische Fächer mit besonders niedrigem Frauenanteil wie Maschinenbau und Elektrotechnik an der FU nicht angeboten werden.

Am geringsten ist der Frauenanteil an der FU mit etwas mehr als einem Viertel in Informatik [2, s.u.] sowie mit rund einem Drittel in Physik. In Mathematik und Geowissenschaften sind gut 40 Prozent der Studierenden weiblich. Im Fach Chemie ist die Geschlechterverteilung annähernd ausgewogen. Biologie und Pharmazie studieren demgegenüber mehrheitlich Frauen. Dieser Vergleich verdeutlicht, dass auch die MINT-Fächer unterschiedlich vergeschlechtlicht sind: Frauen sind keineswegs in allen MINT-Fächern unterrepräsentiert; besonders viele Frauen entscheiden sich für jene Naturwissenschaften, die zu den Lebenswissenschaften zählen.

Die skizzierte Geschlechterverteilung würde sich vermutlich zuungunsten von Frauen verändern, wenn nur jene Studierenden einbezogen würden, deren Studium originär auf einen MINT-Beruf ausgerichtet ist, nicht aber auf eine entsprechende Lehramtsausbildung. Denn in MINT-Lehramtsstudiengängen ist der Frauenanteil in der Regel höher als in MINT-Studiengängen ohne Lehramtsoption. Da die universitätseigene Hochschulstatistik keine entsprechend differenzierten Daten enthält, kann dieser Unterschied für die FU nicht näher bestimmt werden.

Im zeitlichen Verlauf lässt sich von 2015 bis 2020 eine leicht abnehmende Geschlechtersegregation feststellen. Während die Fächer mit den niedrigsten Frauenanteilen, Informatik und Physik, über diesen Zeitraum einen deutlichen Zuwachs an Frauen zeigen, verringerte sich der Frauenanteil in den lebenswissenschaftlichen Fächern Biologie und Pharmazie. In der Grafik wird der Abstand zwischen den Fächern mit extremen Werten daher im Verlauf kleiner. Seit 2011 bzw. 2014 setzt sich die FU mit dem Schülerinnen-Projekt MINToring aktiv dafür ein, weibliche Studieninteressierte für Physik und Informatik zu gewinnen. Dieses Angebot könnte zu der gestiegenen Zahl weiblicher Studierender in den beiden Fächern beigetragen haben.

Um die Frauenanteile an der FU besser einschätzen zu können, lohnt sich ein Blick auf die bundesweiten Zahlen. Wie steht die FU im bundesweiten Vergleich da? Für 2020 zeigt sich ein durchwachsenes Bild: In einigen Fächern liegt die FU unter, in anderen über dem Bundesdurchschnitt (vgl. Statistisches Bundesamt 2021: Studierende in MINT-Fächern). In Informatik, Physik und Chemie sind die Frauenanteile an der FU etwas höher als der Bundesdurchschnitt. Am besten schneidet die Informatik ab mit 6,1 Prozentpunkte über dem Durchschnitt; Physik und Chemie liegen mit 3,5 bzw. 3,9 Prozentpunkten ebenfalls deutlich darüber. Im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich, nämlich 3,2 Prozentpunkte höher, ist der Frauenanteil außerdem in der Biologie; die Pharmazie liegt im Durchschnitt. Nachholbedarf besteht vor allem in Mathematik und Geowissenschaften mit 6 bzw. 4,4 Prozentpunkten unter dem Bundesdurchschnitt.

Professorinnen in den MINT-Fächern: positive Bilanz unter Vorbehalt

Wie das Gleichstellungskonzept 2021-2026 zeigt, weist die wissenschaftliche Beschäftigtenstruktur der FU insgesamt eine erhebliche vertikale Geschlechtersegregation zuungunsten von Frauen auf, d.h. je höher die Qualifikationsstufe, desto geringer der Frauenanteil. Am stärksten ausgeprägt ist die ungleiche Geschlechterverteilung bei den unbefristeten Professor*innen, deren Frauenanteil für die FU 2020 insgesamt 36 Prozent beträgt. Auch wenn dieser Wert von der 50-Prozent-Marke noch weit entfernt ist, bildet er einen Spitzenwert gegenüber dem Bundesdurchschnitt von rund 24 Prozent (vgl. Statistisches Bundesamt 2021, Fachserie 11, Reihe 4.4 – 2020).

Wie sieht nun die Situation in den MINT-Fächern der FU aus? Hier liegt der durchschnittliche Frauenanteil an unbefristeten Professor*innen deutlich niedriger als an der FU insgesamt, 2020 bei rund 27 Prozent. Dennoch steht die FU auch in den MINT-Fächern besser da als ihr Fächerspektrum im Bundesdurchschnitt mit rund 19 Prozent.

Der Frauenanteil unter Professor*innen ist im Wissenschaftsbereich nicht allein zentraler Indikator für die Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen. Darüber hinaus haben Professorinnen eine Vorbildfunktion für Studentinnen und Nachwuchswissenschaftlerinnen; als weibliche Role Models können sie Frauen zu einer Laufbahn in ihrem jeweiligen Fach ermutigen. Aus gleichstellungspolitischer Perspektive ist auf lange Sicht ein Frauenanteil von mindestens 50 Prozent anzustreben. Bei der Festlegung konkreter Zielquoten ist dem Kaskadenmodell folgend jedoch der Frauenanteil auf der darunter liegenden Qualifikationsstufe zu berücksichtigen.

Wie die obige Grafik zeigt, kommt die Biologie der 50-Prozent-Marke mit einem Frauenanteil von gut 45 Prozent unter unbefristeten Professor*innen am nächsten. Überraschenderweise ist gerade in jenen Fächern mit besonders niedrigem Studentinnenanteil, Informatik und Physik, ein relativ hoher Frauenanteil unter den unbefristeten Professor*innen verglichen mit den Studierenden festzustellen. Mehr noch, die Informatik weist nahezu durchgängig einen höheren Frauenanteil unter den Professor*innen als unter den Studierenden auf. Am anderen Ende des Spektrums befindet sich die Mathematik, in der ein einstelliger Professorinnenanteil einem Frauenanteil von rund 40 Prozent unter den Studierenden gegenübersteht.

Im zeitlichen Verlauf wird sichtbar, dass der Frauenanteil unter unbefristeten Professor*innen in der Mehrzahl der MINT-Fächer über die letzten Jahre gestiegen ist. Für Physik, Informatik, Geowissenschaften und Biologie ist eine deutliche Steigerung festzustellen; in der Chemie hat sich der Frauenanteil wenig verändert. Demgegenüber zeigen Pharmazie und Mathematik einen Abwärtstrend.

Jede Berufung zählt

Allerdings relativiert sich diese Dynamik, wenn nicht die Frauenanteile in Prozent, sondern die absoluten Zahlen betrachtet werden. Da alle Fächer eine relativ geringe Gesamtzahl an Professuren aufweisen (zwischen 7 und 19 je Fach, siehe Tabelle mit absoluten Zahlen), wirken sich bereits kleine Veränderungen erheblich auf die Prozentanteile aus. So hat in absoluten Zahlen nur die Physik seit 2015 mit einem Zuwachs von drei mehrere Professorinnen hinzugewinnen können. Für alle anderen Fächer ist für den Zeitraum 2015 bis 2020 ein Zugewinn bzw. Verlust von maximal einer Professorin zu verzeichnen. Der Blick auf die absoluten Zahlen unterstreicht somit, dass jede einzelne Berufung zählt, wenn es darum geht, den Frauenanteil an unbefristeten Professuren zu steigern.

Der Vergleich mit bundesweiten Daten (vgl. Statistisches Bundesamt 2021, Fachserie 11, Reihe 4.4 – 2020) zeigt ein überwiegend positives Bild: Die FU liegt mit ihren Frauenanteilen unter unbefristeten Professor*innen in fast allen MINT-Fächern über dem Bundesdurchschnitt. Besonders gut schneidet die Informatik ab, gegenüber dem bundesweiten Frauenanteil von 13 Prozent liegt die FU mit rund 38 Prozent fast dreimal so hoch. Verglichen mit dem Bundesdurchschnitt (Ø) haben auch Biologie (FU: 45 %, Ø: 26 %), Geowissenschaften (FU: 31 %, Ø: 21 %) und Physik (FU: 24 %, Ø: 12 %) eine beachtliche Bilanz vorzuweisen. Chemie und Pharmazie liegen jeweils um die 5 Prozentpunkte über dem Durchschnitt. Lediglich in der Mathematik fällt die FU weit hinter den Bundesdurchschnitt zurück: Bundesweit verzeichnen die Hochschulen durchschnittlich einen Frauenanteil von 18 Prozent, also dreimal höher als an der FU.

Insgesamt gesehen ergibt sich für die FU, zumal im bundesweiten Vergleich, eine weitgehend positive Bilanz. Sie sollte jedoch kein Anlass sein, sich mit dem Erreichten zufrieden zu geben, insbesondere was die Frauenanteile an unbefristeten Professuren betrifft. Auf dieser Statusebene kann sich eine positive Entwicklung schnell wieder umkehren, wenn dem Weggang oder der Emeritierung einer Professorin keine weibliche Kollegin nachfolgt. Konsequente Frauenförderung bleibt daher eine zentrale Aufgabe, um Geschlechtergerechtigkeit in den MINT-Fächern zu verwirklichen.

Esto Mader, Mitarbeiterin Projektevaluation MINToring, Team Zentrale Frauenbeauftragte

Lara Sikorski, Studentische Mitarbeiterin Projektevaluation MINToring, Team Zentrale Frauenbeauftragte

Dr. Corinna Tomberger, Leitung Projektevaluation MINToring, Stellvertreterin der zentralen Frauenbeauftragten und Referentin im Team Zentrale Frauenbeauftragte

 


[1] In diesem Beitrag werden statistische Auswertungen betrachtet, die auf binären Daten (Frauen/Männer) basieren, um die vergeschlechtlichte Segregation darzustellen. Geschlecht (und Zweigeschlechtlichkeit) sind als soziale Konstruktionen zu verstehen. Der Arbeitsmarkt ist geprägt von einer vergeschlechtlichten Ungleichverteilung von Berufen und Tätigkeitsfeldern (horizontale Geschlechtersegregation) sowie Positionen auf unterschiedlichen Hierarchieebenen (vertikale Geschlechtersegregation). Männer und Frauen haben daher ungleich verteilte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, was sich z.B. in einem geringeren Einkommen von Frauen manifestiert.

[2] Der Frauenanteil in der Bioinformatik ist i.d.R. erheblich höher als in der Informatik (2018: Informatik 24,7 %, Bioinformatik 42,1 %). Da uns entsprechend differenzierte Daten nur bis 2018 vorliegen, kann diese Unterscheidung in der Auswertung nicht berücksichtigt werden.

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