Wie nah ist zu nah? Prävention im Uni-Sport

Seit 2020 positioniert sich die Zentraleinrichtung Hochschulsport der Freien Universität gegen jegliche Form von Diskriminierung und Gewalt und hat dies in ihrem Leitbild verankert. Davor waren präventive Strukturen und Handlungssicherheit, insbesondere im Umgang mit betroffen Personen, kaum vorhanden. Diese Lücke wurde mit der Einführung eines Präventionskonzepts geschlossen.

Wie nah ist zu nah? Wie schaffe ich ein respektvolles Miteinander? Der Hochschulsport bietet mit seinem breiten Sportangebot vielfältige Orte für gemeinsame Aktivitäten und Begegnungen – körperliche nicht ausgeschlossen. Seien es Hilfestellungen zur Korrektur, gemeinsames Duschen oder Fahrten zu Sportreisen: eine lockere Atmosphäre, emotionale Nähe und körperliche Interaktionen sind charakteristisch für diese Angebote. Allerdings bergen diese Charakteristika auch ein hohes Risiko für sexualisierte Belästigung, Diskriminierung und Gewalt (SBDG). Vor diesem Hintergrund implementierte die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Zentraleinrichtung Hochschulsport (ZEH), Janine Krüger, gemeinsam mit dem Hochschulsport-Team ein Präventionskonzept.


Involvieren und sensibilisieren

In Anlehnung an das Stufenmodell des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) wurde zunächst darauf abgezielt, alle hauptamtlichen Beschäftigten in die Thematik zu involvieren und mittels eines Workshops eine Sensibilisierung für das Thema sexualisierte Diskriminierung und Gewalt zu bewirken. Im Anschluss daran wurde vereinbart, dass alle für den Hochschulsport tätigen Personen – hauptamtliche und freiberufliche – erstmals und einmalig einen Verhaltenskodex unterzeichnen müssen. Der Prozess der Einführung wurde partizipativ gestaltet, sodass Raum für Kritik und Verständnisfragen bestand und Unsicherheiten ausgeräumt werden konnten. Die inhaltliche Unterstützung erfolgte durch Wendy Stollberg, Zentrale Ansprechperson bei SBDG, und Katharina Schmidt, Stellvertreterin der zentralen Frauen- Gleichstellungsbeauftragten.

© Zentraleinrichtung Hochschulsport, Freie Universität Berlin

Für die Zusammenarbeit mit den mehr als 250 freiberuflichen Kursleitungen ist die Anerkennung des Verhaltenskodex obligatorisch und im Prozess der Sportprogrammplanung mittlerweile fest etabliert. Darüber hinaus ist im Rahmen der Familiensportangebote die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses erforderlich.

Hinsehen und enttabuisieren

Losgelöst von der Frauen- und Gleichstellungsarbeit entwickelte sich das Präventionskonzept hin zu „Safesport“ und „Awareness“ für alle. Es wurde sich darauf geeinigt, eine Kultur des Hinsehens und des Enttabuisierens zu schaffen. Durch große Banner mit ansprechenden Slogans werden die Werte des Leitbilds für alle sichtbar kommuniziert. In den eigenen Sportstätten finden sich zudem „STOP“-Plakate mit QR-Codes, die Betroffene zu spezialisierten internen und externen Anlaufstellen führen und sie ermutigen sollen, über sexualisierte Diskriminierung und Gewalterfahrungen zu berichten. Wer die Kontaktaufnahme anonym wünscht, um Vorfälle zu melden, findet dafür ein Feedbackformular auf der Webseite der ZE Hochschulsport und erhält binnen 48 Stunden eine Antwort auf das Schreiben. Auch gibt es die Möglichkeit, die zur Verschwiegenheit verpflichteten Vertrauenspersonen der Zentraleinrichtung per E-Mail zu kontaktieren: safesport@hochschulsport.fu-berlin.de.

Im Rahmen der Optimierung des Erstkontakts mit Betroffenen wurde ein internes Beschwerdemanagement samt Interventionsleitfaden implementiert. Dabei ist eine Fürsorgepflicht gegenüber Ratsuchenden sowie Beschuldigten vereinbart. Alle Anliegen werden vertraulich behandelt.

Rote Karte: „Heute bitte keine Hands-on“

Darüber hinaus wurde die Frage aufgeworfen, auf welche Art und Weise niedrigschwellige Transparenz für Hilfestellungen mit Körperkontakt geschaffen werden kann. Besonders bei Übungen im Gesundheits- oder Fitnessbereich können individuelle Korrekturen die Praxis der Teilnehmer*innen verbessern. Jedoch nicht alle möchten im Unterricht berührt werden. Bei einer generellen Abfrage zu Kursbeginn traut sich erfahrungsgemäß kaum eine Person, „Nein“ zu sagen – insbesondere dann nicht, wenn die restlichen Personen im Raum damit einverstanden sind. Seit 2024 können die Trainer*innen „Hands-on“-Karten einsetzen, um auf die individuellen Bedürfnisse zu reagieren. Die Handhabung ist einfach: Teilnehmende können die Karte vor die Matte legen. Die eine Seite ist grün und steht für: „Ja, ich möchte Hands-on bekommen.“ Liegt die andere, rote Seite oben, heißt es: „Heute bitte keine Hands-on.“

Vier Mal jährlich bietet die ZEH ein neues Programm an, pro Semester buchen über 10.000 Menschen die Kurse des Hochschulsports. Ergänzt wird dieses Angebot durch Veranstaltungen wie den Campus Run. Kursleitungen kommen und gehen. Es gilt also: „Am Ball bleiben!“ Für 2025 sind erstmalig Sensibilisierungsschulungen für Kursleiter*innen zu den Themen geschlechtliche Vielfalt, inklusive Sprache und Awareness im Hochschulsport geplant.

Das Team des FU-Hochschulsports möchte weiter über sexualisierte Diskriminierung und Gewalt informieren, zum Hinsehen und Hinhören auffordern und Mut machen für ein gemeinsames aktives Handeln gegen grenzverletzendes und übergriffiges Verhalten.

Janine Krüger: Autorin dieses Beitrags und Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Zentraleinrichtung Hochschulsport.
Foto: Germaine Zimmermanns


Wo finden Betroffene Informationen und Hilfe?

Wenn Sie von sexualisierter Belästigung, Diskriminierung und Gewalt (SBDG) betroffen sind oder grenzüberschreitendes Verhalten beobachtet haben, bieten Ihnen FU-interne und externe Anlaufstellen Beratung und Unterstützung an:


Blog-Serie zu sexualisierter Belästigung, Diskriminierung und Gewalt

Am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen startete das Team geschlechter*gerecht 2024 eine Blogserie zu SBDG. Über jährliche Aktionstage hinaus berichten Wissenschaftler*innen, Gleichstellungsakteur*innen und Expert*innen aus Forschung und Praxis zum Thema sexualisierte Belästigung, Diskriminierung und Gewalt. Bisher erschienen sind ein Interview mit Dr. Sarah Bellows-Blakely „Wir müssen das Problem benennen!“ und der Beitrag „Ich wünsche mir Vertraulichkeit“

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