Literaturnobelpreis an Kazuo Ishiguro

Bild: Mariusz Kubik, Lizenz: GFDL/CC-BY-SA-3.0-migrated/CC-BY-2.5
Kazuo Ishiguro (2005)

Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an Kazuo Ishiguro, wie am Donnerstag das Nobelpreis-Komitee in Stockholm bekannt gab. Der ursprünglich in Japan geborene, englische Schriftsteller habe in seinen „Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“, so die offizielle Begründung.

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Der Sohn eines Ozeanografen wurde im japanischen Nagasaki geboren, wuchs aber ab 1960 bedingt durch einen Arbeitsplatzwechsel des Vaters in Guildford, Surrey, in der Nähe von London auf. Ishiguro, der ursprünglich Popmusiker werden wollte, studierte an der Universität von Kent Philosophie und Anglistik. 1980 erwarb er an der University of East Anglia einen Master in „creative writing“, wo sein Mentor Malcolm Bradbury war. Ishiguro selbst gab an, sich nicht als Japaner zu verstehen. Er sieht seine literarischen Vorbilder in der westlichen Literatur, vor allem bei Dostojewski und Tschechow (vgl. Autorenprofil im KLfG).

Nachdem Ishiguro als Sozialarbeiter gearbeitet hatte, widmete er sich ab 1983 ganz seiner Karriere als Schriftsteller. Trotz seines überschaubaren Œuvres von sieben Romanen, sowie einigen Kurzgeschichten und Drehbüchern, wird er heute zu den bedeutendsten englischsprachigen Autoren der Gegenwart gezählt. Bekannt ist er vor allem für seine „vielschichtige psychologische Ausleuchtung seiner Ich-Erzähler, die zwischen Selbstbetrug und Selbsterkenntnis mit ihren Erinnerungen ringen“ (vgl. Kindlers Literatur-Lexikon). Dazu zählt der loyale und seinem Herrn ergebene Butler Stevens in Ishiguros drittem Roman The Remains of the Day (dt. Was vom Tage übrig blieb), der ihm 1989 den renommierten Booker Prize einbrachte. Das Buch wurde 1993 erfolgreich von James Ivory mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in den Hauptrollen verfilmt.

Drei weitere Male stand Ishiguro auf der „Short List“ zum Booker Prize – mit dem in Japan angesiedelten Werk An Artist of the Floating World (Der Maler der fließenden Welt, 1986), der in Shanghai spielenden Detektivgeschichte When We Were Orphans (Als wir Waisen waren, 2000) sowie mit Never Let Me Go (Alles, was wir geben mussten, 2005). Letztgenanntes Buch über ein Internat, in dem menschliche Klone zum Zweck der Organspende aufgezogen werden, kam 2010 mit Carey Mulligan, Andrew Garfield und Keira Knightley auf die Kinoleinwand. Ishiguros bisher letzter Roman, The Buried Giant (Der begrabene Riese, 2015), spielt im kriegerischen Britannien des 5. Jahrhunderts und stellt ein Elternpaar in den Mittelpunkt, das sich auf die Suche nach seinem Sohn begibt.

Literatur von Kazuo Ishiguro, besonders seine englischsprachigen Romane, lässt sich auch in den Bibliotheken der FU finden, vor allem in der Philologischen Bibliothek.

Die Auszeichnung an Ishiguro kann durchaus als Überraschung gewertet werden. Bei bekannten Wettanbietern hatten in den vergangenen Tagen Namen wie der Kenianer Ngũgĩ wa Thiong’o, der Japaner Haruki Murakami oder die Kanadierin Margaret Atwood vorne gelegen. Nach der Preisvergabe an den US-amerikanischen Singer-Songwriter Bob Dylan (2016) und die weißrussische Journalistin und Autorin Swetlana Alexijewitsch (2015) hatten Experten eine diesmal eher konservativere Wahl prognostiziert. Ishiguro passt als 62-jähriger, englischsprachiger Romanautor nahezu perfekt in eine Analyse, die die NZZ letzte Woche unter dem Titel Was den typischen Literaturnobelpreisträger auszeichnet veröffentlichte.

Die Preisübergabe an die Nobel-Laureaten erfolgt alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels.

Bob Dylans Nobelpreisrede online

Bob Dylan
Bob Dylan (2010)

Nachdem Bob Dylan letzten Oktober den Literaturnobelpreis zuerkannt bekam (biblioblog berichtete), ließ sich der US-amerikanische Singer-Songwriter viel Zeit, mit der Nobelpreisakademie in Kontakt zu treten. Erst zwei Wochen später gab Dylan an, dass der Preis eine Ehre für ihn sei. Eine Absage für die offizielle Nobelpreisverleihung am 10. Dezember folgte Anfang April ein Treffen mit den Akademiemitgliedern in Stockholm – Dylan hatte sich für ein Konzert in der schwedischen Hauptstadt befunden.

Doch um die acht Mio. schwedische Kronen (ca. 817.000 EUR) an Preisgeld zu behalten, fehlte noch die obligatorische Preisrede, die der Laureat zu halten hat. Im Falle von Bob Dylan war der 10. Juni Stichtag. Seit Anfang der Woche ist seine Nobel Lecture nun endlich via nobelprize.org und auch als Audiodatei via Soundcloud verfügbar. Mit seiner rauen, rhythmischen Stimme sprach der Musiker unter Jazz-Klavierklängen den Text selber ein und gibt u. a. Herman Melvilles Moby Dick, Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues und Homers Odyssee als ihn prägende Bücher an.

(Bild: Alberto Cabello, Lizenz: CC-BY-2.0)

Literaturnobelpreis an Bob Dylan

Bob Dylan
Bob Dylan (2010)

Der Nobelpreis für Literatur geht dieses Jahr an Bob Dylan, wie am Donnerstag das Nobelpreis-Komitee in Stockholm bekannt gab. Der amerikanische Sänger, Songwriter, Gitarrist und Schauspieler erhält die Auszeichnung für seine „neuen poetischen Ausdrucksformen innerhalb der großen amerikanischen Song-Tradition“, so die offizielle Begründung.

Bob Dylan wurde 1941 als Robert Allen Zimmerman in Minnesota geboren, seine Familie hat ukrainisch-jüdische Wurzeln. Er begann ab den 1960er-Jahren inspiriert durch die Folkmusiker Pete Seeger, The Kingston Trio und Woody Guthrie sich der Arbeit als Musiker im New Yorker Stadtteil Greenwich Village zu widmen. Seinen Namen änderte er 1962 in Bob Dylan, wahrscheinlich als Hommage an den von ihm verehrten walisischen Schriftsteller Dylan Thomas (1914-1953). Mit LPs wie The Freewheelin (1963) prägte Dylan musikalisch die politisch-liberale Aufbruchstimmung in den USA der 60er-Jahre.
Ab 1965 wandte er sich der elektrifizierten Rockmusik zu und konzentrierte sich in Konzerten auf re-inszenierte Song Poetry, die ihn vor allem bekannt machte. Seitdem hat der einflussreiche und wandlungsfähige Textautor, Komponist und Interpret mehr als 40 Musikalben veröffentlicht, sowie literarische Veröffentlichungen und Filme (vgl. Munzinger Online/Kindlers Literatur-Lexikon). Seine Never Ending Tour hat den mehrfachen Grammy-Preisträger Dylan mehrmals um den Erdball geführt, angeblich ab 2001 mit dem gewonnenen Oscar für den Song Things Have Changed aus Curtis Hansons Spielfilm Die WonderBoys auf der Bühne. Nun kann er auch die goldene Nobelmedaille mit auf Tour nehmen.

(Bild: Alberto Cabello, Lizenz: CC-BY-2.0)

Einiges an Literatur zu Bob Dylan lässt sich auch in den Bibliotheken der FU finden, vor allem in der Bibliothek des John-F.-Kennedy-Instituts für Nordamerikastudien. Hier sei auf Dylans 2004 erschienenen ersten Autobiografie-Band Chronicles Volume 1 verwiesen, das Buch Lyrics: 1962-2001 mit seinen Songtexten sowie der Interview-Band Bob Dylan: The essential Interviews (2006) in dem über 30 Interviews und Gespräche mit dem Musiker festgehalten sind.

2016 waren insgesamt 220 AutorInnen für den Literaturnobelpreis nominiert. Die Auszeichnung an Dylan kann durchaus als Überraschung gewertet werden. Bei bekannten Wettanbietern hatten in den vergangenen Tagen Namen wie der Kenianer Ngũgĩ wa Thiong’o, der Japaner Haruki Murakami oder der syrisch-libanesische Lyriker Adonis vorne gelegen. Dylan war eher im Mittelfeld zu finden gewesen. Nachdem im letzten Jahr mit der Weißrussin Swetlana Alexijewitsch erstmals die literarische Reportage und Collage als preiswürdig erachtet wurde, hat nun erstmals in der Geschichte ein Musiker den Literaturnobelpreis erhalten. Das Nobelpreis-Komitee geht neue Wege, was eventuell auch an Sara Danius liegt. Die schwedische Literaturwissenschaftlerin (* 1962) obliegt seit Juni 2015 der Vorsitz des achtzehnköpfigen Auswahlgremiums. Laut Danius schreibe Dylan „Poesie fürs Ohr, aber man kann seine Werke auch wunderbar als Poesie lesen“ (vgl. Spiegel Online).

Die Preisübergabe an die Laureaten erfolgt alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels.

Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

Swetlana Alexijewitsch (2013)
Swetlana Alexijewitsch (2013)

Der Nobelpreis für Literatur geht dieses Jahr an Swetlana Alexijewitsch, wie am Donnerstag das Nobelpreis-Komitee in Stockholm bekannt gab. Die bereits im letzten Jahr favorisierte Weißrussin erhalte die Auszeichnung „für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“, so die offizielle Begründung.

Die Tochter einer Ukrainerin und eines weißrussischen Soldaten wurde 1948 in der Westukraine geboren und wuchs in Weißrussland auf. Nach dem Abschluss ihres Journalistikstudiums in Minsk (1972) begann Alexijewitsch neben der Arbeit als Lehrerin als Journalistin für Lokal- und Literaturzeitungen zu arbeiten. Gleich ihr erstes Buch wurde wegen der enthaltenen Kritik an der sowjetischen Passvergabe nicht veröffentlicht. Alexijewitsch experimentierte weiter mit Kurzgeschichten, Essays und Reportagen und greift in den folgenden Jahren brisante Themen wie die Stalin-Zeit (Die letzten Zeugen,1985) den sowjetischen Afghanistankrieg (Zinkjungen, 1989) die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, 1997) oder die negativen Folgen des Auseinanderbrechens der Sowjetunion (Im Banne des Todes, 1993) in ihren Büchern auf.
Mehrere Jahre arbeitet Alexijewitsch an ihren Werken, die sie mit Hilfe zahlreich geführter Interviews auf Russisch verfasst. Diese von ihr begründete literarische Gattung nennt sie „Roman der Stimmen“. Zunehmend Repressalien des weißrussischen Regimes unter Alexander Lukaschenko ausgesetzt, lebte Alexijewitsch zeitweise im Ausland, darunter auch in Berlin. 2011 kehrte sie jedoch nach Weißrussland zurück. Neben zahlreichen Auszeichnungen hatte sie zuletzt 2013 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten (Link zur Dankesrede, PDF-Datei – S. 11 ff.). Im letzten Jahr hatte der Franzose Patrick Modiano den Literaturnobelpreis erhalten.

(Bild: Elke Wetzig, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Die „Nobelpreis-Woche“ ist mit Swetlana Alexijewitschs noch nicht beendet. Nachdem die Gewinner für die Sparten Medizin/Physiologie, Physik, Chemie und Literatur feststehen, wird am Freitag der Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben. Hoffnungen auf die Auszeichnungen können sich über 270 Kandidaten machen. Unter den Nominierten sollen sich u. a. die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der kongolesische Arzt und Menschenrechtsaktivist Denis Mukwege sowie Papst Franziskus befinden. Am 14. Oktober wird der Nobelpreis für Wirtschaft vergeben.

Die Preisübergabe an die Laureaten erfolgt alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels.

Alice Munro erhält den Literaturnobelpreis

Den Nobelpreis für Literatur erhält dieses Jahr Alice Munro, wie am Donnerstag das Nobelpreis-Komitee in Stockholm bekannt gab. Die kanadische Kurzgeschichtenautorin sei eine „Virtuosin der zeitgenössischen Novelle“, so die offizielle Begründung.

Als Nachfahrin schottischer Presbyterianer wurde Munro 1931 geboren und wuchs als Tochter von Farmern in der Provinz Ontario auf. Obwohl von den Eltern auf eine Zukunft als Frau eines Farmers vorbereitet, studierte sie Journalismus, brach das Studium aber wegen Geldmangel ab. Trotz Gründung einer Familie und der Arbeit als Buchhändlerin, gab sie das Schreiben von Kurzgeschichten nie auf und brachte 1968 mit Dance of the Happy Shades einen ersten Kurzgeschichtenband heraus, der das Kleinstadtmilieu ihrer Heimat dokumentiert.

Bis 2012 wurden von Munro 14 Sammlungen und drei Auswahlbände an Kurzgeschichten sowie ein Roman publiziert, die häufig alltägliche Probleme zumeist weiblicher Personen zum Inhalt haben und überwiegend einhelliges Kritikerlob erhielten. Für die Veröffentlichung des Taschenbuchs The Moons of Jupiter (1982) erzielte sie einen Rekorderlös für ein kanadisches Erzählwerk; einige Kritiker verglichen ihre Kurzgeschichten mit den Werken Anton Tschechows. Ihre Kurzgeschichte The Bear Came over the Mountain aus dem Erzählband Hateship, Friendship, Courtship, Loveship, Marriage (2001) diente 2006 als Basis für Sarah Polleys Spielfilm An ihrer Seite mit Julie Christie als an Alzheimer erkrankte Ehefrau. Bereits 2009 hatte Munro für ihr Gesamtwerk den Man Booker International Prize erhalten. Sie ist die erste Autorin aus Kanada, die den Nobelpreis für Literatur erhält. Im letzten Jahr hatte der Chinese Mo Yan die Auszeichnung zugesprochen bekommen.

Werke Munros in den FU-Bibliotheken

Über den FU-Katalog lassen sich vor allem Munros Kurzgeschichtenbände in den Original-Ausgaben ermitteln, die überwiegend in der Bibliothek des John-F.-Kennedy-Instituts für Nordamerikastudien ausleihbar sind. FU-Angehörige haben außerdem die Möglichkeit über die lizenzpflichtige Datenbank Literature Resource Center eine kleine Auswahl von Munros Kurzgeschichten zu lesen (einfach nach „Alice Munro“ suchen und in der Ergebnisliste den Reiter „Primary Sources & Literary Works“ anklicken).

Die „Nobelpreis-Woche“ ist mit Alice Munros Sieg noch nicht beendet. Nachdem die Gewinner für die Sparten Medizin/Physiologie, Physik, Chemie und Literatur feststehen, wird am Freitag der Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben. Hoffnungen auf die Auszeichnungen können sich 259 Kandidaten machen – so viele wie noch nie zuvor. Unter den Nominierten sollen sich u. a. die pakistanische Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai, die russische Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina, Bill Clinton, die Whistleblower Bradley Manning und Edward Snowden sowie der dieses Jahr mit dem „Alternativen Nobelpreis“ ausgezeichnete kongolesische Frauenarzt Denis Mukwege  befinden. Am 14. Oktober wird der Nobelpreis für Wirtschaft vergeben.

Die Preisübergabe an die Laureaten erfolgt alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels.

Zeichnung: Andreas Vartdal / Hogne (CC-BY-SA-1.0 / CC-BY-SA-2.5)

Literaturnobelpreis geht an Mo Yan

Den Nobelpreis für Literatur erhält dieses Jahr Mo Yan, wie am Donnerstag das Nobelpreis-Komitee in Stockholm bekannt gab. Der Chinese vereine „mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart“ in seinem Werk, so die offizielle Begründung. Er ist damit der erste Literaturnobelpreisträger aus der Volksrepublik China.

Mo Yan wurde 1955 als Guan Moye in der ostchinesischen Provinz Shandong geboren und entstammt einer bäuerlichen Familie. Nach seinem bedingt durch die chinesische Kulturrevolution abgebrochenen Schulbesuch, arbeitete er in einer Fabrik. Mit dem Schreiben begann Mo Yan 1976, nach seinem Eintritt in die Volksbefreiungsarmee, wo er zum Ausbilder aufstieg. Die Veröffentlichung einer ersten Kurzgeschichte folgte 1981. An einer Militärakademie in Peking studierte er in den 1980er Jahren zusätzlich Sinologie.

Der Durchbruch gelang Mo Yan mit seinem Roman Das rote Kornfeld (1987), der vor dem Hintergrund des chinesisch-japanischen Krieges (1937-1945) das Schicksal einer bäuerlichen Dorfgemeinschaft zum Thema hat. Die Filmversion, die ein Jahr später von Regisseur Zhang Yimou inszeniert wurde, gewann bei den Filmfestspielen von Berlin den Goldenen Bären. Bis heute folgten neun Romane und mehr als 70 Erzählungen, denen Nähe zum Magischen Realismus attestiert wird. Mo Yan wird der literarischen Richtung „Xungen“ (dt.: „Suche nach den Wurzeln“) zugerechnet und gilt als einer der am häufigsten übersetzten und bedeutendsten Autoren der chinesischen Gegenwartsliteratur. (Literatur von Mo Yan im FU-Katalog)

Die „Nobelpreis-Woche“ ist mit Mo Yans Sieg noch nicht beendet. Nachdem die Gewinner für die Sparten Medizin/Physiologie, Physik, Chemie und Literatur feststehen, wird am Freitag der Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben. Hoffnungen auf die Auszeichnungen können sich 231 Kandidaten machen – sechs weniger als im Vorjahr. Unter den Nominierten sollen sich u. a. die russische Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina, die inhaftierte frühere ukrainische Regierungschefin Julia Timoschenko, Bill Clinton, Helmut Kohl sowie der dieses Jahr mit dem „Alternativen Nobelpreis“ ausgezeichnete amerikanische Politikwissenschaftler Gene Sharp befinden. Am 15. Oktober wird der Nobelpreis für Wirtschaft vergeben.

Die Preisübergabe an die Laureaten erfolgt alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels.

Bild: Mo Yan in Hamburg, 2009 (Urheber: Johannes Kolfhaus, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Literaturnobelpreis für Tomas Tranströmer

Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an Tomas Tranströmer, wie am Donnerstag das Nobelpreis-Komitee in Stockholm bekanntgab. Der 80-jährige schwedische Lyriker weise „uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen“, so die offizielle Begründung. Tranströmer war seit Jahren als Mitfavorit auf den wichtigsten Literaturpreis gehandelt worden und hatte am letzten Tag auch bei den Buchmachern die Führungsposition von Rockpoet Bob Dylan übernommen. Zuletzt hatte 1996 mit der Polin Wisława Szymborska eine Lyrikerin triumphiert.

Der Redakteurssohn studierte Literatur- und Religionsgeschichte sowie Psychologie in seiner Heimatstadt Stockholm und war in den 1960er Jahren als Psychologe in einer Jugendstrafanstalt, später als Berufsberater für Arbeitsämter tätig. Bereits in seiner Schulzeit begann Tranströmer erste Gedichte zu veröffentlichen. Sein erster Sammelband „17 dikter“ (17 Gedichte) erschien 1954. In den folgenden Jahrzehnten etablierte er sich mit weniger als 100 Texten als bedeutendster schwedischer Lyriker der Gegenwart, der nach Kindlers Literatur-Lexikon mit seinen metaphernreichen, oft verschlüsselten Versen die geistige Freiheit des Menschen gegen die materialistische Welt behauptet. Die Encyclopedia Britannica weist ihn sogar als am häufigsten ins Englische übersetzten skandinavischen Autoren des 20. Jh. nach.

Darüber hinaus war Tranströmer als Übersetzer für die Gedichte von Robert Bly, János Pilinszky und Boris Pasternak tätig. Nach einem schweren Schlaganfall im Jahr 1990 handeln seine Texte von der Schwierigkeit des Schreibens und er nahm sich des Haiku als Gedichtform an. Im Bestand der Universitätsbibliothek der FU findet sich Tranströmers Gedichtband Der Mond und die Auszeit (1992) sowie ein Gedichtband aus dem Jahr 1969 (bereits vorgemerkt).

Die „Nobelpreis-Woche“ ist mit Tranströmers Sieg noch nicht beendet. Nachdem die Gewinner für die Sparten Medizin/Physiologie, Physik, Chemie und Literatur feststehen, wird am Freitag der Friedensnobelpreisträger bekanntgegeben. Hoffnungen auf die Auszeichnungen können sich 241 Kandidaten machen – so viele wie nie zuvor. Unter den Nominierten sind 188 Einzelpersonen und 53 Organisationen vertreten, darunter z. B. die Enthüllungsplattform WikiLeaks. Am 10. Oktober wird der Nobelpreis für Wirtschaft vergeben. Die Preisübergabe an die Laureaten erfolgt alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels.

Bild: Андрей Романенко (CC-BY-SA-3.0)

Literaturnobelpreis an Mario Vargas Llosa

Der Nobelpreis für Literatur geht dieses Jahr an Mario Vargas Llosa, wie am Donnerstag das Nobelpreis-Komitee in Stockholm bekannt gab. Der Peruaner erhalte die Auszeichnung „für seine Kartografien von Machtstrukturen und seine bissigen Bilder von Widerstand, Revolte und Niederlage des Individuums“, so die offizielle Begründung.

Vargas Llosa, Spross einer großbürgerlichen Familie, studierte in den 1950er Jahren Jura und Literatur in Lima. Als Student engagierte er sich im Untergrund für die verbotene und verfolgte Kommunistische Partei und übersiedelte von 1958 bis 1974 nach Europa, wo er als Übersetzer und Redakteur arbeitete, eine Dissertation zum Werk García Márquez‘ fertigstellte und an der Londoner Universität den Lehrstuhl für lateinamerikanische Literatur inne hatte.

Der Peruaner etablierte sich als einer der großen Romanciers der spanischsprachigen Welt. Seine Werke sind von persönlichen Erlebnissen und Ereignissen geprägt, erinnern Kritiker an Faulkner oder Flaubert. Auch machte er sich als Kritiker und Essayist einen Namen und profilierte sich als politischer Denker. So engagierte sich Vargas Llosa gegen die Militärdiktatur in seinem Heimatland und kandidierte 1990 erfolglos für die peruanische Präsidentschaft an. 1996 wurde dem Kosmopoliten der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuteil.

Werke von Mario Vargas Llosa im FU-Katalog

Britische Buchmacher hatten vor der Vergabe ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Kenianer Ngũgĩ wa Thiong’o und dem US-Amerikaner Cormac McCarthy vorausgesagt. Der Sieg eines deutschsprachigen Autors galt nach den vergangenen Auszeichnungen an Günter Grass (1999), Elfriede Jelinek (2004) und Herta Müller (2009) als unwahrscheinlich. Einzig der Österreicher Peter Handke hatte sich bei den Wettanbietern im Mittelfeld platzieren können.

Die „Nobelpreis-Woche“ ist mit Vargas Llosas Sieg noch nicht beendet. Nachdem die Gewinner für die Sparten Medizin/Physiologie, Physik, Chemie und Literatur feststehen, wird am Freitag der Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben. Hoffnungen auf die Auszeichnungen können sich 237 Kandidaten machen – so viele wie nie zuvor. Unter den Nominierten sind u. a. der chinesische Oppositionelle Liu Xiaobo, die afghanische Menschenrechtlerin Sima Samar, die Internet-Begründer Larry Roberts, Vint Cerf und Tim Berners-Lee sowie die russische Menschenrechtsorganisation Memorial, der in Norwegen ansässige Radiosender Democratic Voice of Burma oder die Internationale Raumstation ISS. Am 11. Oktober wird der Nobelpreis für Wirtschaft vergeben.

Die Preisübergabe an die Laureaten erfolgt alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels.

Danke für das Bild an WikiCommons

Literaturnobelpreis an Herta Müller

Der Nobelpreis für Literatur geht dieses Jahr an Herta Müller, wie am Donnerstag das Nobelpreis-Komitee in Stockholm bekannt gab. Mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa zeichne sie Landschaften der Heimatlosigkeit, so die offizielle Begründung. Wenige Stunden vor der Entscheidung der Schwedischen Akademie war die deutsch-rumänische Schriftstellerin gemeinsam mit dem Israeli Amos Oz bei Buchmachern als Favoritin auf den Sieg gehandelt worden. Müller, dieses Jahr mit ihrem Roman Atemschaukel auch für den Deutschen Buchpreis nominiert (der BiblioBlog berichtete), ist an der Freien Universität keine Unbekannte – 2005 oblag ihr die Heiner-Müller-Gastprofessur.

Herta Müller ist in Rumänien, im deutschsprachigen Banat, als Enkelin eines wohlhabenden Bauern und Kaufmanns aufgewachsen, der unter dem kommunistischen Regime enteignet wurde. Ihre Mutter war zu jahrelanger Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert worden. Ihr Vater, ein früherer SS-Soldat, arbeitete als LKW-Fahrer. Nach einem Germanistikstudium in Rumänien verdiente sich Müller ihren Lebensunterhalt als Übersetzerin und Deutschlehrerin.

Eine erste Veröffentlichung (Niederungen, 1982) fiel der Zensur zum Opfer, später wurde die Autorin mit einem Reise- und Publikationsverbot in Rumänien belegt. Daraufhin übersiedelte Müller 1987 nach Westdeutschland und widmet sich seitdem erfolgreich Erzählungen und Romanen, „in denen Entfremdung, Unterdrückung, Angst und Melancholie eine eigene Sprache“ finden (vgl. Kindlers Literatur-Lexikon). Bereits in der Vergangenheit vielfach ausgezeichnet erhielt Müller unter anderem die Carl-Zuckmayer-Medaille (2002), den Joseph-Breitbach-Preis (2003), den Berliner Literaturpreis (2005) sowie den Würth-Preis für Europäische Literatur (2006). Ende September 2009 wurde der in Berlin lebenden Schriftstellerin die Ehrengabe der Heine-Gesellschaft zuteil.

Die „Nobelpreis-Woche“ ist mit Müllers Sieg (dem achten Erfolg eines deutschen Autors nach der Auszeichnung von Günter Grass im Jahr 1999) noch nicht beendet. Nachdem die Gewinner für die Sparten Medizin/Physiologie, Physik, Chemie und Literatur feststehen, wird am Freitag der Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben. Hoffnungen auf die Auszeichnungen können sich 205 Kandidaten machen – so viele wie nie zuvor. Unter den Nominierten sind u. a. Ingrid Betancourt, Rockstar Bono, die Europäische Union, der chinesische Dissident Hu Jia, Altkanzler Helmut Kohl sowie die amtierenden Regierungschefs von Frankreich, Italien und den USA anzutreffen. Am 12. Oktober wird der Nobelpreis für Wirtschaft, am 14. Oktober schließlich der Alternative Nobelpreis vergeben. Die Preisübergabe an die Laureaten erfolgt alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels.

Im Schatten der Nobelpreise ist gestern mit dem Booker Prize einer der wichtigsten britischen Literaturpreise verliehen worden. Dieser ging an die Britin Hilary Mantel, die in ihrem in den 1520er Jahren angesiedelten Roman Wolf Hall den Aufstieg von Thomas Cromwell nachzeichnet.

Danke für das Bild an Wikipedia!